Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, den (2. September Nummer 75 Regentted. Bon Klaus Groth. Walle, Regen, walle nieder, wecke mir die Träume wieder, die Ich in der Kindheit träumte, wenn das Raß im Sande schäumte! Wenn die matte Sommerschwül« lässig stritt mit frischer Kühle, und die blanken Blätter tauten, und die Saaten dunkler blauten. Welche Wonne, in dem Fliehen dann zu stehn mit nackten Füßen! an dem Grase hinzustreifen und den Schaum mit Händen greifen. Oder mit den heißen Wangen kglte Tropfen aufzufangen, und den neuerwachten Düften seine Kinderbrust zu lüsten! Wie die Kelche, die da troffen, stand die Seele atmend offen, wie die Blumen, düftetrunken in den Himmelstau versunken. Schauernd kühlte jeder Tropfen tief bis an des Herzens Klopfen, und der Schöpfung heilig Weben drang bis ins verborgene Leben. — Walle, Regen, wall« nieder, wecke meine asten Lieder, die wir in der Türe sangen, wenn die Tropfen draußen klangen. Möchte ihnen wieder lauschen, ihrem süßen feuchten Rauschen, meine Seele sanft betauen mit dem frommen Kindergrguen. Die Dritte. Eine heitere Erzählung aus dem Künstlerleben. Von Heinrich Sienkiewicz. 1. Das Atelier, in welchem ich gemeinschaftlich mit Swiatecki wohnte und malte, war nicht bezahlt, weil wir beide zusammen im ganzen etwa fünf Rubel besahen, und zweitens, weil wir gegen das Bezahlen von Miete einen aufrichtigen Widerwillen 1, Maler nennt man sonst Verschwender, und doch ziehe ich «s vor, )eld zu vertrinken, als es an den Wirt für Miete zu txetßcuben. Was unseren Wirt betrifft, so war er kein böser Mensch: und überdies wußten wir uns ihm gegenüber Rat zu verschaffen. So oft er nämlich zu uns heraufkam, um zu mahnen, was meistens am frühen Morgen geschah, richtete sich Swiatecki halb empor von seinem Lager, einem auf der Diele liegenden Strohsack, -em als Decke ein türkischer Vorhang diente, welcher bei uns sonst als Hintergrund fiir Porträts fungierte — und sprach im Grabestone: „Gut, daß ich Sie sehe, denn ich träumte, Sie wären gestorben." Der Wirt, welcher abergläubisch war, und augenscheinlich den Tod fürchtete, wurde sehr verwirrt,' Spiatecki aber warf sich rücklings auf den Strohsack, streckte die Deine aus, kreuzte die Hände auf der Brust und sprach weiter: „So sah ich- Sie, wie jetzt, Sie hatten weihe Handschuhe an mit sehr langen Ungern und Lackstiefel, im übrigen waren Sie nicht sehr verändert." Dann pflegte ich hinzuzufügen: „Bisweilen gehen solche Träume nicht in Erfüllung." , , Dieses „bisweilen" brachte augenscheinlich den Wirt tu Verzweiflung. Die Sache endete damit, daß er zornig wurde, die Sitten geräuschvoll zuwarf; und fluchtend di« Treppe hinunter- tolterte. . „ Die gute Seele konnte sich doch nie dazu entschließen, uns Ven Gerichtsvollzieher auf den Hals zu schicken. Allerdings war zum Wegnehmen nicht viel vorhanden, und Lirrfte unser Wirt berechnet hohen, daß, wenn er das Atelier nebst dem anliegenden Küchenraum an andere Maler vermieten würde, er dabei ebenso schlecht, wenn nicht noch schlimmer fahren würde. werde ich Swiatecki sachte den sagt Swiatecki. Anders war es auch nicht Jedoch verlor das Mittel mit der Zeit seine Kraft. Der Wirt machte sich mit dem Gedanken an den Tod vertraut. Swiatecki beabsichtigte gerade, drei Gemälde im Genre Würtz auszuführen, benannt: „Der Tod". „Die Bestattung" und das „Erwachen aus der Lethargie". Natürlich sostte der Herr Hausbesitzer in allen dreien figurieren. Derartige Leichengeschichten waren die Spezialität Swiateckis, welcher, nach seinem eigenen Ausspruch „Großkadaver, Kleinkadaver und Mittelkadaver" malte. Wohl deshalb will niemand feine Bilder kaufen, denn er hat sonst Talent. Jetzt hat er gerade zum Pariser „Salon" zwei „Großkadaver" abgesandt, und auch ich schickte dahin meine „Juden an der Weichsel“, die der Katalog des „Salon" in die „Juden an den Flüssen von Babylon" umgetauft hat. .Und so erwarteten wir mit Ungeduld das Urteil der Jury. Aatürlich wußte Swiatecki im voraus, daß alles aufs schlimmste enden würde: die Jury bestehe aus den vollendetsten Idioten, und wenn dies nicht der Fall ist, dann fei ich ein Idiot, oder er ein solcher, unsere Bilder seien idiotenmäßig und deren Prämiierung würde der Gipfel des Idiotismus fein! Wie sehr dieser Kerl mit mein Leben während unseres zweijährigen Zusammenwohnens vergällt hat, entzieht sich jeder Beschreibung. Sein höchster Ehrgeiz besteht darin, für einen moralischen Großkadaver zu gelten. So spielt er sich z. B. auf den Trunkenbold heraus, was er übrigens keineswegs ist. Er stürzt zwei oder drei Schnäpse herunter und blickt empor, ob wir es merken, und ist er dessen nicht gewiß, so stößt er den andern mit dem Ellbogen an, und uns mit einem tiefen Blick ansehend, fragt er mit Grabesstimme: „Din schon tief gesunken, was?" Es wird ihm darauf geantwortet, er fei närrisch Nun wird er erst wütend: denn nichts kann ihn mehr ärgern, als ein Bezweifeln feines moralischen Niederganges. Dabei ist er eine grundbrave Haut. Einmal hatten wir uns in den Bergen des Salzkammerguts bei Zell am See verirrt. Da die Nacht herannahte und man sich leicht den Hals brechen konnte, so sagte Swiatecki: „Höre Wladek, du hast das größere Talent, es wäre also um dich mehr schade. Ich gehe voraus... Flieg« ich hinunter, so bleibst du unbeweglich hier bis zu morgen, und dann wirst du dir schon weiter zu helfen wissen." „Nicht i&u wirst vorausgehen, sondern ich werde es tun/ antwortete ich, „denn ich habe bessere Augen." Darauf Swiatecki: „Wenn ich mir heute nicht den Hals breche, so auch so im Graben enden: mir ist alles Wurst." Wir fangen an zu streiten. Unterdessen wird es stockfinster. Endlich beschließen wir zu losen. Es geschieht, zieht den Knoten und geht voran. Wir bewegen uns Dergsattel entlang. Anfangs ist der Weg ziemlich breit, wird aber allmählich enger. Soviel wir merken können, liegen rechts und links Abgründe, die wohl sehr tief sind. Der Bergrücken wird noch enger und, was noch schlimmer ist, es bröckeln unter unseren Füßen Stücke des verwitterten , , möglich: wir setzen uns auf all« Viere und wandern fürbaß wie zwei Schimpansen. Bald merken wir aber, daß auch das nichts nützt. Der Felsrücken ist jetzt kaum so breit wie ein Pferdesattel. Swiatecki setzt sich rittlings, ich hinter ihm, und indem wir uns vorne mit den Händen ausstützen, schieben wir uns vorwärts, zum großen Schaden unserer Gewänder. Nach kurzer Zeit häre ich Swiateckis Stimme: „Wladek?" Felsens ab... „Ich krieche nun auf allen Vieren: es geht nicht anders! „Was denn?" „Der Rücken geht zu Ende. „And was nun?“ „Wie es scheint, kommt ein Abgrund. „Nimm einen Stein und wirf ihn hinab... Wir wollen hören, wie weit er fliegt.“ . Ich höre Swiatecki im Finstern nach einem losen Felsstuck tasten. Nun sagt er: , > *— 290 »Patz auf, ich schleudere!" Wir horchen beide---Kein Saut! „Haft du nichts gehört?" r „Nein!" „Wir sind schön hineingeraten !Gs mutz an hundert Klafter sein." „Wirf noch einmal." Swiatecki findet einen größeren Stein und läßt ihn fallen. Kein Widerhall. „Ist denn da unten kein Grund, zum Kuckuck?" ruft Swiatecki. „Es hilft nichts, wir müssen bis morgen früh hier sitzen bleiben." Wir bleiben. Swiatecki wirft noch einige Steine. Alles vergebens. Es verrinnt eine Stunde, und noch eine; da höre ich Swiateckis Stimme: „Wladek! daß du mir nicht einschlummerst!... Hast du keine Zigarette?" Es stellt sich heraus, daß ich wohl Zigaretten besitze, daß wir aber keine Streichhölzer bei uns haben. Verzweiflung. Es mag wohl kaum ein Ahr nach Mitternacht sein. Ein feiner Regen beginnt zu fallen. Ringsherum undurchdringliche Finsternis. Es wird mir klar, daß wir, die wir immer unter Menschen leben, gleichviel ob in der Stadt oder auf dem Lvnde. gar keinen Begriff haben von dem, was Stille ist. Denn die Stille, welche uns jetzt umgibt, dröhnt geradezu in unseren Ohren. Ich höre fast, wie mir das Blut in den Adern kreist, und das Pochen meines Herzens vernehme ich ganz deutlich. Zu Anfang interessiert mich die ganze Situation. 3n stockfinsterer Nacht, dicht an einem tiefen Abgrund auf einem Fels- rücken wie zu Pferde sitzen, das könnte nicht einmal einem Pechvogel aus Krähwinkel passieren. Aber bald wird es kalt, und noch dazu fängt Swiatecki an zu philosophieren: „Was ist das Leben? Das Leben ist einfach eine Schweinerei. Man sagt: die Kunst! — Die Kunst! Daß mich samt der Kunst... Eine reine Nachäffung der Natur und überdies eine Niederträchtigkeit ... Ich habe doch zweimal den „Salon" gesehen. Da haben sie so viele Bilder eingeschickt, daß man aus all dieser! Leinewand Strohsäcke für die Sudenschaft der ganzen Welt verfertigen könnte. And was war das alles? Ein Fressen nach dem Geschmack der Krämer! Eine Spekulation zum Anfüllen der Tasche und des Magens! Eine Anarchie der Kunst! Nichts weiter! Wäre die Kunst, die echte Kunst dabei gewesen, es hätte sie der Schlag gerührt! Aber zum Glück ist die echte Kunst auf der Welt gar nicht vorhanden... es gibt bloß Natur. Möglich, daß Natur auch nur Schweinerei ist... Am besten wäre es schon — hinunter- springen und basta. Ich täte es schon, wenn ich Schnaps hätte. Da ich aber keinen habe, so unterlasse ich es; denn ich habe geschworen, daß ich nicht nüchtern enden werde." Ich war immer an das Geschwätz Swiateckis gewöhnt, jedoch hier inmitten der Stille, in der Verlassenheit, Kälte, Dunkelheit, und am Rande des Abgrundes, stimmten auch mich feine Worte duster. Zum Glück hatte er sich ausgetobt und wurde still. Er warf noch ein paar Steine, wiederholte noch, einigemal: „kein Ton" und von da ab schwiegen wir stundenlang. Da schien es mir, daß es bald dämmern müsse; wir hörten plötzlich über unseren Köpfen ein Krächzen und ein Rauschen von Flügeln. war immer noch dunkel und ich konnte nichts erspähen. Ader ich war überzeugt, daß es Adler seien, welche über dem Abgrund kreisten; das Krächzen verstärkte sich immer mehr in der Finsternis. Es wunderte mich, daß so viele Stimmen verwehm- bar waren, als wären da Legionen von Adlern. Jedenfalls be- bedeutete es das Herannahen des Morgens. So konnte ich bald meine Hände sehen, die sich auf dem Felsrund stützten, dann zeichneten sich vor mir die Schultern Swiateckis ab, ganz wie eine schwarze Silhouette auf einem weniger schwarzen Hintergründe. Dieser Hintergrund verblaßte zusehends. Es begann ein herrlicher blaßgrauer Ton durch die Felsen zu schimmern, welcher sodann auf die Schultern Spiateckis überging, und die Finsternis immer mehr durchdrang, gleichsam als wäre über dieselbe eine silberne Mifsigkeit ausgegossen, welche sie durchtränkte, sich mit ihr vermischte, sie von Schwarz in Grau und von Grau ins Perlfarbene überführte. Zugleich herrschte über dem Ganzen eine feuchte Herbheit; nicht bloß der Felsen, auch die Luft war nah. Es ward immer heller und heller. Ich schaue und bemühe mich, die Veränderungen in den Farbentonen festzuhalten, und sie im Geiste nachzumalen. Da unterbricht mich ein Ausruf von Swiatecki: „Pfui, wir Esel!" Sein Rücken entschwindet meinen Augen. „Swiatecki," rufe ich, „was tust du?" „Schreie nicht, sieh her!" Ich beuge mich vor, und was erblicke ich? Da sitze ich auf einer Felskante, welche an eine fast um einen Meter tiefer liegende Wiese angrenzt. Dichtes Moos hatte den Widerhall der Steine gedämpft, die Wiese ist glatt wie ein Teppich; in der Ferne auf einem Wege ist ein Schwarm von Krähen, die itf> für Adler gehalten hatte. Wir hatten bloß die Deine von der Felskante hinabgleiten zu Mfen, um auf die einfachste Weife «ach Haufe gu gdanaat And wir hatten die liebe lange Nächt zähneklappernd auf dem Steine zugebracht I Sch weiß nicht, warum mir gerade jetzt nach anderthalb Sahren jener Vorfall so Kar und deutlich vor Augen stand, während ich mit Swiatecki im Atelier die Ankunft des Hauswirts erwartete. Diese Erinnerung gab mir besonders frischen Mut und fo sagte ich beherzt zu Swiatecki: „Weiht du noch Antek, wie mir damals glaubten am Rande eines Abgrundes zu sitzen und es sich herausstellte. daß vor uns der ebene Weg lag? So kann es auch jetzt kommen. Setzt sind wir arm wie die Kirchenmäuse, der Wirt will unS aus dem Atelier hinausfegen, und doch kann noch alles andevS werden. Kann sich uns nicht eine Schleuse mit Ruhm und Gold öffnen?"... Swiatecki saß gerade auf dem Strohsack und zog den einen Stiefel an, wobei er vor sich hinbrummte, daß das Leben aus dem Anziehen der Stiefel am Morgen und dem Ausziehen derselben am Abend bestehe, daß nur derjenige vernünftig sei, der den Mut hat, sich aufzuhängen, und daß, wenn er selbst dies noch nicht getan habe, so käme es bloß davon, daß er nicht nur der allergrößte Dumpfkopf, sondern auch eine feige Memme fei. Meine optimistische Äeußerung unterbrach seine Betrachtungen, er blickte mich mit seinen Karpfenaugen an: »Du hast ja auch guten Grund, dich zu freuen; vorgestern hat dich Suslowski aus seinem Hause und dem Herzen feiner Tochter gewiesen, und heute wird dich der Wirt aus dem Atelier hinausschmeitzen." Swiatecki hatte — Gott sei's geklagt — nur zu recht. Vor drei Tagen noch war ich der Verlobte von Kazia Suslowski, und am Dienstag früh... richtig! am Dienstag erhielt ich folgenden Brief von ihrem Vater: „Werter Herr! Den elterlichen Vorstellungen Rechnung tragend, willigt unsere Tochter in die Lösung eines Verhältnisses ein, welches ihr Anglücr herbeigeführt hätte. Wohl würde sie immer am Dusen der Mutter und unter dem Dache des Vaters eine Zufluchtsstätte finden, doch liegt es gerade uns Eltern ob, einem ‘ solchen äußersten Falle vvrzubeugen. Nicht bloß Ihre materielle Lage, sondern auch Shr leichffinniger Charakter, den Sie trotz aller Ihrer Bemühungen nicht verbergen konnten, bewegen uns und unsere Tochter, Ihnen Shr Wort zurückzugeben und alle toeiteren Beziehungen mit Sh neu abzubrechen, was übrigens unsere Wohlgeneigtheit für Sie keineswegs vermindert. Hochachtungsvoll Vorsteher a. D. der einstigen Schatzamtskommission das K. P." Heliodor Suslowsfi, Dies der Brief... Daß man mit meinen Finanzen keinen Hund vor den Ofen locken könnte, mutz ich allerdings halb und halb zugeben. Was aber dieser pathetische Affe von meinem Charakter wollte, begreife ich wirklich nicht. Kazias Köpfchen erinnert an den Typus der Direktoirezeit, und es würde ihr ganz wunderbar gut stehen, wenn sie sich nach der damaligen statt nach! der jetzigen Mode frisieren würde. Sch hatte sogar versucht, sie darum zu bitten, jedoch vergebens, denn fie versteht so was nicht. Hingegen ist ihre Gesichtsfarbe von einem so warmen Ton, als wäre sie von Fortuni gemalt. (Fortsetzung folgt.) Der Stichling kommt zum Neft. VonHans Friedrich Blunck-Oldemaren. Das wißt ihr wohl alte, daß der Kuckuck seine Eier in fremde Nester legt. Die einen sagen, es kommt davon, d et einmal eine Weile lang die rosenrote Brille trug. Andere agen für gewiß, daß er fein Nest dem Stichling verkauft hat und das ist so gekommen: Einmal ist mit dem Sommer wieder der gute Fro in unferm Land gewesen. Die Bäume und Blumen und Felder haben ihn zu Gast gebeten und überall umhergeleitet und ihm ihre Frucht- barkeit gewiesen und sich segnen lassen. Danach haben ihm dis Tiere ihre schönsten Kinder gewiesen, alle Vögel haben den großen Sommerlichen zu ihren Nestern gerufen. Selbst der Kuckuck, dessen Brut gerade flügge war, hat diesmal ein Lob bekommen, obschon er eigentlich ein leichtsinniger Tunichtgut ist. A-eber diese Belobigung ist der Kuckuck nun so eingebildet geworden, daß er gespreizt im Gefolge des gütigen Fro- geblieben ist, als habe er jetzt mitzusagen. Er hat jedermann gute Ratschläge gegeben und wenn einem die Küchlein erfroren waren oder wenn sonst jemand mit seinen Kindern vom Anglück verfolgt gewesen ist, hat er zu allem andern auch noch! ein paar mahnende Worte des Grauens zu hören bekommen. Bon den Vögeln ist Herr Fro dann zu den Eidechsen gegangen und die haben ihm ihre kleinen erdfarbenen Sungen wiesen. Die Kammolche und Krähen sind aus den Erdspalten mit ihren Kindern gekommen und dann haben sich die Fische weisen wollen. Mit dem Stichling fing es an, aber er, der sonst einer der tüchtigsten Kerle im Drakwaffer ist, hatte Anglück, all feine Brut war ihm gerade vorher in das weite Wasser 201 «mSgewanvert. Gr hat seine Kinder gerufen und gerufen, aber Niemand ist gekommen. Das ist sehr ärgerlich für ihn gewesen und di« Tiere, dis den guten Herrn Fro begleiteten, haben alle verstohlen über den armseligen Eifer des Stichlings gelächelt. Der Kuckuck hat sogar ins Taschentuch geschnaubt, so drollig ist ihm der Stichling mit seinem Fischhaufen vorgekommen, als er seine Kinder nicht finden konnte. Aber der Stichling ist ein tüchtiger junger Bursch und sucht sich selbst zu helfen. Er wußte ja auch, daß er di« Seinen nicht beisammen behielt und als Herr Fro weiter wanderte, hat er sich gerade den Kuckuck mit den guten Ratschlägen zur Seite gerufen, And er hat ihm auf den Kopf zugesagt, daß er ein Rest wie andere Tiere haben müsse, einerlei woher, und ob der Kuckuck ihm seines nicht verkaufen wolle. Oh nein, hat der Kuckuck verblüfft geantwortet, so schlimm ginge es ihm denn doch noch nicht. Ob er ihm das Rest nicht wenigstens eine Weile leihen könne, seine Brut wäre ja schon flügge. Der Kuckuck hat wieder mit dein Kopf geschüttelt und so recht von oben herab ins Fischwasser gelächelt. , Was er denn dafür haben wolle, hat der Stichling gedrängt. Da wurde der Kuckuck hellhöriger, ihm fiel auf einmal ein, daß er gerade keinen Groschen in der Tasche hatte, und daß er ja eigentlich gut einige Tage ohne Rest auskommen könnte. 3d) will es' dir sirr einen Taler versetzen, hat er gesagt, eigentlich noch in halbem Spaß. „Abgemacht", hat der Stichling gesagt und gleich ein blankes Goldstück aufs Äser gefchülpt. Da hat der Kuckuck ja sein Rest zu Wasser bringen müssen. Aber er hat's noch recht gnädig und mit viel guten Ratschlägen getan. Das Lob des Herrn Fro und das gute Geld in der Tasche haben dem Herrn Kuckuck so gut gefallen, er ist mit der Wacholderdrossel, die einen vorzüglichen Schnaps braut und nrit dem Gimpel und Grünspecht, die auch ihr Lob von Herrn Fro gekriegt hatten, feiernd von Krug zu Krug gezogen. Und weil er gerade blanke Tasche hatte und sich, doch nicht lumpen lassen wollte, hat er den Pfandtaler angebrochen. Gr hat gemeint, er könne morgen leicht wieder genug einnehmen. Der Kuckuck ist ja Wahrsager von Beruf und das war schon damals kein schlechtes Geschäft. Es ist auch wirklich ein vergnügter Tag wie selten geworden. Der halbe Wald hat hergegeben, was nur herzugeben war. Hagemann und Kuhlenkröger haben die Rachbarn hereingebeten, haben auch selbst gern eine Einladung angenommen und der Kuckuck hat allen voran geprahlt und mit den Münzen in der Tasche geklimpert. Zum Schluß, als es schon dämmerig wurde, find die Herren und Fräulein ja so vergnügt geworden, daß sie nicht mehr ein noch aus wußten. Da haben sie sich noch einen schlechten Spaß erlaubt. tz Der Kuckuck hat nämlich damals die Fähigkeit gehabt, Tieren im6 Menschen wahrzusagen, wie lange es noch, bis zum Tode oder bis zur Hochzeit dauern würde. Aufs Jahr genau hat er's den jungen Mädchen sagen können, die ihn darum fragten und allen jungen Tieren auch und er hat gut daran verdient. Wie ihn nun an jedem Abend eine arme ledige Elster sah und ihr Sprüchlein aufsagte: „Kuckuck segg, walang schalt duurn, mutt ik vp een Lc asten lurrn?" Da Hat der Kuckuck vor Ber- Än nur imm • weiter geredet „Kluklukkukukklaklukkukuk!" zigmal hat er gerufen, obschon er es doch besser wußte. Die arme Elster hat sich vor Gram in den tiefsten Wald verkrochen und die bezechte Gesellschaft hat Träum gelacht. Dann hat noch ein kleines Mädchen am Wege gewartet und ihn gefragt: „Kuckuck in’n Hewen, Wolang Warr ik letoen?“ Da hat der alte Schelm sich breitbeinig htngestellt und hat hundertundfünfzigmal Kuckuck gerufen, was doch gewiß nicht wahr war. find all die bösm Trinkgenossen habm gehüpft vor Der- gnügen und sich auf die Knie geschlagen vor Schadenfreude über das angeführte arme Mädchen. Die hat da mit neunzig Jahren bitterlich zu weinm angefangen und immer schlimmer, je älter sie wurde. Es war aber ein so liebes, kleines Ding, daß es jedermann hätte dauern müssm, nur die alten Trinkgesellen haben kein Mitleid gehabt. Run hat es sich aber zugetragen, daß der gute Fro auf dem Heimweg gerade in der Rähe vorbeigekommen ist. Er hat das weinende Mädchen getroffen und hat sich von ihr den Schabernack erzählm laffen. Da wurde er sehr erzürnt und hat einen Absegm über dm Kuckuck ausgesprochen. Denn wer ein Amt hat, soll es pflegen und verdient es nicht, wenn er sich einen! Sausscherz daraus macht. Der Kuckuck hat ja nicht gemerkt, daß ihm die schöne Gabe genommen war, er hat gerade mit der Wacholderdrossel einen Hoppop getanzt, bis er mitten im Drehen dm Herrn Fro bei dem Heinen weinenden Mädchen erblickte Da hat es ihm vor Schreck im Halse gewürgt, er hat keinen Kuckuck lang mehr herumgetanzt. nein, er hat ein jämmerliches Gewissm bekommm und sich wie ein Dieb ins dickste Dickicht gezogen. And er hat das Rest beim Stichling und den Spaß beim Grünspecht laffen müssen. In dm tiefften Wald ist er gegangen, bis der Sommer zu Ende war. Es ist dann auch so gekommm, daß der Kuckuck sich den Pfandtaler nicht mehr hat wieder berittenen können, der Absegm des Herrn Fro war unter dm Leuten wohl bekannt ge- wordm. Er ist mehr und mehr verarmt und ist heute ein rechter Habenichts. Äiemand glaubt mehr an sein Kuckuck und niemand zahlt ihm einen Groschen für fein Wahrsagen. Das ist die andere Geschichte vom Kuckuck, der nicht Haus noch Hof hat und fe'.ne Eier in jedermanns Rest liegen lassen muß, wo seine Frau sie gerade unterbringt. Der kleine Stichling, das wißt ihr alle, hat das Rest seitdem gut gehalten. Gr ist ein großer Kämpfer geworden, kein Fisch wagt sich in die Rähe, wo sein Volk die Kindlein hegt. And es ist schließlich ja auch nur gerecht, daß die alten Lumpe Hab und Rest verlieren und daß di« Wackeren es ehrlich erwerben und zu halten wissen. MZder aus Finnland. Don Dr. Wilhelm Jäger. Mir wurde Ende Juni der Auftrag zuteil, die Begleitung einer zwanzigköpfigm Kinderschar nach Finnland zu übernehmen. Die Kinder sind unter Vermittlung der Deutsch-finnischen Vereinigung in Berlin von finnländischen Familim eingeladen, ein Ausdruck noch der Dankbarkeit für die deutsche militärische Hilfe im Frühjahr 1918, durch die Finnland von bolschewistischen Mord- und Räuberbandm befreit wurde. Die meisten Kinder sind schon mehrere Male in der gleichen Familie den Sommer über gewesen und erzählen mit strahlenden Augen von dm Wundem dieses seltsamen Landes. Auf dem mit alten Reiseannehmlich- feiten ausgestatteten Dampfer „Rügen" füllten wir von Stettin ab und landeten zwei Tage fpäter wohlbehalten in Helsingfovs, wo Damen eines dmtsch-finnischm Komitees die Verteilung der Kinder übernahmm. Meine Aufgabe war bis zur Rückfahrt nach etwa acht Wochen erledigt, und ich trat meine Entdeckungsfahrt an, von der einige Bilder hier gegeben seien. Aus der Eisenbahn. Die finnischen Eisenbahnen werden großmteils noch mit Holz geheizt. Ein Rachtschnellzug sollte mich nach der Westküste des Londes bringen. Rach deutschen Derhältnissm hätte man etwa fünf Stunden Fahrzeit ansehen können, aber der Zug gelangte erst nach 14 Stunden an seinem Bestimmungsort an! Anterwegs bleibt der „Schnellzug" nämlich mitten in berAacht auf einmal sechs Stunden stehen, und alles, einschließlich das Zugpersonal, legt sich schlafen. (Der Schlaf ist eine in Sbw land überhaupt sehr geheiligte und zeitlich recht ausgedehnt« Einrichtung.) Die Schlafwagenbarte 3. Klasse kostet nur etwa 2,50 deutsche Mark, eine also — noch dazu nicht schlechte — billige Aebernachtungsgelegenheit, tote überhaupt die Eifen^hn- fahrpreise nur etwa 40 Prozent der Preise für die gleiche Kilo- meterzahl in Deutschland betragen, während die Kosten für dm Lebensunterhalt ungefähr Wohl 75 Prozent Betragen von Öen, was man in Deutschland in der gleichen Zeit bei gleichen Ansprüchen verausgaben würde. Erkundigt man sich nun nach dem Grunde für diese eigentümliche Wartezeit, so erfährt man, daß ein Anschlußzug abgewartet werden muß. Da aber nacy Ankunft des Anschluhzuges noch! eine beträchtliche Zeit bis zur Weiterfahrt vergeht, so drängt es den deutschen Forschergeist, auch hierfür den" tieferen Grund zu erfahren. Die Frage wird mit leite erstauntem Achselzucken damit bsantwortet, man tarne doch sonst zu früh (!) an der Endstation an, es feien dann iioch kerne Chaisen und Autos am Bahnhof! Wenn man als öwrlisieiter Mitteleuropäer daran gewöhnt ist, daß sich Me Kutschen und Autos nach der Ankunft der Züge richten und Nicht die Eisenbahnverwaltung in so dezenter Weis« bei AuMllung ihrer Fahrpläne den Morgenschlaf der Kutscher und Chauffeure berucksMigsi muß man sich doch freuen, daß es noch solche fröhlichen Sang« gibt auf der Welt. - Auch der „Schnellzug halt cm fast je&em (Bretterhduschen, das einen fog. Bahnhof darstelu und oft mitten auf freiem Felde steht, ohne daß man auch nur ein Haus in der Amgebung gewahrt. Auf jeder etwas größeren Station wird etwas'länger Halt gemacht, die Zuginsassen strömen inben Wartesaal, wo belegte Brote, Teller mit dampfenden Kartoffeln und Fleisch oder Fisch frische und saure Milch in ieöer Menge Bereit fielen. Rach etwa 20 Minuten kündet ein Beamter E einer großen Glockenschelle an, daß es sich empfiehlt, allmählich an die Wetterfahrt zu denken und nach, mehrmaligem lauten Pfeifen der Lokomotive setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Rach zwei bis drei weiteren Stunden wiederholt sich das gleiche Spiel. — Kleine Mädchen, barsutz, mit blonden Zöpfen, passen an den kleineren Nationen den Zug des Tages ab, um ihre Walderdbeeren abzufetzen, die sie in niedlichen Schälchen aus Birkenrinde an den Wagentüren den Reisenden entgegen ft retten, die Dringlichkeit des Angebots durch lautes Durcheinander- schreien der Preise dartuend, bis alle, mit ihren Münzen in der Hand spielend, sich wieder still befriedigt einige Meter entfernt vom Zuge auf stellen, in glotzender Bewunderung die Menschen nrit so vielem Geld betrachtend. In den Schären. Schären sind Klippeninseln. Die finnischen Schären, die sich um die Süd- und Südwestküste des Landes in oft breitem Gürtel 292 herumlegen, haben anderen Charakter als &te norwegischem, sind Ürmer an Gigantischem, aber grandios gerade in ihrer herben, unberührten Dürftigkeit. Auf den größeren Inseln wohnt hier und da eine Fischerfamilie. Ein Stück bebautes und grünendes Land erfreut das Auge zwischen den kahlen und nackten Felswänden. Das Weidevieh lebt monatelang ost auf einer benachbarten kleinen Insel, zu der die Frauen bei Wind und Wetter zum Melken hinüberrudern müssen, und wird erst im spaten Herbst wieder eingehott. Die Häuser sind wie überall aus Holz und meist in einem außerordentlich freundlichen und belebenden Braunrot gehalten, das man im ganzen Land fast an ledem dieses so vereinzelt stehenden hüttenartigen Häuser wiederfrndet, bas man aber nie überdrüssig wird, weil es wie aus dem Land- schaftscharakter heraus geboren ist, und das übereinstimmt mit der Eisenvxydfarbe, mit der die an vielen Plätzen liegenden stark eisenhaltigen Steinblöcke überzogen sind. Die meisten Inseln sind kleiner, bewaldet, unbewohnt. Aus jeder Felsspalte heraus wachsen Kiefern und Birken. Oft ragen nur gewölbte, abgeschliffene Granitkuppen aus dem Wasser, wie riesenhafte liegende versteinerte Llrwaldtiere. Beim Hindurchfahren mit einem den kleinen fimrischen Dampfer durch die SHSrenlandschaft ist es oft, als ob man durch große Festlandseen mit tiefen Duchten fahrt, so dicht und nah liegen die vielen Inseln manchmal beieinander, und nur selten hat man einen Ausblick nach dem freien Meere zu. Eine ganz unendliche Abgeschiedenheit, Buhe und Klarheit liegt Mischen diesen meist wild zerklüfteten Wald- und FMeninseln, und die Wasser spiegeln in seligem Blau die ganze Fülle und Weite des Himmels wieder. Es gibt dem kaum etwas Der- gleickbares an stiller Harmonie und Erhabenhest. 3e mehr man sich Helsingfors nähert, desto beseelter werden di« Inseln. Jänner öfter legt man an, einmal links, einmal rechts, wo jemand zu- vder absteigen will. (Jede auch nur leidlich situierte Familie in Finnland besitzt ihr Landhaus auf einer einsamen Schären- ins«! oder an einem versteckten Inlands««, um dort, meist in den bescheidensten Verhältnissen lebend, froh und ungebunden die ganzen schul- und universitätsfreien drei Sommermonate zu verbringen.) Lauter freundliche, gebräunt« Gesichter, Helle Kleider. dort ein fröhliches Winken, hier ein paar Badende, doch bleibt der Charakter weltenferner Einsamkeit ungestört davon bestehen. — Etwas anderes aber ist es, einige Zeit wirklich zu leben auf einer dieser Inseln, als nur so vom Dampfer herunter genießend, an allem vorbeizuflirten. Es braucht viel Kraft, den Menschen zu behaupten gegen die erdrückende Wucht dieser bleiernen Monotonie, die man erst ganz empfindet, wenn man mal an einem Punkte festsitzt, von dem es für Wochen kein Bor und Zurück mehr gibt. Das Helle Grau der Dachte und der morgendlichen Bebel, das aus sich dann das Blau d^ Himmels und der Wasserflächen und das Dunkelgrün der Walder gebiert, zieht den Menschen unwiderstehlich in den Dann seiner erhabenen Dürftigkeit. .Und es dauert lange, bis man die Sprache dieses menschenleeren und gottnahen Landschaftsgebildes so versteht, daß man sich willig in die hier waltende Gesetzlichkeit einzufugen, und daß man die Farben und den Gang des Lichtes im Innern mitschwingen zu lassen vermag. Lieber einem Kreischen der Möven, wie Bob in?ort ist der Mensch allein mit DLind mid Wasser und mst dieser unaussprechlichen Wildheit. Dur in der Ferne sieht man hier und da einen weißen Dampfer ruhig und friedlich seine Straße ziehen. Diel« Blumen gibts, in jeder Felsspalte, denn die Vegetation ist in diese wenigen warmen Monate zusammengedrängt. Lind wenn die abendlichen Schatten der Nachthelligkeit weichen, dann stehen die benachbarten Waldinseln dunkel und massiv, wie Stationen auf einem Prozess ionswege in die hellspiegelnden bewegungslosen Wasser vorragend, jede für sich ein heiliger Hain. Lieber den Daumwipfeln liegt dann für Stunden jenes matte und glutgesättigte rotgelbe Licht der nordischen Nächte, Segen und Ruhe aus- gießend auf die lauten Werke des Tages, und in feierlicher Andachtsstille verharrt alle Kreatur. Ganz spät erst gehen langsam die Sterne auf. Sie große Sportbegeisterung. Jeder Sportinteressierte kennt sicher Nurmi, den großen finnischen Läufer, der mit Lorbeeren überhäuft aus Frankreich und Amerika in feine finnische Heimat zurückkehren konnte. Sehr offen hört man allenthalben davon sprechen, daß durch Nurmis Leistungen das Interesse der Welt für Finnland geweckt worden ist und daß das Zustandekommen einer größeren finnischen Dollaranleihe in Amerika nicht zuletzt ihm zu verdanken ist. In dem Leitartikel einer größeren Zeitung schreibt ein finnischer Finanzmann, sich in die Psyche der Welt versetzend: „Was ist mit Finnland? Was kann Finnland leisten? Finnland hat gezeigt, daß es laufen kann." Man plant, Nurmi ein Denkmal zu errichten, dem finsteren Manne, dem kein amerikanischer Reporter auch nur ein Wort abzupressen verstand, man hat ihn zum „Ritter der weihen Rose" gemacht, und der Präsident der finnischen Republik hat ihn und seine Mutter zu Tisch geladen. — Ein Llebermaß von Zeit und Interesse widmet das junge Finnland der körperlichen Ausbildung und dem sportlichen Training. Allenthalben begegnet man diesen Menschen, die wie eine Lokomotive schnaufend und dampfend, mit Heraushängender Zunge die Gegend durchrasen. Aber ist Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag eS ein Wunder, daß der Sport fo hoch im Kurse steht, wenn sich Dollarmillionen-Anleihen damit verdienen lassen? Am Jmatra-Wasserfall. Im Südosten des Landes, wo die höher gelegenen Wasser großer, bis weit nach dem Norden zusammenhängender Seen nach dem Meere hin abfliehen, bietet sich dem Besucher ein gewaltiges Naturschauspiel. Es ist kein senkrechtes Fallen des Wassers, sondern ein wildes Hindurchbrausen durch ein schmales, mehrere hundert Meter langes, stark abfallendes Felsenbett, ein Dahinrafen riesiger Wassermassen über tiefe Schlünde, auf deren Grund« Höllenfeuer zu sein scheinen, welche die sich darüber Hinwälzenden, olivfarbenen, fchaumdurchfetzten Sturzwasser zu wilden Gischtkämmen und -flammen dauernd emporbrodeln lassen. Kein Bild vermag die ungeheuer dynamische Bewegtheit festzuhalten, wo kein Bruchteil einer Sekunde dem folgenden gleicht. Das hellere Rauschen der in triumphierendem Schneeweiß hoch sich in die Lust schleudernden und zum Teil zerstäubenden, unbändig aufschäumenden Gischtmassen wird begleitet von einem tiefdunkeln, drohendunh eilvollen Grollen, wie wenn kantig« Stein- kolosse über einen hohlen Grund hinrollten. Schön ist es, auf der hoch über die aufgeregte Tiefe hinwogführenden Drücke zu stehen: An den Seiten zwischen FelSeinschnitten bergen sich ängstlich irrend und verstört kleine Wasser, sammeln sich, werfen sich mit ohnmächtiger Wut gegen die mit heimtückisch dunklen Augen gierig hinrasende Mitte, um wieder unbarmherzig in die leidenschaftlich weiterstürmende Bewegung hineingerissen zu werden. Eine fast unwiderstehlich suggestiv saugende Kraft übt dies gigantische Schauspiel auf den Menschen aus und tatsächllch erliegen auch jedes Jahr viele dieser lockenden Gefahr und stürzen sich von der Drücke aus hinunter. (Allen Menschen aber mit Selbstmordabsichten sei verkündet, daß di« Bedingungen zur Tat — meistens fehlt es ja nur an den heroischen Llmständen — fo günstig hier liegen, wie nur möglich, doch sollen sie sich beeilen, denn man gräbt den Wassern schon ein künstliches Bett zur Gewinnung elektrischer . Kraft, und beabsichtigt, den Wasserfall nur noch Sonntags für die Touristen „in Betrieb zu setzen".) — Diele Stunden, bis in die Nächte, kann man sitzen an den Llfern und wird nicht müde, hineinzuschauen in das brausende, schäumende, sich auftürmende und wieder dahinjagende Element des wilden Wassers. Der Mensch wird so klein hier und er kann nur in ehrfürchtiger Beklommenheit fid) neigen vor der Majestät der Naturgewalt. „Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst." Menschen und Verhältnisse. Die Finnen sind ein mongolischer Dolksstamm. Ganz ausgeprägt mongolische Gesichtszüge aber mit schiefstehenden Augen findet man fast nur noch auf dem Lande; in den Städten, vor allem an der Küste, hat der schwedische Einschlag stark verwischend gewirkt. Finnland-Schweden und Finnen, deren Sprachen volle Gleich!berechtigung haben, liegen in einem sich stets zuspitzenden Kampfe miteinander. Der Jntelligenzschicht gehörten bis vor noch ganz wenigen Jahrzehnten so gut wie ausschließlich nur schwedisch sprechende Finnländer an. Heute ist das Bild schon wesentlich anders und wird sich in wenigen Jahren zu Gunsten der Finnen noch sehr viel weiter verschieben. Auch die schwedische Spräche wird immer stärker zurückgedrängt durch das in den letzten Jahren seit der Defteiung von dein russischen Joche mit aller Kraft erwachte und gelegentlich stark übersteigerte Selbstbewußtsein des finnischen Volkes. Dies« Zurückdrängung der schwedischen Sprache mit dem Ziele der Aufhebung ihrer staatlichen Gleichberechtigung ist sicher vom finnischen Nationalitätsgesichtspunkt aus begrüßenswert, läßt aber andererseits manche Schwierigkeit der kulturellen Situation offenbar werden. Denn während die schwedische Sprache bislang fo» Magen eine Drücke bildete zu den europäischen Geistesgütern hin, so wird jetzt eine gewisse kulturelle Isolierung mehr und mehr fühlbar werden, da die finnische Sprache ohne jegliche Anlehnung an germanische oder romanische Sprachstämme ist und nur gelernt werden kann von Menschen, für Bi« es absolut unumgänglich ist, noch dazu, da sie nur von noch nicht 3y2. Millionen Menschen gesprochen wird. Nicht bleibt deshalb das finnische Volk von Kinos, Büchern auf Courths-Mahler-Niveau und ähnlichen neuzeitlichen Errungenschaften verschont, aber viele Bücher von hohem Kulturwert z. B. werden dem gewöhnlichen finnischen Leser einfach deshalb nicht zugänglich sein, weil es ost nicht lohnt, sie in finnischer Liebersetzung zu drucken des zu Keinen Marktes wegen. Dabei ist die eigene geistige Produktivität naturgemäß noch sehr gering. Wir haben es mit einem durchaus jungen Volke zu tun, unverbraucht und vorwärtsdrängend, wo das Schwergewicht nicht auf dem Gewordenen, sondern aus dem Werdenden liegt. Lind daS macht es gerade so wertvoll, eimnal zu leben unter diesen Menschen mst ihren durchweg wohlgebauten, stolz aufgerichteten Körpern und mit ihren Hellen klaren Augen. Gänzlich unraffiniert, den Blick aufs Nüchtern« und Prakfische gerichtet, ohne Hang zu Grübelei, sind die Menschen aufgeschlossen und entgegenkommend. Beonders wohltuend aber ist es, di« große Sympathie zu spüren, die man dem deutschen Volk« gegenüber in Finnland allerorts hegt, und unzählig viele Deutsche wissen dankbar zu erzählen von der übergroßen Hilfs- bereitschaft und Gastfreundschaft, die ihnen in den letzten Jahren drüben zuteil geworden ist. Vrühl'fchen Llniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.