Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, den November Nummer 91 Jean Paul. Don Friedrich Theodor Bischer. O du, dem unter Narrheit, unter Witzen der Sehnsucht Zähren an der Wimper blitzen, in Scherz und Schmerzen schwärmender Bacchant! Der Kunstform unbarmherziger Vernichter, du Feuerwerker, der romanische Lichter, Raketen aufwirft, Wasser, Kot und Sand! O du, dem hart am überschwellten Busen ein Spötter wohnt, ein Plagegeist der Musen, der Todfeind des Erhabenen, der Verstand! Grabdichter, Senseitsmensch, Schwindsuchtbesieger! Herz voll von Liebe, sel'ger Freudebringer in armen Hüttchen an des Lebens Strand! Du Kind, du GreiS, du Kauz, Hanswurst und EnMl, durchsichtiger Seraph, breiter Erdenbengel, im Himmel Bürger und im Baherland! Komm, laß an deine reiche Brust mich flirten, komm, laß uns weinen, lab uns lachen, trinken, in Bier und Tränen mächtiger Kneipant! Goethe" war. Anders als dieser hat er auch nach der Riederlags von 1806 mit Wort und Schrift der Wiederaufrichtung seines Volkes zu dienen gesucht. Sn ihm war der ursprüngliche, chaotische Reichtum des Llniversums, er war unmittelbar der bunten Vielfalt des Lebens verbunden und fühlte keinen Schwindel in dieser schwebenden, nirgendwo abgegrenzten Lage, weil er die Gottheit als tragenden Faktor der Welt empfand, eine Gottyeit, deren Wesen eben das Richtabgegrenzte, Unendliche. Tausendfältige war, und von der auch Goethe in der tieferen Region seiner Seele wußte. Deswegen war das Endliche, Begrenzte, Gestalthafte des antiken Formprinzips für Sean Paul nicht maßgebend. Er wollte nicht zur klaren älmrissenheit fester Formen gelangen, sondern sich die lyrisch-musikalische Empfänglichkeit gegenüber den Schwingungen deS Kosmos und der See« erhalten. Nordisches und südliches Wesen treten hier deutlich einander gegenüber. Daher kann man ihn einen Realisten nennen, well er dts Wirklichkeit wiedergäb, freilich durchleuchtet, so wie fein feeten- hastes Auge sie aufsing, aber unbekümmert um Dogma und Regel. Deswegen ist er der Meister der Farben und Klänge, der Stimmungen und älebergänge, der Träume und Visionen, neben dessen Bildern die Goethes nüchtern und erdacht anmuten. D^wegen thront nach den schönen Worten Gottfried Kellers bei ihm »inmitten der Abendröten und Rogenbogen, der Lilienwalder und Sternensaaten, der rauschenden und blitzenden Gewitter, inmitten all des Feuerwerks der Höhe und Tiefe, in diesm faumlosen, schillernden Weltmantel gehüllt der Unendliche, groß, aber voll Liebe, HMg, aber ein Gott des Lächelns und des Scherzes, furchtbar von Gewalt, doch sich schmiegend und bergend in eine Kinderbrust, hervorguckend aus einem Kindesauge, tote das Osterhäschen aus Blumen". Don diesem zentralen Punkte aus ist Sean Paul zu erfassen. Er ist in Vollhafter Religiosität so tief verwurzelt, wie sonst nur Dostojewsky. Die Folgezeit hat sich auf verlchiedenen Wegen um die Enträtselung dieses ihr immer unerklärlicher vor- kommenden Phänomens bemüht. Zu seinen Lebzeiten und nachher war et der Liebling der Ration. Gneisenau und die Freiheits- kämpfer von 1813 nahmen seine Bücher mit ins Feld. Fürsten Adel, Frauen huldigten dem Genie des armen PfarrerssohirÄ aus dem Fichtelgebirge. Die junge Generation, deren Wort- führet Ludwig Börne, ihm jenen berühmten Rachruf widmete, erkor den Dichter der Armen und Gedrückten im Lande zu ihrem Heros. Robert Schumann lebte und webte in der Musikalität seines Werkes. _ ,r „ r . Aber danach war man nur mehr fähig, Teilzuge und AuAn- seiten von ihm zu erfassen, der in seiner Art, den deutschen Geist aus der deutschen Derwinkeltheit und EingesponuenhMt herzuleiten, noch einmal mächtig in Wilhelm Raabe auflebte, doch da schon, ohne die Ewigkeit zum Hintergründe zu haben. So wurde er, der neben die niederländische Kleinmalerei deS Wuz" die südländische Szenerie, den romantischen Hellenismus des „Titan" zu stellen vermocht hatte, in den Augen der Nachwelt zum Poeten der Sdylle oder der romantischen Eigen- brödelei; und der neue Rationalismus des anbrechenden Maschinenzeitalters fühlte sich noch am ehesten in den satirisch- humoristischen Partien der „Flegeliahre und des „Katzenbeiger' heimisch, die aus einem ihm verwandten Geiste erzeugt waren. Sm Laufe des neunzehnten Sährhunderts hatte sich eine Wandlung des deutschen Menschen vollzogen, er war ins entgegengesetzte Extrem umgeschlagen und hatte sich.dem Dienst E irischen, vom Ewigen losgelösten Mächte verschrieben. Damit ist das säst völlige Verschwinden Sean Pauls aus dem allgemeinen Bewußtsein zu erklären. Nur abseitige Naturen, tote Paul de Lagarde, hielten ihm die Treue. Erst die Lockerung des deutschen Wesens, die gegen Ausgang dieses Zeitraumes der Herrschaft eines erstarrten Klassizismus ein Ende machte, die Volkstum, Lyrismus und Romantik wieder emporhob und damit nuw langvergessene oder verkannte Dichter, tote Mörike, Keller und Hölderlin, zu Ehren brachte, lieh uns von Neuem empfänglich für die einzigartige Bedeutung Sean Pauls werden. ©tcfait George hat in einer Periode eigenen lyrisch-musitalischen Schaffens den „Meister der fränkischen Hügellande für uns entdeckt, um ihm den Platz anzuweisen, „den die falsch, ,ubA- blickenden Geschichtsschreiber nie für ihn finden konnten . Er hat ihn schon als den Antipoden der Klassik erkmmt^ ,. Entgegen den Formend-Antiken und Begrifflichen der Goetheschen Erfüllung bietet er unserem Schrifttum das Farbige und Klangliche, das wir ohne ihn in der Dollendung entbehren mutzten, und aus seinen Schöpfungen allein ergibt sich die Möglichkeit Jean Paul und wir. Zum 100. Todestag des Dichters. — 14. November 1825. Don Mario Krammer. Smmer wieder macht sich int Ablauf der deutschen Geschichte das polare Gesetz unserer mitteleuropäischen Lage geltend, wonach wir auf der einen Seite über einem Saht tausend Angespannt in den antik-romanischen Kulturkreis des Abendlandes, dessen Hervorbringungen vom Hexameter bis zur Staatsidee, lassen nommen und eingedeutscht haben, und auf der anderen Seito doch ein Doll ganz für uns sind von einer seltsam elgenbrod- lerischen, romantischen Sonderart, die dem Westeuropäer intmei ein unheimliches Rätsel bleiben wird. Ein international-r Maßstab zur Abschätzung unserer geistigen Erzeugnisse wird sich hier- nach kaum finden lassen, da unser eigentümlichstes Gut unmetzbar, unvergleichbar, in der Regel nur uns selbst zugänglich ist. Me engere Fühlung mit der europäischen Gesittung war begreiflicherweise immer bei den herrschenden Schichten der Gesellschaft, bei den benediktinischen und franziskanischen Gliedern der allgemeinen Kirche, bei den Rittern und Fürsten und beim humanistisch gebildeten Bürgertum. Shi^ „Kultur hat lewLilS unter dem Einfluß der lateinischen und hellenischen Antike, der romanischen Epik und Lyrik, der Philosophie NordfrankreiM und des römischen Rechts gestanden. Goethe und George, noch ausschließlicher und doktrinärer Schiller und Humboldt sind die letzten machtvollen Verfechter dieser Kulturidee gewesen, die im Anschluß an fremde Norm das Heil sah. Aber immer wieder haben sich daneben und dagegen aus der Tiefe Kräfte und Gebalte des Volkstums geltend gemacht, das vom Wandel der Oberen mehr oder weniger abgetrennt sein eigenes Leben dahinführte. Sn diesem Sinne hat es von jeher zwei Literaturen bei uns gegeben. Dabei wurden Stoffe des Volkstums, wie die Heldensage, auch mit in den Kreis der höheren Bildung gezogen. Stets war dem niederen Volke — bei uns tote in Rußland ein unmittelbares Verhältnis zum Ewigen eigen; immer wieder hat es. in der Mystik wie bei Luther und im Pietismus, erlebnismäßig den echten Gehalt der Religion zu erfassen und aus feinen gesellschaftlichen, dogmatischen, rationalen Banden zu losen ein Kind dieses abseitigen, noch gefühlsselige!! und wundergläubigen niederen Volles ist Sean Paul Friedrich Dichter (geb. 1763) aufgewachsen und stellt so, tote man mit Recht gesagt hat, den grohen Gegenspieler Weimars dar. Er hat auch int Leben wohl ein herzliches Verhältnis zu den ihm wesensverwandten Herder, kaum zu Goethe, nie aber zu Schiller und Kant finden können. Das begrifflich-rhetorische, rildungsmähige Wesen des „felsigen", männlichen Schwaben war feiner lyrischen Art entgegengesetzt, wie wiederum Schiller nichts so fern lag, als die idyllische, mystische Kleinwelt des Franken, jene dumpfe deussche Atmosphäre, aus der er gerade das Volk in die hellere und leichtere Luft der Griechen hinaufteihen wollte. Durch diese Verankerung fti der Wirklichkeit volkstümlichen Lebens stand Sean Paul der Romantik nahe, die ihn gegen Weimar auf den Schild hob. Schon damals hat man erkannt, daß er etwas ganz Neues, ganz anderes bot, etwas, das noch „über — 362 «tneS Bezugs zu unseren anderen Künsten, vornehmlich zur tönenden." Was hier nur ein ästhetisches Problem war, ist jetzt zur wache des Volkes, zur Frage der Erlösung geworden. Von der Not dieser Zeit umgeben, suchen wir, die deutsche Form aus ihren tieferen Offenbarungen zu gewinnen, und wir wissen wieder, dah nationales wie persönliches Leben nur aus der Verwurzelung im Metaphysischen seine Legitimation erhält. Damit sind wir dem Wesen des Dichters vielleicht näher gerückt als je. Noch ist er uns freilich mehr Sehnsucht als Erfüllung. Aber wenn das Gesetz der Geschichte nicht Untergang, sondern ewige Wiedergeburt der Völker heißt, dann muß Jean Paul mit uns einst wieder auferstehen vom Tode, der nur ein Schlummer war. Ein Besuch bei Jean Paul. Von Ludwig Nellstab. In den „Büchern der Rose" des Berlages Wilhelm Langewiesche-Dranbt in Ebenhausen erschien zum Jean Paul-Gedenktag eine von Ernst Hartung mit viel Geschick und Liebe zusammengestellte Drtefsammlung, ein wahrer „Lebensroman in Briefen", dem wir nachstehendes aus den Erinnerungen Ludwig Rell - stabs an einen Besuch bei Jean Paul in Bayreuth im Jahre 1821 entnehmen. 2ch kleidete mich rasch an, um ins Freie zu gehen. Da erklangen fröhliche kriegerische Töne in der Straße; es war die Schutzengilde von Daireuth, welche heranzog. Ich lehnte mich ins Fenster und sah der marschierenden stattlichen Kompagnie entgegen, der, wie dies in kleinen Städten zu sein pflegt, aus beiden Seiten der Straße eine muntere Schar von Knaben und Mädchen voranzcg, immer halb mit den Köpfen rückwärts nach dein fest- "chen Schauspiel gewandt. Plötzlich rief aus der bewegten Menge eine Stimme zu mir heraus. „Guten Morgen!" Es war Jean Paul, der mitten unter der fröhlichen Jugend vorüberzog. Er hatte einen gelbbraunen Lleberrock an, einen schwarzen Stroh- hiit auf und trug eine Art von Reisetasche über den Schultern, m cer er seine Manuskripte bewahrte. Sein treuer gelehriger Pudel, Pmrto, von dem ich später noch zu erzählen habe, sprang neben ihm her. Dieses „Guten Morgen" tönte mir freudiger bewegend ins Ohr als der frische Kriegsmarsch der Schützen; ich er- d^fdkrw es heiter grüßend zwei-, dreimal. Halb umgewandt rief 3 ean Paul noch zu: „Nun, heute nachmittag sehen wir uns!1 und zog dann mit 6er Menge weiter, bald durch diese und den militärischen Zug meinem Nachschauen entrückt. ... Mit dem Schlag i/24 Uhr stand ich in der Tür des Gast- pruschens der Frau Nollwenzel. Diese selbst fragte ich nach dem Legationsrat Richter. .„Sind Sie der Herr, den der Herr Le- gationsrat erwartet?" erwiderte die Frau. „Sie kommen schon zu spat , setzte sie mit der Stimme und dem Ton hinzu, wodurch man lemandem ausdrückt, daß er sehr gefehlt habe; „der Herr Legationsrat hat schon zweimal nach Ihnen gefragt“... Es tour&e mir darauf das Zimmer geöffnet, in dem Jean Paul geschrieben, aber feine Arbeiten schon zusammengepackt hatte, und er trat mir mit dem Manuskript einer von mir gedichteten Oper „Dido" in der Hand entgegen. Nach freundlichem Gruß begann er: „Ich habe dies Werk bisher nur flüchtig angesehen, aber Mt im Hinausgehen es aufmerksam ganz durchgelesen und 5*9® Mtes ist."... Jean Paul ging hierauf vas Gedicht bis m die kleinen Einzelheiten des Versbaues mit Mir durch... gemütlicher zu sprechen, lud er mich ein, mich zu ihm zu setzen, und einen Krug des ihm so wohltuenden Daireather BierL. mit ihm zu leeren. .Er hatte es kein Hehl, daß er dieses Getränks wegen in Beireuth wohne, da er es nirgends anders seinenl Körper und Geist sozusagen finde. „Es nährt, stärkt mir un& Glicht mich heiter," sagte et; „jedes andere macht mich stumpfsinnig, trag, schwer, benommen. Nur dies ist meiner Gesundheit zuträglich, und da diese mir zu meiner Arbeit un- entbehrrich ist, bleibe ich in Baireuth, das ich sonst wohl ver- lassen würde." — Als wir uns gesetzt hatten und die Gläser mngescyenkt waren, stieß er deutsch und herzlich mit mir an. -och erinnerte ihn daran, daß heute ein merkwürdiger Tag für Deutschland sei, Goethes Geburtstag; dies erfreute ihn lebhaft, und wir tranken auf das Wohl des Dichters, den Jean Paul aufs höchste verehrte... Die Politik war ein Lieblingsthema des Gespräches für Jean Paul, das er auch gleich in unserer Unterredung mit Wärme aufnahm... Damals war es Griechenlands Schicksal, welches seit die vaterländischen Angelegenheiten nach außen geschlichtet mta Inneren Gärungen (das Wartburgfest der deutschen BuUchenschafter, die Ermordung Kotzebues durch den Durschen- schafter Sand usw.) einigermaßen beschwichtigt oder vielmehr zuruckgedrängt waren, die wärmste Teilnahme aller, die im Ganzen — nicht auf dem Jsolierstuhl des Jchs — lebten, in Anspruch nahm. Für das Schicksal Griechenlands schlug Jean Pauls Herz ebenso groß wie für das seines Vaterlandes. Wahrhaft begeistert sprach er seine Hoffnungen für die Wendung des Kampfes aus... „Außer meinen Studien", fuhr Jean Paul fort, „habe ich noch allerlei Nebenliebhabereien und Eigenheiten (er bezeichnete sie, über sich selbst scherzend, als Torheiten und Lieblings tollheuten), z. B. Me Wetterprophezeiungen und das Halten von Vögeln und Hunden. In meinem Zimmer, wohin ich Sie doch auch noch führen muß, sollen Sie meine Wettergläser, Wetter- spinnen, Laubfrösche, Kanarienvögel, die frei umherfliegeit und mit doch nichts beschmutzen, und ähnliche Steckenpferde .mehr sehen. — Meine liebsten Momente habe ich im Winter, in der Dämmerstunde, wo ich die Sonne aus meinen Fenstern über dem Schnee untergehen scheu kann. Alsdann liege ich aus dem Sofa, spre.e mit den Vögeln, dem Hunde Ponto (diesem, einem gelehrigen Pudel, werde ich noch ein besonderes AnhangskapiteL wrdmen) und (eigene Worte) Hecke dabei allerlei wunderliche Gedanken aus, worüber die Welt nachher lacht ober, wie es fallt, sich daran begeistert." _ diesen Gesprächen waren wir, da wir sie anfangs im Gaststubchen, dann im Gärtchen vor dem Hause, endlich auf dem Heimwege geführt hatten, bis nahe an Daireuth gekommen, wo .belEvtere Heerstraße, später die vom abendsommerlichen Verkehr im Freien laufen Gassen der Stadt selbst eine zusammenhängendere Unterredung nicht mehr zuließea... Noch von ihm unh seiner Familie Abschsch zu nehmen, hatte m*r erlaubt Ich ging daher am andern Nachmittage hin, rhm, fast so pochenden Herzens wie den ersten Gruß, das Lebewohl zu sagen. Ex war überaus heiter und freundlich... »8ch beschäftige mich gern und viel mit Tieren und besonders Hunden", sagte mir Jean Paul, indem er mir seinen Ponto gewissermaßen vorstellte; „sie sind viel verständiger und feiner organisiert, als man glaubt. Geben Sie nur acht, wie fein z. B. das Ohr dieses Tieres unterscheidet." Gr bot ihm daraus einen Bissen dar, mit dem Laut „va" (kurz gesprochen). Ponto rührte chn mcht an. Der Herr sagte ebenso kurz „da", und der Pudel schnappte vergnügt zu „Es liegt nicht im Ton," erklärte Jean Paul, ,, denn ich spreche eitiä so freundlich wie das ändere, ja ich will das „va" freundlich und das „da" zurückweisend sprechen, der Hund wird sich nicht irren." Wirklich zeigte Ponto, daß er Wer Sache gewiß sei, und verschnappte sich im buchstäblichen! Srnne des Wortes auch nicht ein einziges Mal, wie vielfältig fern Herr auch mit dem „da" und „va" wechssette... ®ä mich das Spiel ergötzte," nahm der Herr plötzlich eine ernsthafte Miene an und sprach saust verweisend: „Ponto! was hav du angestellt?" Sogleich zog der arme Ponto, ein Sünder toicer QSitlen, (wie viele Menschen auch), den Schweif ein und kroch scheu, mit bestürzter Physiognomie unter den Ofen. „Dort blerbt er liegen, bis ich ihm Verzeihung angedeihen lasse", sagte Jepn Paul. Ich fragte, ob der Hund lange dabei ausharre; „stundenlang, halbe Tage", war die Antwort. Wirklich blieb Ponto mit dem aufgenötigten bösen Gewissen unbeweglich und traurig hinter dem Ofen liegen, bis endlich der Herr die Worte der Amnestie sprach: „Es ist schon gut, komm nur her." Da sprang der Begnadigte freudig bellend und knurrend hervor und wußte sich im Uebermaß seines Glückes kaum zu fassen. Nach dem Häuschen der Frau Rollwenzel hatte Ponto seinen Herrn, als wir an jenein Nachmittage dort zusammenkamen, ebenfalls begleitet. Wenn das Gespräch auf uuserm Rückwege sich noch einer Richtung hin ausgelaufen hatte und eine augenblickliche Stockung eintrat, füllte Poirto mit seinen Künsten die Zwischenakte aus. Manche habe ich vergessen, doch eines blieb mir im Gedächtnis. Auf ein ernstes Wort von seinem Herrn ging Ponto ehrsam zwei Schritte von seinem Stiefel neben ihm hin, ohne ihn auch nur durch den geringsten Seitenfbnnig zu verlassen. Er marschierte streng im Gliede wie ein Soldat. Sowie jedoch der Herr die Worte „Ponto, Sassai" aussprach, schoß der Hund mit eiligen Sprüngen in weiten Dogen ins Feld und umschweifte feinen Herrn in entfernten Kreisen unter lautem, fröhlichem Gebell, die gestattete Freiheit mit Ue&ennut genießend. Doch mitten in die fröhlichen burlesken Sprünge hinein erscholl seines Herrn Wort (es ist. mir hier gegangen tote dem Zauberlehrling, das Bannwort der Rückkehr zum Gehorsam habe ich vergessen), und aus der Stelle trabte der gehorsame Ponto wieher zwei Schritt seitwärts von dem linken Stiefel seines Gebisters ehrsam und ernsthaft dahin, und nichts, weder ein ihn anbellerider Detter, noch selbst ein vorbeischlüpfendeH Kätzchen unterbrach seine Subordination auch nur einen Augenblick ... Aus „Hespsrus" Bo« Jean Paul. .----„Geliebter, die Erde ist heute so schön, das macht : a den Menschen weicher — der Hinimel ruht küssend und liebend an der Erde, wie ein Vater an der Mutter, und ihre Kinder, die Blumen und die schlagenden Herzen fallen in die Umarmung ein und schmiegen sich an die Mutter. Der Zweig hebt leise seinen Sänger auf und nieder, die Blume wiegt ihre Biene, das Blatt seine Mücke und seinen Honigtropfen — den offenem Blumenkelchen hängen die warmen Tränen, in die sich die Wolken verteilen gleichsam in den Augen und meine Blumenbeete tragen >en aufgebauten Regenbogen und sinken nicht — die Wälder siegen saugend am Himmel und trunken von Wolken stehen alle Gipfel in stiller Wollust fest. Ein Zephir, nicht stärker als ein warmer Seufzer der Liebe, hauchet vor unseren Wangen vorbei unter die rauchenden Kornblüten und treibt Samenstaubwolken auf, und ein Lüftchen ums andere gaukelt und spielt mit den 363 fliegenden Ernten der Länder: aber «s legt ste ims hin, wenn «S gespielt hat. — O Geliebter, wenn alles Liebe ist, alleS Harmonie, alles liebend unfr geliebt, alle Fluren ein berauschender Blütenkelch, dann streckt wohl auch im Menschen der hohe Seist die Arme aus und will mit ihnen einen Geist umschlingen, und dann, wenn er die Arme nur an Schatten zusammenlegt, dann wird er sehr traurig vor unendlicher, vor unausspechlicher Sehnsucht nach Liebe." „Emanuel, ich bin auch traurig", sagte mein Julius. „Siehe, die Sonne zieht hinab, die Erde hüllt sich zu — lab mich alles «och sehen und es dir sagen . . . Jetzo flieht eine Weibe Taub« wie eine grobe Schneeflocke blendend über daS tiefe Blau. . . Jetzo zieht sie um den Golds unken des Gewitter-Ableiters her« ton, gleichsam um einen im Lageshimmel aufgehangenen glimmernden Stern — o sie woget und woget und finkt und verschwindet in den hohen Blumen des Gottesackers.... Julius, fühlst du nichts, da ich sprach? Ach, die weihe Taube war vielleicht dein Engel und darum zerfloh heute vor seiner Bähe dein Herz — die Taube fliegt nicht auf, abirr Tauwolken wie abgerissene Stücke aus Sommernächten, mit einem Silberrand, ziehen über den Gottesacker und überfärben die blühenden Gräber mit Schatten. Jetzo schwimmt ein solcher vom Himmel fallender Schatten auf uns her und überspült unseren Berg. — Rinne, rinne flüchtige Rächt, Bild des Lebens, und verdecke mir die fallende Sonn« nicht lange 1 . . . Unser Wölkchen steht in Son>° nenflammen ... O du holde, so sanft hinter dem Grdenufer zurückblickende Sonn«, du Mütterauge der Welt, dein Abendlicht dergieht du ja so warm und langsam wie rinnendes Blut aus dir Und erblassest sinkend; aber di« Erde in Fruchtschnüren und Dlumenbändern ausgehangen und an dich gelegt, rötet sich neugeschaffen und vor schwellender Kraft. . . Höre, Julius, jetzo tönen die Gärten — die Luft summt, die Vögel durchkreuzen sich rufend — der Sturmwind hebt den groben Flügel auf und schlägt an die Wälder; höre, sie geben das Zeichen, dab unser« gute Sonne geschieden ist" . . . O, Julius, Julius," sagte ich und umfaßte seine Brust: „Die Erde ist grob — aber das Herz, das auf ihr ruht, ist noch größer als die Erde und größer als die Sonn« . . . Denn «8 aHeini denkt den größten Gedanken." Plötzlich ging es vom Sterbebette der Sonne kühl wie aus einem Grabe daher. Das hohe Luftmeer wankte und ein breiter! Strom, in dessen Bette Walder niedergebogen lagen, braust« durch den Himmel die Laufbahn der Sonne zurück. Die Altäre der Äatur, die Berge, waren wie bei einer großen Trauer schwarz überhüllt. Der Mensch war vom Rebelgewölke auf die Erde eingefperrt und geschieden vom Himmel. Am Fuße des Gewölbes leckten durchsichtige Blitze und der Donner schlug dreimal an das schwarze Gewölbe. Aber der Sturm richtete sich auf und rib es auseinander; et trieb die fliegenden Trümmer des zerbrochenem Gefängnisses durch das Blau und warf die zerstückten Dampfmassen unter den Himmel hinab, ülnd noch lange braust' er allein über die offene Erde fort, durch die lichte gereinigte Ebene . . . Aber über ihm, hinter dem weggerissenen Vorhang, glänzte daS Allerheiligste, die Sternennacht. — Wie eine Sonne ging der größte Gedanke des Menschen am Himmel auf — meine Seele wurde eingedrückt, wenn ich gcpr Himmel sah — sie wurde aufgehoben, wenn ich auf die Erde sah. Denn der Unendliche hat in den Himmel feinen Ramen in glühenden Sternen gesät; aber auf die Erde hat er seinen Ramen in sanften Blumen gesät. „O, Julius," sagte ich, „bist du Heute gut gewesen?" Er antwortete: „Ich habe nichts getan als geweint." „Julius, knie nieder, und entferne jeden bösen Gedanken — höre meine Stimme beben, fühle meine Hand zittern — ich knie neben dir . . . Wir knien hier auf dieser kleinen Erde vor der plnendlich- feit, vor der unermeßlichen über uns schwebenden Welt, vor dem leuchtenden Ämkreis des Raums. Erhebe deinen Geist und denke wgs ich sehe. Du hörst den Sturmwind, der die Wolken Itm die Erde treibt, aber du hörst den Sturmwind nicht, der die Erde um die Sonne treibt, und den größten nicht, der hinter den Sonnen weht und sie um ein verhülltes All führt, das mit Sonnenflammen im Abgrund liegt. Tritt von der Erde in den leeren Äether; hier schwebe und siehe sie zu einem fliegenden Gebirge einfchwinden und mit sechs anderen Sonnenstäubchen um die Sonne spielen; ziehende Berge, freuen Hügel nachflattern, stürzen vorüber dir und steigen hinauf und hinab vor dem Sonnenschein — dann schau umher im runden, blitzenden, hohen, aus kristallisierten Sonnen erbauten Gewölbe, durch dessen Ritzen die unermeßliche Rächt schaut, in der das funkelnde Gewölbe hängt. — Du fliegst Jahrtausende, aber du trittst nicht auf die letzte Sonne und in die große Nacht hinaus. — Du schließest das Auge zu und wirft dich mit deinem Gedanken über den Abgrund über die ganze Sichtbarkeit, und wenn du es wieder öffneft, so umkreisen dich, wie Seelen, Gedanken, neu hinauf- und hinab- stürmende Ströme aus lichten Wellen und Sonnen, aus dunklem Tropfen von Erden und neue Sonnenreihen stehen einander wieder aus Morgen und Abend entgegen und das Feuerrad einer neuen Milchstraße wälzt sich um im Strom der Zeit. — Ja, dich rücke eine unendliche Hand aus dem ganzen Himmel, du siehest zurück und heftest dein Auge auf das erblassende eintrocknende eonnenmeer, endlich schwebt die entfernte Schöpfung nur noch als ein bleiches stilles Wölkchen tief in der Nacht, du dunkst dich allein und schauest dich um und — eben soviel Sonnen unfl> Milchstraßen flammen herunter und herauf und das bleiche Wölkchen hängt noch zwischen ihnen, bleicher, und außen um freit ganzen blendenden Abgrund ziehen sich lauter bleiche, stille Wölkchen.-- O, Julius, o Julius, zwischen den wandelnden Feuerbergen, zwischen den von einem Abgrund in freit anderen geschleuderten Milchstraßen, da flattert ein Blütenstäubchen, aus sechs Jahrtausenden und dem Menschengeschlecht gemacht. — Julius, wer erblickt und wer versorgt das flatternde Stäubchen, das aus allen unseren Herzen besteht? Pansch. Eine Geschichte aus der Biedermeierzeit. Von Earl Worms. k. Es war einmal eine wunderschöne Prinzessin mit lichtbraunen Augen und weißer Haut, ein wahres Gottesgeschenk für das Gottesländchen, das ihr Lilienzepter beherrschte. Wo sie hintrat, da sprießten Veilchen, wo sie lächelte, gab eS eitel Himmelsglück. Itnfr daneben in einem großen Paläste, wo nur Eisblumen blühten, wohnte eine mächtige Fee, ffe sprach zur Prinzessin: „Gib mir dein Land, ich bin mächtiger als du. Mr dich sind Blumenkronen, deine goldene will ich mit meinen anderen tragen." Weinend klagte es die Prinzessin dem Prinzen, ihrem Gemahl. Dem aber hatte die Fee das Herz mit ihrem Zauberstade berührt, daß es finfter und verstockt geworden war. Er lächelte bitter und tröstete: „Weine nicht. Ich will dir einen Garten geben, wohinein ich das Gottesgeschenk aus dem Gottesiändcheir setzen will. Das eine ist des andern nicht wert." Unfr so gingen sie und waren wenig Augen da, ihnen nachzuweinen. Aber Schönheit und Anmut nahm die Holde mit sich und verpflanzte sie in den versprochenen Garten. Als diese Kunde durch deutsche Gaue flog, fra regten sich die Minnesänger wieder, rüsteten ihre Golfrharfen und fangen zu der Prinzessin Füßen von Liebesleid unfr -lust. ilnfr da lächelte sie wieder. Wie ein Märchen klingt es und hat doch seine Richtigkeit. Denn das Gottesgeschenk, die Prinzessin, war Dorothea, die letzte Herzogin von Kurland, unfr die Fee war die Zarin Katharina, die gerade noch eine Krone für sich brauchte. Der Garten aber heißt Löbichau unfr liegt inmitten von Wald, Feld unfr Wiese im Altenburgischen, recht im Herzen Deutschlands, wo die Sonne nicht recht weiß, ob sie Menschen oder Pflanzen sonniger macht, wo Regentage nur dazu dienen, Menschen und Pflanzen am nächsten Morgen fröhlicher erscheinen zu lassen. Als nun im Jahre 1800 Dorothea Fürstenkrone unfr Fürstensorgen in den Metallsarg ihres Herzogs versenkt unfr Kurlands Wappen darüber gehängt hatte, stieg sie aus der Gruft wieder heraus zum Sonnenschein und Begann in Löbichau ein neues Leben. Das bescheidene Herrenhaus wurde zu einem Schloß oder einer italienischen Villa mit hübschem Säulenbalkon, der Eichenhain zu einem Park, recht wie ein grünumlaubtes Vogelheim zwischen sanft ansteigenden Hügeln. Es war kein steifer Hof, den Dorothea hielt, höchstens ein Artushof, an dem sie als neue Ginevra waltete. Die Ritter, die hier Abenteuer suchten, kamen in Kniehosen oder im Werthersrack und fochten ihre artigen Turniere mit der Feder und geistvollen Worten aus. Mr Minnespiele sorgten der Schloßherrin vier entzückende Töchter, für die man sich je nach ülmftänfren ertränken, vergiften, erdolchen wollte. Wurde aber der Witz zu herb, die Liebe zu ungebärdig, Ginevra-Dorothea fand immer das Rechte, den Sturm im Wasserglase zu beschwören. Schönheit, Anmut waren eben ihre Gottesgeschenke. In dieser empsindsamen Wertherperiode, wo deutsche Männer mit deutschen Frauen in Tränen wetteiferten, wurde in Löbichau zum mindesten ebensoviel gelacht als geweint. In einer Zeit, wo man den Hut mehr in der Hand als auf dem Kopfe trug, wo man lieber zwei Worte verschluckte, als nur eins offen auszusprechen wagte, durfte man in Löbichau alles sagen, was man eben vor edlen Frauen sagt. In einer Zeit, wo frass Dichterministerium in Weimar vieler Souveräne Entsetzen wachrief, wo Tallehrand das Wort Legitimität zu einem Fels von Erz gemacht, woran gewöhnliche Sterbliche sich die Knie wund schseuerten, und Metternichs Spürnase schon nach Demokraten schnupperte — da wagte es Dorothea, einen Theodor Körner aus 6er Taufe zu heben, Jfsland, einen simplen Schauspieler, an ihre Tafel zu ziehen. Ihr Löbichau stand jedem offen, dem Bildung und Geist den Freipah ausgestellt. Mochten in Berlin und Wien die Legitimen darob die Weste auch dreiunddreißigmal hinunter unfr die Achsel ebensovielmal hinausziehn, sie focht es nicht an. Sie fühlte sich in ihrem kleinen Reiche wohl, sie fühlte wieder beglückenden Sonnenschein. Unfr wie die Prinzessin in Märchen lächelte sie wieder. Zu diesem Altenburger Musensitz war auch Er unterwegs an einem heißen Julitage des Jahres 1819. Da Bonaparte auf St. Helena saß unfr es in Deutschland wieder mehr nach Feld und Wald als nach Pulver roch es also auf der Chaussee zwischen Altenburg und Löbichau ganz sicher war, so hatte Er Seinen! Lohnkutscher in Schmölen gelassen unfr für alle Fälle nur Ponto, Seinen Pudel, bei sich. Die Aehnlichkeit zwischen beiden bestand — 364 — nur Int rötlichen gelockten Haar, das bei 2hm allerdings spärlich genug unter der grauen Reisekappe hervorlugte. 2m übrigen schien Ponto am Wandern mehr ßuft als sein Herr zu verspüren, der ihm natürlich nicht in alle Gräben folgte, sondern schnaufend im Staube der Landstraße einhertrottets, bald den kahlen Schädel und das blaurote Gesicht trocknend, bald an der Drille rückend, die eigensinnig der Aasenspitze zustrebte. „Was heulst du, Resi?" hatte eben eine behäbige Bäuerrn hinter ihm hergerufen, „heiß ists, na ja. Aber sieh' mal wie Er schwitzt." Dabei hatte sie ihrer Kleinen den breiten Rucken des dicken Mannes gewieselt, auf dessen Linnenrock sich allerdings schon einige dunkle Inseln zu zeigen begannen. Run muß ein Menschs der um fünf Ahr nachmittags bet vierundzwanzig Grad auf der Chaussee ein Lerchenkonzert anhort, ein ganz aparter Mensch sein, was übrigens dem, der «s noch nicht wußte, der zurückgeschlagene Kragen und der absolute Mangel eines Hemdknopfes verriet. Rebenbei erzählten seine schalkhaften Augen, mit all deut Zauber einer reichen inneren Welt, noch k«es und das. Endlich war die Waldkante erreicht. Der Pfad senkte stch der Talmulde von Löbichau zu. Da schimmerte schon durch di« Dachen etwas Grün-Dlau-Weißes; das mußte die Schloßfahne fein. Jetzt noch die kleine Grabenböschung hinan, und da lag der große Mann auf weichem Moose, im Schatten eütec schmucken Edeltanne. Wie närrisch umkreiste ihn sein Pudel. „Artig, Ponto, jetzt kommen wir aufs Parkett. Also den Damen nicht in die Schleppen, den Cdelherren nicht an die Waden gefahren! Sollst zeigen, was einen Hofhund vom Hofhund unterscheidet. Allez coucher! So, Französisch verstehst du. Du avancierst bestimmt." Behaglich lachend warf Er sich auf die Seite und zcg aus dem Reisefack auf seinem Rücken zwei Driefe. Den kleineren hatte Ihm ein Doktor der Rechte in Altenburg gegeben, liebenswürdig und verliebt, wie jedes junge Dlut am Anfang unseres Jahrhunderts und darüber hinaus. In einer Hopferckaube hatten sie ihre erste Dekanntschaft mit Rheinwein befeuchtet und waren bis Schmölen zusammen gewandert. Hier hatte der Dcktor, der übrigens Dinzer hieß, Ihm beim Abschied das Geschreibsel mit beredtem Dlick in die Hand gedrückt. Denn sagen ließ sich damals so etwas nicht so leicht. So las Er denn schmunzelnd im Tannenschatten die angenehme Kunde: „Liebster, Bester, mein Lebensglück hängt an einem Faden und dieser an Ihnen. Sie sind der Abendstern, der meiner Sonne in Löbichau nahe kommen soll. Verschaffen Sie mir einen Posten als Morgenstern. Schmuggeln Sie mich ein, sei's als Sänger, Musiker, Jurist oder auch Stiefelputzer — wenn nur in Löbichau. Ewig der Ihre, d. h. in Löbichau. — Nachschrift. Kennzeichen: rote Locken, sinnende Anmut, verhalteire Leidenschaft." Er lächelte, Er mochte wohl an die Geschichte Seines ersten Kusses denken, wozu Er jetzt dem anderen verhelfen sollte. Nun aber fl:g ein Schatten um Seine heiteren Züge, als Er den zweiten Drief entfaltete. Der kam aus Löbichau unter Seiner Adresse und lautete: „Ist es nicht zu kühn — darf ich einmal an den teuersten Menschenfreund schreiben und ihn Vater nennen? Ach, dem ich so viel zu danken habe, die erhabensten Wahrheiten, all das Gute, das mich begeistert, und die Ewigkeit, die er mir aufgetan. O daß Du bist und lebst! Dieser feste Glaube an Dich ist ein Himmel, den mir niemand rauben kann. Allmächtig wirkest Du auf die Menschen. Ich bin nur ein kleines Mädchen, zu wenig, als baß ich meinen Namen nennen sollte. Aber sehen, sehen werde ich Dich bald. Ich will Ihnen nur sagen, daß Ihre Werke mein bestes Gut sind. Don Natur einsiedlerisch, bin ich durch Gewohnheit der Welt fremd geworden. Ach, daß ich nicht Dein Kind sein, nicht zu Deinem himmlischen Herzen kommen kann! Wie froh wäre ich als Magd in Ihrem Hause, wie wollte ich für Sie arbeiten! Aber dies sind wohl nur Träume..." Er las nicht weiter, sondern fuhr mit der flachen Hand über Doppelkinn, Stirne und Kopf hinweg, was entschieden ein Zeichen von Mißbehagen war. Dann legte Er beide Briefe aufeinander und schlug Seinem Pudel auf den Rücken: „Ponto. das nennt man verhaltne Leidenschaft. Der Himmel bewahre uns davor, uns und alle Christenmemschen. Hoppla, Toilette machen, Ponto!" Er warf den Kittel ab, zog Kniehosen und Weste straff und langte aus Seinem bescheidenen Felleisen den blauen Staatsfrack hervor. Ponto, der sich auf die Hinterfüße gesetzt, bekam einen Spiegel ins Maul, und Er bürstete und glättete vor diesem seltenen Trumeau an Sich herum nach allen Regeln höfischer Kunst. Plötzlich ließ das Tier ein leises Knurren hören. Gleichgültig wandte er sich um: wahrhaftig, es rauscht« im Dusch Wenn das nicht ein Fuchs und ein Dachs waren, so war «s ein roter und ein schwarzer Mädchenkopf, die neugierig hervorlugten. Er hatte eben nur noch Zeit, in den letzten Rockärmel zu fahren. Ein silberhelles Lachen flog aus dem dichten Grün. Ein Griff — und Er hatte, wie die Jäger sagen, eine Doubleite gemacht. In jeder Hand hielt Er ein weißgekleidetes, sich sträubendes Mägdlein, von Ponto mißtrauisch umschnuppert. — „Halt, halt, nicht so wild, junges Dlut! Struppiges Haar, schlechtes Gewissen. Kenne das. bin lang genug Lehrer gewesen. Aus der Schule gelaufen, nicht?" Betreffen sahen sich di« beiden an. „Sind Sie nicht der Klavierstimmer?" fragte die Jünger« und schaute mit den dunklem, intensiv blauen Augen zutraulich zu ihm auf, „heute wird getanzt. Mama erwartet Sie." Dewtmdernd ruhte Sein Blick auf dem Mädchen und Er murmelte „Mignon". In der Tat, sie hatte etwas von diesem H3uni>er£htbe, denn Stirne, Nase und Oberlippe waren von klassischer Vollendung, das Weiche schwarze Haar, einfach gescheitelt, in einen Knoten verschlungen. „Klavierstimmer, ja freilich," wiederholte Er vergnügt. „Aber ich kann auch Menschen stimmen. Also nur gebeichtet, vorwärts!" „Hören Sie, aber geplaudert wird nicht. Bei dem Wetter englische Lektion — einfach Barbarei. Da bin ich ausgekratzt, wie Vetter Peter sagt. And Rita — Rita lief mit, weil — weil man sie verheiraten will." — „Aber, Dora..." — „Verheiraten, so sage ich," eiferte Dora entrüstet. „In Löbichau nmß nämlich alles heiraten, das ist wie mit den Windpocken. Meine Tante Recke allein hat sechzehn Töchter ins Nest gebracht." „Sechzehn —, bitte, wie?" „Pflegetöchter," verbesserte errötend die Aeltere. „Natürlich Pflegetöchter, "sprudelte es über Doras schwerlende Lippen. „And was in Löbichau nicht heiratet, ist wenigstens verliebt. Wilhelmine — meine Schwester nämlich — ist sogar zweimal verheiratet getreten.“ — „Dora. Dora..." „And zweimal geschieden," setzte der kleine Wildfang mit einigem Stolz hinzu. „Rita, jetzt spreche ich Ich bin nämlich die Tante, und diese da ist Rita Baronesse von Brink, Pflegetochter meiner Schwester Wilhelmine. Bin ich also nicht die Tante? Rita, sieh' doch das närrische Tier. Ihr Pudel beißt doch nicht?" Er schüttelte den Kopf. Es war Ihm seltsam beklommen zumute gegenüber all dieser vertrauensvollen Offenheit. Dora neckte, ins Moos gekauert, den Hund mit ihrem abgenommenen Federhut. Aber Sein Blick schweifte immer wieder zu der anderen ab. Die roten Locken fielen Ihm auf. Sie schien es zu merken, denn nun trat sie dicht an Ihn heran und bat mit etwas herberem Klang, als gerade zu einer Ditte nötig war: „Sie haben nichts gehört, nicht wahr? Es war unschicklich, Sie zu belauschen. Verzeihen! Sie und leben Sie wohl." Dunkle Röte überfloß ihr schmales Gesichtchen, sie wollte gehen. Aber mit zwei Schritten hatte Er sie eingeholt und legte die Rechte mitleidig auf ihren Scheitel: „Verheiraten will man Sie?" fragte Er mild. „Das ist, als wollte man eine Blume auf die Felskante werfen und sprechen: dort sollst du weiter blühen. Das mag sehr traurig fein. Aber — keine Aebereilung, Kind. Nehmen Sie wenigstens den Wunsch des Klavierstimmers mit sich, daß Sie nie zur Sonne aufsehen mögen, ohne das Auge so rein emporzurichten, als der Strahl ist, der von ihr in dieses fliegt." Wieder tauschten die beiden erstaunte Blicke, und Dora flüsterte: „Rita, ein Klavierstimmer scheint er nicht zu sein." Schalkhaft blickte sie ihm unter die hohe Stirne: „Ach, bitte, lieber Mann, auch mir etwas Hübsches, Artiges sagen." __ „Ihnen, kleiner Ausreißer, wünsche ich daß Sie mit Ihren Schmekterlingsflügeln um jede giftlose Blume schweben möge« und kein boshafter Knabenhut auf den losen Sommervogel falle. — And nun kommen Sie, ich vertrete Sie beide. Mein Ponto schnuppert nach einem Knochen und mich verlangt nach fröhlichen Menschen, nach mehr von dieser Sorte." Dabei faßte Er zierlich Doras Arm und zog die Mädchen einige Schritte weiter. „Aber, aber...“ Dora blieb zweifelnd stehen, „das geht doch nicht. Sie wollen wirklich nach Löbichau? Ja, waS wollen Sie dort?" — „Alles, mon bijou, was die andern wollen. In drei Minuten bekannt, in fünf lustig, in der achten verliebt fein. Vierzig Gulden habe ich aufgewandt, meinen alten Adam zu kuvertieren und zu verzinnen mit Bänderschuhen und dreieckigem Hut. Wir arrangieren Pfänderspiele, tanzen, phantasieren auf dem Flügel..." „Rita, ich meine, er phantasiert schon letzt. Tanzen Sie denn?" , „Rein, aber Sie werden es mich lehren. Die Kleine klatschte in die Hände und nahm Ihn beim Wort gleich auf der Stelle. Das Plätzchen dort unter den Birken fei ein vorzüglicher Tanczplatz, die Bäume aufgestellte Paare, Rita ihr vis-ä-vis. Aber welchen Tanz? Ekossaise? Nein, Er sehe mehr nach Andante aus, also Polonäse. Jetzt die Tour, Dreivierteltakt, la-lala-la. And schon schwebte sie an Seiner Hand hin, während Rita noch sprachlos auf den Fremden schaute. Ihm war es tote ein Traum seiner kargen, freudelosen Jugend. Bald wanden sie sich einzeln oder vereint durch Mückensch.värme und Dirkenlaub, bald bildeten die hübschen Mädchenarme Siegbogen. die er passieren mußte, bald sah er sich von beiden ergriffen, in anmutiger Verkettung der Hände. Lalala scholl «S glockenhell durch die Waldruhe und das Echo brachte es von den Hügeln: zuÄck. Von der Tanne rief der Fink und die Bäume rauschten leise. Jetzt rief der Kuckuck, sie hielten an und zählten. „Zweimal, zwÄmal," jauchzte Dora, „Rita, nach zwei Monaten bist du Braut. Das hab: ich gefragt And Sie, mein schöner Kavalier?" Galant küßte Er die kleine braune Hand oder vielmehr den zierlichen Halbhandschuh daraus: „Mir sagte er, daß wir zwei Monate zusammenbleiben, allerschönste Mamsell." (Fortsetzung folgt.) Hchriftieitun«: Dr. Frisör. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Brühlfchen Aniv.-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Viehes.