Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, den (2. Dezember - Nummer 99 Die weihe Ruh'. Don Anna Fabrr-Dierhake. Schn«« liegt — und Nacht — und Weitz« Ruh1 Deckt meines Sommers Herrlichkeit In meinen: Gart« -u. Die Blumen, die einst b-mrt und rot — So anmutreich und sütz von Duft — Sind kalt und starr und tot. Gesträuch und Baum trägt schwere Last, And Wirch Mehlt leit mit jebem Hcmch Ein Stäubchen troa dem Glast. Für heimlich Plätschern tauschte eist Der Brunnen... kalt« Schweigsamst. Still steht er, friert... und lauscht. Da fällt vom Haus ein Lichtstrahl leis And trägt von fei'gern Klang ein Lied Aufs Herz von Schnee und Eis... Ein Schluchzen bebet weich und breit: Es hat bei diesem Laut Das ganze Frühlingsparadies die Weiße Ruh' geschaut. Aus dsr seltsamen Geschichte der Christrose. Don Dr. Robert Zander. (Rachdruck verboten.) Lichtüberfluteter Weihnachtsbaum, Rosen aus der Riviera. Zweige von Eucalyptus und den als Mimosa verkauften südländischen Akazien, künstlich herangequälter Flieder und anderes mehr — deutsche Weihnacht I Draußen aber in Gärten und Parks blüht einsam im Schnee, von wenigen nur gefarmt, die deutsche Weihnachtsblume! Zuweilen sieht man sie in den Blumsnhandlungen und auf dem Weihnachtsmarkt ausstehen, aber unfere Poesie reicht noch nicht so weit, sie als schönste Begleiterin des Weihnachtsbaumes zu feiern. And ist doch solange schon als Christblume beton rat, „t-arumb, daß sein Blum, die ganz gryen ist, uff den Christnacht sich usfthubt vnd Mit et, welches ich auch selb ivargenommen vnd gesehen, mag für ein gespot haben wer da will". Ist es schon etwas Seltenes und Wunderbares, daß sich mitten im Schnee ein Blümlein auftut, so werden wir des 6tounenS- kein Ende finden, wenn wir einmal aus der seltsamen Geschichte der Christrose hören. Zwar hat die Blume mit der Rose genau so wenig gemeinsam wie die Tuberose, jene Lilie, unter deren Namen jeder zuerst geneigt ist, sich eine Rosenart vorzustellen. Aber sie hat immerhin entfernt etwas Aehnlichkeit mit der Rose des Volksliedes, der Heckenrose, und darum mag dieser neue Name bestehen bleiben und möge ihr zu Ansehen und und §u einem schönen Sinnbild verhelfen. Der älteste Name, unter dem dies bescheidene Blümlein be« tonnt ist in den Schriften der Alten, ist „Melampurspurz". Metompus gilt als der älteste Seher, der Heillunst trieb. Don ihm erzählte die Ueberliefenmg, wie sie uns z. D. Deck in seinem „Gart der Giesuntheit" vom Jahre 1521 gibt: „Es ist em maran gewesten der hieß Melamprrs / der het döchter/di« waren nit shnnig / also daß sie behaft waren mit der kramkheit MARJA / das ist die tobed sucht / die machet er mit dieser wurtzel gefurat“ — Die Wirkung der Wurzel besticht nämlich im Verdrängen (— ellein *) der Nahrung (—bora) und die Pflanze wurde nun als purgierertdes Mittel unter dem Namen Glleborus oder Helle- borus zum Aniversalmittel gegen fast sämtliche inneren Krankheiten, besonders auch gegen Geistesstörungen und Fallsucht, sowie aller übrigen Leiden, für dis die bösen Geister ebenfalls ihrer» Sih in den Gingeweiden hatten, gebraucht. Horaz empfiehlt sie sogar gegen Geiz in seinen Satiren II 3.82. Bekanntlich ist uns das Wissen der Alten durch di« Araber überliefert worden. Die umfassendste Zusammenstellung über naturkundliche Darstellungen finden wir bei Avicerrna (979 bis 1037). Aus seinem Werk haben die alten Kräuterbuchschreiber des Mittelalters die unglaublichsten Berich« geschöpft und der Nachwelt überliefert. So heißt es bei Fischart, jenem größten deutschen Satiriker, der um das Jahr 1350 geboren wurde, und den wir von der Schule her durch sein „Glückhasst Schiff von Zürich Die Ableitung aus griechischen Wörtern wird verschied« gegeben. I kennen, „Helleborische Niestwurtz reinigt alle verruckung, ver- schnupfung, alteration und verkehrt disposition". Da begegnet uns der Name Nieswurz,, der bis auf den heutigen Tag als I grundlegender Name für Helleborusarten in den Lehrbüchern bei behalten ist. Er gründet sich auf die niesenerregende Eigenschaft der Wurzel, die vermutlich durch jene Angewohnheit entdeckt wurde, die auch heute noch di« Chemiker und Kräuterkundigen kennzeichnet, daß di« erste Prüfung eines Medikamentes mit der Nase vorgenommen wird. Solche Erkenntnis verschaffte der Wurzel auch den Gebrauch als Schnupfpulver, das — wie wir noch 200 Jahr« später bei Dalentinus (1719) lesen - von Hslmoat allein aus dieser Wurzel, vermischt mit Jucker hergestellt wird. Der hauptsächlichste Gebrauch als „bestes Purgantz" aber greift fast schlimmer um sich als das berüchtigte Aderlässen und nicht feiten mit weit traurigerem Erfolg, denn .hier war die Arznei, die Patienten starben". Nicht genug dam t, nach dem Rezept der Alten die melancholischen Säfte aus dem Körper zu treiben, Fallsucht und viertägiges Fieber zu heilen, man gab die Wurzel in Wein oder Linsenbrei, als Pulver, Balsam, Pflaster ufto. gegen Ohrensausen, Grimmen, Podagra, Wassersucht, Schwindel Krampf, Grind, 'Räude, Flechte, Fisteln, Faulfleisch gegen Schlaganfall, wie gegen innere Vergiftungen, man empfahl si« zum Austreiben böser Geister, zur Verlängerung des Lebens; Frauen bringe fie „ihre Blum und Zeit" und eigne sich zum Töten von Läusen, wie zum Wolf- und FuchSfang. — Welche Nervenkraft bei Anwendung dieses drastischen Mittels vorausgesetzt wurde, mögen die Worte von Camerarius (1603) zeigen, der in seinem »Äreuterbuch" schreibt: „Die kriegßleut brauchen auch Christwurtz zu der Pesttlentzischeu Drüsen mit großem heyl / wer es leiden tonn / bann wo die drüse ist / ein spannen darvon / ziehen vn zerren ft« die Haut mit einer Zangen aufs / stoßen ein glühend Pfrimen dardurch/darnach nemen sie christwurtz/mit frischer butter bestrichen / stoßen in das Loch an Statt deß Pfrimen / soll das Gift gewaltig anßzichen. Ist die Drüse unter der Achseln / thut man gemeldete Wirckung an dem Arm. Scheust sie aber in der Schoß auss / macht man das Loch oben am dicken Schenkel." Gs ist nicht ganz einfach sich heule durch al! die alten Berichte hinduvchzufinden, denn den aufgeführten Heilweisen entsprechend begegne» wir in den verschiedenen Gegenden den verschiedensten Bezeichnungen und Schreibweisen. Dazu gesellt sich als weitere Schwierigkeit die häufige Verwechselung mit anderen Pflanzen und die gewollte Fälschung, test» in der Heimat des Kräutersammlers nicht genügend Material wächst Den Namen Nieswurz lesen wir in zirka 15 verschiedenen Schreibweisen entstellt bis nifeurt, nysekrnd usw. Wo das Sonnenwendfest dem Christfest noch nicht gewichen ist, lesen wir den Namen Wende» Wurz, nach der Blütezeit. Der starken Wirkung der Medikament« entbrechen Namen wie Starkwurz, Feuerwurz, Frauenwurz. — Nach den Standorten finden wir Bezeichnungen wie Hainwurz, Steirische Nieswurz, Böhmische Ehristwurz usw. Aus Verwechselungen mit verwandten Arten gehen die Namen hervor: Laus» kraut. Wollskroaut, Bärenllau, Därenfuß, Grönländische Küchenschellen Wurz, Himmellvurz, Hammerwurz. Hnnsche, Hiinerwurz, Hundskraut, Lebwurz, Sterwurz, Suturwurz, Suturbmrde (futür — schwarz), daraus das in englischen Zeitungen v-el genamrt® Wort Setterwort. Diese Auswahl aus der Füll« der Namen, sowie die Bev- wechsclungen der Arten unter sich intb mit der Stumpf Wurz, der Trollblume, den; Adonisröschen und dem Christophskraut mögen zeigen, welch steinige Pfade zur Erkenntnis führen und möchten gerade in der heutigen Zeit mahnen an die Hochschätzung deutscher Geistesarbeit, die es häufig allein fertig brachte, solch mühsame Wege zu gehen, um langsam die tief Angewurzelten abergläubischen Dorstellungen zu zerstören. Die kritische Sichtung, die erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts einsetzt«, brachte uns unter anderem die Einführung der Christrose afö Gartenpflanze (durch Ebermaier 1794) und führte zur Erckermtnis, daß andere Purgiermittel weniger gefährlich und sicherer in der Wirkung sind. Zum Schluß sei noch einer ost verbreiteten Ansicht gedacht über die Entstehung des Weihnachtsliedes „SS ist ein Ros' entsprungen". aus Grund dieses zur „halben Nacht" blühenden „Röslein". Dies dürste nach Julius Sahr (Das deutsche Volkslied, Göschen, Bd. 132 S. 58) nicht au treffen, den« er legt dem Lied den Tert JesaiaS 11,1 in der Äebersetzung von Walasser 1568 zugrunde. Unsere Märchenerzähler. Bon Dr. Fritz Adolf Hünich. SMe im Kinde der in Ahnungen uitd halbem Dewußsein sich Ddspielende Kindheitszustand der Menschheit eine Wiederholung erfährt, so reichen die Wurzeln des Märchens bis tief hinab zu den »rauen Verzweigungen von Mythos, Aberglauben, Traum Imd Phantasie, aus denen sich die Verwandtschaft der Stoffe so vieler volkstümlicher äleberlieserungen ableitet. An den Märchen der Völler, wie an ihren Liedern und Sagen, haben viele Jahr» hunderte und zahllose Unbekannte gedichtet, ehe und noch nachdem sie niedergeschrieben und veröffentlicht wurden; eine ausgedehnte wissenschaftliche Forschung bemüht sich, ihre Entstehung zu ergründen und den Wegen und Arten ihrer Ausbreitung zu folgen. Ss ist hier nicht die Aufgabe und bedürfte der Ersahrun» gen eines auch in den Tiefen der Völler Asiens und Europas bewanderten Forschers, die mannigfaltigen, nach den Landesgewohnheiten wechselnden Formen der mündlichen Weitergabe des Märchens darzustellen; aber unsere Betrachtung muh wenigstens des Heeres von Erzählern und Erzählerinnen im Morgen- und Abendland, auch wenn ihre Aamen nirgends ausgezeichnet sind, geiientat, weil sie, aus Neigung oder Beruf zu fabulieren, das Märchen lebendig erhielten, bevor es aus seinem Reichtum Motive an die Kunstdichtung abgab oder in kunstvoller Zusammenfassung zu groben Sammlungen selbst Literatur wurde. ‘Sen Märchen der östlichen Fabelländer Indien, Persien, Arabien und Aegypten öffneten die Kreuzzüge den Weg zu breiterem Einsluh nach dem Westen, wo sie Wurzel schlugen oder mit ansässigen zu neuen Bildungen verschmolzen. Während für den Orient, um nur einige Beispiele zu nennen, Sammlungen von Märchen im indischen »Pantschatantra", in Somadevas .Kath» — Sarit — Sagara" und in den arabischen .Erzählungen aus Tausendundeiner Rächt" von den ersten Jahrhunderten n. Ehr. an bis ins vierzehnte in der Handschrift vvr- liegen, ist das erste europäische Märchenbuch, der »Pentamer o n e" von Givvan Battista Bastle, im 17.Jahrhundert entstanden. 1637 veröffentlicht, ist er mit feinen fünfzig ohne gelehrte Absicht unmittelbar dem Dollsmunde abgelauschten neapolitanischen Märchen zugleich auf annähernd zwei Jahrhunderte hinaus das beste und reichhaltigste Quellenwerk der Art. 1697 erschienen die „Contes de ma mere l’oye" von Charles Perrault, acht zum Teil der Amme seines Sohnes nacherzählte, zum Teil erfundene Märchen, aus denen die Fassungen der uns so einheimisch anmutenden Geschichten vom Dornröschen, Rotkäppchen, Blaubart, Däumerling und Gestiefelten Kater stammen. Seit 1704 überschüttete und befruchtete An» toine Gallands Uebertragung der »Tausendundeinen Rächt" ins Französische die gesamte Dichtung des 13. Jahrhunderts mit der orientalischen Pracht und Fülle der Wunder und Seltsam- feiten dieses Werkes. Während Wieland sich von den aus Frankreich nach Deutschland hereinflutenden Contes des F6es zu zierlichen und reizvollen Berserzählumgen anregen Hefe, sammelte der Weimarische Ghmnasialprofessor Johann Karl August MufäuS aus ChronUen, Volksbüchern und mündlicher Ueberkieserung durch alte Frauen, Soldaten und Bauern Märchen- und sagenhafte Stoffe, um durch ihre Wiedererzählung aus der Vorliebe seiner Zeit für »Feeereyen" Ruhen zu ziehen. Schon daraus, daß es ihm nicht um die Märchen selbst, sondern um ihre novellistische Verwertung zu tun war, ersehen wir, dafe er ein Kind des rationalistischen Zeitalters war, in dessen Ohr die Stimme der Ratur infolge fallchen Vorurteils verstellt erklang, so dafe Ehristian Felix Weiße die abgeschmackten Lieder, die er Cie Amme seines Kindes hatte singen hören, durch bessere ersetzen zu müssen glaubte. Wenngleich die »Volksmärchen der Deutschen" (1782 bis 1787) in dem ironischen Tone eines Geistes verfahr sind, der für die Schönheit ihrer ursprüngllchen Gestalt verschlossen blieb, ist Musäus doch, nach Abstrich aller schulmeisterlichen Schnörkel und Seitenbemerkungen, einer unserer großen Märchenerzähler. Die Reaktion gegen die einseitige Herrschaft des Gehirns, die zur Verödung unserer Literatur geführt haben würde, und die Einsetzung des Herzens zur Urtriebkraft der poetischen Produktion schuf mit der unbestimmten Vorstellung von den Begriffen Volk und Natur eine neue Bewertung alles dessen, was daraus hervorzugehen schien. Was 1778 bis 1779 in diesem Geiste Herder und 1806 bis 1808 Arnim und Brentano für das Volkslied taten, erfüllten an dem hier behandelten Stoffe 1812 bis 1814 die Brüder Grimm mit ihren »Kinder» und Hausmärchen". Richt Ludwig Tiecks launische, oft bizarre, gewollt sprunghaft phantastische Märchen, auch nicht die des B'al improvisierenden und darum nicht selten die Einheitlichkeit •x Erfindungen zerstörenden Clemens Brentano, so llch ste sonst sein mögen, sind der bleibende Ertrag aus der Liebe der Romantik für das Märchen: dieser Ruhm sollte den schlichten, nie sich weit von der Ueberlieserung entfernenden Erzählungen jener beiden edelen Deutschen Vorbehalten fein. Um die Größe ihres Vermächtnisses zu ermessen, mufe man sich ver- aegenwärtigen, dafe ohne diese Tat eines der köstlichsten Güter oeS Dolles vielleicht für immer zu einem nur von gelehrten Kreisen gewürdigten Dasein verurteilt gewesen wäre. Auch die rein schriftstellerische Leistung dieser Racherzählungen, worin besonders Wilhelm (Stimm, der seit dem zweiten Bande die Herausgabe der Sammlung leitete, Meister war, kann nicht hoch genug veranschlagt werden. Richt vergessen wollen wir jene Fran Viehmännin, eine Bäuerin aus dem Dorfe Rieder» zwehre» bei Kassel, deren die Brüder Grimm in der Vorrede dankbar gedenken, weil sie ihnen die meisten und schönsten Märchen des zweiten Bandes erzählt hat. Ungeheuer ist die Nachfolge, die das Werk der Brüder Grimm gefunden hat. Wenn wir daraus einzig Ludwig Dech» stein und sein »Deutsches Märchenbuch" herausgreifen, so geschieht daS deshalb, weil es. nicht zuletzt wegen der liebenswü» digen Bilder, mit denen Ludwig Richtet es wie das seines Dor- aängetS Musäus geschmückt hat, noch heute eine unbestrittene Volkstümlichkeit genießt. Erst im 19. Jahrhundert entfaltet sich in Deutschland das Kunstmärchen zu voller Blüte. In einem gewissen Zusammenhang mit der Romantik, aber hauptsächlich aus orientalischen Motiven gespeist sind die Märchen von Wilhelm Hauff, von denen man mit Recht gesagt hat, ste zählten zum Reizendsten, was in dieser Gattung jemals geleistet worden ist. Wenn wir unter Uebergehung anderer deutscher Namen in diesem Nahmen den Dänen HanS Christian Andersen nennen, so sind wir dazu berechtigt, nicht nur weil er schon bei Lebzeiten gleichsam Bürgerrecht in Deutschland genoß, sondern auch weil den Weltruhm seiner Märchen (Eventyr, fortalte for Born) und seines »DillekPog «den Dilleder" kein neuerer deutscher Märchendichter zu übertreffen vermocht hat. »Gebt mir Märchen und Ritter» geschichten", sagte Schiller drei Tage vor seinem Tode, »da liegt doch der Stoff zu allem Schönen und ©roßen". Darum wollen wir den Leser mit der Beherzigung entlassen, den Geist sich zu erhalten, der sich zuweilen über die Schwere der Gegenwart zu erheben vermag, um dem Ruf der Phantasie in das Wunderland ihrer Träume und Märchen zu folgen. Pansch. Ein« Geschichte aus der Biedermeierzeit. Von Carl Worms. (Fortsetzung.) Die bedenNiche Wetterecke schien auch die übrige Gesellschaft zur Elle gespornt zu haben, nur Rita hatte sich unter dem Bor« wände einer Toiletteasrage nicht angeschlossen. Jetzt trat sie allein ben Rückweg an, ganz allein, mit tief verwundetem Herzen. Was Jean Paul aus zarter Rücksicht getan, sie nahm es für eine Kränkung und immer mehr löste sich da etwas in ihr, das sie bisher für unzerreißbar gehalten. Sie hatte das Bedürfnis, sich an jemand zu halten, als hätte sie nicht die Kraft, weiter zu gehen. Aber an wen? Die Pflegemutter war so sonderbar gewesen. Dora hätte sie wohl kaum verstanden, Binzer... 3 a, der war freundlich zu ihr. Sie war ihm dankbar für die genußreichen Morgenstunden. Er hatte ihr eben noch in der Laube gebeichtet, daß auch er recht einsam dastehe, dafe Wissen, Bücher und Gesang eine gewisse Leere nicht ausfüllen könnten. Aber dann hatte er ste etwas gefragt, etwas sehr Beleidigendes, wie ste meinte, und sie hatte ihm den Rücken gekehrt. Da rauschte es im Haselbusch Bescheiden trat Binzer heraus und bat, sie begleiten zu dürfen. Sie nickte stumm. Es freute sie doch daß er nicht mit den andern gegangen war. »Sie haben mir noch nicht geantwortet", begann er leise. »Worauf I" Der schroffe Ton schüchterte ihn nicht ein, sondern ruhig sprach et weiter: »Auf meine Frage." Schmerzlich fast mitleidig sah sie ihn an und rief mit unterdrücktem Zorn: »Fragen Sie auch jetzt noch?" »Jetzt dringender als vorhin." »Jetzt, nachdem Sie Zeuge meiner Schande waren? Ich danke Ihnen für den edlen Freimut, womtt Sie sich erklärten. Aber Offeicheit gegen Offenheit. Was wollen Sie noch von einem Herzen, das Ihnen wie ein ausgebrannter Krater erscheinen mufe?" Nein, er sollte ihre leidenschaftlichen Tränen nicht sehen. Sie bückte sich zu den Vergißmeinnicht am Grabenrande. Er war stehen geblieben, schaute lächelnd auf sie herab und sagte leise und innig: »Mädchen, Mädchen, ahnst du denn gar nicht, wie reich du bist. Wie du Perlen edelster Weiblichkeit fortwirfst, als toären es Kieselsteine? Sie sehen mich erstaunt an, Fräulein Rita. Ja, von mit dürfen Sie solche vulkanische Gefühlseruptionen nicht erwarten. Ich reite nun einmal nicht mehr auf Wolkenrossen. Hier müssen Sie schon mit der zweiten Jugend vorlieb nehmen, ein Schelm gibt nicht, als er hat. Wie alt waren Sie, als Sie diesen Jean Paul zum erstenmal in die Finger bekamen?" »Zwölf Jahre. Aber warum fragen Sie?' »Also einer zwölfjährigen Laune wollen Sie Ihre Jugend opfern? MU dem Kampanertal fing'S an, nicht? Dann folgte HesPeruS, Titan und so weiter? Man sollte diesen Herrn Jean Paul eigentlich gerichtlich belangen. Es ist nicht zu sagen, wieviel Frühlinge er verwüstet. Mißverstehen Sie mich nicht. Das gilt nur von diesem unsichtbaren Jean Paul, sozusagen dem Jean Paul in der Luft, bet wie der wilde Jäger durch allerliebste Mädchenköpfe braust. Der echte, rechte Jean Paul ist unschuldig daran. Einen redlicheren Wann hat die Sonne nie beschienen» wenn er auch etwas unvorsichtig mit Kuß und Locke umzugehen pflegt." Sie sah ihn zweifelnd, fast furchtsam an: »Herr Doktor, das ist nicht edel. Sie spotten meiner.“ »Um akleS in der Welt nicht. Ich achte sogar siebzehnjährige Träumereien, solange sie noch mitten m der Poesie stecken." , 895 Lehnstuhl gleiten lieh, kam er auf KatzenbergerS Badereise ;u sitzen und hielt (äs erstbestes Buch, wonach er griff, de« Quintus Fixlein, in der Hand. Er hatte nicht Zett, seinen Irrtum zu verbessern, denn eben trat Mattheineke ein. Da zwischen beide« ein stiller Wetteifer darin bestand, wer der erste in der Dibtto» tfceE wäre, so muhte Feuerbach schon beschäftigt erscheinen. Ein kurzer Morgengrutz, und auch Marheineke, hinter dem Kollegen gleichfalls tot einen Lehnstuhl versinkend, gewahrte, dah er Sean Daul vor und unter sich habe. Da er an Feuerbach nicht vor- Über wollte, um zu den Schränken zu gelangen, so blätterte er gähnend in der Levana weiter. . Eigentlich hat ja das jus mit der The^ogte wMig zu schassen, hier aber tarn noch hinzu, dah seit dem Kusse der Chaste- Hot die beiden Veteranen der Liebe ordentlich eifersüchtig auseinander waren. Feuerbach seufzte dah Marheinekes Stuhl knackte. „Schlecht geträumt, Herr PräsidAtt?^ „Danke, ton Gegenteil, noch ganz habet. Und Sie, .gerr -Kat r „Jedenfalls nicht von Küssen," klang eS gtfttg Hutter der .^Natürlich nicht. 3n Ihrem Alter? Haha!" 3e$t knackten Heide Stühle uiS zwei erhitzte Köpfe tauchten Über den Lehnst auf. .Herr Präsident!" — „Herr Konsistörialrat?" .Sie meinen?" ..Daß Sie die Fünfzig hinter sich Sahen. Ganz recht. Aber meiner unmaßgeblichen Ansicht nach wird man mit sünfundvierzig Jahren auch nur geküßt, wenn man eine Binde vor den Augen hat." , - Dun ging eine Tür. die Lugen Köpfe verschwanden, wieder hinter ihrem Jean Paul, nur daß jetzt Fixlem und Levana am Boden tagen und die Badereise und der Tttan Mdwrt wurden, die die beiden Herren bisher besessen hatten. Lächelnd, seiderauschend, korallenübersäet, ganz gemachte Jugend strcnfte die Chassepot vorüber. Sie war noch immer nicht abgeretst, hatte vielmehr wieder einmal wie ihre verehrten Verehrer einen Lag * 6 ^Lassen sich die Herren nicht stören. Ich warte Wt nur einen Augenblick auf unsere liebe Baronm. 2a, wissen Ä.e mch nichts? Die Tür da führt zu den Gemach-rn^r Prtn^sstnDte Baronin will mich als Zeugin brauchen, tnetfeW auch Sie. Ven^ bleiben Sie! Ich möchte um tzinen Preis die D^welt^um Ihre Studien, meine Herren, beraubt tmssen. UlpiM, H^ Präscheitt? „Dat — natürlich", stotterte dieser und versank tot seine ße$t^®ie Offenbarung. Herr Dat?" Assetttett neigte ste sich zu ihm und fuhr mit einem Schrei zurück: . .. .Jean Paul! O ja, auch eim- Offenbarung, Offenbarung. 3a, was seh ich? Sean Paul, überall 3ean Paul! .Immer dieser Sean Paul!" grünste MarheinÄe midschl«^ bette den Titan über den Tisch woraus M^Fm°erbachs Fing«a der Fixlein im Bogen folgte, währendderKatzEnbergrr aufs Parkett flog. Mit Mühe wurde bte entrastete Grafm über den wahren Sachverhalt belehrt und erSärte nun die D^oration für eine lächerliche Anmaßung Jean Pauls oder des Doktors. »Still, die Baronin", brach fie plötzlich ab. Feierlich ccks ginge es zum Totenfest tot die Kirche, rauschte die Steinberg vorbei mit einer Schleppe, bte ganz gut ^«1^ manteau de cour gelten konnte Die Dräftn flog ihrentM^n und hätte ihr vor lauter Rührung beinahe den eben konfiszierten Jeair Paul tat die Hand gedrückt. Schütze Sie Gott," hauchte sie am Halse der Steuern. 3n dies^AdnMck der Weihe fönte mt8 dem letzten WtackÄ chn Schnarchen, das die Baronm einfach zum Petrefakt erstarren machteRichttg, da lag ihr Otto auSgestreckt tm Fauteuil, Sean Pauls Hefperus in der herabhängenden Rechten. „Otto, mon ange, so erwartest du dein Glückt' Der tmfelige Dräuttgam reckte sich »rnd gähnte - -Pachott Mama, ich wartete. Sie kamen nicht. Da nahm ich Sean Paul vor und nickte darüber ein." , _ Sehr begreiflich", entschuldigte Feuerbach mit Verve. 'OKomo, ich langweile mich, furchtbar. . Kind, Kind, was für Redensarten! Und wie siehst buauÄl So kannst du nicht zur Prinzeflin. Geh in den Garten, wasche deine Augen mit Tau." __„ .Aber Mama, ich habe mich schon gewaschen. .Dimm deine Gitarre mit, versetze bid) In ©tunmung Auf Sttmmung kommt es hier an. Dicht wahr, linste Fr«mdm^„ .Und eine Rose tm Knopfloch. Die Rose nicht zu verges et, schäkerte die Grästn mit Smilla Galotti. „Meinetwegen." . „ , „ . ~ Geh, Kind, gch. Suche Schäfergedarcken im Pate 2ch schaM dir unterdessen bte Schäferin. Wo denn da hinaus?“ „Tin den Hof!" ^HMier^füttem, Mama. Die weihe Glucke hat KemchsT "^Ae^Ehassepot errötete, Marheineke bih und sah Feuerbach nicht an. Keiires Wortes fähig, «rschwamd die tief erregte Mama hinter der hohen Mahagointür.Ss dauerte nicht lange, so öffnete diese sich wieder für d« Gräfin und ihre GÄane. Don Schamröte übergossen, senkte ste betroffen bte Wimpern: ter Mann schien tiefer zu sehen, als die anderen alte .Aber bte atoeite Jugend", fuhr er warnend fort, .die, Fräulein Rita, hat auch ihr Anrecht an Glückseligkeit, wenn sie auch sachte zur Prosa hinübersührt. Was bleibt ihr. wenn die erste sich selbst wie ein Feuettverk zerstört? Und darum, darum durfte Sean Paul Sie eidyt Einen“ ,®r durfte nicht? Wenn nicht er selbst, wer hätte es ihm bet&oten T* »Dazu wurde unter »oberen ich berufen, um mit ä* toben“, behauptete Dinzer sehr beftimmt .Ich stand hinter Wnen ®r durfte nicht. Und die Locke sollen Sie auch nicht haben. .Verbieten Sie auch das?" fragte sie bitter. „Das verbietet sich von selbst. So eine Locke ist ein gefährlich Spielding unb Sean Paul ist ehrlich" „Sr wird, er soll, er mufft“ brach sie ungestüm los und merkte nicht, dah dieser allerliebste Trotz etwas stark mit ihrer bisherigen Rtedergeschlagenheit disharmonierte. An diese Locke Hämmerte ste sich mit all ihrem überhasteten Fühlen, sie sollte ihr ein schönes Denkmal auf einem lieben Grabe sein. .Schaffen Vie mir den Beweis, Herr Doktor, dah Sean Paul unredlich denkt! Rein, Ich will nicht... Zerstören Sie nicht, waS mir bisher heilig war." . . „Also wollen Ste durchaus unglücklich fein r Sie richtete sich stolz auf: .Die Frage kommt Ihnen niqn M. Verzeihen Sie... Aber was für ein Recht hätten Sie... t „Das Recht der Freundschaft“, fiel er treuherzig ein. „Sie, Baronesse, haben es mir eingeräumt und ich bin sehr eifersüchtig, will'S mit niemand teilen, auch nicht mit Sean Paul. @8 täme also auf enteil kleinen Kontrakt an. Die Locke soll entscheiden. .Sr wird, er kann nicht anders", flüsterte sie erregt .Gut. Herr Doktor, es bleibt dabet Habe ich die Locke nicht, so sollen Vie recht haben mit Ihrer zweitem Sagend. Dann fragen Sie wieder an.“ .Sehr wohl, Baronesse, bte Antwort hole ich mir bestimmt Zweite Jugend ist geduldig, ich kann warten." „Für heute entschuldigen Vie mich Wohl, ich möchte altem Gr lüftete den Hut, fie nickte stolz wie eine Fürstin, die ihren Rat beurlaubt und verschwand hinter dem nächsten Boskett. Gemächlich schlenderte er den Deich entlang, sprang tnS Boot unb lieh sich, nachdem er die Ruder eingezogen, dahin- treiben. Er streckte sich aus und starrte sein Bild im Wasser an. Gar nicht so häßlich dachte er. und wunderte sich eigentllch dah die Beine Rita nicht schon neben ihm sah. Zu dem Binzer tm Wasser aber sprach er: .Bist ein Narr, Bruder, mit deiner Eifersucht. Auf Sean Paul kannst du dich verlassen. Macht er «S mtt seinem goldenen Herzen etwas zu gut wir reparieren es und machen'« bester. Bist ein Start gewesen trotz deines Doktor» dipioms." DumS, faß er tm Schilf fest und bte Binsen nickten zu seinen letzten Worten. VIU. Ob der Sonnenschein den Baron oder dieser bett Sonnenschein gebracht hatte, war unentschieden. Scktenfall» warm beide da. wchelnd, strahlend unb schienen voraussichtlich recht lange bleiben zu wollen. Rein waren sie gegangen, rein gekommen. Der Baron hatte eine Flut von guten Vorsätzen in den mütterlichen Schoß geschüttet und verlangte stürmisch — zu heiraten. Snfolgedessen legte bte Mama Migräne unb Salbentöpfchen beiseite unb rüstete ihr Feierkleib zur Audienz bei der Prinzessin. Weniger sonnig war der Graf. Er hatte gehofft, den Pansch fertig zu finden. Und nun? Run steckte er Jean Paul unter vier Augen zu, daß er ein Gänschen zur Cousine habe, und Dora vertraute er, daß alle Dichter eigentlich zu den Dickhäutern gehörten. Sn welche Klasse deS Tierreichs Dinzer hinein sollte, erficht niemand. Rut als dieser ihm vertraute, daß eS ihm kaum bester gehen könne als jetzt lleß stch Detter Peter zu der ‘Bemerkung hinreißen, kein Wunder, Aftweibetsommet sei da. „Schockschwerenot", wetterte er gegen Sean Paul, .habe ich darum so gebummelt um hier saure Kirschen vorzusinden? Sn Zwenkau schäkerte ich mit drei häßlichen Schulzentöchtern der Reihe nach in Pegau saß ich ton Loch wegen eines nächtllchen Radaus, grasgrüne Aepfel aß ich in Kayna, um nur krank zu werden. .Unb dabei immer dies unausgegorene Milchgescht neben mir, daß einem das Dier noch vor den Lippen sauer wurde! Väterchen, nächstens schicke ich Sie auf Reisen." Aufgeräumt erwiderte Sean Paul, er werde das selbst besorgen, berat et habe wirklich Sehnsucht nach seiner Karoline. Der Graf riß die Augen auf: „Hören Sie. mein Bester, mir fehlt der parlamentarische Ausdruck dafür. Wenn Sie nur Ihre Karoline haben, andere können zusehen, wie sie zu einer solchen kommen. Und unser Pansch?" — „Der französische Senf, und er ist fertig." Dem Manne kann nicht geholfen werden, brummte der Graf unb ging seiner Wege. Um stch im Arrger zu üben, schien er ganz Löbichau umkehren zu wollen. Sm Hofe zauste er den Stalljungen, mit dem Förster zankte er im Walde: im Ahnensaal bängte er bte Bildet um, so dah Urvater unb Urmutter sich nun mit bem Rücken ansahen. Sn bet Bibliothek verteilte er Sean Pauls Werke auf alle Stühle unb Tische, al» sollte matt in Löbichau nichts andere» lesen. Letztere» wirkte in der Tat Denn als Feuerbach zu gewohnter Morgenstunde den Saal aufluchte und sich zerstreut tu einen 39« — Eitel war die Priirzessin nicht, smrst hätte fie Herr« nx>61 kaum in einer Toilette empfangen, die. weil eigentlich unmöglich, höchstens orientalisch genannt werden formte. Oder tarnest ihr die Gelehrten schon sehr onkelhaft vor? Sie trug einen gelb- fei&enen Schlafrock, dessen Schleppe auf den Smyrnaer Teppich fiel, eine fafrangefärbte Binde um die Stirn, zwei Zitronenscheiben an den Schläfen, darüber eine batistene Nachthaube. So streckte sie unbefangen von der Kouchette aus die Hand 3 um Kusse hin und scherzte: „Mache ich auch Ähre Frauen nicht eifersüchtig, wenn ich Sie so empfange?" Immerhin können Sie ihnen verraten, tote man sich jung erhält." „O bitte", säuselte Feuerbach mit keckem Augenaufschlag, „in Löbichau ist man überhaupt nicht verheiratet." Sie drohte lächelnd mit dem Finger. Da er gehört, daß matt an Gespräch mit Hochgeborenen immer rückwärts zu gehen habe, so retirierte er seinem Sessel zu, ohne zu bemerken, daß Mar» heineke schon darauf saß und sich schlagrührend über die kokettierenden Rückenbewegungen des Kollegen ärgerte. Flugs schob die Gräfin einen zweiten Sessel hin und der Zwischenfall war verhindert. Man ging zur Hauptfrage über und Wilhelmine, von entzückten Seufzern der Baronin unterbrochen, berichtete den Zeugen, sie sei gewillt, die Verlobung ihrer Pflegetochter rechts» kräftig zu machen. „Sie wünschen also ein juristisches Instrument darüber?" unterbrach sie Feuerbach und sah sich »ach Timte und Feder um. „ihn Gottes willen, lassen wir die 3affa.*unientel Als ob eS sich um Vivisektion handelte. Nein, mein lieber Präsident, so weit sind w.r nicht. Eben setzte ich der Baronin auseinander, daß wir vom Schachbrett erst Figuren zu entfernen haben, fallen König und Königin sich finden." „Ehe beide schachmatt werden", ergänzte die Gräfin boshaft. „Da ist vor allem Jean Paul, der Turm. Am meinem Detter, dem Grafen Modem, haben wir einen sehr unnützen Läufer und meine kleine Dora dürste der Springer fein.“ „ilnö der Dauer, gikst's nicht einen unnützen Bauern auch?" flötete die Steinberg. „Ich meine doch," stichelte die Gräfin mit einem lauernde« Blick auf Wilhelmine, die aber lebhaft protestierte: „Dinzer doch nicht? Der ist ungefährlich, bitte sich seinetwegen nicht zu alte- rieten. Er macht gern den Hof, nun ja. Aber ernstlich kann er nicht in Frage kommen. Ein Doktor, der seinen Adel verleugnet, ich bitte S'e! Kurz, er bleibt aus dem Spiel." Ein klein wenig Aufregung glaubte die Chassepot doch per» auszuhören und meinte mit pikanter Naivität: „Der also nicht? 3a, was sollen bann die anderen, was wollen st«?" „Weiß ich's", klagte Wilhelmine erregt, „sie intrigieren aus Lust an Intrige. Ich bin außer mir. Sie sollen mir helfen, meine Damen und Herren. Zehn Augen sehen genauer als zwei." „Zwölf", verbesserte die Baronin indigniert, aber liebenswürdig wandte die Prinzessin ein: „Die Augen Baron Ottos zählen doch wohl nicht, er verlor st« eben an meine Nita. Wir müssen für ihn beobachten, fein beobachten, das Größte wie das Kleinste.' Haben Sie nichts bemerkt, meine Herren?" Nach ! einigem bedeutenden Siirngekräusel brachte Feuerbach vor, daß ! Jean Paul gestern dreimal vom Braten genommen, und Mar« ! heineke wußte bestimmt, daß Prinzeß Dora beim Tanz dem Grafen aus den Fuß getreten fei. „Das ist schon etwas", rief Wilhelmine lachend, „wir können nicht pedantisch genug fein. Wer zum Beispiel wüßte, warum Jean Paul gestern dreimal mit seinem Pudel unsere Mäntel im Vorzimmer untersuchte..." — „Sehr verdächtig", urteilte die Chassepot und fixierte die Prinzessin. „Wichtig wäre es auch zu erfahren,- warum Ponto, der niemandem ein Leid tut, gestern dem Doktor die Zähne wies." „Er wird ihm einen Knochen vovsnthalten haben", bemerkte die Prinzessin nervös, „jetzt aber darf ich meine Kammerfrau nicht länger warten lassen'! Also, Sie kennen Ihre Pflicht. Baronin, Sie haben mein Wort. Auf Wiedersehen, meine Herren." In der Bibliothek schärfte die Gräfin trotzdem den am beten noch ein, vor allem Rita nie mit einer der verdächtigen Personen allein zu lassen, auch mit dem Doktor nicht, fügte sie mit einem Blick zur Tür hinzu. Wenn auch die Prinzessin nichts davon wissen wolle, als — Gegengewicht fei er immerhin zu verwerten. Wilhelmine war mißmutig ans Fenster getreten. Sie hatte die Sitzung gesprengt, weil ihre Bundesgenossen ihr eigentlich unglaublich albern vorgekommen waren. Sie empfand eS bitter, daß sie di« Jugend gegen sich hatte. Warum aber beftanb sie dann auf dieser Verlobung? Sie wollte eben ihr Spielzeug für sich haben. Dinzer war der erste Wann, der nicht sogleich über ihrem Anblick vergaß, daß eS jenseits der Altenburger Hügel noch Sonn« und Sterne gab. Das reizte sie. Rita stand ihr im Wege, sie mußte versorgt, glücklich gemacht werden. Wilhelmine kannte ste als eine durchaus selbständig« Natur. Warum also sollte sie mit dem Baron unglücklich sein? Nur scheel »um Strich das übrige wich sich finden. Und doch warnte Ihre bessere Natur. Was regte sie sonst ft> auf? Richtig, Ponto hatte noch Dinzer geschnappt. DaS war verdächtig. torttt sinnend auf und liahl sich durch eine Spalte und ip«e!« tn ihrem blonden Haar, als machte er sich luftia über N» "«h ihrem Belieben vermieten wollte. 3a, wenn er hätte erzählen können! Wm der Muschelgrotte nämlich kam er h«. Hier W1* Dinzer wieder die Lektüre aufgenommen, neben ihm faß Rita und schaute nachdenklich in des Teiches Wellenringe. Der lauschige ^dckel war tote geschaffen zum Sinnen und Minnen. Iasmdt Md Faulbaum deckten den Rücken, vor ihnen lag der Teich mit [einen Buchten, von Silberweiden und Buchen beschattet. A,.ch die zwei Schwäne darauf störten nicht. Dinzer war beim dritten Daode des Wtan a»t gelangt, 6et der Liebesszene zwischen Albano und Lian«. Mil etwas verschleierter Stimme las er: „So lang ein Weib liebt, liebt es t* einem fort, der Mann hat dazwischen zu tun. — Sie konnte nie sogleich aus ihrem Herzen heraus in die überraschende Gegenwart, ihre Wendungen waren immer wie die Sonnenblume langsam, jede Empfindung lebte lange tn ihrer Brust." ®r schaute über daS Buch hinweg, er war gewohnt, von Fragen unterbrochen zu werden. .Ein Mann hat dazwischen zu tun“, wiederholte sie iw wundert. „Was denn, Herr Doktor?" Als besänne er sich zu rechter Zeit, schlug er sich an die Stirn und griff in feine Tasche: „Sie mahnen mich durch 3ean Paul an Jean Paul, Baronesse. Hier die Locke. Er gab sie mir, als ich an feinem Zimmer vorüberging." »Mfo doch", triumphierte sie und griff hastig danach „Warum aber kam er nicht selbst?" . Aufrichtig gesagt, er sah mir etwas nach schlechtem Sa- Wissen aus. Soll ich weiter lesen?" „Einen Augenblick', bat sie mit gesenktem Köpfchen und streichelte di« Locke auf ihrer flachen Hand. „Wer hat nun recht? Haben Sie mir nichts abzubitten, Doktor?" „Ich wieso?" Erstaunt betrachtete sie ihn, dann verzog fit etwas spöttisch den Mund. Sr gefiel ihr heute im blauen Wertherfrack und gelber Weste besonders gut. Aber, was ist das? Am erst«, Knopf seines RockeS hängt auch eine Locke wie die Jean PaulS, nur mit rotem, statt mit zartblauem Bande geknüpft. „Auch Sie", stottert sie. „Woher haben Sie diese Locke?" „Locke? Ja so, den Haarbüschel meinen Ste? Ich bin ein leidenschaftlicher Verehrer von Rassehunden, älnb da Ponto einen so seidenweichen rötlichen Behang hat. war ich so frei, trotz fernes Sträubens ..." Heftig erregt greift sie nach des Pudels Locke und hält beide prüfend aneinander. Dann tritt ste aus der Grotte und schleudert beide mit einer Gebärde des Abscheus in den Teich Regungslos bleibt sie stehen, er beobachtet sie gespannt. Nun fliegt es tote Sonnenschein über seine feinen Züge: „Die Arznei ist bitter“, sagt er schonend, ohne dem gertngften Anflug von Spott, „Sie entschuldigen, daß ich so dreist war, Hundehaare von Dichterlocksn zu unterscheide. Es war dieselbe Schattierung, und da ich auch sonst rotes Haar gern habe, so sah ich sie mir etwas mikroskopisch an. Jean Paul brauchte ein etwas starkes Mittel, so beiläufig will ich's dem alten Herrn zu versteh«, geben, zumal er mir es zweimal sagte, die Locke sei von ihm. Aber ehrlich, Fräulein Rita, ehrlich meinten wir es beide mit Ihnen. Urteilen Sie selbst. Waren sanfter« Mittel nicht schon erschöpft?" Noch immer regt sie sich nicht. Dinzer greift nach dem Buche und liest halblaut: „Sie konnte nie sogleich aus ihrem Herzen heraus in die überraschende Gegenwart, ihr» Wendungen waren wie die der Sonnenblume langsam." Da fliegt eS wie ein Zittern durch ihren Körper, sie wendet sich ihm mit zuckender Bewegung zu, sieht ihn voll und groß an und ergreift feine Hände: „Ich danke Ihnen", ruft ste mit unterdrückter Leidenschaft. „Es ist Ihnen gelungen. Sie hatten recht. Es Ist ein Plitterschied zwischen Dichter und Gedicht. Wenn Sie Nachsicht üben wollen, so setzen wir auch unsere bestimmten Stunden fort. ®3 lernt sich besser von Menschen als von Büchern. Sind Sie mit dieser Erklärung zufrieden T Er lacht sie glücllich an und läßt ihre Hände noch lange nicht los: „Fräulein Rita“, jubelt er, „Per Mensch ist nie zufrieden mit dem, was er hat. So möchte auch ich diese Händchen gar nicht mehr loSlassen und diesen kleinen Starrkopf immerfort ansehen. Ss ist. um närrisch zu werden. Wer hat uns bisher getrennt? Jean Paul. Wer hat unS zufammengefiihrt? Jean Paul." „Nicht diesen Namen, Herr Doktor!" „Dann verbitte ich mir auch bei Doktor", scherzt er übermütig und hält sie fest trotz ihres Sträubens. „Er flog mit den Locken ins Wasser. Ich gebe Ihnen Termin. In acht Tagen ist Erntefest, bis dahin werden Die sich auf meinen Taufnamen besonnen haben und ihn mir direkt unter dem Erntekranz inS Ohr flüstern. WaS ich dann tun werde, weiß ich schon, sag's aber nicht Ihnen, sondern Jean Paul" Errötend hat st« sich endlich von ihm befreit und eilt fort, alS fliehe ste vor sich selbst. l Fortsetzung folgt) Schrittleitung: Dr Stiebt. Wich. Lange. — Druck und Derlag Oer Brühi'fchen älniv.Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»