Gietzener MmMenblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, Sen ((. April Nummer 29 Ofterglaube. Von Kurt Joachim Baum. Plötzlich fielen Wölken vom Himmel. Phosphoreszierende Kugeln zerklirrten im Chaos. Heber Berge stolpernd, brüllten Orkane. Welten versanken, — die Sonne erlosch. Menschen im Tale stürzten entsetzt in ächzende Hütten, Höllen- brände in faulenden Knochen. Schaumüberworfen stierte das Vieh. And der Statur welkte die Blüte ins Grab. Einer nur stand. Mutig die Stirn den Gewalten entbietend, sah er hinauf an der dampfenden Erde, hinein in den ringenden Aether, suchte und fand. And er begann zu wandern. Schatten umgeiftert, durch die verschlungenen Pfade der Stacht, irrlichiernden Sümpfen entbrechend, über Vulkane, blutend von Lava, Felsen von Erz, die zu Sand zerfielen, vorbei an schillernden Regenbögen ■- 1 und glotzenden Götzen, behangen mit Beulen der Pest, auf rostigen Dornen schwankend hin über Klüfte, mit frierenden Wunden über kristallene Gletscher, — siegte der Glaube sich hin in den Frühling, wölbte er, groß, sich empor, den Gipfel der Menschheit erwandernd. Höher und höher stieg er hinan, mehr schon getragen kam nun der Gipfel zu ihm, And die Gesichte verloren das Grauen, Rebel erblühten zu knospenden Sternen und die kristallenen Gletscher zu tanzenden Monden, Rosen entsprossen den dornigen Ranken, und Smaragde den Regenbögen, die glotzenden Schädel der Götzen zerplatzten, und Blitze erstarrten zu goldenen Stufen bis in den Gipfel. — Dort aber stand er und lauschte. Sah die entzauberte Welt, sah den unendlichen Frühling, sah offenbart die erlöste Statur, hörte ein Jubeln von Geigen und Flöten und von Fanfaren und Zimbeln und Pauken, Chöre der Seligen schwangen sich auf, nah und näher schwoll es hinan, Glocken mischten sich zum Gesang und immer höher stieg der Dom der Töne, — und dann ergoß ein Ozean von Hymnen sich zum Licht, ein Fluten und ein Brausen brach hervor der Sphärenorgel, die ins Weltall ragt. — Da riß es ihn empor und seine Arme ausbreitend stand er da: ein Kreuz am Gipfel. And sang die Botschaft in die Welt: Auferstanden ist CHRIST, der Erlöser! gu Nazareth. Von Selma Lagerlöf Als Jesus erst fünf Jahre alt war, saß er einmal auf der Schwelle vor seines Vaters Werkstatt und war damit beschäftigt, Tonkuckucke anzufertigen, die er aus einem Klumpen geschmeidigen Tons knetete ,den er von dem gegenüber wohnenden Töpfer erhalten hatte. Er war so glücklich wie niemals zuvor, denn alle Kinder dieses Stadtviertels hatten Jesus erzählt, daß der Töpfer ein sehr unfreundlicher Mann wäre, der sich weder durch flehende Blicke, noch durch süße Worte etwas abschmeicheln ließe, und er hatte niemals gewagt, ihm eine Ditte vorzutragen. Aber siehe da, er wußte kaum, wie es zugegangen war! Er hatte nur auf feiner Treppe gestanden und voll Sehnsucht dem Rachbar zu- geschaut, wie er an seinen Formen arbeitete, da war dieser auch schon ans seiner Werkstatt getreten und hatte ihm so viel Ton geschenkt, daß man davon einen großen Weinkrug hatte an- fertigen können. Auf der Treppe vor dem nächsten Hause saß Judas, der häßlich und rothaarig war, sein Gesicht zeigte blaue Flecke und die Kleider waren voller Risse, die hatte er sich bei seinen ständigen Kämpfen und Balgereien mit den Straßenjungen geholt. Für den Augenblick verhielt er sich jedoch ruhig, er ärgerte niemanden und balgte sich mit keinem herum, sondern beschäftigte sich, ganz wie Jesus, mit einem Stück Ton. Allerdings hatte er sich den nicht selber verschaffen können: Er wagte kaum, sich dem Töpfer auch nur zu zeigen, denn dieser beklagte sich stets darüber, daß Judas Steine nach feinen zerbrechlichen Waren zu werfen pflege, und er hatte ihn sicher mit Stvckprügeln weggejagt: Jesus aber hatte seinen Vorrat mit ihm geteilt. Alle fertig gekneteten Tonkuckucke stellten die beiden Kinder im Kreise vor sich auf. Sie sahen so aus, wie Tonkuckucke zu allen Zeiten ausgesehen haben: An Stelle der Füße hatten sie einen großen runden Klumpen, um darauf zu steh'n, sie hatten kurze Schwänze, keinen Hals und kaum erkennbare Flügel. Aber jedenfalls zeigte sich sofort ein Anterschied in der Arbeit der kleinen Gefährten. Die Vögel des Judas waren so schief, daß sie immer wieder ' umkippten, und wie eifrig er auch mit seinen kleinen, harten Fingern daran herumknetete, vermochte er es nicht, ihre Körper niedlich und Wohlgestalt zu machen. Zuweilen blickte er verstohlen nach Jesus hin, um zu sehen, wie er es fertig brachte, feine» Vögel so gleichmäßig und glatt zu formen tote die Eichenblätter in den Wäldern auf dem Berge Tabor. Je mehr Vögel Jesus anfertigte, desto glücklicher wurde er. Einer erschien ihm immer schöner als der andere, und er betrachtete sie alle voll Stolz und Liebe. Sie sollten seine Spielgenossen werden, seine kleinen Geschwister, sie sollten in feinem Bettchen schlafen, ihm Gesellschaft leisten, ihm in Abwesenheit seiner Mutter ihre Lieder Vorsingen. Riemals hatte er sich so reich geglaubt, nie würde er sich mehr einsam und verlassen fühlen können. Der hochgewachsene Wasserträger schritt gebeugt unter seinem schweren Wasserschlauch vorüber, und gleich hinter ihm her kam der Gemüsehändler, .der schaukelnd auf dem Rücken seines Esels faß, mitten zwischen den großen, teeren Weidenkörben. Der Wasserträger legte seine Hand auf Jesus' hellockiges Köpfchen und fragte ihn nach feinen Vögeln. Jesus aber erzählte ihm, daß sie Siamen hätten, und fingen könnten. Alle feine kleinen Vögel seien aus fremden Ländern zu ihm hergeflogen, und sie berichtetet ihm allerlei, wovon nur sie und er etwas wüßten. And Jesus redete so, daß der Wasserträger und der Gemüsehändler eine ganze Weile ihrer Arbeit gar nicht gedachten, um ihm zu lauschen. Als sie aber weiterziehen wollten, wies Jesus auf Judas: „Seht, wie schöne Vögel Judas macht!" Da hielt der Gemüsehändler gutmütig seinen Esel an und fragte Judas, ob auch seine Vögel Rainen hätten und singen könnten. Judas aber wußte nichts darüber zu sagen. Er schwieg beharrlich und hob den Blick nicht von feiner Arbeit, und der Gemüsehändler zertrat ärgerlich einen seiner Vögel und ritt weiter. And so verging der Rachmittag. Die Sonne sank tief hinab, und ihr Schein drang durch das niedrige Stadttor, das sich, mit einem römischen Adler geschmückt, am Ende der Gasse erhob. Dieser Sonnenschein, der mit dem sinkenden Tage kam, war ganz rosenrot: und als sei er mit Blut vermischt, verlieh er seine Farbe allem, was ihm in den Weg tarn, während er die schmale Gasse durchzitterte. Er malte sowohl des Töpfers Krug als auch die Holzbvhle, die unter des Zimmermanns Säge knirschte, und das weiße Schleiertuch, das Marias Antlitz umrahmte. Jedoch am allerschönsten schimmerte der Sonnenschein in den kleinen Wasserpfühen, die sich zwischen den großen ungleichen Steinfliesen des Straßenpflasters angesanmrelt hatten. And ganz plötzlich steckte Jesus seine kleine Hand in die ihm zunächst liegende Wasserlache. Es kam ihm eben in den Sinn, daß er seine grauen Vögelchen mit dem funkelnden Sonnenschein anmalen möchte, der dem Wasser, den Häusernlauern, ja, allem ringsumher so schöne Farben verliehen hatte. Da machte sich der Sonnenschein ein wahres Vergnügen daraus, sich wie Farbe aus einem Malertiegel herausholen zu lassen, und als Jesus die kleinen Tonvögelchön damit bestrich, blieb er ruhig darauf liegen und hüllte sie von Kopf bis Fuß in diamantenähnlichen Glanz. - 114 — JudaS, der ab und zu einen Mick hinüber zu Jesus warf, tnrt zu sehen, ob Lieser mehr und schönere Vögel mache als eit selber flieh einen Ruf des Entzückens aus, als er bemerkte, daß Jesus feine Lonkuckucke mit dem Sonnenschein bemalte, den er aus den Wasserlachen der Gasse aufnahm. Lind auch Judas tauchte seine kleine Hand in das schimmernde Wasser und suchte den Sonnenschein aufzufangen. Aber der Sonnenschein lieh sich von ihm nicht greifen. Er entglitt seinen Fingern, und wie geschwind er auch seine Hände zu bewegen suchte, um ihn zu fassen, entrann ihm der Soniwn- schein dennoch, und er konnte seinen armen Vögeln kein Tüpfchen Farbe verschaffen. ,, . „Warte, Judas!" rief Jesus. „Ich werde hmkommen, um deine Vögel anzumalen." , „ .. , „Olein," sagte Judas, „du sollst sie nicht berühren, sie sind gut genug, so wie sie eben sind." Er stand auf, runzelte seine Augenbrauen und bitz die Lippen fest zusammen. Dann sehte er seinen breiten Fuh auf die Vögel und zerstampfte sie, einen nach dem anderen, zu einem kleinen abgeplatteten Lehmklumpen. Nachdem alle seine kleinen Vögel vernichtet waren, trat er zu Jesus hin, der seine Vögelchen, die wie Juwelen funkelten, liebkoste. ' , . Judas betrachtete sie eine Weile in tiefem Schwelgen, dann aber hob er den Fuh Und zertrat einen davon. Als Judas den Fuh zurückzog und den ganzen kleinen! Qfogel in grauen Lehm verwandelt sah, fühlte er eine solche Erleichterung, dah er zu lachen begann, und er hob den Fuh, um noch einen zu zertreten. „Judas!" rief Jesus, „was tust du da? Weiht du denn Nicht, dah sie leben und fingen können?" Aber Judas lachte nur und zertrat noch einen Vogel. Jesus blickte nach Rettung umher. Judas war groh und stark, und Jesus hatte nicht die Kraft, ihn zurückzuhalten. Er schaute nach seiner Mutter aus. Sie war nicht weit entfernt, aber ehe sie ihn erreichte, konnte es Judas gelingen, alle feine Vögel zu zerstören. _ . Jesu Augen füllten sich mit Tränen. Schon hatte Judas vier seiner Vögel zertreten, nur noch drei blieben übrig. Llnd es betrübte ihn, dah feine Vögel so ruhig Lastanden und sich zertreten liehen, ohne der Gefahr zu achtem. Jesus klatschte in die Händchen, um sie zu erwecken, und rief ihnen zu: ,. Fliegt, fliegt!" Da begannen die drei Vögelchen ihre kleinen Schwingen zu legen, und ängstlich flatternd schwangen sie sich zum Dachesrand empor, wo sie in Sicherheit waren. Ms aber Judas sah, dah die Vögel auf Jesu Geheiß die Flügel hoben und flogen, begann er bitterlich zu toeinen. Gr zerraufte sein Haar, wie er es bei den alten Leuten sah, wenn sie in großer Sorge und schwerem Kummer waren, und warf sich zu Jesu Fühen nieder. Lind Judas blieb dort liegen und wälzte sich vor Jesus im Staube wie ein Hund, fußte seine Füße und flehte, daß er seinen Fuß heben und ihn gertreten möge, wie er selber die Tonvögel zertreten hatte. Denn Judas liebte Jesus und bewunderte und betete ihn an und haßte ihn doch zugleich Aber Maria, die während der ganzen Zeit Las Spiel der Kinder beobachtet hatte, stand jetzt auf, hob Judas empor, setzte ihn auf ihr Knie und liebkoste ihn. „Du armes Kind!" sprach sie zu ihm. „Du weiht nicht, dah du etwas versucht hast, was kein Geschöpf vermag. Laß dir niemals mehr einfallen, dergleichen zu tun. wenn du nicht der unglücklichste aller Menschen werden willst! Wie würde es wohl dem unter uns ergehen, der es unternähme, mit ihm zu wetteifern, mit ihm, der mit dem Sonnenschein malt und der dem toten Lehm den Odem Les Lebens einhaucht?" Der Große Krieg. Don Ricarda Huch?) Am Ofl er morgen des Jahres 1650 brannte die Sonne nicht wie ein Freudenfeuer, sondern wie die Flamme eines Leucht- turmes an der Küste eines wilden Meeres, das Rebel umwogen, schimmerte sie verhüllt durch schweres Frühlingsgewölk. Der Pfarrer des Dorfes, Christian Hohburg, wohnte mit seiner Tochter und ihrem kleinen Kinde bei einem Bauern, weil das Pfarrhaus abgebrannt und noch nicht wieder ausgebaut war, und befand sich im Hofe, wie die üBrigen mit der Fütterung des Viehs beschäftigt. Er band eine Ziege. an einen Zaunpfahl, rüttelte daran, und Ta er ihn locker fand, machte er den Strick wieder los und knüpste ihn an einen Apfelbaum: dann winkte er dem Sohne des Bauern, damit er ihm behilflich wäre, den Pfähl besser zu befestigen. Am besten wäre es, den morschen ganz zu entfernen und einen neuen einzufchlagen, sagte der hinzutretende Bauer, und wie er über den Zaun hinweg in die *) Aus dem gleichnamigen Roman der Verfasserin, der An Insel-Verlag zu Leipzig in drei Bänden erschien. wellige Ebene hinunterfah, unterbrach er sich, hielt die Hand über die Augen und sagte, er sehe etwas Schwarzes am Horizont, das sich bewegte. Wenn der Friede nicht ausgerufen wäre, würde er es für Soldaten halten. Da der Pfarrer es auch sehen tooHte, und fragte, wo es wäre, erklärte der Dauer, er müsse gerade über die Wüste hinübersehen, wo vor der Schlacht bei Lutter das Dorf gewesen wäre. Die Tochter des Pfarrers, die zur Zeit jener Schlacht noch nicht gelebt hatte, erkundigte sich, was es mit dem Dorf und der Schlacht für eine Bewandtnis habe: worauf der Bauer davon erzählte, und Latz dort, wo man den großen Steinhaufen erkennen könnte, die Mühle gestanden hätte. Sie könne übrigens Len alten Schuhflicker ansfrag-en, der ehemals in jenem Dorfe ein wohlhabender Bauer gewesen wäre und eine Frau und schöne Kinder gehabt hätte. Er habe aber nur eins davongebracht, und das sei bei der Flucht aus dem brennenden Dorfe stumm und närrisch geworden. Der Schuhflicker erzählte auch, fügte die Bäuerin hinzu, daß irgendwo drüben auf dem wüsten Fleck ein Schatz vergraben sei. Warum denn der Schuhflicker den Schatz nicht ausgegraben hätte? fragte der Pfarrer. Der arme Mann werde ihn wohl brauchen können. Er habe es oft und oft versucht, sagte der junge Bursche, aber er habe die Stelle nicht mehr finden können. Die Bäuerin blickte besorgt auf ihren Sohn und sagte, sie wisse wohl, mit was für Gedanken er sich trage, sie wolle es aber nicht leiden: die Schatzgräberei fei etwas Teuflisches, und der Mensch solle nicht durch schwarze Kunst reich werden. Run, meinte der Pfarrer, etwas ausgraben, was ein anderer eingegraben hätte, fei natürlich und habe nichts mit dem Teufel zu schaffen. Aber er fei der Meinung, man vergeude wohl nur Zeit und Kraft damit und tue besser, die Erde nach der Frucht umzugraben, die man selbst gesät habe und die Gott wachsen lasse. 2lls die Stunde zum Gottesdienst tarn, begab sich der Psarrer mit seiner kleinen Gemeinde auf den Kirchhof, der die Kirche umgab. Während des Krieges hatte sich dort einmal eine Abteilung Soldaten verschanzt, und die Kirche war bei diesem Kampfe zerschossen, verbrannt, verwüstet und ausgeraubt worden. Die Armut der Gemeinde hatte den Schaden noch nicht ersetzen können, und so fand es der Pfarrer schicklicher, die Osterseier im Freien vor der Kirche zu begehen, da das Wetter gut war. Gr hatte einen Tisch auf den Kirchhof gebracht und zur Feier Les heiligen Abendmahles einen Laib Brot und einen Krug Wein bereit gestellt: von dem dazu bestimmten kirchlichen Gerät war nichts mehr vorhanden. Der Pfarrer, der zwischen dem vierzigsten und fünfzigsten Lebensjahre stand, dem aber Sorgen und Kämpfe aller Art hart zugesetzt hatten, musterte feine Zuhörer, richtete sich gerade auf und begann seine Rede. „Ihr seid alle arm,“ sagte er, „und habt viel gelitten; aber gebt euch nicht der Trübsinnigkeit hin, denn heute ist der Tag der Auserstehung, ein Freudentag. Es ist der Tag, da es im Grabe des Herrn der Welt leise donnerte wie in einem vulkanischen Berge, da der heilige, gemarterte Leib, herausgeschleudert wie ein feuriges Schwert, den Grabdeckel zur Seite warf, die Luft durchschnitt und in den Wolken verschwand. Auch unser geliebtes deutsches Vaterland ist verhöhnt, gegeißelt und ans Kreuz geschlagen worden und liegt nun begraben; möge es unten im Krater der Gruft still sich mischen und kochen und einst, das Gehäuse zerhrechend, wie eine verwandelte Raupe geflügelt in das eroberte Element steigen. Das kann aber nur geschehen, wenn ein jeder von euch in seinem Herzen Wiedergeburt und Auserstehung erlebt. Die kommt nicht von Worten, die muß errungen und er stritten fein. Glaubt es den feisten Pfaffen, nicht, daß es mit Glauben und Katechismuslehren getan fei, und daß die Gnade Gottes einem wie die Taube dem faulen Schlarafsen gebraten ins offene Maul fliegt. Wir haben einen Willen und eine Kraft in uns; denn wir sind, wie geschrieben steht, nicht der Magd Kinder, sondern der Freien; und damit sollen wir das Reich Gottes erobern. Laßt euch nicht verführen, zu glauben, daß wir das Gute nicht vollbringen können, weil uns die Sünde aufgeerbt und eingefleischt wäre: Das sagen die Trägen, die Schwelger, die Gleichgültigen, um ihre Unfruchtbarkeit zu entschuldigen. Wir haben einen Simson in uns, der ist, .wenn er sich enthält, ein unüberwindlicher Soldat, der schüttelt die Locken wie ein Löwe und zerbricht die Säulen, die das Reich der Sünde tragen, daß es einstürzt. Wasser und Gebet taufen nicht recht, Feuer und Schwert taufen zur Wiedergeburt und Auferstehung. Seid wachsam, seid tapfer, seid ohne Falsch und ohne Furcht, das sind die Tugenden über alle Tugenden; so ihr die habh. seid ihr Ritter, mögt ihr auch als Bauern geboren sein. Aus Staub und Dreck seid ihr doch zum Ebenbilde Gottes geschaffen: aber ihr müßt es selber in euch schaffen, wie der Künstler das Bild aus dem Marmor schlägt. Setzt Hab und Gut und die ganze Kraft daran, so wird der neue Mensch der aus euerem zerrissenen Herzen aufersteht, Gottes Züge tragen." Erst jetzt bemerkte der eifrig redende Pfarrer eine Unruhe unter seinen Zuhörern, und indem er ihren über die Kirchhofs- mauer g erichteten Micken folgte, sah er einen Trupp Odel ter auf — 115 — wenig auf und winselte, er habe das Weib gewiß nicht töten wollen, habe sie nur zum Spatz an sich gedrückt, da habe sie wie eine wilde Katze sich gebärdet und würde ihn mit den Händen erwürgt haben, wenn er sie nicht gewaltsam erledigt hätte. „Dkl bist ein Mörder und Landfriedensbrecher," sagte der Oberst finster, „und wirst deinen Lohn durch Henkershand sogleich erhalten. Dein Blut soll das Blut, das du meuchlings vergossen hast, auswaschen. Der Pfarrer soll sagen, auf welche Weife ich ihm Genugtuung geben kann: ich bin bereit, sie zu leisten, wenn ich vermag." Der Pfarrer kam während dieser Worte tote aus eurem Krampfe zu sich; seine Hände, die den Schuldigen an der Brust gepackt hielten, lösten sich auf, er ging wankenden Schrittes zu dem Leichnam seiner Tochter hinüber, kniete neben ihr und brach in Tränen aus. __ . . , Mit gerunzelter Stirn blickte der Oberst zu Boden, und gab ein Zeichen, datz der Leutnant, dem die Hände bereits gebunden waren, abgeführt werde. Wie er dann das verwaiste Kind be-- mertte, mit dem sich' ein paar Bäuerinnen beschäftigten, betrachtete er es, dachte ein wenig nach und wandte sich zu dem Pfarrer. Wenn es ihm recht fei, sagte er, so wolle er das kleine Mädchen mitnehmen und zu Hause mit seinen eigenen Kindern aufziehen lassen, datz es einmal eine reiche und vornehme Dame würde. _ „ , , ,, . Der Pfarrer stand auf, legte die Hand auf den blonden Kinderkopf und sagte, das könne nicht sein. Gott habe ihm das Kind anvertraut, es solle lieber bei ihm ein Bettelkind werden, als ein Fürstenkind anderswo. Das sei wunderlich geredet, sagte der Oberst unzufriedmt. So möge der Pfarrer denn gestatten, datz er dem Kinde ein Schmuckstück hinterliehe, zum Andenken und auch zur Butze; und er löste dabei eine goldene Kette mit einem Anhänger von der Brust, auf dem ein Bild der Mutter Maria in Schmelz gegossen war. Der Pfarrer war im Begriff, die Gabe unwillig zurückzuweifen, allein als er das Kind mit Lachen danach haschen sah, besann er sich und lieh es schweigend geschehen, datz der Oberst das Gehänge um den kleinen Leib wand. Da sich gleichzeitig alle Blicke dahin wendeten, wo eben der Mörder zur Hinrichtung geführt wurde, stieg dem Pfarrer das Blut ins Gesicht, und er wandte sich hastig an den Obersten mit der Bitte, den Delinquenten loszulassen, er habe ferne Aach« Gott geopfert und wolle seinen Tod nicht mehr. Das gehe nicht an, erwiderte der Oberst, er könne einen Bösewicht nicht beim braven Soldaten stehen lassen, das fei ein schlechtes Exempel, und Strafe müsse sein. r Es sei Ostern und Frieden, sagte der Pfarrer, seit drechig Jähren zum ersten Male Frieden. Leider fei der holdselige Tag mit Blut befleckt worden, das mühten sie sühnen, es geschehe aber nicht mehr durch Blut. Der Schuldige solle zusehen, wie er feine Seele rettete. ,, , Mit sichtlichem Widerwillen gab der Oberst endlich nach; er tue es ungern, sagte er, und nur, um dem Pfarrer seinen guten Willen zu beweisen. ~ Der Pfarrer dankte und wies die Dauern an, numnehr den Kirchhof ein wenig zu säubern, damit er den Gottesdienst vollenden und ihnen das Abendmahl reichen könne; den Obersten: lud er ein, mit den ©einigen daran teil zu nehmen. Aach einigem Zögern sagte der Oberst, sie wären meistenteils Katholiken und stehe es ihnen fast nicht zu, einer evangelischen Oft et feier bei» ziiwohnen; man könne es aber zu dieser Zeit und bei Bieter Gelegenheit so genau nicht nehmen, und zum Zeichen des endlich aufgerichteten Friedens willigte er ein. Es war inzwischen Abend geworden, und der weiche Himmel bog sich über das dämmernde Hügelland, wie ein Strauch voll weißer Aosen über ein Grab. Der Tisch wurde wieder hergerichtet, und für den verschütteten Wein wurde Wasser gebracht. Dergleichen Abendmahl habe er noch nie gesehen, fuhr es dem Obersten heraus, der den Vorbereitungen staunend zusah; es sckeine mehr für Vieh als für Christenmenschen zu passen. Als Christus auferstanden war," sagte der Pfarrer, wahrend" er das Brot sorgsam von der Erde reinigte, „hatte er ein fremdes Antlitz, und seine Jünger erkannten ihn nicht. Der Oberst verstand nicht, schwieg aber, und als alle versammelt waren, nahm er seinen Federnhut ab, richtete einen befehlenden Blick auf seine Soldaten und kniete nieder, worauf alle seinem Beispiel folgten. Das Stückchen Brot, das der Pfarrer ihm, als dem ersten, reichte, würgte er folgsam, wenn auch nicht ohne Widerwillen, herunter. r , Als die stille Zeremonie beendet war, brach die Aacht bereut Wie wenn Chorknaben die Aauchgefätze schwingen und duftendes Gewölk die Pfeiler des Domes verhüllt, wogte es wett um die Verschwimmcnden Trümmer der zerstörten Kirche, um die Grav- kreuze und die knieenden Menschen. „Siehe, es ist alles neu geworden," sagte der Pfarrer, nachdem er den Segen ^jrocbcn hatte. Alle blieben noch eine Weile mit gesenktem Kopfe dann standen sie von der feuchten Erde auf, und die Soldaten blickten wartend auf den Obersten. „Aufsitzen! kommandierto der, „weiter!" worauf sie nach ihren Pferden eilten und rn schnellem Trabe aus dem Dorfe ritten. Der Pfarrer lud sein totes Kind auf den Arm und verließ an der Spitz« feiner Gemeinde festest Schrittes den Totenacker. das Dorf zusprengen. Sie hätten Doch ihre Hauser gut verschlossen? wandte sich der Pfarrer an die Bauern. Diese bejahten, fetzten aber besorgt hinzu, Soldaten pflegen überall eine ~ur zu finden, wenn sie etwas suchten. Der Frieden sei ja verkündigt, sagte der Pfarrer beschwichtigend; blickte aber doch scharf nach den Reitern, unentschlossen, ob er den Gottesdienst weiterfuhren sollte. Unterdessen hatten die Soldaten vergeblich an euugen Türen gerüttelt, und kamen, als sie die Versammlung gewahr wurden, auf den Gottesacker. Ihr Anführer, ein junger Mensch, sprang vom Pferde, näherte sich dem Pfarrer und sagte, er sei beauftragt, >n diesem Orte eine Kontribution von 10-00 Talern zu erheben; der Pfarrer sollte das Geld zusammenbringen und inzwischen solle em Essen hergerichtet und ihren Pferden Futter gegeben werden. Das könne nicht an dem sein, entgegnete der Pfarrer; es sei ja Frieden, die Plackerei habe ein Ende. Brot und Hafer für die Pferde würden sie aus christlichem Mitleid und gegen B^ zahlung hergeben, zu mehrerem wären sie nicht verpflichtet und vorher wolle er den Gottesdienst zu Ende bringen. Für wen der Pfarrer sie hielte, erwiderte der Leutnant gereizt. Sie wären 'keine Herde Schafe, sondern Soldaten. Sie pflegten nicht zuzuhören, sondern predigten selbst, und wer ihr erstes Wort nicht verstünde, dem hieben sie das zweite mit Dem Schwert in den Kopf. Da er mit dieser Drohung feinen Eindruck auf den Pfarrer machte, wurde er zornig,, packte plötzlich die Tochter des Pfarrers am Arm und erklärte, sie als Geisel behalten zu wollen bis das Geld herbeigeschafft wäre. Die junge Frau wollte sich unwillkürlich zur Mehr setzen, aber da sie das kleine Kind auf dem Arme trug, das leicht hätte verletzt werden können, warf sie einen Hilfe flehenden Blick auf ihren Vater. Im ersten Augenblick zuckte die Hand des Pfarrers nach dem Messer, Da8 er im Gürtel trug; angesichts der vielen Bewaffneten jedoch beharrschte er sich und bat den Anführer, eingedenk zu sein, datz sie alle Brüder waren, und ihm seine Tochter mit ihrem Kinde heraus- zugeben; er sei bereit, zu versuchen, ob er das Geld oder einen Teil davon in dem nächsten Dorfe zusammenbetteln könne. „Du böser, ketzerischer Lutherpfaff," sagte der junge Mann, „obwohl du verdienstest, datz ich dich am nächsten Baume aufhängte, will ich gnädig sein und dir die Dirne herausgckem wenn du mir das Geld schaffst; aber nicht eher." Hierauf entschloß sich der Pfarrer, das Unwahrscheinliche zu wagen, empfahl Den Bauern seine Tochter und machte sich auf den Weg. Als er nach mehreren Stunden zurückkam, war der Kirchhof voll Geschrei und Getümmel. Eine Frau kam dem erschreckten Pfarrer entgegengelaufen und berichtete, der Leutnant habe seine Tochter erstochen, sie liege in ihrem Blute und bald wurden sie alle miteinander 'des Todes sein. In einem Satze war der Pfarrer zwischen den Kämpfenden, schrie nach seinem Kinde und warf sich, da sie unwillkürlich Raum gaben, auf den noch atmenden, über einen Grabhügel hingestreckten Körper. Aach einer Minute jedoch sprang er wieder auf und rief mit starker Stimme: „Herrgott bist du wahrhaftig Gott der Herr, so rache deinen -Knecht an diesem Mörder!" Dann stürzte er sich, das Messer aus dem Gürtel reißend, mitten in den Hausen. Dem Dauern war es zumute, als sei ein Engel vom Himmel gefahren, um ihnen beizustehen; sie drängten mit verdoppeltem Nachdrucks auf Den Leutnant ein, Der von Dem Anprall Das Gleichgewicyt verlor und umfiel. Während Männer und Frauen sich gegen die Soldaten stemmten, kniete Der Pfarrer auf Der Brust des Mörders. „Du Abtrünniger von Gott!" rief er, „Du Judas! Du Judas! Der Herr, Den du verraten hast, hat sich in meine Hande gegeben, Jetzt werde ich dir das bübische Herz aus dem Leibe reitzm und es auf den Mist Wersen, daß die Schweine es mit ihrem Rüssel umwühlen und es fressen. Wimmere du jetzt um Gn^>e! Mir ist es nicht genug, dich wimmern zu hören, ich will dich röcheln und nach Luft schnappen hören. Ja, Gott Der Herr wird mir geriugtun und mich in Ewigkeit Dein Jammergeschrei aus Der Hölle hören lassen. Mein Kind wird seinen Engelsleib auf Laubenflügeln schwingen, während dein verfluchtes Fleisch sich unter feurigen Martern krümmt, ohne je zu vergehen." Solche Worte schrie der Pfarrer, über den sich windenden Mann gebeugt, halb besinnungslos vor Wut, heraus, als er plötzlich in jäh entstehende Stille hinein eine laute Stimme hörte und, sich umwendend, einen reich gekleideten Offizier sah, Der mit hochgezogenen Brauen, den blanken Degen in Der Hand, neben ihm stand. Es war der Oberst, zu dessen Regiment der Leutnant gehörte, und dessen unerwartetes Erscheinen den Aufruhr mit einem Male stillte. Er wolle die Sache untersuchen, sagte er, da von allen Seiten auf ihn eingeredet wurde; der Pfarrer möge den Leutnant einstweilen loslassen, sei er schuldig, wolle er, der Oberst, ihn nach Gebühr bestrafen. Der Pfarrer schüttelte den Kopf. Den Wolf, der sein liebes Kind erwürgt habe, wolle er selbst toten; in seine Hand habe ihn Gott gegeben. Unterdessen hatte sich Der Knäuel der Streitenden völlig gelöst, so datz der Oberst des erstarrten Körpers der getöteten! Frau ansichtig wurde. Der Täter, der fein Gesicht sich verfinstern sah, richtete sich unter des Pfarrers nachlassenden Fäusten ein - 116 — Ästsrn- Von Alexander v. G l e ich e n - Ru ß w u r m. Wie die Sonne selbst, nach uralter Sage, in der Frühe des Oftermorgens drei Freudensprünge tut, weil sie über die Finsternis gesiegt hat int Kampf mit dem Winterriesen, so drängt sich Frühlingssehnsucht und Raturfreude in alle Gebräuche, die dem Fest anhangen und von ihm aus grauer Vorzeit unzertrennlich sind. Lange hat sich in vielen deutschen Gegenden die Sitte erhalten, daß sich in der Auferstehungs nacht zwei vermummte Gestalten gegenübertreten, der Sommer, mit Efeu und Immergrün umwunden, und der Winter, in Stroh und Moos gewickelt, beide kämpften miteinander, bis der Winter am Boden lag, dann wurde ihm seine Hülle abgerissen, zerstreut und zertreten. Das Volk aber sang und tanzte dazu und tat sieben Sprünge, um den Jubel der Sonne noch zu übrrbieisn. „Könnt Ihr nicht die Siebensprüng', Könnt Ihr sie nicht tanzen?" • So klang' es laut und fröhlich aus dem Munde der halbwüchsigen Burschen und Mädchen. Am Sonntag aber nach der Frühpredigt mußte der Pfarrer von der Kanzel herab ein lustiges Ostermärlein erzählen, nach dessen Schluß die Leute in der Kirche ihr „Ostergelächter" aufschlugen. Dies heilige Lachen fchühte sie vor Trübsinn und gab ihnen Heiterkeit fürs ganze Jahr. Ein herzhaftes Ostergelächter würde auch uns wohltun irr ernsten Zeiten, denn Heiterkeit erhält die Kraft, die not tut, jene Hindernisse zu überwältigen, die sich dem wahren Frieden und der Scnnenfreude entgegenstellen in allen wichtigen Fragen des Lebens. Lachen wir der Feinde, die sich mit dem Stroh ihrer Torheit und dem Moose ihres Hasses behängen! Wie jeder Frühling die Erde von neuem schmückt, läßt Heiterkeit frische Blüten aus unserer Arbeit gedeihen. Ewig shmbolisch bleibt die Sage von Thor und Loki, mit der die nordischen Ahnen den Wechsel der Jahreszeiten bezeichneten, den Wandel von Winterschmerz in Sommerfreude. Die jüngere Edda erzählt, daß Loki hinterlistigerweise der schlafenden Göttin Sif das Haar abgeschnitten habe. Ihr Gemahl Thor zwang aber den Feind der Götter, von den Schwarzelfen zu erlangen, daß sie im Schoß der Erde neue Haare spinnen. Diese Locken sollten von Gold sein und wachsen wie anderes Haar. Als die Götter das Wunder sahen, lachten sie voll inniger Freude. So muß überall frohes Ostergelächter erklingen, wenn auch das Feld noch kahl steht, denn schon keimt die junge Hoffnung goldener Aehren, wie die goldenen Haare der Göttin Sif. Es grünt das Land, wenn auch der fliehende Feind noch Schneestürme schickt. Es sind nur (nach Goethes Wort): „Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur." Das Fest der Aaturfreudr im ersten Frühling ist von jeher überall begangen worden, wo Menschen unter der Trostlosigkeit des Winters litten und mit dem Lenz die große, allgemeine Morgenröte begrüßten. Wie man einst die aufgehende Sonne durch Entblößung des Hauptes ehrte, ging man im festlichen Zuge der leuchtenden Jungfrau „Ostara" entgegen, die das Gold Sonne zurückbringen sollte. Man weihte ihr die ersten Blumen, sobald Thor mit dem gewaltigen Hammer seine Osterfahrt antrat, den Reifriesen entgegen, und machte ihr zu Ehren ein Gebäck, das die Form des Svnnenraöes trug. Von diesen alt- germanischen Kuchen stammt die Fasrenbrehel ab. Felix Dahn schildert ein Fest der guten Göttin und legt feine, ich möchte sagen zartgrüne Stimmung in den Beginn des Gedichtes: „Cs kam der Hirt vom Anger und sprach: der Lenz ist da! Ich sah sie in den Wolken, die Göttin Ostara ; Ich sah das Reh, das falbe, der Göttin rasch Gespann, Ich hörte wie die Schwalbe den Botenruf begann." Das Leben mit der Aatur und die Einheit, die einst der Mensch mit ihr bildete, sind trotz künstlicher Wiedererweckungen vorüber, kein Türmer begrüßt mehr zur Osterzeit mit frohem Lied die erste Schwalbe, um für diese Tat im Ratskeller belohnt zu werden, kein Gebildeter mehr wird ein Kränzlein aus Ger- traudenkraut flechten und ins Osterfeuer werfen, aber die Sehnsucht nach Vogelsang und grüner Wiese, nach Frühlingsluft und goldenem Sonnenstrahl treibt uns wieder mit viel stärkerer Macht und innigerem Behagen hinaus ins Freie, als die jüngst vergangenen Generationen, die sich — wie Wagner, der Famulus des saust — „leicht an Wald und Feldern satt" sahen und die Zivilisation der engen Stube begehrten, in der sie ihre engen Gedanken besser verwahrt wußten. . , Was ficht es uns und unsere Sonnrnfreude an. daß es noch viele solcher Famulusnaturen gibt, denen die herrlichsten Ge- danken des Auferstehungsliedes verschlossen sind! Wie die Kirchen- glocken weithin — frohe Mär des Hells verkündend — über das fruhlingsschwangere Land schallen, so geht um diese Zeit ein iruftiger Hauch des Werdens Von allen grünen Dingen der Natur aus und erinnert an den ewig geheimnisvolle:; Bund, der zwischen Entstehen und Vergehen herrscht. Das Symbol der festlichen Zeit vt seit alters das Ei. Es bedeutet das Leben uird die Schöpfung, bchriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. I nach indischer Aeberlieferiing die Welt im Morgenrot. In einem und, silberstrahlenden, vielfach gefärbten Ei lag der Gott Brahma ein volles Weltalter, dann spaltete er die Schale und schuf aus der goldenen Hälfte die sieben Himmel, aus der silbernen .? u^uen Zonen der Erve. Zur Erinnerung an dieses Schöpfungs- marchen beschenkte , man sich am Frühlingsfest. mit gefärbten, vergoldeten oder künstlich bemalten Eiern, lieber Persien und Rußland drang diese Sitte in den Westen vor, wenn sie auch '"^!Hen germanischen Stämmen im Alturtum gebräuch- tich war. Damals weihte man die rotgefärbte» Eier dem Thor, die gelben der Göttin Ostara. Gelehrte wollen darin einen Zusammen- hang ml. den .Urvätern der indogermanischen Rasse erkennen. < , schließlich behaupteten die Leute — und hier knüpft „-^r-.O^Earchen mit seinem frohen Gelächter an —, baß ein richtiges Osterei diese Wunder gewiß ausführen könne, doch es ^5^in richtiges, vom Osterhasen gelegtes Ei sein. Auch srichlmgsgeschichte, die noch immer den Kindern erzatüt wird obwohl sie bei der modernen Jugend keinen rechten Glauben mehr findet, senkt ihre Wurzeln tief in uralte Götter- und SagenwÄt. Wo neues Leben keimt und gedeiht, wo sich im re . n^e Winterhärten Wurzeln regen, herrscht Fruchtbarkeit. Da ist es näheliegend, das fruchtbarste Tier unseres Hmrmctstriches mit den anderen Sagen in Verbindung zu bringen und zum Symbol des Wachsens und Werdens zu erheben. Rach der Sage zogen durch Deutschlands Gauen Minnen und Elben, die unsere Fluren segneten. Frau Hrodsa oder „Mutter Rose" war es, die in Niedersachsen über die Felder ging, zwei Hasen trugen ihr des Nachts Fackeln voraus, und zwei andere hielten ihre Schleppe in den Läufen. Auch Berchta und Frau Holda waren von silbergrauen Haseir gefolgt. Die germanische Mytho- logie beschäftigt sich überhaupt vielfach mit dem Hasen, manche Riarchen versetzen ihn zu t>en Zwergen ins Elbenreich. Daher nannte man „Hasenbrot" ein Gebäck, das die Reisenden nach Hau.e mitbrachten von weither, aus dem unbekannten Land der Elben und äNeheimnisse. Der Hase steht als Symbol der 'Fruchtbarkeit mit der Geburt bei. .manchen Stämmen in Verbindung. Sie Harzbewohner erzählen, daß die ungeborenen Kinder aus dein Hasenteich kommen, und in Schwaben holt man sie aus dein Hafennest. Deshalb versteckt man auch die Ostereier — die bunten Sinnbilder des frohen Lebens — in künstliche Nester und seht womöglich einen Hasen aus Zuckerwerk darauf, der dien ganzen Reichtum gelegt haben soll. Ein tiefer Gedanke liegt in dem kindlichen Spiel. Osterklänge ziehen durch die geistliche wie durch die weltliche Poesie. 2lbgrsehen von den Mysterien, in denen die Gläubigen des Mittelalters die Leidensgeschichte und Auferstehung des Heilandes darstellen, haben die Dichter aller Zeiten L«nz- gefühl und Osterfreude besungen. Seit Wolfram von Eschenbach Parzivals Erlösung von seinen Zweifeln mit der zauberhaften Karfreitagsstimmung in Wald und Hag begann, tönt das Lied der Hoffnung, Umkehr und Genesung frohlockend aus allen Jahrhunderten. Bald klingen Erinnerungen hinein an den Dchwerttanz. den die nackten germanischen Jünglinge in der Frühlingsnacht zum Preise Ostaras übten oder an die Osterfeuer, durch die behend die männliche Jugend sprang, bald überwiegen die christlichen Cleinente, die den höchsten Ausdruck in SoetheS „Faust" gefunden haben und sich zu tgewaltigem Akkord in den Worten erheben: „O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder! Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder/' Oftern. Von Karl Röttger. Müssen Wohl im jungen Garten Erste Tulpen blutrot stehn. Müssen auch die weißen, zarten, Kleinen Maßliebblüten aus dem Rasen sehn. Müssen alle jungen, feinen Mädchen, weißgekleidet, schlank, Durch das junge Sonnenscheinen, Auf den frischen Gartenwegen Schweben, wie Gesang und Klang. Müssen Wohl des Windes Hände Auf sie alle Träume legen, Die so schön zu träumen sind. (Nieiuand weiß, woher sie kamen, Sie sind jung, wie Licht und Wind.) Glockenklänge schwinden, schreiten In das Frühlingsland — es weiten Sich die Tiefen, Fernen, Breiten. — Wenn die Glocken schweigen, zieht Eine Lerche noch in blauen Himmel ihr ganz stilles Lied. Bis auch bas entschwebt, entschwunden -ost — und nur im flüsterleisen Wehn erstehn die stillen Stunden — Lächelnd-schöne Ofterstunden. — Druck und Verlag der Brübl'fchen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Laune. Gießen.