Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, -en ($. Zebruar Nummer (3 Gashel. Von David Friedrich Strauß, Wer weih zu leben? Wer zu leiden weiß. Wer zu genießen? Der zu Meiden weiß. Wer ist der Reiche? Der sich beim Ertrag des eig'nen Fleißes zu bescheiden weiß. Wer lenkt die Herzen? Der den herben Ernst stets in ein beit'res Wort zu kleiden weiß. Wer ist der Weise? Der das falsche Geld vom echten schnell zu unterscheiden weiß. Änd wer der Fromme? Der von Menschen wohl, doch nichts von Christen oder Heiden wÄß- Dom schönen Frohmut. Von Reinhold Braun. Laßt vor allem Frau Einfalt herein: die weiß am besten fröhlich zu fein! Sie schenkt uns das rechte Freudemachen und das rechte und echte, das goldene Lachen! 2a, so ist's: Wer Sinn für echten Humor hat, der weiß auch uni die Schönheit und die tiefen Wonnen der Einfalt des Herzens. Sinn für Humor ist das Zeichen innerer Gesundheit. Die alte Medizin nannte die Grundsäfte unseres LebenS: Humores. Wo diese Säfte richtig gemischt waren, redete man von der „Sukrasie“, der Gesundheit. Daran ist etwas Wahres. — Humores: Lebenssäfte! Ohne sie ein Leben an sich unmöglich! Sie sind bestimmend für den Aufbau des Körpers, für den Lebensrhhthmus, für die Kraft zur Tat! Dies kann man auch schlechthin ayf das seelische Gebiet übertragen in bezug auf den Humor! Er ist auch bestimmend für den seelischen Aufbau, den innersten Rhythmus und die Schaffensfreude! ®in humorloses Leben wird immer etwas Müdes, etwas Schwungloses an sich tragen, etwas Gezwungenes wird jedem Tun anhaften!-- Wer Sinn für Humor hat. der hat auch Simr für das helle, blanke Leben, für Geist und Herz, für Liebe und Güte! Schier Humor und wahre Menschenliebe gehören unbedingt zusammen! — Humor ist der feine, herzliche Versöhner von Menschen und den Gegensätzen, wie sie das Dasein nun einmal mit sich bringt. Er erkennt, daß es wohl so sein muß! Dirr ferne, liebe Humor nn Sinne eines Wilhelni Raabe oder Jean Paul und all de» Meister deutschen Frohmutes - ist ein Lebenswecker, ein Ver- lebendiger, auch insofern, als er töten kann! Rietzsche sagt- „Richt durch Zorn, durch Lachen tötet man.“ Dieses Lachen tötet wie die Sonne alle bösen Keime, schafft den reinen Grund, daß das Gute und Helle und die Liebe sich entfalten können. Das Lachen des echten Frohmutes ist das Leuchten des sieghaften Herzens, ist Sieg an sich- es entwaffnet den Unmut und macht lerne Bosyerten unwirksam. Der Mensch des echten Humors wird immer der Aeberlegene sein. Richts kann ihn selbst in der schwierigsten Lage überrumpeln oder aus der Fassung bringen. Seme Lebenskunst ist gut gegründet! Ja. der wirklich Frob- mütige lst der vertiefte Mensch,- er wird Weltanschauung haben innerstes Gesicht. Man wird finden, daß Menschen, die innerlich in hundert Weltanschauungen hin und her torkeln, ganz humorlose Gesellen sind, und ferner gibt es solche, die aus lauter Weltanschauungssucht so blasiert sind, daß sie schon aus Dlasiert- heit nicht für Humor übrig haben können. Die Verwässertes haben keinen Humor! . 3?SJ.Jann levner sagen, daß der wahre Humor, der ja auch der göttliche genannt wird, ein Stück Frommheit bedeutet. Der Alles-Leugner, der ewig vom Göttlichen Anberührte, findet kein Verhältnis zum Humor. Schon deswegen nicht, weil er unend- «ch lern lenem wunderbar kindlichen Sinne lebt, der stets dem Frohmutigen mnewohnt. Dieses immer mehr in den Kindersinn eingehen, bedeutet Vertiefung de« Humors, ein Feiner- und Lichterweröen, schließlich eine Anüberwindbarkeit. Denn der göttlich Frvhmütige ist der Mutige, der Lebenstapfere, der stille Held, die stille Heldin!-- Humor-Haben ist nichts Fertiges, ist immer ein Wachsen, ein schönes beselrgeiides Reifen, ein immer Menschlicher-werden! And wenn wir auf das Ganze schauen, so können wir sagen - Mn echtes, starkes, deutsches VE ist ohne Sinn für Humor gar nicht zu denken! Sein Herzensfrvhmut ist eine Blüte feiner Kultur! Ist diese Blüte ganz voll Sonne, dann blüht auch seine Kultur! Grabbes Frau*). Don Alfred Bock. Aeber Grabbes Eheleben sind die Men noch nicht geschlossen. Der Historiker Eduard Duller, der den Dichter des „Don Juan und Faust“ 1834 in Frankfurt kennen lernte, und nach dessen Tode 0836) eine dürftige biographische Skizze veröffentlichte, mißt Grabbes charakterischem Temperament die Schuld an seiner Ehe- Misere bei. Karl Ziegler, der nach seinen Aufzeichnungen Zeuge v«r Skandale in Grabbes Haufe war, macht die Frau des uw glücklichen Poeten dafür verantwortlich. Offenbar liegt die Wahrheit in der Mitte. Grabbe war bizarr, exzentrisch und krankhaft gereizt, seine Frau überspannt, unduldsam und leicht verletzt. Kein Wunder, daß zwei so geartete Menschen die goldene Regel des Ehelebens „Dulde und erdulde“ nicht respektierten, sondern aufs schlimmste aneinanLergerieten. Jmmermann sagt, ®ra&» &e£ Heirat sei eine große Torheit gewesen,- die größte, die er &e» geyen tonnte, war. daß er, einmal dem „Ehegefängnis“ entronnen, freiwillig dahin zurückkehrte. Grabbes Frau (geb. 1796) war die Tochter des Archivrates Klostermerer in Detmold. Ihr Vater hatte sie als einziges Hät- schelkmd zu einer Art Blaustrumpf erzogen. Er lieh sie an feinen ar$tbalifen Beschäftigungen teilnehmen: sie war mit dem lippi- scheu Archiv durchaus vertraut und kannte die Schrift ihres Va- t?rs. „Wo Hermann den Varus schlug“, auswendig. Schon als Backfisch schwärmte sie für Literaten, und, zur Jungfrau heran- gewachsen, schlug sie mehrere vorteilhafte Partien aus, weil sie der Aeberzeugung war, nur an der Seite eines Dichters glücklich werden zu können. Grabbe, der in der nüchternen kleinen Resi- Anzstadt das literarische Milieu schmerzlich vermißte, sand im Hause des Archivrats für seine Arbeiten Teilnahme und Veo- standnis. Als er der Tochter seine „Hohenstaufen" schickte, schrieb thm diese: „Goethe schmückte zu Weimar vor einem Jahve den Sarg des Pius Alexander Wolff mit einer Blumenleier,- wenn ©te sterben, schmücke ich denselben mit einer ähnlichen, umwinde fte aber noch mit einem weißen Atlasband, auf welches mit großen goldenen Buchstaben HorazenS Worte geschrieben: Ron omnis moriar! Die Hoffnung, in nicht gewöhnlicher Amgebung mich einst rühmen zu dürfen, aus der eigenen Hand deS Dichter« der „Hohenstaufen“ sein Werk empfangen zu haben, beglückt mich letzt schon, und nach diesem Geständnis wollen Sie die Größe meiner Dankbarkeit schätzen.“ Henriette Klostermeier besaß große körperliche Vorzüge, ein schönes Auge, üppigen Wuchs, sie verstand das Herrschsüchtige und Anweibliche in ihrem Charakter klug zu verbergen und bei Gelegenheit in zärtlichen Schmeicheltönen zu flüstern. Grabbe war hingerissen und nach seiner Gemütsart sofort rasend verliebt. Damals schrieb er , Don Juan und Faust“. Faust, der um Donna Annas Liebesgunst wirbt, redet die Sprache seiner eigenen Verzückung: „Mein teures Mädchen, fürchte nicht, ich weiß, Was Liebe ist, weiß, daß sie eigentlich Aus Kleinigkeiten, Augenzucken, Spiel Mit weißen Händen, Wohlgefallen an Erträglich schöner, nett geschniegelter Gestalt, aus dunklem Trieb der Sinn' entsteht, Weiß auch, daß man mit Zuckerwörtchen, mit Schlechten Soietten, süßen Blicken, halb Verstohl'nem Angriff die Geliebte Heimsucht, Ich weiß, daß alles daS ein Tand nur ist. Doch dieser Tand wirkt auf mich wie ein Süntot#. Gefallen in die Pulvermin' der Festung — Richt zarte Blicke, urgeborne Kraft, Glut bis zum Firmament erregt er mir — Mit ihr trotz' ich Gott, Satan und mir selbst.“ „ Este kokette Henriette ließ sich den feurigen Liebhaber I. en- Als dieser jedoch als ernsthafter Freier auftrat, toee8 Ne M hochmütig ab. Dabei kam die ganze Philistrvsität der Krahwinklerin zum Vorschein, denn sie hielt es für unstatthaft, b« Verfassers aus Hess«, „Litervr- ylstorifchen Studien. — 50 -ah die Tochter eines fürstlichen Archivrates sich mit dem Sohne eines Zuchthausverwalters — diese Stellung beneidet« Grabbes Vater in Detmold — verbinde. Mit dem Korb, den er nicht erwartet hatte, gebärdete sich der junge Dichter tote toll. Die Poesie war das Ventil, das ihm Erleichterung in seinem Liebesharin verschaffte. Dreimal wiederholte Grabbe seinen Heiratsantrag, dreimal erhält er eine abschlägige Antwort. Da zieht er vor den Augen des entsetzten Mädchens eine geladene Pistole hervor und droht, sich auf der Stelle zu erschießen, wenn sie ihm nicht ihr Jawort gebe. Henriette stürzt fort in das Vachbarhaus und erzählt dort unter Zittern und Zähneklappern, Grabbe tue sich ein Leid an. Gleich darauf erscheint der Selbstmord-- Kandidat wohlgemut auf der Straße, hält einen voruberfahren- den Wagen an, steigt ein und rollt laut lachend unter allerlei., Grimassen von danneir. Damit fand dieser Liebeshandel vorerst wenigstens sein tragikomisches Ende. — Während Grabbe nun bei der Rum- und Weinflasche Zerstreuung suchte, näherte sich die Sonne seines literarischen Ruhmes ihrem Zeitith, „Don Juan und Faust", „Die Hohenstaufen und die „Hundert Sage" hatten berechtigtes Aufsehen erregt. Gin Titane toten erstanden, der den Helden des Tages, den Houwald. Vaupach und Clauren den Todesstoß versetzte. Grabbes wilde Opposition riß die Gemüter aus ihrer Lethargie «»vor. seine Dramen waren die Sturmvögel, die nach der pvltttschen Restaurativnsepoche in der Literatur dem Geiste der neuen Zeit vorauszogen. Die braven Detmolder, die über den verrückten Poeten so oft ihre Witze gerissen hatten, begannen nun mit einer Art ehrfürchtiger Scheu zu ihm emporzusehen und taten sich nicht wenig darauf zu Gute, den Berühmten Mann in ihrer Mitte zu wtssen. Unter dem Einfluß der öffentlichen Meinung. die sich zu Grabbes Gunsten gewandt, warf mit einem Male Henriette Klvstermeter, die stolze Honoratiorentochter, die Angel nach ihm aus. Die alten Bedenken der Mesalliance waren überwunden, nach dem Tove ihrer Eltern glaubte sie eines männlichen Schutzes zu bedürfen, und die Aussicht, als Frau eines berühmten Dichters vor der Detmolder Gesellschaft zu paradieren, ließ ihr den einst Verschmähten jetzt doppelt begehrenswert erscheinen Der junge Freiligrath, als dessen Gönnerin sie sich aufspielte. hatte thr feine erften Gedichte anvertraut. Diese schickte sie mit einem verbindlichen Briefe an Grabbe und bat ihn als vielvennogeitdeN Schriftsteller, die Drucklegung der Poesien zu vermitteln., Grabbe war gutmütig oder charakterlos genug, die alten Beziehungen wieder anzubrüpfen und im März 1833 führte er Henriette Klostermeier an den Traualtar. Kaum war der junge Bund geschlossen, als das Alnbeif losbrach. Grabbes Frau war im Elternbause stets verherrlicht, ja als ein Wunder von Schönheit und Gelehrsamkeit gepriesen worden. Infolge dieser falschen Erziehungsmethode mit einer großen Portion Selbstüberschätzung Behaftet, ließ sie gleich nach der Hochzeit Bei ihrem Manne durchblicken, daß sie fortan als Mittelpunkt der neuen Häuslichkeit zu gelten habe. Solch unverständiges Gebahren forderte Grabbes Zorn heraus, und da feiner der Ehegatten zu Kompromissen geneigt war, gestaltete sich ihr Zusammenleben zu einer Äette von Mißverständnissen, Verstimmungen und offenen Streitigkeiten. D-e Liebe hatte Grabbe blind gemacht, die Ehe gab ihm das Gesicht wieder. Bei all seinen Reizbarkeit. Launenhaftigkeit und Grastativn war er lenksam und gefügig wie ein Kind, wenn ihm wahre Herzensgüte begegnete. Deine Frau besaß leider von dieser Eigenschaft, die ihn beglückt und wahrscheinlich von seinen Rarrheiten bekehrt hätte, keine Spur. Ihre Selbstsucht ging so weit, daß sie auf die Werke ihres Mannes nur insofern Wert legte, als ihr, der gefeierten Frau, darüber Komplimente gemacht wurden. Das eheliche Zerwürfnis nahm einen immer häßlicheren Charakter an. Frau Grabbe klagte ihren Freundinnen, ihr Mann habe von ihrem Geburtstag nicht die geringste Votiz gennomen, sie besuchte die Gräber ihrer Eltern und vergoß dort bittere Tränen. Grabbe ging seine eigenen Wege und hielt, tote er als Junggeselle getan, bei Bier und Rum mit seinen Freunden lärmend« Zechgelage ab. Karl Ziegler erwähnt aus dem Jahre 1834 eines Austritts in Grabbes Hause, der dafür spricht, daß seine Schrullen in temporäre Verrücktheit ausarteten. Der Dichter besaß eine Eule und ein paar Enten, die er seinen Freunden mit großem Stolze vvrstellte. Ziegler besuchte ihn eines Tages. Grabbe erscheint im rotgeftreiften Nachthemd, begibt sich in die Küche und nimmt von dem Fleisch, das für den Mittaastisch zubereitet werden sollte, ein mächtiges Stück. Darauf führte er den Freund in den Hof. wo die Eule in einem Dauer saß, holte sie heraus und sagte: „Sieh' mal, was der Satan für Augen macht, gerade wie meine Frau. Eie soll zu fressen haben. Komm, süßes Kind!" Bei diesen Worten stopfte er der Eule unbarmherzig den Havven Fleito in den Hals. Als das arme Sier vergebliche Schluck- Versuche machte, drückte er heftig nach und tanzte vor Vergnügen. „Sieh, was der Teufel die Augen verdreht, aber ich kann ihn nicht zwingen!" Run trug er eine Ente herbei, stellte sie neben die Eule, sprach eine Kopulationsformel und verlangte von der Gnie. sie sollte „Ja" sagen. Dann schlug er imbarmherzig auf sie los, sperrte sie mitsamt der Eule in den Bauer und sagte zu Ziegler: „Geh geschwind zum Pastor, er soll hier eine Kopulation vornehmen. Es ist eine Sünde und Schande, eine solche Ehe!" Es ist psychologisch erklärlich, daß Grabbes Frau nach ihrer ganzen Veranlagung von den immer häufiger wiederkehrenden Tollheiten ihres Mannes geradezu angesteckt wurde und ihm allmählich darin nichts nachgab. Eine Quelle beständiger Zwistigkeiten bildete die Gütergemeinschaft, die die Ehegatten bei ihrer Verheiratung vertragsmäßig abgeschlossen hatten. Grabbes Frau drang darauf, daß der Vertrag wieder aufgehoben werde, weil sie befürchtete, ihr Mann werde bei seinem Hang zur Verichtoen- dung ihr Vermögen durchbringen. Grabbe widersetzte sich euer- , gisch und nun begann ein förmlicher Kampf, die eingebrachten! Vermögensstücke vor einander in Sicherheit zu bringen. Das ging soweit, daß Frau Grabbe sich eines Abends ihrem Manne, der siebernd zu Bett lag, zutraulich näherte, ihm gewandt wie eine Diebin von Profession einen Siegelring vom Finger zog und unter Hohngelächter davonlief. Schon 1827 war Grabbe das Amt eines fürstlichen Auditeurs übertragen worden. Mancherlei Nachlässigkeiten, die er sich im Dienst zuschulden kommen ließ, hatten seinen Vorgesetzter zu Rügen Anlaß gegeben. Als Grabbe darüber höchst aufgebracht seinen Abschied forderte, wurde dieser ihm ohne weiteres be» willigt. Seine Frau war wütend, daß er sein sicheres, wenn auch kleines Einkommen gleichmütig preis gegeben hatte, er selbst aber behauptete, daß er um seiner dichterischen Tätigkeit willen der vollsten Unabhängigkeit bedürfe. Nun spielten sich fast jeden Tag zwischen den Ehegatten die schlimmsten Szenen ab, die gegenseitige Erbitterung kannte keine Grenzen mehr, und am 4. Oktober 1834 reifte Grabbe, ohne von seiner Frau Abschied genommen zu haben, nach Frankfurt ab. Hier wollte er von feinem Verleger Kettembril, dem Besitzer der Hermannfchen Duchhand- Iimg, mit Geldmitteln unterstützt, fein Drama „Hannibal in Ruhe vollenden. Wie nicht anders zu erwarten, erregten feine Eriravaganzen in der Frankfurter Gesellschaft das unliebsamste Aufsehen. Seiner Frau schrieb er: „Ich erwarte einen Brief von Dir. Schwatze nur nicht mit Deinen sogenannten Freundinnen, sei treu und gut. Ich sage: mein Leben Hingt Dir alsdann entgegen." .. . Der „Hannibal" ruckte nur langsam vorwärts, weil der Rheinwein im „Schwan" die stärkste Anziehungskraft auf Grabbe ausübte. Bald kam es mit Kettembeil zum Bruch Bald darauf ließ Grabbe an Jmmermann in Düsseldorf einen verzweifelten Dries abgehen. „Ich bin verloren," beteuerte er, „wenn Sie mir nicht zu helfen suchen." Jmmermann hatte eben die Leitung des Düsseldorfer Theaters übernommen und versprach sich von Grabbes dramatischer Mitarbeiterschaft reichen Gewinn. Gr antwortete sofort, bot dem Dichter ein Asyl, und dieser hielt acht Sage später in Düsseldorf seinen Einzug. Von Jmmermann ermuntert, führte Grabbe sein 1823 in Berlin begonnenes dramatisches Märchen „Aschenbrödel" in Düsseldorf zu Ende. Die «rite Szene stellt sich als Reminiszenz der Gheerlebnisse In Detmold bar. Wir greifen eine markante Stelle heraus: Andreas: Greift in Euer Hauswesen! Baron: Eber in die Hölle. Da regiert doch nur der Teufel und kein Weib. Gott war sehr gnädig, als er uns einen Teufel und keine Seufetln schenkte. Andreas: Ein schwaches Weib — Baron: Schwäche? Dahinter sitzt just die Stärke. Kennst du Schmollen. Tränen, Zeter, Beharren im Eigensinn nur um des Eigensinns willen. Trug und Luq aus Instinkt, so kennst du etwas von einer Ehefrau, so kennst du das Land, wo zwar keine Zitronen, wohl aber zornige Wangen glühen, wo zwar die Myrthe nicht still steht, aber der Sturm ihr Laub verweht. Andreas: Gnädiger Herr, wie verliebt wart Ihr in die Braut ... Baron: Ja, Dräute und Sodomsäpfel — ach, ach, wie schön, wie nett, v Herz, ach Schmer»! Aber hat erst der Pfaff gelogen: „Gr soll dein Herr fein." da kehrt es sich um, und der Pantoffel erhebt sich, ein Reichsschckd! Freund, zehnmal muß man geliebt haben, um endlich einmal vernünftig lieben zu können, aber das Heiraten lernst du nicht aus und versuchtest du's Millionen Mal." Jmmermanns menschliche und künstlerische Erscheinung übte auf Grabbe den wohltätigsten Einfluß aus. Die unmittelbare Berührung mit dem Theater gab ihm eine Fälle neuer Ideen ein, rege Schaffenlust hob feine Kräfte, und der Mißklang, der fein Leben durchdrang, schien sich in Harmonie aufzulöfen. Da überfiel ihm ein vorwurfsvoller Bries feiner Frau, er solle die Gütergemeinschaft endlich aufheben; und zugleich trat ihm die Galle wieder in's Blut. Grabbe schloß sich nun zu seinem Schaden einem genialen, verbummelten, jungen Musiker, Norbert Durgmülker, an. Mit sich und der Welt zerfallen, suchte BurgmMer im Trunk Vergessenheit, und Grabbe leistete ihm in verwandter Seelenstimmung willig Gefolgschaft. Jmmermann sah mit Betrübnis seinen Schützling Stufe um Stufe sinken und zog seine Hand von ihm zurück. Durgmüller starb plötzlich rmd nun geschah das Liner- 51 - Wartete, daß ©robbe in elendester geistiger und körperlicher Verfassung die Rückkehr nach Detmold beschloß. „Miete mir ein kleines Logis," schrieb er an seinen Freund Petri, „mit einem Tisch, zwei Stühlen, einem Bett. Gleich zu Anfang mag ich mich in meinem Hause nicht tobt ärgern, obgleich, gehts nicht anders, ich die genannten Möbel daraus holen lasse." Sm Mai 1836 fuhr er über den Lippeschen Wald und sah zu seinen Füßen das Heimatstädtchen liegen. Er nahm in einem Gasthaus Quartier, aber sein Zustand war so bedenklich, daß es seine Freunde für geraten hielten, ihn seiner Frau zuzuführen. Diese schlug eine helle Lache auf, als sie den zum Skelett abgemagerten Mann erblickte und rannte wie eine Besessene davon. Grabbe wurde bettlägerig. Seine Frau schickte ihm das Essen, im übrigen überließ sie ihn seinem Schicksal. Seiner Mutter, die sich zur Pflege des Sohnes anbot, wies sie die Tür. Erst als die alte Frau unter dem Schutze eines Geistlichen wiederkam, gab sie ihr freie Dahn. In den Armen seiner Mutter starb Grabbe am 12. September 1836. Als man seiner Frau die Todesnachricht überbrachte, rief sie nach Zieglers Bericht: „Gut, daß der Unhold tot ist. Also endlich!" Anderen Tages gebärdete sie sich wie trostlos, reichliche Tränen flössen über ihre Wangen und sie schmückte das Haupt des „geliebten" Toten mit einem Lorbeerkranz. Goethe und sein Weimarer TheaterpubNKum. Von Hans Mehner. Von Zeit zu Zeit beweist immer wieder einmal ein lebhaft diskutierter Vorfall, dah sich unser Theaterpublikum nicht durchweg aus Leuten zusammensetzt, die sich der Würde des Ortes entsprechend zu benehmen wissen. Wer den Dlick einmal auf die Theaterverhältnisse der vergangenen Zeit richtet, der wird finden, daß in dieser Hinsicht sich die heutigen Theaterbesucher gar nicht von denen zur Zeit Goethes unb Schillers unterscheiden. Goethe hat unter den Ungezogenheiten des Publikums ebenso gelitten, wie es nicht selten unsere Theaterdirektoren tun. Er hatte sich deshalb auch während seiner fünfundzwanzigjährigen Leitung des Weimarer Hoftheäters die Erziehung des Publikums zu Anstand und Geschmack zur Aufgabe gemacht. Der- schiedentliche Aussprüche lassen uns sein Wollen -und seine Erfahrungen bei dieser Tätigkeit erkennen. Wie sehr es die Weimarer Theaterbesucher an Anstand und Rücksichtnahme auf die Würde der Bühne fehlen liehen, kam selbst bei Anwesenheit des Hofes nicht selten zu voller Deutlichkeit. Hier muhte einsetzen, wer die geistigen Bedürfnisse der Zuschauer auf eine höhere Stufe haben wollte. Das hat Goethe manche Unannehmlichkeiten bereitet und viel Aerger eingebracht. Es wird uns geschildert, dah sich besonders die Jenaer und Halleschen Studenten eines rüpelhaften Benehmens schuldig machten, und daß die im Saal sitzenden Schauspielerinnen manchmal Grund genug hatten, sich darüber zu beschweren. „Geschpekdakelt und gedrommelt", wie Christiane von Goethe ihrem abwesenden Gatten schrieb, haben diese Ruhestörer öfters. Sie neckten auch die Wache, und in den „Räubern" trieben sie es einmal ganz toll: sie rauchten, tranken und sangen — in Hemdsärmeln. Goethe hat bei solchen Gelegenheiten sehr bald Ruhe und Ordnung geschafft. Sein Aussehen und wohl auch der Ton feiner Stimme, wie er seine Ermahnungen ins Parterre rief, belehrten das aufhorchende Publikum eines Besseren. Sein Zuruf an die Studenten: „Man vergesse nicht, wo man ist!" hat die Unruhe im Parkett ebenso schnell erstickt, wie die donnernde Frage: „Wird's bald still?" Er empfahl dem geschäftlichen Leiter des Weimarer Theaters dieses selbst erprobte Mittel, um den Schauspielern Gehör zu verschaffen, mit den Worten: „Wenn man die Menge in Ruhe halten will, so mutz man die erste Unart nicht leiden. Gleich beim Eintritt solle jeder genötigt werden, den Hut abzuziehen, damit er erinnert würde, daß er vor dem Orte Achtung schuldig sei. Ich habe bei übervollem Hause, als Jfflands Spiel in den Räubern erwartet wurde, mit ein paar ernsten und derben Worten den Tumult im ersten Augenblick zum Schweigen gebracht; hätte ich nicht den Entschluß gefaßt, damals gleich bei der mindesten Bewegung dreinzusahren, so würde jene Aufführung gewiß eine der unruhigsten geworden sein.' Goethe ging in dieser Hinsicht sogar so weit, alle enthusiastischen Beifallskundgebungen zu verbieten. Bei der ersten Ausführung von Schillers „Braut von Messina" brachte das begeisterte Publikum dem Dichter eine Ovation im Theater dar. Da mußte denn der Stadtkommandant von Jena den .Urheber, den Sohn des Hofrats Schütz, vor sich kommen lassen, „um von ihm zu vernehmen, wie er als Eingeborener, dem die Sitten des hiesigen Schauspielhauses bekannt sein mutzten, sich eine solche Unregelmäßigkeit habe erlauben können." Obendrein mußte der Vater des Gemaßregelten eine Rüge ein stecken, denn der erwähnte Offizier hatte „im Ramen Serenissimi Herrn Hofrat Schütz zu erkennen zu geben: Höchstdiefelhen hätten sich von ihm versprechen. dah sein Sohn besser gezogen fein würde." Halfen aber alle Ermahnungen nichts, dann mußte die Wache im Theater energisch einschveiten. Es heißt in einer Anordnung Goethes: „Bei und kann kein Zeichen von Mißfallen stattfinden, das Mißfallen kann sich nur durch Schweigen, der Beifall nur durch Applaudieren bemerkbar machen, kein Schauspieler kann herausgerufen, keine Arie zum zweiten Mal gefordert werden. Alles, was den gelassenen Gang des Ganzen, von Eröffnung des Hauses bis zum Verschluß auf irgend eine Weise stören möchte, ist bisher unterblieben und darf auch in der Folge nicht stattfinden. Wobei ich noch die Bemerkung hinzuzufügen habe, daß die Wache nach der schon lange bestehenden Einrichtung höhere, nunmehr wiederholte Ordre hat, jeder ungewöhnlichen Bewegung nachdrücklich zu steuern." Doch mit solchen diktatorischen Maßnahmen allein war keineswegs die ganze Arbeit getan. „Von Kunst hat unser Publikum keinen Begriff." Diese Aeußerung Goethes aus der Zeit vor seiner Theaterleitung muh in vollem Umfang für die Weimarer Verhältnisse Geltung gehabt haben. Die Empfänglichkeit seines Publikums für die Kunst zu bilden, es mit wertvollen dramatischen Werken bekannt zu machen und auch die Leistungen der Darsteller über den Durchschnitt zu heben, das waren Rvtwendig- keiten, die der Theaterdirektvr Goethe in seinem Programm sehr Wohl berücksichtigte. Seine Bemühungen um sein leistungsfähiges, „an ein gebundenes, kunstreiches Spiel" gewöhntes Ensemble waren von Erfolg begleitet. Grohe Schwierigkeiten machte der Spielplan. Bei seiner Aufstellung half Schiller; nicht nur seine eigenen Dramen, sondern auch Bearbeitungen von Stücken Shakespeares, Gozzis, Aacines wurden gespielt, daneben auch die neuen Werke der Zeitgenossen. Goethe wollte selbst eine Anzahl Stücke schreiben, um den Spielplan zu bereichern. Doch das Publikum nahm das Reue nicht ohne weiteres beifällig auf. So mußte während der Aufführung von Fr. Schlegels „Alareos" erst Goethes lautes „Man lache nicht!" das Gelächter zum Schweigen bringen, das sich bei ernsten Szenen erhoben hatte. Goethe sah ein, daß er d em Publikum auch entgegen kommen müßte. Er brauchte es ja, schon um der Einnahmen willen, da er sein Theater durch Sparmaßnahmen und auswärtige Gastspiele ohne Fehlbeträge erhalten wollte. Und für die Schauspieler war die Zustimmung verständiger Zuschauer nicht minder wichtig: „Der schönste Lohn von allem, was wir tun, Ist euer Beifall; denn er zeigt uns an, Daß unser Wunsch erfüllt ist, euch Vergnügen Zu machen ...", so hieß es 1791 bei Eröffnung des Theaters. In diesem Sinne erflang auch die Mahnung: „O, seid nicht karg mit eurem Beifall!" Das Publikum wollte auch etwas für seinen Geschmack haben, wenn seine Anteilnahme am Theater erhalten bleiben sollte. Sv kamen nun alle die Lustspiele und Possen von Jfs- land und anderen damaligen Schriftstellern auf die Weimarer Bühne, die mit Vorliebe gesehen wurden und deshalb so stattliche Aufführungsziffern erreichten. Allein Kotzebues Stücke wurden öfter gespiell als Goethes und Schillers Stücke zusammen. Goethes Wünschen und Hoffnungen entsprach dieses Ergebnis seiner Theaterdirektion nicht. Wie bitter er die Enttäuschung empfand, die sogar zum Hemmnis für sein Schaffen wurde, dafür zeugen die Worte, die er 1825 aussprach, als er seines Amtes schon viele Jahre ledig war: „Ich hatte wirklich einmal den Wahn, als sei es möglich, ein deutsches Theater zu bilden. Ja ich hatte den Wahn, als könne ich selber dazu beitragen und als köirne ich zu einem solchen Dau einige Grundsteine legen. Ich schrieb meine „Iphigenie" und meinen „Tasso" und dachte In kindischer Hoffnung, so würde es gehen. Allein es regte sich nicht und rührte sich nicht und blieb alles wie zuvor. Hätte ich Wirkung gemacht und Beifall ge- funben, so würde ich euch ein ganzes Dutzend Stücke wie „Iphigenie" und den „Tasso" geschrieben haben." Der Fährmann von Niederhausen. Von Heinrich DechtolsHeimer. (Fortsetzung.) „Mein alter Taglöhner," hatte Wenzel gesagt, „hat für sich zu tun, da könntest du mir im Feld und im Kelterhause helfen. Wenn wir jetzt mit Keltern fertig sind, wollen wir uns an das Dreschen machen. Dann ist allerhand im Wald zu tun, und im März geht es wieder hinaus auf dem Acker. Ich weiß, daß du alle Feldarbeit verstehst, und meine zwei Gäule kann ich dir an- Bertrauen. Ich werde älter, und da Paßt es mir nicht mehr, morgens früh und abends spät die Stallarbeit zu tun." So blieb Michel Klee in Riederhausen. Einige Tage lang war noch zu keltern. Mit seinem Dienstherrn füllte er die Trauben aus dem Ladesasse in die Kelter, dann wurden die schweren Bretter darübergelegt und die Presse fest zugedreht. Der trübe Saft floh in die große Bütte, die vor der Kelter stand, und wurde bann im Keller in die Fässer gefüllt. Rach Len Tagen, da der Rebel das Tal bedeckt hatte, wurde es frostig und klär. Die Sonne stand über den Bergen und über dem Wald. Dieser färbte sich immer gelber, und immer mehr Blätter fielen zur Erde. Ende Rovember kamen heftige Stürme, und die Zweige wurden ganz kahl. Frühling, Sommer und Herbst hatten der Welt diel Blutvergießen und großen Jammer gebracht, mm 52 — kam der Winter, und die erschöpfte, schwer mitgenommene Menschheit kam etwas zur Ruhe. II. Seit bierjig Jahren war (Nikolaus Sachs der Fährmann von Niederhausen. Mit seinen beiden großen Nachen vermittelte er den Verkehr zwischen dem linken und dein rechten 'Naheufer, besonders zwischen Niederhausen und den Orten Vingert, und Hallgarten, die jenseits auf der Hochebene lagen. Der Fährmann war vom Hunsrück gebürtig, genau wußte nremand, tot>» her er stammte: denn er war ein wortkarger Mann. Weib und Kinder halte er nie gehabt, in seiner Jugend sollte er das Schmiedehandwerk gelernt haben und einige Zeit auf der Wanderschaft gewesen fein. -Unweit des Flusses, an einem Zimmerplatze, lag' das Fährmannshaus. Es war eigentlich eine klerne Hütte, die außer dem Hausgang nur einen Raum hatte. Nikolaus Sachs machte dort Siebe oder er stellte Desen her. Dte Rerser, die er dazu brauchte, schnitt er sich in dem jenseits des Flusses gelegenen Walde, und es dauerte, wenn er beim Reiserschnetden war, oft lange, bis er auf den Ruf der Leute, die überfahren wollten, erschien. Namentlich war er nachts oft derschwunden und kam dann bei Tagesgrauen mit einem großen Bündtt (Reifer heim. Die Gemeinde Niederhausen gab ihm jährlich einen geringen Lohn, dafür mußte er die Ortseinwohnerunentgeltlich übersetzen. Wenn Fremde kamen, so bezahlte ieder einen Heinen Betrag. Kam eine Jagdgesellschaft, die im Trvm-> bachtale oder auf dem Lemberg jagen wollte, so fiel die Entlohnung meist reichlich aus. Mitunter kamen Herren aus Kreuznach oder Svbernheim, die überfuhren, auch sie bezahllen den schweigsamen Fährmann gut. Einer der beiden Nachen lag in der (Reget abseits, um in Notfällen Verwendung zu finden, mit dem anderen fuhr der Mcrmr über. Mit der Stange stieß er auf den Boden und bewegte fein Fahrzeug weiter. Ein Einnehmer von der Saline Theodorshalle hatte die Fischerei bei Niederhausen gepachtet. Da dieser Beamte nicht immer abkommen konnte, so ließ er häufig den Fährmann den Fischfang ausüben. Das war diesem die liebste Beschäftigung. Stundenlang konnte er fischend am Ufer stehen, und wenn sich in feinem Netze Hechte, Darben oder Aale fanden, so ließ er ein vergnügtes Knurren vernehmen. Ein seltsamer Mann war der Nikolaus Sachs, er hatte kaum mit einem Menschen Umgang. Niemals sah man ihn in einem Wirtshause, selbst in der Kirche wurde er nicht gesehen. Wenn er nicht seinen Nachen über den Fluß lenkte oder Fische fing, saß er in seinem Häuschen und band Besen, die ihm die Einwohner der benachbarten Orte abkauften. Die Kinder hatten vor dem Manne Angst, auch viele Erwachsene gingen ihm aus dem Wege und wären nachts unter keinen Umständen mit ihm über die Nahe gefahren. Allerhand unbestimmte Gerüchte waren über ihn im Schwange. Hm das Jahr 1800 sollte er mit den (Räubern, die damals eine große Landplage waren, namentlich mit dem Schinderhannes, unter einer Decke gesteckt und sollte die (Räuber manchmal des Nachts mitsamt ihrer Deute über den Fluß geschafft haben, so daß sie den Sicherheitsorganen entgingen. Niemals aber konnte man ihm das geringste nachweisen. Merkwürdigerweise hatte der Fährmann mit dem jungen Michel Klee eine Art von Freundschaft unterhalten. Wenn der junge Mann am Sonntagnachmittag nichts zu tun hatte, so ging er an die Nahe. Das Wasser hatte es ihm angetan, er sah gern in die vorüberwallende Flut, beobachtete den Fluß in seiner wechselnden Färbung. Gern verkroch er sich in das Schilf und sah zu, wie das Wasser gegen einzelne Steine strömte, so baß sich kleine Strudel bildeten. Wenn der Fährmann seine Netze auslegte, so fuhr Michel mit dem Aachen über. Viel zu hören bekam er allerdings nicht von dem menschenscheuen Manne, wenn er aber einen Sonntag ausgeblieben wftr, so fragte ihn dieser das nächstem al: „Wo bist du am Sonntag geblieben ?“ So verstand es sich fast von selbst, daß die beiden auch jetzt, nachdem der Jüngling ein gute« Teil von Europa gesehen hatte, sich oft zusammenfandett. Solange die Tage noch gut waren, ging Michel Sonntags an die Nahe. Diese ist ein rechtes Gebirgswaster. Dom Hunsrück und vom pfälzischen Derglande strömen ihr die Bäche zu, der Hahnenbach. der Fischbach, der Glan und weiter unterhalb der Allenz, 6er Ellerbach, der Guldenbach, die Appel. Im Sommer wallt der Fluß in grau-grüner Färbung einher. Wunderbar ist es da namentlich am Abend im Nahetal, wenn das Svnnengold auf dem Wasser liegt. Es ist dann ein schönes Wandern das Ufer entlang. Oben die grünen Wälder, etwas tiefer die grünen, schön gepflegten Weinberge, in der Talsohle die Aecker, neben der Landstraße, die sich vielfach windet, der Fluß, an dessen Ufern Schilf und Blumen stehen, das ist ein Bild, daS sich jedem Beschauer tief in die Seele prägt. Aber der Fluß, der so friedlich und sanft oorübergteitet, ändert fein Wesen, wenn ein Gewitterregen im Gebirge niedergegangen ist. Da wird die grau-grüne Flut auf einmal gelb, und rasch gleiten die Wellen einher. Tritt im Frühjahr die Schneeschmelze ein, rauschen die Bäche von den Bergen und den Wäldern hernieder, fo schwillt die Nahe innerhalb weniger Stunden gewaltig an, und der Fluß wird zum Strome, der über die Ufer geht, die Landstraße überschwemmt und in die Dörfer und Städte einftrömt. In alten Chroniken ist mancherlei zu lesen, wie die Nahe über ihre ilfer getreten ist und den Menschen Llnheil gebracht hat. Im Winter 1813/14 war die Nahe zweimal gu gefroren, oft ging sie mit Treibeis, da stockte naturgemäß' der Fährmanns dienst. Dann war Nikolaus Sachs oft tagelang abwesend, niemand wußte, wohin er gegangen war. War das Eis verschwunden, so kam er wieder zum Vorschein. Michel Klee half in dieser Zeit beim Dreschen, nachmittags wurden, so weit es die Witterung erlaubte, Arbeiten im Felde verrichtet. Bäume wurden ausgeputzt, oder es wurde Dung gefahren. Abends saß der Knecht im Wohnzimmer. Die Knechte, die Peter Wenzel seither gehabt hatte, hatten das gar nicht gewünscht. Wer von ihnen einen Schatz im Dorfe hatte, ging abends zu diesem oder stand, werm das Mädchen gleichfalls diente, wartend am Hvf- tore und holte sich kalte Füße. Zumeist fanden sich die Dienstboten im Hause einer Witwe oder eines alten, armen Ehepaares ein, wo ein Kartenspiel gemacht, Branntwein getrunken und die Ziehharmonika gespielt wurde. Michel hatte keinen Anhang im Dorfe, und seine Herrschaft gestattete ihm gern den Aufenthalt im Wohnzimmer. Der große Winnweiler Ofen brannte, immer neue Scheiter wurden aufgelegt. Menzel rauchte die kurze Pfeife, seine Frau und seine Tochter spannen. Manchmal kamen auch Nachbarn in das Haus. Jeden Abend stieg der Hausherr hinunter in den Keller und holte einen großen Krug Wein. Michel muhte immerfort von fernen Kriegserlebnissen erzählen. Der Bauer war in seinem Leben nicht weiter als bis nach Kreuznach gekommen, den Ahein hatte er niemals gesehen, um so mehr interessierte er sich für fremde Gegenden und fremde Menschen. Namentlich hörte er gern, wie es in Spanien gegangen war. Wenn der frühere Korporal etwas besonders Interessantes erzählt hatte, fo hieß es oft wie bei Kindern: „Michel, erzähle das noch einmal I" Nicht nur Peter Wenzel lauschte aufmerksam diesen Berichten, sondern auch seine Tochter Christine. Mehr als einmal stand ihr Spinnrad still, wenn Michel von seinen Erlebnissen in Spanien erzählte. Ihr Herz war beklommen, wenn er von den liefenrfällen der spanischen Banden auf die dahinmarsch ieren - den Truppen, von dem Haß der Landeseinwohner berichtete, die den Franzosen vergiftete Speisen vorgesetzt hatten. Christine atmete auf, wenn von dem glücklichen Ausgang eines gefährlichen Unternehmens oder von der Errettung aus großer Gefahr die Rede war. Die Augen des Mädchens glänzten, wenn der junge Mann, den der Vater so sehr lobte, abends in das Zimmer trat. Christine war nun 22 Jahre alt, sie hatte seither ein sehr stilles Geben geführt, war kaum zu irgendeiner Veranstaltung gekommen, ihre männlichen Altersgenossen standen im Felde, und die Kirchweihen hatte man in den Kriegsjahren 1812 und 1813 nicht gefeiert. Peter Wenzel war jetzt ein Mann von 54 Jahren und körperlich etwas schwerfällig. Deshalb war es ihm erwünscht, daß er alle Arbeiten in Feld. Stall und Scheuer feinem Knechte übertaffen konnte und diesen nicht zu beaufsichtigen brauchte. Der Keller war mit neuem Weine gefüllt, ist doch die Gemarkung Niederhausen zu zwei Dritteln mit Reben bepflanzt, und der Wein, der dort erzeugt wird, nimmt es mit den besten Sorten! der KreuznaHer Gemarkung, mit dem Hasenrecher. dem Kauzen- berget, dem Hinkelsteiner auf. Michel erledigte alte Arbeiten im Kelter. Während der Gärung des neuen Weines füllte er alten Wein ab und hielt alles bereit, weit der Weinhändler! Eckhardt aus Dingen fein Kommen in Aussicht gestellt hatte. Die beiden Pferde hielt er in guter Pflege. Wenn er mit ihnen nach der Aorheimer Mühte fuhr und über die wohlgenährten braunen Tiere die Peitsche knallen lieh, fo faßen alt und jung nach ihm, und man fagte: „Der Peter Wenzel hat aber einen tüchtigen Knecht. Dabei war er auch den Frauen, die zum Haufe gehörten, stets hilfsbereit. Wenn Frau Wenzel einen Korb mit Kartoffeln au8 dem Keller hotte, so sprang er herbei und trug den Korb in die Küche. War Michel im Hofe, fo duldete er nicht, daß Christine Wasser pumpte und den gefüllten Eimer wegtrug. Nie hatte das ein Knecht getan, im Gegenteil. die früheren Knechte hatten gesagt, das sei keine Arbeit für Mannsleute. Im Dorfe sagte man sich: „Man sieht doch, daß der Michel beim Militär etwas gelernt hat, der ist fein Kloben, tote es sonst die Knechte find." Zwischen der Herrfchast und dem Knechte bildete sich auf diese Weise ein Verhältnis heraus, das vertraulich war. Peter Wenzel nahm den Knecht am Sonntagnachmittage mit in das Wirtshaus. Michel faß still und bescheiden unter den Bauern, er fah dem Kartenspiel zu, ohne selbst eine Karte anzurühren. Von Wind und Wetter wurde da zwischendurch gesprochen, von guten und schlechten Erntejähren, von Krieg und Frieden, vorn Schinderhannes und feinen Taten. Zeigte die große Standuhr 5 ülhr, fo stand Michel auf und fagte zu feinem Dienstherrn: „Herr, es ist Zeit, daß ich zu den Gäulen gehe." (Fortsetzung folgt.) SLriftleitung: Dr. Frirdr. Wilh. Lanar. — Druck und Berlaa der Brübl'schen Llniv.-Vuch- und Steindruckerei, R, Gange, Gießen