Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang(925 Dienstag, -en (6. Juni Nummer ^8 Er klagt/dass der Frühling so kortz blüht. Ode Trochaiea. (Aus: Arno Holz, Dafnis, Lyrisches Porträt aus dem 17. Iah» hundert.) Kleine Bluhmen wie aus Glass seh ich gar zu gerne/ durch das tunckel grüne Grass luKen sie wie Sterne. Gelb und rosa / roht und blau / schön sind auch die Weißen; Trittmadam und Himmelstau/ wie sie alle heißen. Kom und gib mir mitten-drrn Küssgens ohnbemessen. Margen sind sie lengst dahin und wir salbst — vergessen! Das Geheimnis des Enthusiasmus. Von Fritz Diettrich. Der Enthusiasmus schmiegt sich um die Hüften des Lebens wie ein prächtiger Mantel. Voll Geheimnis in den Akkorden seiner Farben. Voll Fähigkeit, mit dem sich wandelnden Tempo des Lebens anders zu scheinen und anders zu sein. Voll Fähigkeit, dem Antlitz eines Landes oder Volkes ganz verschieden zu entspringen. Enthusiasmus ist im Auftakt kindlichen Lebens, durchblutet Geschehnisse, zeugt, zerschlägt, fesselt und geht schließlich mit lautem oder leisem Schritt den höchsten Formen menschlichen Seins zu. Enthusiasmus ist eine Hilfsgröße, die wir in unser Leben einsetzen, ist in seinen Formen profan und sakral und war dem inwendigen wie dem äußeren Menschen stets gute Erde. Es gibt zwei Pole des Enthusiasmus, die sich unserer Wahrnehmung deutlich zeigen. Der eine hält alle Herzen wach, die tief in sich eingebettet ein Ziel tragen. Der andere bewegt die Trommel des Augenblicks und zieht rauschhast die Seelen zu sich hin. Der eine Pol ist der kosmische Pol des Enthusiasmus, und was um ihn sich sammelt, ist Träger einer klar artikuliertem! Jnnenschau. Der andere ist der chaotische Pol des Enthusiasmus, und was der zu sich hinzieht, steht im Banne des Rauschhaften, gibt sich grundlos und eindeutig einer suggestiven Kraft hin, die von einer Persönlichkeit oder einem Zeitgeschehen ausgehen kann. In Deutschland ist die Gotik der Gipfel altes Enthusiasmus geworden, eines gigantischen Enthusiasmus, der ein Ziel in sich trug, das so unsagbar unwirklich war, daß die Wirklichkeit mit blanker Waffe dem schöpferischen Willen nur allzuoft entgegen« trat. Aus der Aatur riß der inbrünstige Schöpfergeist die Urform zu seinem Kolossalwerk. Die Fichte mit ihrer rhythmischen Gliederung ist's, die in den Konstruktionen gotischer Türme hundertfach variiert wiederkehrt. Die Herbheit des Äimas. Die ewigen Laugen von Sturm, Regen und Frost überging man, mußte man übergehen. Denn, wo der Deutsche sich mit den 11» fragen der Praxis herumschlägt, geht ihm die Stoßkraft der Idee entzwei. Hier steht er in entschiedenem Gegensatz zur Antike, die aus den klaren, praktischen Forderungen heraus die Idee zu formen begann. Daß die Verwirklichung der gotischen Bauwerke dennoch gelang, verdanken wir nicht zuletzt dem Enthusiasmus, jenem Sturm von Gläubigkeit, den die Kreuz» Mgsbewegung loswirbelte. Mag die politische Klugheit der Romanen der eigentliche Grundstein dieser Unternehmungen gewesen sein, die deutsche Seele rätselte nicht danach und zweifelte nicht an ihrer Gottgewolltheit. Üeberhaupt find die meisten Symptome des zielvollen Enthusiasmus religiöser Art: Der schweigende Enthusiasmus im Totenkult der Aeghpter, der opfernde Enthusiasmus der Griechen, der grausame Enthusiasmus der Kelten. Dem Aeghpter z. D. gibt der Enthusiasmus vorm Antlitz des Todes erst seine ganz charakteristische Prägung. Der kahle Deamtenschädel, dem das ganze Dasein eine einzige Mathematik bedeutet, wird unter diesem Blickwinkel erst sympathisch und kulturmöglich. Wenn auch das Leben des Aeghpters für uns wenig Gefühlsbetonungen und -krönungen besitzt, sein Totenkult, dem alle Adern der Kunst ihr Blut spenden, ist ungeheuer bezwingend. Natürlich ist der chaotische Pol des Enthusiasmus, der ziellose Enthusiasmus, die bei weitem häufigere und augenfälligere Form. Ein paar Tropfen Wein, die flüchtige Schönheit einer Blume, eines Augenblicks, ein rasch heranspielendeS Glück, kurz, fast jedes Ding, das außerhalb unseres Jchs steht und entsteht, wirbelt in uns den Staub des ziellosen Enthusiasmus hoch Denn so herrlich dieser Enthusiasmus auch ist, er ist nicht mehr als Staub, der sich lindernd Wer manchen Schlamm legt Dieser ziellose Enthusiasmus steht groß auf den Standarten der Masse. Ilnheilig und gefährlich! Ohne die Krafthand der Persönlichkeit reibt dieser Enthusiasmus die Masse auf und macht sie in ihrer Führerlosigkeit tragisch Die französische Aevo- lution spie nach Mirabeaus Tode mehr als eine Handvoll Führer aus. Aber ihre Führereigenschaften entkräfteten sich anernaicher, so daß die französische Masse bis zum Aufstieg Napoleons ein einziger Lavastrom von ziellosen Enthusiasmen war. Auch die römische Masse, die sich in den wesentlichsten Punkten nicht von der französischen unterscheidet, ist mit all ihrem chaotischen Enthusiasmus, kulturell gesehen, ein luftleerer Raum. Aber dennoch ein fruchtbarer Raum für aufdämmernde Köpfe! Denn ihre Knetbarfeit verführte nicht die schlechtesten von ihnen zur staatsmännischen Laufbichn. lind wie man Stütze und Peitsch« der Masse wird, haben uns die Äßmer in unverlöschbaren Buchstaben hinterlassen, die uns lehren, wie man ihren Enthusiasmus wachhält, um klug und stark klaren Wert aus ihnen herauszukristallisieren. Dichterehrung. Von Karl Röttger. 3n der Zeitschrift »Niedersachsen" hat Wilhelm Scharrelmann einen Aufsatz veröffentlicht, der sich mit dem Problem der Dichterehrung befaßt. Der Aussatz macht seinem mitfühlenden Herzen Ehre, aber er ist zu bescheiden. Der Staat soll neben der privaten Initiative der Presse, Kritik liier. Gesellschaft für den Dichter eintreten. Und da nun, wie Scharrelmann meint, wir ein »armes Volk" geworden find, solle der Staat erst einmal in der Weise einen Anfang machen, indem er namhafte Werke, die er als wichtig für das Geistesleben der Zeit und des Volkes ansehe, ehrend benenne! Hier ist der Punkt, an dem ich anknüpfen muß, um weite« vorzustvßen. Es ist, im ganzen gesehen, ein eines „Kulturvolkes" unwürdiger Standpunkt, in seinen Reihen unter Umständen Dichter großen Formates (überhaupt Künstler von Wuchs und Rang) sitzen zu haben, und die, um des lieben alltäglichen Brotes willen, noch auf ihre alten Tage in einem „Amt", „Beruf" usw. verschleißen zu lassen. Es ist eines Kulturvolkes unwürdig, feinen Geistern, die ihm „Brot des Lebens" geben, nicht mindestens vom 45. Lebensjahre an ein, wenn auch bescheidenes Dasein zu garantieren... Nachdem wir nahezu zwei Jahre die Inflationszeit hinter uns haben, dürste allmählich auch dem Blindesten Wohl aufgehen, daß, soviel wir auch an internationalen und inneren Verpflichtungen zu leisten haben, wir doch keineswegs so „arm" sind, daß wir das nicht leisten könnten, einer Anzahl von Dichtern, Tonkünstlern, Malern, Bild» hauem, Philosophen ein solches Einkommen zu garantieren, daß sie vom 40. oder 45. Lebensjahr an in Ruhe ihrem eigentlichen Werk nachgehen können. Wenn ein Dichter, Tonkünstler, Maler, Bildhauer, Philosoph nicht gerade einen begüterten Vater hat, oder die Fähigkeit hat, sich ein paar Mäzenaten zu suchen, — dann muß er in einen Brotberuf gehen oder hungern. Was not tut und was von feiten der Künstler, der wertvolleni Dichter, Maler, Bildhauer, Tonkmrstler in Angriff genommen werden muß, das ist die Ausrottung der Unaufrichtigkeit, die da sagt, ein Brotberuf sei durchaus vereinbar und sogar sehr günstig für das Schaffen dieser Menschen. Das ist es auf die Dauer nicht. Es mag sein, daß es für anderthalb Jahrzehnt, oder schließlich zwei Jahrzehnte ertragbar sei. Dann aber befreie ihn fein Voll. Das kömrte es nicht leisten? Ich bitt« doch. Man rechne: kann das deutsche Reich jährlich drei Millionen Mark für einen solchen kulturellen Sonderzweck aufbringen? Die Summe umgelegt auf die preußischen Provinzen und die übrigen Staaten — was kommt da für die Provinz und die Staaten heraus? Gewiß eine kleine Dumme. Nun wohl, mit diesen drei Millionen kann man 500 Menschen solcher „frei schaffenden Berufe" ein Ehrengehalt von 6000 Mark auszahlen, wenn man die Verwaltungskosten solchen Fonds abzieht, dann etwas weniger. Wenn die Stadt Düsseldorf in einem Jahr ein Defizit von nicht ganz zwei Millionen für ihr Stadttheater deckt, dann sollte solches nicht möglich sein? Einöveiviertel Millionen für einen Kunsttempel, der nicht immer Kunst bot in einem Jahr von einer einzigen deutschen Stadt — und feine drei Millionen sind möglich vom ganzen deutschen Volle für die ~ 190 — Schöpfer bedeutender Kunst und Dichterwerke!? Man faßt sich ist die große Frage! Qlmra Jrmh, Metzers Tochter, hatte das Bild von ihrem Vater geerbt, von ihr bekam es ihre Tochter Rosa, die mit dem Basier Bürgermeister Remigius Fesch vermählt war. Fesch verkaufte es 1606 an den Ratsherrn Lu? Jselin um 600 Goldkronen. Jselin starb 1626, und seine Erben verkauften es bald nachher an den Maler und Kunsthändler Michael Le Blond um 1000 Imperialen. Das muß vor 1625 gewesen sein, denn in diesem Jahre sah es der Frankfurter Maler Sandrart schon nicht mehr in Basel. Und jetzt setzt der Wirrwarr ein, denn auf einmal widersprechen sich die Rachrichten der Zeitgenossen. Rach Dr. Fesch hat Le Blond bas Bild 1642 an die Königin von Frankreich. Maria von Medici, verkauft, die damals in Brüssel war. Rach Sandrart hat aber Le Blond das Bild an einen Buchhalter Johann Lössert in Amsterdam um 3000 Gulden verkauft. Es wird von Sandrart so genau geschildert, daß er es selbst bei Lössert gesehen zu haben scheint. And dein Wirrwarr folgt das Wunder! Es sind nun auf einmal zwei Madonnen da! Hat Le Blond gezaubert oder eine Fälschung machen lassen? Das an die Maria von Medici verkaufte scheint das Dresdner Bild gewesen zu sein, denn die einst im Besitze des Dr. Fesch befindlichen, von einem Giovanni Ludi gefertigten Kopien nach dem Kopfe des Knaben und der Anna Jrmh, jetzt im Basler Museum befindlich, sind nach dem Dresdner Bilde gemalt. So muh es also wohl dasjenige sein, bas infolge Konkurses eines Amsterdamer Bankhauses um 1690 nach Venedig kam, sodann dort von Graf Algarotti im Auftrage August des Starken der Familie Delfino im Jahre 1743 abgekauft wurde. Das von Sandrart erwähnte und bei Lössert befindliche, ist dann ohne Zweifel das Darmstädter Bild gewesen. Von Lössert ist es vermutlich an einen gewissen Jacob Crvmhout verkauft, denn es war in dessen Rach- laß, der im Jahre 1709 in Amsterdam versteigert wurde. Die Darmstädter Madonna aber trägt noch heute das Cromhoutsche Wappen auf dem Rahmen. Während der Jahre 1709 bis 1822 herrscht völliges Dunkel über den Aufenthalt unserer Madonna. 1822 bietet es der Pariser Kunsthändler Delähaute, ein Schwager Spontinis, dem Prinzen Wilhelm von Preußen an. Dieser kunstsinnige Fürst erwarb es um 2500 Reichstaler und schenkte es seiner Gattin, Maria Anna, geb. Prinzessin von Hessen-Honrburg, zum Geburtstage. So gelangte es in das Berliner Schloß. Dort ist es bis zum Jahre 1852 verblieben. Aach dem Tode des Prinzen Wilhelm ging es in den Besitz seine« Tochter, der Prinzessin Karl von Hessen über. Aus ihrer Verlassenheit gelangte es bann in den Besitz ihrer Söhne, und schließlich in den des Grohherzogs Ernst Ludwig von Hessen, zu dessen köstlichstem und schönstem Privatbesitz es gehört. Der Schatz. Von Eduard Mörike. f (Fortsetzung.) Er führte seine Mannschaft unverweilt auf den kürzesten Wegen zurück. Sie hatten noch zwei kleine Tagreisen vor sich, da sie an einem Abend in Städklein liegen sahen, wo man zu übernachten dachte. Begegnete ihnen ein Mönch, der betete vor einem Kreuz. „Ei," rief der Graf und hielt: „das ist ja Bruder Florian! Willkommen, frommer Mann! Ihr kommet vom Gebirg herüber?" — „Ja, edler Herr." — „Da habt Ihr doch auf dem Schloß eingekehrt?" — „Für diesmal nicht, Gestrenger, ich hatte Eil'." — „Das ist nicht schön von Euch. And nicht ein Wörtlein hättet Ihr von ungefähr vernommen, wie es dort bei mir steht?" — „Ach Herr," antwortete der Mönch, „die Leute dichten immer viel, wer möchte alles glauben! Begehret nicht, bah Euer Ohr damit beleidigt werde." — Bei solchem Wort erschrak der Löwegilt in seine Seele, _ er nahm den Mönch beiseit, der machte ihm zuletzt eine Eröff- nun von so schlimmer Art, daß man den Grafen laut ausrufen hörte: „Hilf Gott! hilf Gott! hast du die Schande zu- gelassen, so lasse nun auch zu, daß ich sie strafen mag!" And hiermit spornte er sein Roß und ritt, nur von seinem getreuesten Knappen begleitet, die ganze Rächt hindurch, als wenn die Welt an tausend Enden brennte. Frau Jrmel indes glaubte ihren Gemahl noch hundert Meilen weit dem Feinde gegenüber, sonst hätte sie wohl ihre Schwelle noch zu rechter Zeit gesäubert. Seit vielen Wochen nämlich beherbergte sie einen Gast, einen absonderlichen Vogel. Derselbe kam eines Tages auf einer hinkenden Mähre geritten und fragte nach Herrn Veit, seinem sehr guten Freunde. Der Gräfin machte er viel vor: er sei ein Edelmann, landsflüchtig, so und so. Ein Knecht aber vom Schloß raunte den andern gleich ins Ohr, daß er den Käuzen da und dort auf Jahrmärkten gesehen habe, Latwerg und Salben ausschreien. Man warnte die Gräfin, fie hörte nicht darauf: der Bursche Hatte gar zu schöne schwarze Haare, Augen wie Vogelbeer, und singen konnte er wie eine Aachtigall. Er wußte eine Menge welscher Lieder, die Gräfin schlug ihre Harfe dazu und ließ ihn nicht mehr von der Seite. Die Knechte aber und die Mägde unter sich hießen ihn nur den Ritter von Lutwerg. Run saß das feine Paar, so wie gewöhnlich, nach dem Mittagmahl allein im Saal am großen Fenster und schauten unter lustigem Gespräch in die offene Gegend hinaus, wie sie im Hellen Sonnenschein, mit dem Fluh in der Mitte, dalag. Frau Jrmel nahm ihre goldene Kette vom Hals, spielte damit und schlang sie so um ihren Weißen Arm. „Was dünkt Euch, Lieber," sagte sie, „wenn ich ein Kettlein hätte, seht! nicht länger als die kleine Strecke dort, so weit die Sichel im Dogen zwischen den Wiesen längs dem Dörflern läuft? Versteht, ein jedes Glied müßte nicht größer sein, als wie ich hier den Mittelfinger gegen den Daumen krümme, schaut!" „Ei," sagte der Galan, „was Ihr für kurzweilige Einfäll' habt! Das hieß mir ein Geschmeide; hätten zwei Riesen genug dran zu schleppen." „Richt wahr? und nun, was meint Ihr (bas sagte sie aber Herrn Veiten zum Spott, weil er von Hause aus nicht zu den Reichsten gehörte): wenn man dem Löwegilt sein Hab und Gut verkaufte, merkt wohl! nach Abzug dessen, was mein ist, und machte den Plunder zu Gold unö schmiedet' eine Kette draus, wie ich eben gesagt, wie groß schätzt Ihr, daß die ausfallen würde?" — Es lachte der Galan und rief: „Ich wollte schwören, sie reichte just hin, Frau Jrmels Liebe zu Herrn Veit damit zu messen!" — Da klatschte Jrmel lustig in die Hände und fetzte sich dem Ritter auf den Schoß und küßte ihn und ließ sich von ihm herzen. Auf einmal sprach er: „Horcht! mir ist, ich höre jemand im Alkoven; wird doch das Gesinde nicht lauschen?" — „Ihr träumt," sagte die Frau, „er ist verschloffen gegen den Flur. Laßt mich sehen." Aber, indem sie aufstehn will, o Höllenschreck! wer tritt hinter der Glastür vor — Graf Löwegilt, er selber, ihr Gemahl! Die falsche Schlange, schnell bedacht, warf sich mit einem Schrei der Freuden dem Manne um den Hals; er schleuderte fie weg, daß sie im Winkel niederstürzte. Sodann griff seine starke Faust den Buhlen, wie dieser eben auf dem Sprung war, auszureihen, und übergab ihn seinen Knechten zum sicheren Gewahrsam. Jetzt war er mit dem Weib allein. Da stand die arme Sünderin und deckte ihr Gesicht mit beiden Händen; er schaute sie erst lange an, dann nahm er ihr die Kette ab, riß solche mitten voneinander, sprechend: „Also sei es von nun an zwischen uns! And diese Kette hier werde für dich zu einer Zentnerlast, und sollet ihr Gewicht jenseits des Grabs mit Seufzen tragen, bis ihre Enden wiederum zusammenkommen!" Damit warf er die bÄden Stücke durchs offene Fenster hinab in den Fluß. Ich mache kurz, was weiter folgt. Dem säubern Ritter ward ein lustig Sommerhaus gezimmert mit drei Säulen, nicht fern von hier; man nennt's am Galgenforst. Frau Jrmel aber saß jetzt unten in der Burg wohl hinter Schloß und Riegel. Sie bot alles Erdenkliche auf, mit List und Gewalt zu entkommen, sogar wollte sie ihren Beichtvater bestechen, dem sie bekannt, sie hätte, weil sie vom ersten Tag an ihren Mann nicht lieben können, ein großes Anheil, wie nun leider ein- getrVffen, lange vvrausgeseHen und darum beizeiten ihre Zukunst vorgesorgt, indem sie einen Rotpfennig beiseit getan und außerhalb dem Schloß verborgen. Den Wächtern sagte sie: wer ihr zur Freiheit helfe, des Hände würde fie mit Golde füllen. Hierauf machten auch zwei einen Anschlag, sie wurden aber auf der Flucht ergriffen samt der Frau. Am andern Morgen fand man sie in ihrem Kerker tot. Sie hatte eine große silberne Madel, womit sie immer ihre schönen Zöpfe aufzustecken pflegte, sich mitten in das Herz gestochen. Richt lange darauf verließ der Graf das Schloß und die Gegend für immer. Er lebte weit von hier auf einer einsamen Burg, der Hahnenkannn genannt, davon die Trümmer rwch zu sehen sein sollen. Der junge Hugo war der Trost seines Afters. Er zeigte früh die edlen Tugenden und Fähigkeiten, dadurch er nachher als treuer Vasall und tüchtiger Kriegs- mann in Hohe Gnaden bei dem Kaiser kam. Geschlecht und Rame der von Löwegilt ward nach unö nach zu den berühmtesten gezählt in deutschen Landen; es kam ja das Herzogtum Astern an sie, daher sie auch den Ramen führen, und, wie Euch wohl bekannt sein wird, die schöne Prinzessin Aurora, die unser König noch dies Jahr heimführt, ist eine Tochter des jetzt regierenden Herzogs Ernst Löwegilt von Astern." „Was?" rief ich voll Erstaunen, „hier also, dieses Schloß wäre das Stammschloß der von Astern? und jene Jrmel eine Ahnstau der Prinzeß?" „Richt anders! Warum fällt Euch dies so auf? „And hat das seine Richtigkeit, daß diese Jrmel noch MS auf den heutigen Tag — nun, Ihr verficht mich schon — . Josephe nickte ja, indem fie sich ein wemg an ntetnem Schreck zu weiden schien Wir schwiegen beide eine ganze Werle, und allerlei Gedarcken sttegen in mir auf. „Aber," so fing ich, unwillkürlich leiser sprühend, wieder am: „auf welche Art «wfcheint sie denn? und wo?" Mit einer unbegreiflichen Ruhe, doch ernsthaft wie kultig, versetzte das Mädchen: - / — 192 -ä. NpSoS fönt Euch ein! Ihr meint also, daß so ein armer Geilt weiter — Verantwortlich: 3. ®.: Chrhard Evers. !Dtu^.etter v^etzte id> dringend. „Bedenken Sie, /D viele hundert Klafter lang, die wächst doch nicht von selbst so fort, das braucht Dukaten, fremdes Gold!" ms 's^aucht's nicht! Was Ihr doch närrisch seid! Der ganze Plunder wiegt fein Quentlein unseres Gewichts!" 9 »Wie? also alles eitel Schein und Dunst?" „Bichts anderes." Ich sah das Abgeschmackte meines Argwohns ein, allein ich wußte nicht, ob ich mich freuen oder grämen sollte. Denn wenn mich vorhin der Gedanke mit einem freudigen Schrecken ergriff, daß ich vielleicht nur wenig Schritte von meinen Dukaten entfernt fein möge, so schwand mir die Hoffnung, dieselben jemals wieder zu erblicken, mm abermals in ein« ungewisse Ferne. Was aber den Amstand anbelangt, daß ich als ein Verirrter meine Zuflucht hier, gerade hier in dem verhängnisvollen Ahnenschlvsse der Herzoge von Astern finden muhte, nachdem ich in der Absicht ausgereist war, ein Geschäft zu besorgen, welches unmittelbar mit der Verherrlichung von Jrmels Enkelin, künftig der ersten gekrönten Königin aus diesem Stamm, zusammenhing, und das auf eine so höchst rätselhafte Art gestört werden sollte — dahinter schien doch wahrlich mehr Äs ein bloßer Zufall zu stecken, es mußte eine höhere Hand im Spiele sein, und fester als jemals war ich entschlossen, ihr alles mit der vollsten^ Zuversicht zu Werlassen, mich, ihres - - , weiteren Winkes gewärtig, jeder eigenen Geschäftigkeit und fchwere Kette. Elle um Elle zog sie herein in den Kahn, und I Sorge zu entschlagen, ' m0 dabei klirrt' und klang es jedesmal im Biedersallen so natürlich. I „Mein Freund wird mir so still “ fragte Josephe Ich Äs nur etwas fein kann. So ging eS lange fort, es war kaum ] dächte, wir gingen ein wenig und schöpften draußen frische'Lust? Ich war bereit, denn dies fehlte mir wirklich > Die erquickende Kühle wirkte auch sogleich auf meinen verdüsterten <5hm. Wir gingen langsam auf den breiten Platten vor dem Hause auf und nieder, während die Schöne noch stets mit ihrem sonderbaren grünen Gestricke beschäftigt blieb. Wir bogen rechts ums Schlößchen und blickten in das stille Sicheltal, am liebsten aber wandte man doch immer wieder nach der andern Seite zurück, wo man über die niedrige Schuhmauer weg am Abgrund des Felsen die köstliche AnS- sicht auf das tiefliegende Land und näher dann am Dera heraus den Anblick eines Teils vom Dorf genoß. Dort haftete mein Auge zwar ost unwillkürlich auf dem berüchtigten Flüßchen das, hinter dem Schloß vorkommend, sich weit in die Land» schuft schlangelnd verlor; allein ich drängte mit Gewalt alle unerfreulichen Bilder zurück. Die Gegenwart des unwiderstehllchen Mädchens begeistette mich zu einer Art von unschuldigem Leichtsinn und kecker Sicher- heft; ich hatte ein Gefühl, tote wenn mich unter ihrem Schutz nichts Widriges noch Feindliches anlasten dürfte. Die Sonne trat soeben hinter grauen und hochgelben Wolken hervor sie beglänzte die herrliche Gegend, das alte Gemäuer, ach, und vor allem das frische Gesicht meiner Freundin! „Erzählt mir was aus Eurem Leben, von Eurer Wanderschaft und Abenteuern; nichts hört sich luftiger als Reisen, toenn man's nicht selbst mitmachen kann." Es stylte wenig, daß ich ihr nicht auf der Stelle mein ganzes übervolles Herz eröffnete; jedoch, um ungefähr zu prüfen, wohl mit dem ihren stehe, fing ich in hoffnungsvollem Liebesubermut verschiedenes von Frauengunst zu schwadronieren an und wußte mich als einen auf diesem edlen Felde fchon ganz erfahrenen Gesellen auszulassen. Das Mädchen lächelte bei diesem allen getrost und still in sich hinein. „And nun, mein Kind," sagt' ich zuletzt, „wie denkt denn ''(tf in Eurer Einsamkeit hier oben von diesem bösen Männer- volk? Kw" f^gte ich nach einigem Besinnen weiter — iXÄÄ nSSr” *"*" •*“**'■ ">tI sagt es Hättet Ihr Lust, ihn zu losen?" I £S. Mi» Anmöglichke