Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |925 Dienstag, -en 12. Mai Hummer 58 Begegnung. Von Wilhelm von Scholz. Langsam hab' ich mich dir zugewandt und umkreise dich wie Mond die Erde. Auf dir ruht mein Auge wie auf Land — gib mir deine Hand, daß ich weih, ob ich dich lieben werde. Doll Begehren tauch' ich auf aus Ruh', fasse deine Hand — fasse deine Hand und fühle in mir fremde regungslose Kühle. Lasse deine Hand — bleischwer fällt sie deinem Körper zu. Goldener. Ein K i n d e r m ä r ch e n *). Es sind wohl zweitausend Jahre, oder noch länger, da hat in einem dichten Wald ein armer Hirte gelebt, der hatte sich ein bretternes Haus mitten im Walde erbaut, darin wohnte er mit seinem Weibe und seinen sechs Kindern; die waren alle Knaben. An dem Hause war ein Ziehbrunnen und ein Gärtlein, und wann der Vater das Vieh hütete, so gingen die Kinder hinaus und brachten ihm zu Mittag oder zu Abend einen kühlen Trunk aus dem Bronnen oder ein Gericht aus dem Gärtlein. Dem jüngsten der Knaben riefen die Eltern nur: Goldener; denn seine Haare waren wie Gold, und obgleich der jüngste, so war er doch der stärkste von allen und der größte. So oft die Kinder hinausgingen, so ging Goldener mit einem Baumzweige voran, anders wollte keines gehen, denn jedes fürchtete sich, zuerst auf ein Abenteuer zu stoßen, ging aber Goldener voran, so folgten sie freudig eins hinter dem andern nach, durch'das dunkelste Dickicht, und wenn auch schon der Mond über dem Gebirge stand. Eines Abends ergötzten sich die Knaben aus dem Rückweg vom Vater mit Spielen im Walde, und hatte sich Goldener vor allen so sehr im Spiele ereifert, daß er so hell aussah, wie das Abendrot. „Laßt uns zurückgehn!", sprach der Aelteste, „es scheint dunkel zu werden." „Seht da, der Mond!" sprach der Zweite. Da kam es licht zwischen den dunkelen Tannen hervor, und eine Frauengestalt wie der Mond setzte sich auf einen der moosigen Steine, spann mit einer kristallenen Spindel einen lichten Faden in die Rächt hinaus, nickte mit dem Haupte gegen Goldener und sang: „Der weihe Fink', die goldne Ros', Die Königskron' im Meeresschoh." Sie hätte wohl noch weiter gesungen, da brach ihr der Faden und sie erlosch wie ein Licht. Run war es ganz Rächt, die Kinder faßte ein Grausen, sie sprangen mit kläglichem Geschrei bas eine dahin, das andere dorthin, über Felsen und Klüfte, und verlor eines das andere. Wohl viele Tage und Rächte irrte Goldener in dem dicken Wald umher, fand auch weder einen seiner Brüder, noch die Hütte seines Vaters, noch sonst die Spur eines Menschen; denn es war der Wald gar dicht verwachsen, ein Berg über den andern gestellt und eine Klus? unter die andere. Die Draünbeeren, welche überall herumrankten, stillten seinen Hunger und löschten seinen Durst, sonst wär' er gar jämmerlich gestorben. Endlich am dritten Tage, andere sagen gar erst am sechsten, wurde der Wald hell und immer heller. und da kam er zuletzt hinaus und auf eine schöne grüne Wiese. Da war eS ihm so leicht um das^Herz, und er atmete mit vollen Zügen die freie Luft ein. Auf derselben Wiese waren Garne ausgelegt, denn da wohnte ein Vogelsteller, der fing die Vögel, die aus dem Walde flogen, und trug sie in die Stadt zu Kaufe. „Solch ein Bursche ist mir grade vonnöten," dachte der Vogelsteller, als er Goldenem erblickte, der auf der grünen Wiese nah an den Garnen stand und in den weiten blauen Himmel hineinsah, und sich nicht satt sehen konnte. Der Vogelsteller wollte sich einen Spaß machen, er zog seine Garne und husch! war Goldener gefangen und lag unter dem Garne gar erstaunt, denn er wußte nicht, wie das geschehen war. „So fängt man die Vögel, die aus dem Walde kommen, — sprach *) Aus „Die Meister", Deutsche Meister-Bund E. V., München. Märzheft Rr. 3. 1925, i _ >। der Vogelsteller, laut und lachend, — deine roten Federn sind mir eben recht. Du bist wohl ein verschlagener Fuchs, bleibe bei mir, ich lehre dich auch die Vögel sangen!" Goldener war gleich dabei, ihm- bäuchte unter den Vögeln ein gar lustig Leben, zumal er ganz die Hoffnung aufgegeben hatte, die Hütte seines Vaters wiederzufinden. „Laß erproben, was du gelernt hast," sprach der Vogelsteller nach einigen Tagen zu ihm. Goldener zog die Garne und bei dem ersten Zuge fing er einen schneeweißen Finken. „Packe dich mit diesem weißen Finken!" — schrie der Vogelsteller, — „du hast es mit dem Dösen zu tun!“ und so stieß er ihn gar unsanft von der Wiese, indem er den weißen Finken, den ihm Goldener gereicht hatt, unter vielen Derwünschungen unter den Füßen zertrat. Goldener konnte die Worte des Vogelstellers nicht begreifen, er ging getrost wieder in. den Wald zurück und nahm sich noch einmal- vor, die Hütte seines Vaters zu suchen. Er lief Tag und Rächt über Felsensteine und alte gefallene Baumstämme, fiel auch gar oft über die schwarzen Wurzeln, die aus dem Boden überall hervorragten. Am dritten Tage aber wurde der Wald immer heller und heller, und da kam er endlich hinaus und in einen schönen lichten Garten, der war voll der lieblichsten Blumen, und weil Goldener so was noch nie gesehen, blieb er voll Verwunderung stehn. Der Gärtner im Garten bemerkt ihn nicht so bald, denn Goldener stand unter den Sonnenblumen und seine Haare glänzten im Sonnenschein nicht anders als so eine Blume. „Ha!" — sprach der Gärtner, — „solch einen Burschen hab' ich gerade vonnöten!" und schloß das Tor des Gartens. Goldener lieh es sich gefallen, denn ihm bäuchte unter den Blumen ein gar buntes Leben, zumal er ganz die Hoffnung aufgegeben hatte, die Hütte seines Vaters wiederzufinden. „Fort in den.Wald! — sprach der Gärtner eines Morgens zu Goldener, — hol mir einen wilden Rosenstock, damit ich zahme Rosen darauf pflanze!" Goldener ging und kam mit einem Stock der schönsten goldfarbenen Rosen zurück, die waren auch nicht anders, als hätte sie der geschickteste Goldschmied für die Tafel eines Königs geschmiedet. „Packe dich mit diesen goldenen Rosen!" — schrie der Gärtner — „du hast es mit dem Bösen zu tun!" und so stieß er ihn gar unsanft aus dem Garten, indem er die goldenen Rosen unter vielen Verwünschungen in die Erde trat. Goldener konnte die Worte des Gärtners nicht begreifen, erging getrost wieder in den Wald zurück und nahm sich nochmals vor, die Hütte seines Vaters zu suchen. Er lief Tag und Rächt von Daum zu Baum, von Fels zu Fels. Am dritten Tage endlich wurde der Wald immer heller und heller, und da kam Goldener hinaus und an das blaue Meer, das lag in einer unermeßlichen Weite vor ihm. Die Sonne spiegelte sich eben in der kristallhellen Fläche, da war es wie fließendes Gold, darauf schwammen schöngeschmückte Schiffe mit langen fliegenden Wimpeln. Eine zierliche Fischerbarke stand' am Ufer, in die trat Goldener und sah mit Erstaunen in die 1 Helle hinaus. „Ein solcher Bursch' ist uns gerade vonnoten, sprachen die Fischer, und husch! stießen sie vom Lande. Goldener lieh es sich gefallen, denn ihm dauchte bei den Wellen ein goldenes Leben, zumal er ganz die Hoffnung aufgegeben hatte, seines Vaters Hütte wiederzufinden.. Die Fischer warfen ihre Retze aus und fingen nichts. „Lah sehen, ob du glücklicher bist!" sprach ein alter Fischer mit : silbernen Haaren zu Goldener. Mit ungeschickten. Händen senkte Goldener das'Retz in die Tiefe, zog und fischte eine Krone von hellem Golde. ’ Triumph!" — rief der alte Fischer, und fiel Goldenern zu Füßen, - „ich begrüße dich als unfern König! Vor hundert Jghren versenkte der alte König, welcher keinen Erben hatte, sterbend seine Krone im Meer, und so lange bis irgendeinen Glücklichen das Schicksal bestimmt hätte, die Krone wieder aus der Tiefe zu ziehen, sollte der Thron ohne Rachfolger in grauer ; gehüllt bleiben." K. • ro„T „Heil unserem König!" riefen die Schiffer, und setzten, Gol- . denern die Krone auf. Die Kunde von Goldener und der ,wieder- gesündenen Königskrone erscholl bald, von Schiff zu Schiff, und . über das Meer weit in das Land hinein. Da war die.goldene : Fläche bald mit bunten Nachen bedeckt und nut Schiffen, kne — 150 -3 mH Blume» und Laubwerk geziert waren! diese begrüßten alle mit lautem Jubel das Schiff, auf welchem König Goldener stand. Cr stand, die Helle Krone auf dem Haupte, am Vorderteile des Schafes und sah ruhig der Sonne zu, wie sie im Meere erlosch. Geisteswissenschaft führen. So bildet sich aus seiner Weltanschauung der Freiheiten die Anthroposophie heraus. In den Krisen der Theosophischen Gesellschaft fand Rudolf Steiner eche GrIp« von Menschen, die von den Resultaten und Wegen seiner geistigen Forschung hören wollten. Er schrieb seine grundlegenden anthro- posophischen Bucher: Theosophie 1904. Wie erlangt matt Erkenntnisse der höheren Welten 1905, Geheimwissenschaft 1910 diesen versucht er zu zeigen, daß es den Menschen möglich ist durch Entwicklung eines übersinnlichen Bewußtseins zum kon- kreten Erleben der geistigen Welt vorzuschreiten. Obwohl Rudolf Steiner von seiner frühesten Jugend an der geistigen Welt anschauend gegenüberstand, sprach er doch jaWitte lang von seinen Erlebnissen auf diesem Gebiet« nicht. Er war immer so eingestellt, daß er das, was er sagte, davon abhängig machte, ob es in einer richtigen Weise von den- lenigen aufgenommen werden konnte, zu denen er sprach. So durchlebte er mehr die Ideenwelt der anderen, als daß er über ß™- eigenen Schauungen hätte sich äußern können. Von dieser Einstellung gibt ein beredtes Zeugnis, was er selbst in seinem „Lebensgangs" ausführt. Von unendlicher Wichtigkeit war für Rudolf Steiner die Begegnung mit Marie von Sievers, (später Frau Marie Sterner), die gerade für dasjenige Verständnis hatte, was er Mr rm Innersten verschließen mußte. Sie war durch und durch Künstlerin. And da die Kunst „eine Offenbarerin geheimer Naturgesetze ist, tote Goethe sagt, so konnte gerade durch das Zusammenarbeiten mit Marie von Sievers manches von dem sich offenbaren, was ohne die Kunst eine Ausdrucksmöglichkeit damals noch nicht gefunden hätte. Daraus entstand die eu° rhythmische Kunst, der wiederum zugrunde liegt eine besondere Art der Rezitation und Deklamation, die Rudolf Steiner zusammen mit Marie von Sievers ausgebildet hat Im, Zusammenhang mit diesen Bestrebungen schrieb Rudolf Stemer mehrere Dramen, in denen in bildhafter Weise Geist- Erschautes Largestellt wird, so daß sonst verborgene Schicksals- zufammenhange sich in der Sprache der Kunst offenbaren. Gerade die Ausgestaltung des Künstlerischen nach der dramatischen Seite hin erforderte den Bau eines eigenen Hauses, dessen baukünst- lertsche Formen dem angepaßt sein mußten, was in Rede, eurhhthmischer Darstellung oder Rezitation aus dem Geiste der anthroposophischen Bewegung heraus sich allmählich ausgestaltete. Dies führte zu dem Gedanken, in einem eigenen Stile ein Haus bauen, welches das Zentrum der anthroposophischen Gesell- sch.ast sein sollte. So entstand das Goeth eanum in Dörnach bei Basel, das vor dem Kriege begonnen wurde, während des Krieges von Angehörigen von 17 Nationen in treuer Eintracht gemeinschaftlich weitergebaut wurde und vielleicht den größten Holzkunstbau darstellte, der in der heutigen Zeit äusgeführt worden ist. Bekanntlich fiel dieser Vau in der Shlvesternacht 1922 bis 1923 einem Brande zum Opfer. Gerade das deutsche Geistesleben, und besonders jene bedeutende Epoche der Entwicklung des deutschen Geistes zur <5eu Goethes hat wenige so begeisterte Vertreter gefunden tote Ludolf Steiner. In seinem Buche „Vom Menschenrätsel" hat er bedeutende Schilderungen der großen deutschen Denker Fichte, Schelling und Hegel und vieler anderer geliefert. Auch Jean r „ J! Pn$ ^hlands Werke hat er herausgegeben. Auch während » sich dieses Verständnis für die Eigenart des deutschen Wesens an dem damals geschriebenen Buche Gedanken wahrend des Krieges für Deutsche und solche, die nicht glauben, sie hassen zu müssen". . ®j.e, ?reigliederun.gsbewegung entstand nicht eigentlich durch seine Jmtiative, sondern durch die Initiative einiger im praktischen Leben stehender Persönlichkeiten, die sich nach dem Ende des Krieges um Rat an ihn wandten. Ebenso war es Bet der Begründung der Wirtschaftsunternehmungen des Kommenden Tages. Aus eigener Initiative Politik machen zu wollen oder wirtschaftliche Unternehmungen zu begründen, lag Stemer ganz fern, doch hielt er sich für verpflichtet, niemandem einen -Rat vorzuenthalten, den er zu geben imstande war. In seinem Buche Die Kernpunkte der sozialen Frage 1918". hat er aber tn großen Zügen in einer völlig neuen Weise die Probleme des sozialen Lebens behandelt. Wie auf so vielen anderen Gebieten, so trat auch aus dem Kreise der Theologen eine Gruppe von Menschen an Rudolf Stemer heran mit der Bitte, ihnen dasjenige zu vermitteln, was sie aus etgensten Impulsen für eine Erneuerung des religiösen Lebens für notwendig hielten. Daraus ging die Bewegung der religiösen Erneuerung, deren Führer Lic. Dr. Friedrich Rittelmeher ist, hervor. . , ^?^re 1909 trat Herr Emil Molt, der Leiter der Wal- dorf-Astorra-Ztgaretten- Fabrik, an Rudolf Steiner mit der Ditte heran, ob er die pädagogische Leitung einer für die Kinder der UnÖ'J?ngeMhen der Waldorf-Astoria-Zigaretten- öaBnt errichtenden Schule übernehmen wolle. Dies wurde ^eranlassuitg in mehrwöchentlichen pädagogischen Kursen, welche er den Lehrern hielt, die in der Schule wirken J”™1’ ben verschiedensten Gegenden zusammengekommen Ä f?n® auf anthroposophischer Grundlage ausgearbeitete Menschenkunde zu entwickeln. So entstanden die Grundlagen ueuen Pädagogik, der Lehrplan und die ganze Ein- Ltung der äreien Waldorfschule. Eine große Schul- vewegung ist heute daraus geworden. And viele Lehrer verehren Rudolf Steiner. Von anthroposophischer Seite werden wir um Veröffentlichung folgenden Nachrufes von Dr. Walter Johannes Stein gebeten: Mit Rudolf Steiner, dem Führer der anthroposophischen Bewegung verliert das deutsche Geistesleben eine seiner markantesten Persönlichkeiten. Er hatte das Schicksal, mit fast allen bedeutenden Menschen seiner Zeit in Berührung zu kommen. Dies wird an seinem von ihm selbst so anschaulich geschilderten Lebensgange offenbar, den er in der Zeitschrift „Das Goethe- anunt“ in vielen Fortsetzungen erscheinen lieh und an dem er toeiterschrieb bis wenige Tage vor seinem Tode. In dieser Autobiographie kommt eine große Selbstlosigkeit seines Wesens zum Ausdruck; denn indem er von seinem Leben spricht, wird sein Lebensgang zu einer Aeberschau über die ganze Kultur seiner Zeit. Er ist am 27. Februar 1861 in Kraljevic in einem Grenz- dvrfe zwischen Oesterreich und Ungarn geboren. Er stammt aus einer niederösterreichischen Dauernfamilte und sein Vater war ein kleiner österreichischer Eisenbahnbeamter. Schon seine ersten Knabeneindrücke führten ihn mitten in das moderne Leben, wie es sich auf der Eisenbahnstation abspielte, auf der sein Vater Dienst machte. Er absolvierte Bann die Realschule in Wiener Neustadt und studierte an der Technischen Hochschule in Wien. So kam es, daß aus dem Knaben, der so innig 'mit der Natur verbunden war, und dem schon damals jeder Daum, jeder Stein geistige Geheimnisse zuraunten, ein Mann wurde, der Sinn und Fähigkeit hatte für das praktische Leben. An der Wiener Technik lehrte damals der durch seinen Faustkommentar und die Wiederentdeckung der Oberuferer Deutschen Weihnachtsspiele bekannte Professor der deutschen Literatur, Karl Julius Schröer. Dieser faßte zu dem jungen Manne eine herzliche Zuneigung und übertrug ihm die Herattsgabe und Bearbeitung von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners deutscher National-Literatur. Damit hatte sich ein wichtiges Schicksal in Rudolf Steiners Leben angebahnt. Wenn Rudolf Steiner in späteren Zeiten von den Menschen sprach, die seine Lehrer gewesen find, so tat er es immer mit herzlichster Liebe. So sprach er von Schröer und auch von dem mit Unrecht fast vergessenen sympathischen Philosophen Vinzenz Knauer, dessen aristotelisch-thomistische Psychologie und sonstiges philosophisches Wirken auf Rudolf Steiner den größten Eindruck machten. Hier liegen wichtige Anregungen für sein philosophisches Denken, das in dem Werke „Philosophie der Freiheit" (1894) gipfelt. In seiner „Philosophie der Freiheit" verband er, aristotelischen Wirklichkeitssinn und deutschen Idealismus, tote ihn Johann Gottlieb Fichte offenbart. Seine Goethe- schriften, deren Äedeutung Schröer so schön in seiner Vorrede zu denselben hervorhebt, verschafften ihm den Ruf an das Weimarer Goethe-Archiv, wo er mit der Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes für die Sophienausgabe . betraut wurde. Dort wirkte er über sechs Jahre. In dem Werke „G o e t h e s W e l t a n s ch a u u n g" brachte er 1897 seine Goeihe- arBetten zu einem vorläufigen Abschluß. Inzwischen hatte er 1891 an der Universität Rostock über das Thema „Die Aus- etnandersehung des philosophischen Bewußtseins mit sich selbst" d^sertlert, welche Arbeit 1892 unter dem Titel „Wahrheit und Wissenschaft" erschien. Vom Jahre 1897 an war er durch drei Jahre Schriftleiter p®3 „Magazins für Literatur" zusammen mit Otto Erich Hart- leben Mit großer Sicherheit des Urteils und seinem Sinn für fremoe Werte und Weltanschauung weist er dort auf jede bedeut- üwrarische !$rf^einung urtö charakterisiert mit Liebe und Verständnis jeBe Persönlichkeit, die er zu der Gemeinde der- lenigen zahlt, die damals moderne Geistesfreiheit anstrebten. er auch zu Nietzsches Persönlichkeit den Weg des liebevollen Verständnisses gefunden hat, zeigt sein Buch „Nietzsche v« Ä x!eme d" (1894). Während Nietzsche an m°&ec’ten , Agnostizismus zugrunde ging, trat in Haeckel eine.Persönlichkeit entgegen, welche die '"x ?, Naturanschauung bis zur äußersten Konsequenz, wenn fitote ri^Qfe"tler-e und vertrat. Dessen „Monismus" hatte er schon 1893 in einem Vortrage „Einheitliche Ratur- anfchauung und Erkenntntegrenzen" einen „geistgemäßen Monis- mug gegenubergestellt. Er wollte die geistige Welt die ibrn P™ leh« anschaulich gegeben war, ebenso konkret behandelt 2^. Haeckel tn genialer Weise die Naturformen, jedoch mit Beschränkung auf diese, behandelte. > t m ®Soi^ T5 Steiners „Lebensgang" zu ersehen, daß zu derselben Zett der Jahrhundertwende, in der Haeckel an ihn heran- trat, in seiner Seele der Keim zu dem Buche „Das Christen- S V st'sch eLatsach e" entstand, das im Jahre 1902 9t •' ^uch bildet die Grundlage der Christologie Rudo f Steiners. Don der Naturwissenschaft, die er in ihren bedeutenden Vertretern wie Haeckel voll anerkennt, will er zur in Rudolf Steiner, der eigentlich sein ganzes Leben hindurch an den verschiedensten Stellen im Lehrberufe gestanden hat, einen der größten Anreger auf dem Gebiet der Pädagogik. Wenn es mir am Schlüsse dieser Ausführungen, die das Lebensiverk dieser so vielseitigen Persönlichkeit in wenigen Strichen andeuten sollte, von einem persönlichen Erlebnis zu sprechen vergönnt ist, so möchte i-d) kurz schildern, wie Rudolf Steiner im Kreise derer, die das Glück hatten, mit ihm zu verkehren, wirkte. Rudolf Steiner war in des Wortes umfassendster Bedeutung ein Mensch. Das menschlich Große lebte in ihm in einer wunderbaren Harmonie. Aus seinen Augen strahlte reinste Güte. Seine Hände konnten so sanft sich auf Kinderlocken legen, so sah man ihn oft in der Waldorfschule umjubelt von den Kindern, die ihn liebten. Am Rednerpult war in ihm alles beherrschte Kraft. Da irahlten seine Augen eindringlichen Ernst, seine Hände formten n plastischer Gebärde das im Wort Gemeinte. Wenn er sprach, chien die Lieberzeugung- von dem, was er sagte, ihn fester auf der Erde stehen zu lassen. — Lind doch sprach er vom Geistigen, vom Lleberstnnlichen. Wer ihm geistig folgte, erkannte bald, datz die Geistesreichen, von denen er sprach, Wirklichkeiten waren. Was er anregte, floß auch immer gleich in die Hand. Seine Gedanken waren immer ausführbar. Daß nicht immer ausgeführt wurde, was er anregte, lag an uns andern. Trotzdem er Lausende von- Vorträgen hielt, war er insofern schweigsam, als er niemals redete, was nicht Aussicht hatte, praktisch ausgewirkt zu werden. Er war ein Mann, der voll im Leben stand, und der auch andere so ins Leben zu stellen wußte. Alle Mystelei haßte er. Ihm war das Geistige eine Wirklichkeit, geschaffen, um das Leben zu durchdringen. Diese-innere Einstellung machte feine Gegenwart so erfrischend. Wenn irgendwo eine Komplikation des Lebens auftauchte, war die Lösung im Anzuge, wenn er die Sache angriff. Trotz seiner geradezu erstaunlichen Vielseitigkeit war er in fast allem, was er begann, Spezialist. Das offenbarte sich z. B., wenn er in den Lehrerkonferenzen der Waldorfschule mit den Vertretern der einzelnen Lehrgebiete sprach Er wußte über höhere Mathematik so gut Bescheid, wie z. B. über Zoologie oder das Malen. Er war ein umfassender Geist. Wer ihn in Vorträgen hörte, konnte ihn bewundern. Wer das Glück seines persönlichen Umganges genoß, mußte ihn lieben. Sein Tod erfüllt diejenigen, die ihn lieben, mit Schmerz. Aber über die Flammen des Schmerzes weht ein Luftzug des Lebensmutes, den er uns hinterlieh. Wer sein Schüler war, weih, dah er ihm danken muh, indem er weiterführt, was Steiner begann. Arbeitend in seinem Sinne fühlt man sich belebt von seiner auch über den Tod wirkenden geistigen Gegenwart. Das halte Herz. Don Wilhelm Hauff. (Fortsetzung.) Der Sturm hatte sich während der Erzählung des Alten gelegt,- die Mädchen zündeten schüchtern die Lampen an und gingen weg; die Männer aber legten Peter Munk einen Sack voll Laub als Kopfkissen auf die Ofenbank und wünschten ihm gute Rächt. ■ Kohlenmunkpeter hatte noch nie so schwere Träume gehabt wie in dieser Rächt; bald glaubte er, der finstere riesige Holländer-Michel reihe die Stubenfenster auf und reiche mit seinem ungeheuer langen Arm einen Deutel voll Goldstücke herein, die er untereinanderschüttelte, datz es hell und lieblich klang; bald sah er wieder das kleine, freundliche Glasmännlein auf einer ungeheuren, grünen Flasche int Zimmer umherreiten, und er meinte das heisere Lachen wieder zu hören wie im Tannenbühl; dann brummte es ihm wieder ins linke Ohr: „In Holland gibt's Gold! Könnt's haben, wenn Ihr wollt, Um geringen Sold, Gold, Gold!" Dann hörte er wieder in sein rechtes Ohr das Liedchen vom Schatzhauser im grünen Tannenwald, und eine zarte Stimme flüsterte: „Dummer Kohlenpeter, dummer Peter Munk, kannst kein Sprüchlein reimen auf stehen, und bist doch am Sonntag geboren „Schlag zwölf Uhr. Reime, bummer Peter, reime!" Er ächzte, er stöhnte im Schlaf, er mühte sich ab, einen Reim zu finden; aber da er in seinem Leben noch keinen gemacht hatte, war seine Mühe im Traume vergebens. Als er aber mit dem ersten Frührot erwachte, kam ihm doch sein Traum sonderbar vor; er setzte sich mit verschränkten Armen hinter den Tisch und dachte über die Einflüsterungen nach, die ihm noch immer im Ohr lagen: „Reime, dummer Kohlenmunkpeter, reime," sprach er zu sich und pochte mit dem Finger an seine Stirne; aber es wollte kein Reim hervorkommen. Als er noch so dasaß, trübe vor sich hinschaute und an den Reim auf stehen dachte, da zogen drei Burschen an dem Hause vorbei in den Wald, und einer sang im Dorübergehen: „Am Berge tat ich stehen Und schaute in das Tal, Da hab ich sie gesehen Zum allerletztenmal." 151 - Das fuhr wie ein leuchtender Blitz durch Peters Ohr, und hastig raffte er sich auf, stürzte aus dem Haus, weil er meinte, nicht recht gehört zu haben, sprang den drei Burschen nach und packte den Sänger hastig und unsanft beim Arm. „Halt, Freund," rief er, „was habt ihr da auf stehen gereimt? Tut mir die Liebe und sprecht, was ihr gesungen!" „Was ficht's dich an, Bursche?" entgegnete der Schwarzwälder. „Ich kann fingen, was ich will, und laß gleich meinen Arm los, oder —“ „Rein, sagen sollst du, was du gesungen hast!" schrie Peter beinahe außer sich und packte ihn noch fester an; die zwei anderen aber, als sie dies sahen, zögerten nicht lange, sondern fielen mit derben Fäusten über den armen Peter her und walkten ihn derb, bis er vor Schmerzen das Gewand des dritten ließ und erschöpft in die Knie sank. „Jetzt hast du dein Teil," sprachen sie lachend, „und merk dir, toller Bursche, dah du Leute, wie wir sind, nimmer anfällst auf offenem Wege." „Ach, ich will mir es gewißlich merken!" erwiderte Kohlenpeter seufzend. „Aber so ich die Schläge habe, seid so gut und saget deutlich, was jener gesungen!" Da lachten sie aufs neue und spotteten ihn aus; aber der das Lied gesungen, sagte es ihm vor, und lachend und singend zogen sie weiter. „Also sehen," sprach der arme Geschlagene, indem er sich mühsam aufrichtete, „sehen auf stehen — jetzt. Glasmännlein, wollen wir wieder ein Wort zusammen sprechen." Er ging in die Hütte, holte seinen Hut und den langen Stock, nahm Abschied von den Bewohnern der Hütte und trat seinen Rückweg nach dem Tannenbühl an. Er ging langsam und sinnend seine Straße, denn er muhte ja einen Vers ersinnen; endlich, als er schon tn dem Bereich des Tannenbühls ging, und die Tannen höher und dichter wurden, hatte er auch seinen Vers gesunden und machte vor Freuden einen Sprung in die Höhe. Da trat ein riesengroßer Mann in Flözerkleidung und eine Stange so lang wie ein Mastbaum in der Hand hinter den Tannen hervor. Peter! Munk sank beinahe in die Knie, atS er jenen langsamen Schrittes neben sich wandeln sah; denn er dachte: Das ist der Holländer- Michel und kein anderer. Roch immer schwieg die furchtbare Gestalt, und Peter schielte zuweilen furchtsam nach ihm hin. Er war wohl einen Kopf größer als der längste Mann, den Peter je gesehen; sein Gesicht war nicht mehr jung, dock) auch nicht alt, aber voll Furchen und Falten; er trug ein WamS von Leinwand, und die ungeheuren Stiesel, Über die Lederbeinkleider heraufgezogen, waren Peter aus der Sage wohlbekannt. „Peter Munk, was tust du im Tannenbühl?" fragte der Waldkönig endlich mit tiefer, dröhnender Stimme. , „Guten Morgen, LandSmann," antwortete Peter, indem er sich unerschrocken zeigen wollte, aber heftig zitterte. „Ich will durch den Tannenbühl nach Haus zurück." „Peter Munk," erwiderte jener und warf einen stechenden, furchtbaren Blick nach ihm hinüber, „dein Weg geht nicht durch diesen Hain." „Run, so gerade just nicht," sagte jener, „aber es macht heute warm, da dachte ich, es wird hier kühler sein." „Lüge nicht, du Kohlenpeter!" rief Holländer-Michel mit donnernder Stimme, „oder ich schlag dich mit der Stange zu Boden; meinst, ich hab dich nicht betteln sehen bei dem Kleinen?" setzte er sanft hinzu. „Geh, geh, das war ein dummer Streich, und gut ist eS, datz du das Sprüchlein nicht wutztest; er ist ein Knauser, der kleine Kerl, und gibt nicht viel, und wem er gibt, der wird seines Lebens nicht froh. — Peter, du bist ein armer Tropf und dauerst mich in der Seele; so ein munterer, schöner Bursche, der in der Welt toaS anfangen könnte, und sollst Kohlen Brennen! Wenn andere große Taler und Dukaten aus dem Aermel schütteln, kannst du kaum ein paar Sechser auf wenden; 's ist ein ärmlich Leben." „Wahr ist's, und recht habt Ihr, ein elendes Leben." „Ra, mir soll's nicht darauf ankommen," fuhr der schreckliche Michel fort, „hab schon manchem braven Kerl aus der Rot geholfen, und du wärest nicht der erste. Sag einmal, wie viel hundert Taler brauchst du fürs erste?" Bei diesen Worten schüttelte er das Geld in seiner ungeheuren Tasche untereinander, und es klang wieder wie diese Rächt im Traum. Aber Peters Herz zuckte ängstlich und schmerzhaft Bei diesen Worten, es wurde ihm kalt und warm, und der Holländer-Michel sah nicht aus, wie wenn er auS Mitleid Geld wegschenkte, ohne etwas dafür zu verlangen. ES fielen ihm die geheimnisvollen Worte des alten ManneS über die reichen Menschen ein, und von unerklärlicher Angst und Bangigkeit gejagt, rief er: „Schön Dank. Herr! Aber mit Euch will ich nichts zu schaffen haben, und ich kenn Euch schon," und lief, was er laufen konnte. — Aber der Waldgeist schritt mit ungeheuren Schritten neben ihm her und murmelte dumpf und drohend: „Wirst's noch bereuen, Peter, auf deiner Stirne steht'S geschrieben, in deinen Augen ift’S zu lesen, du entgehst mir nicht. — Lauf nicht so schnell, höre nur noch ein vernünftiges Wort, dort ist schon meine Grenze!" Aber als Peter dieS hörte und unweit vor sich einen kleinen Graben sah, Beeilte er sich nur noch mehr, über die Grenze zu kommen, so datz Michel am Ende schneller laufen muhte und unter Flüchen und Drohungen ihn verfolgte. Der junge Mann setzte mit einem verzweifelten Sprung über den Graben; denn er sah, wie der Waldgeist mit seiner Stange ausholte und sie auf ihn niederschmettern lassen wollte; 152 —. er kam glücklich jenseits an. und die Stange zersplitterte in der Luft wie an einer unsichtbaren Mauer, und ein langes Stück fiel zu Peter herüber. . Triumphierend hob er er auf, um es dem groben Holländer- Wichel zuzuwerfen; aber in diesem Augenblick fühlte er das Stück Holz in seiner Hand sich bewegen, und zu seinem Entsetzen sah er, daß es eine ungeheure Schlange sei, was. er in der Hand hielt, die sich schon mit geifernder Zunge und mit blitzenden Augen an ihm hinaufbäumte. Er lieh sie los: aber sie hatte sich schon fest um seinen Arm gewickelt und kam mit schwankendem Kopfe seinem Gesicht immer näher; da rauschte auf einmal ein ungeheurer Auerhahn nieder, packte den Kopf der Schlange mit dem Schnabel, erhob sich mit ihr in die Lüfte, und Holländer- Michel, der dies alles von dem Graben aus gesehen hatte, heulte und schrie und raste, als die Schlange von einem Gewaltigern entführt ward. Erschöpft und zitternd setzte Peter seinen Weg fort; der Pfad wurde steiler, die Gegend wilder, und bald, befand er sich an der ungeheuren Tanne. Er machte wieder wie gestern seine Verbeugungen gegen das unsichtbare Glasmännlein und Hub dann an: „Schatzhauser int grünen Tannenwald, Bist schon viel hundert Jahre alt; Dein ist all Land, wo Tannen stehn, Läßt dich nur Sonntagskindern sehn." „Hast's zwar nicht ganz getroffen; aber weil du es bist, Kohlenmunkpeter, so soll es so hingehn," sprach eine zarte, feine Stimme neben ihm. Erstaunt sah er sich um, und unter einer schönen Tanne saß ein kleines, altes Männlein in schwarzem Wams und roten Strümpfen und den großen Hut auf dem Kopf. Er hatte ein feines, freundliches Gesichtchen und ein Bärtchen so zart wie aus Spinnweben; er rauchte, was sonderbar an- zusehei! war, aus einer Pfeife von blauem Glas, und als Peter näher trat, sah er zu seinem Erstaunen, daß auch Kleider, Schuhe und Hut des Kleinen aus gefärbtem Glas bestanden; aber es war geschmeidig, als ob es noch heiß wäre; denn es schmiegte sich wie ein Tuch nach jeder Bewegung des Männleins. „Du hast dem Flegel begegnet, dem Holländer-Michel?" sagte der Kleine, indem er ■ zwischen jedem Worte sonderbar hüstelte. „Er hat dich recht ängstigen wollen, aber seinen Kunst- Prügel habe ich ihm abgejagt, den soll er nimmer wiederkriegen." „Ja, Herr Schatzhauser," erwiderte Peter mit einer tiefen Verbeugung, „es war mir recht bange. Aber Ihr seid wohl der Herr Auerhahn gewesen, der die Schlange totgebissen? Da bedanke ich mich schönstens. — Ich lomijte aber, um mich Rats zu erholen bei Euch; es geht mir gar schlecht und hinderlich; ein Kohlenbrenner bringt es nicht weit, und da ich noch jung bin, dächte ich doch, es könnte noch was Besseres aus mir werden; und' wenn ich oft andere sehe, wie weit die es in kurzer Zeit gebracht haben — wenn ich nur den Ezechiel nehme und den Tanzbodenkönig, die haben Geld wie Heu." .Peter," sagte der Kleine sehr ernst und blies den Rauch aus seiner Pfeife weit hinweg, „Peter, sag mir nichts von diesen! Was haben sie davon, wenn die hier ein paar Jahre dem Schein nach glücklich und dann nachher desto unglücklicher sind? Du muht dein Handwerk nicht verachten; dein Vater und Großvater waren Ehrenleute und haben es auch getrieben, Peter Munk! Ich will nicht hoffen, daß es Liebe zum Müßiggang ist, was dich zu mir führt." Peter erschrak vor dem Ernst des Männleins und errötete. „Rein," sagte er, „Müßiggang, weiß ich wohl, Herr Schatzhauser un Tannenwald, Müßiggang ist aller Laster Anfang; aber das könnet Ihr mir nicht Übelnehmen, wenn mir ein anderer Stand besser gefällt als der meinige. Ein Kohlenbrenner ist halt so gar etwas Geringes auf der Welt, und die Glasleute und Flözer und Ahrmacher und alle sind angesehener." „Hochmut kommt oft vor dem Fall,'' erwiderte der kl->ine Herr vom Tannenwald etwas freundlicher. „Ihr seid ein sonderbar Geschlecht, ihr Menschen! Selten ist einer mit dem Stand Sang zufrieden, in. dem er geboren und erzogen ist, und was gilt's, wenn du ein Glasmann wärest, möchtest du gern ein Holzherr sein, und wärest du Holzherr, so stünde dir des Försters Dienst oder des Amtmanns Wohnung an? Aber es sei! Wenn du versprichst, brav zu arbeiten, so will ich dir zu etwas Besserem verhelfen, Peter. Ich pflege jedem Sonntagskind, das sich zu mir zu finden weiß, drei Wünsche zu gewähren. Die ersten zwei sinn frei, den dritten kann ich verweigern, wenn er toruyt ist. So wünsche dir also jetzt etwas, aber —■ Peter etwas Gutes und Nützliches!" „Heisa! Ihr seid ein treffliches Glasmännlein, und mit Decht nennt man Euch Schatzhauser; denn bei Euch sind die Schatze zu Hause. Nu - und also darf ich wünschen, wonach ' mein Herz begehrt, so will ich denn fürs erste, daß ich noch besser tanzen könne als der Tanzbodenkönig und immer so viel Geld m der Tasche habe als der dicke Ezechiel." „Du Tor!" erwiderte der Kleine'zürnend. „Welch ein erbärmlicher Wunsch ist dies, gut tanzen zu können und Geld zum Spiel zu haben! Schämst du dich nicht, dummer Peter, dich selbst so um dein Glück zu betrügen? Was nützt es dir und deiner armen Mutter, wenn du tanzen kannst? Was nützt dir dein I Geld, das nach deinem Wunsch nur für das Wirtshaus ist und wie das des elenden Tanzbodenkönigs dort bleibt? Dann hast du wieder die ganze Woche nichts und darbst wie zuvor. Noch einen Wunsch gebe ich dir frei; aber sieh dich vor, daß du vernünftiger wünschest!" Peter kratzte sich hinter den Ohren und sprach nach einigem Zögern: „Nun, so wünsche ich mir die schönste und reichste Glashütte im ganzen Schwarzwald mit allem Zugehör und Geld, sie zu leiten." „Sonst nichts?" fragte der Kleine mit besorglicher Miene. „Peter, sonst nichts?" „Nun — Ihr könnet noch ein Pferd dazutun und ein Wägelchen —" „O, du dummer Kohlenmunkpeter!" rief der Kleine und warf seine gläserne Pfeife im Anmut an eine dicke Tanne, daß sie in hundert Stücke sprang. „Pferde? Wägelchen? Verstand, sag ich dir, Verstand, gesunden Menschenverstand und Einsicht hättest du wünschen sollen, aber nicht ein Pferdchen und Wägelchen. Nun, werde nur nicht so traurig! Wir wollen sehen, daß es auch so nicht zu deinem Schaden ist; denn der zweite Wunsch war im ganzen nicht töricht. Eine gute Glashütte nährt auch ihren Mann und Meister; nur hättest du Einsicht und Verstand dazu mitnehmen können, Wagen und Pferde wären bann wohl von selbst gekommen." „Aber, Herr Schatzhauser," erwiderte Peter, „ich habe ja noch einen Wunsch Übrig. Da könnte ich ja Verstand wünschen, wenn er mir so nötig ist, wie Ihr meinet." „Nichts da! Du wirst noch in manche Verlegenheit kommen, wo du froh sein wirst, wenn du noch einen Wunsch frei hast, cklnd nun mache dich auf den Weg nach Hause! Hier sind," sprach der kleine Tannengeist, indem er ein kleines Deutelein aus der Tasche zog, „hier sind zweitausend Gulden, und damit genug, und komm mir nicht wieder, um Geld zu fordern, denn dann müßte ich dich an die höchste Tanne aufhängen! So hab ich's gehalten, seit ich in dem Wald wohne. Vor drei Tagen aber ist der alte Winkfritz gestorben, der die große Glashütte gehabt hat im Anterwald. Dorthin gehe morgen frühe und mach ein Gebot auf das Gewerbe, wie es recht ist! Halt dich Wohl, sei fleißig, und ich will dich zuweilen besuchen und dir mit Rat und Tat an die Hand gehen, weil du dir doch keinen Verstand erbeten. Aber das sag ich dir ernstlich: Dein erster. Wunsch war böse. Nimm dich in acht vor dem Wirtshauslausen, Peter! 's hat noch bei keinem lange gut getan."- Das Männlein hatte, während er dies sprach, eine neue Pfeife vom schönsten Beinglas hervorgezogen, sie mit gedörrten Tannenzapfen gestopft und in Ben kleinen, zahnlosen Mund gesteckt. Dann zog es xin ungeheures Brennglas hervor, trat in die Sonne und zündete seine Pfeife an. Als es damit fertig war, bot es dem Peter freundlich die Hand, gab ihm noch ein paar gute Lehren auf den Weg, rauchte und blies immer schneller und verschwand endlich in einer Rauchwolke, die nach echtem, holländischem Tabak roch, und langsam sich kräuselnd, in den Tannenwipfeln verschwebte. .■ '■ '»■ Als Peter nach Haus kam, fand er seine Mutt'erAehr in Sorgen um ihn; denn die gute Frau glaubte nicht anders, als ihr Sohn sei zum Soldaten ausgehoben worden. Er aber war fröhlich und guter Dinge und erzählte ihr, wie er im Walde einen guten Freund getroffen, der ihm Geld vorgeschosfen habe, um ein anderes Geschäft als Kohlenbrennen anzusangen. Obgleich seine Mutter schon seit dreißig Jahren in der Köhlerhütte ivohnte und an den Anblick berußter Leute gewöhnt war, wie jede Müllerin an das Mehlgesicht ihres Mannes, so war sie doch eitel genug, sobald ihr Peter ein glänzenderes Los zeigte, ihren früheren Stand zu verachten und sprach: „Ja, als Mutter eines Mannes, der eine- Glashütte besitzt, bin ich doch was anderes als Nachbarin Grete und Bete und setze mich in Zukunft vornehin in der Kirche, wo rechte Leute sitzen." Ihr Sohn aber wurde , mit den Erben der Glashütte bald handelseinig. Er behielt die Arbeiter, die er vorfand, bei sich und ließ nun Sag und Nacht Glas machen. Anfangs gefiel ihm das Hand- we.r^ Wohl. Er pflegte gemächlich in die Glashütte hinabzu- uelgen, ging dort mit vornehmen Schritten, die Hände in c)is Taschen gesteckt, hin und her, guckte dahin, duckte dorthin, sprach dies und jenes, worüber seine Arbeiter oft nicht wenig lachten, und seine größte Freude war, das Glas blasen zu sehen, und oft machte er sich selbst an die Arbeit und formte aus der noch' Weichen Masse die sonderbarsten Figuren. Bald aber war ihm ote Arbeit entleibet, und er kam zuerst nur noch eine Stunde beo Tages in bie Hütte, dann nur alle zwei Tage, endlich die Woche nur einmal, und seine Gesellen machten, was sie wollten. Das alles kam aber nur vom Wirtshauslaufen. Den Sonntag, nachdem er vom Tannenbühl zurückgekommen war, ging er ins Wirtshaus, und wer schon auf dein Tanzboden sprang, war der -^anzbodenkönig, und der dicke Ezechiel saß auch schon hinter der Maßkanne unb knochelte um Kronentaler. Da fuhr Peter schnell ty die Tasche, zu sehen, ob ihm das Glasmännlein Wort ge- halten, und seine Tasche strotzte von Silber und Gold. Auch in feinen Demen zuckte und drückte es, wie wenn sie tanzen und bringen wollten, und als der erste Tanz zu Ende war, stellte er ftai mit seiner Tänzerin oben an. neben den Tanzbodenkönig. , lFortsetzung folgt.) Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der BrÜhl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießet