Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, den Juli Nummer 56 Gedicht. Don Stephan George. Die silberbüfchel die das gras verbrämen And eine tageskerze die uns nickt Erkennen uns und forschen ob wir kämen Von einem gütigeren stern geschickt. Die reifer streichen über unsre scheitel. Laßt sie vereinen was die furcht noch trennt And alle frage sei der lippe eitel Die brennend einer fremden sich bekennt! Nun sorgen wir daß uns kein los mehr dräue Wenn eins des andren heißes leben trinkt And schauen einig in die sommerbläue Die freundlich uns aus Heller welle winkt. Tilman Riemenfchneiders schmerzliche Madonna. Skizze zum 400jährigen Gedächtnis des fränkischen Bauernkrieges. Von 2t. Thuranbt. Im Riemenschneider-Zimmer des Fränkischen Luitpold-Museums zu Würzburg steht eine überlebensgroße trauernde Madonna, die besser die schmerzliche heißen sollte, aus der zerstörten Kreuzigungsgruppe von Acholshausen eines der reifsten, tiefst empfundenen letzten Werke des Meisters, vielleicht geboren aus einem Erlebnis, das Gefängnis, Folter und Schmerz war, beginnendes leibliches Ende eines großen Menschen, unschuldig verstrickt in revolutionäre Schicksale seiner Wahlheimat, der er Ratsmitglied, Baumeister, Fischmeister, Kapellenpsleger von St. Marien, Steuerausschußmitglied, Schoßmeister, Spitalpfleger und endlich gar Bürgermeister war. „Flossen in den täten beh dem gemainen manne die wasser zuüsammen und namen durch hinlefsig zusehen der Prediger und vberhand verklich zu, wuchsen auch zum setzten dahin, das ft in dem jare nach der gebürt Christi unsers lieben Herrn 1525 mit großer ungestime ausbrachen, die alten und hohen gebeue der vbrikait gewattiglich umbrissen, auch sunst dem Menschen, vihe und gutern merklichen, unwiderbringenlichen schaden thätten; dann altain in Deutscher Nation mehr den hunderttausend Menschen in solcher sindfluß neher dann in 10 Wochen ersoffen und unbkvmmen sind" leitet der Geschichtsschreiber Magister Lorenz Fries seine Geschichte des Bauernkrieges in OstfLan- ken ein. Der Würzburger Fürstbischof Konrad III. von Thungen, die ersten Nachrichten Wer die Gehorsamsverweigerungen der Bauern in der Grafschaft RelleWurg, im Hegau, im Schwarzwald, im Fürstentum Württemberg, schließlich auch in Ostfranken unterschätzend, daß gegen diese blutigen Aufstände nur das schärfste Regiment Dienstbarkeit und Ordnung wiederherstellen konnte. Der dunkle, feuchte Keller des „Grünen Baums", allwo das Rathaus war, drängte sich von den Gefangenen. War da unter ihnen allen in diesen Juni-Tagen der jung Zimmer gesell, der am 26. April mit dem Haecker Georg Grunenwalt aus dem Mainviertel ausgezogen war, das Kloster Himmelpforten zu Plündern und sich hierbei ein artiges Bräutchen heimzuholen, die Nonne Anna, des edlen Herrn Hans von Bibra junges Töchterlein. Wenn ein Lanzknecht die Kerkertür klirrend öffnete und wiederum einen der Aebeltäter ergriff und vor sich mit dem Rufe hinausstieß: „Stoes ein Hellparten in den bösewichti", schlang er seinen Arm fester um das zitternde Mädchen, wähnend, daß die Minute des Abschieds für immer gekommen sei. „Du mußt iwch bleiben!" sagte dann jedesmal ein alter Mann, dem die Haare in der gestrengen Haft vollends gebleicht waren, nachdem er zusammen mit Hanns Dauer und Hanns Rüdiger dem Henker vorgeführt und infolge einer lügnerischen Aussage des roten Spenglers Hanns Dermeter „hart gewogen und gemartert" war: Tilmann Riemenschneider, der große Bildschnitzer und gewesener Bürgermeister Würzburgs. „Sie rasseln mit den Schlüsseln, nur um uns Angst einzujagen. Sie rufen: Wohlan, die Bösewichter müssen jetzt alle sterben!, nur um uns durch Schrecken zu peinigen. Mein Werk ist noch nicht vollendet." And wieder fuhr sein Messer in das große Stück Holz, das ihm von „obrikaits gnaden" zugewiefen war, in seiner Kunst nicht ganz müßig zu sein. And wenn in das bleiche Antlitz der jungen Nonne Anna von Bibra, die, weil sie keine Aussicht auf eine angemessene Heirat gehabt hatte, von ihrem Vater in das Kloster Himmelpforten gegeben war, den Schleier zu nehmen, und die nun schon über den fünfzigsten Tag hinaus ihre priesterlich nicht gesegnete Ehe hier im schwarzeit Kohlenkeller des Rathauses beging, Angst und Schrecken sprang und die bange Lust der Stunde vorher wegwischte, sagte Meister Riemenschneider immer wieder: „Bleib so! Noch einen Augenblick! Daß ich. es für ewig gestalte." Waren da Nächte, waren da Tage, schwankend zwischen Furcht und Hoffnung. Die Kommission der bischöflichen Räte schien mit ihren Gerichtssprüchen wechselnd wie das Wetter zu fein. Nach der Vernehmung und nach drei Tagen, die sie in einem engen Gewölbe auf Salpeter und Kalk verbracht hatten, stieß man vierzehn Gefangen in den allgemeinen Kerker '.Nieder zurück. Anderen schlug das Schwert des Henkers kurz den Kopf ab, mit dem Rufe: „Da knie niter, dir geschicht nicht unrecht!" „Du muht noch bleibeit! Du wirst noch, bleiben!" waren immer wieder die Worte des Meisters: und er hörte nicht auf, in sein Holz hineinzufchneiden und die Formen Herder und schmerzlicher zu gestalten. Kam da im Juni 1525 doch der Tag, dan man den jung jung Zimmergesell, dessen Namen keine Chronik vermeldet, zusammen mit einem Vikar von St. Burkard und einem alten Pfarrer von Heidingsfeld — in Gnaden wurden sie ihrer geistlichen Würden nicht entkleidet —, zusammen mit einem Juden namens Moses auf den Richtplatz aufs Schloß führte, den gebeugten Nacken vom sausenden Henkersschwert küssen zu lassen. Kam da ein Schrei groß aus dem Munde, dem süß-zarten, der armen Anna von Bibra. And diesen Schrei, in feinem Nachhallen, grub Tilmann Riemenschneider schmerzlichst in fein hartes Holz, das eine Madonna ward, wissend um alle Sinne und Leidenschaften dieser Welt, also nur erhoben in die Heiligkeit, in der sie später aus der Kreuzigungsgruppe von Acholshausen durch- Jahrhunderte auf die Gläubigen herabfchaute. Sah denn niemand die Lust dieses üppigen Fruchtmundes, dessen Küssen gewiß nicht mütterlich gewesen war, der da vom Schmerz imd von der Seligkeit irdischer Liebe wußte? Sünde, die ihre Sühne suchte und fand in den Kasteiungen des ihr gewaltsam wieder auferzwungenen Lebens im Kloster Himmelspforten, bas ihr sicher zu einer Pforte des Himmels ward, gemäß dem Dibelwort Jesu Chriftt: „Ihr sind viel Sünden vergeben, denn sie hat viel gefielet.“ Tilman Riemenschneider aber ward mit fünfzehn anderen Gefangenen durch den Vogt Jörn von Fronhofen der richterliche Bescheid, daß er zunächst den „Grünen Daum" mit dem Schobers» türm zu vertauschen habe. Nachdem er „urphed" geschworen, ward er am 6. August 1525 „aus gefenknus herab in die statt gelassen", ein zerbrochener Mann, der am 8. Juli 1531 fein Leben irdisch aufgab, nachdem er feine letzte künstlerische Leidenschaft himmlisch und doch so gar nicht fromm in die Züge der trauernden Madonna legte, die wir die schmerzliche nennen wollen — ihr nah im Menschlichsten, zum Göttlichsten strebend, um unserer Sünden willen. Bemerkungen Liber Landschaft und Staffage Don Heinrich W ö t f f I i n. In der Neuen Pinakothek hängt eine kleine Landschaft vom alten Reinhart in Rom: ein stiller Wasserspiegel zwischen Felsen, der nach vorn abflieht und dabei einen Falk bildet. Auf dem Wasser treibt ein Kahn mit einem schlafenden Knaben; der Kahn nähert sich bereits dem Fall, es wird ein Anglück geben, wenn es dem Mann am Ufer nicht gelingt, mit feinem Zuruf den Knaben noch aufzuwecken. Mancher, dem das Bild sonst keinen besonderen Eindruck gemacht hätte, wird durch, diese Staffage aufgeregt worden fein und diese Aufregung in Er- imierung behalten. Das Bild ist aber dadurch nicht wertvoller geworden, im Gegenteil: Das ist die Staffage, wie sie nicht fein soll, eine Zutat ohne formalen Wert, die in der Gesamtwirkung eine unverhältnismäßig große Rolle spielt, ja der eigentlichen Wirkungsabsicht sich widersetzt, beim wenn einmal die Spannung wach geworden ist „wie wird «es ttusgehen?", so ist es vorbei mit der beschaulichen Stimmung, auf die eine schön aufgebaute Landschaft doch rechnen muß. ~ . Es wäre nicht ohne Interesse, das Verhältnis von Landschaft und Staffage einmal geschichtlich durchzuversolgen. Ern Künstler, der sich die Sache ganz besonders zu Herzen genommen hat, ist Böcklin gewesen, und seine Entwicklung hie« gibt Aus- schluh über Grundgesetze der Kunst. — 222 Die .Villa am Meer" mit dem grauen Sciroccvhimmel und den feite sich beugenden hohen Zypressen ist als stark sprechende «timmungslandschast ungeheuer populär gevwrden. Sie hat als Staffage eine schwarzumhüllte Frauensigur, die unteni am ätfn steht und über die langsam anrollenden Wogen b^nbsickü DoÄrn sprach gelegentlich von dem Bild als dem JpNgenbDild. Dte Frau sollte den letzten Sproß eines edlen GesHlechi es bedeuten. Was gäbe es für eine bessere Begleitung fur dre Schwermut dieser edlen Szenerie? Llnd doch ist das Dildschlechtkonstruie^ „t™, x;» Staffage aus dem Ganzen herausfallt. -Ittcht IN oer Wfie geistig ttne viel größere Bedeutung Qr-nfbrud) nimmt als ihr ihrer Erscheinung nach zukommt. Lassen t^r die "Frage beiseite/ob die Frau als Sphigenien- charakter erkennbar sei, so viel ist sicher, persönlichen Schicksal die Empfindung des Deschauersheraus fm-xert ■ einmal entdeckt, fesselt sie dauernd die Teilnahme des Publikums, das die Gehsimnisse^er^stauch^Mmochd «ni-in liegt ein Widerspruch, denn weder als Formwert nocy als Farbwert bedeutet die Gestalt irgendwie etwas Beträch- liches im Bild. Man könnte sie nicht ganz streichen, aber so tote 'C Döckl daselbst ^s^chei^ das empfunden zu haben: in ben späteren Redaktionen der Villa am Meer wird die Figur starker betont durch die unmittelbare Umgebung gestützt, ku^mii als Formwert gehoben. Das klassische Gegenbeispiel., abm: tE^etwa in jener sinnenden Frau der .Herbstgedanken zu fucyen, vre im blauen Mantel unter den gelb gewordrnen Biumen a ronA„ xgbinschreitet, und wo nun nicht nur die Größe oer Figur Älb W ÄJ anders bestimmt worden ist sondern wo auch ihre Farbe, das Blau, zum integrierenden Faktor iN der Gesamtfarbrechiiung geworden ist. Die Figur istnun em Pfeiler, den man nicht wegnehmen konnte, ohne das ganze mIi>^te"ab®Äa ist dte"?T°teninsel», die auch dem klassischen Stil Böcklin? angehört, und hier, istStasiage doch lmed« mir p;n fre;n€r weißer Fleck, die stehende Gestalt im Rayn, der der Insel zustrebt. Wiederholt sich hier nicht der.frühere e-no v.ff iiegt anders; jetzt handelt es sich Nicht mehr £?ei«® dem wir. Anteil nehmen mitifc>n frynbern um eine ganz allgemeine Situation, l)ie ^ich ÄÄZ deuten läßt. Was^früHer wwÄg war, der Widerspruch zwischen seelischer Bedeutsamteit und formaler Richtigkeit, bleibt hier ausgeschaltet. Manfvagt acht wehrwi^ bei der dunklen Frau der Villa am Meer: Wer bist du?, sondern nimmt das Geschehende als eine feierliche Zeremonie ohne individuellen Charakter. Wenn aber iE sogenannte Sphc- gmie an ihrer Stelle überhaupt noch etwas Zufälliges hatte, fo wirkt der starke Akzent dieser weis^iBegrabnisfigur vollkommen notwendig als Ausdruck beS Dewegungszuges, der in dem beschlossenen Raum der Toteninsel zur. Ruhe kommt. Ganz analog ist das Verhälmis von Figur und Landschaft in dem „Heiligen Hain» mit dem Zug der Feueranbeter, der die Hauptrichtungen betont und darum unentbehrlich,ist, wo a^r die Staffage gleichfalls nur als dumpfes, unpersönliches Motiv im Ganzen mitMngt. , „„„ Gelegentlich des ersten Piratenbildes hat Bocklin einmal ausdrücklich zu Schick geäußert (Tagebuchaufzeichnungen, S. .88), er habe Mühe gehabt, die Figuren in das richtige Verhältnis zu bringen, daß das Interesse an ihnen nichts das Interesse an der Landschaft überwog, sondern sich nur als dusteres Mitklingen durch die Stimmung der Landschaft zog. Es sei ihm schwer ge° Das ist genau das, wovon wir sprechen. Sn der Reihe der worden, dafür das rechte Maß zu finden. Das ist genau das, wovon wir sprechen. Sn der Reihe der Piratenbilder ist aber das Snteresse weniger die zunehmende Dämpsung des Figurenmosivs (Frauenraub) als die Steigerung des Landwirtschaftlichen in dem Sinne, daß die Formen mehr und mehr leidenschaftlich,. ja gewalttätig werden und schließlich in der letzten Redaktton mit der von oben hereinstoßenden riesigen Bogenbrücke eine Hefttgkeit bekommen, daß die (mehr geahnte als gesehene) Brutalität der Mordbrenner nur als das Tüpfelchen auf dem i erscheint. - Daß die Graphik nicht ganz denselben Gesetzen unterliegt wie das große Bild, wird jedermann zugeben. Klinger hat daraus eine Art von Theorie gemacht, deren Gültigkeit aber doch im einzelnen Fall wieder ftaglich wird. Nehmen wir seine Radierung, die er „An die Schönheit" betitelt: Bäume am Rande, dazwischeii der Blick aufs offene Meer und davor die kleine Flgur eines Mannes, der die Kleider abgeworfen hat und wie anbetend in die Knie gesunken ist. Man versteht den Gedanken: ein armer Sterblicher, von der Schönheit der Welt überwältigt, hat sich auf keine andere Weise zu helfen gewußt als nackt hinzuknien. Auch entbehrt dieser Gedanke nicht des poetischen Gehaltes. Aber was wir zu sehen bekommen, geht kaum über eine bildliche Andeutung hinaus. Es bleibt der Phantasie überlassen, sich die Schönheit des Meeres auszumalen, und der Mann in der Wiese, als bildbauendes Motiv sowieso nicht ernsthaft zu nehmen, bleibt eine formale Nichtigkeit, trotzdem ein so starker Bedeutungsakzent auf ihm liegt. Als Gemälde wäre die Kompositton unleidlich aber Klinger würde sich mit Recht darauf berufen können, daß das eben nicht große Malerei, sondern eine Zeichnung auf einem Stück Papier sei, „Griffelkunst", wie er sich ausdrückt. Trotzdem wird dieser Begriff nicht alte Krittk zum Schweigen bringen können, und es bleibt eine grundsätzliche Frage, ob die „Griffelkunst" bei so großem Format und bei so weitgehender Durchführung sich wirklich der höheren Dildforderungen enttchlagen darf, ob solche Arbeiten nicht doch des eigentlichen bildlichen Nährgehaltes entbehren, so daß man das Gefühl behält, man sei nicht recht satt geworden. Oscar Wilde in Paris. Von Frank Harris. Mit dem Frühling kehrte ich nach Paris zurück und fuhr über die Seine in Oscars Hotel, wo er zwei Zimmer, — ein kleines Wohnzimmer und ein angrenzendes, noch kleineres Schlafzimmer bewohnte. Als ich eintrat, lag er halb angekleidet auf dem Bett. Die Räume machten einen unangenehmen Eindruck auf mich Es waren gewöhnliche, schäbige, enge, ftanzösische Zimmer mit einer geschmacklosen Einrichtung: die Üblichen Mahagoni-Stühle, die vergoldete Ähr auf dem Kamin und eine unnatürlich quittengelbe Tapete cm der Wand. Aber die überall herrschende Anordnung wirkte befremdend. Auf dem runden Tisch aus den Stühlen und auf dem Fußboden lagen Bücher verstteut, und in buntem Durcheinander hier ein Paar Strümpfe, — dort Hut und Stock, während der Lleberzieher sich auf der Erde befand. Hier ließ er den Ordnungssinn und das Stilgefühl, die in seinen Räumen in der Lite Street walteten, ganz vermissen. Hiev lebte er nicht mit dem festen Willen, feine Lage nach Möglich-, feit zu bessern, hier vegetierte er ziel- und planlos. Sch sagte ihm, daß ich ihn zum Essen mitnehmen wollte. Und während er sich fertig anzog, fiel mir an seiner Kleidung so ziemlich dieselbe Veränderung auf, wie in seiner Wohnung. Sn seinen goldenen Londoner Tagen hatte er recht viel vom Dandy an sich: da trug er am Abend gewöhnlich weiße Westen und war sehr wählerisch in bezug auf die Blumen in seinem Knopfloch, auf feine Handschuhe und seinen Spazierstock. Setzt war das alles nur gerade anständig und stand ebensoweit unter dem Durchschnitt, wie es früher darüber hinausging. Offenbar hatte er sich vernachlässigt und fand an diesen Eitelkeiten keine Freude mehr, was mir als schlechtes Zeichen erschien. Sch hatte ihn stets für sehr gesund gehalten und geglaubt, daß er wohl sechzig bis siebzig Sahre alt werden könnte. Run hatte er sich aber selbst nicht mehr in der Gewalt, und das betrübte mich Eine Wurzel seiner Lebenskraft schien zermalmt zu sein. Der zweite Verrat, den Doste Douglas an ihm begangen hatte, war der „coup de gräce" gewesen. Sm Wagen war er versonnen und mißgestimmt und fmg sofort an, sich zu entschuldigen. „ , _ „Seb werde ein unerfreulicher Gefährte sein, Frank, kündigte er mir mit zitternden Lippen an. ' ., Die würzige Sommer lüft in den Shamps SlysKs schien chn ein wenig M beleben, aber er war augenscheinlich in bittere trachtungen versunken und bemerkte kaum, wohin der Weg ihn führte. Don Zeit zu Zeit seufzte er tief, als ob ein Druck auf ihm lastete. Sch plauderte, so gut ich konnte, von diesen und jenen Dingen und versuchte, ihn von der abscheulichen Angelegenheit abzulenken, die ihm, wie mir bekannt war, das Gemüt beschweren muhte; aber alles war vergebens. Als unser Mittagessen zur Neige ging, sagte er in ernstem Don: ' . . „Sch möchte etwas von dir wissen, Frank, ich mochte, d Smmer lichter wird es, das ganze Zimmer liegt in grauem Dämmer da. Ah, wenn Geronimo nur bald auf wachte! Es wandert sich so gut in der Frühe! Noch vor Sonnenaufgang werden sie fortgehen. Einen guten Morgen dem Wirt, dem Knecht und Maria auch, und dann fort, fort... Und erst wenn sie zwei Stunden weit sind, schon nahe dem Dale, wird er es Geronimo sagen. Geronimo reckt und dehnt sich. Carlo ruft ihn an: „Geronimo!" „Nun, was gibt's?" Und er stützt sich mit beiden Händen und fetzt sich auf. * „Geronimo, wir wollen aufstehen." „Warum?" Und er richtet die toten Augen auf den Bruder. Carlo weiß, daß Geronimo sich jetzt des gestrigen Borfalles besinnt, aber es weih auch daß der keine «Albe darüber reden wird, ehe er wieder betrunken ist. „Es ist kalt, Geronimo ,wir wollen fort. Es wird heuer nicht mehr besser; ich denke, wir gehen. Zu Mittag können wir in Doladore fein." > Geronimo erhob sich. Die Geräusche des erwachenden Hauses wurden vernehmbar. Unten im Hof sprach der Wirt mit dem Knecht. Carlo stand auf und begab sich hinunter. Er war immer früh wach und ging oft schon in der Dämmerung auf die Straffe hinaus. Er trat zum Wirt hin und sagte: „Wir wollen'Abschied nehmen." „Ah, geht ihr schon heut?" fragte der Wirt. „Sa. Es friert schon zu arg, wenn man jetzt im Hof steht, und der Wind zieht durch" „Nun, grüß' mir den Baldetti, wenn du nach Dormio hinunterkommst, und er soll nicht vergessen, mir das Oel zu schicken." „Sa, ich will ihn grüßen. Sm übrigen — das Nachtlage« von heut." Er griff in den Sack. „Laß fein, Carlo," fagte der Wirt. „Die zwanzig Centefimi fchenk' ich deinem Bruder; ich hab' ihm ja auch zugehört. Guten Morgen." „Dank," fagte Carlo. „Sm übrigen, so eilig haben wir's nicht. Wir sehen dich noch, wenn du von den Hütten zurück« kommst; Dormio bleibt am selben Fleck stehen, nicht wahr?" Er lachte und ging die Holzstufen hinauf. Geronimo stand mitten im Zimmer und fagte: „Nun, ich bin bereit zu gehen." „Gleich," sagte Carlo. Aus einer alten Kommode, die in einem Winkel des Raumes stand, nahm er ihre wenigen Habseligkeiten und packte sie in'ein Bündel. Dann sagte er: „Ein schöner Tag, aber sehr falt.“ „Sch weih", sagte Geronimo. Beide verließen die Kammer. „Geh leise," sagte Carlo, „hier schlafen die zwei, die gestern abend gekommen sind." Behutsam schritten sie hinunter. „Der Wirt läßt dich grüßen," sagte Carlo; „er hat uns die zwanzig Centefimi für heut nacht geschenkt. Nun ist er bei den Hütten! draußen und kommt erst in zwei Stunden wieder. Wir werden ihn ja im nächsten Sahre Wiedersehen." Geronimo antwortete nicht. Sie traten auf die Landstraße, die im Dämmerschein vor ihnen lag. Carlo ergriff den linken Arm feines Bruders, und beide schritten schweigend talabwärts. Schon nach kurzer Wanderung waren sie an der Stelle, wo die Straße in langgezogenen Kehren weiterzulaufen beginnt. Nebel stiegen nach aufwärts, ihnen entgegen, und über ihnen die Höhen schienen von den Wollen wie eingeschlungen. Und Carlo dachte: Nun will ich's ihm sagen. Carlo sprach aber kein Wort, sondern nahm das Goldstück aus der Tasche und reichte es dem Bruder; dieser nahm es zwischen die Finger der rechten Hand, dann führte er eS an die Wange und an die Stirn, endlich nickte er. „Sch hab'S ja gewußt," sagte er. i „Nun ja," erwiderte Carlo und sah Geronimo befremdetem. „Auch weim der Fremde mir nichts gesagt hätte, ich hätte es doch gewußt." ISortierung folgt.) Verantwortlich: I. V.: Ehrhard Evers. - Druck der Vrühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.