Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, den (5. September Nummer 7< Herbftsreude. Don Arthur Rehbein. Herbstmond. — Mutter Gottes spinnt Weiße Setdenfäben. Rächtens übt sich schon der Wind an den Fensterläden. Lachend bunter Blütenmai, Goldnen Sommers Prangen — schon vorbei, schon vorbei, wie ein Traum vergangen. Doch für Wehmut ist kein Platz: jede schöne Stunde ruht wie ein gesparter Schatz tief im Herzensgründe. Freundliche Erinnerung — mag der Mund auch schweigen — ewig jung, ewig jung bleibt sie unser Eigen. Andress. Don Alfred Brust. Es kann als ziemlich ausgeschlossen gelten, daß er noch seinen eigenen Damen gewußt hat. So lange man ihn kannte, war er stets betrunken gewesen, nicht bösartig, wie es oft die Menschen rn den Ländern am Baltischen Meer, sondern mehr melancholisch und memals besinnungslos. Es bedurfte nur eines geringen Anstoßes, und er weinte, weinte nach der Art kleiner Kinder, denen zunächst ein paar Tränen über die Backen rollen und die hernach trockenen Auges tüchtig weiterfchluchzen. Sich irgendeine auskömmliche Stellung zu beschaffen, dazu war Andreas zu faul, trotzdem er im besten Wannesalter zu sein schien. Ich jedenfalls weiß es ganz bestimmt, daß ihm fein Alter unbekannt war. Im Laufe der Zeit hatte sich fein Begriff für die <>ahresfolgen und die einzelnen Wenden vollständig verwirrt. Gr selbst schätzte sich zwischen vierzig und fünfzig. Bekleidet war er stets mit einem abgescheuerten Matrosenanzug Die weiten Hofen schlugen lustig Rad um seine Fußknöchel. Ein Anker zierte die freie Männerbrust, das Zeichen feiner Schifferwürde. Denn er war zur See gefahren und hatte ferne Meere und Küsten gesehen. So sah er aus: Das Gesicht reichlich gedunsen und krebsrot. Auf feiner Oberlidpe wuchs ein wenig Bart. Seine Augen waren klein, doch konnte man sie auch nicht Aeuglein nennen. Wenn er zu Herrn Amtsrat Loehl ging, diesem sein Leid zu klagen, trank er am Morgen dieses Tages bedeutend weniger Der Amtsrat setzte sich dann hinter seinem Schreibtisch im bequemen Sessel zurecht und war auf einen langen Redefluß gefaßt. „Herr Amtsrat," so begann Andreas in seinem breiten ostdeutschen Dialekt, „Herr Amtsrat, sehen Sie mich an! 3d> bin «n versoffener Mensch! Schön! Sie werden sagen, warum trinken Sie? Schön! Aber ich sage Ihnen, das Leben ist so schlecht, daß man trinken muh! Ich habe sechzehn Menschen das Leben gerettet, und kein Mensch noch hat daran gedacht, mir die Rettungsmedaille zu geben. Der Kaiser weiß wahrscheinlich gar nichts von Andreas. So was bekommt er vielleicht nicht zu Horen. Irgend jemand hat mir manchmal Geld gegeben für seine Rettung. Ra ja — das wird auch wieder alle. Aber sehen Sie, ®ie sind der Mann, der mir helfen kann. Ich will kein Geld von Ihnen haben. Da sei der Himmel vor. Sie haben auch nichts übrig von wegen der großen Verpflichtungen und so. Mer Sie sind einflußreich. O ja! Lächeln Sie nicht, werß: tote sehr einflußreich Sie sind. Dem Windmoser haben Sie burH ein Wort geholfen. Sv was vergißt man nie im Leben. Deshalb frnd Sre der üebste Mensch im ganzen Ort. Sch hab noch me gefchmetchelt. Mso sehen Sie, Herr Amtsrat, es kann Ihnen ja gar nicht schwer fallen, einmal den Herren da oben zu sagen: Dem Andreas muß geholfen werden! Da ist jetzt z B die Freibadeanstalt im Strom. Wie di« Menschen so sind, di« ertrinken leicht, können Sie mir glauben. Sagen Sie einfach, Herr Amtsrat, sagen Sie einfach: Da mutz der Andreas als Bademeister hin! Der hat sechzehn Menschen das Leben gerettet 'tot* .tv.ird auch zwanzig Menschen noch das Leben retten, wenn es notig ist — und wenn es nicht nötig ist. Denn manche sollte man lieber absacken lassen, was ich aber nie tun werde. Schön! Änd dann bekommt der Bademeister Andreas ein Gehalt und kamt em anständiger Kerl werden und braucht nicht lumpe» zu gehen! So ging das noch eine ganz« Weile fort, bis der Amtsrat etnsah, datz dieser Mann wirklich für den Bademeister geeignet war. Sm Winter versah er in der Regel einen Aufsichtsposten auf der Eisbahn, und im Frühjahr oder Herbst, wenn das Eis &u't" oder der Strom es schon ins nahe Meer trug, rettet« er Menschen vom sicheren Tode des Ertrinkens. - Da setzte einmal eine seltene Begebenheit di« Ortschaft in Andreas hatte sich verliebt. Eine Fischerdirn robusten Schlages war ihm auf den Pfad getrappst. Sieh mal an, Marie, ich hab dich wirklich lieb", sagte er lu,..„Wenn wir heiraten, können wir zusammen ein schönes rtr verdienen, lind warum sollen wir uns das entgehen lassend „Hm!" machte Marie und ging. .. , ist nicht mit guten Singen zugegangen, daß der Andreas dlefes „Hm als bedeutsame Zustimmung ausfaßte. Er sprach am ganzen Ufer von nichts anderem, als von seiner Heirat. Er mietete vor der Ortschaft im Fischerdorf eine Wohnung und ging auf Auktionen aller Art, um sich bequeme Möbel zu erstehen. . seiner ganzen Aebermütigkeit strengte er gegen di« Ortschaft einen Prozeß an, da sie ihm den Bademeisterposten für den ®vntmer entzogen hatte, mit der Begründung, daß er sich ander- orts seßhaft machen wolle. Aber Andreas suchte zu beweisen, daß er aus Billigkeitsgründen nebenan gezogen sei. Der Prozeß schwebte. _. J?1? Abend redete Andreas mit lauter Zunge gegen die Stadtvater und pries sich selbst als geeigneten Mann am Ruder. Meine Freunde," eiferte er, „ihr wißt, ich heirate nächstens. . hat man doch was, wofür man arbeitet. Richt wahr! Und meine Marie — — sage ich euch — —" Hier unterbrach ihn ein Drückenwärter: „Haft du schon viele Liebesbriefe? .»Ach, Liebesbriefe, hehe! Wir sind doch, keine grünen Sungen! Liebesbriefe! Was du auch sagst, Windmoser !Sn allen Liebesbriefen steht doch immer dasselbe drin." „Ra — lieber Andreas," antwortete Windmoser, „du bist stets ein guter Kerl gewesen. Und ich sage dir, du bist zu schade für diese Marie. Hier — lies — die Marie hat sich aufbieten lassen mit dem Terner Weigelt." Und er schob ihm ein Zeitunqs- blatt vor's Gesicht. Zunächst drang aus Andreas Kehle ein Laut, der an das Glucksen einer Quelle erinnerte. Dann erweiterten sich seine Augen zu Mondrädern, und die Spannkraft seiner Fäuste wuchs beängstigend. Ein dröhnendes Lachen erschallte in der Runde, welches Andreas unwillig abschüttelte. Er stand auf, ging zur Tür hinaus, ohne daß er seine Mütze mitnahm. Aber der Wind- moser ließ das Glas stehen und ging ihm schweigend nach. Vor der Tür war der Hafen. Eine tiefe Dämmerung herrschte. Grau und unbestimmt ragten auf dem breiten Wege die gestapelten Warenballen mit Segeltuch überdeckt. Die weißen Gaslampen warfen lange Lichtkegel über das Wasser, und ein scharfer .nasser Wind trieb die Wellen heftig gegen das Bollwerk. Sn irgendeinem Hause schlug ein offenes Fenster immer auf und zu — auf und zu. Andreas strich den Hafen entlang. Der Windmoser sah das aus kurzer Entfernung. Und er hörte das Kinöerweinen deS Lumpen, und er dachte an die gute Seele, di« von dieser brüchigen Schale umschlossen war. Der Windmoser ging jedoch nicht trösten. Mochte der sich nur ausweinen. Andreas schien aber anders zu denken, denn der Windmoser wurde plötzlich qufgeschreckt. Andreas war auf einmal verschwunden. Der Windmoser sah nach rechts, er sah auch nach links. Er rannte zwischen die Waren- tapel. Mer dann lief er vorwärts. Wahrhaftig: dort pludert« noch etwas im Wasser. „Dummer Hund," schrie er zum Bollwerk hinunter. Er warf Mütze und Rock hin und stürzte kopfüber in den Hafen, daß das Wasser nur so rauschte. Die Angelegenheit war äußerst ernst. Es war recht dunkel über den Wellen, und rings am Äser stand kein Mensch Weitz Gott, wo der Hafenwächter sitzen mochte. 11 nb den ging das schließlich nichts an. Andreas wußte sofort, ivas der Sturm pfiff, und daß der Drückenwärter ihm feine Absicht vereiteln wollte. Deshalb chwamm er schleunigst nach der Mitte des Hafens. Aber der Windmoser folgte in raschen Stößen, und es wurde eine richtige Sagd des einen Schwimmers auf den anderen. „Wenn ich jetzt tauche," dachte Andreas, „holt er mich raus. Ich muh weit unb Dichtung des „Weges" zu «kennen suchten, waren wir plötzlich getrennt. Es schlugen gleichsam die grauweißen Wogen zwischen den beiden Wüstenwanderern zusammen, um jeden einzelnen dann in verschiedener Richtung fortzutveiben. Das kam o überraschend, daß, als ich. Wansur anrief, schon kein Echo mehr erfolgte. Einmal glaubte ich das Wiehern feines Pferdes zu vernehmen, ab« das meinige antwortete nicht, es war Täuschung gewesen, und «st nach Minuten «klang aus unbe- timmbarer Richtung ein dunrpf« Schuh, dem bald darauf ein zweiter folgte. Dann blieb es still, auf mein eigenes Rufen und Revolverschietzen erfolgte keine Antwort, ich schritt aufs Geratewohl weit« hinein in die Rebel und führte mein Rotz am Zügel. Au'ch das Fohlen war Mansurs Pferd gefolgt. Die Situation war ohne direkte Gefahr, ab« peinlich genug, alls die Sonne nicht Kraft genug besaß, die Schlei« bald zu zerreitzen. — — Ein seltsames Mißverständnis hatte Wansur veranlaßt, zu glauben, das Ziel meines Morgenrittes sei die Bahnstation! Amriah, nicht, wie das wirklich d« Fall war, Hawariah gewesen. Als er längere Zeit nach unser« unerwarteten Trennung den Karawanenweg fand, der von Westen über die Menasstadt nach Aleaxndrien führt, und d« Amriah berührt, wählte « dies« Rute in der sich«en Erwartung, mich entweder auf ihr zu treffen, oder aber, falls ich den Zug «reicht hätte, mich an der Station von Amriah zu sehen. Mansur trug nämlich außer meinem Gewehr, das ich natürlich nicht mit nach Alexandrien nehmen wollt«, die kleine Reisetasche, in der ich. den Arbeitslohn für unser« Beduinen in kleinen Piastern (ä 10 Pf.) von Alexandrien mit, zubringen pflegte. Es war gegen Mittag, als Mansur auf dem Wrndmuhlen- hügel anlangte, d« Amriah üb«ragt, und im Zelt« eines Stam- mesgenosfen kurze Zeit Rast hielt. Dorthin kamen nach dem Dekanntwerden seiner Ankunft die Angehörigen man^r Arbeiter, die aus dieser Gegend stammten und bei uns ihren Lebensunterhalt v«dienten. Mansur gab ihren neugierigen Fragen b«eitwilligst Auskunft; « bemerkte nicht das Erstaunen der Leute über die Anwesenheit des Füllens, das zum Pf«de des Effendi, seines Herrn, gehörte, und sah nicht ihre bedeutsamen Blicke auf die Handtasche und den Mantel feines Herrn, die « bet sich trug. Bald bildeten sich um das Zelt Gruppen von Frauen, Kindern und Greise, scheinbar, um Reuigkeiten auszutaufchen, in Wirklichkeit ab« angelockt vom sonderbaren Auftreten Maii- surs. Riemand wußte spät«, wie das Gerücht entstanden, das sich bald von Zelt zu Zelt »«Breitet«: Der junge Essend-, vom Karnr Abu Mina ist «mordet worden! Wie ein Flugseu« ging die Kunde weiter, ja es heißt, in befreundeten Zelten habe das Geheul der Lotenklage begonnen, denn die Ausgrab« der Menasstadt waren beliebt wegen ihres gerechten Sinnes und der kleinen Wohltaten, die sie den Aermsten, den Kranken, den Hilfesuchenden erweisen durften. Mansur merkte nichts von den Vorgängen und ritt Amriah zu, wo g«ade Arabermarkt war. Sn Amriah wollte « mich in der Station abwarten. So ritt er hinaus zum Markte wo das gemeine Volk um Richtigkeiten feilschte, wahrend « tatsächlich seine Haut zu Markte trug. Manch« Fing« wies auf ihn, viele Augen folgten ihm, Reid« und Feinde frohlockten, feine Freunde murmelten das „H«z des Korans , di« Sterbs- sure, als « in ein Safe trat. Er selbst kümmert« sich um michts, ahnte nichts und bestellt« „gawa 8alle", den ungezuckerten, schwarzen Kaffee, sein Lieblingsgetränk. Der Andrang zum Kaffeehaus wuchs indessen so seltsam, fiel aber d«n armen Mansur zu spät auf. Als er sah, daß seine Anwesenheit die Ursache war, betraten bereits etrnge Askm, schwarze Pol^n- soldaten, die Gaststube. An Flucht war nicht zu denken. Auch seine besten Freunde, die zufällig auf dem Markte tvaren, fanden keinen Rat. Seine Feinde mochten zwar glauben, Kaltblütigkeit und Anerschrockenheit w«de ihn retten, wenn auch nicht aus den Händen des Askaris, so doch vor dem Skauge. Die Rainungen teilten sich So gewiß schien ihnen die Sachlage: Di« Ermordung des Deutschen durchden Araber. Ganz wieb« ward aus einem Gerüchte im Munde d« Leute eine Tatsache, eine Tatsache mit allen nötigen Einzelheiten. Man nannte Tatort, Zeit nähere Umstände des Verbrechens, indes Mansur gefangen zwischen den Askari nach d« Mamuriie dem V«waltungsM" bände des Polizeibeamten, gebracht wurde. Em So^t fuhrt« das Pferd mit dem mutt«losen Fohlen, em ander« trug Mantel und Tasche des Ermordeten, d« dritte hatte die Flinte des Mörders mit Beschlag belegt. . . .«.<__ Mansur ging festen Schrittes zwischen diesem schwarzen Kl^ blatt. Schüttelte « verständnislos den Kops, so beutete das dl« Menge als Mangel an Entschlossenheit, und ^"«Freunde fürchteten Schlimmes. Sn der Mamurisi, dem Mntslokal d« obersten Behörde des Grenzdistriktes, war g«ade Gerichtstag. Weil die Beduinen am Markttage tn Amriah in Scharen erscheinen, hat die Regierung den Amtstag für ^re Verwaltungs^ Gerichts- und Polizeibehörde ausdiesenTag gelegt. Mansurs Ankunft brachte dah« in d« Mamuriie vielen Angeklagten Erleichterung und Aufatmen. Die kleinen Händel wurden ^mlich abgebrochen, und das Verhör des Mörders begann. Beamte, Kläger und Angeklagte wollten den Mörd« sehen und umkingtsn ihn.' Mansur aber behielt Ruhe und schickte ^Hi"s Anvermeid- liche; « spielte die Rolle des angeklagten Mörders. Zeugen traten nicht gegen ihn auf. Ab« schon das Gewehr, das bee wegschwimmen, oder warten, bis er nicht mehr kann. Und ganz plötzlich mutzte Windmos« fühlen, daß ihm die Weste zu eng war die « dummerweise angezogen hatre. Shm wurde ganz heiß vor Schreck im kalten Wass«. Sein Atem ging kurz und rasch « krächzte noch einmal laut und versank mit einem Ruck lautlos in den Fluten. . Andreas hielt betroffen inne. Er hatte erne Art, in halb« Höhe auf dem Wasser zu stehen. Was war das? fragte «sich verwnnd«t. Hatte Windmos« getaucht? Ab« wozu? War « And tote ein Hecht schoß er hinab, den D«sunkenen zu gründelu And er fand den Körp«. Er stieß ihn hoch Die User- treppe war in wenigen Minuten erreicht. Er rieft dem Wmb^ ntefer die Kleid« vom Leibe uitd trat ihm auf den Bauch daß es quakte. Auch hieb er ihm nach Fischerart mehrmals ins Kreuz, daß es dumpf dröhnte. „Ra so was! rief « immer,, wahrend seine Fäuste gegen den liegenden Mann „bumbum gingen. ^Ra so was — so was!" Bald öffnete auch d« Windmosev 610 ^Mensch Mensch!" sagte Andreas. „Ausgerechnet du, du, 611 Dann" kam auch"d« Hafenwächt«. Ab« d« Windmos« l0n "©ie gtogen ^beibe über die Straße Wied« in die Schisfer- kneipe wie oftmals, als wäre nichts besonderes geschehen. „Ich habe meine Mütze vergessen, sagte Andr«ch als « triefnaft in die Stube trat, zu den fragenden Gesichtern der erstaunten Runde. Meine Ermordung durch Mansur abu Schia. Ein Erlebnis von Ewald Falls - Gießen. Längst webt über den Resten der berühmten lllchschen Wallfahrtsstätte, in d«en Umgebung die folgende Episode spielt, wieder d« geheimnisvolle Zauber d« F^rndllcheiwWnste. lWo die fleißigen Hände unser« Beduinen Saulenfchäfte und Mar morskulptnren, Kapellen und wundervolle Baftliken ia ein ganzes altchristliches Pompeji im Laufe wenig« Sah« aus den Schutt bergen eine« Jahrtausends herausgruben, haben dw Glutwinde des großen Sandmeeres neu«dings zu branden begonnen, und eine, ^wenn auch vorab noch, geringe Schicht l«n« wellen auf Sturmesflügeln herub«getragen, denen Aegypten die Kons«vierung fein« berühmtesten Denkmäler verdankt. Sn dieser Schicht erblüht während der „Frühlingszeit der Vorwüste eine seltsame Flora. Zwischen den Säulentrommeln und an den Mauern der heiligen Stadt des Märtyrers Menas, d«en Errt° bedurg und Freilegung mein Werk „Stret Sagte m ^^YschM Wüste" ausführlich beschreibt, wurzeln dann i«e zcchem dick- btätterigen Kinder b« Flora halb scheu mtb fidjS^^m oer bergend vor d« schneeweißen, fonnengebleichten Pracht "«r^Mar morstadt. Sie werden langsam und sich« ^egelbltohenSchiltt- hügel in Myriaden überwuchern. Wie Üblich mutz dann d« Anblick der Stätte sein, die man mit Recht als den Glanz von ganz Libyen bezeichnet hat, wenn Quadern und Marmortrumm« im Frühling aus saftigem Grün heraus leucht en »nd tmmn es diesem Grün gar gelänge, die Kryptoportiken und untjOT^dw Treppen hinabzusteigen und die Gruft des großen Heiligen der Wüste, des Patrons der urchristlichen Aegypt«, zuub«wuch«n! Es war in einer schwülen Morgenstunde solcher Zeit bea Wüstenfrühlings, um Weihnachten herum, a^ n® mem ^rab«- nf erd bestieg, um nach der entfernten Station bet bamahgen khedivialen Bahn zu gelangen, wAchedie Mariutlandschaft bur^ qu«t und deren Ausgangspunkt Alexandinen ist. Eine Rebeb decke lag üb« die Gegend ausgebreitet, so dcch kein Schein eines Zeltseu«s, geschweige denn ein Vorbote der Morgendämmerung, zu sehen wat, die sonst den nahenden Dag »«tunbet hatte. Hatten nicht dringende Geschäfte mich nach Alexandrien gerufen, ich würde es nicht gewagt haben, in dieses Rebelmeer hineiltzEiten So aber wurden schnell nochmals die Waffen geprüft, die Sattel gurte d« Pf«de nachgesehen und dann ging es hinein in den toeiften Schleier. Dicht nebeneinander ritten wir schweigend rn die Wüste hinein, der Schreib« dieser Zeilen und — sem Mor- d«, Mansur abu Schia. Sogar ein drittes Wesen hatte sich ganz unbemertt uns angeschlossen: das Fohlen meiner Stute. Auf Mansurs Geländekenntnis waren wir angewiesen, da die Ausgrabungen erst eine Reihe von Monaten im Gange waren, und ich selbst noch, wenig von d« Umgebung der Menasstadt kannte And Mansur abu Schias topographische Snstinkte sollten uns diesmal täuschen. Als die Rebel im Tagesgrauen zwar nicht durchsichtiger, ab« leuchtender wogten, waren wir verirrt. Run praktizierten wir Pfadfindertum, bald hoch zu Rotz, bald neben den Tieren schreitend, um besser zu rekognoszieren, bald em -delt nahe wähnend und dann wieder dem fern »«klingenden Gebell von Beduinenhunden folgend. And während es im allgemeinen Heller zu werden schien, krochen die Rebel immer dichter und langsamer über das Gelände, die Zeit ab« eilte fluchtig voraus, so dah selbst alle Aussicht, die khediviale Station selbst bei stundenlang« Verspätung des Zuges früh genug zu «reichrn, aufgegeben worden war. And dcmn kam das Ereignis, das meinen getreuen Mansur abu Schia zum Mörd« stempeln sollte. Während wir glaubten, die Spuren eines Karawanenweges gefunden zu haben, und vergeblich im scheinbaren Gew irr z wanzig und mehrfach nebeneinander laufend« Kamelspuren Eharakt« ~ 295 — halte die Lleberzeugung, daß es ein recht gutes Bild war, 06* chon Swiatecki prophezeit hatte, daß man es sogar aus dem Borsaale des „Salon" ausweisen würde. Es war vor einem Jahr, daß ich damit begonnen hatte, und zwar auf folgende Weise: Da gehe ich eines Abends die Weichsel entlang und sehe: ein Obstkahn zerschellt, Gassenjungen fischen die Aepf« ai^ dem Wasser und am Äser sitzt die ganze Juden? ami sie in einer solchen Verzweiflung, daß sie nicht einmal jammert sondern stumm tne Hände ringt und wie Bildsäulen starr auf das Wasser blickt. Da ist ein alter Jude, ein Patriarch - das verkörperte Elend, eine alt« Jüdin; ein junger Jude, ein Koloß tote em MaKa- bäus; ein jmrges Mädchen, zwar sommersprossig aberr^ig viel Charakter in der Zeichnung der Vase und des Muiches, dann noch zwei Judenkinder. Es wird Avend, der sluh zeigt kupferfarbene Reflexe — einfach großartig! Die ^^e der „Mchsifchen Insel" ganz im Abendrot, weiterhin der Breite Wasserspiegel, und Farbentone — rot, ultramarin, _ fast stahl- färben, sodann wieder ins Purpurne und Colette ubergeherch. Die Lustperspektive — prachtvoll! und der Äebergang^von Farbenton zu Farbenton so unsagbar, so hinreißend, das) dabei die Seele vor Wonne bebt. Ringshemun istes still, gla^ voll, ruhig. Lieber dem Ganzen eine Melancholiedatzman heul«i möchte — und diese Gruppe in Kummer verM^n derart sitzend, als hätten sie alle von klein auf in Ateliers Modell gestanden... Blitzartig kam mir der Gedanke: da hast du dein Bild Ich hatte meinen Malkasten bei mir, ohne welchen ich nW ausgehe, und machte mich gleich ans Skizzieren, Vorher sag e ich &en^ühxt euch nicht! Einen Rubel für jeden, bis der Abend heranbricht!" «nh Meine Juden begriffen sofort, um was eä sich Banoelte « sahen wie angewurzelt. Ich zeichne und zeichne immerfort! Die Gassenbuben sind aus dem Wasser gekrochen und ich W hinter mir sagen: „Seht mir den Maler fein, was er gestchl-m das nennt er ein!" Aber ich antworte ihnen in derselben Welse mb gewinne sie dadurch derart, daß L^^ichEwMer^störem Juden Sväne zu werfen, und meine Arbeit nicht weiter iroren- b Aber nun verfällt meine Gruppe unerwartet m heitere Laune. „Juden," schreie ich, „trauert!" ^Mt Verdirb, H^Maler, was haben wir zu trauern, wenn der Herr Xm ieben von uns ÄE Rubel versprochen hat? Mag der trauern, der nichts verdient! Ich mußte ihnen drohen, daß ich nichts zahlen werde. Ich skizzierte so an zwei Abenden, dann saßen sie mir twch zwei Monade lang im Atelier. Mag nun Stoiatech sagen, was L will ?>c,s Bild ist gut, denn es ist keineswegs kalt, ist ganz Wahrheit und Natur Selbst die Sommersprossen dm: lange« Jükün habe ich beibehalten. Die Gesichter könnten wohl schon«, sein aber kaum echter und charakteristischer. — - H Oln das Bild dachte ich so intensiv, daß ich den Verlust von Kazia leichter ertrug^Änd als mich Swiatecki an sieerinner^ schien es mir als läge die Geschichte eine ganze Ewigkeit ßinter ** »“äÄÄMW—£ Antoniowa, welcher Swiatecki seit einem Jahve vergeblich zu- redete, sie solle sich doch aufhängen — und wir setzen uns an „W^bist du heute so aufgeräumt?» fragt aufbrausend weih ich! „Du wirst sehen, es wird uns etwas Lings. Jm^selän AugMblick hören wir ein Knarren auf der Treppe, W ^X-WckftD?hast du dein LingewöhnlichE.!« ^Swiate^ & schluckt «den heißen «e Tränen in die Augen treten, steht eiligst auf, und öa un,ere KüKe den Durchgang bildet, so verbirgt er sich im Ateli«.hucker &ie Kostüme und ruft aus feinem Versteck mit gedampft« ^mmit „Dm mein Guter! er hat dich riesig sieb, sprich du mit X$1Tt! Er schwärmt für dich!" antwortete ich, ebenfalls hinter die Kostüme eilend. „Linkerhandle du mit ihm! . „, - , rm:-«. Da öffnet sich die Tür und wer tE herein? nicht der Wttsi sondern der Portier des Hauses, in welchem die Familie Sus t£>to^a&ir°iür$en aus unserem Versteck hervor. S-3S £ SÄ» »«>»» werden. Kommen Sie sofort ohne Ruchicht msi „J??® Stunde. Wir kommen eben aus der Trinkhalle des Sächsischen Zwar Weitz ich nicht im geringsten, was mir übechaMü Eltern zu verzÄhen hätten, aber ich habe auch kmiw Zeit, darüber nachnu denkemdmm ich verliere den Kopf vor Grstaunew^., Erst nach einem Augenblick übergebe ich den Brief Swiatecki und sage zum Portier: • t > 1 Sudanese mit militärischer Würde und vstentasider Wichtigst auf den Gerichts tisch' legte, sollte den Angeklagten verde^M. Jetzt verstand mit einem Male Mansur und erschrak. Sern Mienenspiel und eine unwillkürliche Aufregung entgingen nie- manden. Die Situation ward kritisch Als der Beamte zwei teere Patronenhülsen aus den frisch angelaufenen Laufen nahm im» die Nächststehenden sich vom Pulverdunst in den Rohren überzeugten, stand es fest, Mansur hatte gemordet Der konnte keine Entschuldigung Vorbringen. Er hatte seinen Herrn in Amri^ zu finden geglaubt, und ward nun em Opfer dieses Glaubens. Sein hartnäckiges Leugnen mochte den Gerichtsobern reizen: er sieh ihn peitschen. Trotz aller Qualen blieb aber der Anne bei feiner Aussage. Da, er vermaß sich zum Eicksetzen?d« Anwesenden, die Polizeileute zu verdächtigen und ihnen nut Strafen zu drohen. Zu spät kam er schließlich auf den Gedankem der Effendi habe vielleicht in Hawarieh den früheren Zug benutzt und fei nach Alexandrien gefahren. Wan sandte zur Station und zog Erkundigungen ein. Der Vorsteher erschien selbst in der Mamurije und gab mit breiter Geste zu Protokoll, &aß> iem Effendi im Zug Amriah heute passiert habe. Aus feiner Aussage sprach Schadenfreude und Haß, denn Mansur war ein persönlicher Feind. Mansur entgegnete spöttisch: Jawohl, er habe den Effendi ermordet, aber man solle noch den Abendzug aus Alexandrien abwarten und dann beim Vichtaussteigen des „Ermordeten “mit an den Tatort, den Karm abu Mma, selbst ge.^en. Dort wolle er die Einzelheiten der Tat bekennen und sich richten lassen. Dagegen war wenig einzuwenden, und Mansur behielt Ruhe bis gegen neun Llhr abends, wo der letzte Zug von Alexandrien in Amriah einlief. Dort war alles versammelt, was laufen konnte. -Unter starker Bedeckung erschien auchMaw- sur in Handschellen. Lind kein Effendi entstieg den Wagen. Mansur war also so gut wie überfiihrt. Trotzdem ließ der Ge- richtsherr mit sich reden, und er beschloß einerseits, um volle Sicherheit zu haben, anderseits um die Araber der MenMtadt gu konsultieren, sogleich nach der Menasstadt zu reiten. Schnell waren Pferde-gesattelt und Mansur auf seinem eigenen Rotz gefesselt: dann schlug die seltsame Kavalkade die Richtung nach der Menasstadt ein.-- „ . Hungrig und ermattet gewann ich nach langem Harren und Dangen und nachdem vor der siegenden Sonne Libyens die Nebe^ schemen flüchtig gegangen waren, endlich wieder und einen Lleberblick über das nur unbekannte Terrain. In weiter Ferne rauchten einige Zeltfeuer, und meine Freude war groß, als ein Kamele hütender Beduinenknabe, dem ich mich näherte, die Richtung Abumna wies, wie er Karm abu Mina. das Gelände der anttken, heiligen Stadt, nannte. Dor Abend gelangte ich glücklich dort an und selten schlief ich besser aE in der diesem Abenteuer folgenden Nacht. Doch' in der Wüste Masi man, selbst im tiefsten Schlafe toujours en vedette. Vicht umsonst liegen einem als Schlafgenoffen blanke Waffen zur Seite. So mochte es um Mitternacht fein, als ich im Traum Merdegckr^p«! zu vernehmen meinte. Dann, nun war es ^reits WiÄft^^.^ schlugen unsere Hunde an, und Rufe wurden laut. Eine Stentor stimme"hallte durch die Nacht, in einem fort dft Wortewleder- holend: Falls-Effendi, Falls-Gffendi. Kein Zweifel, so konnte nur Mansur rufen und zwar, wenn er in großer, Erregung war. „Mansur", antwortete ich, „ho!" und stürzte ins Freie- Gemurmel, Geheul, Trillern, Flintenschüsse und ein ohrenbetäubender Lärm empfingen mich und im Scheine einiger Laternen die unsere Leute angezündet hatten, erkannte ich die tapfere Gestalt des befreundeten Polizeiofstziers und seiner schwarzen Aslari. Wctr aber wie toll auf mich zuflog, das war der entftsselte Mansur. Er küßte meine Hände und ließ eine satanische Spott rede über die Amriaher Behörde vom Stapel, aus der ich vernahm, daß er mein Mörder war. 2m Zelt der „Junggesellen , das unsere jugendlichen, männlichen Arbeiter vereinte fanden die Hinrichtung" Mansurs und meine „Auferstehung ihre gebührende Nachfeier. Dabei erhielt der liebenswürdige Polizei- Beamte als Richter den Ehrenplatz, die Askari, Deduinenund einige Neugierige versammelten sich um das neue auflodernde Feuer, auf dem den erschöpften Soldaten ein Gläschen Senussitee Bereitet wurde. Sie hatten viel erlebt, aber selten wvhl so vwl gelacht als in dieser Nacht. ^ns Ausgrabern war die behord- siche Rettungsaktion ein neuer Beweis für Me Fürsorge, mit der sowohl der damalige Vizekönig von Aegypten, als die englischen Offiziere des Distriktes ihre Untersteh or den verantwortlich machten für alles, was unser Leben bedrohen konnte. Aus lange hinaus aber hatten wir im Bereiche der heiligen Stadt der Wüste keinen ergebeneren, treueren und schärferen Wächter als meinen „Mörder" Mansur abu Schia. Die Dritte. Eine heitere Erzählung aus dem Künstlerleben. Von Heinrich Sienkiewicz. (Fortsetzung. > Deshalb schon siebte ich sie so innig, und so ging ich am Tage nach dem Eintreffen von Suslowskis Brief wie vergiftet umher. Erst am zweiten Tag, und zwar erst am Aoend, to-uröe mir leichter zu Mute, denn ich sagte mir: „Rein ist nein! Am meisten verhalf es mir dazu, den Stotz zu verwinden daß mein Kopf von dem „Salon" und meinen Juden ganz voll war. Ich — 396 »Lieber Freund! sage dein Fräulein, daß ich gleich komme» werde... Warte... ich habe kein Kleingeld, aber da sind drei Rubel (die letzten!), wechsle sie, behalte einen Rubel und bring« mir den Rest." Aebenbei gesagt, hat sich der -Unmensch, nachdem er die drei Rubel eingesteckt hatte, nicht wieder gezeigt. Das Ungeheuer wußte gairz gut, das; ich im Suslotoskischen Hause keinen Skandal machen würde, und nützte die Situation aufs Unverschämteste aus. Doch im Augenblick achtete ich kaum darauf. „Run, was sagst du dazu?" frage ich Swiatecki. „Richts! Jedes Rindvieh findet einen Schlächter." Die Eile, in der ich mich ankleidete, ließ mich kein angemessenes und gehöriges Schimpfwort für Swiatecki finden. 2. Eine Viertelstunde später klingle ich bei Suslowskis. Es öffnet mir Kazia selbst. Sie ist entzückend... sie hat noch in sich die Wärme des Schlafes und die Frische des Morgens, die sie in den Falten ihres hellblauen Kattunkleides aus dem Garten mitgebracht hat. Der Hut, den sie abgelegt, hat ihr Haar ein wenig zerzaust. Das Gesicht lacht, die Augen lachen, die feuchten Lippen lachen... der reine Frühlingsmorgen! Ich ergreife ihre Hand und beginne sie bis zum Ellbogen mit Küssen zu bedecken. Sie aber neigt sich an mein Ohr und fragt: „Nun, wer versteht's besser zu lieben?" Dann führt sie mich an der Hand zu den Eltern. Der alte Suslowski hat das Aussehen eines Röiners, welcher sein einziges Kind pro patria dem Tode opfert; die Mutter läßt ihre Tränen in den Kaffee fallen, denn beide sitzen beim Frühstück. Aber sie erheben sich bei unserem Eintreten und Papa Suslowski spricht: „Vernunft und Pflicht gebieten mir eigentlich „irein!" zu sagen, aber das elterliche Herz hat seine Rechte — ist das eine Schwäche, so möge mich Gott dafür richten!" Dabei erhebt er feine Augen zum Zeichen, daß er bereit sei, Rede und Antwort zu stehen, falls das himmlische Gericht auf der Stelle ihn zu Protokoll vernehmen wollte. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts gesehen, was rnehr römisch gewesen wäre, mit Ausnahme etwa der Salami und Makkaroni, welche am Korso feil geboten werden. Der Augenblick ist so feierlich, daß ein Nilpferd vor Rührung zerfließen würde. Die feierliche Stimmung wird noch, durch Frau Suslowska gehoben, welche die Hände ausbreitet und mit tränenreicher Stimme sagt: „Meine Kinder! Wenn es euch je im Leben schlecht ergehen sollte, dann flüchtet her — hierher!" — Und bei diesen Worten zeigt sie auf ihren Dusen." Das paßte mir auch! Müßte schon dumm sein, um eine Zuflucht dort zu suchen!... Ja, wenn's bei Kazia wäre, das wäre was anderes! 'Vei alledem bin ich von der Treuherzigkeit der Alten überrascht und mein Herz ist voller Dankbarkeit. Dor lauter Rührung trinke ich eine Tasse Kaffee nach der anderen, so daß Suslowski anfängt, unruhige Blicke auf die Kasieemaschine und den Sahnentopf zu werfen. Kazia schenkt mir fleißig ein, währenddessen ich mich bemühe, unter dem Tische ihr Füßchen zu berühren: Sie zieht jedoch dasselbe zurück und dabei schüttelt sie unmerklich ihr Köpfchen und lächelt so schelmisch, daß es kaum begreiflich ist, wie ich es über mich vermochte, nicht aus der Haut zu fahren. Ich bleibe noch eine gute Stunde da, schließlich muß ich aufbrechen. idenn im Atelier erwartet mich Bobus, der bei mir Zeichenstunden nimmt und mir jedesmal seine Visitenkarte mit seinem Wappen darauf als Marke zurückläßt, welche ich aber sehr oft verliere. Kazia und die Mutter begleiten mich bis ins Vorzimmer, was mich ärgert, da ich wünschte, daß mich Kazia allein begleiten mochte. Was das Mädchen für Lippen hat!... Mein Weg führt mich durch den Garten. Eine Airzahl von Leuten kehrt von der Trinkhalle zurück... Ich nrerke, daß bei meinem Anblick die Leute stehen bleiben. Ich ho resie ringsherum flüstern: „Magörski! Magörski! das ist er"... Mädchen, deren wrmdervolle Formen unter Sommerkleidern von allen möglichen Farben sich abzeichnen, werfen mir Blicke zu, die zu sagen scheinen: „komme nur, wir sind bereit!" Teufel auch! bin ich denn so berühmt, oder was! Ich begreife das alles nicht! Ich gehe weiter — immer dieselbe Geschichte!.,. Im Flur an der Treppe stoße ich auf den Wirt, wie ein Doot auf den Felsen. O weh, die Miet«! Indessen nähert sich der Wirt und sagt: „Mein Herr, wiewohl ich manchmal auch Ihnen lästig wurde, so wollen Sie mir doch glauben, daß ich für Sie soviel... Ra, lieber gestatten Sie mir..." Bei diesen Worten fällt er mir stürmisch um den Hals. Hak ich begreife: Swiatecki wird ihm wohl gesagt haben, daß ich mich verheirate, und der hofft nun, daß ich von jetzt ab die Miete regelmäßig bezahlen werde. Mag er es glauben... Ich fliege hinauf. Unterwegs höre ich bei uns großen Lärm. Ich stürze hinein. Im Atelier ist es dunkel vor Rauch. Da ist Julek Rzhsinski, Wach Potersiewicz, Franek Cepkowssi, der alte Sludecki, Karniinski, Woitek Michalak — alle unterhalten sich damit, daß sie den eleganten Dobus im Zimmer herumschieben. Sobald sie mich erblicken, lassen sie ihn halb lebendig in der Mitte des Ateliers stehen und erheben sofort einen Heidenlärm: ”3®'/ gratulieren! wir gratulieren! wir gratulierens " 1 »Hebt ihn in die Hohe!" " Im nächsten Augenblick heben sie inich auf die Hände und werfen nnch mehrere Male in die Hohe, wobei sie wie die Brüllaffen schreren. Endlich steh« ich wieder auf der Erde, bedanke mich und Der« »ah ich sie alle zu meiner Hochzeit einladen werde, Haupt« sachluy aber Swratecki, den ich zum Brautführer ernenne Doch Swiatecki erhebt die Hände und sagt: „Dieser Gimpel glaubt, daß wir ihm zur Verlobung gratu- i toten. „Wozu denn sonst?" ü>eißt du denn nichts?" fragen verschiedene Stimmen, werß von nichts, was zum Kuckuck, wollt ihr denn haben?" „Gebt ihmj den „Papierdrachen"! Die Morgennummer des „Paprerdrachen"!" schreit Wach Poterkiewics. Sie geben mir also die Rümmer des „Papierdrachen" und rufen dabei durcheinander: „Siehe unter den Depeschen!" Ich sehe in die Depeschen und lese folgendes: »Original-Telegramm des „Papierdrachen": Das Bild von 3. »Die Juden an den Flüssen Babylons" erhielt im drechahrrgen „Salon" die große goldene Medaille. Die Kritik sindet mcht Worte genug, das Genie des Meisters zu preisen. Albert Wolsi nennt das Bild eine Offenbarrmg. Baron Hirsch btetet fünfzehntausend Franks." ., „2ch werde ohnmächtig! rettet mich! Mein Verstand steht still, tch kann kein Wort hervorbringen. Ich wußte wohl, daß mir das Brld gelungen war, doch von einem solchen Erfolg habe ick nicht geträumt." Die Rümmer des „Papierdrachen" entfällt meinen Händen. Sie heben dieselbe auf und lesen mir aus den letzten Nach- richten folgende Kommentare zu den Depeschen: 1. Mitteilung. Wir erfahren aus dem Munde des Meisters, dah er die Absicht hat, sein Gemälde in unserer schönen Residenz auszustellen. „ ,2. Mitteilung. Auf die an den Meister seitens des Vizepräsidenten des hiesigen Kunstvereins gerichtete Anfrage, ob er es beabsichtige, sein herrliches Werk in Warschau auszustellen, erwiderte derselbe: „Es wäre mir lieber, mein Werk wäre in Paris nicht verkauft, als in Warschau nicht ausgestellt!" Wir hegen die Hoffnung, daß diese Worte von unseren Nachkommen auf dem Grabe des Meisters (gebe Gott, möglichst spät) werden gelesen werden. 3. Mitteilung. Die Mutter unseres Meisters ist infolge der Aufregung über die Depesche aus Paris schwer erkrankt. 4. Mitteilung. ‘Beim Abschluß dieser Nummer erfahren wir, daß das Befinden der Mutter unseres Meisters sich gebessert hat. 5. Mitteilung. Unser Meister erhielt aus allen Großstädten Europas die Einladung zur Ausstellung feines Gemäldes. ■Unter dem Druck dieser ungeheuerlichen Lügen komnre ich allmählich zu mir. Ostrzhnski, Redakteur des „Papierdrachen" und Exbewerber um Kazia, scheint den Verstand verloren zu haben, denn die Sache übersteigt in der Tat jedes Maß. Selbstverständlich werde ich das Bild zu allererst in Warschau ausstellen, aber ad. 1. habe ich noch niemand darüber etwas geäußert, ad. 2 hat der Vizepräsident des Kunstvereins an mich keine Anfrage gerichtet und habe ich ihm nichts geantwortet, ad. 3 ist meine Mutier vor neun Jahren gestorben, und endlich habe ich von nirgends eine Einladung zur Ausstellung meines Gemäldes erhalten. Aber im selben Augenblick durchzuckt mich auch der Gedanke: wie, wenn die Depesche ebenso wahrheitsgemäß ist, wie die fünf Mitteilungen! Ob nicht Ostrzinski, welcher vor einem halben Jahre von Kazia einen Korb erhalten hatte, obwohl die Eltern auf seiner Seite waren, mich gar zum Narren halten will? Dann wird er es mir „mit dem Kopfe bezahlen oder mit irgend etwas Aehnlichem", wie es im Libretto irgendeiner Oper heißt! Di« Kollegen beruhigeir mich mit der Versicherung, daß, wenn auch Ostrzhnski die Mitteilungen fabriziert hätte, die Depesche jedenfalls echt fein müsse. Da kommt Stach Klofewicz mit der Morgennummer des „Aequator". Die Depesche steht auch im „Aequator". Ich atme auf. Es beginnen nun neue Beglückwünschungen. Der alte Sludecki, ein grundfalscher Kerl, dabei füh tote Honig, drückt mir die Hand und sagt: „Bei Gott! Ich habe immer an Ihr Genie geglaubt und Sie verteidigt, tie&er Kollege — (ich weiß, daß er mich immer einen Esel genannt hat) — übrigens wünschen Sie es vielleicht gar nicht, bester Herr Kollege, daß ein solcher fa-presto wie ich, Sie Kollege nenne; wenn es der Fall ist, dann verzeihen Sie es, verehrtester Kollege, es geschieht, bei Gott, aus purer Ge- wohnhÄ!" Ich wünsche ihn in meinem Innern zum Teufel, aber bevor ich antworten kann, zieht mich Kanninfki zur Seite und sagt mir leise, jedoch so, daß ihn alle hören können: „Neber Kollege, toenm Sie Geld brauchen sollten, dann ägen Sie es mir und ich werde..." (Fortsetzung folgt./ Schristleitung: Dr. Friebr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«.