Gießener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, -en (5. Oktober Nummer 82 Herbst. Bon Stefan Georg«. Komm in den totgesagten park und schaue Der schimmer ferner, lächelnder gestade, Der reinen o>olken unverhofftes blau Erhellt die weiher und die bunten Pfade. Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau Bon birken und von buchs; der wind ist lau, Die späten rosen welkten noch nicht ganz, Erlese küss« sie und flicht den kra-nz. Vergiß auch diese letzten astern nicht. Den purpur um die ranken wilder reden And auch was übrig blieb vom grünen leben Verschwinde leicht im herbstlichen gesicht. Die Naturgeschichte der Wolken. Von Privatdozent Dr. W. Pepp ler. Schon seit den frühesten Zeiten der Menschheitskultur snrd die Wolken ein Gegenstand aufmerksamer Beobachtung gewesen, da sie das beste sichtbare Zeichen und Vorzeichen der Witterungsveränderungen sind. Schon in der Jahrtausende zurückliegenden chinesischen Literatur und später in den Schriften der Griechen, Römer undAÄraber findet sich eine Fülle guter Wolkenbeobachtungen. Aber diese primitiven Wolkenbeobachtungen waren recht phantastischer Art, denn es fehlte ihnen jede naturwissenschaftliche Grundlage. Daher brachte diese erste Periode der Wolkenforschung, die man bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts rechnen kann, nur eine Anhäufung ziemlich kritikloser Beobachtungstatsachen, die nicht geeignet war, über die physikalische Natur der Wolken Licht zu verbreiten. Ein bedeutender wissenschaftlicher Fortschritt war es, als es gelang, die verschiedenen Wolkenformen in ein wissenschaftlichwohlbegründetes System zu bringen und in die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen nach bestimmten Grundzügen Ordnung zu bringen. Dies gelang am Anfang des vorigen Jahrhunderts dem Engländer Howard; er schuf die erste Klassifikation der Wollen, in der er die Vielgestaltigkeit der Formen auf wenige Grundthpen zurückführte. Eine wissenschaftliche Leistung ersten Ranges, die sich int Laufe der weiteren Forschung ausgezeichnet bewährt hat. Howard unterschied drei Wolkenformen, nämlich: 1. die Schichtwolke, den Stratus, 2. die Haufenwolke, den Cumulus, und 3. die Federwolke, den Cirrus. Die erste Form, der Stratus, ist eine homogene, ziemlich formlose Schichtwolke. Sie bildet sich am häufigsten im Winter, wo sie als grauer Wolkenschleier in mäßiger Höhe über dem Boden oft tagelang den Himmel bedeckt. Oft kann man die Entstehung dieser Schichtwolken gut beobachten, wenn eine gleichförmige, dem Boden auflagernde Rebel- fchicht sich am Morgen hebt. In diesem Falle sind Schichtwolke und Rebel offenbar dasselbe. Sehr schön ist die Erscheinung in Gebirgstälern zu beobachten, wenn am Vormittag mit steigender Sonne das die Täler erfüllende Rebelmeer zerreißt und die einzelnen Rebelfetzen mit den erwärmten Lustmassen die Talhänge emporsteigen. Aber auch in der freien Atmosphäre können sich diese Stratusschichten selbständig bilden. Die zweite Hauptform, die Haufen- oder Cumuluswolke, bildet gewöhnlich massige, dicke Formen vom Aussehen einer auf einer Fläche aufsitzenden Kuppel mit balkenartigen Auswüchsen und Ansätzen. Die Basis der Wolke ist meist scharf begrenzt. Int reflektierten und durchscheinenden Licht der Sonn« bildet der Cumulus eine große Mannigfaltigkeit der Farben und der Lichtkontraste. Typisch für diese Form find die bekannten Svmmerwolken, die oft in langen Reihen und Bänken angeordnet sind und aus einer bei 500 bis 1000 Meter Höhe liegenden Fläche sich entwickeln, oft nur zu einigen hundert Metern Hohe, oft zur Höhe von gewaltigen Gebirgen. Die dritte Grundform, die Federwolke oder der Cirrus, zeigt die größte Mannigfaltigkeit der Formern Bald tritt sie in Form feiner, faseriger Büschel auf, bald in Streifen in netz- oder -federartiger Anordnung. Schließen sich diese Cirren zu einer geschlossenen Wolkendecke zusammen, so überziehen sie als dünner, weißlicher Molkenschleier den Himmel und man nennt diese Form den Cirrostrakus. Erscheint die Federwolke in Ballen oder Flocken angeordnet, dann bildet sie die bekannten Schäfchenwolken. Die spätere Wolkenklassifikation hat dabei eine sehr große Zahl von Formen unterschiedeit, ist damit aber zu wett gegangen, zumal sich herausgestellt hat, daß sich viele Formen auf recht einfache Weise auf die Grundform zurückführen lassen. Einen wesentlichen Fortschritt der Kenntnis der Wolken uitd ihrer Entstehung hat die neuere aerologifche Forschung gebracht. Die seit ca. 30 Jahren in fast allen Kulturländern regelmäßig ausgeführten Aufstiege von Freiballons, Pilotballons, Fesselballons, Drachen und Registrierballons haben vor allen Dingen eine wichtige Tatsache ergeben, di« den Schlüssel liefert zum Verständnis der Wolkenformen. Das ist di« Erkenntnis, daß die Erdatmosphäre in Schichten aufgebaut ist. Früher glaubt« man, die Temperatur nehm« mit zunehmender Erhebung in der Atmosphäre in einem ziemlich konstanten Verhältnis ab und man rechnet« sogar aus, in welcher Höhe der absolute Nullpunkt erreicht sein müßte. Aber die aerologische Forschung hat gezeigt, daß fast immer wärmere mit kälteren Schichten im Luftmeer übereina nderg elagert sind. Diese Schichten stehen in enger Beziehung zum Auftreten der Wollen. Der normale Aufbau der Atmosphäre ist nach den neuesten Ergebnissen der Forschung ungefähr folgender: Die unterste Schicht erstreckt sich vom Erdboden bis ca. 400 Meter Höhe. Dieser Raum ist, abgesehen von der Nebelbildung, int allgemeinen frei von Wolken. Im Ballon erscheint er im allgemeinen als Dunstschicht, als eine dünne, optisch getrübte Schicht, die oft nach oben scharf begrenzt ist. Die Trübung ist überwiegend durch den irdischen Staub und Rauch verursacht. Der Gehalt an Luftplankton, wie man die trübende Ursache tteuerdings nennt, beträgt ca. vier bis acht Millionen Teilchen pro Liter Luft vom freien Lande, ist aber in Jndustriegegenden und großen Städten noch erheblich größer. Oberhalb dieser Dunstschicht wird die Luft viel reiner, der Gehalt an Luftplankton beträgt nur ein bis zwei Millionen Teilchen pro Liter. Bei ca. 500 Meter Höhe beginnt die erste Wolkerizone, in der sich die Bildung der tiefen Stratus und Regenwolke vollzieht, diese Schicht reicht bis ca. 1500 Meter Höhe. Nach den langjährigen Messungen der Wolkenhöhen des aeronautischen Observatoriums Lindenberg bei Berlin ergeben sich folgende mittlere Wolkenhöhen, die ungefähr für das norddeutsche Flachland gültig sind. Die mittlere Höhe beträgt danach über Norddeutschland für die Regenwolken (Nimbtts) 580 Meter, für die tiefen Schichtwolken sStratus) 470 Meter, für die Haufen- wolkeit (Cumulus) 1420 Meter. Es hat sich ferner ergeben, daß über Süddeutschland (Bodensee) dieselben Wolkenetagen ca. 600 bis 700 Meter höher liegen. Der Unterschied ist im wesentlichen ein allgemein-geographischer, da fast alle Wolkenschichten, wenn man von höheren zu niederen Breiten schreitet, in ein höheres Niveau rücken. Bei solchen Wolkenschichten, aus denen Niederschlag fällt, finden sich diese normalen Schichten meist nicht und die regnende Wolkenschicht hat meist eine vertikale Mächtigkeit von mehreren Kilometern, dann reichen die Wolken mindestens bis vier, oft bis acht Kilometer Höhe. Aber das Stadium der Niederschlagsbildung ist der Ausnahmefall, denn aus den meisten Wolken, die wir täglich am Himmel sehen, fällt kein Niederschlag. Bei ca. 3000 Meter beginnt eine neue Wolkenetage, die Zone der mittelhohen Wolken, deren typische Formen der Alto-Stratus und der Alto-Cumulus sind. Es find dies meist relativ dünne Wokenschichten, di« infolge der hier bereits herrschenden tiefem Temperatur aus Eiskristallen oder aus unterkühlten Wassertropfen bestehen. Nach neueren Messuitgen siegelt die Wolken bei rund 3000 Meter über Norddeutschland, bei 7000 Meter über dem Bodensee. Die Dicke dieser Wolkenschichten beträgt meist nur 200 bis 300 Meter. Darüber beginnt ein wolkenarmer, relasiv trockener Luftraum, in dessen unterem Teil häufig wärmere Luftschichten eingelagert sind. Er reicht bis ca. 7000 Meter. Hier beginnt die letzte, interessanteste Wolkenetage, die Zone d« Federwolken oder Cirren. Diese Wolken, die di« größte Viel» gestaltigkeit der Form bilden, sind es, die recht eigentlich daS Bild unseres Wolkenhimmels beleben. Der Basivnfahver oder Flieger, der sich in ihnen bewegt, hat meist gar nicht den Eindruck, in einer Wolke zu sein, deren Dasein sich nur durch feine, in der Sonne glitzernde Eiskristalle verrät. In diesen Kristallwolken treten die bekannten schönen optischen Erscheinungen der farbigen Sonnenringe und Höfe auf. Mit den Fcderwolken oder Cirren sind die Kondensationsvorgänge der Atmosphäre im wesentlichen beendet und man kann daher die Höhe von 10 bis 11 Kilometer als obere Grenz? der Wolkenbildung ansehen. Hier beginnt di« von Richard Ah mann entdeckt« obere Atmosphäre, in der die Temperatur mit zunehmender Höhe sich nicht mehr wesentlich ändert und bei ca. 55 Grad über Mitteleuropa bleibt. Dies« äußere Lufthülle wird von den atmosphärischen Strömungen der tiefen Schichten tai berührt und ewiger blendender Sonnenschein strahlt vom tiefblauen Himmelsgewölbe herab. Menschen haben diese Schicht len bis jetzt nur im Freiballon (größte Höhe 10,8 Kilometer) und neuerdings einige Male im Flugzeug erreicht. (Größte Höhe ca. 13 Kilometer.) Durch die moderne Erforschung des Lustmeeres mit Ballon, Drachen und Flugzeug beginnt sich eine Umwälzung auch in der Wolkenkunde zu vollziehen. Früher konnte man, abgesehen von den Gebirgen, nur von der Erdoberfläche aus beobachten, wo sie natürlich einen anderen Anblick gewähren, als wenn man von der Seite oder von oben auf sie herabblickt. 2m Ballon und Flugzeug aber ist die Entstehung und Umbildung der Wolken im Luftmeere selbst zu beobachten. Das wesentliche Ergebnis der neueren Wolkenforschung ist eine Vereinfachung der Klassifikation und die Zurückführung der vielartigen Formen auf wenige Grundformen, die durch Uebergänge und Kombinationen untereinander verbunden sind. 2m wesentlichen hat man es mit nur zwei Hauptfermen zu tun, der Stratus oder Schächtfvrm, und der Cumulus oder Ballenform. Beide Formen können in allen Schichten der Atmosphäre, soweit überhaupt Wolken hinaufreichen, Vorkommen. Die Stratus oder Schichtwolken, stehen sm Zusammenhang mit dem geschichteten Aufbau der Atmosphäre, in der fast stets kalte und warme Luftschichten neben- und übereinandergelagert sind. Wenn über einer kalten, schwach geneigten Schicht feuchte, wärmere Luft hinsließt, so tritt leicht an der Berührungsfläche Wolkenbildung ein, indem die obere Strömung durch Hebung in eine größere Höhe sich abkühlt und relaiv feuchter wird, bis der Punkt erreicht ist. daß sich ihr Wasserdampf in Tropfenform aus scheidet. Auf diese Weise entstehen die gleichmäßigen Schichtwolken, wie sie im Winter häufig in 500 bis 1000 Meter Hohe angetroffen werden. 2hre vertikale Ausdehnung beträgt meist nicht mehr als ca. 300 Meter. Schickt man einen mit einem Registrierinstrument versehenen Drachen in die Wolkenschicht, so findet man regelmäßig in der Wolke größte Kälte, darüber sprunghafte Temperaturzunahme und große Trockenheit. Die zweite Grundform der Wolken, die Haufeirwolke, entsteht in ganz anderer Weise. 2hre Bildung läßt sich in der Statur an einfachen Erscheinungen verfolgen. Die kompakten Wolkenballen, die sich aus dem Schlote einer Lokomotive bilden, sind solche Haufenwolken. Die Ursache der Wolkenbildung ist in diesem Falle die plötzliche Abkühlung der dampf- und rauchgesättigten Luftmassen. _ 2n größerem Maßstabe ist ähnliche Wolkenbildung bei Zeuerbrünsten zu beobachten. Die über dem Feuerherd erwärmten Luftmassen steigen, da sie wärmer sind als die umgebende Luft, empor und kühlen sich dynamisch ab, bis Kondensation eintritt. Dann erscheint in größerer Höhe über dem Feuerherd eine Haufenwolke. 2m Kriege konnte man über brennenden Dörfern und Depots voir Kriegsmaterial häufig die Bildung dieser Wolkenform beobachten. Erwähnt sei auch noch, daß die bei Vulkanausbrüchen auftretenden gewaltigen Haufenwolken, die sogar von Gewittererscheinungen begleitet sein können, auf dieselbe Weise entstehen. Auch die Wolken über den tropischen Steppenbränden gehören dahin. 2n allen diesen Fällen ist die Energiequelle zur Bildung dieser Wolken eine örtlich erhitzte Luftmasse, die emporsteigt, sich durch Ausdehnung abkühlt und an ihrem oberen Ende eine Wolke bildet. Auf ähnliche Weise entstehen auch die Haufenwolken, die an warmen Sommertagen sich vormittags bilden und abends wieder verschwinden. Diese Sommerwolken sieht man am Morgen oft fast plötzlich an verschiedenen Stellen des Himmels aus dunstigen Flecken in Form zarter Ballen entspringen. Sie können in kurzer Zeit zu mächtigen Wolkenbergen sich entwickeln. Diese Wolkenformen sind, wie die früheren, thermischen Ursprungs, d. h. sie entstehen durch die verschiedenartige Erwärmung der Erdoberfläche, indem sich hier und da Säulen warmer Luft erheben, beim Aufsteigen abkühlen und an ihrem oberen Ende Wasserdampf in Tropfenform ausscheiden. Die Cumuluswolke ist gewissermaßen nur der obere, sichtbar gewordene Teil der aufsteigenden Luftsäule. 2n den Zwischenräumen der einzelnen aufsteigenden Luftströme sindet natürlich zum Ersatz der Luftmassen absteigende Bewegung statt und die Atmosphäre befindet sich bei solchem Wetter daher int Zustand der Unruhe und Durchmischung. Die Luft ist böig oder turbulent, wie die Fachausdrücke dafür heißen. Der Flieger kennt diese Art der Turbulenz sehr gut und spricht sehr treffend von „Sonnenböen". Sie Wärmecumuli, deren letzte Ursache in der Sonnsnstrahlung, die den Erdboden erwärmt, zu suchen ist, sind daher eine typische Erscheinung warmer Sommertage. 2hre Höhe liegt auf der ganzen Erde ungefähr bei 500 bis 1000 Meter Hohe Über dem Boden. Sie fehlen auch nicht über dem offenen Ozean und find besonders in den subtropischen Meeren eine fast tägliche Erscheinung, wo man sie Pasfatcumuli nennt. Die Erwärmung der Erdoberfläche ist aber nicht die alleinige Ursache der Bildung von Haufenwolken. Auch in größeren Hohen des Luftmeeres treten sie auf. Ger Ballonfahrer beobachtet gelegentlich, daß aus gleichförmigen Schichtwolken Cumuluskopfe herauswachsen, die bedeutende vertikale Mächtigkeit erreichen können. Diese Formen bilden sich besonders dann, wenn kältere Luftmassen über der Schichtfläche einbrechen, in denen die Eumuluskvpfe kräftigen Austrieb erhalten. 2e stärker die Demperaturabnahme mit der Höhe ist. um so günstiger sind die Bedingungen zur Entwicklung der Haufenwolken. Umgekehrt erlahmt der Auftrieb aufschießender Cumulus- kopse, wenn sie aus eine wärmere Luftschicht stoßen. Der aufmerksame Beobachter kann diese Erscheinungen am Wolkenhimmel oft bemerken. Man fteht oft, daß die Kopfe von Haufenwdlken int Sommer in einer gewissen Höhe zurücksinken und sich die Wolken- materie seitlich ausbreitet, woraus man ohne weiteres erkennt, daß die aufstrebende Wolkensäule auf eine wärmere Luftschicht gefloßen ist. Für den Meteorologen und auch den Flieger und Luftschiffer ist die Beobachtung dieser Vorgänge sehr wichtig, da sich daraus Schlüsse ziehen lassen Über dte Entwicklung örtlicher Gewitter, die bekanntlich heut enoch ein großes Hindernis des Luftverkehrs sind. Ein weiterer Faktor der Wolkenformung ist die Wogen- und Wellenbildung im Luftmeer, die wiederum eine Folge des geschichteten Aufbaues der Atmosphäre ist. An der Grenze von warmen und kalten Luftschichten, wo sich Dichte und Bewegung sprunghaft ändern, bilden sich fast stets Lustwogen. Zuerst hat Helmholtz darauf hingewiesen, daß an den Grenz- und Gleitflächen verschieden dichter und verschieden bewegter Luftschichten sich Luftwogen bilden muffen. Der Vorgang ist prinzipiell derselbe, wie bei der Bildung der Wellen auf der Meeresoberfläche von Wasser und Lust erheblich großer, als an der Gleit- Aatürlich ist der Sprung in der Dichte an der Berührungsfläche von Waffe rund Luft erheblich größer, als an der Gleit- slache verschiedener Luftschichten. Daher sind die entstehenden Luftwogen 10 OOOmal größer als die Wasserwogen. Helmholtz hat hier das Verdienst, durch seine hakten Untersuchungen eine große Klasse von Wolkenformen dem physikalischen Verständnis erschlossen zu haben. Wenn an einer Grenzfläche die untere Schicht ungefähr mit Wasserdampf gesättigt ist, so wird durch die Hebung und Abkühlung der Lust in den Wellenbergen Kondensation ein» treten, während in den Wellentälern diese unterbleibt. Auf diese Weise werden alle Wellenberge der Luftwogen durch Bildung von Wolkenballen dem Auge sichtbar. Der Anblick einer solchen Schicht von Wogenwolken gleicht schließlich völlig dem regelmäßigen Wellenshstem auf einer Wasseroberfläche. Die Statur hat gewissermaßen ein Experiment gemacht, um das Luft- wogenshstem sichtbar zu machen. Man hat gefunden, daß diese Luftwogen Wellenlängen von 400 bis 600 Meter bevorzugen, hat aber auch solche von 2000 bis 3000 Meter und mehr gemessen. 2m allgemeinen werden die Wellenlängen der Sufi* wogen mit zunehmender Höhe größer. Die größten Wellenlängen trifft man int Niveau der Cirruswolken in 7 bis 10 Kilometer Höhe an. Es gibt dies eine Vorstellung davon, welch gewaltige Dimensionen diese Wogenwolken besitzen, die infolge der großen Entfernung dem Beobachter am Erdboden natürlich klein und zart erscheinen. Diese Wolkenformen treten, da eine Schichtfläche Vorbedingung ihrer Entstehung ist, mit Vorliebe an den fundamentalen Schichtflächen des Luftmeeres auf. Rach neueren aero- logischen Arbeiten liegen diese Schichtflächen bei 500, 1400, 3000, 6000 und 8000 Meter. Es sind also ganz bestimmte Niveaus bevorzugt, und zwar diejenigen, in denen Schichtflächen am häustgsten sind. Mit diesen, an Schichtflächen auftretenden Wogenwollen ist eine Gruppe eigentümlicher Wolken verwandt, die über hochaufragenden Bergen bisweilen beobachtet werden. Wenn eine atmosphärische Schichtfläche ungefähr in der Höhe eines Berggipfels liegt, so entsteht analog den Stromschnellen, die sich über Unebenheiten im Bette eines Flusses bilden, Über dem Berggipfel ein Wirbel. Die Schichtfläche wird gehoben. Sind die Feuchtigkeitsverhältnisse zufällig derart, daß diese mäßige Hebung Kondensation hervorruft, so bildet sich über dem Berggipfel und zwar an der dem Winde abgekehrten Seite eine Wolkenfahne, Haube oder Kappe, die trotz starker Luftbewegang unverändert über dem Gipfel stehen bleibt. 2n Wirklichkeit befindet sich die Wolke aber in starker, innerer Bewegung, sie bildet sich auf der Luvseite dauernd neu und löst sich auf 6er Leeseite auf. Die Ursache dieser eigentümlichen Art stehender Wolken ist die lokale Hebung einer Schichtfläche durch ein der Strömung entgegenstehendes Hindernis, in diesem Falle den Gipfel des Berges, der die ßuftmaffen zum Aufsteigen zwingt und nach oben ablenkt. Sehr treffend hat daher der Marburger Physiker Ri- charz diese stehenden Wolkenformen, Hinderniswogen genannt Solche, einen sehr auffallenden Anblick gewährenden Wolken über Birggipfeln sind aus vielen Gegenden der Erde bekannt geworden. 'Berühmt ist das sogenannte Tafeltuch über dem Tafelberg bei Kapstadt, eine dichte weiße Wolke, die sich bei Südoststurm über dem Tafelberg bildet. Aehnliche merkwürdigen Wol- kenfahnen beobachtet man gelegentlich über isoliert aufragenden hohen Bergen der Alpen, z. D. dein Mutterhorn. Bekannt ist auch die weithin sichtbare Wolkenhaube des Pik von Teneriffa. Da alle diese lokalen Wolkenformen nur bei bestimmten Schichtungen der Atmosphäre sich bilden, denen im allgemeinen schlechte Witterung folgt, werden sie als gutes Anzeichen schlechter Witterung angesehen. Reben der Stratusform, der Cumulusform und der Wogen- sorm der Wolkenbildung spielt noch ein Vorgang eine große Rolle für die Form der Wolken, dies ist die Erscheimmg der sogenannten — ,327 Fa.llstrei.fen. Aus jeder Wolle, in der mit genügender Heftigkeit Kondensation erfolgt, muh der gebildete Niederschlag, Wassertropfen oder Eiskristalle, infolge der Schwere abwärts sinken und aus der Wolle herausfallen. In den meisten Fällen wird 'dieser Niederschlag, sobald er aus der Wollenbasis in trockenere Luftschichten fällt, wieder verdunsten. Dies ist aber nicht immer der Fall. Bei starker Kondensation fällt der Niederschlag als langer^ weißer Streifen oder Schleier herab, um entweder die Erde zu erreichen oder erst in tieferen Schichten zu verdunsten. Diese aus fallendem Niederschlag gebildeten Schleier nennt man Fallstreifen. Sie spielen für das Aussehen der Wollenformen eine große Rolle und auf diese Fallstreifen ist ein großer Teil der auffallendsten merkwürdigsten Wollenformen zurückzuführen. In den tieferen Schichten der Atmosphäre kann man die.Fallstreisen leicht bei Gewitterwolken und Aprilböen beobachten, wenn der herausfallende Niederschlag einen Schleier vor der Wolle bildet. Entstehen aber die Fallstreifen aus Wolken in großer Höhe, so sind sie als solche nicht rHne weiteres zu erkennen itnb bilden zusammen mit der Wolke, aus der sie entstehen, mannigfaltige Formen. Besonders für die höchsten Wollen in 8 bis 1V Kilometer Höhe, die Eirruswolken, spielen diese Fallstreifen eine bedeutende Rolle. Es lassen sich fast ausnahmslos alle die langgezogenen, streifenförmigen Formen der Cirren ihrer Entstehung nach auf Niederschlagsfall- streifen zurückführen. Gelangt der Fallstreisen beim Herabsinken in Luftschichten mit anderer Dewegungsrichtung und Geschwindigkeit, so müssen, da sich die einzelnen Teile des Streifens verschiedenartig bewegen, alle möglichen Kombinationen von Wollenformen zustande kommen können. Auf diese Weise läßt sich unschwer ein Teil der seltsamen Formen der Eirruswolken erklären. Herbststimmung. Von Aenne Hopfner. In bunter Pracht sah ich den Wald sich schmücken, um Hecken, über Büschen liegt ein goldner Kranz, und überall, wohin die Augen blicken, da flammt es auf im letzten Farbenglanz. Wie Purpurtönuirg fließt es von den Bäuinen, an Häusern, Mauern wilder Reben Wein, auf Wiesenflächen Herbstzeitlose träumen, wie bald wird auch ihr Traum zu Ende sein. Und alles flieht dem letzten Ziel entgegen, die Bäche rauschen stärker durch das Tal, ein wundervolles Glüh'n auf allen Wegen treibt stille Wünsche noch ein letztesmal. Noch einmal spannt die Sehnsucht ihre Flügel, kreist ziellos durch der Hoffnung weites Land, sinkt dann erschöpft auf einen Blumenhügel, wellt mit den Blumen, die der Herbst gesandt. Die Richterin. Bon E o n r a d F e r d i n a n d M e y e r. Erstes Kapitel. „Precor sanctos apostolos Petrum et Paulum!“ psalmodierten die Mönche aus Ara Cöli, während Karl der Große unter dem lichten Himmel eines römischen Märztages die ziemlich schadhaften Stufen der auf das Kapitol führenden Treppe emporstieg. Er schritt feierlich unter der Kaiserkrone, welche ihm unlängst zu seinem herzlichen Erstaunen Papst Leo in rascher Begeisterung auf das Haupt gesetzt. Der Empfang des höchsten Amtes dec Welt hatte im Ernste seines Antlitzes eine tiefe Spur gelassen. Heute, am Vorabend seiner Abreise, gedachte er einer solennen Seelenmesse für das Heil seines Vaters, des Königs Pippin, beizuwohnen. Zu seiner Linken ging der Abt Alcuin, während ein Gefolge von Höflingen, die aus allen Ländern der Christenheit zusammengewählte Palastschule, sich in gemessener Entfernung hielt, halb aus Ehrerbietung, halb mit dem Hintergedanken, in einem günstigen Augenblicke sich sachte zu verziehen und der Messe zu enllommen. Die vom Wirbel zur Zehe in Eisen gehüllten Höflinge schlenderten mit gleichgültiger Miene und hochfahrender Gebärde in den erlauchten Stapfen, die Begrüßung der umstehenden Menge mit einem kurzen Kopfnicken erwidernd und sich über nichts verwundern wollend, was ihnen die Ewige Stadt Großes und Ehrwürdiges vor das Auge stellte. Jetzt hielten sie vor der ersten Stufe, während oben auf dem Platze Karl mit Alcuin bei dein ehernen Reiterbilde stille- stand. „Ich kann es nicht lassen,“ sagte er zu dem gelehrten Haupte, „den Reiter zm betrachten. Wie mild er über der Erde waltet! Seine Rechte segnet! Diese Züge müssen ähnlich sein.“ Da flüsterte der Abt, den der Hafer seiner Gelehrsamkeit stach: „Es ist nicht Constantin. Das hab' ich längst heraus. Doch ist es gut, daß er dafür gelte, sonst wären Reiter und Gaul in der Flamme geschmolzen.“ Der kleine Abt hob sich auf die Zehen und wisperte dem großen Kaiser ins Ohr: „Es ist der Philosoph und Heide Marc Aurel.“ „Wirklich?" lächelte Karl. Sie gingen der Pforte von Ara Coli zu, durch welche sie verschwanden, der Kaiser schon in Andacht vertieft, so daß er einen netten jungen Menschen in Mischer Tracht nicht beachtete, der unfern stand und durch die ehrfürchtigsten Grüße fein« Aufmerksamkeit zu erregen suchte. „Halt, Herren,“ rief einer der inzwischen bei dem Reiterbilds angelangten Höflinge und fing rechts und links die Hände dern neben ihm Wandelnden, „jetzt da alles treibt und schwillt" — Erd- und Lenzgeruch kam aus nähen Gärten — „ will ich meinen Becher und was mir sonst lieb ist mit Veilchen bekränzen, aber keinen Weihrauch trinken, am wenigsten den einer Totenmesse. Ich habe hier herum eine Schenke entdeckt mit dem steinernen Zeichen einer säugenden Wölfin. Das hat mir Durst gemacht. Sehen wir uns noch ein bißchen den Reiter an und verschwinden dann in die Tabernen." „Wer ist's?“ fragte einer. „Gin griechischer Kaiser“ — „Den setzen wir ab“ — „Wie er die Beine spreizt!“ — „Reitet der Kerl in die Schwemme?“ — „Holla, Stallknecht!" - „Nettes Tier!“ - „Wülste wie ein Mastschwein!“ So ging es Schlag auf Schlag uird ein frecher Witz überblitzte den andern. Das antike Rotz wurde gründlich und unbarmherzig kritisiert. _ , Der artige Räter hatte sich nach und nach dem Kreise der Spötter genähert. Seine Absicht schien, zwischen zwei Gelächtern in ihre Gruppe zu gelangen und auf eine unverfängliche Weise mit der Schule anzuknüpfen. Aber die Höflings achteten seiner nicht. Da faßte er sich ein Herz und sprach in vernehmlichen Worten zu sich selbst: „Erstaunliche Sache, diese Palastschule, und ein Günstling des Glücks, wer ihr angehören darf I“ äleber eine gepanzerte Schulter wendete sich ein junger Rotbart und sprach gelassen: „Wir schwänzen sie meistenteils" Dann kehrte sich der ganze Höfling, ein baumlanger Mensch und fragte den Räter mit einem spöttischen Gesicht: „Welcher Eltern rühmst du dich Knabe?“ Dieser gab vergnügten Bescheid. „Ich bin der Neffe des Bischofs Felix in Cur und mit feinen Briefen an den Heiligen Stuhl geschickt.“ t „ „Räter," sprach der Lange ernsthaft, „du bist an den Quell der Wahrheit gesendet. Hier stehst du auf den Schwellen der Apostel und über den Grüften unzähliger Bekenner. Lege wahrhaftes Zeugnis ab und bekenne tapfer: Ich bin der Sohn des Bischofs.“ Eben intonierten die Mönche von Ara Cöli mit jungen und morttgen Stimmen die dunkle Klage und flehende Entschuldigung: „Concepit in iniquitatibus me mater mea!“ „Hörst du,“ und der Höfling deutete nach der Kirche, „die dort wissen es!" Der ganze Haufe schlug eine schallende Lache auf. Der kluge Bischofsneffe hütete sich, in Zorn zu geraten. Mtt einem flüchtigen Erröten und einer leichten Wendung des Kopfes sagte er: „Bischof Felix, der im Schatten seiner Berge dis aus eurer Schule aufsteigende Sonne der Bildung mtt frommem Jubel begrüßt, hat mir den Auftrag gegeben, für seine jung gebliebene Lernbegierde einige Haupsschriften der erwachenden Wissenschaft und insbesondere das unvergleichliche Büchlein der Disputationen des Abtes Alcuin zu erwerben. Nun wird erzählt, dieser groß« und gute Lehrer habe jeden von euch mit einem kostbaren Exemplar ausgerüstet, und ich meine nur, einer dieser Herren hätte vielleicht Lust, einen Handel zu schließen.“ „Du sprichst wahr und weise, Bischosssohn," parodierte ihn der Höfling, „und wäre mein Alcuin nicht längst unter die Hebräer gegangen, mchote es geschehen, daß wir Zweie zu dieser Stunde darum ein kurzweiliges Würfelspielchen machten.“ „In unchristliche Hände! diese göttliche Weisheit!“ wehklagte der Räter. »Weisheit!“ spottete der Rotbart, „ich versichere dir: lauter dummes Zeug. Äebrigens weiß ich es auswendig. Höre nur, Bergbewohner!“ Er krümmte den langen Rücken wie ein verbogener Schulmeister, zog die Brauen in die Höhe und wendete sich an den jüngsten der Bande, einen Krauskopf, der, fast noch ein Knabe, aus südlichen Augen lachend mit Lust rmd Liebe auf das gottlose Spiel einging. „Jüngling,“ predigte der falsche Alcuin, „du hast einen guten Charakter und einen gelehrigen Geist. Ich werde dir eine ungeheuer schwere Frage vorlegen. Siehe, ob du sie beantwortest. Was ist der Mensch?“ „Ein Licht zwischen sechs Wänden,“ antwortete der Knabe andächtig. „Welche Wände?" „Das Links, das Rechts, dos Vorn, das Mchtvorn, das Oben, das Unten.“ Jeden dieser Räume bezeichnete er mit einer Gebärde: beim fünften starrte er in den leuchtenden Himmel hinauf, als bestaune er einen Engelreigen, und bohrte schließlich einen stieren Blick in den Boden, als entdecke er die verschüttete Tarpeja. Jubelndes Klatschen belohnte die Faxe. Die wachsende Lustigkeit der Polastschule begann denDischofs- neffen zu ängstigen. Da trat im guten Augenblicke einer aus dem Kreise, ein kühner Krieger, dem an der rechten Veite des stämmigen Wuchses ein seltsam gewundenes Hifthorn hing. — 328 „Sei getrost," sagte er itnö ergriff die Ha ad des Räters, „du sollst ein Pergament haben. Das meinige. Cs schleppt sich unter dem Gepäcke." Er führte den Erlösten weg, die Treppe des Kapitols hinunter, sich nicht weiter um seine Gefährten be- kümmernd. Jetzt gingen sie freundlich nebeneinander, wenn auch nicht mehr Hand in Hand. Die des Palastschülers war auf das Hifthorn geglitten, das der Bischofsneffe mit aufmerksamen Blicken betrachtete. „Das hier kommt aus dem Gebirge," sagte er. „So," machte der Behelmte. „Aus welchen, Gebirge?" „Aus unferm, Landsmann. Ich kenne dich an deiner Sprache, wie du mich ebendaran erkannt haben wirst, da du mich, wofür ich dir danke, den Neckereien der Palastschule entzogest. Daß du es wissest, ich bin Graciosus" — der kluge Räter hatte diesen feinen hübschen Namen den Spöttern am Reiterbilde weislich verschwiegen —\ „oder auf deutsch Gnadenreich, und du bist Wulferin, Sohn Wulfs, wenn dieses Hifthorn dein Erbteil ist, wie ich vermute." Wulfrin furchte die Stirn. Es mochte ihm nicht willkommen sein, von der Heimat zu hören. Dann musterte er Gnadenreich und fand einen anmutenden wohlgebildeten Jüngling, eine Gott und Menschen gefällige Erscheinung, nicht anders als der Name lautete. Er klopfte ihn auf die runde Schulter, deren Schrnieg- famkeit zu dieser beschützenden Liebkosung einlud, und sagte: „Es macht warm." In der Tat strahlte nicht nur die römische Märzsomre, sie brannte sogar. „Ja, es macht warm," wiederholte er, hob den Helm und wischte mit der Hand einen Schweißtropfen. „Leeren wir einen Becher?" und ohne die Antwort zu erwarten, bog er nach wenigen Schritten in den offenen Hofraum eines klösterlichen Gebäudes und warf sich dort auf eine Steinbank, wo Graciosus in Züchten sich neben ihn setzte. „Ich darf mich nicht weiter verziehen," sagte der Höfling, „als das Horn reicht, wann,Herr Karl die Schule zusammenruft. Auch liebe ich dieses junge Geschöpf," scherzte er und zeigte auf eine Palme, welche in geringer Entfernung auf dem Borsprunge eines Hügels, von leichten Windstößen bewegt, sich im blauen Himmel fächerte und etwa sechzehn Jahresringe zählen mochte. „Hier heißt es ad palmam novellam und Pförtner Petrus schenkt einen herben. He, Petrus!" Dieser, ein Alter mit struppigem Bart, feurigen Augen und zwei riesigen Schlüfseln am Gurte, brachte Kanne und Decher. „Palma novella ist auch ein Frauenname," bemerkte Graciosus und netzte den Mmrd. „Mag fein,“ versetzte Wulfrin. „In Hispanien, wenn mir recht ist, läuft derlei Getauftes oder Ungetauftes herum. Ich habe mich nicht damit befaßt. mache mir nichts aus den Weibern." „Deine rätische Schwester heißt auch nicht anders," sagte Gnadenreich unschuldig. „Meine — rätische — Schwester?" „Nun ja, Wulfrin, das Kind der Judicatrix, meiner Nachbarin auf Malmort am Hinterrhein. Du hast sie nie von Angesicht gesehen, die Frau Stemma, das zweite Weib deines Baters?" ' .. „Das dritte," murrte Wulfrin. „Ich bin von der zweiten. „Das weißt du besser. Auch das jähe Ende deines Vaters weißt du, bei feinem Auftritt in Malmort. Palma ist nachgeboren." „Es fei,“ versetzte Wulfrin verdrossen. „Warum auch sollte es nicht sein? Rührt mich aber nicht. Was mich kümmern konnte, hat mir der Knecht des Vaters, der Steinmetz Arbogast, umständlich berichtet. Ich habe es mit ihm beredet und erörtert mehr als einmal und noch zuletzt am Wachfeuer vor Pertusa, wenige Augenblicke, bevor den treuen Kerl der maurische Pfeil meuchelte. Das ist nun fertig und abgetan. Wisse: als Siebenjähriger bin ich daheim ausgerissen — der Vater hatte mir das sieche Mütterlein ins Kloster gestoßen — und über Stock und Stein zu König Karl gerannt Dorthin hat mir der Arbogast mein Erbe gebracht, das Wulfenhorn, dieses hier. Der Wulfenbecher, der dazu gehört, obschon er heidnisch ist — das Horn ist biblischen Ursprungs — blieb auf Malmort und mag dort bleiben, bis ich freie, und das hat Weile. Sie werden ihn aufgehoben haben. Du hast ihn wohl gesehen, wenn du dort ein- und ausgehst.“ Graciosus nickte. „Verstehe! Beide, Horn und Kelch sind zwei Altertümer, mit Tugenden und Kräften begabt Sen Becher gab einem Wölfling ein Elb oder eine Glbm von denen im Hinterrhein. Solang eines Wolfes Weib ihn ihrem Wolfe kredenzt und den dgrein gegrabenen Spruch ohne Anstoß hersagt, einmal vorwärts und einmal rückwärts, gefällt und mundet sie dem Wolfe. Lieber das Hifthorn find die Meinungen geteilt. Nach den einen ist es gleichfalls ein elbisches Geschenk, und vor dem Burgtor bei der Rückkehr geblasen, zwingt es die Wölfin zu bekennen, was immer sie in Abwesenheit des Gatten gesündigt hat Andere dagegen behaupten, daß ein Wolf im Gelobten Lande das Horn mit feinem Schwert aus dem erstarrten Pech und Schwefel des Toten Meeres grub. So ist es ein im Getümmel zur Erde geftürztes Harschhorn, von denen, tvelche die himmlischen Haufen bliesen zum Gericht über Sodom und Gomorra." Wulfrin blickte dem Räter in» Gesicht, der ihm — Schlauheit oder Einfalt — zwei gläubige Augen entgegenhielt. Eben wurde vom Winde ein Bruchstück der Seelenmesse aus Ara Cöli hergetragen. Zornig und drohend fangen sie dort: „Dies irae, dies illa, dies magna et amara valdel“ „Schöne Bässe," lobte Wulfrin. „Am wieder auf den Becher zu kommen, so glaube ich nicht an seine Kraft. Sicherlich hat die Mutter nicht unterlassen, seinen Spruch herzubeten, vorwärts und rückivärts. Es hat nichts gefruchtet. Sie welkte und der Vater verstieß sie." Er tat einen Seufzer. „And das Horn?" fragte Schelm Graciosus. Der Höfling wog es in den Händen und lächelte. Graciosmt lächelte gleichfalls. „Aebrigens ist es das beste Hifthorn im Heere. Das rufti Höre nur!“ und er setzte es an den Mmrd. „Am alter Heiligen willen, Wulfrin, laß ab!" schrie Graciosus ängstlich „Willst du die Stadt Rom in Aufruhr bringen?“ „Du hast recht, ich dachte nicht daran." Wulfrin ließ das Horn in die tragende Kette zurückfallen. „Dieses Hifthorn,“ sagte jetzt Graciosus bedächtig, „wurde mir beschrieben. Auch hat es der Knecht Arbogast in Stein gemeißelt auf dem Grabural im Hofe von Malmort, wo er den Comes deinen Vater abbildete und die Wittib daneben." „So?" grollte Wulfrin. „Konnte der Vater nicht allein liegen?" Graciosus ließ sich nicht einfchüchtern. „An den Herrn des Hifthorns habe ich einen Auftrag," sagte er. „Du bist voller Aufträge. Don wem hast du diesen?" „Von der Richterin." „Welche Richterin?" Entweder war Wulfrin von harten Begriffen oder seine Laune verschlechterte sich zusehends. „Nun, die Judicatrix Stemma, deine ©tiefmutter.“ „Was hab' ich mit der Alten zu schaffen! Warum lächelst du, Männchen?" „Weil du so mit ihr umgehst, die noch schön und jung ist." „Ein altes Weib sage ich dir." „Ich bitte dich, Wulfrin! Dein Vater freite sie als eine Sechzehnjährige. Deine Geschwister ist nicht älter. Zähle zusammen! Doch jung oder alt, sie gab mir den Auftrag und ich darf ihn nicht unausgerichtet heimbringen.“ Der Höfling verschluckte einen Fluch. „Du verdirbst mir den Krätzer, er schmeckt wie Galle." Erbost stieß er den Becher von der Dank und setzte den Fuß darauf. „So sprich!" „Frau Stemma," begann Gnadenreich in bildlicher Rede, „will sich vor dir die Hände in ihrer Anschuld waschen." „Ein Decken her!" spottete Wulfrin, als riefe er in die Gaffe hinaus nach einem Bader. „Wulfrin, stünde sie vor dir, du straftest deine Lippen! Keine in Stätten hat edlere Sitte. Was sie verlangt, ist gebührlich. Auf der Schwelle ihres Kastells, vor ihrem Angesichte, jählings ist dein Vater verblichen. Das ist schreckliche und fragwürdig. Frau Stemma läßt dir sagen, sie wundere sich, daß sie dich rufen müsse, sie habe dich längst, täglich, stündlich erwartet, seit du zu deinen mündigen Jahren gekommen bist. Nur ein Sorgloser, ein Fahrlässiger, ein Pflichtvergessener — nicht meine Worte, die ihrigen — verschiebe und versäume es, sie zur Rechenschaft zu ziehen." .Wulfrin blickte finster. „Das Weib tritt mir zu nahe," sagte er. „Ich wußte, was man einem Vater schuldig ist. Er hat an meiner Mutter gefrevelt und fein Gedächtnis — die Kriegstaten ausgenommen — ist mir unlieb: dennoch habe ich mir feine Todesgebärde vergegenwärtigt, den Augenzeugen Arbogast, der das Lügen nicht kannte, habe ich scharf ins Verhör genommen. Jetzt will ich noch ein übriges tun und dir die gemeine Sache herbeten, vom Kredo bis zum Amen. Du bist aus dem Lande und kennst die Geschichte. Mangelt etwas daran oder ist etwas zuviel, so widersprich! Der Vater kam aus Italien und nächtigte bei dem 3über auf Malmort. Bei Wein und Würfeln wurden sie Freunde und der Vater, der, meiner Treu, kein Jüngling mehr war — ich habe aus der Wiege feinen weißen Bart gezupft — warb um das Kind des Richters und erhielt es. Beim Bischof in Eur wurde Beilager gehalten. Am dritten Tage setzte es Händel. Der Räzünser, dessen Werbung der Iudex abgewiesen haben mochte, wurde zu spät oder ungebührlich geladen oder an einen unrechten Platz gesetzt oder nachlässig bedient oder schlecht beherbergt oder es wurde sonst etwas versehen. Kurz, es gab Streit und der Räzünser streckt den Judex. Der Vater hat den Schwieger zu rächen, berennt Räzüns eine Woche lang und bricht es. Inzwischen bestattet das Weib den Iudex und reitet nach Hause. Dort sucht sie der Vater, mit Beute beladen. Erst stößt er ins Horn, der Sitte gemäß. Sie tritt ins Tor, sagt den Spruch und kredenzt den Wulfenbecher, den ihr der Vater in Cur nach wölfischer Sitte als Morgengabe gereicht hatte. Kredenzt ihn mit drei Schlücken. Der Arbogast, der durstig daneben stand, hat sie gezählt: drei herzhafte Schlücke. Der Vater nimmt den Becher, leert ihn auf einen Zug und haucht die Seele aus. War es so oder war es anders, DischofSneffe?" (Fortsetzung folgt.) Schristleitung: Dr, Friedr. Wilh. Lange. — Druck unö Verlag Der Brühl'schen Aniv.-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».