Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1925 Samstag, den |3. Juni Nummer 47 Aus einer Burg. Von Josef von Eichendorfs. Eingeschlafen auf der Lauer oben ist der alte Ritter: drüben gehen Regenschauer, und der Wind rauscht durch das Gitter. Eingewachsen Bart und Haare und versteinert Brust und Krause, . sitzt er viele hundert Jahve oben in der stillen Klause. Eine Hochzeit fährt da unten auf dem Rhein im Sonnenscheine. Musikanten spielen munter, und die schöne Braut, die weinet. Draußen ist es still und friedlich, alle sind ins Tal gezogen, Waldesvögel einsam singen in den leeren Fensterbogen. Florian Geyer. Zur 400. Wiederkehr seines Todestages, 9. Juni 1925. Bon Hans Otto Becker. Linker den verschiedenartigen Charakteren, die im großen Bauernkrieg des Jahres 1525 auftveten, ist zweifellos die bei weitem sympathischste und zugleich bedeutendste Florian Geyer von Gehersberg, Herr zu Giebelstadt. In der furchtbaren Wirrnis revolutionärer und schwärmerischer Gedanken verfolgt er ein klares, festumrissenes Ziel und in all dem Morden und Rauben der entfesselten Massen hält er sein Ideal hoch und heilig, um schließlich für feine Lleberzeugung zu sterben. Die wirtschaftlichen itnö sozialen Gründe, die zum Bauernkrieg führten, sind genügend bekannt: auch religiöse Motive haben eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Da wir heute die Beteiligung eines Ritters an der Bauernbewegung schildern, seien die staats politischen Llrsachen angeführt, die einen Teil des deutschen Adels bei der großen Auseinandersetzung auf die Seite des Bauernstandes trieben und ihm gegen seine eigenen Standesgenossen das Schwert in die Hand drückten. Das Heilige Römische Reich war schon im 16. Jahrhundert, wenn es auch noch volle dreihundert Jahre weiterleben sollte, altersschwach geworden: der Kaiser war ohnmächtig, abhängig von seinen Wählern, den Kurfürsten. Die Fürsten des Reiches lagen unter sich oder mit den Rittern oder den Städten, und Ditterbünde und Städtebünde wieder unter sich in ewigen Fehden, die die Kraft der Ration aufzehrton und ihre Widerstandskraft nach außen, gegen Franzosen, Polen und Türken, lähmten und das Volk verarmen ließen. Wer vom Adel nicht genug zum Leben hatte, der lag als Stegreifvriter auf der Straße und warf den Städten die reichen Kaufleute nieder. Die schweren Schäden, unter denen das deutsche Volk litt, erkannte Florian Geyer mit scharfem Blick, und er stellte ein politisches Programm auf, wie ihnen abzuhelfen sei. Sein Ziel war: ein mächtiges deutsches Reich, unter einem starken Kaiser: Beseitigung der weltlichen und geistlichen Fürsten, Loslösung Deutschlands von der römischen Kurie: Llnterdrückung aller Wucherer, der kleinen sowohl wie der großen, der Wilser und Fugger: Befreiung von dem fremden römischen Recht, dein Justinianischen Gesetz. Geyer wollte also, daß der Kaiser, nicht mehr beengt und beschränkt von der Fürstengewalt, über das Reich herrsche; die Fürsten sollten alle, gegen billige Entschädigung, abgetan werden. Das deutsche Volk sollte frei werden von geistlicher Herrschaft, frei von römischem Einfluß. Kein päpstlicher Legat und Kardinal sollte mehr im Deutschen Reiche etwas zu sagen haben, nicht länger mehr sollte das Geld der armen Leute für Ablaß nach Rom wandern. Jeder im ganzen Volk sollte frei sein und dem andern gleich, kein Stand sollte über dem andern herrschen oder ihn quälen und drücken. Rur einen Stand sollte es geben: die Freien, wie es vor alters war, als die germanischen Stämme nur aus Gemeinfveien bestanden. Dieses politische, soziale und religiöse Programm Geyers ist von bewundernswerter Größe: es will das soziale Kaisertum, es will „Demokratie und Kaisertum". Wäre es gelungen, dieses Ideal zu verwirklichen, einen freien, starken deutschen Einheitsstaat eines Glaubens zu schaffen — wie anders wäre der Lauf der deutschen Geschichte gewesen! All das unsägliche Elend der Glaubens- und Raubkriege und der dynastischen Streitigkeiten wäre uns erspart geblieben. Jedoch das Ideal war zu schön, zu groß, um Wirklichkeit zu werden: die Verhältnisse waren eben stärker. Aber der Geyer zog für sein Ideal in den Kampf, als der Bauernkrieg losbrach, er verließ seine Burg Giebelstadt und trat auf die Seite des aufständischen armen Volkes. Er war nicht der einzige vom Adel, der mit dem gemeinen Wann ging; freiwillig wie er, trat der Graf Georg von Wertheim zu den Bauern, mehr oder weniger gezwungen die Grafen von Hohen» loh, Götz von Berlichingen. Anfang April 1525 stieß Florian Geher zu dem Bauernheeve, das im Kloster Schönthal im Jagst- gründe sich sammelte und sich den Namen des „Hellen christlichen Haufens Odenwalds und Reckartals" beilegte. Geyer kam nicht allein; er führte den Bauern seine „Schwarze Schar" zu, einen Haufen altgedienter Landsknechte und Bauernburschen, die sich für ihren Hauptmann wie die Teufel schlugen und durch ihre Kriegstüchtigkeit und Disziplin ganz wesentlich vor den ungeübten, rohen, zügellosen Bauernhaufen auszeichneten. Florian Geher nahm am 16. April, am Ostermorgen, teil cm der Eroberung Weinsbergs. Seine wackeren Schwarzen brachen die alte Hohenstaufenfeste, die sagenberühmte Weibertreu. Aber der Geher hatte kein Teil an der bestialischen Ermordung des gefangenen Grafen Helfenstein und seiner Ritter, die Jäcklein Rohrbach durch die Spieße jagen lieh. Gegen den Willen und ohne Wissen Gehers geschah die Tat, und im Zorn und Abscheu verließ der edle Herr den hellen Haufen, dessen Geschick damit besiegelt war, weil er ohne einen kriegsgeübten, tüchtigen Führer war. _ Der Geyer zog nun durch das Mainzer Oberstift nach Würzburg, wo er sich mit dem fränkischen Heere der Bauern vereinigte, das die bischöfliche Feste, den Frauenberg, belagerte. Der Frauenberg wurde vom Domprobst Markgraf Friedrich von Brandenburg tapfer verteidigt. Die Bürgerschaft Würzburgs unter ihrem Bürgermeister, dem berühmten Bildhauer Tilmann Riemenschneider, machte mit den Bauern gemeinsame Sache, weil sie wieder eine freie Reichsstadt haben wollte. Auch der „Helle Haufe", der sich nach Florian Gehers Wegzug Herrn Götz von Berlichingen zum Führer gewählt hatte, kam — von Amorbach — nach Würzburg und brachte das vortreffliche Geschütz des Grafen Georg von Wertheim mit zur Beschießung der bischöflichen Residenz. Die Dauern sandten der Besatzung die 12 Artikel in die Feste; die wollte sie annehmen und in die christliche Brüderschaft eintreten. Der Markgraf verhandelte auch darüber, aber er verstand es geschickt, die Bauern zu entzweien. Er versuchte durch Anbieten von Geld die Odenwälder und Franken zu trennen und als in der Bürgerschaft bekannt wurde, daß die Bauern gegen Geldzahlung abziehen wollten, erhoben die Würzburger heftige Vorwürfe gegen ihre Verbündeten. Es war eine verlorene Sache, für die der idealgesinnt« Geher das Schwert gezogen. Er verbot den Sturm auf den Frauenberg, weil es ihm noch aussichtslos erschien, aber Götz von Berlichingen, der mit ihm. ohnedies schlecht stand, stritt mit ihm darüber, daß die Feste gebrochen werden solle. Der Geher wandte sich nach Rothenburg, um die Stadt um Lleberlassung ihres Geschützes zu ersuchen. Aber während er dort weilte, unternahm das Dauernheer einen Sturm auf den Frauenberg, der mit schweren Verlusten abgeschlagen wurde. Als Geher nach Würzburg zurückkehrte, fand er nur noch die Trümmer seiner tapferen Schwarzen Schar. Lind nun nahte drohend das Verhängnis- — das Heer des Schwäbischen Bundes rückte zum Entsatz der bischöflichen Feste heran. Die Dauern gaben im Gefühl ihrer Schwäche nach den verlustreichen ©türmen die Belagerung des Frauenbergs, dessen Lage schon sehr kritisch war, auf, und zogen ab. m Die Odenwälder und Franken wurden von Georg von Waldburg Truchseß in den Schlachten von Königshofen und Sulzdorf vernichtet. Florian Geyer nahm an der Schlacht von Sulzdorf teil und zog sich in guter Ordnung mit dem Rest seiner Schwarzen zu dem Schlößchen Ingolstadt zurück. Dort griff ihn am 9. Juni der Truchseß an. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrten sich die Geherschen, sie schlugen den Angriff der Ritter und Knechte des Schwäbischen Bundes zurück. Aber dessen Arkeleh zerschoß die schon ruinösen Mauern des Schlößchens und ein Angriff Georg von Frundsbergs brachte das Ende — die ganze ocytoatjyt Schar mit ihrem Hauptmann ward erschlagen. Florcan Geyer fiel für sein Ideal: sein eigner Schwager, Wilhelm von Grum- bach, verriet ihn aber. r Wohl war Geyer ein Revolutconar. aber ein Wann von idealer Gesinnung, glühender Liebe für sein deutsches Volk und 186 — Mnrakkerfiürke, die die letzte, schwerste Folge zu ziehen nicht scheÄe Wie anders erscheint ihm gegenüber Götz von Derlichin- aen, der stets auf seinen Vorteil bedachte Realist, der in der Geschichte eine so ganz andere Rolle ^spielt hat als die M>eal- gestalt Goethes; wie anders erscheinen die fanatischen Schreckens- urLnner aus dem Bauernstand, wie anders endlich der phantastische Schwärmer Thomas Münzer! Was der Geher wollte WM das Ideal des deutschen Gedankens und, da er dafür starb, wollen wir ihn heute noch ehren. MasfiKerbriefe an den Verleger. In den Briefen an den berühmten Verleger Johann Friedrich Cotta, die soeben, von Maria Fehling herausgegeben und eingeleitet, im Verlage der Cotta- schen Buchhandlung, Stuttgart und Berlin, erschienen sind, spiegelt sich das Zeitalter Goethes Rapv- leons. Zu den großen zeitgeschichtlichen Ereignissen stand Cotta persönlich und geschäftliche in so vielfachen Beziehungen, daß die an ihn gerichteten Briefe, wie kaum eine andere Sammlung, eine Anschauung von jener Epoche vermitteln. Von den veröffentlichten Briefen sind nur die Goethes, Schillers, Kleists und Hölderlins bereits gedruckt. Das gesamte übrige Material ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bisher unbekannt. Wir veröffentlichen im nachstehenden Briefe Wielands, A. W. Schlegels und Johann Heinrich Vossens, die markante Proben aus dem Werke bieten, das sich zu einer wohlabgestimmten Galerie individueller Einzelporträts zusammenfügt. (337) Ein Brief Wielands. Weimar (Februar 1807). Weit entfernt, mein sehr geschätzter Herr und Freund, den Antrag (der Mitarbeit am Morgenblatt), den Sie mir am 28. November des abgewichenen Jahres taten, anders zu nehmen als er von Ihnen gemeint ist, erkenne ich mich Ihnen vielmehr sehr verbunden dafür und hoffe, mein guter Genius werde, um der 73 Jahre willen, die an mir gezehrt haben, nicht so ganz untreu an mir werden, daß ich Ihnen nicht zuweilen einen kleinen Beitrag, wenigstens zum Zeichen meines guten Willens, sollte übersenden können. Ich würde Ihnen nicht so spät geantwortet haben, wenn ich nicht die ersten Morgenblätter hätte abwarten wollen. Ich habe nun deren sieben gelesen und bin so sehr mit der ganzen Heptas und allen Früchten, Blumen, Blüten und Läubchen, die sie liefert, zufrieden, daß ichs mir zur Ehre schätzen würde, meine heitersten Stunden zu deren Vermehrung zu widmen, wenn ich nicht in eine große (für meine Jahre fast zu große) Arbeit, nämlich eine Äeberfetzung der sämtlichen Briefe Ciceros, versunken wäre, wozu ich mach acht Tage nach dem mrseligen 14. Oktober (der Schlacht bei Jena) entschlossen habe, um mich aus der Gegenwart zweitausend Jahre zurück in die ewige Roma zu flüchten und mich mit den Geistern der großen Menschen, die den Fall derselben teils bewirken, teils vergebens zu verhindern suchten, zu unterhalten, wie wohl ich mit diesen großen Menschen im Leben ebensowenig hätte verwickelt sein mögen als mit den Heroen unserer Zeit. Denn auch diese werden erst in zweitausend Jahren sehr gute Gesellschaft sein. Erhalten Sie mir inzwischen Ihre Freundschaft und nehmen die Versicherung der ausnehmenden Hochachtung wohlwollend auf, womit ich lebenslänglich beharren werde. Ihr ergebenster Diener Wieland. Ein Brief A. W. Schlegels. Berlin, 31. März 1801. älnser gemeinschaftlicher Freund Fichte trägt mir auf, Ihnen zu melden, daß das hiesige Oberkonsistorium, da man ohne sein Vorwissen demselben seine Flugschrift Friedrich Nicolais Leben und sonderbare Meinungen zur Zensur vorgelegt, diese verweigert habe. Dieser unerwartete und seltsame Vorfall hat ihm die weitere Beschäftigung mit dieser Sache gänzlich verleidet und er wollte seine Hand von der Schrift ablegen und sie zurückziehen. Ich habe^ daher die Herausgabe übernommen, meinen Namen auf den Titel gesetzt, eine Vorrede dazu geschrieben und das Manuskript, das mir Fichte zu jedem beliebigen Gebrauch überlassen hatte, nach Jena geschickt. Dort bin idji als Professor zensurfrei und habe Auftrag erteilt, den Druck in einer Auflage von 1000 Exemplaren schleunigst zu besorgen, womöglich bei Frommann, daniit diese Broschüre, die durch die verweigerte Zensur natürlich in hiesigen Landen doppeltes Aufsehen machen wird, noch auf die Messe gebracht werden kann. Wir haben vorausgesetzt, daß dieser Vorfall in Ansehung dessen, was Sie über den Verlag mit Fichte verabredet, keine Aenderung machen würde; nur will Fichte vor dem Publikum durchaus nicht den Schein haben, jetzt noch einigen Teil an der Erscheinung der Schrift zu nehmen; eine Maßregel, die Sie bei einer vollständigen Kenntnis von der Lage der Sache gewiß richtig finden würden... Für das Poetische Taschentuch haben Tieck und ich fleißig gearbeitet und gesammelt und wir haben schon einen beträchtlichen Teil des Manuskripts beisammen. Da Schiller diesmal keinen Mufsnalmanach geben wird, so ist dieser Name gewissermaßen erledigt, und wir überlassen es Ihrer Entscheidung, ob Sie glauben, daß der Titel Poetisches Taschentuch oder Musenalmanach mehr Gunst beim Publikum haben wird... A. W. Schkegel. Ein Brief von I. H. Voß. Heidelberg, 16. März 1808. ... Die Bukoliker, denen ich gern ihr völliges Recht antun möchte, beschäftigen mich jetzt sehr angenehm. Ich finde doch, daß die Arbeit von 1795/96 durch die Nacharbeit von 1808 noch beträchtlich gewinnt. Nächstens sende ich noch eine Probe fürs Morgenblatt. Und sobald ich dazu kommen kann, schreibe ich auch meine kritischen Briefe über Goethes Gedichte ins reine für das immer kräftiger sich hebende Morgenblatt. Auch mein Sohn sendet nächstens eine Probe seines Aefchtzletschen Prometheus, womit ich zufrieden bin. Was urteilen Sie von Herrn Zimmers Unternehmungen? Mir scheinen sie unsinnig oder gar — romantisch! Der junge Mann, der so besonnen anfing, ist von Görres, Brentano und ähnlichen Gesellen betäubt und scheint seinem Verderben entgegenzuschwindeln. Seine Zeitung allein könnte wohl einen stärkeren Verleger überwältigen: So gehaltreich ist sie an Sinkkraft. Mich haben die Romantiker, unter welchen ein verruchter Rotkopf steckt, mit Künsten zurückgedrängt, als ich durch itm» stände mich bewogen fand, sogar den Zudringlichen zu machen. Der fettige Fuchs, der die Treulosigkeit an mir und Eichstädt verleumderisch ausübte! Ich ziehe mich jetzt in mein behagliches Haus zusammen und lebe, wie mir gebührt, einsiedlerisch... Voß. Hochzettsbräuche. — Schäferspiele. Von Otto Schröder-Gießen. Daß alle kulturellen Fortschritte der Neuzeit nicht vermocht haben, alte Sitten und Gebräuche hinwegzufegen, ist eine Freude für jeden, der sich mit der Erforschung der deutschen Volksseele befaßt, der liebevoll in ihre Tiefen zu dringen sucht. Dor allem der deutsche Bauer, so fortschrittlich er auch sonst gesinnt fern mag, hängt zäh am Althergebrachten. Wer Sonntags durch ein Dorf wandert, wird selten die jungen Mädchen und Burschen einen Gassenhauer oder eine abgedroschene Operettenmelodie singen hören, wohl aber unsere lieben alten Volkslieder. Das Dorf ist ja die Heimstätte des Volkslieds; dort hat z. B. Erk zusammen mit seinem gelehrten Bruder die reichste Deute gemacht. Spinnstube, Hochzeitsbräuche, Brautwerbung, alles hat — wenigstens in vielen Gegenden — sich bis in die jüngste Zeit erhalten. So dürfte es auch die freundlichen Leser nicht langweilen, wenn ich von solchen Bräuchen aus alter Zeit erzähle, wie sie Pfarrer Mhlius in feinem vor mehr als 100 Jahren herausgegebenen Werk „Malerische Fuhreise durch das südliche Frankreich und Oberitalien" beschrieben hat. Er berichtet über Hochzeitsbräuche aus dem Tale von Susa, zunächst aus dem Dorfe Mathie: ' „Ist die Trauungsfeierlichkeit vorüber, so begleiten Eltern und Hochzeitsgäste die jungen Eheleute bis zum Hause des neuen Ehemannes... Ist endlich der hochzeitliche Zug an der Haustüre des neuen Ehemannes angekommen, so bleibt die Braut und ihr Gefolge vor der Türe stehen. Der junge Ehemann geht nun hinein, den Vater zu rufen, der im Hause ist, und sagt zu ihm im Patois des Landes: Pare, pare, sie vos cernten qui vou meno tma nora a meison? (Mein Vater, mein Vater, seid Ihr's zufrieden, daß ich Euch eine Schwiegertochter ins Haus bringe?) Nun kommt der Vater herbei und antwortet: Den, ben bosta quel sie brave! (Ja, ja, wenn sie nur brav ist!) Der Sohn erwidert: B vos la meno con honor et respect. (Ich bringe sie Euch in Ehren und Respekt.) Der Vater ergrsift hierauf die Hand seiner Schwiegertochter und umarmt sie; diese gibt ihm ein Schnupftuch und begleitet ihn ins Haus." In Gravitzres herrscht ein Brauch, von dem auch in deutschen volkskundlichen Berichten Analogien zu finden sind („Die falsche Braut"): „Es ist in reichen Dauernfamilien Sitte, daß, wenn der Bräutigam seine Braut abholen will, um sie in die Kirche zur Trauung zu führen, eine Verwandte derselben sich in eine alte, zerlumpte Frau mit einer Kunkel an der Seite verkleidet und Koch- und Schaumlöffel am Gürtel hängen hat. In diesem Aufzuge stellt sie sich neben die Türe des Hauses, worin die Braut und ihre Eltern wohnen. Der Bräutigam tritt zur Alten hin und fragt nach seiner Braut; die Alte antwortet, daß sie es selbst sei. Nicht gar zu höflich erwidert er ihr: B vos vohe Pas, O sie tro Bruttal (Ich mag Euch nicht, Ihr seid mir zu häßlich!) Die 2I[te will nicht weichen und ihn nicht in das Haus lassen, das sie für das ihrige ausgibt. Nun kommt's auf 'beiden Seiten zu . tüchtigem Schimpfen. Hierauf läßt die Alte ein kleines Mädchen aus dem Hause treten und sagt zum Bräutigam: E toi cella? (Ist es diese?) Dieser antwortet: Nou e Pas cella l'e trop jouven. (Das ist sie nicht; sie ist zu jung.) Nun entsteht ein neuer Streit zwischen ihm und der Alten, welche endlich! einen 6 Kochlöffel aus dem Gürtel reiht, ihn mit Reis anfüllt, der neben ihr mit Wasser in einem Topfe kocht, und denselben dem ■ - 187 — Bräutigam und seiner Gesellschaft ins Gesicht schleudert; lachend macht sich der ganze Haufe auf die Flucht, unö jetzt erst tritt die wahre Braut mit den schönsten Kleidern geschmückt. Heraus, reicht ihrem Geliebten die Hand und lätzt ihn mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft eintreten; man setzt sich zu Tische, und dann geht der Zug nach der Kirche." Das find rauhe Sitten! Deshalb sei dem Leser zum Schluffe etwas feinere Kost vorgesetzt. Ritter» und Schäferspiele! Das Schloß der alten Stadt Tarascon (an der Rhone) — di« Legende von Tarascon wurde vor einiger Zeit in diesem Matte gebracht — nennt man gewöhnlich im Lande das Schloß des Königs Renatus, „entweder weil dieser Fürst die Stadt mehr mit feiner Gegenwart beehrt Hat als sein Vorgänger und Erbauer desselben, Ludwig II., oder weil der Rame des guten Königs Renatus (bon Roi Rens) die Ramen aller seiner Vorgänger und Rachfolger in den Herzen der Provenzalen gänzlich verdunkelte. Gr beschäftigte sich hier mit Festen, mit Versen und Galanterie (!)." Mylius bringt die Erzählung über ein Tournier, das dieser Fürst im Jahre 1449 abhielt: „Alle Ritter, die Teil am Tourniere nehmen wollten, erschienen in den Schranken auf prächtigen Pferden, ganz bewaffnet, mit dem Küraß und dem Helme, der mit purpurroten Strautz- federn geschmückt war; aber sie waren auch zugleich als Schäfer gekleidet und führten den Schäferstab, die Sackpfeife, eine Flöte, ein Vrotkörbchen, ein Wafserfäßchen usw. bei sich. Die Preise wurden von einer vornehmen Dame ausgeteilt, die auch im Schäferkleide auf einem mit Goldstosf bedeckten Pferde mit einem kcrrmostnroten Stirnblechs erschien, das zwei zu Fuß gehende Jünglinge fi'chrten; eine Herde Schafe ging ihr voran; sie trug ein Kleid von grauem Damaste, das mit Pelz gefüttert und am Rande besetzt war, einen kleinen mit Blumen bedeckten Hut und einen mit Silber verzierten Schäferstab; auf der einen Seite hatte sie ein silbernes Wasserfäßchen am Gürtel hängen, auf der anderen ein Brotkörbchen. Sie hatte ihren Platz während des Tourniers in einer Laube, die von Daumzweigen geflochten und mit Blumen geziert war und an einem Ende des Tournier Platzes neben einem Baume stand, an dem die zwei Hirten-Ritter, die das Tournier hielten, ihre Schilde aufhingen. Der Preis, den die Sieger von ihr erhielten, war ein Kutz von ihr imt> ein an einem goldenen Zweig befestigter Blumenstrauß. — Außer der Laubhütte der Schäferin war auf dem Tournierplatze noch ein Gerüst für den König Renatus, die Königin und ihr Gefolge und ein anderes für die Kampfrichter erbaut." Wir sehen hier mit dem eigentlichen Ritterspiel verbunden das Schäfer spiel; die gebildeten Gesellschaftsklassen waren auch damals schon empfänglich für „das Idyllische", die ästhetischen Reize der volkstümlichen Kultur, so wie man in unseren Tagen in den gebildeten Ständen das Volkslied liebt und pflegt. Wohin treibt der Mensch? Von Hans Offenbach*). „Weltverachtung, lieber Rüdiger, entspringt immer einer kranken Stelle in uns selbst. Wir muffen mißtrauisch werben, wenn uns Wege keine Freude mehr machen, die wir sonst gerne aufsuchten, und nachdenklich, wenn uirs nicht mehr lohnend erscheint, was wir sonst erstrebten. Natürlich ist es gut, wenn wir höhere Wege suchen lernten, aber dann verachten wir nicht alle anderen. And das mit der Herde... Diese Bescheidenheit ist Heuchelei. Wer erst derbe Kost von feinerer unterscheiden lernte, wer erst ausprobierte, wieviel besser es sich im Auto fährt, als kn der elektrischen Bahn, der lügt, wenn er sagt, es ginge auch anders. Es geht natürlich, aber nicht ebensogut. Irgendwo ist unser Leben zu Ende, und weil wir das wissen, geht es uns unwillkürlich darum, vor der Abreise noch möglichst viel Schönes von der Gegend zu erfahren. Da wir die Fähigkeit haben, das zu erreichen, unser Leben zu steigern, so sollen, ja müssen wir es auch tun. Alles auf Erden wächst so hoch, als es kann. Man soll sich nie Begnügen, Rüdiger, ich wollte und will immer das Höchste in meinem Leben und im Hauptteil desselben, in meinem Geschäft. Trotzdem bleibe ich noch tief genug drunten, denn die ganz großen Möglichkeiten habe ich nun mal nicht; oft aber ist es schon eine Freude, etwas gewollt zu haben." „Die Menschen werden geboren und wissen es nicht; die Menschen warten sich aus der Jugend am Strick der Hoffnung ins Alter, und was ihr Glück war, wann und wo es ihnen begegnete, sie wissen es nicht. Die Menschen sehnen sich nach etwas, sie erreichen es — und wissen es nicht. Die Menschen schauen rückwärts und vorwärts ihres Wegs. Wohin trat und tritt ihr Fuß? Sie wissen es nicht. Die Menschen rufen nach Liebe, und *) Hans Offenbach hat sein reiches, seelisches Wissen in feinem neuesten Prosawerke „Wanderer im A n gewußt e n" meisterhaft zu gestalten vermocht. Bereits nachstehender kurzer Auszug gibt uns ein scharfes Bild von der Tiefe und von der mühelosen Bewältigung seelischer Probleme in klar verständlicher Form. Das Werk stellt den nächsten Band der VII. Jahresreihe des Volksverbandes der Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin, dar. , _______ he wissen die Antwort nicht. Ihr Streben zur Gröhe wird ihnen zum Fluche, sie wissen es nicht. Die Mensch«, sterben, wie sie geboren werden, und wissen es nicht. Die Menschen rufen nach Erlösung und finden sie nur in eigner, sonnenlichter Güte, aber sie wissen es nicht." Der Schatz. Von Eduard M ö r i k e. (Fortsetzung.) Der Rebel ließ mich wenig unterscheiden, doch schien die Höhe da hinab beträchtlich, und, was mir nicht das lieblichste Gefühl erregte, den, sanften Rauschen eines Wassers nach mußte die Sichel ganz unmittelbar am Fuß des Felsens, der das Schlößchen trug, vorüberziehn. Sei's drum! ich riegelte getrost die Türe und zog mich aus. Mich niederlegen und schlafen war eins. Es regnete die halbe Nacht, ich merkte nichts davon; mir träumte lebhaft von dem schönen Mädchen. Am anderen Morgen, durch und durch gestärkt, fand ich die Sonne schon hoch am Himmel über dem engen Sicheltale stehen, welches, reichlich mit Laubwald geschmückt, die Aussicht hier zunächst sehr stille und reizend beschränkt, alsdann, mit einer kurzen Beugung um das Schloß, sich in das offene, flache Land verläuft. Ein Glockengeläute von unten, aus dem gutsherrschaftlichen Dorf an der Seite des Berges, erinnerte mich, es sei Sonntag. Mein Herz bewegte sich dabei, ich weih nicht wie. Doch war jetzt keine Zeit, um solchen Rührungen lang nachzuhängen; auf alles Denken aber und Grübeln über meine Lage tat ich sofort grundsätzlich ein sür allemal Verzicht; nur, als ich mir den beispiellosen Spuk des gestrigen Abends zurückrief, geriet ich auf die Mutmaßung, ich könnte wohl ein bißchen befchnapst gewesen fein, denn meine Branntweinflasche fand sich beinah« leer. Ich eilte, sauber angezogen, zu meinem Wirt hinunter, der mir mit Heiterkeit ankündigte, es sei nur noch ein Stündchen bis Mittag; sie hätten mich nicht wecken wollen, weil sie dächten, ich habe nicht besonders zu pressieren und würbe vielleicht ein paar Tage bei ihnen auSrüfjen. Nach einigem, wiewohl nur scheinbaren Bedenken und auf wiederholtes Zureden nahm ich diese unerwartete Gastfreundschaft an und blieb geruhig in meinen Pantoffeln. „Zwar werden wir Euch leider über Tisch für diesmal nicht Gesellschaft leisten," sagte der Schlotzvogt; „der Schulmeister im Dorf läßt heute taufen, da sind wir zu Gevatter gebeten und müssen gleich fort: Josephe aber, meine Nichte, wird Euch nichts abgehen lassen." Ich war alles zufrieden. Das Ehepaar hatte sich in Staat Begeben, und außen wartete ein Fuhrwerk. Sie baten nochmals um Entschuldigung, mit dem Versprechen, vor Abend wieder da zu fein. Ich befand mich allein in der Stube und mit Josephen, die drautzen am Herde beschäfttgt fein mochte, allein int ganzen Schlosse. Die Nähe dieses Mädchens, zu dem ich von der ersten Stunde an ein stilles, unerklärliches Verttauen hegte, obgleich wir bis jetzt kaum ein Wort miteinander gewechselt, beunruhigte mich ganz sonderbar. Es zog und zupfte mich immer, sie in der Küche aufzusuchen, allein wenn ich eben dran war, schien mir von allen den bei Handwerksburschen üblichen galanten Redensarten nicht eine gut genug. Auf einmal kam sie selbst herein, band sich die Küchenschürze ab, stellte sich dann mit einigem Erröten mir gerade gegenüber und sprach, nachdem sie ihre offenen braunen Augen ein ganzes Weilchen auf mit ruhen lassen: „Also Ihr kennt mich wirklich gar nicht mehr?" Da ich betroffen schwieg und nun mit halben Worten zu erkennen gab, daß ich auf eine frühere Bekanntschaft mit einem so scharmanten Frauenzimmer im Augenblick mich nicht besinnen könne, verbarg sie sehr geschickt ihre Deschäntung und Empfindlichkeit hinter ein flüchtiges Lachen und tat, als hätte sie den puren Scherz mit mir getrieben. „Rein! Nein!" riet ich, sie eifrig bei der Hand nehmend, „dahinter steckt etwas — Ihr seid betreten, Ihr seid gekränkt! Am's Himmels willen, beste, schönste Jungfer! helft mir ein klein wenig darauf — wenn, wo, wie hätten wir uns denn gesehen? es wird mir gleich beifallen!" In der Tat, ihr Gesicht wollte mir nun bereits ganz außerordentlich bekannt vorkommen, nur wußte ich es nirgend hin zu tun. Ich bat sie wiederholt um einen kleinen Fingerzeig. „Seid erst so gut,“ versetzte sie, „und nennt mir Euren Namen!" Da ich bestürzt ein wenig zauderte und eben eine ausweichende Antwort geben wollte, brach sie kurz ab, wie wenn sie ihre Frage selbst bereute: „Der Braten verbrennt mir! verzeiht, ich muß gehen." In kurzem kam sie wieder, schob ohne Geräusch einen Tisch in die Mitte der Stube und fing sodann, indem sie ihn sehr ruhig deckte, als wäre nichts geschehen, vom Wetter an. Als ich mich auf dergleichen nicht einlieh, sondern mich nachdenkend unverdrießlich zeigte, nahm sie zuletzt, um dieser lächerlichen Spannung zu begegnen, das Wort: „Hört, tut mir doch den einzigen Gefallen, denkt nicht mehr an die einfältige Posse. Ich habe mich in der Person geirrt, und das ist alles! Noch einmal, ich bitte, denkt nicht mehr daran." — Dagegen war nun freilich schicklicherweise nichts weiter zu sagen, obgleich ich ihren Worten nur halb traute, . ■■ ■> zu reden und zu lachen und zu Wernen für immerdar verlernt. Wenn er so vor ihr stand und ihr zusprach mrt guten klugen Worten, so scch sie unter sich wie ein demütig Muttergottesbild und wich mit falschem Seufzer auf die Seite; war der Gemahl hingegen auf der Jagd oder, sonst ausgeritten, damit er einen Lag seinen Kummer vergesse, da sei der kalte Fisch daheim lauter Leben, lauter Scherz und lustige Bosheit gewesen. Wer sollte glauben, daß der Graf für eine solche Kreatur auch nur ein Fünklein Liebe haben können? And doch, es heißt, er hing an ihren Augen trotz einem Bräutigam. Einige meinten drum, sie Alb' es ihm im roten Wein gegeben. Einst sah er allein auf dein Saal und hatte seinen Knaben, nicht gar ein jährig Kind, sein liebstes Gut, auf seinem Schoß und war sehr traurig, denn der Knabe war seit kurzer Zeit siech und elend worden und ah und trank nicht mehr, und wußte niemand, was ihm fehle. Tritt leise die Amme herein, ein braves Weib, und fängt zu weinen an: „Ach lieber Herr, ich habe etwas auf dem Herzen, das muß heraus und wäre mir die größte Sünde, so ich's vor Euch verschwieg. Dürft aber mich um Gottes willen nicht verraten bei der gestrengen Frau." — Der Knabe, da sie solches sprach, bewegte sich mit Angst in feines Vaters Arm, als hätte er verstanden und gewußt, wovon die Rede sei. Der Graf winkte der Wärterin, zu reden, die denn fortfuhr: „Reulich, Ihr wart eben verreist, geh' ich des Morgens, wie ich immer Pflege, nach, der Kammer zum Kind. Das hört' ich schon von weitem schrein, als hätte man's am Messer. Indem ich eintrete, Gott steh' mir bei! muß ich mit diesen meinen Augen sehn, wie die gnädige Frau den jungen Herrn, bevor sie ihm das Röcklein angezogen, glatt auf den Tisch gelegt und ihn gequält, geschlagen und gekneipt, daß es zum Erbarmen gewesen. Wie sie mein ansichtig geworden, erschrak sie fast und tat dem Söhnlein schön und kitzelt' es, daß das arm' Würmlein gelacht und geschrien untereinander. Schau, was er lacht! rief sie, ist er nicht seines Vaters Konterfei? — Ich dachte: Wohl, du armes Kind, drum muht du also leiden. — Herr, haltet's mir zu Gnaden, dah ich so frech vor Euer Edlen alles sage; glaubt aber nur, man hat wohl der Exempel mehr, dah eine Ehfrau ihres Mannes Fleisch und Bein im eigenen Kind hat angefeindet, und, mein' ich solches tut der böse Geist, dah einer Mutter Herz sich so verstellen muß und wüten wider die Frucht ihres Leibes." echristleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Vrühl'schen Aniv.-Buch- und vteindruckerei, R. Lange, Giehea. So redete Judith und sah, wie ihrem Herrn ein übers andere Mal die Flammen zum Gesichte stiegen, und wie er zitterte vor Zorn. Er sagte lange nichts und starrte vor sich nieder. Jetzt stand er auf, sprach zu dem Weib: „Geh, sag dem Kaspar, daß er gleich drei Rosse fertighalten soll, den schönen Schimmel mit dem WeibersattÄ, den Rappen und sein eigen Pferd. Du selber lege dein Feierkleid an und nimm des Kindes Zeug zusammen in ein Dündlein, wir werden gleich verreisen. Mochte dich nicht, dir soll kein Haar gekrümmt werden." — Sie lief und tat, wie ihr befohlen war, derweil Herr Veit sich rüstete. Alsdann nahm er das Düblein auf und eilte nach dem Hof. Auf seinen Wink bestieg Judith ihr Pferd; es war das edelste von allen aus dem Stall. Veit nahm den Junker vor sich hin; so ritten sie zum Tor hinaus, der Knecht hinterdrein. Frau Jrmel aber sah am Erkerfenster halb versteckt dem allen zu, höchlich verwundert und erbost, und bildete sich freilich ein, was es bedeute. Sie folgte dem Zug mit höhnischen Blicken den Burgweg hinunter, und als die Rößlein dann ins obere Sicheltal einlenkten, sprach Jrmel bei sich selbst: Richtig! Jetzt geht es nach Schloß Greifemholz zur lieben gottseligen Frau Schwägerin. — So war es auch. Dort hatte der Graf seine nächsten Verwandten, bei denen er viel Trost und für den Knaben und die Wärterin die beste Aufnahme fand. Am zwölften Morgen kehrte der bedrängte Mann, um eine große Sorge leichter zu seinem Fegfeuer zurück, denn sichtbarlich gedieh das Kind fern seiner Mutter wie eine Rose an der Maiensonne. Die Gräfin fragte, wie man sich denken kann, mit keiner Silbe nach dem Junker, und beide Gatten lebten so fortan als em paar stille und höfliche Leute zusammen. Drüber geschah's einmal, dah Löwegilt in seines Kaisers Dienst mit Kriegsvoll auswärts war sechs ganzer Monate, vom Frühling bis tief in den Herbst. Das wäre eine schöne Zeit zur Buße gewesen, Frau Gräfin! Es gibt ein altes Lied, da steht der Vers: In Einsamkeit, In Einsamkeit, Da wächst ein Blümlein gerne, Heißt Reu und Leid... Das war auch des Grafen sein Hoffen und Beten, wenn er manchmal bei stiller Rächt in seinem Zelte lag und semes Weibes dachte. And als nun endlich Friede ward und Fürsten, Aitwr, Knechte, des Siegs vergnügt, nach Hause zogen, da oaw Löwegilt: Gott gebe, daß ich auch den Frieden daheim fm (Fortsetzung folgt.) Ä»Sn*S srtr JUrew in ein Weibsbild zu verlieben. . .. „Man sagt so viel von Eurem an, nachdem sie das Essen abgetrage $ 6^ schenktet mir, M ÄMrtdÄ Md, einmal recht reinen Wein geschehen," antwort^sie^A- leicht mit jemanden davon, all Mann und werdet nähme. Zudem seid Ihr: ein. »eri u mir ^hr scharf, tote Euch bei unsmcht feiner Seele feit Menschen- prüfend, ins Gestcht.) Auch ist.noch kmner ^schehen, und Steg-irar."» eres der Knaul lag ihr un Schoße. man w 19 d?- S" ,U TOll MZS--MS5-L- k '» ZI SsSfe nachmals ist das Kleinod als ein ehrenwertes Denkzeichen de glücklichsten Ehe von einem Sohn auf den audern^ekomnwn und leüo beut' da Ihr mein väterliches Erbe als Hausfrau oeireien, veraönnt 'bah ich Euch diesen Schmuck umhangen mag. _ Ich toeifi Ihr werdet ihn mit Ehren tragen.“ — „Ich danke meinem Aerrn und gütigen Gemahl,“ antwortete die schone Frau sehr Rundlich; Sern Ihr ato irgend Zweifel habt an mir ° lei es nicht genug an meinem Wort, das Ihr in Marten-Kapelle empfangen, Mich gelobe nochmals hier, Euch als ein treues Weih zu dienen, so Gott mir nach dem Tode gnädig sm. . — So Zenite und Jrmel war vergnügt über die gel^ Kette und zeigte das Geschenk mit Freuden der Gesellschaft vor. „Im Anfang ging alles ganz gut. Die Gräfm schrnkte ihE Mann im ersten Jahre einen Sohn. Sem Hauskreuz aber stellte sich beizeiten ein. Die Frau wurde geizig über die Mähen. Ein Sprichwort ging beim Volk, sie singe der Henne ums . Es hieß: Frau Jrmel ist nicht dumm; weil sie der^Tropfen. Oel im Lämplein dauert, läht sie die Mägde bei Mondschein sptnnen. Sonst war Gesang und Harfenspiel ihr schönster Z^drech, letzt tat sie nichts wie rechnen und ihre Leute scheren. Das Aergste dabei war, sie fing ohne Wissen Herrn Lowegllts an, wel Geld auszuleihen auf Zins an ihre Untertanen und m der Rachbar- schäft umher. Wenn nun die armen Leute nicht zu rechter Zett bezahlten, sprach sie zum Vogt: „Solang mein Mann daheim, mag ich nichts anfangen; er ist zu gut und dankt mir s wohl, wenn ich ihn mit dem Plack verschone. Jedoch das nachstemal, dah er mit Reisigen aus ist, auf einen Monat odeu Swet, da sollt Ihr sehn, wie ich mein Zornfähnlein aufs Dach stecke! Wir schicken den Presser (Steuereintreiber) herum und brauchen Gewalt; man muh dem Gauchenvolk die Frucht vom Acker tmd die Kuh von der Raufe wegnehmen.“ Zum Glück kam es nicht gar so weit. Herr Veit erfuhr die feine Wirtschaft der Frau Gräfin und wollte sich zu Tod darüber schämen; allein weil er die Dame Tausendschön im ganzen doch wie närrisch liebte, verfuhr er christlich mit ihr und legte ihr in aller Güte den säubern Handel nieder. Das nahm sie denn so hin, wohl oder übel. Wie aber hätte ihr auch nur im Traum einfallen sollen, ihr Veit konnte so gottlos sein und den verwünschten Bauern ihre, Schuld bis auf den letzten Heller schenken? Er machte das ganz in der Stille ab, und eines Tages bei Gelegenheit bekannte er's ihr frei, auf holde Art. Frau Jrmel hörte ihn nur an, verblaßte und sagte nicht ein Sterbenswort. Sie ging mit ihm denselben Dag, weil eben Ostern war, zu Volles Tische. Da mag sie wohl ihr eigen Gift hinabgegessen Haben anstatt den süßen Leib des Herrn. Von Stund an war sie wie verstockt. Es sah just aus, als hätte sie