Eichener Kmilienblötter Unterhaltungrbeilage zum Sietzener Anzeiger Jahrgang <925 Dienstag, -en (5. Januar Nummer < Winter. Von Franz Lüdtke. Schneefahnen Wehn Leis im vergrauenden Wintertag, Füße gehn Lautlos weich wie auf Teppichbelag Weibbeflaggt Träumt in den Abend Haus an Haus. Stiller im Takt Schreitet das Leben die Straben aus. Mitteln ein. Sfr hat seinen Kampf gegen England aufgenvm« men, aber in einer Art, wie die Welt ihn bisher nicht kannte. Die Inder verweigern die öffentlichen Leistungen, nachdem fie (1906) einander den Eid der passiven Resistenz gdeiftet haben. Die zweite Waffe ist die Nichtanwendung von Gewalt. Gandhi tut, als ob es Engländer nicht gäbe und verweigert -ede Beteiligung am öffentlichen Leben (Ron-Partizipation), andererserts setzt er sich nicht zur Wehr (Ron-Resistenz). sondern zu Tausenden lassen sich die Gandhisten in SefängnissÄ kerkern, ohne Klage, mit froher Zuversicht! Gandhi kelbst wirtz drermal emgekerkert,- einmal wird er sogar für tot liegen gelassen. „ twar gegen solche Waffen machtlos, die Asn- Resistei^-Dewegung Gandhis aber wuchs und griff nach Indien uaer Dabel darf man einen Zug in Gandhis Haltung nicht uoersehen, der uns ebenso inkonsequent wie edel anmuten must: So oft Südafrika oder England in Gefahr ist. gibt er die nur und bietet sogar seine Hilfe an: Gegen öw Duren (1899) bildet er eine indische Sanitätstruppe, die sich durch ^avserkett im Feuer auszeichnet. Als in Sobamris- burg die Pest ausbricht (1904). errichtet er ein Spital. 1914 badet er in England eine Sanitätstruppe, 1918 noch befürwortet .Mrnbhl an England ein Hilfskontingent von 985000 Soldaten. Er glaubte noch an die Einsicht und das Derstandnrs Englands; dieses hatte alles versprochen. Als °“ch glaube fest daran, daß Indien eine Mission für dre Welt übertragen worben ist!" — England belohnt dia Bmttater von Amritsar, Indien aber ist eine Einheit geworden: ENN in Amritsar bluteten Hindu und Mohammedaner, Arme und Reiche. Zum erstenmal in der Geschichte schlie^n sich dis 80 000 000 Mohammedaner der nationalen Bewegung an. Als England seine bisherige Politik fortfetzt, da verkündet Gandhi am 28. Juli 1920 die Ron-Kooperation d. h. Verzicht auf Titel und Ehrenämter, Streik der Rechtsanwälte. Boykott der Schulen, Ron-Partizipation, Eintritt für Swadefhi (Wirt- schaftliche Selbständigkeit). Englische Stoffe werden nicht mehr gekauft, dafür wird in ganz Indien daS Spinnrad wieder ein- geftihrt. Im August 1921 brennen Englands kostbarste Stoffe in Bombay in den Flammen des Scheiterhaufens! Im Vor- jähre hatte Gandhi bereits die Rational-Aniversität in Ahmedabad eröffnet, die Rivalin von Tagores Santiniketan, Es ist verständlich, das; Gandhi und Tagore Gegensätze find, aber Gandhi ist mehr als nur bas Gegenteil von Tagore, irtz ihm verkörpert sich Indien, er ist Indien. Gandhi ist für fei« Land soviel mehr als Tagore, wie Dostojewsfl eS für Ruhla nd mehr ist als Tolstoi. Wie sehr Gandhis Sathagrap Ha-Bewegung nicht nur 8a# religiöse Bewußtsein des Volkes traf, sondern wie sehr ffr auch den politischen Wünschen des Landes entsprach, zeigte fitf im Dezember 1920: Der Allindische RationalkongrÄ nahm dH Mahatma Gandhi und sein Evangelium. Von Walther Heering. Wer ist Gandhi? — Er ist der Mahatma (die große Seele), der wahre Herrscher Indiens: dessen Rame und Geist in den Herzen des Dreihundertmillivnenvolkes lebendig ist, der weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus eine neue religiöse Ethik verkündet, zu deren werbendem Vertreter sich im Abendland kein Geringerer berufen fühlt, als Romain Rolland. In Mahatma Gandhi ersteht Indiens uralter Geist in neuer religiöser Kraft. Er ist abendländischem Denken sonderbar verwandt, beeinflußt von einem der frühesten und vom letzten späten Propheten der Armut: Bon dem demütigen flmbrer Franziskus von Assisi und vom modernen Russen Tolstoi. — Herrscher und Büßer Stärke und Stille, Mut und Milde, Kraft und Verzicht Maren sich m diesem Spätgebvrenen unter den Großen des indischen Geistes zu wundersamer mächtiger Harmonie. Hindu und Mohammedaner, Politik und Religion sind keine Gegensätze mehr sondern finden sich unter der gebietenden Güte des Mahatma Zur Einheit eines erwachenden Jung-Jndien zusammen. Sein Volk verehrt ihn als die Fleischwerdung Gottes. Er aber lehnt diese Verehrung bescheiden und entschieden ab: „Ich erhebe mcht Anspruch auf 'übermenschliche Kräfte. Ich will keme. Ich bin vom selben vergänglichen Fleisch wie das schwächliche meiner Mitwesen und bin deshalb ebensosehr dem Irrtum unterworfen wie irgendeines." — Seine Heimat — welche Zeit und Politik nicht kannte, deren Religion in entartetem Ausklang erstarrt war — diese Heimat faßte er zu heiligem politischem Wollen zusammen, und über dem Lande der Ruhe und Gottesbetrachtung mahnte seine Stimme. zu tätig-r Liebe dis dre Herzen von einem Fünftel der Menschen ergriff, die unferen Erdball bewohnen. Diese Stimme weckte sein Volk; es erwachte und das englische Imperium begann zu schwanken. — Angesichts seiner Erfolge mutet es um so bescheidener an, wenn er sagt- .,2ch erhebe nur den einen Anspruch, ein bescheidener Diener Indiens und der Menschheit zu fein. Ich vertrete keine neue Wahrheiten. Ich bestrebe mich lediglich, der Wahrheit zu folg-m und sie zu Vertreten, wie ich sie erkenne. And erhebe allerdings den Anspruch, ein Licht zu werfen auf viele alte Wahrheiten. I. , Zuerst feien einige Tatsachen aus Gandhis Lebensweg und semem Leidensgang gesagt. Er ist der Mahatma, die große Seele. Indiens: und Leiden ist sein und feiner Heimat großes Gesetz, das er ihr verkündete. 868 in P orbanbar geboren, stammt er aus einem vor- "Ewnen Geschlecht. Großvater und Vater waren Premierminister fei ^Eern zeichneten sich durch besondere Frömmig- tett aus. Wahrend ferner Schulzeit quälten ihn Zweifel so sehr, Tr IT Atheisten wurde. Rach indischem Brauch T wit 8 Jahren verlobt — zwölfjährig ^nem siebzehnten Lebensjahre be- Ahmedabad, zwei Jahre später die -fefe wo er 1888 eintraf. Rach dreijährigem tr’fe Snbien zurück und ließ sich in lfeer- Da er feinen Beruf aber empfand, gab er ihn bald auf und widmete ^Agabe, d,e seine innere Stimme von ihm verlangte: fe ^:den für Indiens Freiheit 1893 bis 1914 *£“0 m Südafrika, erst seit 1914 in seiner öie Inder zu zu geeintem Widerstand gegen ihre Bedrücker und tritt für sie mit feinen Ziele des Mahatma Gandhi ut — den ersten Artikel der Verfassung aus! Aber noch mehr: Ein Jahr später überträgt der Kongreh seine Machtbefugnisse aus Gandhi und erteilt ihm Vollmacht, seinen Nachfolger zu ernennen. Der Mahatma ist jetzt der ungekrönte Herrscher Indiens! Der weitere Verlaus der Bewegung führt zu Aufständen des Pöbels und blutigem Eingreifen der Regierung. Gandhi verwirft Liefe Anwendung der Gewalt, Loch ohne gelegentliche Anruhen verhindern zu können. Am 9. Februar 1922 hat er bereits das Land zur gewaltlosen Revolution aufgefvrdert und dem Vizekönig ein Altimatum gestellt:. — da kommt es zu einem blutigen Zusammenstoß in Chauri Ehaüra: die englischen Polizisten werden in ihrem Gebäude verbrannt. Gandhi nimmt seine Aufforderung zur gewaltlosen Revolution (Steuerverweigerung usw.) zurück, legt eine öffentliche Deichte ab und will für das Blut büßen, das andere vergossen haben .... In seiner Bewegung kam es zu Spaltungen, durch das Land ging das Gerücht von seiner bevorstehenden Verhaftung. Seine Gefangennahme schildert uns Romain Rolland in folgenden schonen Worten: „Nachdem alles vorbereitet war, begab sich Gandhi nach dem Ashram von Sabarmati bei Ahmedabad, dem Ort, der ihm vor allem teuer war, um dort inmitten seiner lieben Schüler gefaßt der Ankunft derer entgegenzusehen, die ihn verhaften sollten. Er sehnte sich nach der Gefangenschaft. Am Abend des 10. März, kurz nach den» Gebet, erschienen die Polizisten. Der Ashram war von ihrer Ankunft benachrichtigt worden. Der Mahatma gab sich in ihre Hände." Mas nun folgte, ist kurz gesagt. Im „Großen Prozeß" hatte der Mahatma keinen Verteidiger, und er selber beantragte, in allen Punkten der Anklage auf schuldig zu erkennen. Gr wollte büßen für die Gewalt, die andere getan hatten gegen seinen Willen. „Es bleibt Ihnen, dem Richter, nur die Wahl, entweder auf Ihr Amt zu verzichten, oder mir die schwerste Strafe aufzuerlegen." Das Urteil lautete auf sechs Jahre Gefängnis. Der Mahatma und Indien nahmen es in Ruhe hin. Das Martyrium des Meisters gab der Bewegung neue Kraft. Leiden, das große Gesetz, nahmen sie auf sich, Verzicht auf Gewalt wurde ihr Evangelium, dessen Kraft mehr und mehr das englische Weltreich erschütterte und erschüttert. Ein leuchtendes Beispiel der Tat für ihre Ueberzeugung gaben die Malis 1922 im Martyrium von Guru-Ka-Bagh. Auch sie hatten das Gelübde abgelegt, keine Gewalt anzuwenden, und wollten zum Heiligtum von Guru-Ka-Bagh. Die britische Polizei war vor dem Heiligtums aufgestellt, mit eisenbeschlagenen Ruten bewaffnet. Ein Freund Tagores berichtet den Vorgang: „Die Akalis, in schwarzem Turban, der mit einem Zweigleiir weißer Blüten geschmückt ist, gehen auf die Polizisten zu und bleiben ungefähr einen Meter vor ihnen stehen. Schweigend, unbeweglich und betend. Die Polizisten schlagen mit ihren langen Stöcken heftig drein. Die Shiks stürzen nieder, erheben sich wieder, wenn sie noch können, sangen wieder an zu betest, werden wieder geschlagen, auch mit Füßen getreten, bis zur Bewußtlosigkeit. Man vernimmt keinen Schrei, beobachtet keinen herausfordernden Blick. Sie beten schweigend mit einem Ausdruck der Verehrung und des Schmerzes." „Ein neuer Heroismus erwacht am Leiden, hat sich auf dieser Erde erhoben. Ein neuer Kampf des Geistes Gandhis Behandlung im englischen Gefängnis war schlecht. Es fehlte nicht viel daran, daß er im Gefängnis gestorben wäre. Am 12. Januar 1924 mußte er sich einer Operation unterziehen. Am 4. Februar sah sich die englische Regierung gezwungen, ihn freizulassen. — Bisher hatte Indien religiös nicht geeint werden können: am 18. Januar 1924 betete das ganze Dreibund er k- millionenvolk für die Geiiesung seines Mahatma. Politik und Religion. Hindu und Mohammedaner einten sich in der Verehrung Gandhis und in seinem Evangelium des Verzichtes aus Gewalt (Non-Diolenz) .... Der Charakter Mahatma Gandhis spricht deutlich aus seinem Lebensgang. — Es soll jetzt die Darstellung seiner Verkündigung folgen, der Inhalt seines Evangeliums. Dabei muß man sich stets die entscheidende Tatsache vergegenwärtigen, daß Politik und Religion bei Gandhi eine feste Einheit bilden, dass sein Evangelium ebensosehr religiös wie politisch ist. Das Eigentliche, ihm Wesentliche ist zwar das Religiöse, das seiner Persönlichkeit die Kraft und seiner Bewegung die Wucht verleih«. Doch stellt er — als Inder! -- dieses Religiöse so sehr ins Bereich der Tatsachen, daß es zur Politik wird, wie auch andererseits alles Praktische und Wirtschaftliche von der Heiligkeit des Religiösen erfüllt und belebt wird. Cst tritt als Politiker« auf, sein Erfolg ist der größte politische Indiens, und das Volk verehrt ihn als Gott. „Wenn ich an der Politik teilzunehmen scheine, geschieht es nur, weil sie uns heute alle umfängt wie Windungen einer Schlange, aus denen wir uns trotz aller Anstrengungen nicht befreien können. Gerade deshalb aber möchch ich gegen die Schlange ankämpfen .... und Habe deshalb bei mir und meinen Freunden versucht, Politik mit Religion zu verbinden." Unwillkürlich drängt sich einem der Vergleich mit Christus auf. Wie ähnlich die Lage, in der sie beide lebten: Jesus im unterdrückten Judäa unter der Herrschaft des imperium Rv- manum, Gandhi in Indien, das unter der Herrschaft des britischen Weltreiches seufzt. Wie ähnlich der Prozeß! Dort das verständnislose Mitleid des Pilatus, hier das ebenso verständnislose Entgegenkommen des englischen Richters. In Indien, werden die verzweifelten Erhebungsversuche ebenfo blutig niedergeschlagen, wie es die Aufstände der unterdrückter- Juden durch die Römer wurden. Es ließen sich noch mehr Beispiele! für die Aehnlichkeit der äußeren Lage anführen. Wie ähnlich ist aber auch die innere Haltung! „Liebet eure Feinde!" hören wir hier und „Verzichtet auf die Gewalt" dort. Wie Jesus für die verachteten Samariter, so tritt Gandhi für die „Unberührbaren", die verachtete Klasse der Paria ein: „L eber möchte ich in Stücke zerrissen werden, als die unterdrückten Klassen, verstoßen." Wie berührt sich dieser Sah mit der Seligpreisung der Armen! — Gandhi ist ein Freund der Kinder; er adoptierte ein kleines Mädchen aus dieser verstoßenen Klasse. „Alles, was lebt, ist dein Rächster". Diese Worte Gandhis hätten ebensogut von Jesus gesprochen fein können, aus dessen Geish auch die Worte gesprochen sind: „Es ist gegen den Geist des Hinduismus, daß ein Mensch sich selber eine höhere Stellung; anmatze oder anderen eine niedrigere anweise. Mir sind alle geboren, um der Schöpfung Gottes' zu dienen." — Letzten Endes klafft aber zwischen dem Urchristentum und Gandhi der große Gegensatz: Jenes lebte nur fürs Gottesreich und dachte nicht an soziale Hilfe für die unterdrückten Völker oder Klassen, Gandhi aber stellt sich in die Politik und in das Reich der Tatsachen. Gandhi halt zu feiner Religion und seinem Vaterland so sehr, wie es nur ein frommer Hindu und überzeugter Nationalist tun kann. „Ich bin durch und durch Reformer. Aber mein Eifer geht nie so weit, irgendeine der wesentlichen Lehren des Hinduismus zu verwerfen." Darüber hinaus aber erhebt sich sein Universalismus: „Meine Religion kennt feine Landesgrenzen." „Ich glaube nicht, daß allein die Veden göttlich feien. Ich halte dafür, daß so gut wie die Veden auch die Bibel, der Koran und die Zend Avesta göttlich inspiriert sind. Der Hinduismus ist keine ausschliehende Religion. Er gewährt Raum für biß Verehrung aller Propheten, der Erde.... Er überläßt es jedem, Gott nach feinem eigenen Glauben oder Dharma anzubeten und lebt deshalb in Frieden mit ollen Religionen." „Ich glaube fest daran, daß Indien eine Misston für die Welt übertragen worden ist ... . Wenn der Glaube in mir lebendig ist, wird er selbst meine Liebe zum Vaterland übertreffen." So erhebt sich Gandhis Evangelium des Verzichtes auf Gewalt zu einer Aufforderung an alle Völker, nicht nur an das indische. — Die englische Tyrannei und der Meltkrieg sind dem Mahatma ein Beweis dafür, wie weit Europa davon noch entfernt ist. „Der letzte Krieg hat deutlicher als sonst die satanische Natur der Zivilisation erwiesen, von der sich Europa heute beherrschen läßt. Jedes Sittengesetz ist von den Siegern! im Namen der Gerechtigkeit gebrochen worden. Keine Lüge war zu schlecht, um angewendet zu werden. Europa ist heute nut' dem Namen nach christlich. In Wirklichkeit betet es den Mammon an. Die Zivilisation des Abendlandes gilt es zu überwinden." Doch ist er sich seines Sieges gewiß in der lieber!» zeugung, daß mutiger Verzicht auf Gewalt am Ende alle Gewalt überwinden muh. Wie soll nun der Verzicht auf Gewalt angewandt werden? Ist es ein müdes, feiges Versagen? — Nie und nimmer. Verzicht auf Gewalt muß mehr sein als Gewalt, nicht weniger. Der Feigling nimmt alles hin, der Tapfere setzt gegen Gewalt wieder Gewalt, der wahre und fromme Mensch aber verzichtet auf Gewalt in heroischem Mut, entschlossen zu Leiden und Sieg. Wer sich zu diesem Letzten nicht entschließen kann, der wende lieber Gewalt an, als daß er zum Feigling werde! „Es wär« mir lieber, Indien befreite sich durch Gewalt, als daß es Sklave bliebe, angekettet an die Gewalt der Beherrscher. Wo nur die Wahl bliebe zwischen Feigheit und Gewalt, würde ich zur Gewalt raten. Tausendmal lieber würde ich Gewalt an- wenden, als eine ganze Rasse der Gefahr der Verknechtung aussehen. Ich würde lieber sehen, daß Indien zu den Waffen griffe, um seine Ehre zu verteidigen, als daß es ein seiger und hilfloser Zeuge seiner eigenen Entehrung würde und bbebe. Diese Worte zeigen deutlich, mit welchem Mut, mit welchem Heroismus und mit welcher Aktivität Gandhis Verzicht auf Gewalt verbunden ist. Aus dem Beispiel der Akali spricht derselbe Mut zum Martyrium wie von den Kreuzen der.Christen in den ersten Jahrhunderten. Aber diese Inder opfern sich nichr für ein jenseitiges Gottesreich sondern für Stoaraj ^ome Rule), für ein selbständiges freies Indien. „Mein Reich ist Andien, könnte Gandhi sagen. Das trennt ihn scharf Chnftus. Wer auch et richtet feine Verkündigung an die Weit. Ur ist Nationalist, aber für die Welk. r Gandhis Satyagrapha-Bewegung verwirklicht feine Ideale hauptsächlich durch zwei Mittel: Gehorsamsverweigerung l^so- bienz) gegen die englischen Gesetze und Swadeshi. —1 Die Deydr — 15 — sarusvertoeigerung begannt mit derselben Taktik, tote tote sie im Ruhrkampf als „Passiven Widerstand" kennen lernten, und geht bis zur Steuerverweigerung, aber alles ohne Anwendung von Gewalt. Es ist der einfache Gedanke: Menn die llntcrtaner, eine Regierung nicht wollen und streiken, so kann die Regierung, nicht bestehen. — And Swadeshi ist die wirtschaftliche Selbständigkeit und Anabhängigkeit. Ausländische Maren sollen mcht ein» geführt und dafür alles Rvtwendige im eigenen Lande hevgeftelit werden. Im Materiellen wie im Geistigen soll ein Land aus eigener Kraft unabhängig sein Schicksal gestalten, soll auf stch selbst gestellt sein: jede Kultur soll ihren M-g gehen. „Jeder Mensch ist wie ein Bach. Jedes Volk ist tote ein Nutz. Sre> müssen ihrem eigenen Lauf folgen, rein und ohne Trübung . . . co gut wie wir der Zeit zu dienen haben, in der war gebcretv sind, müssen wir, und müssen wir es unter allen Amständen, dem Heimatlande dienen ... Die Befreiung unserer Seele must mit Hilfe unserer eigenen Religion und unserer eigenen Kultur, gesucht werden." „Swadeshi ist eine Botschaft an die Welt.' -- Gandhi hat in Indien das Spinnrad wieder eingeführt; es Ware unrecht, ihn deshalb einen Utopisten mittelalterlicher Phantasten zu nennen. Denn „Hunger ist Beweggrund, der Indien an das Spinnrad treibt." Der Erfolg hat Gandhi recht gegeben: die inneren Einnahmen der englischen Regierung sind um 75 OOO 000 Dollar kleiner geworden, und durch den Boykott der englischen Gewebe hatte England in einem Jahr einen Verlust von 20 000 000 Dollar! Rach dem Gesagten ist die Bedeutung der Gandhi-Bewegung nicht zu unterschätzen, und selbst ein „Manchester Guardian" kann nicht umhin, das offen und ehrlich auszusprechen. — Ohne ihn strafen zu können, hat England von Gandhi die Kampfansage vernommen: „Wie könnten wir uns zu einem Kompromiß herbeilassen, solange der britische Löwe uns mit feinen blutigen Pranken bedroht? Dieses britische Weltreich, das sich gründet auf organisierte Ausbeutung von körperlich schwächeren Rassen der Erde und auf die ununterbrochene Zurschaustellung brutaler Kraft, kann nicht bestehen bleiben, wenn ein gerechter Gott die Welt regiert ... Es ist höchste Zeit, dein britischer! Volke beizubringen, dah der Kampf, der im Jahre 1920 angetan gen, ein Kampf um den endgültigen Sieg ist, dauere er nun einen Monat oder viele Monate, ein Jahr oder viele Jahre. Ich hoffe und bete, Gott möge Indien die nötige Demut und Kraft verleihen non-violent (ohne Gewalt) zu bleiben bis zum Ende. LlnterWeisung unter die beleidigenden Herausforderungen, die nun bei jeder Gelegenheit he'gekabelt werden, ist heute ganz und gar unmöglich." — Dabei ist nicht zu übersehen, dah England es in Gandhi mit einem klugen und durch jahrzehntelange Arbeit geübten Politiker zu tun hat, bei dem sich Klugheit und Reinheit zu gewaltiger Stärke paaren' Gandhi ist auch nicht der Führer eines aufgehetzten Pöbels. Denn er ist so sehr gegen die Masse wie es sein Vorgänger in der Politik, Tilak, für sie war. „Will Indien zur Gewalt greifen, so sei es wenigstens zur disziplinierten Gewalt, zum Krieg! Alles, nur nicht den Pöbel!" Richt eine gedankenlose Masse führt Gandhi zum Kanrpf gegen England, sondern ein geeintes Volk. Und nicht nur England, sondern das gesamte Europa sollte statt auf kleinliche Zwistigkeiten ein wenig mehr auf die Ereignisse in Asien achten. Die Völker Asiens sind in Bewegung. Das Abenteuer des Barons von Angern-Sternberg, die Entwicklung Ruhlands, Kemal Pascha, Tschangtsvlin, Gandhi und das Erwachen des Islam sind Beweise dafür und vielleicht Vorzeichen für bevorstehende Ereignisse. — — Wer sich eingehender mit Gandhis Wirken und Erfolg beschäftigen will, der lese Romain Rollands Buch „Mahatma Gandhi" (Rotapfelverlag), dem auch die hier angeführten Zitate von Worten Gandhis entommen sind und welches Romain Rolland gewidmet hat „dem Land der Herrlichkeit und der Knechtschaft, der vergänglichen Reiche und der ewigen Gedanken, dem Volk, das den Zeiten Trotz bietet, deni wiedererstandenen Indien zum Jahrestag der Verurteilung seines Messias 18. März 1922". Der Kops Polens. Bon Alfred Döblin. (Rachdruck verboten.) Der Kops Polens: Warschau. Die junge Republik — man hört es in der Hauptstadt und Provinz — zentralisiert intensiv, zieht die peripheren Kräfte an. Die Stadt, in der' stch diese Kräfte sammeln, liegt mit etwa einer Million Menschen am linken Ufer der Weichsel. Der Fluh zieht schwärzlichgrau ein breites flaches Wasser unter 6en drei Brücken der Stadt durch, Sandinseln ragen über seine Oberfläche. Die südliche Brücke ist gesprengt. Auf der Allee des 3. Mai setzt dieses herrliche gemauerte Bauwerk an, schiebt sich mit breiter Fahrbahntafek gegen den Strom vor, steigt mit vier massiven Pfeilern ins Wasser und bezwingt es nicht. Die mittleren Pfeiler ohne Bögen, klaffend leer. Die Stadt hat aber im ganzen den Fluh nur berührt. Die Schönheit eines großen flutenden Wassers hat sie nicht in sich ausgenommen, die breiten Äser mit Sand, Gras und Mrschwer? liegen lassen, Jetzt erinnert man sich, regulier, legt Gärten an. Jenseits des Wassers — der Wisla, Weichsel — rauchen Schlote von Praga, heben sich Kirchturmspitzen; aber das ist nicht mehr Marschau, ist völlig Vorstadt. In die westliche Ebene hat sich die Stadt hineinentwickelt, gegenüber Praga, gegenüber der eisernen Drücke, die von Straßenbahnen, Wagen und Menschen rollt und dröhnt, ist die Keimzelle Warschaus. Don dort, aus der Gegend des Schlosses, des alten Marktes, hat sich die wachsende Menschensiedlung nach Süden gedehnt, die „Krakauer Vorstadt" ausgestreckt, bis zur „Reuen Welt" und dem Lustschloh Lasienka verlängert, ist nach Westen vorgerückt. Mas sind die Merkmale dieser gröhten Menschensiedlung; Polens, wie zeichne ich ihr Gesicht? Das ist eine alte, vornehme Stadt mit Palais, Patrizierhäusern, langsam und intensiv verfallen; eine sinnlose Russenwirtschaft hat mit Aebermalung, Verbauung die Zerstörung beschleunigt und über ein Jahrhundert die schützende Initiative der Polen unterdrückt, öo ist barbarisch verdorben das alte, delikate Schloh, hat im Innern und Aeu- Hern Tünche annehmen müssen; seine Gemälde und anderes hat man weggeschleppt. Ich sah, wie nun in den Kellerräumen seine riesigen Dibliothekssäle freigelegt werden: ein Stab polnischer Kunstsachverständiger arbeitet hier in dem Schutt und anderswo, fast archäologisch mit Spaten und Hacken. Sie^ arbeiten in eigener Sache. Sie fühlen: so tief hat man die Freiheit und die Natur ihres Volkes vergraben, aber siehe da: der Goliath, der vergewaltigende Zarismus ist tot; es gibt Kräfte — o Seligkeit —, gegen die keine Tünche und Mauerwerk ankann, und die aufstehen, zehnmal verborgen, aufstehen. Der Verfall einer alten vornehmen Welt läht sich vom Schloh über den alten Markt in alle auslaufenden Strahen und in entfernte verfolgen. Da sind schrecklich bröcklige Fronten, zerbrochene Fenster, dunste Flure. Geht man hinein, sieht man die Tür, die einen stutzig macht; ein Balkon ist da mit schönem schmiedeeisernen Gitter, Proletarierlumpen hängen darüber. Die Stadt hat Reihen von alten, oft verwahrlosten, steinen und mittleren Häusern. Daneben moderns Gebäudereihen, einzeln, in Gruppen, sechs- bis achtstöckig. Manchs Gegenden, um den Rapoleonsplatz, an der Hauptpost, nach der „Reuen Welt" zu erscheinen im Zusammenhang modern. Dann wieder stehen neben berühmten versunkenen, hinfälligen Steingrohmütterchen die einzelnen wuchtigen Jchthyosauren von heute und morgen. Sv das imposante einzige Bauwerk, das der Zarismus hinterlassen hat, ein Gefängnis, ein Eckhaus; gegenüber ein modernes, breit- frontiges Geschäftshaus; beide aber in einer engen Seitenstrahe, und bei ihnen das feine, alte Haus, über dessen Fenstern in Medaillons polnische Könige ihre verblichenen Gesichter zeigen. Aehnlich die Mischung der Menschen. Die polnische, genauer Warschauer Eleganz und Lebewelt. Eine lebenslustige, ja genuhsüchtige Menschenmasse bewegt sich auf den Strahen, in den Musikrestaurants, den Theatern. Diese Lebensfreude ist viel intensiver, breiter als die deutsche, ist ganz slawisch. Im Augenblick hält die Verarmung unter der Stabilisierringskrise zurück: aber auch jetzt sieht man, was man vor sich hat. Wie sorgfältig sie tafeln. Kommt man von Deutschland in ein gutes Warschauer Restaurant — da find neben vielen anderen das am Kvpernikusdenkmal, die in den großen Hotels, in der neuen „Oasa" —, so wird man ehrfürchtig: eine Mahlzeit wird zelebriert. Liebevoll kocht man, bereitet Saucen, komponiert die Zuspeisen. Schnäpse und Kaffee gehören durchaus dazu. Sehr lang dauert für die höhere Warschauer Welt der Tag. Als ich fragte, wann ich in einem Lokal die Leute beim Tanz antreffen könnte, wurde mir gesagt: um 3 Ahr nachts. And stellte fest, es stimmt. Zwischen 3 und 4 Ahr mittags itzt man, abends von 9 oder 10 Ahr ab. Dann sind die auherlich meist nicht sehr geschmackvollen großen und steinen Restaurants voll schöner Musik; die Dvrtragskunst der polnischen Musiker ist ungewöhnlich groß; ich habe in beliebigen Lokalen oft mein Essen stehen gelassen, um ihnen zuzuhören. In Warschau, überhaupt im alten Kongrehpolen, vertreten die Restaurants die österreichischen und deutschen Kaffeehäuser. Eine steine Beobachtung: elegant und aufmerksam kleidet sich hier die Frau. Die Herren gehen durchweg lässig herum, sogar die jungen, die im deutschen ©fcbtet schon ihren besonderem Schick entwickelt haben. Reben den lebengentehenden Menschen und, ihren Heinen Lokalen, ganz dicht neben diesen Läden mit den fabelhaften Bonbon-Märkten mit Bunten, groben Bauern und Arbeitern, die weiche Luchmützen tragen. Obst-, Fleisch-, Trödelmärkte in riesiger Ausdehnung. In der „Reuen Welt" schlendre ich. Geht vor mir ein Bauer mit Schaftstiefeln und langem, rotchn Schal, trägt zwei lebende Hühner im Arm; biegt in einen Torweg aus der sehr lebendigen Grotzstadtgasse ein und — rm Augenblick bin ich auf dem Dorf. Tief hinein zwischen die Häuser zieht sich ein Mar«, voller Bauern in Kopftüchern. Händlern und Händlerinnen, erweitert sich hinken platzartig; zuletzt sind da feste Holzbuden mit Kleidungsstücken, bunte Jacken, Tücher, Felle hängen an Stangen. And das Gewaltigste: die Märkte an der Chlodnastrahe, am Carcarlivlatz und am „Eisernen Tor", dicht hinter dem zentralen „Sächsischen Park". Warenhäuser westlicher Art haben sich in der Stadt nicht entwickeln können. Dieses Gewimmel, besonders Sonnabends nach 2 Ahr, nach der Entlohnung der Arbeiter— von schreienden Händlern; — 16 fie Kehrn Nchr ttiMsnber. ihre Fslfe, Hosen. TÄHsr, Petze ans den Armen, Stiefel «n Stangen, Bettbezüge über feen Schuller«. Ganz östlich. And neben .allem die ungeheuere finstere Erscheinung des Judentums: feie Massen in Kaftan «nd schwarzen Käppchen oder Schirmmütze, bärtig, schwarz, braun oder fuchsrot. Fast 400000 Hausen feier; im Nordwesten haben sich ihre -Zentren entwickelt. Sichtlich ein besonderes Volk, das seine Sprache spricht, sich besonders kleidet, feine Zeitungen liest, an seinen Sitten festhält. Mess Statt, Warschau, die durch ihre BunGett größer WirTt, als manche Millionenstadt, hat jetzt an ihre alten und neuen Gebäude alle zentralen Behörden der Republik gezogen. Der Generalstab haust vor feem schönen Sächsischen Garten, der mit barocken Figuren bestellt ist, in einem zweiteiligen Palais, das mit einer mächtigen Säulenreihe prunkt. Der Reichstag. Sejm, ist provisorisch, etwa am Ende feer „Reuen Welt", in einem ehemaligen russischen Tochterinternat untergebracht; das angrenzende Mertel von feer Allee des 3. Mai wird neu reguliert und wird einen Par? und das Reichstagsgebäude erhalten. Im Süden feer Stadt, bei beut Lnstschlotz Lasienka, wohnt, vorläufig, der Staatspräsident; er wird später in das alte, sv überaus feine Schloß übersiedeln. Man hat eine Universität, mit Bibliothek davor, an der „Krakauer- Vorstadt", Museen werden neu -eingerichtet (das Land hat noch nicht alle seine Kunstschätze von R.nf-land zurückerhälten). Die Theater, die Kunst und die Literatur. In Warschau sitzt feie jungen literarische Gruppe, feie sich — ich weiß nicht warum — „Skamander" nennt, Junge, talentierte Leute, keine Expressionisten. Gegner formaler Radikalität, inhaltlich radikal; besoffen sich nicht, wie feie älteren, mit feem Nationalen, sondern mit dem Leben, der Straße, der Frau, den Tagesdingen: Lachen, Tuwinn, Slvninski, Wierzinski — Lyriker und Erzähler. Theater, Ein modernes, unter SHiffmann, mit Ordynski, nahe feem Kopemikus-Denftnal: „Polnisches Theater". Ich sah Rollands „Danton"; der Gerichtsakt übertraf in Realistik, Belebung feer Massen i keine Komparserie) feie Berliner Ausführung Mae Volksbühne, in feer man eine Lvkalposfe gab. Und dann das neueröffnete Theater am großen Theaterplatz; das Welte das Slvwackis „Mazapa", mit wundervoller Aus- stattung. Bilder tote von Matejkv — vielleicht nicht im Geist, dieser fchwärmerffch feinen Dichtung. Das Doll Ehopins genießt in Warschau Musik in feen Don- nevKtagkonzert.en feer Philharmonie. Ich hörte den Pianisten REnstokr; sie lieben ihren Landsmann; tote wurde er gefeiert. An feer herrlichen untoirTichen Weichsel richtet feer Maler Tschaikowsky eine Aunstaksfeemie nach sehr modernen, umfassenden Grundsätzen ein. Großer Prozentsatz von Stauen Hier und cm der Universität. Repräsentative, polnische Maler sah ich »richt, die MÄeumsverwaltung steht mit den jungen Malern in Kon- flM. — Ich sah -einen Neubau „NuMlium acafeemicum". Das Land ist arm, aber jung und kräftig. Drs FlibustkSr. Eine Erzählung von feer Küste Brasiliens. Don Dr. Alfred Funke. (Fortsetzung.) M. 'S» feer Hafenstadt Rio feo Bug re summte eS wie in einem MenMWock, feer fchwärnren will. Sonst war feer Platz friedlich und verträumt, wenn nicht gerade ein Hamburger Schiff oder ein Pvstdampfer von Rio Wer feie Barre kam. Dort lagen feie Sand- HSnke, Ne feie MÄfährt schwer und gefährlich machten. Früher war Mancher Segler auf ihnen wiackgeschlagen worden. Jetzt taten feie Kapitäne der deutschen Schlepper dort Lotsendienst. Sie i’annten das gefährliche Fahrwasser genau, sie loteten nach jedem Sturm feie Fahrrinne ab, um zu sehen, »6 feie Bänke gewandert feien. Dann galt t* •*). feie nerrgsvUene Rimre mit Baken und Bojen W bezeichnen, damit jeder Schlepper feen sicheren imfe richtigen Kurs steuern konnte. Freilich, man baggerte schon feit zwanzig Jahren an feer Barre herum, aber feie Darre wurde deshalb nicht besser. „3a,“ lachte der Hafenkapitän, wenn er sein Gläschen Wer- mM im Gase Europa trank unfe.mil feem Hafenarzt sein Spielchen Domino machte, „mit feer Baggerarbett geht das wie mit jenem Nrozeß. feen feer Advokat feinem Sohne auf feem Sterbebette vermachte, Meta Sohn, sagte -der Advokat, ich vermache dir diesen Prozeß, feen schon mein Vater entfetten muhte. Wenn du nicht gar zu dumm bist, so wirst feu und werden deine Kinder ebenfalls anständig von ihm leben." ■Seit einigen Wochen spielte der Hafenkapitän aber nicht mehr mit feem Arzt, denn dieser hielt es mit feen Leuten in Mo. feie feen Floitenputsch gemacht hatten. Der Kapitän ober blieb einstweilen feer Regierung treu. Die hatte zwei Kanonenboote im Hafen von Rio feo Bugre liegen, und feer Kapitän warnte feinen alten Dominopartner eindringlich: „Vehnten Sie sich in acht, Dostor, daß Ihnen feie Kriegskühne nicht ein Dutzend Granaten ins Sprechzimmer Pfeffern! Patientsu würden, dabei freilich wohl kaum zu Schaden kommen." Diese Anzüglichkeit brachte feen Hafenarzt in feie Wolfe, unfe er machte feinem Herzen Luft: „Granaten, sagen Sie? Die beiden alten Rattenkästen liegen schon feit anno Tobak Hier, und toettn die einen -einzigen scharfen Schuß abfeuern, will ich täglich Sägespäne statt Farinha zu den schwarzen Bohnen essen. Die und schießen? Wenn die mal an Feiertagen Salut donnern, knistern sie in allen Fugen, und die Mannschaft geht solange aiH Land. Nur die paar Leute am Geschütz bleiben an Bord, aber sie binden dann die Rettungsgürtel um. Lassen Sie mal ein einziges Kanonenboot von meiner Partei hereindampfen, da sollen Sie sehen, wie das feie alten Pötte zusammenpfeffertl Und ich sage Ihnen, meine Leute werden hereinkommen!" Damit war feer Friede zwischen den beiden Freunden gebrochen. Der Kapitän lachte zwar über den Doktor, und die beiden Kommandanten der Kanonenboote schwuren, sie wollten sämtliche Rahen mit ausgeknüpften Revolutionären garnieren. Der General Jsidorv Monteiro hielt eine glänzende Parade über die zwei Bataillone Infanterie und das Artillerie-Regiment, die ratet ihm in Rio do Bugre int Standort lagen. Er hielt eine zündende Ansprache und versicherte, seine Artillerie werde jeden Räuberkahn vom Strand aus in Stücke schießen, daß nicht eine Spiere von ihm auf feem Wasser bleiben solle. Dann rief er die Nationalgarde zu den Waffen und erließ ein flammendes Manifest an die vom Ortsdienst!" unbedingt eine Runde ausgeben, Franz. Bürgerschaft. Die Nativnalgarde quetschte sich also die Uniform an, unc> mancher brave Bürger, der in den Jahren des Friedens Fett angesetzt hatte, staunte, wie eng ihm der Waffenrock geworden war. Aber dem Bäcker Francke machte es doch Spatz, daß er den Hauptmann der Nativnalgarde spielen konnte, denn diesen Rang hatte er sich vor Jahren gesichert. Er schnallte also fein Schlachtschwert um, setzte das Käppi mit den goldenen Streifen auf unb trug die Nase gewaltig hoch, als er bei seinem deutschen Landsmann, dem Schneider Stichler, vvrbeikam, der es nur bis zum Cabo'tz gebracht hatte. „He. Franz!" rief feer Schneider seinen Freund und Skatbruder an. „Wo brennt es. daß du rennst tote ein Telegraphenbote? Der bunte Rock ist dir zu eng. Du magst ihn herschicken, daß ich die Nähte ein bißchen auslasse." Aber Hauptmann Franke schnauzte den simplen Eabv Stichler mörderisch an: „Reißen Sie die Hacken zusammen, wenn Sie mit Ihrem Vorgesetzten sprechen! Verstanden?" Doch Hochmut kam auch hier vor feem Fall. Denn Herr Hauptmann Franke stolperte über feinen Säbel, der ihm zwischen die Beine geriet, als er feavonging. schlug lang in den Sand, in feem sich auch eine kleine Pfütze befand, und war froh, daß ihn der Schneider abwischte tmd den Waffen rock sauber rieb. Meister Stichler lackte dabei gutmütig: „Das kommt davon, wenn man mit der Aale Sterne stechen will. Hernach schlägt man lang in den Dreck. Na, nun bist du wieder proper." Hauptmann Franke trollte bedeutend abgrkühlt weiter. Durch die Nun Bcmdeira kam er auf die Pr-aea da Republica, wo die Sonne vom wolkenlosen Himmel ans die Wände der Alfandega^) brannte. Auch dort war Nativnalgarde zur Bewachung kommandiert. Der Italiener Garbini, sonst ein friedlicher Uhrmacher, und der Tischler Weigelt, ein biederer Schwabe, standen als Posten vor Gewehr. Sie hatten sich die Schattenseite ausgesucht, den Waffenrock aufgeknöpft, die Gewehre an die Wand gelehnt und das Käppi auf den Lauf gehängt. Hauptmann Franke hatte auf eine schneidige Ehrenbezeigung gerechnet, aber die beiden Posten standen mit den Händen in den Hosentaschen tmd Weigelt meinte gemütlich: „Eine Sauhitze heute, Franke, was? Könntest mal hinübergehen zu Gastwirt Kneifer und uns einen Schoppen herschicken " Hauptmann Franke winkte ab. „Im Dienst wird fein Bier getrunken!" „Na, Franke, habe dich nicht! So ein Kulmbacher vom Faß ist eine gute Sache. Und wenn du nicht zwei Schoppen herüber- schickst, habe ich mein letztes Weißbrot bei dir gekauft." Hauptmann Franke aber tat, als höre er nicht, sondern ging ins Generalkommando zum General Jsidorv, feer ihn zum Offi- zier vom Ortsdienft für den Taz bestimmte. Als Hauptmann Franke darauf die Posten revidierte, fand er an der Wand des Zollhauses zwei verlassene Gewehre an feer Wand. Ohne die Käppis. Erbost eilte der Hauptmann über feie Straße zu Gastwirt Kneifer. Richtig! Da sahen der Italiener und Weigelt gemütlich am runden Tisch und hoben bereits den dritten Schoppen. „Das ist doch unerhört, Weigelt!" donnerte der Hauptmann. Doch Weigelt lachte ihm gemütlich ins Gesicht: „Mach doch feinen KM. Franz!" .Ich bin Offizier .Dafür mußt du (Fortsetzung folgt.) *) Unteroffizier. •*) Zollhaus. Bchriftfeitung: Dr. Friede Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'fchen Univ.-Buch- und Steindrnckerei, R. Lanae, Gießen.