Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrganges Dienstag, den lO. November — Nummer 90 Regenstunde. Von Anton Schnack. Daß ich müde wand nnd ganz Vertratet, Ach, der Regen rauscht so schwer vom Dach, Diese Stunde nimmt kein Ende, dauert. Schwarzes Dunkel kommt in das Gemach. Ich bedenke nichts, ich kann nur träume» Lind im Träumen ganz versunken sein, Oder in den wurmzerfvess'nen Truhen räumen, Rach vergilbtem Tand und altem Elfenbein. Immer hör' ich, wie der Garten rauscht .Unterm Regen und verschlaf'nen Wind, Keiner sitzt bei mir, der mit mir lauscht, Keine Mutter, kein verstörtes Kind. Ging die Türe? Wer soll sie betreten! Ging das Tor? Von wessen Hand berührt?! Unter feinem grauen Stein find Kröten Und die Spinnen, scheu und aufgestürt. Schlürft ein Schritt im dunklen Riessugange, Keiner fände sich jedoch zurecht: Denn die Mibe Dunkelheit ist lange. Und die Stufen find vermorscht und schiech. Weht ein Atem? Ach. es ist nur Wind, Der mit kaltem Zuge durch die Türe pfeift. Wie es nächtigt! Wie es trostlos rinnt Und mit Schwemmt grausam nach mir greift... Dis Flugbahnen der Wildgänse am 8. Oktober 1925. Don Prof. Dr. R. S o m m e r, Geh. Medizinalrat in Gießen. ' Die Frage, in welcher Weise die Zugvögel, trotz riesiger Entfernungen, ihr Ziel erreichen, ist eine der schwierigsten in der Tierpsychologie. Manchmal wird allerdings angenommen, daß es sich dabei gar nicht um ein p s h ch o l o g i s ch e s Problem handele, daß die Tiere vielmehr durch eine Art magnetischer Kraft in der Richtung der Endstelle hingezogen werden. Es sprechen jedoch viele Ueberlegungen und Beobachtungen hiergegen. Daher muß unbefangen erforscht werden, 1. welche Ursachen und Empfind u n g e n den Trieb zum Fortfliegen in bestimmtenJahres-- zeiten auslösen, 2. welche Momente dabei die Richtung bestimmen, 3. ob außer Empfindungen und Antrieben auch Erinnerungen und Vorstellungen bei dem Finden des richtigen Weges beteiligt sind. Für die Behandlung dieser Fragen bietet die Gegend von Gießen eine ausgezeichnete Beobachtungsstelle, weil über sie offenbar int Frühjahr und Herbst eine Flugbahn der Wildgänse Hinwsggeht. Bei den Beobachtungen muß man einerseits Wild- gqnse, andererseits Kraniche unterscheiden, wobei ich auf Brehms Tierleben, Kleine Ausgabe, III. Band, Neudruck S. 94 und 95 (Grau- und Saatgänse) und S. 228 (Kraniche) verweise. Als Laute der Wildgänse sind von Brehm angegeben „Gahkah- kakgak", ferner „Gihkgack", ferner „Tattattattattat", als Ausdruck der Freude „Tang", als Ausdruck des Schreckens das lang- gezogene „Kähkahkakkahkak, kakakakähkäk". Als Laute der Kraniche sind Seite 230 „Gru", woher der lateinische Name Grus kommt, sowie „Kurr" oder „Kürr" genannt. Aus den Lauten lassen sich nach den mitgeteilten Beobachtungen auch, wenn die Tiere gar nicht gesehen worden sind, Wildgänse und Kraniche leicht unterscheiden. Die Wildgänse, nach Brehm Seite 94, gleich Graugans, Stamm», März- oder Heckgans, wird in unserer Gegend, wie ich aus den Einsendungen ersehe, bis ins Saarqebiet Schneegans genannt, während dieser Name zoologisch, nach Brehm, auf eine nordamerikanische und nordostasiatische Art eingeschränkt ist (Brehm Seite 96, Chen hyperboreus). Da der deutsche Name Schneegans vermutlich damit zusam- menhängt, daß das Erscheinen der Tiere im Herbst das baldige Auftreten von Schnee andeutet, kann kaum ein Irrtum entstehen, wenn man den Namen, entsprechend der Volkssprache, auch auf die Wildgänse, die durch Deuischland ziehen, anwendet. Für diese Tiere muß der 8. Oktober ein kritischer Tag erster Ordnung gewesen fein, da sie nach dem Urteil vieler Beobachter feit Menschengedenken nicht an einem Tag in so großen Scharen ausgetreten sind. Daher habe ich versucht, die Besonderheiten dieser Naturerscheinung durch eine Ämfrage auszuklären, die zuerst im „Gießener Anzeiger" am 19. Oktober, sodann in einer größeren Zahl von Zeitungen zwischen Weser und Mittelrhein (Bremen, Kassel, Melsungen, Hersfeld, Marburg a. d. L., Koblenz. Mainz, Darmstadt) gedruckt worden ist. Die Wirkung dieser Notiz war und ist eine ganz erstaunliche, da ich aus dem ganzen Gebiet von der Weser, besonders aus der Kasseler Gegend, bis nach dem südlichen Rheinhessen hinunter eine große Zahl (bisher ca. 150) sehr wertvoller Nachrichten erhalten habe. Es geht daraus hervor, daß an dem genannten Tage durch das erwähnte Gebiet eine riesige Menge von Wildgänsen, oft in mehrfachen Geschwadern, im allgemeinen in der Richtung von Ost-Nordost nach West-Südwest, manchmal auch in rein ostwestlicher Richtung, geflogen ist. Es handelt sich also nicht um einen von Nord- Nordost nach Süd-Südwest ziehenden Schwarm, sondern um eine ganze Armee in einzelnen Kolonnen, die mit dem rechten Wügel die Gegend von Kassel, mit dem linken den Odenwald und das südliche Rheinhessen überflogen hat. Möglicherweise ist die nördliche und südliche Ausdehnung noch größer, indem vielleicht die vorher bezeichnete Breite nur auf dem bisherigen Mangel an Nachrichten über die Gebiete nördlich und südlich der genannten Grenzen beruht. Dies ist unterdessen durch Nachrichten aus dem Diemeltal und Pyrmont sowie aus dem südlichen Harz bestätigt worden. Allerdings habe ich auch einige Nachrichten aus der Gegend von Bremen, aber die Zahl der Züge und der Tiere in diesem Gebiet scheint zu der genannten Zeit auffallend gering gegenüber dem Massenflug im Gebiet zwischen der Fulda und dem Mittelrhein. Dadurch gewinnt eine genauere Untersuchung der Flugbahn itnb der Einzelheiten bei den großen Schwärmen, die am 8. Oktober Gießen überflogen haben, eine mehr allgemeine Bedeutung. Schon vor meiner Anfrage in der Zeitung war bekannt, daß die großen Züge am 8. Oktober gegen Abend aus dem Busecker- tal gekommen sind. Ich erfuhr alsbald, daß sie über Rödgen nach Gießen zu geflogen waren, jedoch war der genaue Weg unbekannt. Hier setzten zwei sich ergänzende Beobachtungen ein. Die erste stammt von Herrn Regierungsbaurat M. in G. und zeichnet sich durch genaue Angaben über Flugrichtung und Formation der Keile mit einer beigegebenen Skizze aus. Danach sind die Schwärme aus der Richtung zwischen dem Flughafen und dem Rödgener Weg gekommen, haben östlich vom Trieb die Linie der Rödgener und der Grünberger Straße gekreuzt, wobei sie, vom Standpunkt des Beobachters auf dem Trieb, einen stumpfen Winkel nach rechts gemacht haben und sind dann quer über die Sicher Straße und nahe der Heil- und Pflegeanstalt über den Ausläufer des Schiffenberger Waldes geflogen. Hiermit deckt sich die Beobachtung von Frau R. in G., deren Standpunkt in dem Winkel zwischen Rödgener und Grünberger Straße war. Was die Formation betrifft, so waren, vom Trieb aus gesehen, zu dieser Zeit, ca. i/26 Ähr, bei Beginn der Beobachtung, sechs Keile vorhanden, die nach der erwähnten Mitteilung ihre Spitzen nacheinander auswechselten und dann in westlicher Richtung schwenkten. Es hat also zu dieser Zeit bei den Tieren ein sehr lebhafter Wechsel der Formation stattgefunden, der die verschiedenen Angaben über die Zahl der Züge erklärt. Hier fügt sich nun eine ganze Reihe von Beobachtungen aus dem östlichen Teil der Stadt, besonders aus dem Schiffenberger Tal, an. Danach sind die Schwärme vom sog. Nizza, d. h. dem Waldrand, zu dem der Schreiberweg hinführt, gekommen und haben die Schiffenberger Fahrstraße in der Richtung der Bän- üingerschen Fabrik überflogen. Hiermit stimmen die Beobachtungen von Herrn W., Kr., H., E.. sowie Frau L. und Sch. aus G. völlig überein. Die genauesten Angaben machte Herr Studienassessor H. t G., der, auf ber Schiffenberger Straße zwischen dem Ausgang von Gießen und der Sandgrube, der Kveuzungsftelle der Vögel, mit der Schiffenberger Straße am nächsten stand. Er gibt als Zahl der Züge 5 über dem Stadtwald am Nizza an. Auch bei diesem Teil des Fluges tritt der Formationswechsel noch stark hervor. Z. B. sagt Herr H.: „Dabei wechselt die Zahl der Züge wiederholt, da Bereinigungen und Abtrennungen stattfinden. 3m allgemeinen treten drei starke Keile hervor." Es folgt nun eine Reihe von Beobachtungen aus dem Gebiet des Leihgesterner Weges uird der Schönen Aussicht bis 3um Aulwrg von Herrn B, 3., Z., sowie von Frau Sch. Ms Zahl der Formationen wird von Frau Sch., deren Standpunkt am Aulweg, Ecke Leihgesterner Weg war, bestimmt vier angegeben. Doch sind südlich von Gießen nur noch drei Keile gesehen worden. Es hat also zwischen dem ’ Flugplatz und dem — 388 -= die öfter von den Wildgänsen zum Uebernachten benutzt werden. Man könnte also die Erscheinung so deuten, daß ote -Stere hier eigentlich heruntergehen wollten, aus irgendwelchen Ur- sachen oder Wahmchmungen heraus jedoch ihren Weg schliehltch fortgesetzt haben, wobei sie zuerst säst nördlich daraus sLdlich oder süd-südwestlich dann wieder wesiltch geflogen smd. Wichtig ist auch die Mitteilung, die Frl. D. in Mlen^rf bei l^ilburg erhalten hat, Last am Nachmittag des gleichen L,ag^ schon vier bis fünf Schwärme vorübergeflogen seien, was sich aus einer später erhaltenen Beobachtung aus Metzen-West über einen Schwarm gegen Nachntittag um 3 ächr d«kt. Es fragt sich nun, wie die Tiere von dem Gebiet Mich«" Allendorf und Weilbirrg weitergeflogen sind. Frl. D. gibt Äs Richtung aller Züge die von Weilburg nach Limburg, also westsüdwestlich an. Dabei ist erklärlich datz nach der etngetretenen Dämm^ rung die Beobachtungen Lücken aufweifen. Hier brachte zuerst eine Mitteilung von Frau W. in M. Aufklärung. Sie war in Koblenz zu Besuch und hörte, nach dem Besuch des Theaters, über Pfaffendorf im Süden von Koblenz in der Lust em lautes Geschnatter von wilden Gänsen, ohne die Züge sehen zu Wunen. Es war dadurch nicht bewiesen, aber immerhin wahrscheinlich datz eine Flugbahn aus der Gegend von Weilburg und Mendorf nach West-Süöweflen über Pfaffendorf, südllch von Koblenz, führt. Hier schlieht sich eine Mitteilung des Herrn Reg.-Inspektors B. aus Koblenz über eine Beobachtung bei Diez an. Er war auf dem Wege von Freiendiez, das zwischen Limburg und Diez liegt, nach Oranienstein, befand sich also auf der linken Lahnseite. Hier hörte er in der Dämmerung das Schnattern der Gänse. Der Widerspruch datz diese Beobachtung von der linken Lahnseite aus gemacht wurde, erklärt sich leicht daraus, daß zwischen Limburg und Diez die Lahn einen groben und bresten Bogen nach Nord-Nordwesten macht. Wenn man ote ®e6tet südlich der Schönen Aussicht eine Umgliederung aus sechs über fünf und vier in drei Keile stattgefunden. Nach der Beobachtung des Herrn 3. von der Kreuzung deS Aulweges mit der Strahe an der Südwestseite der Nervenllinik aus, sind die Schwärme in beträchtlicher Höhe Inder Richtung zwischen Stoppelberg und Wetzlar, also nach W esten «ettogem Hier fügen sich Beobachtungen des Herrn W. Don der Hohe Zwischen Klein-Linden und Mendorf a. d. Lahn an, so daß die Richtung auf den Stoppelberg zu cmzunehinm war. Bon diesem Beobachter werdet: drei Schwarme, denen nach ca. zehn MtnUten ein vierter folgte, angegeben. nm ®s fragt sich mm, tote der wettere Weg der -Stere am Stoppelberg vorbei gegangen ist. Hier setzt die genaue Beobachtung des Herrn Direktor St. aus Frankfurt a. M. em, der, in W-tzlar zu Besuch weilend, an dem betreffenden Abend einen S^-ziergang machte und sich zwischen dem Stoppelberg und d« Strahe nach Butzbach befand. Die Wildgänse kamen, genau dem bisherigen Weg entsprechend, über das Ftnsterloh genannte Waldgebiet südwestlich von Münchholzhausen und fWgen am Stoppelberg, zwischen diesem und Wetzlar, vorbet, also Wetter nach W e st e n. Zahl und Art der Formattonen wtrd dabet in folgender Weise angegeben: „Es waren dret Zuge^ zwet grotzere und ein kleinerer, der letztere hatte die bekannte 1-Form, wahrend die beiden anderen Züge keine ausgesprochene Kmlforin, sondern eine mehr halbkreisförmige Gestalt angenommen hatten. 3n dem gröhtett dieser beiden Züge flog noch ein ganz kleiner Zug, es mögen sechs bis acht Tiere gewesen fern . ^Nun folgt eine Mitteilung des Herrn B. aus Frankfurt, der in Braunfels weilte und gegen Abend von seinem Standort zwei grotze Schwärme von Wildgänsen von Osten kommen sah, dabei'jedoch dachte, dem Lärnt nach muhten eä mehr fein. Sie zogen von Wetzlar zwischen Braunfels und der Lahn vorbei Nun schließen sich die Mitteilungen des Herrn A voit Dreßen cm über eine 'Beobachtung in Tiefenbach, tvestlich von Braunes, sowie des Herrn Forstta^ators Th. aus Weilburg, der, auf dmn Wege von Hirschhausen nach Weilburg, ungefähr bet /, der Entfernung, die Scharen fliegen sah, erst zwei Züge, spater noch ^"^Nack^ diesen Beobachtungen war es wahrscheiillich, daß die Wildaänse nördlich von Weilburg die Lahn vom linken zum rechten Ufer überflogen haben, also nicht dein Flutztal entlang gezogen sind, das von LWrberg b^ Weilburg südlich gerichtet ist. Dies wurde zuerst von Haulein D. aus Frankfurt a. M bestätigt, die mit der Eisenbahn nach Weilburg gefahren war und auf der Fahrstraße von Wmlbu^. Ako auf dem rechten Lahnufer, nach dem Ort Allendorf bei Weilburg die Tiere in drei Zügen über diese Strahe Weggehen sah Diese wichtige Mitteilung ist unterdessen durch eine AachrM des Seern Landwirtes K. in Löhnberg bestätigt ivorden^der beobachtet hat, daß die Tiere von feinem Standpunkt, alft vechts der Lahn, eine Kursänderung nach Nor^n iu d« RMung Merenberg vorgenommen haben, dann jedoch in scharfem Winke, südlich umgebogen sind, so daß sich.die ^^^tuM vonFrll M aus Fr. an der Landstraße nach Mendorf bei Weilburg voll- vollständig erklärt. Es handelt sich nicht um einm neuen von Norden kommenden Schwarm,, sondern um einen hakenförmigen Weg der zwischen Weilburg und Löhnberg über die Lahn ge= beiden, «chtS der Sah« Hegenden, Otte Dietkirchen und Alten- diez durch eine Linie verbindet, so schneidet diese den erwähntem Dogen der Lahn, also den Fluß doppelt. Die Flugbahn der Tiere ist also möglicherweise hier wieder eine ganz kurze Strecke auf der linken Lahnseite gegangen, und muß nach Altendiez an der rechten Lahnseite weitergeführt haben. Herr D. nimmt westliche Richtung cm. Bon hier an bis nach Koblenz fehlen bisher Mitteilungen, aber es ist zu beachten, daß nunmehr die Dunkelheft eingetreten war, so daß Beobachtungen, abgesehen von der Wahrnchmung des Geschreis nicht gemacht werden konnten. Außerdem führt die Luftlinie von Wendiez mach Koblenz nicht an der Lahn entlang, sondern nördlich davon durch gebirgige und waldige Gegend, ungefähr nördlich von Holzappel vorbei, da die Lahn von Diez bis Niederlahnstein im ganzen einen flachen Bogen nach Süden mit vielen Win« innigen macht, cm denen die Orte Balduinstein, Nassau und EmS Hegen. Bon hier waren also Nachrichten nicht zu erwarten. Bei der Beobachtung aus Pfaffendorf bei Koblenz, abends IO1/4 Uhr, stimmte zwar die Flugrichtung, aber nicht die Zeit, da nach der Geschwindigkeit der am Südende von Gießen um 1/26 Uhr beobachteten Schwärme von, diesen der Rhein viel eher hätte erreicht werden müssen. 3mmerhin war die Beobachtung wichtig, da oft mehrere Züge, durch längere Zeit getrennt, in der gleichen Richtung fliegen. Der noch fehlende Ring zu der Kette von Beobachtungen wurde mir neuerdings durch eine Mitteilung der Frau E. F. in Pfaffendorf bei Koblenz gegeben, die folgendes schreibt: „3ch war abends um i/27 Uhr im Garten, da hörte ich ein lautes Schreien, daß es Schneegänse waren, wußte ich. Es müssen sehr viele gewesen sein, sie flogen auch sehr niedrig. Sie kamen aus der Richtung vom unteren Lahnkreis und flogen über Koblenz-Lützel." Hier ist der Schluß der Beobachtungen, die von Metzen über Braunfels, Löhnberg, Allendorf bei Weilburg, Oranienstein bei Diez eine zusammenhängend« Reihe darstellen, gegeben. Wir kehren zum Ausgangspunkt dieser Studie, nach Gießen, zurück und wollen klarstellen, wie der Anslug der Tiere ins Dusecker Tal erfolgt ist. Hierüber war mir bei der Berösfent- Hchung meiner Notiz am 19. Oktober noch nichts bekannt. BÄ der Untersuchung des Geländes vermutete ich zuünächst, da ich vor mehreren 3ahren am Frauenberg bei Marburg Züge von Wildgänsen gesehen hatte, datz der Weg ins Dusecker Dal von Nord-Nordost aus der Richtung des Frauenberges, ungefähr über dem Paß zwischen Alten-Bufeck und Daubringen, erfolgt sei. Dies hat sich jedoch als vollständig irrtümlich erwiesen. Alle Nachrichten beweisen, daß der Zug zum Busecker Dal fast von Osten, zeitweise von Ost-Nordosten zu erfolgt ist. Die erste Nachricht erhielt ich von Herrn B. in Lumda, der am 8. Oktober zwischen 5,10 und 5,20 Uhr vom Bahnhof Lumda beobachtete, wie die Schwärme ungefähr 300 bis 400 Meter westlich von Lumda, von rechts nach links streichend, das Dal überflogen. Dies wies ungefähr auf die Richtung von Weitershain nach ReinhardShain und von da weiter, cm Grotzen-Buseck vorbei, nach Rödgen und Metzen. Dies wird durch Mitteilungen der Herren Tr. aus M., damals in Aeinharöshain, Lehrer R. In Beuern, des Herrn Lehrer G. in Reiskirchen, sowie des Herrn Fr. W. vom Hofgut Appenborn (bei Londorf) bestättgt. Dis RichtungSlinie kam also vielmehr aus Osten, als ich wegen der früheren HeMcMwiS KN Frauenberg bei WE g, SerNrutet hatte, lind es ergab sich die Frage, an Weichei Stelle die Tiere daS Ohmtal überflogen haben. Dies ist vollständig aufgeklärt durch Mitteilung des Herrn G. in Meder- Ohmen, der beobachtete, datz die Züge von Nordosten kommend, bei Nieder-Lhmen die Ohm überflogen haben. Herr G. nimmt richtig an, daß sie von Lauterbach her gekommen sind. Dies ergänzt die Mitteilungen aus Lumda, Appenborn, Deinhardshatn, Reiskirchen und Beuern. Durch die Mitteilung aus Nieder- Ohmen wurden mir die Angaben verständHch, die ich schon vorher in bezug auf Lauterbach von den Herren H in G., Dr. L. in und von Herrn H. St. aus Ulrichstein erhalten hatte. Das Bindeglied zwischen Lauterbach und Nieder-Ohmen geben Haupt- sächlich Angaben des Herrn Obm'forsttates U. in D. und des Herrn Kreisarztes Z. ht A, wonach die WtWganse ub-n den Wald von Strebendorf gezogen sind. Möglicherweise ist ein Teil etwas weiter nördlich im Alsfelder Gebiet nach Sudwesten gezogen. Als wesentliche Richtung erscheint Lauterbach, Wald von Strebendorf tritt» Nieder-Ohmen. Vergleicht man die östliche Berlängerung der Flugbahn mit der westlichen von Gießen aus, so zeigt sich datz die Flugrichtung hauptsächlich eine ostwestliche war, daß jedoch ungffähr von Weitershain bis Gießen ein Ost-Nordofl nach West-Süd west gerichteter Abschnitt zwischengeschaltet war. Die Umbiegung nach Westen erfolgt nach der Beobachtung von Herrn Baurat M. in G. über dem Wald an der Ostseite vom Trieb. Hißt man die mitgeteilten Beobachtungen zusammen, so ergibt sich, datz die in Metzen beobachteten Schwärme aus der Gegend von Lauterbach gekommen und über Bieder-Ohmen, Lum^Rodgen nach Gießen, von hier in fast ganz westlichw Ri^uM, am Stoppelberg, zwischen diesem und Wetzlar, vorbei nach Drauw- fe!8 geflogen sind und zwischen Weilburg und Lohnberg die Lahn überquert haben. Die weiteren Mitteilungen dellen ach die Richtung Mendorf bei Weilburg, Diez, Koblenz, ^r Weg bietet im einzelnen durch die Krenzimg mehrerer Flußtälev - 356 - Ein Herbsttag. Von Franz Wetzel- Das ist ein Tag so voll von hellem Glast... Noch einmal rasst der Herbst in seine Hände, was er an Licht und Duft und Farven saht, und streut es lächelnd über das Gelände. Die Menschen freuen sich der späten Pracht, indes sie durch den stillen Frieden gehen — öle Toten aber schauern in der Nacht, tote sie das Leben zu sich steigen sehenl... es war nichts und ich lache über meinen leeren Schrecken. 3d) wende mich. Du stehst vor mir nachtwandelnd, mit offenen stieren Augen. 3ch ergreife dich und führe dich in das Haus zurück. Lind du erwachst aus dem abscheulichen Traume, der dich jetzt peinigt und zugrunde richtet." 3a und nein, Mutter. Mich weckte ein Ruf, ich sehe dich hinauseilen und folge dir auf dem Fuße. Du standest im Hofe vor den Steinbildern und schaltest den Vater und erzähltest ihm" — sie hielt schaudernd inne. »Was erzählte ich?" fragte die Richterin. Du sagtest?' — Palma redete ganz leise — „daß ich nicht sein "Kind bin. Du sagtest, daß ich schon unter deinem Herzen! lag. Du sagtest, daß du und ich ihn getötet haben. „Liebe Törin," lächelte Frau Stemma, „nimm all dein Denken zusammen und verliere keines meiner Worte. 3ch hatte mit einem Steine geredet? als eine Abergläubische, oder eins Närrin? Kennst du mich so? lind du wärest mcht das Krnd des Comes? Mit wem war ich denn sonst vermahlt? Habe ich dir nicht erzählt, daß ich eine Gefangene war auf Malmort, bis mich der Comes freite? lind ich hätte den Gatten getötet? 3ch die Richterin und die Aerztin des Landes, hatte Gifte„gem-.cht? Kannst du das glauben? Hältst du das für möglich? „Rein, Mutter, nein I lind doch, du hast es gesagt!" „Palma, Palma, mißhandle mich nicht! Sonst müßte ich dich hassen!" Palma brach in trostlose Tränen aus und warf sich gegen die Brust der Mutter, die das schluchzende Haupt an sich preßte. „Du bringst mich um mit deinem Weinen, sagte sie. „Glaube mir doch, Närrchen!" Palma hob das Angesicht und blickte um sich „Weidet hier am Rande ein Zicklein, Mutter?" „3a, Palma." „Läutet dort Maria in vaste?" Sie wies auf ein im Tale schimmerndes Kloster. „3a, Palma." „Ebenso wahr, als ich jetzt nicht träume unö taS Zicklein weidet und das Kirchlein läutet, ebensowenig habe ich geträumt, daß du vor Wulfrins Vater gestanden und ihn angeredet W. Es war so, es ist so. Du sprachst immer die Wahrheit, Mutter. „3ch sage dir, Palma, es ist ein Traum, lind ich will, daß es ein Traum sei!" Palma erwiderte sanft: „Belüge mich mcht. Mutter! Habe ich doch vorhin, als du mich an dich preßtest, den scharfen Krist-M empfunden, welchen du aus dem Dusen gezogen und dem Comes gezeigt hast." Die Richterin schnellte empor mit einem feindseligen Blicke gegen ihr Kind, glitt aber langsam auf die Dank zurück und nachdem sie eine Weile in den Boden gestarrt, sagte sie. „Ware eS so und hätte ich so getan, so wäre es deinetwegen. „3ch weih," sagte Palma traurig. „Habe ich es getan," wiederholte Stemma, „so tat ich es dir zuliebe. 3ch tötete, damit mein Kind rem blieb. Palma zitterte. Warum hast du dich in mein Geheimnis gedrängt. Lln- feltae?" flüsteäe Stemma ingrimmig. „Ich hütete es. 3ch verschonte dich Du hast es mir geraubt! Nun ist e8 auch das dmnige und du mußt es mir tragen helfen! Lerne heucheln.Kindes ist nicht so schwer, wie du Laubfl! Aber wo sind deine Gedanken? Du bist abwesend IWohin träumst du?" „Was ist aus Wulfrin geworden?" fragte sie leise und eine schwäche Röte glomm und verschwand auf den gehöhlten Wangen. „3ch weih nicht", sagte die Richterin. „3etzt versiehe ich daß er mich verabscheut/' jammerte Palma. „O ich Elende! Gr stößt mich von sich weil er Mord an mir wittert. Mir graut vor meinem Leibe! Lage ich zerschmettert!" „Aengstige dich nicht! Wulfrin hat keinen Argwohn. Gr ist gläubig und er traut." „Er traut!" schrie Palma empört. „Dann eile ich W ihm und sage ihm alles, tote es ist! 3ch laufe, bis ich ihnftnde! Sie wollte aufspringen, die Mutter mußte sie nicht zurückhalten, erschöpft und entkräftet sank sie ihr in den Schoß. „3ch verrate dich, Mutter!" „Das tust du nicht," sagte Stemma ruhig. „Mein Kind wich nicht" als Zeugin gegen mich stehen." „Nein, Mutter." _ „ „ „ Die Richterin streichelte Palma. Diese ließ eS geschehen. Darauf sagte sie wieder: „Mutter, weiht du was? Wir wollen die Wahrheit bekennen!" Mhm, Lumda, Wieseck, Lahn) sch« 1*1 Merkwürdiges, das an anderer Stelle erörtert werden soll. Hier will ich nur noch eine kurze Aebersicht über die sehr «chlveichen Mitteilungen geben, die mir aus dem ganzen Gebiet dtotMjen Weser und Mittelrhein und darüber hinaus, ein- fafteMid) Rheinhessen, dem Hundsrück und der Eifel, angegangen ftnö. Es zeigen sich dabei, mchrfach genau wie bei Grchm. Mmptsächlich ostwestliche oder von Ost-Nordvst nach W-st-Su^ Lest gerichtete Fluglinien. Z. D. gehören höchstwahrscheinlich stckgende Beobachtungen zusammen: Wilhelmshöhe bei Kassel, Dörnberg, Rhoden in Waldeck, ferner Marburg, Herborn, San» Bhn im Westerwald, Remagen am Rhein mtt der Fort» r in der Eifel; fo&atm tm Gebiet von Wetterau urck> Taunus. eim, Oberursel, Cronberg, Königstein, Langenfchax'.lbach, Oberwesel und St. Goar a. Rh., mit Fortsetzung im Hunsruck. Die starken Züge über Frankfurt sind schr wahrscheinlich «ich vom Osten, etwas nördlich von Hanau gekommen, habm den Nord- und Nordwestrand von Frankfurt im Dogen umflogen tmö stnd nach West-Südwefl an der rechten Mainseite weitergegangen. Nach einer Deobachtung führt die Flugrichtung nun sonderbarerweife von Hochheim, rechts des Maines, nach Boden» heim, links des Rheines, also mit Kreuzung des Maines und Scheines oberhalb von Mainz, sodann westlich durch das nord» sich« Rheinhessen über Gaualgesheim zur Nahe, südllch von Magen, und von hier an der linken Seite der Nahe weiter über Weiler nach Stromberg, d. h. in der Richtung des Soonwaldes und des Hunsrücks, so daß sich diese Richtung mit der über 6t. Goar schneidet, bzw. trifft, Nach diesen Beobachtungen scheinen Hundsrück und Eifel eine besondere Bedeutung für die Schwärme der wandernden Wildgänse zu haben. Hier liegt die westliche Grenze der bisherigen Forschung. Nach Osten ist jenseits von Lauterbach die Herkunft noch ganz unklar. Bisher habe ich nur eine Mitteilung in b^ug auf Meiningen über solche Vogelzüge ungefähr zu der kritischen Zeit, jedoch ohne nähere Angaben. Erwiesen ist, »aß das ganze Gebiet von Kassel bis zum Odenwald und zum südlichen Weinhesfen am 8. Oktober 1925 von riesigen Wildgänsescharen im wesentlichen aus östlicher oder oflnordöstlicher Richtung über» flogen worden ist. Worauf dieser sonderbare Vorgang der vom Standpunkt der Tierpsychologie im Grunde ein massenpsy» chvlvglscher Ist, beruht, Ist eine schr interessante natur» wissenschaftliche Frage, zu deren Lösung eine genaue Anter» suchung der klimatischen und meteorologischen Vorgänge besonders Im Osten und Nordvflen von Deutschland und von ganz Europa notwendig erscheint. 3ch möchte durch dich« Bemerkungen die Sachverständigen in dem eben gemannten Gebiet zu einer Prüfung dieser Verhältniffe zu Anfang Oktober 1925 anregen. Die Richterin. Bon Conrad Ferdinand Meher. (Schluß.) Die Mägde verstummten, hoben sich die Krüge zu Haupte und drückten sich eine hinter der andern, während langsam die Richterin mit Palma aus der Pforte trat und die Stufen herunterschritt. Frau Stemma stützte das Mädchen, das, elend und zerstört, sich selbst nicht mehr gleichsah. Palma ging mit gefugtem Rücken und unsicheren Knien. Groh, doch ohne Strahl und Wärme, traten die Augen aus dem bermagerten Antlitz. „Komm. Kindchen," sagte Frau Stemma, „du muht Luft schöpfen,' um» sie öffnete ein Gatter, das auf eine zirpende und summende Wiese führte, die einen weiten leicht geneigten Vorsprung der Durg- hvhe bekleidete und über die Grenzlinie der unsichtbaren Tiefe hinweg in eine lichte Ferne verlief. Sie setzten sich auf eine Bank und Fvau Stemma betrachtete khr Kind. Da ergrimmte sie und weinte zugleich in ihrem Herzen über die Verwüstung des Einzigen, was sie siebte. Aber fie blieb aufredjt und gürtete sich mit ihrer letzten Kraft. „Wie," sagte sie sich „mit gelänge es nicht, dieses Gehirnchen zu betören, dieses Herzchen zu überwälttgen?" „Mein Kind," begann sie, „hier sind wir allein. Laß uns noch einmal recht Kar und Kug miteinander reden' — „Wenn du willst, Mutter." — „mtteinander reden von dem Wahne jener Nacht. 3ch ° wachte, du schliefest. Da lärmt es tm Hofe. Ich gehe hinunter. — 380 — Frau Stemma brütete mit finsteren Blicken. Samt sprach sie: „ Foltere mich nicht! Auch wenn ich wollte, dürfte ich nicht. Dieser wegen!" und sie deutete auf ihr Gebiet. „Würde (aut und offenbar, das; hier während langer Jahre Sünde Sünde gerichtet hat, irre würden tausend Gewissen und unterginge der Glaube an die Gerechtigkeit! Palma! Du muht schweigen!" „So will ich schweigen!" „Du bist meine tapfere Palma!" und die Richterin schloß ihr den Mund mit einem Kusse. „2lber Kind, Kind, wie wird dir?" Palmas Augen waren brechend und das Herz klopfte ihr kaum unter der tastenden Hand der Mutter. Diese bettete die halbentseelte und eilte verzweifelnd in die Burg zurück. Sie kam wieher mit einer Schale Wein und einem Stücklein Brot. Sie kniete sich nieder, brach und tunkte den Bissen und bot ihn der Entkräfteten. Diese wandte sich ab. Da bat un6 flehte die Richterin: „Rimm, Kind, deiner Mutter zuliebe!" Jetzt wollte Palma gehorchen und öffnete den entfärbten Mund, doch er versagte den Dienst. Stemma sah eine Sterbende. Da starb auch sie. Ihr Herz stand stille. Ein Lodeskramps verzog ihr das Antlitz. Eine Weile kniete sie starr und steinern. Dann verklärte sich das Antlitz der Richterin und ein Schauer der Reinheit badet« sie vom Haupt zur Sohle. „Palina, "sagte sie zärtlich und dieser warme Klang hob die Lider des Kindes, „Palma, was meinst du? Ich lade den Kaiser ein nach Malmort. Wir treten vor ihn Hand in Hand, wir bekennen und er richtet." Da freuten sich die Augen PalmaS und ihre Pulse schlugen. „Rimm den Bissen", sagte die Richterin, und speiste und tränkte ihr Kind. Sie führte die Reubrlebte in den Hof zurück. In der Mitte desselben stand Rudio, noch leuchend vom Ritte. „Heil und Ruhm dir, Herrin!" frohlockte er. „Ich melde den Kaiser! Der Höchste sucht dich heim! Er naht! Er zieht mächtig heran und mit ihm ganz RDien!" „Dafür sei er gepriesen!" antwortete die Richterin. »Komm, Kind, wir wollen uns schmücken!" Da Kaiser Karl mit aller» Volke de» Durgweg erstiegen hatte, hieß er Gesinde und Gefolge vor der» Tove zurückbleiben und betrat allein den Hof von Malmort. Stemma und Palma standen irr weihen Gewändern. Die Richterin schritt dem Herrscher entgegen und bog das Knie. Palma hinter ihr tat desgleichen. Karl hob die Richterin von der Erde und sagte: „Mr bist die Frau von Malmort. Ich habe deine Botschaft empfangen und bin da, Ordnung zu schaffen, wie du gefordert hast. Hier ist Freiheit in Frevel und Kraft in Willkür entartet. Ich will diesem Gebirge einen Grafen setzen. Weiht du mir den Mann?" „Ich weih ihn", antwortete die Richterin. „Es ist Wulfrin, Sohn Wulfs, dein Höfling, ein treuer und tapferer Mann, zwar noch leichtgläubig und unerfahren, doch die Jahve reifen." „Ich führe ihn mit mir," sprach der Kaiser, „aber als einen, der sich selbst antlagt und dein Gericht begehrt, sich so grohen Frevels anklagt, daß ich nicht daran glauben mag. Frau, heute ist mir unter diesem leuchtenden Berghimmel ein Zeichen begegnet. Vor deiner Burg hat mein Roh an einer Toten gescheut, die mitten im Wege lag. Ich lieh sie aufheben. Es ist deine Eigene. Sie harrt vor der Schwelle." Er dämpfte seine Stimme: „Frau, was verbirgt Malmort? Wärest du eine andere, als die du scheinest, und stündest du über einem begrabenen Frevel, so wäre deine Wage falsch und dein Gericht eine Ungerechtigkeit. Lange Jahre hast du hier rühmlich gewaltet. Gib dich in meine Hände. Mein ist die Gnade. Oder getraust int dich, Wulfrin zu richten?" „Herr," antwortete sie, „ich werde ihn und mich richten unter deinen Augen nach der Gerechtigkeit." Karl betrachtete sie erstaunt. Sie leuchtete, von Wahrheit. „So walte deines Amtes", sagte er. Dann ging er auf das kniende Mädchen zu. „Palma novellal" sagte er und hob sie zu sich empor. Sie blickte ihn an mit fehlenden und vertrauenden Augen und sein Herz wurde gerührt. „Rudio," gebot die Richterin, „bringe Faustinen her!" Der Kastellmr gehorchte und trug die Bürd« herbei, die er an den Grabstein lehnte, „jetzt tue auf das Tor und öffne weit! Alles Volk tret« ein und sehe und höre!" Da wälzte sich der Strom durch die Pforte und füllte den Raum. Die Höflinge scharten sich um den Kaiser, Alcuin und Graciosus unter ihnen, während die Menge Kopf an Kopf stand und selbst Tor und Mauer erklomm, ein dichter und schweigender Kreis, in dessen Mitte die Gestalt des Kaisers ragte, in langem blauem Mantel, mit strahlenden Augen. Reben ihm Stemma und ihr Kind. Vor den Dreie» stand Wulfrin und sprach, den Blick fest und ungeteilt auf Stemma geheftet: „Jetzt richte mich!" „Gedulde dich!" sagte sie. „Erst rede ich von Dieser," und sie wies auf di« entseelt« Faustine, die mit gebrochenen Augen und hangenden Armen an der Gruft sah. „Räter," sprach sie und es wurde di« tiefste Stille, „ihr kennet Jene dort! Sie hat unter euch gewandelt als eine Rechtschaffene, wofür ihr sie hieltet. Run ist ihr Mund verschlossen, sonst riese sie: Ihr irret euch in mir! Ich bin eine Sündeistn. Ich, di« das Kind eines anderen im Schoße barg, habe den Mann gemordet." — „Frau," schrie Wulfrin ungeduldig, „was bedeutet di«Wagd! Mich laß reden, meinen Frevel richte, damit ein Ende werde!" „Run denn! Aber zuerst, Wulfrin — nicht währ, weiM diese hier'' — sie zeigte auf Palma — „nicht da» Kind deines Vaters, nicht deine Schwester, sondern eine andere und Fremde wäre, dein Frevel zerfiele in sich selbst?" „Frau, Frau!" stammelte er, „Kaiser und Räter," rief Stemma mit gewaltiger Stimm«, „ich habe getan wie Faustine. Auch ich war das Weib eines Toten! Auch ich habe den Gatten ermordet! Die Herrin ist wie die Eigene. Hört! Richt ein Tropfen Blutes ist diesen Zweien gemeinsam!" Sie streckte den Arm scheidend zwischen Wulfrin und Palma. „Hört! hört! Kein Tropfen gleichen Blutes fließt in diesem Mann und in diesem Weibe! Zweifelt ihr? Ich stelle euch einen Zeugen. Palma novella, das Kind Dtemmas und Peregrins des Klerikers, das das Geheimnis meiner Tat belauscht. Sie glaubt daran und stirbt darauf, daß ich wahr rede. Gib Zeugnis, Palma!" Aller Augen richteten sich auf das Mädchen, das mit gesenktem Haupte dastand. Palma betont« die Lippen. „Lauter!" befahl die Richterin. Jetzt sprach Palma hörbar den Bers der Messe: „Concepft in iuiquitatibus me mater mea ..." Da glaubte das Volk und entsetzte sich und stürzte aut die Knie und murmelte: „Miserere mei!“ Wulfrin streckte die Arme und rief gen Himmel: „Ich danke dir, daß ich nicht gefrevelt habe!" Karl aber trat zu Palma und hüllte sie in seinen Mantel. • „Run richt« du, Kaiser!" sprach Stemma. । „Richte dich selbst!" antwortet« Karl. „Richt ich "sagte sie, wendete sich zu dem Botte und rief: „Gottesurteil! Wollt ihr Gottesurteil?" , Es redete, es rief, es dröhnte „Gottesurteil!" Da sprach die Richterin feierlich: „Erstorbenes Gift, erstorbene Tat! Lebendige Tat, lebendiges Gift!" und hatte dm Kristall aus dem Dusen gehoben und geleert. Ein« Weil« stand sie, dann tat sie einen Schritt und euren zweiten wankenden gegen Wulfrin. „Sei stark!" seufzte lste und brach zusammen. Audio neigte sich über di« Tote, hob sie auf feine Arme und trug sie zu Faustinen. Dort saß st« am Grabe, di« Hörige, aber neigte sich und legte das Antlitz in den Schoß der Hewün. Jetzt enthüllte der Kaiser das Mädchen, das einen jammervoll«» Blick nach der Mutter warf, faltete die Hände und gebot: „Oremus pro magna peccatrice!““ Alles Volk betete. Dann sagte er mit milder Stimm«: „Was wird aus diesem Kinde? Ich ziehe nicht, bis ich es weiß. Wie rätst du, Alcuin!" „Sie tue di« Gelübde!" riet der Abt. „Ehe sie gelebt hat," schrie Wulfrin angstvoll. „Dann weiß ich ein anderes. Graciosus" — der Abt hielt ihn an der Hand — „Dieser hier, ein frommer Jüngling, hat ein Wohlgefallen an der Aermsten" — „Herr Abt," unterbrach ihn der aufgeregte Gnade irreich, „das geht über Menschenkraft. Mir graut vor dem Kinde der Mörderin. Alle guten Geister lobe» Gott den Herrn!" Wulftin sprang in die Mitte. „Kaiser und ihr alle," rief er, „mein ist Palma novella!" Da redete Karl: „Sohn Wulfs, du freiest das Kind feiner Mörderin? äleberwindest du di« Dämonen?" „Ich ersticke sie in meinen Armen! Hilf, Kaiser, daß ich sie überwälttge!" Karl hieß das Mädchen knien und legte ihr di« Hände auf das Haupt. „Waise! Ich bin dir an Vaters Statt! Begrabe, die deine Mutter war! Dieser folge mir ins Feld! Gott entscheide! Kehrt er zurück und stößt er ins Horn, so freue dich, Palma novella, füll« den Becher und vollende den Spruch! Dann entzündet Rudio di« Drautfackel und schleudert sie in das Gebälks von Malmort." SchrMsitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.