Gietzener Zamlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1925_________________ Samstag, den 15. August Nummer 65 Heimliches Glück. Don Alfred Huggenbergor. Die kleine Welt, die mich umgitxt, ist wohl nicht wert, daß man sie liebt. Ein armes Heim im Wies en grün, davor zwei Avsenbäumchen blühn. Die Grille zirpt in träger Ruh, ein Kornfeld träumt der Ernte zu. Kaum, daß vom Dörfchen, waldgekrönt, der Glocken Gruß herübertönt. — Wißt, daß ich doch ein Herz gewann, das meine Heimat lieben kann! Wißt, daß doch eine zu mir hält, ob auch mein Acker karg bestellt! Run schreit' ich singend hinterm Pfluge das Leben macht mich reich genug. Die Rosen plaudern Tag und Nacht vom Glück, das in zwei Herzen wacht., Aus dem alten Kopenhagen. Don Olt. Stokkebhe. Kopenhagen ist schön! ... Es kann einen berauschen und hinreißen wie ein strahlender Sommertag. Hub es kann uns weich und sehnsüchtig stimmen, wenn es sich in seine grauen Schleier hüllt. Sn seiner Gesamtheit ist es schön, — wer dürfte es wagen, Langelinie, dieser herrlichen Perle, den Dorrang zu geben? Oder dem lebensübersprudelnden Zentrum der Stadt mit seinem jagenden, eleganten Leben, oder dem stillen, vornehmen Frederiksberg, oder den traumverlorenen, verzauberten Slotsholm? ... Das ganze Kunstwerk Kopenhagen ist schön, und dennoch müssen wir es, um es lieben und kennenzulernen, einzeln, Glied für Glied betrachten und in seinen verschiedenen Kapiteln zu lesen versuchen! Der Teil Kopenhagens, den wir Slvtsholm nennen, ist bekannt als das älteste, vornehmste, ja, schönste Kopenhagen. Kopenhagen ist Hafenstadt und Reichsstadt, aber Slotsholm, welches ringsumschlossen vom Wasser daliegt, mit der Königsburg, dem Reichstag und den Ministerien, dieses Slotsholm ist dem Meere am nächsten, ist des Reiches Mittelpunkt. Hier spüren wir die Nähe Dischof A b s a l o n s, hier wandeln unsichtbare Schatten der Könige und Krieger, und im Meereswinde flüstern die Stimmen der Jahrhunderte . . . Ja, Slvtsholm ist eine stolze Sage von Menschen und Zeiten, von Macht und Hnglüd, ein großer Sang der Dänen und dänischen Lande. Hier waren einst die Laubgänge, in denen Königstöchter schritten. Und dort der blaue Turm, in dem Leonora Christine schmachtete. Absalon und Leonora — — Mann und Weib! Die großen Menschen, die zwei Ideale: der Kultus einer Ration kann keine stolzeren Gestalten mit seiner Verehrung umweben als sie und ihn! Slotsholm, wie es heule aussieht, wie stark es auf uns wirkt durch seinen Stil und die Stimmung, die über ihm liegt, wenn wir es besuchen! Ähbrvgade ist eine der schönsten Straßen der Welt! Die Kanäle mit den Obstalleen, das Rathaus aus den Zeiten des Absolutismus, das leichtäghptische Museum, an» gefüllt mit Thorwaldsens Mavknor, die ruhige, strenge Schloßkirche und endlich die Sonne, die immer über der Rhbrogade strahlt! Wie glitzert die Sonne dort unten auf Gamel Strand, auf den regennassen Marmorsteinen! Dort unten lärmen und handeln sie, während ich hier oben traumverloren in die goldenen Spiegel der Antiquitätenhändler starre . . . Hier verliere ich den Faden der Zeit und bin erfüllt von der ewigen Jugend. Gamel Strand . . . Ja, halte dir die Rase zu vor diesem entsetzlichen Fischgeruch! So hat es hier gerochen, jahrhunderte- lang. Dieser ist das älteste, das allerälteste Kopenhagen. Gin Doot neben dem anderen, Seite an Seite Hunderte von diesen schwarzen, schwimmenden Kisten! Hier sind wir in Kopenhagen. Der Fischmarkt . . . die Drücke . . . Kristiansborg . . . „Fest der Könige, der Träume Schloß Heber den alten Kanälen . . ." Kanäle, wie ist er feurig und verborgen, dieser Meeresarm, der die Stadt umklammert. Möwen fliegen hoch oben gleich großen Schmetterlingen. Zittert nicht die Glut der Elemente in ihren Lauten? Man geht langsam an der Brüstung entlang, bleibt, stehen, starrt ... Sieh, des Reithauses grünes Dach! Man geht vorbei an dem alten feinen „Prinzenpalais". Bei der Marmvrbrücke, wo die Königsreliefs über dem Spiegel der Kanäle zerfallen, zerbröckeln, gerät man wieder ins Träumen. Da liegen die zwei Pavillons herrlich in ihrem Verfall: da ist die Reitbahn, die große, öde, mit den Springwassern, die -nur selten springen, mit den Rittern, die nur selten dort reiten, mit ocn Bogengängen, der Liebespaare einsamen Kolonnaden . . . O, diese Marmorbrücke im Schummerlicht oder in finsterer, lautloser Rächt! Da schmeckt man das Meer: Aegenflut und Meereswind sind verschmolzen zu einer berauschenden At- mvsphäre. Und erinnerst du dich noch der Zeughausbrücke? Wie ist die Luft da blau an einem Tage zwischen Winter und Früh- tlng, wenn es zu dämmern beginnt. Hier liegen die Schiffe Der» suaken in Winterschlaf. Sie träumen so süß und so still . . . Doch rm März wenn das Treibeis zieht, kommt neues Leben über sie, Matrosen hängen in den Masten, Segel werden gerefft, und im April sind sie fort, „Konstance" . . . „Annemarie" . . . Hnd erst die Gebäude, die stolzen alten, die diesen Kanal zieren: Dort siehst du die Artilleriekaferne, Christians IV. Brau» öaue mit dem gewaltigen, weitausladenden Dach, und hier winkt ~retroner, die alte Festung. Hnd drüben ruhen auch des Zeuq- haufes Kanonen, Seite an Seite, ein schwarzes Heer. Ja. hier grüßt uns das Vergangene und Ferne, hier ahnen wir des Alters unvergängliche Jugend. (Erinnerungen an Wilhelm Oncken. Zur 20. Wiederkehr seines Todestages am 11. August. Von Helene Oncken. (Schluß., Berlin, 23. Rov. 18?5. Ich bin heute glücklich zu Wort gekommen, ohne durch den Präsidenten unterbrochen zu werden und mit dem Erfolg, daß sich eine ganz lange Debatte anschloß, in welcher den Schwarzen grimmig zu Leibe gegangen wurde. Ich habe meine Rache genommen und bin seitdem ein anderer Mensch. Berlist, 24. Rov. 18t5. Während meiner Rede und der Debatte, die sie veranlaßte, war Fürst Bismarck anwesend, der ganze Bundesrat und die Tribünen voll. Wenn Du sie zu kurz findest, so überlege, daß ich sozusagen den „Strick um den Hals" hatte: in meinem Rücken stand der Präsident, wie mir andere erzählten, die Hand an der Glocke, das Zentrum tobte wie gewöhnlich, ich hörte schon einen leisen Glockenklang, der den lauten vorherzugehen pflegt, so eilte ich denn Über Stock und Stein und brachte denn auch alle Pointen richtig heraus, ehe ich schloß. Bravo hatte ich nicht, wohl aber den glänzenden Erfokg, daß, sowie Reichensperger geantwortet hatte, die ersten Redner des Hauses: Bamberger, Deseler, Löwe und Geh. Rat Herzog über ihn herfielen, um ihn ganz in meinem Sinne vollends kleinzumachen, während ihm kein einziger von feiner Fraktion zu Hilfe kam. Es war ein kleiner Kulturkampf, den ich hervorgerufen hatte, wahrscheinlich der einzige, der in dieser Session Vorkommen wird. Hehl und Heck sagten mir, sie hätten im Anfchauen der erhobenen Glocke des Präsidenten schreckliche Angst um mich ausgesianden und der ganzen Partei sei eS so gegangen. Gott sei Dank, daß es gut abgelaufen ist, ich habe meinen Mut wieder und das ist die Hauptsache. In dieser Sitzung sind übrigens nicht weniger als drei Abgeordnete hintereinander durch den Präsidenten gezwungen worden, mitten in der Rede aufzuhören. Wie hätten die Schwarzen sich gefreut, wenn es mir auch so gegangen wäre. Berlin, 3. Dez. 1875. Ich wollt', es wäre Abend, sagte Wellington zu Waterloo. Ich wollt', ich wäre zu Hause, sage ich heute, tief bekümmert durch die heutige Sitzung des Hohen Hauses. Erschrick nicht, deinem Mann ist nichts geschehen und doch ist er tief verwundet. Heute hat Fürst Bismarck aus Anlaß der unseligen Strafgesetznovelle eine Rede gehalten, die ungefähr besagte: Wenn ich könnte, so würde ich die Rativnalliberalen lieber heute als morgen in die Lust sprengen. Da ich es nicht kann, so verschiebe ich den Kamps bis zu den Neuwahlen im nächsten Jahr, und als der Abgeordnete Hänel in einer meisterhaften Rede sagte: Der Herr Reichskanzler hat ausgesprochen, daß er in der bisherigen liberalen Mehrheit feine Stütze nicht mehr suchen will, da hat — 258 — eiskalt im Saale war. Berlin, 8. Dez. 1875. ten und ihn nicht kannten. Einer derselben sagte: Wir haben einen Landrat! Der hatte längst Minister werden können, aber er hat nicht gewollt. Darum haben wir jetzt 1300 Taler zusammen» geschossen, um sein Fest zu verherrlichen. Die Landräte sind eins der ältesten Ehrenämter der preußischen Monarchie. Bei Süddeutschen Liberalen sind sie meist verschrien wie französische Präfekten. In Preußen sind sie mit wenig Ausnahmen ungemein populär. — Natürlich übergeht die Nationalliberale Korrespondenz meine größere Rede vollständig, denn ich gehöre Den Konflikt mit Bismarck haben meine Meunde schließlich j doch viel leichter genommen. Heute spricht schon kein Mensch | mehr davon und auf der letzten Soiree ist ganz unbefangen davon | die Rede gewesen. Mir war es ganz unmöglich, hinzugehen. | Bon den übrigen scheint keiner gefehlt zu haben, und es ist auch | wahrscheinlich, daß Bismarck es sich zchnmal überlegt ehe et I seiner Drohung Folge gibt. Denn er ist eben nichts ohne uns. i Berlin, 11. Dez. 1875. Endlich habe irtsch^P-ofess°-s^AS^L Franzosen sonst im hohen Tenor odm gar im schrillen Dostam | ,u sprechen vileacn Der alte Thiers sei noch immer ww I Mfc WÄt Frankreichs. In seinen Salons ver- Dismarck nicht ividersprochen, so daß also morgen in alten Zeitungen zu lesen sein wird: Zwischen dem Reichskanzler um» dem Reichstag ist der Krieg erklärt, wann er cuisbrechen totro, ist nur eine Frage der Zeit, lieber diese Wendung bin ich so unglücklich, daß ich, wenn es ohne Schaben für die Sache g^. schehen könnte, noch heute abend mein Mandat niederlegen würde. Das geht aber nicht, ich muh noch- aushalten, aber langer als diesen Reichstag, der mit nächstem Jahr zu Ende geht, bleibe bttiÄ innert Reichstag cingrtreten^alT ehrlicher Liberaler will I ju^ben “jüngeren^ und Siefen darf niemals ein Lob gespendch icb idn verlassen 3um Kampf gegen den größten Diplomaten ! werden. Wer nicht Lasker, Bamberger, Rickert usw. heißt, tut. Berlin, 6. Dez. 1875. I unserer Partei aus. Ülm 5 Ülhr war ich in einer Gesellschaft bei Hehls, hier I lernt man zweimal hintereinander zu Mittag essen. Bei Hehl habe ich mich zunächst dadurch revanchiert, daß ich 'hm em elegant gebundenes Exemplar meines Aristoteles habe zuschicken | lassen, worüber er ungemein erfreut war, da er gerade jetzt ; politische Studien treibt. Heute war ich zum, Diner bei Delbrück. ] Hie Räume im Reichskanzleramt sind herrlich, die ärau höchst liebenswürdig. Ich saß neben Exzellenz Darnbuler, der mir ungemein viel Interessantes über den König von Württemberg mitteilte. Auf meine Frage, warum er eigentlich im Jahre 1870 entlassen worden sei, erwiderte er: weil einer meiner Sekretäre, einer Diakonissin in anständiger Weise den Hof gemacht hat. Als der König das erfuhr, hat er in so gemeinen AusLruaen über mich geschimpft, daß ich meine Entlassung gab, um ihm zu zeigen, daß er einen Ehrenmann mißhandelt habe. Seitdem habe ich oft Einladungen zu Hofe erhalten, aber jede abgelehnt. Der ehemals so parttkularistische Minister sagte: Ich danke ®tnt, daß dem Unfug an den kleinen Höfen durch das Deutsche Reich ein Ziel gesetzt worden ist. In einem großen Staat findet die königliche Willkür ein Gegengewicht an einer mächtigen öffentlichen Meinung. In einem kleinen hat man die Willkür ohne das Gegengewicht. Wie sehr hat der Mann recht. Bon Kaiser Wilhelm sprach er mit der höchsten Verehrung, er meinte gerade wie ich auch, daß er als Kopf und Charakter vielfach unterschätzt werde. Heute wie vorgestern hat der Reichstag eigentümliche-, Pech gehabt. Am Samstag muhte die Sitzung unterbrochen werden, weil es im Hause brannte, heute konnte gar keine Sitzung fein, weil es infolge einer neuen Benttlattvnseinrichtung Astronomie und Philosophie Berlin 16. Dez. 1876. sommes perdus! Wien, 4. April 1877. die Hände reichen. Berlin, 23. März 1897. der Nation. Wien, 25. März 1877. Wien, 27. März 1877. Schopenhauer. Wien, 3. April 1877. Dom Arbeitszimmer des Fürsten Metternich aus schreibe ich Sir die ersten Zeilen nach der Karte, die Dich von meinem ersten Erfolge unterrichtet hat. Ich schwelge hier in urchnmlischen Schätzen seltenster Art. Von morgen an ist meine Arbeitsteilung folgende: ihn 9 Ähr Kriegsarchiv, um 11 Ähr Slaatsarchw, um 12 Ähr Metternich Diese drei Archive sind durch beachtliche Entfernungen getrennt, aber die Dewegung ist nur gesund, und was ich selbst nicht abschreibe, lasse ich durch andere klieren. Ich habe Dir vom letzten Sonntagabend 6eun Fürsten Metternich Bericht zu erstatten. Der Abend war einer Vorlesung gewidmet, welche eist junger Philosoph namens W<^dmann aus Ängarn vor Mitgliedern der höchsten Aristokratie halten sollte. Sie Gesellschaft bestand denn auch aus lauter Grafen und Gräfinnen. Kinsky, Zichy, Boncheller, Szecheny, Rothschild Seilern usw. Vor Beginn des Vortrags wurden Zigarren und Havanna- ziaarren herumgereicht, jede der Damen steckte sich nicht eine Aiyuireu ' ____ n=®TimmftenaeI ejigareire, Ivnoern nuw «w«o ~ -- ■, ins Gesicht und qualmte mit ledem Herrn um die Wette, wahreiw der Redner sprach Der Redner selbst ist ein ganz merkwürdiger Mensch, ein blutarmer Judenjunge aus Peterwardeni, der me- mals eine Schule besucht, als Kind nur dadurch lesen gelernt hat daß er an den Ladenschildern, deren Inhalt er durch Hörensagen kannte, sich die Buchstaben und ihre .Unterschiede ang^igi^ hat der seit sieben Jahren von den Almosen reicher 3uixm in Wien lebt und ohne Lehrer und Anleitung, lediglich durch unablässiges Studium auf der Hofbibliothek sich r ein umfassen^s Wissen in Raturwissenschasten, Philosophie, Geschichteund selbst Musik angeeignet hat, dabei ein durch und durch begmsterter und nicht wenig beredter Denker. Gr sprach Wer den Philosophen Kaiserin mit den Worten: Madame, il saut partir, am Arm gepackt, als sie nicht fortwollte. Ritter Nigra nahm sie am anderen Arm und so ging es durch die Gänge des Schlosses bis zu einem Hof, wo ein Fiaker die gestürzte Kaiserin aufnahm, während der Pöbel bereits über die Gitter stieg. Er sagt positiv, die letzte Maitresse des Kaisers Marguerite Dellanger habe den alten Wüstling vollständig zugrunde gerichtet gehabt, so daß er physisch und moralisch bereits ein Leichnam gewesen sei, als er zur Armee abreiste. Sein erster Bries aus Metz, rwch ehe die erste Schlacht geschehen war, sagte der Kaiserin: Nous Meinem gestrigen Brief schicke ich heute einen Bericht über das Theaterfest bei Metternich nach. Die Gesellschaft umsaht etwa 150 Personen, lauter höchster Adel. Gleich nach meinem Eintritt stellte mich der Fürst dem Grafen Andrassy vor, der meine Bekanntschaft zu machen wünschte, und sich höchst freundlich über mein Buch unterhielt. Gleich darauf brachte die Gräfin Zichy den Erzhherzog Albrecht herbei, der mich gleich faW wegen meines Buches kennenlernen wollte, und mir darüber die ausgesuchtesten Artigkeiten sagte, aber wie ein Wann von Kenntnissen: tote er denn gleich Andrassy den Eindruck eines bedeutenden Kopfes macht. Der Sieger von Custozza ist ein Mann von meiner Gröhe, ganz grauem Haar und der bmanitten grotzen habsburgischen Änterlippe, die auch das schöne Gesicht des unglücklichen Kaisers Max so sehr entstellt hat. An hen enorm leichten Ton, der in diesen Kreisen herrscht, muh man sich erst gewöhnen. Ich habe oft an Spielhagen denken müssen, der beweist, dah in diesem Punkt „Nord und Süd sich brüderlich! Heute morgen hat mir Fürst Metternich di« Geschichte der Kaiserin Eugenie erzählt, wie er mit dem Ritter Rigra zusammen am 3. September 1870 nach dem Tage von Sedan ihre Rettung aus den Tuilerien besorgte. Er wuhte sehr Interessantes zu melden, was mir ganz unbekannt war. Er Wtt ma den ich darum gebeten hatte. Sie ist etne höchst interessante Frau, nicht groh von Wuchs, nicht blendend schön, nnt braunem Haar und geistfunkelnden Augen, höchst fesselnd und .getst^tchlm Gespräch, ohne eine Spur von Affektation, Koketterie noch! Blaustrumpf. Dasselbe gilt von der Stiefschwester des Fürsten, der Gräfin Zichy, die bei einem Alter von etwa 40 Saferen einen schneeweissen Bubenkopf hat nach Herrenart kurz geschnitten. sammelten stch noch heute jeden Abend-sämtliche politischen und wissenschaftlichen Kapazitäten des In- und Auslandes, die sich in Daris aufhaltew Wan könne dort aus allen Winkeln Europas Neuigkeiten erfahren und Thiers selbst sei bis auf die Konsulatsberichte von allem, was eingehe, höchst genau unterrichtet. Zum öffentlichen Reden habe er keine Stimme mehr, im übrigen sm er noch jugendlich rüstig und gesprächig und b^chäftige sich in seinen Mußestunden, d. h. von morgens 5 Ähr ab mit Gestern abend ist in unserer Fraktion die Entscheidungin Sachen der Justizgesetze gefallen. Änseve Führer Bennigsen, Miquel, Lasker teilten das Programm mtt, auf dessen Grund sie nach dreitägigem Kampf mit Bismarck und Leonhard «neu Ausgleich zustande gebracht. In einer tief ergreifenden Rek^, die mit den Worten schloß: „Seid einig, einig, einig! empfahl Miquel die Annahme. Lasker tat ein gleiches und Bennigsen schilderte das Verhältnis Bismarcks zu den Gesetzen und zu unserer Partei. Es herrschte Andacht wie in einer Kirche, schließ- lich g ieu?|i iu\yi uvmwuvi, , ~... ■ mtt den Worten: Da steht der Warm, dem wir so viel zu vanien Eben bin ich der Fürstin vorgestellt worden durch den Fürsten, Majestät, das beste hat Wilhelm der Große selber fv™ Kntnrm naEoten Enfte Sie ist eme höchst interessante grau, | pa „ wundervolle Briefe Ew. Majestät herausgegeben, die namentlich in Süddeutschland so tiefen, tiefen Eindruck gemacht haben. Das schien der Kaiser gern zu Horen Da sagte er das ist merkwürdig, daß mein Großtmter, der für die Ber körperung des einfeitigften Preußentums gegolten hat, der auch gar nicht Kaiser hatte werden wollen, Wießlichals der letzte Preußenkönig, ein solch durch und durch deutscher Kais«: geworden ist. Die Tischrede des Kaisers wird leüem Le er ebenso tote alle Hörer, als ein Meisterwerk anerkennen Sie steh buch- stäblich so in der Zeitung, tote wir sie «ehort h-chen, si« hat ganz ausgezeichneten Eindruck gemacht und ber Äaif^r ßorte ÄZ, als ihm auf eine Frage nach dem Eindruck MiquÄ und ich ihm dies übereinstimmend bezeugten. Es wird dadurch die Verstimmung einigermaßen gehoben werden, die seE neu» liche Märkerrede hervorgerufen hatte. Die Aeußerung des alten Wilhelm, die er darin verwertete, hat er aus meiner sestschris st narren berumaereichl, leoe oer e/uuivn iixu-nt i«v "“"v* - i afeich auf der ersten Sette entlehnt, was ich mit innigem Z^arette, sondern einen ganz großen Havannto-Glimmsten^l g konstatieren konnte. Der Großh^^ ^st Ludwig d«n - 9 - ^drend I Getümmel plötzlich gegenuberstand, streckte mir beide Ha^e entaeaen um mich zu begrüßen, und sagte auch, als ich Mit oer Prinzessin von Hohenzollern sprach, mitten inS Gespräch hinein. CTXtaSer gewesen. Der Großherzog tanag fvireft von Bukarest, wo er, tote er nur sagte, mtt König xatL sehr viel über mich und meine Schnft gesprochen hatt . Großherzog von Sachsen-Weimar begrüßte mich gleichfalls aufs Skbtte unb sagte: Ihr Heldenkaiser ist ausgezeichnet. Ihr gehört ^r Nation, das von Degas gehört nur den Berlinern. Im übrigen erregt es Aufsehen, daß der Ka s beiden einen und denselben hohen Ord«i verliehen h - d. Z$baS als die beiden Denknmlstifter -gm torfig. Dm' heutige Festzug ist bei Machtvollem Kaif^wEr gleichfalls sehr wohlgelMgen. Die Haltu^ der — 260 — Der Schuh von der Kanzel. Von Conrad Ferdinand Meyer. (Schluß,) .SchweigtI“ fuhr ihn der General zornig an; denn der alte Schimpf jener aufgehobenen Velagerung brannte jetzt noch auf seiner Seele, ja schärfer als früher, als Ware er mit jener Tinte verzeichnet, die erst nach Jahren schwarz und unveriilg- lich hervortritt. Doch er beherrschte sich und wechselte den Don. „Etwas Konfusion gehört zu jeder Komödie," sagte er, „aber wenn sie ihren Höhepunkt erreicht hat, muß ihr eine rasche Wendung zu gutem Schluffe Helsen, sonst wird sogar die Verrücktheit langweilig. m ,, , Herr Pfarrer und liebe Nachbarn! Gestern bis tief in die Nacht habe ich an meinem Testamente geschrieben und es Schlag zwölf Uhr unterzeichnet. Ich kenne Euer warmes Interesse an allem, was ich tue, lasse unb, Nachlasse; erlaubt denn, daß ich Euch einiges daraus vorlefe. Er zog eine Handschrift aus der Tasche und entfaltete sie. Den Eingang, wo ich ein bißchen über den Wert der Dinge philosophiere, übergeh' ich... Wenn ich, Rudolf Wertmuller, jemals sterbe..., doch das gehört auch nicht hierher, ... er blätterte weiter. „Hierl Schloß und Herrschaft Elgg, die ich aus den redlichen Ersparnissen meines letzten Feldzuges erworben, bleibt als Fideikommih in meiner Familie, usw. Item _ Sintemal diese Herrschaft eine treffliche aber vernachlässigte Jaad besitzt und eine mit den Veutestücken eben lener Kampagne versehene, aber noch unvollständige Waffenkammer, so verfüge' ich, daß nach meinem Ableben mein Vetter, der Herr Pfarrer Wildert Wertmüller, benanntes Schloß und Hwrschaft bewohne und bewerbe, die Jagd herstelle, die Waffenkammer vervollkommne und überhaupt und in jeder Weise bis an fern Ende frei darüber schalte und walte, wenn anders dieser geistliche Herr sich wird entschließen können, sein in Mhthikoir habendes Amt niederzulegen und antistite probante an den Kandidaten Pfannenstiel zu transferieren, welchem Kandidaten ich mein Patenkind, die Nahe! Wertmüllerin, zur Frau gebe, nicht ohne die väterliche Einwilligung jedoch, und mit Hinzufügung von dreitausend Zürchergulden, die ich denr Fräulein, in meinen Segen eingewickelt, hinterlasse." „Uff", schöpfte der General Atem, „diese Satze! Erne verteufelte Sprache das Deutsche!" — Der Pfarrer kam sich vor wie ern Schiffbrüchiger, den dieselbe Welle begräbt und ans Land trägt. Seine verhängnisvoll« Leidenschaft abgerechnet, ein verständiger Mann, erkannte er schort, daß ihm der General den einzigen und dazu einen höchst angenehmen Weg öffne, der ihn aus Schimpf und Schande führen konnte. . , Er drückte seinem Liebel- und Wohltäter nut einer Art von Rührung die Hand, und dieser schüttelte sie ihm mit den Worten: „Komme ich durch, so soll es dein Schade nicht sein, Detter! Ich tue dann, als wär' ich tot, und installiere dich als mein eigener Testamentsvollstrecker in Elgg!" , Die Mythikoner aber lauschten gleichsam mit allen Gliedmaßen, denn es schwante ihnen, daß jetzt sie an die Reihe kämen, beschenkt zu werden. „Ich vermache den Mhthikern," fuhr der General fort und sein Bleistift flog über das Papier in seiner Linken, denn er skizzierte den durch die Eingebung des Augenblickes entstandenen Paragraphen, „denen Mhthikern vermache ich jene in ihre Gemeindewaldung am Wolfgang eingekeilte, zu zwei "Dritteln mit Nadelholz, zu einem Drittel mit Buchen bestandene Spitze meines Desitztumes, in der Weise, daß die beiden Marksteine des Gemeindegutes zu meinen Ungunsten durch eine gerade Linie verbunden werden." — „Heute noch — auf Ehrenwort und vor Zeugen — erhält dieser Zusatz mit meiner Unterschrift seine Endgültigkeit," erklärte der General, „in der Meinung jedoch und unter der Bedingung, daß der heute, wie eine unverbürgte Sage geht, in der Kirche von Mhthikon abgefeuerte Schuß zu den ungeschehenen Dingen verstoßen und, soweit er Realität hätte, mit einem ewigen Schweigen bedeckt werde, welches sich die Mhthiker eidlich verpflichten, weder in diesem Leben zu brechen, noch jenseits des Grabes am jüngsten Tage und letzten Gerichte." Der Krachhalder war während dieser Mitteilung äußerlich ruhig geblieben, nur die Nasenflügel in dem übrigens gelassenen Gesicht zitterten ein wenig und seine Fingerspitzen hatten sich um ein Kleines einwärts gebogen, als wolle er das Geschenk festhalten. „Herr General, so wahr mir Gott helfe!" rief er jetzt und hob die Hand zum Schwure; Wertmüller aber schloß: „Widrigenfalls und bei gebrochenem Schweigen ich dies Vermächtnis bei meiner Rückkehr aus dem bevorstehenden Feldzuge umstohen und vertilgen werde. Wäre mir dies nicht möglich wegen eingetretenen Sterbefalles, so schwöre ich, mich den Mhthikern als Geist zu zeigen und zur Strafe ihres Gidbruches zwischen Zwölf und Eins ihre Dorfgasse abzupatrouillieren. — Werbet Ihr die Bedingung erfüllen können, Krachhalder?" „Unwitzig müßten wir fein,* beteuerte dieser, „wenn wir nicht das Maul hielten!" „Lind Eure Weiber?" „Dafür uns Mythikoner sorgen," sagte der alte Bauer ruhig und machte eine bedeutungsvolle Handbewegung. „Aber, Krachhalder, stellt Euch vor, ich sei aus dem Reiche Mrück," sagte der General freundlich „wir fttzen unter meine» Veranda, ich lege Euch fo wie jetzt die Hand auf die Schulter, stoße mit Euch an und wir plaudern allerlei. Dann sag' ich so im Vorbeigehen: Jener Schuh hat gut gekracht!"... „Welcher Schuß? — Das lügt Ihr, Herr General!" rief der Kirchenälteste mit einer sittlichen Entrüstung, die komischerweise durchaus nicht gespielt war, sondern das Gepräge vollkommener Aufrichtigkeit trug. Wertmüller lächelte zufrieden. „Jetzt heim, Ihr Männer!" mahnte der Alte. „Damit kein Unglück geschehe, muß in einer Viertelstunde das ganze Dorf wissen, daß ber Schutz... will sagen, daß wir heute eine gute Predigt gehabt haben." Er drückte dem Pfarrer die HandUnd Euch, Herr General," sagte er, „reiche ich sie als Eidgenosse." „Verzieht einen Augenblick," befahl Wertmüller, „und selb Zeugen, wie ein glücklicher Vater zwei Hände zusammenlegt. Der Vikar kann nicht ferne fein. Trogen mich nicht die Augen, so sah ich ihn von weitem über eine Hecke voltigieren mit einem Salto, den ich ihm nie zugetraut hätte." „Rahel, mein Kind, schnell!" rief der Pfarrer durch die geöffnete Tür ins Haus hinein. „Gleich, Vater!" scholl es zurück; aber nicht aus dem Inner« der Wohnung, sondern von außen durch das Weinlaab deS Bogenganges herauf. Rasch blickte der General aus dem Fenster und gewahrte durch das Blattgitter seine Schützlinge in einer Gruppe, die er sich durchaus nicht erklären konnte. <• „Hervor, Hirt und Hirtin, aus Arkadiens Lauben!" rief der alte Soldat. Da schritt Rahel unmutig errötend unter dem schützenden Dlätterdache hervor und betrat mit Pfaimenstiel, den sie mitzog, ein kleines von Edelobstbäumen umzogenes Rondell, das hart vor den Fenstern der Studierstube lag, aus denen der General mit den neugierigen Kirchenvorstehern herunterschaute. Das Fräulein hielt eine Nadel in der geteilten Hand und befestigte vor aller Augen einen herabhängenden Knopf am Rocke des Kandidaten. Sie ließ sich in der Arbeit nicht stören. Erst nachdem sie den Faden gekappt hatte, heftete sie die braunen Augen, in denen Ernst und Uebermut kämpften, fest auf ihren wunderlichen Schutzgeist und rief ihm zu: „Pate, Ihr habt mir in kurzer Zeit den Herrn Vikar fast zerstört und zugrunde gerichtet. Wohl muht' ich ihn wieder in Ordnung bringen, damit er vor Gott und Menschen erscheinen könne! Was aber habt Ihr mit dem obersten Knopfe angefangen, der hier mangelte und den ich durch einen des Vaters ersetzen mußte? — Schafft ihn zur Stelle, oder. . ." Sie erhob die Nadel mit einer so trotzigen und blutdürstigen Gebärde gegen den General, daß die Männer alle in schallendes Gelächter ansbrachen. Nach wenigen Augenblicken traten Pfannenstiel und Rahel vor den Pfarrer, der sie verlobte und segnete. Als aber die vergnügten Kirchenältesten sich entfernt hatten, gab der würdige Herr seinem künftigen Schwiegersöhne noch eine kurze Ermahnung: „Was war das, Herr Vikar? An der Kirche vorüberschlüpfen, abgerissene Knöpfe! . . . Wo bleibt da die Würde, das Amt?" Dann wandte et sich gegen den General: „Ein Pärchen!" sagte er, „nun das andere! Gebt her, Detter!" Und er langte ihm ohne Umstände in die Rocktasche, hob daraus das hartspielende Pistol, zog dann das in der Kirche entladene leichtspielende aus der feinigen und hielt sie vergleichend zusammen. So begab es sich, daß der Schutz von Mhthikon totgeschwiegen und, im Widerspiel mit dem Dellenschusse, aus einer Realität zu einer blassen wesenlosen Sage verflüchtigt wurde, die noch heute als ein heimatloses Gespenst an den schönen Ufern unseres Sees herumschwebt. Aber auch wenn die Mythikoner geplaudert hätten, der General konnte sein Testament nicht mehr entkräften, denn er hatte die Eichen der Au zum letzten Male gesehen. Sein Ende wat rasch, dunkel, unheimlich Eines Abends beim Lichteranzünden ritt er mit feinem Gefolge in ein deutsches Städtchen ein, stieg im einzigen schlechten Gasthofe ab, berief den Schöffen zu sich und ordnete Requisitionen an. Ein paar Stunden später wurde er plötzlich von einem Krankheitsanfalle niedergeworfen und Schlag Mitternacht hauchte er seine seltsame Seele aus. Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.