Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, -en D. Oktober Nummer 8k Der römische Brunnen. Von C. F. Weher. Aufsteigt der Strahl und fallend gießt er voll der Marmorschale Aund die, sich verschleiernd, Lberfließt in einer zweiten Schale Grund: die zweite gibt, sie wird zu reich der dritten wallend ihre Flut, And jede nimmt und gibt zugleich und strömt rrnd ruht. Conrad Ferdinand Meyer. Zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages am 11. Oktober. Von Professor Robert Faesi*). Der Mensch C. F. Meyer war leiblich und seelisch ein schattenhaftes und wirklichkeitsscheues, weil gefährdetes Geschöpf, aus Schwäche leidend, zur Entsagung verurteilt und nach innen gewandt. Ein Edelentarteter, den seine Minderwertigkeit tief demütigte. Zugleich freilich reich begabt an Geist und Gemüt und einer mächtigen Sehnsucht voll nach den höchsten Dingen. Seine Anzulänglichkeit zu überwinden, wurde der herossche Inhalt seines Lebens. Die dürftige Natur suchte sich eine Ergänzung zu schaffen durch eine künstliche „Kultur", das heißt, durch die bewußte wie unbewußte Kultivierung fehlender Kräfte und Eigenschaften — ein Vorgang, der sich bis in seine Landschrift hinein spiegelt, deren ursprünglicher Typus mehr und mehr von einem gewollten, gezüchteten verdeckt wurde. In der Jugend mißglückt, kam die wundersame Verbindung widerstrebender Elemente spät und wie durch ein Wunder zustande, in einem Maß, daß sein Biograph sagen kann, man sei geneigt gewesen, die Kraft und Entschiedenheit seiner Leiden auf den stattlichen, fast energisch aussehenden Verfasser zu übertragen. Jedoch ganz wirklich, ganz echt ist diese aus Wunsch und Willen geschaffene „zweite Natur" seiner menschlichen Persönlichkeit nicht geworden; die kostbare und edle Verbindung war der Zersetzung geweiht, und dem Atterserschöpften entglitten jene künstlich einverleibten Werte. Von jeher mochte er- sich darüber klar sein, daß es ihm nie ge- lingen werde, seinen Menschen zum vollendet«, Kunstwerk zu gestalten. Darum warf er sich mit dem vollen Einsatz des Willens auf die Dichtung. Ich selbst kann nicht vollkommen heißen, Drum will ich's keck dem Stein entreißen. Nur die Kunst machte ihm das Leben lebbar; so kommt sein Kampf um sie einem Kampf ums Dasein gleich. Lier einzig winkte ihm ganze Genugtuung, und es gelang ihm, als Gegenschöpfung zur Wirklichkeitswelt eine Wahnwelt zu erzeugen, die ihn mit Äollwert und Glücksgefühl belohnte. Wie aber kann eine solche Kunst beschaffen sein? Zwei Möglich- keiten liegen nahe: Sie ist das Abbild oder das Gegenbild ihres Schöpfers. Auch ein an der eignen Anzulänglichkeit Leidender wird in der Selbstdarstellung seinen Vorteil finden. Abgesehen davon, daß er aus Selbstkenntnis sich hierin am sichersten fühlen mag, winkt ihm die Erleichterung durch die Beichte und die Lust des Kranken an der Beschäftigung mit sich selbst. Meyer kannte diese so wenig, daß er den Werk eines Tagebuchs nie einzusehe« vermochte; das Psychologisieren war seiner scheu-vornehmer;, Natrrr zuwider, und eine äußerste seelische Schamhaftigkeit machte ihm die rücksichtslose Selbstentblößung im Werke unerträglich. Dennoch muß es eine llefe Lockung, ja Notwendigkeit für ihn gewesen sein, sich gleichsam «nzuschmuggeln, hinter Masken und Verkleidungen allerdings, sich verratend und sich verbergend, fürchtend und hoffend zugleich, daß er erkannt werde. Doch bei einer Kunst, die als Ersatz des Lebens «rtstanden sst, llegt es nahe, daß sie fein Gegensatz sei, geschaffen aus dem Be- dürfms, sich los zu werden und zu vergessen, an dem, was man mcht rst, sich zu weiden, in der Traumhalle der Einbildung sich ein schwelgerisches und ausschwetfendes Fest zu bereiten. Eigenwelt und Sehnsuchtswelt sind zu gleichen Teilen di« Substanz von Meyers Dichtung. Nicht so, daß er zwei verschieden« Arten von Kunstwerken geschaffen hätte; in der Lyrik zwar bewegt er sich zwischen zwei Typen von Gedichten, aber jede seiner Novellen wird ans dem doppelten Zufluß gespeist, ja sie empfängt recht eigentlich aus jenem Gegensatz Leben und Bewegung. Die beiden Prinzipien Weltlichkeit, Tod und 2i Frage nach seinem „ ....... ________ . .......... Ische gefüllte Land öffnet, ist dies ein wundervoll ergreifender symbolischer Augen-Blick, aber für die Bühne wäre damit wenig gewonnen. Die Kraftentfaltung des Dramas ist der Meyerschen Schaustellung bedeutungsvoller Bilder wesensftemd, mag diese auch mit einer unvergleichlichen Meisterschaft gehandhabt sein, wofür als Beispiel aus derselben Pescaranoveüe das abschließende Gleichnis in Erinnerung gerufen werde, das den toten Leiden einen von der Ernt« erschöpften und auf stoßen aufeinander, aber unter den verschiedensten Erscheinungsformen, Einkleidungen, Masken und Symbolen. Was sich qegen- übersteht als Lebensschwäche und Vitalität, Feinheit und Kraft, Leiden uird Tat, Gewissen und Skrupellosigkeit, Religiosität und "!eben, Sittlichkeit und Sinnlichkeit, Schicksals- ergebenheit und Individualismus, Notwendigkeit und Freiheit, und als Christliches und Leidnisches, Lugenottentum und Katholizismus, Reformation und Renaissance, deutsch-germanisches und italienisch- romanisches Wesen, Norden und Süden, das sind immer neue Brechungen der zwei Strahlen im Prisma seiner Kunst. Die Gestalten sind Vertreter und Träger jener feindlichen Sphären der Eigenwelt und Sehnsuchtswelt, und die Auseinander- sehung zwischen diesen beiden ist das eine große Thema des EpikerS, zu dem die einzelnen Novellen nur Variationen sind. Die Lösung wechselt gemäß dem jeweiligen Zustand des Dichters. Je stärker seine vitale und damit künstlerische Potenz wurde, um so mehr überwog seine ästhetische Einstellung; in allen seinen Laupt- gestalten wächst unter der gleißenden Oberfläche eine Innenwelt des Gewissens, Leidens, Kreuzes und Todes. Aeberall neigt sich der Sieg den Kräften von Meyers Eigenwelt zu, wenn nicht gar die Wett der Sehnsucht als eine des Scheins zusammenstürzt. In C. F. Meyers Leben fehlte ein philosophisches Bildungs- erlebnis, in seiner Bibliothek überhaupt jede philosophische Schrift. Was ihn beschäftigte, hat er in der Kunst ausgetragen, aber sicher wett mehr als die Briefe andeuten, hat er unter der Duplizität von Sehnsuchts- und Eigenwelt und unter dem Widerspruch feier Neigungen und Wertungen tief gelltten. Sofern er es überhaupt versucht hat, sie in Aebereinstimmung zu bringen und seine Zwienatur zu einen, ist er völlig gescheitert- Nie hat Meyer ernstlich versucht, durch die Bezwingmtg und organische Vereinigmtg der polaren Kräfte einen vorbildlichen und har- mvnischen Menschen zu gestatten, und vom „dritten Reich" ist zwar sehnsüchtig, aber nur gedämpft und raunend als von einer unbestimmten, goldenen Ferne die Rede. Auch C. F. Meyer selbst war auf das Nebeneinander jener beiden Komplexe von Kräften angewiesen. Nur in ihrer Polarität vermochte er zu leben, denn jene Schattenexistenz seiner Iugend- und Alterskrise, in der er auf seine Eigennatur beschränkt war, kann nicht wahrhaft „Leben" heißen, sondern nur seine schöpferische Epoche. Wenn aber Goethes Wort gilt: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr", so ist der Zwiespalt in Meyers Wesen zu bejahen. Auch um schaffen zu können, tat ihm beides not. Seine ethisch- Selbst die Empfindung, seine Novellen seien eine Mischung von Epik und Drama, erweist sich bei scharfem Zusehen als Täuschung, hervorgerufen durch ihren starken optischen Eindruck. Aber die Szenen, Bilder und Gebärden sind nicht wie im Bühnenwerk dynamischer, sondern wie in der Plastik statuarischer Natur. Wenn der sich todgeweiht wissende Pescara auf die Ziel inS Kamin greift und di« mit Staub und religiöse Seelenhaftigkeit mußte sich aus den ästhetisch-vitalen Kräften einen Leib schaffen, um sich überhaupt manifestieren und auswirken zu können. Seine zur Kunst gewordene Sehnsuchtswelt aber empfängt, auch wo sie sich am blühendsten entfaltet, ihr Tiefstes und Edelstes, ihre eigentliche Beseeltheit von jener. Es war eine durch die hohen Formquaiitäten und die Anlehnung an klassische Traditionen verursachte Täuschung, Meyer für einen einheitlichen, harmonisch-klassischen Dichter zu halten. Nicht Größe, Kraft, Geschlossenheit sind seine Werte. Noch weniger die elementare Wucht und gewaltige Dynamik seines Ideals Michelangelo; eher erinnert er an die sanfte, edle und maßvolle Ruhe eines Raffael; denn kein inneres Aebermaß war zu bändigen, keine Lochspannung zu entladen. Vollends sind es die Qualitäten seines anderen Vorbildes Shakespeare, dessen Anmittelbarkeit, äußerste Lebendigkett und Lebensfülle ungefähr das Gegenteil seiner eigenen Werte, aber gerade darum — aus Sehnsucht — erstrebt. Sein „dramatischer Dämon" ließ C. F. Meyer lebenslänglich keine Ruhe, aber so häufig er sich daran machte, seine liebsten und teilweise tatsächlich dramatischen Motive für die Bühne zu gestalten, so sicher verwandelten sie sich unter seinen Länden wie durch eilte tückische Verzauberung in eine Novelle, und die vorhandenen dramatischen Erstfassungen und Fragmente sind fo unzulänglich, daß man die unfreiwillige - 322 — Hellen Waffen all zurückgegeben. den .So die Rückschau. Don C. F. Weher. Ich freue mich, datz ich auf dieser Welt mich nie den bösen Menschen zugesellt; datz ich das Gute suchte je und je und nie geruht, bis ich es fand und übte, datz ich kein Kind mit meinem Lied betrübte, daß ein Gewissen, unbefleckt und rein, ich stets bewahrt und meines Herzens Schrein ich nur geöffnet schuldlosen Gedanken, wahren Wegen treu blieb ohne Wanken: werden mir dereinst im eto'gen Leben Gestalt und Geschichte. Don Mario Krammer. An blendender, aber überscharfer Profilierung hat die Geschichtslehre Oswald Spenglers die Gestalt des abendländischen Menschen der des griechisch-römischen entgegengestellt. Haben wir in der Antike das Streben nach Erfüllung des Endlichen, dem der Wirklichkeitssinn der Weltbetrachtung ebenso wie das Aufgehen der Ethik in den Normen der Gemeinschaft und des geistigen Gehalts in der Forin entspricht, so in der abendländischen Kultur das der kosmischen Fügrmg entbehrende, in die M-gründe seiner selbst geschleuderte Ich, dessen titanischer Sinn hinter das Wirkliche gelangen will und alle Forin als Zwang empfindet. Dort überwiegt der plastisch-politische, hier der musikalisch-romantische Mensch. Aber wie das Wesen der antiken Haltung sich bis auf diesen Tag in den Nachkommen der alten Völker bewahrt hat — da die Antike in Wahrheit nie gestorben ist — so sind selbst wir Nvrdmenschen immer wieder in den fortwirkenden Dann dieser Gesinnung geraten. Es hat immer Mittler und Mischungen zwischen Nord und Süd, Abend- land und Antike gegeben. Wir Deutschen sind ja seit langer als einem Jahrtausend in die geistigen und politischen Traditionen erst des Römer-, dann des Christentums hineingewachsen. Mehr als ein Herrscher von Karl bis Friedrich II. hat sich als Er- neuerer des Romanum Imperium gefühlt. Das Zeitalter des Humanismus umgab unsere Alltagswelt mit dem Pomp lateinischen Stils, und endlich sind in Winckelmanm, Hölderlin, Goethe, Nietzsche George bei uns Menschen erstanden, die, der nordischen Gestaltslosigkeit müde, die geschloffene Form der Antike auch uns geben wollten. . , , Die alte, sonst auseinandergesprengte Verbundenheit nördlichen und südlichen Wesen« tritt in dem Völker- uiid Kulturen- gemifch der Schweiz noch jetzt zutage. Hier hat sich rein germanische Art auf antikem Kulturboden in nächster Nachbarschaft der Fremde gehalten. In den Dichtern und Künstlern dieses Landes ist als Auswirkung dieser Einflüsse em Korper- gefühl, ein Sinn für epische Klarheit und staatliche Ordnung, rin klassischer Stil lebendig, der dem nordische Menschen als zu eng und kalt widerstreitet. Wir b^Wnen dies^ schwee- rischen Haltung bei Durckhardt wie bei Hodler, bei Dockttn wie bei Keller, am reinsten und stärksten hat sie sich in Eonrad Ferdinand Meyer offenbart. 6 Seine Erscheinung ist wie die Goethes für alle tiefere Betrachtung des Deutschtums von zentraler Bedeutung, El die Polarität unseres Wesens, unsere schläsalshaf!« Mittellage zwischen Nord und Süd an ihm wie an einem Schulfall mit eindeutiger Klaicheit hervortritt. ~ . Was ist es im Grunde, was die beiden Laiwslwite mw Zeitgenossen Keller und Meyer voneinander scheidet? Auch ^i Keller ist, mehr als mancher vielleicht wähnt, lenes klassische Element zu finden. Der Grundwille seines Kunstteriums geht auf die Herausarbeitung einer reinen, unverzerrten utu un- etngeenqten, einer klassischen MenschliWeit im Goethescheii Sie trägt aber bei ihm die kräftige Farbe eingeborenen Volks- tumS, rmd so entsteht die reizvoll« Mischung einer zugleich bodmv> ständigen und stilisierten Epik. In Keller war das plastische, gestalthafte Empfinden mit einem dy na mischen v^bunoen. • weil er ein Kind seiner Zeit und seines Volke«, ein Dichter und C. F. Meyers historische Stellung ergibt sich aus dieser Be- ^^Z^nnerst ein edler deeadent, ein Einsamer und Gebrochener, ist er mit Wert und Anwert aller Problematik belastet, die für den Menschen des 19. Jahrhunderts typisch ist. Darum erkennt sich der Zeitgenosse in ihm und bekennt sich zu ihm wie zuNietzsche und Dostojewski, Tolstoi und Ibsen, Thomas Mann, Rilke und &°^""verwandt er ihnen ist, verheimlicht aber seine Form, durch die er, teils scheinbar, teils wirklich in eine entgegengesetzte Zone, in den Süden und die Vergangenheit gehört. Allerdings macht ihn auch dies in gewissem Sinne modern als Vertreter einer wenig ursprünglichen, artistischen und kulturseligen ^Einstellung, die, den zeitgenössischen Jivilisattonsmächten mit Recht abhold, sich in den Kulturen der Vergangenheit anstedelt. t , Doch lebt in Meyer auch schon der Wunsch und Wille, über die bloße Sentimentalität, Romantik, Historizismus und Artistentum einer fragwürdigen Spätzeitkunst hinauszukommen, was ihn zu einem Vorläufer heutiger Strebungen, etwa deren eines Stefan George macht. Zwar noch ein Klasfizist, verfolgt er mit Chrstwcht gebietendem Ernst umd vollem Einsatz aller Kräfte das Ideal der ^Mit^de/Lyrik reiht er sich als ein Lauptführer in den Symbolismus ein, und eher noch könnte man ihn als den Symboliker der Novelle denn als ihren Klassiker bezeichnen. Durch seine ästhetischen Ideale und seine Fonnbekennt «sich zur romanischen Welt, doch gehört er gerade durch sein Süderlebnis und seine Italienromantik jenem alten, echten Typus des Deutschen an, der über sein Deutschtum hinauswachsen und sich aus werteren Sphären ergänzen will. Meyer tat es in der Art ferner 3ettgenoffen Nietzsche, Burckhardt, Semper, Marees, Böcklin, Feuerbach Er tat es zugleich in der Art des Schweizers, und erst als solcher wird er ganz verständlich. Die deutsche Schweiz hat als Vorposten des Deutschtums im Südwesten von je die kulturell wichtige Funktion ausgeübt, offen zu stehen, Wege zu bahnen, Brlicken zu schlagen Sie hat die romanische Kultur über den Rhein vermittelt und sich selbst dabei europäisch gefärbt. Diese alte Tradition hat aus ihrem eigenen Boden das geistige Leben mächtig entwickelt und bestimmt — wovon I. Burckhardt, dem Meyer sich zu großem Dank verpflichtet wußte, unter seinen Zeitgenossen ein neues erlauchtes Beispiel war; aber erst in Meyer selbst hat der humanistisch-europäische Geist aus Schweizer Boden verklärte, dichterische Gestatt gewonnen. Mit seiner Art des Erzählens ist er aber innerhalb der deutschen Dichtung ein edler Fremdling und unter seinen Zeitgenossen ein Anikum geblieben. Gleichzeitig wurde der anderen, nicht minder ehrwürdigen und kräftigen Tradition der deutschen Schweiz: sich der eigenen alemannischen Stammesart bewußt zu werden und zu erfreuen, eine höchst dichterische Erfüllung in Gottfried Keller. So gab die deutsche Schweiz der deutschen Dichtung in der gleichen historischen Stunde ihre beiden reifsten und edelsten Gaben: die poetische Kristallisation ihres europäischen Humanismus und die ihrer deutschen Sonderart. Der Beschenkte darf die Frage offenlassen, welches Angebinde das köstlichere sei. seiner Garbe schlafenden Schnitter nennt — ober das Gemälde, das ihn im Schachspiel mit Vittoria festhält. Nicht einmal einen Vollbluterzähler (so wenig wie einen reinen Lyriker) möchte man ihn nennen: es fehlt das bewegt und ununterbrochen Sttömende, das zur großen Epik gehört. Weniger die Handlung und ihr Zusammenhang bleibt haften, als einzelne optische Situattonen, und als eine Folge von Bildern sind ferne Novellen in der Tat aneinander gereiht. Nicht daß es am architektonischen Aufbau fehlte, er vollzieht sich übersichtlich, harmonisch-klar, geschloffen und sich steigernd, aber gerade allzusehr in Aeberttagung architettonischer Prinzipien und als Kompositton im wörtlichsten Sinn: als Gefüge von Bausteinen, Balken, Bogen, reinlich geformter selbständiger und starrer Glieder. Am schwächsten vielleicht ist es mit der Überzeugenden Lebendig- (eit der Gestalten bestellt, die Meyer an Shakespeare bewundert; bei den anspiuchsvollen Gebärden seiner leidenschaftlichen Kraft- Menschen stellt sich bisweilen eine peinliche Erinnerung an die leer- lausende Tbeattalik unzulänglicher Schauspieler ein. Viel lebendiger als der lebenstrotzende Ienatsch ist der krankheitgeschwächte Rohan gelungen, und gerade die aus der innersten Eigenwelt gezeugten Gestalten, wie Peseara oder der Heilige, Üben eine geheimnisvolle Suggestion aus, obwohl die Form gerade sie mehr verhüllt als enthüllt. ,, , ,. , Seltsam, Meyers Schwäche ist identtsch mtt feiner Starke! Wo er gegen die Gesetze der klassischen Aesthetik verstößt, da ttimn- phiert gerade die ihm eigentümliche Schönheit. Ein unsagbar schwer- mutiger und hoheitsvoller Reiz vornehmer Zurückhalttmg und keusch mütiger und hoheitsvoller Reiz vornehmer Zurückhaltung und keuscher Verschleierung, ein nachdenklicher und bannender Zauber des Geheimnisses, der feierlichen und vielverschweigenden Stille ist der Triumph seiner Kunst. Seine Herrlichkeiten und Fragwürdigkeiten gehen darauf zurück, daß für ihn in seltenem Maße gilt: Kunst ist bildende Sehnsucht. Sofern Sehnsucht gestalten kann — hier ist es geschehen. „Wohin die Sehnsucht drängt, nicht wahr? dort ist man nicht, das ist man nicht", heißt es in Th. Manns Florenz» . Aber irgendwie muß man „das" doch sein, muß man als Keim und Ansatz die Möglichkeit des Ersehnten in sich bergen. Der Blindgeborene leidet: aber nur der Erblindete, der das Licht kannte, sehnt sich wahrhaft nach ihm. Wer, wie Meyer, Gedichte des Aeberschwangs, der Kraft und Fülle schreiben konnte, der muß mindestens in Stunden, als seltene Gnade, so empfunden haben. Man ist, dadurch verführt, so weit gegangen, den Menschen Meyer „mit seiner Sehnsucht zu verwechseln", und es ist vor allem der Irrtum von Walther Lindens tüchtigem Buch, zu behaupten, in dem äußerlich scheuen, verschlossenen, tatlosen und unbewegten Menschen habe innen eine verborgene Leidenschaft geglüht; der Dichter fei einem Lavastrom vergleichbar unter dessen kühler, starrer Rinde die Glut der Tieft bixtufe. Der feinere Instinkt Adolf Freys, Otto Stöß s und F. F. Bwnm- garten« betont dagegen die Leidenschaftslosigkeit des Menschen ^Welches aber der „wahre Meyer" sei, „derjenige der Tat, der Leidenschaft, der Sinnlichkett, der Persönlichkeit, wie Linden meint, oder derjenige des Duldens, der Schwäche, des Gewissens, der Schicksalsergebenheit, kurz, der der Sehnsuchtswelt oder der Eigen- mett — dies zu entscheiden ist eine müßige Frage, denn keiner kann ohne den anderen gedacht werden, und nur der Zusammenwirkung beider ist sein Werk entsprungen. Sie Schweiz ist das einzige Land, in dem so toiderstrebende nente wie das Germanen» und das Romanentum — trotz in der Historie auch nicht als Romantik $u werten, er yarre als Sichter den Weg zum Wirklichen der großen Zäunst gefunden, er strebte als religiöser Mensch zur Glanzheit, vom Subjekt zum Objekt, zur Harmonie und Ruhe in Gott. Es ist mehr vielleicht als anderes bezeichnend für das Tiefgehenk^ seines künstlerischen Wandels, daß er, seit seine nordische Seele rn Italien die Gnade der kosmischen Fügung erfahren hatte, den Mut fand, nach langer Weltflucht unter seine Mitbürger guruct» zukehren. Er allein hat von dem kleinen Kreise der wahrhaft südlichen Menschen bei uns den Weg ins heimische Leben ferner Zeit wiedergefunden. Conrad Ferdinand Meyers Wendung zum Deutschtum. Von Dr. E. Walbrach. Kämpfer war. Bei Meher konnte seiner ganze« Herkunft und Haltung nach dieses zeitgeschichtliche Mitschwingen mcht vorhanden sein. Während Keller als Sohn eines Hmchwetters be- oeistert an dein Umbau der Schweiz im demokratischen und zentralistischen Sinne teilnahm und dies« Umschwung, dem « Äs Poet und Politik« seine Fed« lieh, chn auch als StaoNs- mann emporbrachte, stand d« Abkömmling eines alten Züricher: HerrengefHlcchts alledem ablehnend gegenüber. Was dem einen die Möglichkeit der Wirkung gab, sperrte den alleren vom Leben ab. Weh« weilte in d« D«gangenhert, Kell« in d« Gegenwart des Vat«landes. Don früh auf war lenem der historische Hintergrund des Schweiz« Lebens: Karvlus Magnus und das alte Reich »«traut; was geschichtlich gttvachsen war an Formen des Staates und d« Gesellschaft, stand lenserts menschlich« Willkür als eine objektive Macht. Kerne Notwendig- leit einer Derufswahl zog den weltfernen Aristokratmi in die Wirbel der Zeit, deren zunehmend ökonomischer Charakter ihn, d« in d« Atmosphäre des Dildungslebens zu Hause war, ub«- dies abstotzen muhte. Airgendwo sand « die Wett Ech semem Sinne Hatte in d« Heimat im Ähre 1848 die Mwolution, so in Deuflchland die Reaktion gesiegt. Somit war, waschn WC allem anging, d« Traum ein« deutschen Einheit verrauscht, demdas H«; dieses Schweiz« Ghibellinen imm« zugetan war. So blieb ihm, dem auf sein Ich Zurückgeworferren, mirMd Eintauchen in das Aebelme« historisch« Bildung, das Mchv« N«en an eine unendliche Rezeptivität, die wed« von , kritisch« Analyse noch von bauend« Gestaltung beqlmtet war Wie Goet^ aus Weimar floh, nachdem die Dynamik d« erste» 2!ahre sich verbraucht hatte, mutzte «»4 Mey« aus sein« Sphäre verpflanz ^en, wo « auf dem Wege war, «n verzweifelnd« Mensch zu Werdern Hier ist ^Punttstln^ Le^ns, wo ihn wie Goethe die Rahe antik-romanischen Wesens ®erCQKan mag auch an George denken, d« sich »anbt« Reigung in der Jugend unter den Einfluß lateinischen Formwillens^^ab. Wie diesem in Patts, so traten dem Zurich« Metz« in der kalvinischen Westschweiz die Au^rkimgen gestalt hast« Gesinnung, daS Prinzip d« »clsrts et ocäre entgegen. das ihn d« nordische» Phantastik entmtz. So vorberestet, empfing er etwas spät« die für sein Dichtertum e»tscheid«ir^r« Eindrücke von den Mldnxrken d« Hvchrenaistance,in Jtali«. Ihm wurde jenes Erlebnis zuteil, wie es je^r Empfäi^liche etwa vor einem Fra Bartolommeo hat, wre hi« nämlich d« seestfche Gehast restlos in künstlerische Form etngeganaen ist. Siefm Stil entsprach das latente dichterische Wollen Meyers; es bedurfte so unmittelbar« WirkunMn in d«^imat ^es« KlmstgesiiMimg selbst, um es zu lösen. Weil « «HEch wie Goethe und George im Zeitlichen nicht »«ankert war, entna^n «wie fte diesen Geiste das Gesetz sein« Kimst, ein «ares W» Il<6 zu schauen und dann zu gestalten. Er istes ur^«oen R«i«en,dttsen Gedichte in ihr« bildhaft«. Geschlossenheit denen Georges am nächsten kommen. . . « _ Freilich bleibt es bezeichnend für die immer wieder kunch- ür-xk>ende Kraft des dynamischen Elements, datz wie George gboraina fo auch Mey« — nachdem zuerst (1884) Gesichte von ihm erschienen waren — durch die Ergriffenhät von « J'* geschichtlich« Ereignis den Anstotz zu seiner epischen Produkts «hielt Gr war b«eits in d« Mitte d« trtcr^ 3^re fetoeS Lebens angelangt, als die Degrilichung ^ Deutschen W ffin tiir Schöpfung von „Huttens letzten Tagen (loci) anregre. Durch dieseErsEmg eines alten Wunschbildes, sein« historMen Seel? war eine neue Atmosphäre S«Msen.md« f te&en liest; es war etwas rn die Zeit gekommen, woran « tt6feeo war« "mdlich alle Borbedingungen ein« .lange ge- hemmten Produktion gegeben. Mit dem „3urg 2enatsch (^7 ) R-nhe fein« Prosawerke ein, die mm ohne Stockung K zum 3% 1891 aufeinand« folgen. Für geschichtlich gegebene D«bimdenheit des Deutschtiims nut dem «nMen Form- wstlen ist es charakteristisch, datz dies« Folger der Dvmmren immer ganz deutsch blieb. Es sind die Schopf« und Träger beS Reichsgedankens, die « gestaltet. 3n Hutten hatte er etnrn ö« letzten Berfecht« d« nationale-i Idee gefeiert; in d« „Richterin" (1885), jenem kultivierten Bilde altgermanifchen Lebens betritt d« große Karl selb« die ^ene unb ber^gr6Bte ju® lebte Friedrich mit dem der Glanz des alten Beiches für imm« «losch ist d« Held eines sein« schönsten Fragmente, dessen Thema d« aus Untreue geborene Zusammenbruch des "ap «- tums ist. Auf religiösem Gebiet lebte « als Zürich« wie Gottfried Kell« in d« protestantischen Traditton. Auch er pat ein Kapitel aus dem „großen Kriege" bchandelt, in dem die Gestatt Gustav Adolfs in menschlich« Verklärung neben feinem Pagen erscheint im „Amulett" lodern die Fackeln d« Bartholomäusnacht imd die Verflochtenheit d« Schweiz in die Welthändel zur Zeit der Glaubenskriege tritt im „Jürg Jenatsch zutage. Man kann von Meyer sagen, datz « deutsch Jenem mehr europäischen Sinne des Mittelalters war, das Reich noch die Wett umspannte und das heimische Kulttw^ben den Einflüssen d« Gottk und Scholastik wie des ronttschen R«htS vffenstand. 3hm als Schweiz« «xtren Danto i^Pascalebenso nahe wie Lilty«. Wie die Kimst d« itallenischen Renaissanee ihm Westschweiz schlagen. . . So ist amh Conrad Ferdinand Meyer m d« Jugend zweimal am Senf« See gewesen, wo er Italienisch trieb, sich mit Freude und Sif« mit französischem klastischem und zeitgenössischem Schrifttum befaßte und es auf sich wirken lieh. Sann weilte « 1857 drei Monate in Paris; das fein« Ratur so fremde Leben zog ihn an — und stieß ihn ab. Ungleich groß« war neben den Eindrücken der vielen Reisen tn der Heimat der Gewinn des Besuches von Italien, der ihm die Renaissance, Michelangelos und Tizians Kunst nahe brachte. Von den französischen Gelehrten und Schriftstellern haben neben Thierry vor allem Pascal, Fönälon und Vinet auf ihn gewirkt, « dachte sogar eine Zeitlang daran, Dozent für französische Literatur in Lausanne zu w«den. So durfte « sagen, die französische Sprache sei ihm von jungauf vertraut gewo^m. „Und bewußt vd« unbewußt teilte sich auch sein« Dichtettprache jene Klarheit und Präzision mit, die die französische Sprache den Einfluß des französischen Geistes auf Meyers Wesen und Eharakt« betrifft, so ist « geringer gewesen als man annehmen könnte. Wohl schrieb « selb« darüber im vember 1882 an Luise von Francois „Bergessen Sie nicht datz ich zchn" — eigentlich waren eS fünfundzwanzig — „Jahre meines Lebens französisch gewesen bin“, aber als « emftnaai diesen französischen Einflüssen gefragt wurde, sagte «: „Weniger französische als überhaupt romanische Strömungen waren es, die mich beeinflußten"; und zwar wirkten sie mehr auf dm Sicht« al« auf den Menschen, d« dem Romanentom wohl ästhetisch bejahend, aber ethisch verneinend gegenuberstand. Weh« sagt über seinen „Hutten", der den Ausdruck seiner Wendung zum Deutschtum darsteltt, er sei „aus brrn Elementen geboren: au« ein« jahrzehntelang Senahtt«, rndi viduellen Lebensstimmung; dem Eindrücke d« heimatlichen, mir seelenverwandten Landschaft und d« G^alt groß«^Zttt- «eignifle. Alle drei gewannen von selb« Gestalt m meinem J Der hinge Conrad war begeistert von den Riesengestalten deutsch« Geschichte und Sichtung: von K<«l dem Großen mrd R^a^von Otto dem Gwß« und ^edrrch Da^^ofl^M^ Drud«," «zählt seine Schwest« Betsy, „hatte Mwerbog« schentt bekommen mit l«"Sen Reihen att« deutsch« Kaistr im K^nungsornat und im Waflenkleide. ^E^rfteichdw Mü ntÄ und Kronen mit Zinnoberrot und Goldgelb aus eiE neuen Farbenschachtel illuminieren helfen. Und das Lesebi^. ^s « in diesen Jahv-n in der Schule benutzte, der „Dildmlaal de Usch« Sichtung" hatte ein geboren« Gießen«, ber Abvfl Ludwig Fallen») in Aarau 1828 zusammengestellt. Gern ix «ölten ist 1794 in Gießen gebeten, machte als Hess, freiwillig« 3Sg« den Fel^ug von 1814 mit, studi«te m die Augen geöffnet hatte, so sind es vielfach Figuren und Motive dieser Periode. die er uns plastisch vorführt, von Saute in d« „Hochzeit des Mönches “an üb« Poggio („Plautus im Aonnen- lloster") bis zum „Pescara" und zur „Angela Borgia". Ab« sein Blick reicht« noch weit«. Griff « im „Heiligen" zurück auf Gestalten d« anglonormannischen Feudalzeit, so zeichnet sein Stift in den „Leiden eines Knaben" die Sphäre des alternden Roi soleil zu D«sailles. Aus dies« D«bindung eines aus iter Renaissance gewonnenen Formwillens mit historischen Gestalten «gibt sich die Eigenart des Meyerschen Werkes. Zur reinen Herausgefdattung allgemein menschlich« Verhältnisse, wie sie Goethe gelungen sind, ist « nicht vorgedrungen. Darin war « Kind seines Jahrhunderts, Nordmensch, daß « im Geschichtlichen lebte. Ab« dieses Geschichtliche fügt sich gut seinem formalen Willen: es gibt Distanz und Noblesse, es bewirkt die F«ne vom Verwirren- den des Alltags, es gestattet die «wünschte Reduktton auf einfache und große Linien. In dies« Verbindung ist Meyers Leben " ’ Historie auch nicht als Romantik zu werten. Er hatte Elemente wie das Germanen- und das Romanentum — lrog manch« besonders im Weltkrieg wied«aufgetaucht« Schwierigkeiten — friedlich nebeneinand« zu leben vermögen. Das ist hauptsächlich den Deutsch-Schweizern zu danken, in deren deutschem Wesen es liegt, daß sie mehr geneigt sind, fremde, d. h. romanische Kultur aufzunehmen, und die damit eine Brücke zur — 324 rezitierte der Knabe, so berichtet die Schwester weiter, aus diesem Buch „Der Nibelungen Not", „Kaiser Karl und sein« Paladine", „Klein Noland" und Fallens „Schlacht am Morgarten". „Diese großzügige, farbige Berherrlichung von Freiheit und Daterland, von Kaiser und Reich", schreibt sie, „hatte es ihm angetan. Er war unbewußt ein kecker, stolzer Ghibellme und ein treu republikanischer Schweizer zugleich." Auch einer seiner Gymnasiallehrer, der später als hessischer Pfarrer bekannt gewordene Friedrich Hauptes, der offenbar von Einfluß auf die Gedankengänge des Knaben gewesen ist, muß hier erwähnt werden. Haupt mag es auch gewesen sein, von dem Conrad gelegentlich Dinzers Weihelied der Burschenschaft gehört hat, dessen Strophe „Das Band ist zerschnitten — war schwarz, rot und gold" er manchmal „wehmutsvoll vor sich hinsummte." Go darf man wohl behaupten, daß stlkehers bewußte Wendung zum Deutschtum in der Zeit der Huttendichtung nicht zum geringsten Teil aus dem Geist herrührt, aus dem 1815 die Deutsche Burschenschaft geboren ist: auS der Sehnsucht deutscher Männer und Jünglinge nach einem einigen freien Vaterland. Während feiner langsamen, stillen Reisezeit hatte Meyer sich gemäß feiner Anlage mit vielen Stoffen aus der römischen Geschichte, der Zeit des Hohenstaufenkaisers und der Renaissance beschäftigt — vielleicht weil er dort die Kraftgestalten fand, die ihrn als das Gegenteil seiner eigenen Person erscheine« «rußten. All diese Pläne begannen in dem Maße zurückzutreten, wie Luther und die Reformatoren, auf die ihn zuerst der welsche Geschichtsschreiber Buftiemin hmgelenft hatte, des Dichters Aufmerksamkeit erregten. Entscheidenderen Einfluß scheint aber Rankes „Zeitalter der Reformation" ausgeübt zu habest. Diesem Werk verdankt er es, „daß ihm die Reformatoren und die deutschen Fürsten ihres Jahrhunderts persönlich näher und in klareren Zügen vor ihm standen als das früher ihn unwiderstehlich anziehende, mit romantischem Zauber umwobene deutsche Kaisertum des Mittelalters." Don großer Bedeutung war ferner Meyers Bekanntschaft mit der deutschen Kolonie am Zürichsee, insbesondere mit Fran;ois Wille— einem Göttinger Korpsbruder Bismarcks —, dem geist- und temperamentvollen Journalisten, der den Dichter mitriß, und dem wir es wohl zu verdanken haben, daß im „Hutten" doch so mancher draufgängerische Zug steckt. Neben diesen bewußt oder unbewußt wirkenden Eindrücken kommen für die Entstehung des „Hutten" noch weitere Einflüsse in Betracht. Der Dichter stand in der Geschichte der Reformation auf festem heimatlichem Boden; und wie er in der kleinen Schrift über seinen „Erstling" erzählt, ist er ost mit seinem Kahn zur ilfenau hinübergerudert, und hat sich der Einsamkeit und der Erinnerung hingegeben. „So wurde ich auf der Insel heimisch, und geschah es, daß Hutten'), dessen Leben ich genau kannte, nicht als der ideale Freiheitskämpfer, der Hutten, welcher durch die damalige deutsche Lyrik ging, sondern als ein Sterbender in dem sanften Abendschatteil feiner Insel meinem Gefühle nahe trat und meine Liebe gewann." Den hervorragendsten Einfluß aber haben zweifellos die weltgeschichtlichen Ereignisse der Einigung Italiens und Deutschlands ausgeübt. Die italienischen Ginigungsbestrebungen verfolgte Meyer mit lebhafter Anteilnahme, besonders seit er mit ihrem Vorkämpfer, dem Baron Ricafoli. näher bekannt geworden war, an dem er — wie später an Bismarck — sah, was eine Persönlichkeit im Völkerleben bedeutet. Als nun der Krieg kam und mit ihm die Verwirklichung des Glaubens an ein einiges Deutschland — da begann, während der Kanonendonner in der Winterstille bis zur ilfenau hin leise hörbar war, der „Hutten" in dem Dichter zu leben. „Der große Krieg", heißt eS in Meyers Autobiographie, „der bei uns in der Schweiz die Gemüter zwiespältig aufgeregt, entschied auch einen Krieg in meiner Seele. Don einem umnerklich gereiften Stammesgesühl jetzt mächtig ergriffen, tat ich bei diesem weltgeschichtlichen Anlässe daS fran- Gießsm und Heidelberg Theologie und Jura, wurde gleich seinem Bruder Karl, dem Vorkämpfer der burschenschaftlichen Bewegung in Gießen und Jena, wegen demagogischer Umtriebe in .Untersuchung gezogen und saß 1819—21 in der Berliner Stadtvogtei, wo später auch Fritz Reuter gefangen war. Aach seiner Freilassung wandte er sich in die Schweiz und wurde Lehrer an der Kantonschule in Aarau. Später lebte er erst in Zürich, dann im Thurgau und starb 1855 in Bern. *) Haupt wurde 1805 in König i. Ödenw. geboren, studierte in Gießen, wo er das Band der Burschenschaft trug, Theologie, und war bis 1835 als Lehrer und Pfarrer in Schlitz tätig. Dann weilte er zehn Jahre als Lehrer in der Schweiz, zuletzt in Zurich. Aach seiner Rückkehr trat er wieder ins Pfarramt ein und machte sich durch unermüdliches Kämpfen, wofür ihm die Mssische Kirche viel zu danken hat, einen Namen, ©eit dem Ausscheiden aus dem Amt lebte er in Gießen, wurde zum Ehrendoktor der theol. Fakultät ernannt, und starb 1891. 8) Daß der geschichtliche Hutten nicht der ideale Freiheits- und Reformationsheld war, wie Meyer ihn wohl auS D. F. Strauß' Biographie kannte, haben die neueren ihtter- suchungen Professor Kalkvsfs zur Genüge erwiesen. Dgl. auch: Gießener Familienblätter 1925 Ar. 59. zösische Wesen ab, unl> innerlich genötigt, dieser Sinnesänderung Ausdruck zu geben, dichtete ich .Huttens letzte Tage'." Die Besinnung darauf, daß Rasse und Religion, Sprache und Sitten ihn nc»H den germanischen Landern wiesen, das also war letzten Endes der Grund für diese 'Wendung, die er selber der scharfen Biegung des Rheines bei Basel nach Norden vergleicht. „In jenem Winter 1870 auf 71" erzählt er in der erwähnten Schrift, „eiftstanden die kurzen Stimmungsbilder meiner Dichtung Schlag auf Schlag. Jeder Tag brachte ein neues, und jede Woche las ich sie in Mariafeld" — in dem Kreis um Wille — vor. Daneben stob mancher andere Funke aus dem Amboß. ,Der deutsche Schmied' wurde gedruckt und gefangen. Ich seh«, er ist nun zum Volkslieds geworden und hat meinen Namen verloren, wie es auch recht ist. Es war eine glückliche Zeit." And weiter: „Ich getraute mir, Huttens verwegenes Leben in den Rahmen seiner letzten Tage zusammenzuziehen, diese füllend mit Karen Erinnerungen und Ereignissen, geisterhaft imd symbolisch, wie sie sich um einen Sterbeichen begeben, mit einer ganzen Skala von Stimmungen: Hoffnung und Schwermut, Liebe nnd Ironie, heiliger Zorn und DodeSgewißheit, — kein Zug dieser. tapferen Gestalt sollte fehlen, jeder Gegensatz dieser leiÄM- schastlichen Seele hervortreten. So belebte sich mir die ilfenau.“ Dahard und Herzog Ulrich, Ignatius Loyola und Paracelsus, Erasmus, Luther und Zwingli treten auf oder werden genannt, „Mit diesen Gestalten des 16. Jahrhunderts schreiten auf der Insel die Geister der Gegenwart." So ist der „Hutten" ein Zeit- und Charakterbild deutscher Herkunft geworden, daS auf dem großartigen Hintergrund der Schweizer Landschaft eine ganze poetisierte Reformationsgeschichte zeichnet. Ans dem idealen Helden-Hutten, den 1776 Herders Ruf „Tritt auf, Mann und Jüngling, der wert ist. Huttens Gebeine zu erwecken!" der Vergessenheit entriffen hatte, wurde unter Meyers Feder ein reicher innerlicher Mensch, eine kerndeutsche Gestalt. Der „Hutten" Conrad Ferdinand Meyers hat — wie seine Schwester von der ersten Ausgabe sagt — „mehr, als er es später vor feinem historischen Gewissen verantworten konnte, des Dichters eigene Seele offenbart." ilnd er selbst schreibt: „Aufs tiefste ergtiff mich der ungeheure Kontrast zwischen der in den Weltlauf eingreifenden Tatenfülle seiner Kampfjahre und der traumartigen Stifte seiner letzten Zufluchtstätte." Hutten blickte entsagend rückwärts auf die Vergangenheit, Meyer sah trotz seiner 45 Jahre fein Leben noch als unerfüllte Sehnsucht vor sich liegen. Beide hatten erlebt, daß sie der Strom des Lebens auf einen Sandbank abgesetzt hatte. Aber — was für die Dichtung vom deutschen Volk, das gilt für den Dichter von sich selber: „Was langsam wächst, das wird gedoppelt stark. Geduld! waS langsam reift, das altert spat!" Der an den Meisterwerken der Geschichte geschulte und mit seinem Geschichtsverständnis begabte Dichter wußte, daß eS weniger auf die reinen geschichtlichen Tatsachen ankommt, als vielmehr auf die hinter ihnen stehenden geistigen Kräfte. Und gerade diese eigentlich die Welt bewegenden Ideen sind eS, die Meyer — auch in seinen anderen Werken, aber besonders im „Hutten" — meisterhaft herauSgearbeitet hat; fanden doch in seinem Helden und seiner Zeit gleiche Konflikte wie in der Gegenwart statt. „Wieder erfüllten sich große Geschicke in Deutschland", schreibt der Dichter, auf dessen den deutschen Ernheits- bestrebungen parallele Entwicklung wir hier mit seiner Schwester zu Recht Hinweisen dürfen, „und der ohne Grab und Denkmal unter diesem Rasen Ruhende hätte seine Lust daran gehabt; denn auch er hatte von der Einheit und Dkacht deS Reiches geträumt" Daß der neutrale Schweizer den Kampf um Sein oder Nichtsein des Deutschen Reiches zu Huttens und seiner eigenen Zeit so lebendig erleben, daß er den „Hutten", dieses geschichtliche und doch höchst persönliche Werk, dichten konnte, während der Boden des neuen Deutschland selbst keine annähernd gleichwertige Frucht hervorbrachte, — das zeigt uns. wie deutsch er im Innersten war und empfand, ilnd 6'efe Einstellung ist ihm seit dem „Hutten" geblieben. Mit lebhafter Aufmerksamkeit verfolgte er die Entwicklung der Dinge im neuen Deutschen Reich, an dessen Kanzler er „mit ungeteilter Dewund-rung" hing. Im Februar 1887, als bereits die meisten in der Heimat oder auf romanischem Boden fußenden Dichtungen gedruckt waren und er mit der Renaissance Novelle „Pescara", seinem vorletzten Werk, beschäftigt war, berichtete er seiner Freundin L. von Franyois: „Neben zwei bis drei ganz ausgedehnten Novellen hören Salier, Ottonen und Hohenstaufen nicht auf, am Horizonte zu blitzen. Wird wohl Spiel bleiben, aber Bismarck, d»r jetzt mit diesen allen Dingen sein ernsthaftes Spiel treidt, versetzt in sie zurück." Und noch 1891 arbeitete er an dem — Fragment gebliebenen — „Friedrich II“, wozu ihm die Entlassung Bismarcks erneut angeregt haben mag. „Die Franzosen," schreibt seine Schwester, „haben nie etwas anderes als eine urdeutsche Natur in meinem Bruder erkennen woften." ilnd wenn wir zur 100. W'ederkehr des Geburtstages Conrad Ferdinand Meyers am 11 .Oktober seiner gedenken, so geschieht es als eines ..deutschen" Dichters, der wohl von Geburt „Ausländer" für uns ist, seinem Charakter, Wesen und Denken nach aber durchaus uns zugehört. Schriftleitung: Dr. Stiehr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch« und Steindruckerei, A. Lange, Gieße«.