Gießener Milienblatter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang 1925 Samstag, ^rn 16. Mai, Nummer 39 Mond. Don Georg Hehm. Den blutrot dort der Horizont gebiert, Der aus der Holle großen Schlünden steigt, Sein Purpurhaupt mit Wolken schwarz verziert, Wie um der Götter Stirn Akanthus schweigt. Er setzt den großen goldnen Fuß voran ülnd spannt die breite Brust wie ein Athlet, Ülnd wie ein Partherfürst zieht er bergan, Der Schläfe goldenes Gelock umweht. Hoch über Sardes und der schwarzen Macht, Auf Silbertürmen und der Zinnen Meer, Wo mit Posaunen schon der Wächter wacht, Der ruft vom Pontos bald den Morgen her. Zu seinem Fuße schlummert Asia weit Im blauen Schatten, unterm Ararat, Das Schneehaupt schimmert durch die Einsamkeit, Bis wo Arabia in das weiche Bad Der Meere mit den weihen Füßen steigt Ülnd fern im Süden, wie ein großer Schwan, Sein Haupt der Sirius auf die Wasser neigt, jlnb singend schwimmt hinab den Ozean. Mit großen Drücken, blau wie blanker Stahl. Mit Mauern, weih wie Marmor, ruhet aus Die große Ninive im schwarzen Tal, ■ilnö wenig Fackeln werfen noch hinaus Ihr Licht, wie Speere weit, wo dunkel braust Der Euphrat, der sein Haupt in Wüsten taucht. Die Susa ruht, um ihre Stirne saust Ein Schwarm von Träumen, die vom Wein noch raucht, Hoch auf der Kuppel, auf dem dunklen Strom Belauscht allein der bösen Sterne Dahn Sn weißem Faltenkleid ein Astronom, Der neigt sein Szepter dem Aldebaran, Der mit dem Monde kämpft um weißen Glanz, Wo ewig strahlt die Dacht und ferne stehn Am Wüstenvand im blauen Lichte ganz Einsame Brunnen und die Winde Wehn, Oelwälder fern um leere Tempel lind, Sin See von Silber, und in schmaler Schlucht Uralter Berge tief im Grunde rinnt Ein Wasser sanft um dunkler üllmen Bucht. Die Bürger von Dirano. Don Kl ab und. Dirano wollen wir einen kleinen, in einem Seitental des Kantons Tessin gelegenen Ort nennen, der dadurch bekannt oder vielmehr berüchtigt ist, daß er seine ärmlichen Finanzen durch allzu freigebige Ausstellung von Schweizerbürgerbriefen auf-- zupulvern pflegt. Denn das Schweizerbürgerrecht ist sehr begehrt, mit einem Schweizer Pah kommt ein Halunke leicht in der Welt herum und auf seine Kosten, und darum scheut er nicht einige blaue oder Braune Lappen, um in die Gemeinschaft der Eidgenossen, der Dachfahren Winkelrieds und Teils aufgenvmmen zu werden. Sn Dirano also gab es eines Tages eine große Aufregung. Zigeuner waren in dem gottverlassenen Nest eingetroffen und hatten auf dem Dorfplatz, gerade vor dem Standbild einer buntangestrichenen, gipsernen Madonna ihre Wagenburg errichtet. Es waren Zigeuner nicht gerade von der allerfeinsten Sorte: Derwegene Burschen und Männer, die schon allerlei auf dem Kerbholz hatten. Sie führten ein zwar sehr schmutziges, aber ungewöhnlich hübsches Mädchen bei sich, dem die jungen Burschen Von Dirano alsbald nachstellten. Eines Abends kam es infolgedessen zu einer Prügelei und Messerstecherei zwischen Zigeunern Und Diranesern, und um ein Haar wäre der Sohn des Sindaeo erstochen worden. Am nächsten Morgen hatte der Amtsdiener e Zigeunern höflich, aber bestimmt zu erklären, daß ihres bens in einem friedlichen Ort wie Dirano nicht länger sei. e ihrer heftigen und kriegerischen Gemütsart mögen sich, tnit Berlaub zu sagen, dorthin scheren, wo der Pfeffer wächst, and sie mögen nicht verabsäumen, vor allen Dingen Dirano von dem kleinen schwarzen, weiblichen Teufel zu befreien, der in der kurzen Zeit seines Hierseins schon so viel Unheil in der Herrenwelt Diranos angerichtet habe. — Wie erstaunte der wackere Hüter der Belange Mranos, als der Zigeuner Oberster und des Mädchens Baier sich in die behaarte Brust warf und in einem schlecht stilisierten und falsch ausgesprochenen Italienisch sich pathetisch als Bürger von Dirano bekannte! ülnd in der Tat: Er war es. Er hatte das Gemeindebürgerrecht schon vor einigen Jahren gegen Nachnahme von der Gemeinde Dirano rechtens erworben. „Wahrlich," so sprach er, salbungsvoll wie ein anglikanischer Sonntagsprediger, „wollt ihr uns von der teuer erworbenen Heimaterde verstoßen, mich, euren Landsmann, und Nadja, eure Landsmännin? Das Gesetz gibt euch kein Recht zu solchem Tua." — Der Amisdiener war sprachlos, prüfte die Papiere — sie stimmten. Auch der Sindaeo wußte nichts Stichhaltiges zu erwidern. Es blieb den Leuten von Dirano nichts anderes übrig, als, um die Zigeuner loszuwerden, das Bürgerrecht von ihnen zurückzukaufen — zu einem erheblich höheren Preise, versteht sich, als den, den die Zigeuner dafür angelegt hatten. Die Nibelungensage und unsere hessische Heimat. Don Hans Otto Decker. In der Sage werden Nibelungen und Durgunder identifiziert, wir finden dm eigentümliche Erscheinung, daß im zweiten Teil des Nibelungenliedes der Name Nibelungen auf die Burgunder übergeht. Nibelungen bedeutet die Bewohner Nlfelheims, des Nebellandes, bedeutet die Zwerge, deren Kunst den Nibelungenhort geschaffen hat, Siegfrieds Gewinn von dem erschlagenen Alberich feine Morgengabe an Kmemhilde. Als nach dem Tode Siegfrieds seine Witwe mit dem Golde des Hortes sich Freunde werben will, mit deren Hilfe sie den Mord rächen möchte, versenkt Hagen den Schatz zu „Loche" in den Rhein. Dieses Loche ist der Ort Lochheim am Rhein. Worms, der Sitz der Durgunder- könige, ist die alte Stadt am Rhein, die den kelttsch-rörnischen Namen Borbetomagus führte und wohl die Stadt der historischen Durgunderkönige war. Die Burgunder, oder besser Burgundionen, find ein deutscher Stamm, der vor der Dölkerwanderung an der Oder und Weichsel sah, aber schon im 3. Jahrhundert nach Westen wanderte. Sie versuchten, über den Rhein nach Gallien einzudringen, wurden aber von den römischen Kaisern Probus und Maximianus zurückgeworfen. Sie mußten sich hinter den Sitzen der Alemannen, die damals schon im Besitz des römischen Dein» matenlandes auf der rechten Seite des Rheines bis zum Neckar waren, ansiedeln, und so wohnten sie bis zum Ende des 4. Jahrhunderts im oberen Maingebiet, lebten in guten Beziehungen zu den Römern und halfen diesen, die Alemannen in Schach zu halten, ülm 370 brachen 80 000 Burgundionen an den Rhein und an die Mainmündung vor, wo ihnen die Alemannen weichen mußten. Im Jahre 406 kam von Osten her eine gewaltige Dölker- welle, aus Vandalen, Sueven und Alanen bestehend, aus ihrer Heimat von den Hunnen verdrängt, an den Rhein gebraust und riß die Burgundionen mit sich über den Strom nach Galüen hinüber. Diese römische Provinz verteidigte damals der älsurpator Constantin kraftvoll gegen die Eindringlinge, aber er selbst,wurde von dem rechtmäßigen Kaiser Honorius bekämpft; während diese beiden Römer miteinander stritten, suchte der Durgunder- könig sich und seinem Volke eine neue Heimat in der „Germania prima" zu schaffen. Dieser König hieß Gundahari, der griechische Schriftsteller Olhmpiodor nennt ihn Ghntiarius. In Mainz rief er gemeinsam mit dem Alanenhäuptling Goar 411 den Gallier Jovinus zum Kaiser ans, der aber 413 zu Dalnre gefangen und hingerichtet wurde. Der römische Feldherr Gon- stantius, der Gallien verwaltete, suchte nun die Burgundionen als Freunde und Verteidiger der Grenze zu gewinnen, rmd so wurde ein Teil des Volkes auf dem linken Rheinufer auf Grund der „hospitalitas" angesiedelt. Wie auch anderwärts in lener Zeit, wurde der Germane als hospes (euphemistisch Gast freund genannt) in die Häuser der Bewohner einquartiert und erhielt von ihnen einen bestimmten Teil des Felderttages. Em solches Verhältnis mußte natürlich, da der hospes sich als Herr, suhlte, zur Auflösung des StaatsverbandeS führen. Die linksrheinischen Burgundionen wurden Christen, während die rechtsrheinischen Heiden blieben. ~ 154 — Der Name des Königs Gundahari erinnert nun sofort an den König Gunther des Nibelungenliedes: sprachlich ist er auch derselbe. Aber auch die Namen der uns aus der Sage be- kannten Burgunderkönige Gibich und Giselher finden wir in den geschichtlichen Namen Gibicho und Gislahari, wieder: alle drei finden wir in dem von König Gundobad kodifizierten Dolksrechi der Burgunder, der „lex Burgundionum". Der König Gunther des Nibelungenliedes hat also wirklich gelebt, sein Reich umfaßte das Land links und rechts des Rheins, den südlichen Odenwald zwischen Neckar und Main. Noch im Lahre 795 ist die Erinnerung an die Burgunöenherrschaft im Odenwald lebendig in der Grenzbeschreibung der Heppenheimer Mark, in der ein zu Hiltersklingen im Marbachtal gehöriger Distrikt „Burgundhart" aufgeführt wird und ebenso der bei Hiltersklingen und Hüttental befindliche „Lindbrunnen" oder „Lindelbrunnen" genannt wird, an den die Äeberlieferung den Tod Siegfrieds verlegt. Mer noch mehr: Der geschichtliche König Gundahari wurde wie der König Gunther der Nibelungensage von den Hunnen mit seinem ganzen Hause und Volk erschlagen. Der Kern des Nibelungenliedes ist also historisch. Der Untergang der Dur- gundionen durch die Hunnen fällt nun nicht in das Lahr des großen Hunnensturmes 461, der auf den Katalaunischen Feldern in Gallien am Widerstand der Römer und Westgoten unter dem' römischen Feldherrn Astius sich brach, sondern schon in das Lahr 436. Zuvor hatte König Gundahari den Versuch gemacht, seine Herrschaft in Gallien zu erweitern, aber er unterlag dem römischen Patricius Astius, der in Gallien regierte, die Riquarier niedergeworfen hatte und auch später über die Hunnen Attilas Herr wurde. Diesem begabten, kraftvollen Römer, der in der Zeit der Auflösung des Reiches noch einmal an einen Feldherrn der alten republikanischen Tugenden erinnert, war der Burgunderkönig nicht gewachsen. Er verlor 20 000 feiner Krieger, muhte um Frieden bitten, und von diesem Schlag entscheidend geschwächt, erlag er dann den Hunnen. Dunkel ist aber, wo und wie dies geschah. Jedenfalls war es nicht die Macht Attilas, des Königs Etzel des Nibelungenliedes, die den Durgunder- könig vernichtete: vielleicht aber waren es im Solde des Astius stehende humanische Hilfsvölker, vielleicht von Astius selbst gegen die Durgundionen aufgehetzt. Es liegt deshalb nahe, in König Etzel nicht den historischen König Attila, sondern den Astius zu suchen. Ob die Burgundionen, wie ja die Sage erzählt, bei einem freundschaftlichen Besuche von den Hunnen erschlagen wurden, das ist ebenso wenig festzustellen wie der Ort, wo dies geschah. Wohl haben wir im Odenwald noch Erinnerungen an die Hunnen — Heunesäulen bei Miltenberg, Hennen- schüssel unweit des Engelsbergs —, aber daraus darf nicht der Schluß gezogen werden, daß am Main das Ereignis stattfand. So viel steht aber fest, daß die feige Ermordung Änes deutschen Heldengeschlechts in der deutschen Sage die einzige Tat ist, die von Etzel und seinen Hunnen berichtet wird. Haben wir damit die geschichtlichen Beziehungen der Burgunder zu unserer hessischen Heimat behandelt, so soll noch die geographische Beziehung des Nibelungenliedes zum Odenwald berührt werden. Bekanntlich verlegt die Dichtung den Schauplatz von Siegfrieds Tod in den Odenwald, wohin die Burgunderrecken zur Jagd ausziehen. Die Volksüberlieferung kennt nun zwei Stätten int Odenwald, da Siegfried erschlagen wurde, den Lindelbrunnen oder Siegfriedsbrunnen bei Hüttental (ober Hiltersklingen) und den Siegfriedsbrunnen bei Gras-Ellenbach. Lieber die „Berechtigung" des einen ober des anderen Brunnens ist schon viel geredet worden. Vernünftigerweise kann man die Frage nur dahin stellen: Hat der Dichter des Nibelungenliedes die Odenwaldlandschaft gekannt und bte eine ober aber die andere Stätte in der 16. Aventirme »Wie Siegfried erschlagen ward" geschildert? Der Dichter des Liedes ist nach den scharfsinnigen Forschungen des hessischen Archtvdirektors Dieterich mit größter Wahrscheinlichkeit der Abt von Lorsch, Sigehart von Schauenburg, dem sehr wohl der Odenwald bekannt gewesen sein mag. Es ist aber auch möglich, daß die landschaftliche Schilderung nicht vom Dichter des Epos selbst stammt, sondern von einem Sänger, der das Lied vortrug und aus Eigenem etwas dazu dichtete. Die landschaftliche Schil- derung von Siegfrieds Todesstätte ist nun ziemlich allgemein gehalten und kann daher auf die verschiedensten Stellen der Natur passen: verwundern darf uns das nicht, da die Literatur lener Zeit eingehende Natur- und Landschaftsschikderungen, wie wir sie gewöhnt sind, noch gar nicht kennt, aus dem einfachen Grunde, weil bei dem Menschen des Mittelalters das Naturempfinden noch sehr wenig entwickelt ist. Wenn wir uns fragen, toeldjer der beiden Siegfriedsbrunnen den Vorzug verdient, und wese Frage nach der Lanöschaftsschilderung im 16. Gesang des Jtibelungenhebe« beantworten, so kann nur der Lindelbrunnen bet Huttental-Hiltersklingen in Betracht kommen: nur hier haben Kir ben „schönen Anger", den Wiesengrund des Marbachtals, durch dessen Gras die Helden den Wettlauf zur Quelle im Walde unternehmen. Der Anger fehlt bet dem Siegfrieds- orunnenvon Gras-Ellenbach vollständig, denn dieser liegt auf Bergeshohe am Nordabhang des Spessartkopfes, und es ist im JCtbelungenlteb feine Rede davon, daß der Wettlauf den Berg ? n% ^m Spessartkopf will man den „Spessart finden, in den Hagen, wie feine Entschuldigung lautet, den Wem sandte, und will gerade aus der großen Nähe des SiegfriedsbrunnenS beim Spessartkopf schließen, daß der Brunnen von Gras-Ellenbach nicht der „richtige" sei, und aus der weiteren Entfernung des Lindelbrunnens bei Hüttental vom Spessartkopf schließen, daß der letztere allein in Betracht komme. M;t diesem Beweis ist aber kaum etwas anzufangen, denn wer verbürgt uns, daß der Spessartkopf im Mittelalter bereits diese Bezeichnung führte? Es liegt doch viel näher, an das Gebirge jenseits des Mains zu denken, das im Mittelalter als Spechts- hard wohl bekannt war. Weiter ist aber noch eine Frage, und zwar eine sehr schwerwiegende, nicht zu beantworten: Seit wann bezeichnet die Volksüberlieferung den einen oder den anderen Brunnen als Siegfriedsbrunnen? Ob die Aeberlieferung über das 19. Jahrhundert zurückgeht, wissen wir nicht! Ganz im Stich läßt uns auch dabei die hessische Volkssage. I. C. Wolf, der die hessischen Sagen gesammelt hat, berichtet uns vom Siegfriedsbrunnen: „Derselbe liegt bei Hiltersklingen und (so!) Gras-Ellenbach im Odenwald, und an ihm sollen zwei Männer einander erschlagen haben. Die Hirtenknaben gingen nicht gern um die Mittagsstunde in der Nähe des Brunnens, denn sie sagten, alsdann erscheine dort der Siegfried, und der habe Hörner auf dem Kopfe wie der leibhaftige Teufel". Man sieht, daß hier ja noch eine Erinnerung an den „gehörnten" Siegfried besteht, aber aus der vom Blut des Drachen stammenden Hornhaut sind Teufelshömer geworden, und von dem Helden unseres Nationalepos, von dem altnordischen Frühlingsgott, ist nichts übrig geblieben: er ist in sein Gegenteil, die Teufelsfratze, verkehrt, ein Vorgang, den wir in unserer deutschen Mythologie unter christlich-mönchischer Beihilfe ja öfters finden. Nun hat vor wenigen Jahren der verstorbene hessische Geh. Staatsrat Dr. Wilbrand eine neue Theorie vom Siegfriedsbrunnen aufgestellt, der auch Archivdirektor Dieterich in feinem Buch „Der Dichter des Nibelungenliedes" sich anschließt. Der Schauplatz der Jagd und des Todes Siegfrieds soll im Ried, zwischen Rhein und Bergstraße, liegen. Dieterich nimmt etwas abweichend von Wilbrand an, daß die Jagd hier begonnen habe, um sich dann zur Bergstraße und zum Odenwald zu ziehen. Er findet den Spessart des Nibelungenliedes in einer Nurbezeichnung „Spessart" bei Seeheim an der Bergstraße und hat auch einen „Seiffertsgründ" (— Siegfriedsgrund) in der Auer- oacher Beforchung von 1567 ausfindig gemacht, aber er bedauert auch, nicht beweisen zu können, daß die beiden Bezeichnungen schon im 12. Jahrhundert gebräuchlich waren. Wenn nun Wilbrand und Dieterich den Siegfriedsbrunnen im Lorscher Wald Bgto. an der Bergstraße finden, so besteht das Bedenken, daß die Gegend nicht, am wenigsten das Ried, zum Odenwald gehört. Die Bergstraße und die angrenzenden Teile des Gebirges werden erst in jüngster Zeit zum Odenwald gerechnet. Noch im 16. Jahrhundert (im Bauernkrieg!) ist Odenwald das Gebiet zwischen Neckar, Main, Mümling, also der südliche und östliche Teil des Gebirges, und wir können gerade noch das Marbachtal hinzurechnen, das unmittelbar in das Mümlingtal mündet. Die Jagd der Burgunden wird doch ausdrücklich in den Odenwald verlegt. Eine andere Version der Sage nennt freilich den Wasgenwalö, worunter man die Vogesen versteht, allein Dieterich sieht diesen „Wasenwald" in dem Sumpfwald des Rieds. In der zweitletzten Strophe des 16. Gesangs nennt der Dichter nochmals den Ort des Todes: Vom Drunnguell, wo Herr Hagen Den edlen Siegfried schlug, Will ich die rechte Märe Euch künden auch mit Fug: Ein Dorf beim Odenwalde Das heißet Oden heim, Dort fließt noch heut der Brunnen, Es kann fein Zweifel sein. Das mhst erlöse Doorf Odenheim hat auch viel Kopfzerbrechen verursacht: man sucht es in Edigheim in der Pfalz oder in Odenheim bei Bruchsal. Dieterich stellt die geistreiche Hypothese mnes „Aotenhain" (= Hain der Königin Ate) auf, das er im Steö zwischen Worms und Odenwald sucht. Stammt aber di« Strophe mit dem Dorf Odenheim, die nur in einer Handschrift des Nibelungenliedes vorkommt, vom Dichter des LiedeS oder von einem Schreiber? And macht sie nicht den Eindruck einer gewollten Mystifikation? Sollte nicht der Ortsname Odenheim nur eine Schöpfung der Phantasie fein? Diefe Fragen haben sich mir immer wieder ausgedrängt. Ach bin am Schluß. Zweifellos wird jetzt durch den Nibe- llmgensilm in unserem Volke das Lntereffe an der deutschen Heldensage lebendig. Darum geht einmal hinaus in unseren Odenwald, in das Burgunderland, und lauscht am Lindelbrunnen dem Murmeln des Wassers, dem Gang der Waldvögel und dem Rauschen des Waldes und laßt dann die Gestalten unserer Heldmisage vor euerem geistigen Auge lebendig werden. Oder seht drüben am Siegfriedsbrunnen beim Spessartkopf das 1851 errichtete Kreuz mit der Strophe aus dem Nibelungenlied: »Da der Herr« Siegfried aus dem Brunnen trank, Er schoß ihn durch das Kreuze, Daß vvn der Wunde sprang A Das Mut ihm von dem Stetgen fast an Hagens Kleid. 1 So große Missetat ein Heide nimmermehr beging." ,..j\ — 168 — Lind denkt daran, datz das Geschick unseres Nationalhelden Siegfried auch das Geschick des deutschen Volles ist: auch unser Volk fiel der Neidingstat zum Opfer. Aber Siegfrieds Geist lebt noch durch die Jahrhunderte und Jahrtausende, sein sonniges, fröhliches Heldentum wird über Lücke und Feigheit und Gewalt doch dereinst noch siegen. Die Eroberung des Nordpols. Von Dr. Heinrich Winterberg. Der Entdecker des Südpols, Roald Amundsen, ist eben im Begriff, auf Spitzbergen die letzten Vorbereitungen für seinen Flug zum Nordpol zu treffen. Lind es ist unbestritten, datz dieses kühne Unternehmen eine Weltsensation ersten Ranges bedeutet. Bereits im Sommer vorigen Jahres sollte, wie vielleicht erinnerlich, der Rordpolflug stattfinden: er mutzte jedoch unterbleiben, weil sich in der Liderung der Motoren durch eine italienische Firma aus finanziellen Gründen Schwierigkeiten und Verzögerungen ergaben. Inzwischen hat Amundsen, nachdem ein amerikanischer Mäcen die finanziellen Mittel bereitgeflellt hat, in aller Stille alle Vorarbeiten erledigt und bald werden seine Flugzeuge startbereit sein. Amundsen ist übrigens nicht der einzige, der nach dem Nordpol strebt. Es sind für dieses Jahr mehrere andere Nordpoi- unternehmungen geplant. So will der aus Vritisch-Kolumbien stammende Nordpolfahrer Grettier Alparson, der bereits zwei derartige Forschungsreisen unternommen hat, im Mal ds. Js. mit einem besonders für diesen Zweck ausgerüsteten Hertngs- dampfer aufbrechen. Alparson hat die Absicht, mit dem Schiff so weit wie möglich nach Norden vorzustotzen und will dann die letzten 600 Meilen bis zum Pol mit einem besonders konstruierten Flugzeug zurücklegen. .Unter" den Teilnehmern an dieser Fahrt befindet fich auch der Kapitän Worthley, ein Mitglied der Shakleton-Expedition nach dem Südlichen Eismeer. Eine andere Nordpolfahrt ist von dem französischen Polarforscher de Payer geplant, der sich dabei die Unterstützung des norwegischen Forschers Dr. Sverdrup gesichert hat und mit französischem Geld finanziert ist. Die Expedition, deren Dauer auf ein volles Jahr berechnet ist und in den nächsten Monaten aufbrechen soll, wird auf Franz-Josephs-Land überwintern und durch eine Radiostation in ständiger Verbindung mit Paris bleiben. Von Franz-Josephs-Land soll barm im nächsten Jahr mit einem Flugzeug der Vorstotz zum Nordpol unternommen werden Die vierte Expedition in diesem Jahr ist von dem amerikanischen Kapitän Bartlett beabsichtigt, der seinerzeit der Kommandant der „Roosevelt" war, als Pearh den (allerdings mißglückten) Versuch unternahm, den Nordpol zu entdecken. Bartlett will mit dem Treibeis, und zwar von der Bering- stratze aus, den Nordpol ansteuern und dann an Spitzbergen und Grönland vorbei an der Nordküste von Norwegen landen. Die Expedition, auf der gleichfalls Flugzeuge mitgeführt werden, ist auf drei Jahre berechnet. Schließlich muh noch eine von Japan geplante Nordpolfahrt erwähnt werden, die unter Leitung des Norwegers Haakon H. Hammer steht, der früher als Leutnant an Amundsens Polarreisen beteiligt war und zweifellos als ein vorzüglicher Kenner der Arktis anzusprechen ist. Hammers Aufgabe ist, die Distanz Europa-Japan (5000 englische Meilen) in 50 Stunden zu durchfliegen. Es handelt sich bei dieser Ueberquerung des Nordpols nicht um die Lösung wissenschaftlicher Aufgaben, sondern lediglich um ein verkehrstechnisches Problem, an dessen Lösung Japan selbst interessiert ist, was schon daraus deutlich erkennbar ist, datz das japanische Verkehrsministerium sowie die Militär- und Marinebehörden dem Piloten Hammer die weitestgehende Unterstützung zugesichert haben. Der Flug wird in folgenden drei Etappen zurückgelegt: erste Etappe London-Spitzbergen (etwa 1400 englische Meilen), zweite Etappe Spitzbergen-Nord- Pol-Alaska (1800 Meilen), dritte Etappe Alaska-Tokio (1600 Meilen). Der Flug wird mit einem Dornier-Metallflugzeug (370 P.S.) ausgeführt, das einen Aktionsradius von 3000 Meilen besitzt und in Spitzbergen und Alaska mit neuem Brennstoff versorgt wird. Der Start soll im Juni erfolgen. Das sind die fünf Nordpol-Expeditionen, die für dieses Jahr vorbereitet werden und gewtssermatzeir eine grotzangelegte Offensive erkennen lassen. Im Hintergrund steht allerdings noch ein Zeppelinflug nach dem Nordpol unter Leitung des bekannten Luftschiffkommandanten Bruns, woran auch der berühmte Nord» Ärer Frithof Nansen fich beteiligen will. Jedoch werden, c Bau des Rissenkreuzers (der mindestens 150 000 Kubikmeter fassen und 100 Stunden Flugdauer haben soll) noch etwa zwei Jahre vergehen, bis dieses grotzangelegte Unternehmen ins Werk gesetzt werden kann, zu dessen Finanzierung ein intereuropäisches Konsortium gebildet werden soll. Die finanzielle Grundlage — es handelt sich dabei um etwa 10 Millionen Golömark — darf schon jetzt als gesichert gelten, so datz alle Kräfte sich nunmehr der technischen Durchführung zuwenden können. Das Hauptinteresse der gesamten Kulturwelt richtet sich vorerst auf die Expedition Amundsens. Zwei Jahre hindurch hat Amundsen der Vorbereitung feines Fluges widmen können. besonderer Wetterdienst ist eingerichtet worben, der von zwei hervorragenden norwegischen Meteorologen überwacht wird. An der Expedition sollen 11 Personen teilnehmen. Es ist beabsichtigt, von einem nördlichen Punkt von Spitzbergen mit zwei Flugzeugen zu starten, um in etwa 7—8 Flugstunden deft Pol zu erreichen, wo eine kurze Landung erfolgt. Dort sott von der einen Maschine Oel und Benzin aus die andere Maschine übernommen werden, die hieraus die Endstrecke nach Alaska (21 Stunden) durchfliegt, während bas erste Flugzeug nach Spitzbergen zurückkehrt. Trotz sorgfältiger Vorbereitungen und vorsichtigster Berücksichtigung aller Möglichkeiten bleibt dieses kühne Unternehmen von größten Gefahren bedroht. Der geringste Zwischenfall, ein Keines Versehen kann über Leben und Tod entscheiden. Die Arktis hat bereits viele Opfer gefordert. Man denke nur an den Schweden Andree, der am 11. Juni 1897 mit zwei Begleitern in einem Fesselballon von Spitzbergen aufstieg, um sich von der Luftströmung über den Pol nach Alaska oder Nordsibirien treiben zu lassen. Es war eine Todesfahrt. Man hat nie mehr etwas von ihnen gehört. Gewiß ist es für den Menschen unserer Tage verlockend, auch dieses letzte geographische Problem der Erde zu lösen. Und die Technik ist durchaus in der Lage, polfähige Flugzeuge zu bauen, mit denen man in soviel Stunden in die Arktis eindringen kann, als man früher mit dem Hundeschlitten Monate brauchte. Die Erreichung des Nordpols ist für viele eine reine Entdecker- oder Rekordfrage, während der Wissenschaft durchaus nicht so viel an der Auffindung des geographischen Pols liegt, als vielmehr an der Erforschung der in dieser Erdzvne liegenden Gebiete. Nansen, der 1895 bis über den 86. Grad (86 Grad 12 Min.) vordrang, konnte feststellen, datz der Nordpol ein vereistes Meer darstellt. Dieses Polarmeer umfaßt rund 4 Millionen Quadratkilometer. Pearh hat später (was die Feststellung Nansens ergänzt) die Jnselnatur Grönlands nachge- toiefen. Alle diese Feststellungen bedeuten erst einen sehr bescheidenen Anfang unserer Kenntnis des nördlichen Polargebietes, und es ist begreiflich, daß besonders die wissenschaftllche Welt an der Eroberung des Nordpols und an der flugtechnischen Erschließung der arktischen Zone den lebhaftesten Anteil nimmt. Freilich wird bet diesen Forschungsarbeiten weniger das Flugzeug, als vielmehr das Luftschiff in Betracht kommen, das, im Gegensatz zum Flugzeug, mehrere Tage unterwegs sein kann und außerdem einen ganzen Stab von Wissenschaftlern der verschiedenen Berufsgebiete mitzuführen vermag. Es ist gewiß begreiflich, datz bei dem Flug Amundsens zunächst das rein sportliche Interesse überwiegt. Erst wenn die Möglichkeit des Nordpolfluges erwiesen ist, wird der Weg geebnet sein, um der Eroberung des Nordpols die wissenschaftliche Durchforschung folgen zu lassen. Das kalte Herz. Von Wilhelm Hauff. (Fortsetzung.) und sprang dieser drei Schuh hoch, so flog Peter vier, und machte dieser wunderliche und zierliche Schritte, so verschlang und drehte Peter seine Beine, daß alle Zuschauer vor Lust und Verwunderung beinahe außer sich kamen. Als man aber auf dem Tanzboden vernahm, datz Peter eine Glashütte gekauft habe, als man sah. daß er, so oft er an dem Musikanten vorbeitanzte. ihnen einen Sechsbätzner zuwarf, da war des Staunens kein Ende. Die einen glaubten, er habe einen Schatz im Walde gefunden, die andern meinten, er habe eine Erbschaft getan, aber alle verehrten ihn jetzt und hielten ihn für einen gemachten Mairn, nur weil er Geld hatte. Verspielte er doch noch an demselben Abend zwanzig Gulden, und nichts desto minder rasselte und klang es in seiner Tasche, wie wenn noch hundert Taler darin wären. Als Peter sah, wie angesehen er war, wußte er sich vor Freude und Stolz nicht zu fassen. Gr warf das Geld mit vollen Händen weg und teilte es den Armen reichlich mit, wußte er doch, wie ihn selbst einst die Armut gedrückt hatte. Des Tanzbodenkönigs Künste wurden vor den übernatürlichen Künsten de» neuen Tänzers zuschanden, und Peter führte jetzt den Namen Tanzkaiser. Die unternehmendsten Spieler am Sonntag wagten nicht so viel wie er, aber sie verloren auch nicht so viel. Und je mehr er verlor, desto mehr gewann er. Das verhielt sich aber ganz so, wie er es vom Keinen Glasmännlein verlangt hatte. Gr hatte sich gewünscht, immer so viel Geld in der Tasche zu haben, wie der dicke Ezechiel, und gerade dieser war es. an welchen er sein Geld verspielte. Und wenn er zwanzig, dreißig Gulden auf einmal verlor, so hatte er sie alsobald wieder in der Tasche, wenn sie Ezechiel einstrich. Nach und nach brachte er es aber im Schlemmen und Spielen weiter als die schlechtesten Gesellen im Schwarzwald, und man nannte ihn öfter Spielpeter als Tanzkaiser; denn er spielte jetzt auch beinahe an allen Werktagen. Darüher kam aber seine Glashütte nach und nach in Verfall, und daran war Peters Unverstand schuld. Glas ließ er machen, soviel man immer machen konnte: aber er hatte mit der Hütte nicht zugleich das Geheimnis gekauft, wohin man es am besten verschleißen könne. Gr wußte am Ende mit der Menge Glas nichts anzufangen und verkaufte es um den halben Preis an herumziehende Händler, nur um seine Arbeiter bezahlen zu können. Eines Abends ging er auch wieder vom Wirtshaus heim und dachte trotz des vielen Weines, den er getrunken, um stch fröhlich zu machen, mit Schrecken und Gram an den Verfall - 156 - seines Vermögens, Da bemerkte er auf einmal, Bah jemand neben ihm gehe; er sah sich um, und siehe da — es war das Glasmännlein. Da geriet er in Zorn und Eifer, vermaß sich hoch und teuer und schwur, der Kleine sei an all seinem Anglück schuld. „Was tu ich nun mit Pferd und Wägelchen?" rief er. „Was nutzt mich die Hütte und all mein Glas? Selbst als ich noch ein elender Köhlersbursch war, lebte ich froher und hatte feine Sorgen. Jetzt weiß ich nicht, wann der Amtmann kommt und meine Habe schätzt und mir vergantet der Schulden wegen! So?" entgegnete das Glasmännlein. „So? Ich also soll schuld daran sein, wenn du unglücklich bist? Ist dies der Dank für meine Wohltaten? Wer hieß dich so töricht wünschen? Em Glasmann wolltest du sein und wußtest nicht, wohin dem Glas verkaufen? Sagte ich dir nicht, du solltest behutsam wünschen? Verstand, Peter, Klugheit hat dir gefehlt." „Was Verstand und Klugheit! rief jener. „Ich bin ein so kluger Bursche als irgendeiner und will es dir zeigen, Glas- männlein," und bei diesen Worten faßte er das Männlein unsanft am Kragen und schrie: „Hab ich dich jetzt, Schatzhauser im grünen Tannenwald? And den dritten Wunsch will ich letzt tun, den sollst du mir gewähren. And so will ich hier auf der Stelle zweimalhunderttausenb harte Taler und ein Haus und — o Weh!" schrie er und schüttelte die Hand; denn das Waldmännlein hatte sich in glühendes Glas verwandelt und brannte in seiner Hand wie sprühendes Feuer. Aber von dem Männlein war nichts mehr zu sehen. Mehrere Tage lang erinnerte ihn seine geschwollene Hand an seine Andankbarkeit und Torheit. Dann aber übertäubte er sein Gewissen und sprach: „And wenn sie mir die Glashütte und alles verkaufen, so bleibt mir doch immer der dicke Ezechiel. Solange der Geld hat am Sonntag, kann es mir nicht fehlen. Ja, Peter! Aber wenn er keines hat? — And so gesah es eines Tages und war ein wunderliches Rechenexempel. Denn eines Sonntags kam er angefahren ans Wirtshaus, und die Leute streckten die Köpfe durch die Fenster, und der eine sagte: „Da kommt der Spielpeter," und der andere: „Ja, der Tanz- kaiser, der reiche Glasmann," und ein dritter schüttelte den Kopf und sprach: „Mit dem Reichtum kann man es machen, man sagt allerlei von seinen Schulden, und in der Stadt hat einer gesagt: der Amtmann werde nicht mehr lange säumen zum Auspfänden." Indessen grüßte der reiche Peter die Gäste am Fenster vornehm mid gravitätisch, stieg vom Wagen und schrie: „Sonnenwirt, guten Abend, ist der dicke Ezechiel schon da? And eine tiefe Stimme rief: „Rur herein, Peter! Dein Platz ist dir aufbehalten, wir sind schon da und bei den Karten." So trat Peter Munk in die Wirtsstube, fuhr gleich in die Tasche und merkte, daß Ezechiel gut versehen sein müsse; denn seine Tasche war bis oben angefüllt. Er setzte sich hinter den Tisch zu den andern und gewann und verlor hin und her, und so spielten sie, bis andere ehrliche Leute, als es Abend wurde, nach Hause gingen, und spielten bei Licht, bis zwei andere Spieler sagten: „Jetzt ist's genug, und wir müssen heim zu Frau und Kind." Aber Spielpeter forderte den dicken Ezechiel auf, zu bleiben. Dieser wollte lange nicht, endlich aber rief er: „Gut, jetzt will ich mein Geld zählen, und dann wollen wir knöcheln, den Satz um fünf Gulden, denn niederer ist es doch nur Kinderspiel." Er zog den Beutel und zählte und fand hundert Gulden bar, und Spielpeter wußte nun, wieviel er selbst habe, und brauchte es nicht erst zu zählen. Aber hatte Ezechiel vorher gewonnen, so verlor er jetzt Satz für Satz und fluchte greulich dabei. Warf er einen Pasch, gleich warf Spielpeter auch einen, und immer zwei Augen höher. Da fetzte er endlich die letzten fünf Gulden auf den Tisch und rief: „Roch einmal, und wenn ich auch den noch verliere, so höre ich doch nicht auf; dann leihst du mir von deinem Gewinn, Peter! Ein ehrlicher Kerl hilft dem andern." • „Soviel du willst, und wenn es hundert Gulden sein sollten," sprach der Tanzkaiser, fröhlich über seinen Gewinn, und der ®(fe Ezechiel schüttelte die Würfel und warf fünfzehn. „Pasch!" rief er, „jetzt wollen wir sehen!" Peter aber warf achtzehn, und eine heisere, bekannte Stimme hinter ihm sprach: „So, das war der l e tz t c.“ Er sah sich um, und riesengroß stand der Holländer- Michel hinter ihm. Erschrocken ließ er das Geld fallen, das er schon eingezogen hatte. Aber der dicke Ezechiel sah den Waldmann nicht, sondern verlangte, der Spielpeter solle ihm zehn Gulden vorstrecken zum Spiel. Halb im Traum fuhr dieser mit der Hand in die Tasche, aber da war kein Geld; er suchte in der andern Tasche, aber auch da fand sich nichts; er kehrte den Rock um, aber es fiel kein roter Heller heraus, und jetzt erst gedachte er feines eigenen ersten Wunsches, immer so viel Geld zu haben als der dicke Ezechiel. Wie Rauch war alles verschwunden. Der Wirt und Ezechiel sahen ihn staunend an, als er immer i suchte und sein Geld nicht finden konnte; sie wollten ihm nicht glauben, daß er keines mehr habe; aber als sie endlich selbst in seinen Taschen suchten, wurden sie zornig und schwuren, der Spielpeter sei ein böser Zauberer und habe all das gewonnene Geld undsein eigenes nach Hause gewünscht. Peter verteidigte sich standhaft; aber der Schein war gegen ihn. Ezechiel sagte, er ••tr6te schreckliche Geschichte allen Leuten im Schwarzwald erzählen und der Wirt versprach ihm, morgen mit dem frühesten 1 in die Stadt zu gehen und Peter Munk als Zauberer anzu- klagen, und er wolle es erleben, setzte er hinzu, daß man ihn verbrenne. Dann fielen sie wütend über ihn her, rissen ihm das Wams vom Leib und warfen ihn zur Türe hinaus. Kein Stern schien am Himmel, als Peter trübselig feiner Wohnung zuschlich; aber dennoch konnte er eine dunkle Gestalt erkennen, die neben ihm herschritt und endlich sprach: „Mit dir ist's aus, Peter Munk, all deine Herrlichkeit ist zu Ende, und bas hätt' ich dir schon damals sagen können, als du nichts von mir hären wolltest und zu dem dummen Glaszwerg liefst. Da siehst du jetzt, was man davon hat, wenn man meinen Rat verachtet. Aber versuch es einmal mit mir, ich habe Mitleiden mit deinem Schicksal. Roch keinen hat es gereut, der sich an mich wandte, und wenn du den Weg nicht scheust, morgen den ganzen Tag bin ich am Tannenbühl zu sprechen, wenn du mich rufst." Peter merkte wohl, wer so zu ihm spreche; aber es kam ihm ein Grauen an. Er antwortete nichts, sondern lief seinem Hause zu. Als Peter am Montagmorgen in seine Glashütte ging, da waren nicht nur seine Arbeiter da, sondern auch andere Leute, die man nicht gerne sieht, nämlich der Amtmann und drei Gerichtsdiener. Der Amtmann wünschte Petern einen guten Morgen, fragte, wie er geschlafen, und zog dann ein langes Register heraus, und darauf waren Peters Gläubiger verzeichnet. „Könnt Ihr zahlen oder nicht?" fragte der Amtmann mit strengem Blick. „And macht es nur kurz; denn ich habe nicht viel Zeit zu versäumen, und in den Turm ist es drei gute Stunden." Da verzagte Peter, gestand, daß er nichts mehr habe, und überließ es dem Amtmann, Haus und Hof, Hütte und Stall, Wagen und Pferde zu schätzen; und als die Gerichtsdiener und der Amtmann urnher- gingen und prüften und schätzten, dachte er: Bis zum Tannenbühl ist's nicht weit; Hai mir der Kleine nicht geholfen, so will ich es einmal mit dem Großen versuchen. Er lief dem Tannenbühl zu, so schnell, als ob die Gerichtsdiener ihm auf den Fersen wären; es war ihm, als er an dem Platz vorbeirannte, wo er das Glasmännlein zuerst gesprochen, als halte ihn eine unsichtbare Hand auf; aber er ritz sich los und llef weiter bis an die Grenze, die er sich früher wohl gemerkt hatte, und kaum hatte er, beinahe atemlos, „Holländer-Michel! Herr Holländer-Michel!" gerufen, als auch schon der riesengrohe Flößer mit seiner Stange vor ihm stand. '„Kommst du?" sprach dieser lachend. „Haben sie dir die Haut abziehen und deinen Gläubigern verkaufen wollen? Ru, sei ruhig! Dein ganzer Jammer kommt, tote gesagt, von dem kleinen Glasmännlein, von dem Separatisten und Frömmler, her. Wenn man schenkt, mutz man gleich recht schenken und nicht wie dieser Knauser. Doch komm," fuhr er fort und wandte sich gegen den Wald, „folge mir in mein Haus; dort wollen wir sehen, ob wir handelseinig werden." „Handelseinig?" dachte Peter. „Was kann er denn von mir verlangen, was kann ich an ihn verhandeln? Soll ich ihm e'ttoa Bienen, oder was will er?" Sie gingen zuerst über einen steilen Waldsteig hinan und standen dann mit einem Male an einer dunkelen, tiefen, abschüssigen Schlucht; Holländer-Michel sprang den Felsen hinab, wie wenn es eine sanfte Marmortreppe wäre; aber bald wäre Peter in Ohnmacht gesunken, denn als jener unten angekommen war, machte er sich so groß wie ein Kirchturm und reichte ihm einen Arm, so lang als ein Weberbaum und eine Hand daran, so breit als der Tisch im Wirtshaus, und rief mit einer Stimme, die heraufschallte tote eine tiefe Toten- glocke: „Setz dich nur auf meine Hand und halte dich an den Fingern, so wirst du nicht fallen!" Peter tat zitternd, tote jener befohlen, nahm Platz auf der Hand und hielt sich am Daumen des Riesen. Es ging weit und tief hinab, aber dennoch ward es zu Peters Dertounderung nicht dunkler; im Gegenteil, die Tageshelle schien sogar zuzunehmen in der Schlucht, aber er konnte sie lange in den Augen nicht ertragen. Der Holländer-Michel hatte sich, je weiter Peter herabkam, wieder kleiner gemacht und stand nun in seiner früheren Gestalt vor einem Haus, so gering oder gut, als es reiche Bauern auf dem Schwarzwald haben. Die Stube, worein Peter geführt wurde, unterschied sich durch nichts von den Stuben anderer Leute als dadurch, daß sie einsam schien. ®ie hölzerne Wanduhr, der ungeheure Kachelofen, die Breiten 3x1016, die Gerätschaften auf den Gesimsen waren hier tote überall. Michel wies ihm einen Platz hinter dem großen Tisch an, ging Bann hinaus unB kam bald mit einem Krug Wein und Gläsern wieder. Er goß ein, und nun schwatzten sie, und Holländer-Michel zahlte von Ben Freuden der Welt, von fremden Ländern, schonen Städten und Flüssen, daß Peter, am Ende große Sehnsucht danach bekommend, dies auch offen dem Holländer sagte. „Wenn Bu im ganzen Körper Mut unB Kraft, etwas zu unternehmen, hattest, da konnten ein paar Schläge des dummen Herzens dich zittern machen; und dann die Kränkungen der Ehre, das Anglück, wozu soll sich ein vernünftiger Kerl um dergleichen bekümmern? Hast du's im Kopfe empfunden, als dich letzthin einer einen Betrüger und schlechten Kerl nannte? ■Sjat es dir im Magen wehe getan, als der Amtmann kam, dich aus Bem Hause zu werfen? Was, sag an, was hat dir wehe getan? (Fortsetzung folgt) Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,