Nummer 20 Dienstag, -en 10. März Jahrgang 1925 Gießener zamilienblalter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Der Bäume Wintertraum. Von Jakob Voßhardts. Frieren und zittern die Bäume Harrend im Winterrock, Webt ihre Seele Träume Mnten im Wurzelstock. Spinnt und webt in der lang« Dämmernden Winterzeit Sich aus Farben und Prangen Bräutlich ein Frühlingskleid, Steigt zu des Lenzes Festen Heimlich ein Stamm empor: Wunderbar schiebt aus den Aeften, Traumhaft, ihr Kleid sie hervor. Legt, was in Nacht sie gewoben, Strahlend und froh an den Tagt Jubelt die Sonne nicht oben, .Unten der Waldfinken Schlag? KloDtschistzen. Von August HinrichS"''). Klotschiesten — ein solches Fest gibt es auf der werten Welt sonst nirgends als hier. , , Der Amtmann hat es verboten gehabt, es wurde zu hoch gewettet, und hinterher wurde getrunken, gespielt und geprügelt, ein zwei drei Tage und Nächte, bis alles im Wirtshaus zertrümmert, die Köpfe zerbeult, Arme oder Beine gebrochen und Fässer und Flaschen so leer waren, daß kein Tropfen Ehr aus- sief. Aber was vermag der Amtmann, ja der Graf selbst gegen den einmütigen Willen eines hartnäckigen Volkes? Man kennt hier kein fröhliches Kirchweihfest — selten nur werden neue Gotteshäuser gebaut, die alten stehen achthundert, neunhundert, fast tausend Jahre — klotzig und trotzig aus Frnd- (Ingen getürmt, nicht hoch, aber wuchtig und schwer. Einzelne bat Willehadus noch selber gegründet, so hecht e8. Aber frag einen Menschen wem sind sie geweiht, diesen- HeiUgeu oder lenem — er sieht dich verwundert an —. keinem, nur Gott, Und kein freundl-cheS Fest schlingt bunte Blumen und Bänder um das verwitterte Gemäuer — es ist den Menschen hier eine ernste Sache um ihren Gott. Streng und gewaltig spricht er zu ihnen im 'Brausen des Meeres, das Tag und Nacht an die Deiche rollt, erhaben und groß geht sein Atem über die Ebene dahm. Man muß sich mühen um ihn, niemand wirft er das Brot umsonst in den Schoß, und er segnet nur die Menschen mit hartgearbeiteten Händen. Aber da er so sichtbar seine Wacht offenbart, so ehrt man ihn willig, und nirgends sind die Gesichter der Menschen so feierlich ernst und strenge beim Gottesdienst als hier in diesen ungefügten Mauern, in denen Fenster wie Schießscharten sind und Türen aus armdicken Bohlen, Nein, ein Kirchweihfest gibt es hier nicht, Und auch kein lustiges Vogelschießen, wie es bei einem heiteren Menschenschlag -Mich ist. Aber der aufgestaute Strom eines Volkstums, so kraftvoll und zäh wie kein zweites, schwillt an und brodelt, im Zaun gehalten, so lange im Stillen fort, bis irgendein Anlaß die Dämme zerreißt und die überschäumendem Kräfte in wildem Sturz sich ergießen. And dann mag verbieten, wer will . Der Winter ist diesmal früh gekommen, er bringt wenig Schnee, aber eine scharfe und bittere Kälte, die alle Gräben und *) Soeben erschien der erste Band aus dem Nachlaß des Schweizer Dichters mit den „Gedichten" Offenbarungen tiefer Gemütsbewegungen, die er sich scheute, der Oeffentlichkeit preiszugeben. Vergeistigtes Denken und Schauen, verklärt von heiterem Humor und liebevoller Güte. (Verlag Grsthlein & Co. in Leipzig s 1453 ♦*) Diese glänzende Schilderung jenes uralten niederdeutschen Kampfspieles gibt Hinrichs in seiner neuesten Dichtung „Die Hartjes" (Verlag Quelle & Meyer, Leipzig, Leinen 5 Mk.j. Prachtvoll erdnahe ist dieser niederdeutsche Aoman, von Aber» glauben und dunklen Sagen durchschattet, voll leidenschaftlicher, linnmsroher Menschen, Tümpel bis auf den Grund gefrieren laßt. Die weiten Maischwiesen sind fest und hart wie ein Brett: die Sonne steht wohl am Himmel, aber sie ist bleich und kält, und der Ostwnid laßt die Halme unter seinem eisigen Atem wie Glas zersplittern. Am Nikolaustag läuft ein Dutzend Männer auf Schlittschuhen. mit ihren Padstvcken bewaffnet, über die Aue ins Friesische hinein nach dem nächsten Kirchdorf. Dort hängt vor dem Kruge unter dem großen Wirtshausschild eine faustdicke Kugel über der Straße — die reizt sie, wie das rote Tuch den Stier. Sie schlagen lärmend ihre Stöcke aneinander, reißen die Kugel herunter auch treten in den Krug. „Hallo" schreit Gerd Tormälen, bet Führer, „wo ist mein alter Freund Dubbe Tiarks?" „Hier hockt er," tönt eine rauhe Stimme vom Feuer her, und eine mächtige Gestalt reckt sich Hoch, „hab' lange genug auf euch gewartet, ich dachte schon, ihr würdet es doch wohl nicht 9 „Hast du immer noch dein großes Maul?" lacht Gerd, „sieh her, hier ist eure Kugel, wir nehmen den Wettkampf an und setzen drei Tonnen Bier — Amt gegen Amt — ist's euch recht?' „Topp, es gilt," sagt Dubbe Tiarks und schlägt in die dar- gebotene Hand. Dann trommelt er auf den Tisch und brüllt: Kröger, den Grogkessel her! Und wenn du heute einen einzigen Tropfen Wasser hineintust, dann schlage ich dir alle Knochen im Leibe zusammen — in acht Tagen ist Klootschießen, Am anderen Tage ist es in allen Dörfern bekannt, und jetzt mag geschehen in der weiten Welt, was will — man hat keinen Sinn mehr für andere Dinge, Gerd Tormälen, der Obmann, bekommt die Seinen kaum noch zu Gesicht, so viel hat er zu tun und zu ordnen. Vier Werfer find' ausgewählt — die besten aus dem ganzen Amt. und Jung und Alt kennt ihre Namen. Da ist zuerst Dode Frers, einen Kopf länger als alle anderen, auf hundert Schritt wirft er den Kloot noch ins Scheimentor, dann Bernd Bruns, bedächtig und breit, der sicherste Werfer, kein Kloot ist ihm jemals mißglückt, dann der kleine, sehnige Lütje Lüers, ein Spuckt, dem niemand die walNgen Würfe zutraut, und endlich noch Goy — der Hartjebnr. * Endlich ist der große Tag da. Aus dem ganzen Lande sind die Menschen zusammengekommen, von weit und breit her: lange Wagenreihen stehen im Dorf, und immer noch strömt es heran. Draußen auf den kahlen Marschwiesen tummelt sich eine dichte Menge, Männer, Frauen und Kinder; da ist niemand zu alt oder zu jung, wer feine Beine noch rühren kann, will heute dabei sein. Schneidend pfeift der Wind'über das flache Land; trotz der bitten Schafspelze, der wollenen Decken und den mit Stroh aus gepolsterten Holzschuhen klappern manchem die Hähne, aber niemand weicht vom Fleck. In dem weiten Ring, den die Menschenmasse in unerschütterlicher Ruhe umschließt, arbeiten Gerd Tormälen und Dubbe Tiarks, die beiden Bahnweiser, mit ihren Helfern. Gerd, von Talke mit dicken Schafspelzen umwickelt, trägt eine Pelzkappe, die ebenso schwarz ist wie sein wüster Bart; und da Mund und Nase vollständig darin verschwinden, weiß niemand, ob er eigentlich vor- oder rückwärts geht. Dubbe Tiarks hat so viel Kittel aus selbstgestrickter Wolle übereinander gezogen, daß seine Arme immer noch schräg zur Seite stehen, wenn er sie hängen läßt. Seine Beine sind mit Pelzen umschnürt, er gleicht einem Grönlandfahrer und geht unbeholfen und schwerfällig wie ein Eisbär über das Feld. Es ist ein wichtiges Amt. das die beiden haben. Aber tuet sie sieht, wie fie die Bahn jetzt prüfen und die richtige Stelle zum Abwurf suchen, immer die flatternde Fahne fest in der Faust, kühn und stolz und ihrer Würde bewußt, der wird sie bewundern als die Könige ihres Volkes. Die ersten Abwurfstellen liegen für beide Gegner nebeneinander. Von hier aus müssen die vier Werfer jedes Amtes, immer In derselben Reihenfolge, den Kloot übers Feld. bringen, der nächste dort abwerfend, wo die Kugel des ersten liegengeblieben ist. r Mm den Werfern einen sicheren Anlauf zu geben, find starke Bretter auf die Erde gelegt, und darüber wird die fünfzehn Ellen lange, eigens für diesen Zweck geflochtene Binsenmatte geroOt Der kluge Gerd Tormälen hebt das eine Ende der Laufbahn durch ein paar unterg?'egte Klötze, damit der Schwung sich beim — 78 — Ablauf«, verstörtem aber er bemerkt zu feinem Verdruß, daß Dubbe Marks denselben Kniff angewandt hat. .. Sin Trompetenstoß schmettert übers Feld. Dre beiden Bahnweiser treten die Wurflange ab, genau nach jedem einzelnen Werfer bemessen. Sechsundneunzig Schritt nimmt Gerd Tormalen für Dode Frers, der heute den ersten Wurf haben soll; dann! macht er Halt und sucht eine Stelle, die eben genug ist, um den Schwung der aufprallenden Kugel nicht zu hemmen und sie richtig weiterzuleiten. Dort pflanzt er sich mit seiner^ Fahne hin — genau hier soll die, Kugel aufschlagen. Dubbe Marks wählt für seinen Werfer denselben Platz. Letzt ein neuer Trompetenstoß. . . Dode Frers ist auf die Matte getreten. Er wirft seine Lacke ab, dann fliegen Schuhe und Mütze beiseite. Auf feinen grauen Wollstrümpfen läuft er prüfend die Matte hinunter, und letzt zieht er den Kloot aus der Lasche, die kleine bleidurchgossens Kugel aus Eschenholz, und wiegt fie in der Hand.' Dann reckt er seine lange Gestalt. Nur in Hemd und Hose, mit aufgestreiften Aermeln und offener Brust, steht er da und spürt nicht deii schneidenden Frost. Letzt — sie halten den Atem an — jetzt beginnt sein Arm zu kreisen, jetzt em langsamer Schritt — noch einmal — noch einmal — letzt schneller, blitzschnell — ein reihender Lauf, ein Sprung und ein Wirbeln des Armes, ein Schrei aus der Menge — dann ein Auffeufzen und fröhliches Lachen. Ein Probelauf nur, und die Kugel blieb fest in der Hand. Da geht Dode zurück. Letzt ist er warm, und er wiegt sich in federnden Knien. And nun preßt er die Lippen zusammen, er steht nach dem Liek, nach dem flatternden Fähnchen da drüben. Die Fahne neigt sich ihm zu, und seine scharfen Augen klammern sich daran fest — nicht nur seine Augen, alle seine Sinne, seine Nerven, rede Faser seines Körpers sprüht einen Funken hinüber und rmht das Ziel zu sich her. And jetzt reckt er sich hoch, das Gesicht verzerrt wie in grimmiger Wut, und jetzt, jetzt — tote atemlos still — man hört jeden Schritt seiner Füße mit dumpsem Schlag auf der Matte, man hört seinen keuchenden Atem und das Knirscheir der Sehnen, man hört diesen letzten gewaltigen Auck mit dem Pfeifen des sausenden Armes: Da! Aus tausend Kehlen ein Schrei, und hoch durch die Luft Meßt die Kugel dahin wie ein Bogel in Blau. _ ..,. Drüben sieht Gerd Lormälen sie nahen; aber er weicht mch^ vom Fleck, er reckt ihr die Fahne entgegen, er reißt sie mit den Augen heran — hierher, hierher, so — jäh springt er zur Sette, und die Kugel pfeift neben ihm nieder, schlagt auf die glatte gefrorene Erde, gerade auf den günstigsten Fleck, springt ab und saust weiter, in mächtigen Sätzen die Gruppen überfliegend, dann hüpfend und kollernd — sie „trüllt", und endlich auslaufend in ruhiger Bahn. , , nr , Aber sie lief nicht allein - kaum hat sie beim ersten Aufschlag die Erde berührt, so fährt ein Sturm in die Menge und reißt sie der Kugel nach. Mit wildem Geschrei anfeuernd: „Lüch up — Fleu herutl", hetzend und jagend stürzt alles, was kaufen kann, toll hinterdrein. And kaum hebt Gerd Lormälen die Fahne dort, wo die Kugel liegen blieb, in die Höhe so ist er umringt von brüllenden Menschen; .hundert Arme recken sich hoch, hundert Fäuste wollen den Fahnenschaft mit umklammmr, und wer ihn nicht erreicht, der schlägt mit dem Stock über Die Köpfe hinweg an das Holz und tost und schreit, was er kann. La, das war ein Wurf! .«.«,«» - , - Dode Frers wird gepflegt wie ein Kind. Man har ihm die Holzschuhe mit glimmenden Kohlen gewärmt, man hüllt ihn m Decken und Pelze und streift ihm die doppelten Handschuhe über, und dann schlürft er dampfenden Tee. Man klopft ihm die Schultern, den Rücken und umarmt und drückt ihn von allen Settern bis er sich beim Trinken verschluckt un& wütend mit dem Fuß UM sich stößt. , . — , „ - Aber rasch hat er Luft, als abermals em Trompetenstoß dröhnt und der erste Ostfriese die Matte betritt. Man kennt ihn, es ist Libbe Lülfs, ein Kerl wie ein Baum, ebenso groß wie Dode Arers, und man weiß, er wirft gut. Er hat eine andere Art — er bückt sich ganz tief, wie zum Sprung, die Faust mit der Kugel nach unten gestreckt, dann beginnt es zu kochen in ihm, sein Gesicht verzerrt sich; die Halsmuskeln treten tote Stränge hervor, und plötzlich macht er einen rasenden Sprung vorwärts und schleudert den Arm in so tollem Wirbel herum, daß fein ganzer Körper mit einem wilden Schrei aufwärts gerissen wird. Mit furchtbarer Wucht saust der Kloot durch die Luft. , Drei Schritte kürzer wirft Libbe als Dode Frers, aber so flach, daß der Kloot beim Aufschlag kaum gehemmt wird und nun. um so besser zu trüllen vermag. Wild stürmt die Menge ihm nach — jetzt schlägt Jer auf hartes Eis und überschlägt eine Grüppe — jetzt wirft ein Erdklumpen ihn hoch in die Luft — jetzt hat ihn ein Schneeloch gehemmt — dann endlich ist feine Kraft erschöpft, und er läuft sich tot, wenige Schritte neben dem andern, fast ebenso weit. Wieder tosender Lubel, Gebrüll und Geschrei und inmitten dem wimmelnden Schwarms das Klappern der Stöcke am hoch- gehobenen Fahnenschaft, denn auch die Ostfriesen haben ihre Freunde mit hier, ustd ein guter Wurf Mrd immer von Freund und Feind gleich stürmisch begrüßt. Auch Libbe wird umringt und gepflegt, genau so wie Dode Frers. Die nächsten Werfer müssen dort beginnen, wo die Kugeln liegengeblieben sind, und während nun die Bretter und Matten von der ersten Abwurfstelle herangetragen und neu aufgebaut werden, wogt und schwirrt es wie ein Bienenschwarm übers Feld. Leidenschaftlich werden die Würfe besprochen, die Werfer gelobt und getadelt; Tee und Genever erhitzen die Gemüter noch mehr, und der Lärm der „Käkler", die alles besser wissen und jedem gute Ratschläge geben, schwillt immer mehr an. Mancher, der zu Hause keine zehn Worte am Tage spricht, hat sich kn eine« halben Stunde schon heiser geschrien. Die grauhaarigen Alten besprechen frühere Feste — die Ramen der großen Werfer haften im Gedächtnis des Volkes länger, als die Namen der Grafen und Fürsten. And schon beginnt man zu wetten, die kleinen Leute um einen Taler oder zwei, andere um eine Kuh oder ein Pferd, und nicht wenige, die es sich leisten können, um tausend Taler oder mehr. Was schert sie heute der Zorn des Pastors und das strenge Verbot einer besorgten Obrigkeit? Wird Goh es mit ihm aufnehmen können? Der andere ist sicher zehn Lahre älter, und Goh ist neben ihm schlank und beinahe zart. Gewiß, Goh wirft gut — gestern flüchtete er sogar weiter als Dode Frers — aber es kommt nicht nur auf den einen Wurf an, denn der Kamps wird bis zum Nachmittag dauern. Wird er durchhalten können bis zum Letzten? Er ist- noch zu jung — viel zu jung. .. Gerd Lormälen hatte schwere Sorge, aber er tragt sie mcht allein. Alle Käkler sind mit ihm einig, Goh ist zu jung. And sie runzeln die Stirn, wenn sie feinen Gegmer betrachten. Nur Ontje Drink strahlt und ist seiner Sache gewiß. Die nächsten beiden Würfe sind ein wenig kürzer, sonst verlaufen sie genau wie die ersten. Der stämmige Bernd Bruns flüchtet seine Kugel sicher neunzig Schrttt weit auf einen kleinen Erdrücken, von dem sie prachtvoll trüllt; der zweite Ostsriese wählt denselben Punkt und bringt seinen Kloot noch ein paar Schritte weiter. Wieder werden Bretter und Matten vorgetragen und neu aufgebaut. Noch liegen beide Gegner fast nebeneinander. Letzt wirft der kleine Lütje Lüers. Mancher von den Gegnern lächelt, als Lütje aus seinen dicken Pelzen herauskriecht und einen nach dem andern abwirst — es bleibt fast nichts von ihm übrig, so schmächtig ist er. Aber wie er auf der Matte seine Knie spielen läßt und die Hemdärmel hochstreist, da ahnt man doch, daß feine Muskeln fest fein müssen wie Eisen. Er ist immer fröhlich und lacht, aber sobald er den Kloot in die Hand nimmt, ist er ein anderer. Seine Zähne kittrschen aufeinander, er tänzelt wie ein Fohlen ein paar Schritte hin und her, und dann, während fein Arm zu kreisen beginnt, schnellt er vor, als bestände fein ganzer Körper aus federndem Stahl und schießt wie ein Pfeil in die Höhe. Als sein Kloot durch die Lust saust, brüllen alle noch lauter als bei den anderen — das traute ihm keiner zu! And ganz besonders liebevoll hüllt man ihn wieder in feine Pelze. Der dritte Ostsriese ist zwei Kopf größer als er, ein Recke, breitschultrig und stark, fest und gerade gewachsen. Alles an ihm ist ruhiger Ernst.. Er wiegt den Kloot in seiner gewaltigen Hand, faßt sein Ziel ins Auge, nimmt einen kurzen kräftigen Anlauf und wirft so unbekümmert und sicher, als sei es ein Kinderspiel hier und nicht der Kampf um die Ehre eines ganzen Volkes. And wieder liegen die Kugeln nahe nebeneinander. Letzt kommt auf jeder Seite ein Neuer, ein Anbekannter, und alle wissen, bei diesen beiden liegt heute die Entscheidung. Was werden sie leisten? Ganz besonders sorgfältig legt Gerd Lormälen die Bretter und sieht unruhig nach den Ostfriesen hinüber, die Goy prüfend bettachten und dann überlegen lächelnd ihren Werfer umringen. „Sechsundneunzig Schritt," sagt der gerade zu seinem Dahnweiser, und Gerd Lormälen gibt es einen Sttch. „Wieviel für dich, Goh?" fragt er. „Hundert," sagt Goh. Aber Gerd schüttelt den Kopf. „Ich nehm für dich neunzig Schritt, nicht mehr. Sieh scharf auf die Fahne und halte den Kloot nicht zu lange fest, sonst kommt er zu steil. Flach, Goy, flach ist die Hauptsache. Hast du den Kloot?" „3 a." „Wo?" t „Hier in der Tasche — sieh her." „Laß stecken, und reä deine Hand schon herum, damit er wann genug wird. Du hast einen verdammt starken Gegner, Lunge." „Er aber auch," lacht Goy. Gerd Lormälen schreitet den Wurf ab — einen Schn« genau so lang wie den andern, feierlich und ernst. Neben ihm geht Dubbe Marks, laut zählend: achtundsechzig, neunundsechzrg, siebzig — da stutzen fie beide, zwanzig Schritt vor ihnen läuft der Sielgraben quer übers Feld. Sie zählen bettoffen weiter — achtundachtzig Schritt sind's bis an sein vorderes Ufer, und zwölf bis fünfzehn Schritt ist er wohl breit. Schlägt die Kugel hinein, so prallt sie beim Aufspringen gegen die Aserwand und bleibt liegen, es bleibt nichts übrig, afe Wrzer zu Wersen. Wenn sie ein oder zwei Schritt vor dem Graben aufschlägt, muh sie mit — Sem ersten Satz hinüberhüpfen unb kam» weiter trüllen. Es kommt alles darauf an, nicht zu weit und zu kurz, eben genau sechsundachtzig Schritt zu flüchten. Sie gehn beide zurück und verständigen ihre Werfer. Sie gehn vor, besehen das Feld und finden dasselbe: sechsundachtzig Schritt müssen sie werfen, nicht mehr und nicht minder. Aber das ist kein Wurf für Neulinge: nur alte, erprobte Kämpen werfen so sicher. . Shabbe Wulf, Gohs Gegner, tritt noch einmal selbst die Dahn ab, langsam, ernst und bedächtig. Goy prägt sich die Brät« des Sielgrabens fest ein. Dann endlich tönt der Trompetenstoß, und nie waren die Menschen so atemlos still wie jetzt. Dieser Wurf kann den ganzen Tag schon entscheiden. Shabbe Wulf ist feiner Sache gewiß und tritt zuerst auf die Bretter. Sein rotgewürfeltes Hemd bauscht sich um seinen mächtigen Oberkörper, die lederne Hose wird nur durch einen Riemen um den Leib gehalten, und wie er sich jetzt bückt, die kurzen Deine gekrümmt und auswärts gebogen, die langen rot- behaarten Arme fast bis auf den Boden herabhängend — tote er da steht und leicht in den Knien, zu schaukeln beginnt, da spürt man erst, welch eine verhaltene Kraft in ihm steckt. Setzt wiegt er den Kloot vor und zurück, noch einmal vor und zurück, und jetzt beginnt er zu laufen, immer glückt, fünf, sechs kurze plumpe, schaukelnde Schritte — jetzt reckt er sich hoch, und mit einem einzigen Kreisen des Armes schießt er den Kloot übsrs Feld. Gr sieht ihn als schwarzen Punkt in der Lust und verfolgt seinen Weg — immer noch in derselben Stellung, auf einem Bein, das andere im Krampf nach der Seite gestreckt, als müßte er den Flug damit lenken. Da — da — ein taufen®« fimmiger Schrei, jäh abgerissen; steil prallt der Kloot zurück, eigt hoch in die Luft und fällt schwer nieder, mitten in den Graben hinein! Einen einzigen Schritt warf Shabbe zu weit. Atemlos still ist es rings. Ein schweres Seufzen geht durch die Menge, dann richten sich alle Augen auf Goh. Der tritt auf die Matte. Wie ein schwarzer Wald umringt ihn die Menge und säumt die weite ebene Dahn, an deren Ende das farbige Fähnchen winkt. Anmittelbar dahinter läuft der tückische Strich des Sielgrabens quer vorüber. Zum erstenmal steht Goy hier oben vor seinen Volksgenossen, er fühlt das Pochen ihres Blutes in dem seinen, alle Herzen zittern um ihn — er sieht Almke ganz blaß mit großen Augen nach ihm herstarren, und neben ihr reckt Hille sich auf den Zchenspitzen vor — in allen Augen fiebert bange Erwartung, Da krallen sich seine Finger fest um den Kloot. Prüfend bewegt er den Arm; die bauschigen Aermel hindern, er reißt das Hemd auf und spürt nichts von der schneidenden Kälte. Mit nacktem Oberkörper reckt er sich auf. Beide Hände hoch über den Kopf gehoben steht er da, gerade und schlank gewachsen, seine schmalen Nasenflügel beben, und seine Brust wölbt sich beim Einsaugen der kalten Lust. Setzt sinkt der linke Arm nach vor und zeigt auf das Ziel, der rechte mit dem Kloot schwingt zurück, und jetzt verändert sich jäh sein Gesicht. Die Lippen find fest zufammengepretzt, die Nafe ist nur noch ein schmaler Rücken, die Augen sind hart und klar. Er bückt sich nicht nieder, er krümmt nicht den Rücken, er wiegt nicht den Körper, nur ein wenig neigt er sich vor — jetzt fliegt er über die Matte, plötzlich, von einem wirbelnden Schwung vorwärts gerissen, schnellt sein Körper hoch in die Luft, man sieht nur das kreisende Rad seines Arms — ein Pfeifender Laut, und dann der sausende Kloot! Sie schreien nicht auf; als wären sie fest gebannt, so starren sie alle nach oben und verfolgen die Bahn. Aber jetzt — was ist das? Nein, er trifft nicht, er trifft nicht! Gerd Tormälen reckt erschrocken die Fahne — zu hoch, viel zu hoch saust die Kugel heran. „Hierher —- hierher!" schreit er verzweifelt und vergißt ganz, beiseite zu springen. Er fühlt es, sie wird ihm den Kopf zerschmettern. Er steht wie versteinert — er hört sie pfeifen, über sich hin — in den Graben hinein--- nein — nicht in den Graben, hoch darüber hinweg, über Dahnweiser und Graben hinweg auf das andere» Alfet! Da! Da schlägt sie nieder, jenseits, und macht einen Satz Wie ein Vogel, der spielend die Erde berührt und im Fluge davonschießt. Setzt brüllen sie auf, jetzt müssen sie brüllen, tosen, lachen, schreien, irgendwie rasen in Jubel und Lust. — „Fleu herut, Fleu herut!" And die Erde dröhnt vom Gestampf und Getrampel der Füße. Immer noch trüllt die Kugel da vorn, weit, weit auf der ebenen Fläche dahin. Als Gerd Tormälen sie endftch erreicht und die Fahne erhebt, stürzen sich die Menschen» wie ein schwarzer Bienenschwarm über ihn her. Fast hundert Schritt Vorsprung' brachte der eine Wurf! Eine andere Menge stürzt sich auf Goy. Er will sich wehren, da fliegt er schon hoch in die Luft, wird von hundert kräftigen Fäusten aufgefangen und wieder hinaufgeschleudert — dreimal Wirst man ihn hoch, dann wird er gerieben, beklopft, in eine» Anzahl Decken gewickelt und sieht zehn Tassen dampfenden Tees zugleich vor seinem Gesicht. Er ist froh, unendlich froh, und läht afles willig mit sich gescheh«. Da steht Ontje Brink vor ihm, den alten Filzhelm, der ihm zu groß ist, so tief über die Ohren gezogen, daß er den! Kopf in den Nacken werfen muh, um darunter hinwegsehen zu können, den Hals dick mit Tüchern umwickelt, die Stiefelholzschuhe, aus dmen oben das Stroh sieht, bis an den Leib hochgezogen. Er lacht und tanzt wie ein Kind: „Junge, Goh — ich habe zwei Taler gewettet — einen bekommst int ab!" » Die Sonne ftcht schon im Westen, als Goh zum letztenmal wirft. Er ist wie ein Löwe, der Blut geleckt hat; hart und grausam flackert es in seinen Augen, es ist etwas Wildes in ihm, eine tolle übermütig« Lust. And mit so wütender Kraft schleudert er diesmal den Kloot, daß ihm das Blut aus der Nase stürzt. Da packt der alte Dubbe Tiarks seinen Arm: „Junge — du wirfst tote der Teufel — genau wie dein Vater. Der hatte auch schon dies Wilde in seinem Blut und ging daran zugrunde. Es wäre schade um dich — sieh zu, daß du immer glatte Dahn vor dir hast." Aber schon wird Dubbe beiseite gedrängt; ein solcher Taumel hat die Menschen gepackt, daß sie jetzt, da die Trompeten den Sieg verkünden, sich nicht mehr beherrschen. Einen ganzen Tag standen sie draußen im schneidenden Frost, ihr Haar ist bereift, ihr Bart ist mit Eiskrusten durchsetzt, trotz Pelzen und Decken sind Hände und Füße erstarrt — aber Rum und Genever feuern sie an, sie stürzen sich auf die wackeren Werfer und schleppe^ sie aus ihren Schultern in die Runde. Goy ist der Jüngste, der Letzte, bet: Beste — der Held und der Retter — jeder drückt ihm die Hand, und wer nicht hinreichen kann, weil alle zugleich ihn bedrängen, der brüllt ihm zum Heil den alten Klovtschietzer- ruf: „Lüch up, Fleu herut!" Sm Krug sind Diele und Dönzen voll trinkender und johlender Bauern, so daß niemand hindurchkommen kann. Aeber Köpfe und Tische hinweg zieht man Goy auf seinen Platz, und jetzt will jeder mit ihm anstoßencknd tränken. Der riesig« Schmied, der Rotbart, packt ihn und hebt ihn samt seinem Stuhl bis zur Decke, dann setzt er ihn nieder, daß es kracht, schmettert seins Faust auf den Tisch und brüllt: „Verdammt, Goy, du bist mein Freund, und wer dir was will, dem schlag ich den Schädel zu Drei!" Er streift sich das wollene Hemd von dem mächtigen! Arm und fleht drohend umher, aber niemand ist da, der ihm widerspricht. Da faßt er den großen Krug und trinkt ihn in einem einzigen Zuge leer — mit dem Raufen mutz er noch warten. Goh sieht mit lachenden Augen über die Diele. Der Kröger hat ein Wagenrad mit Lichtern unter die Decke gehängt, und ihr flackernder Schein leuchtet auf lauter frohen Gesichtern. Alle, alle trinken ihm zu; auch Arp schwenkt ihm den Krug entgegen, schon halb betrunken, und lacht: „Tausend Taler hab ich heute um dich verloren — aber was tut's? Ein Satanskerl bist du doch — trink aus!" And Goy lacht und trinkt. Ist er ickcht ein glücklicher Mensch? Der Fährmann von Niederhausen. Von Heinrich Bechtolsheirner. (Fortsetzung.) Aeber den Höhen auf der linken Naheseite hatten sich schwere Wollen zusammengezogen, sie verfinsterten die untergehende Sonne, so daß es im Tale dunkel wurde. Michel Klee hatte den Wagen, den Hannes Wild lenkte, abfahren sehen und hatte gehört, wie eine Frau, die auf der Straße stand, gesagt hatte: „Setzt ist der Hannes Hochzeiter, es war auch Zeit für ihn, sonst wäre er ein Erbonkel geworden." Andere Leute, denen der Knecht auf seinem Heimweg begegnete, riefen ihm zu: „Warum bist du heute nicht daheim geblieben, der Obermoscheler hätte dir einen Gulden Trinkgeld gegeben, weil er jetzt die Christine kriegt." Michel wußte nicht recht, tote er nach Hause kam, Schmerz und Scham erfüllten ihn, Schmerz, weil ihm seine schöne Hoffnung entsunken war, Scham, weil er sich seiner Armut und geringen Stellung so recht bewußt wurde. Es stand ihm fest, daß er keinen Augenblick mehr im Hause bleiben könne. Gr hatte gehofft, daß ihm nach dem Angetüm des Krieges ruhige, glückliche Tage beschert sein würden, und sah sich abermals in ein armes, friedloses Leben hinausgestoßen. Sm Hofe traf er Peter Wenzel, der gerade di« Kellertür zuschlotz. „Herr," sagte der Knecht, indem er nähertrat, ^.ich danke Euch für alles, was Ihr an mir getan habt. Ihr habt mich, als ich aus dem Kriege kam, ausgenommen wie einen Sohn, jetzt aber will ich gehen." „Was ist mit dir, Michel? Du warst mit lieb und werk, aber du wirst doch verstehen, daß du kein Tochtermann für uns bist. Sei kein Narr»! Du findest auch noch ein Mädchen, das besser zu dir paßt als unsere Christine." 80 - vchriftleitung: Dr. Friedr. WM. Lange. — Druck und Verla« der Drübl'fchen Llniv.-Buch- und Steindruckerei. R Lanoe. Gießen. „Darüber wollen wir jetzt nicht sprechen, Herr, ich gebe fort“ „Wo willst du jetzt hin, da die Ernte fertig ist, jetzt sucht «jemand einen Knecht." __ , ... , „ „Es wird schon auf der Welt ein Plätzchen für mich geben. „Anbinden kann ich dich nicht, Michel, aber du hattest es noch lange gut bei uns gehabt," Kurz darauf kam der Knecht die Stiege herunter. 3m Hausflur stand die Frau. . r „Aber Michel," sprach sie, „so gehe doch wenigstens herein und iß noch etwas, wenn du dir einmal in den Kopf gesetzt hast fortzugehen. Ich habe dir Schinken auf den Lisch gestellt. Es donnerte von Westen her, und die Gewitterwolken zogen über den Himmel. t „Bei so einem Wetter kannst du doch mcht fortgchen, fuhr die Frau fort, e „Ich habe in Spanien Gewitter erlebt, die waren schlimmer atS ^Dcch' du uns so mit einem Mal im Stich lassen würdest, hätte ich nicht gedacht. Michel, du weist doch, daß der Wenzel etwas mit der Gicht zu tun hat. Wer soll da tm Herbst, wenn wir Trauben lesen und die Dickrüben ausmachen, unsere Arbeit tun?“ „Der Taglöhner ist tüchtig, und einen Knecht -findet Ihr leicht." Michel gab dem Bauer und seiner Frau die Hand, nach der Tochter fragte er nicht, es war ihm zu schmerzlich, mit ihr noch ein Wort zu wechseln. Die Tür der Wohnstube stand offen, es war ganz dunkel geworden, so daß die drei Menschen, die im Hausflur standen, einander kaum sehen konnten. Da flammte plötzlich ein Blitzstrahl auf, taghell wurde alles beleuchtet, und in dem Scheine, der eine Sekunde lang wahrte, sah Michel, daß Christine am Tische faß mib weinend das Haupt auf den Tisch gelegt hatte. Ein furchtbarer Donnerschlag folgte, und während dex Donner Noch rollte und grollte, trat Michel durch das Hoftor hinaus in das Freie. Aun prasselte auch der Gewitterregen hernieder, Der ganze Himmel war dunkel, Blitz auf Blitz zuckte hernieder, und von den Bergen hallte der Donner wieder, Das Gewitter hing sehr tief über der Landschaft, es schien naheaufwärts zu ziehen und dann am Lemberge hängen zu bleiben. Bon der westlich gelegenen Anhöhe schoß die gelbe, lehmige Flut hernieder. Rie- mand war auf der Straße, in den Häusern hatte man das Licht angezündet, , Ganz durchnäßt kam Michel an das Fährmannshaus. Der Fährmann stand in der Tür und schaute nach den Bergen, über die das älnwetter ging. „Ich habe es mir gedacht, daß du zu mir kommen werdest, sagte der Fährmann. „Jetzt nur herein, ich will das Feuer tm Herd anstecken, daß du dich trocknen kannst." Aeben dem Herde lagen Stroh und Reisig, bald knisterte die Flamme, während draußen der Donner rollte und der Platzregen niederrauschte. Durch die geöffnete Tür sah man im Scheine des Blitzes den Fluh und die gegenüberliegende Höhe. Es war eine rabenschwarze Rächt, bei jedem Blitzstrahl aber War der grüne Wall» zu sehen und der Rachen, der leise schaukelten: denn das Wasser, das vom Dorfe niederschoß, setzte ihn in Bewegung. Wichel zog seinen Rock aus und hing ihn zum Trocknen neben den Herd. „Was soll es jetzt mit dir werden?" fragte Rikolaus Sachs. „Am liebsten ginge ich wieder in den Krieg. Als ich noch Soldat war, wurde ich geehrt und geachtet, hier, wo ich geboren bin, bleibe ich immer ein Bettelmann." „Sei kein Rarr, Michel, willst du dir Arme und Deine kaputschiehen lassen? Ich meine, du hast Krieg genug gehabt, Ich will dir war sagen, ich bringe dich auf dem Montforter Hof zu Hennerich-Iakvbs Christoph, der hat keinen Knecht und keinen Laglöhner und ist mit bet Erntearbeit noch weit zurück. Dort kannst du auch gelegentlich einen Hasen schießen." Als der Fährmann von der Jagd hörte, horchte Wichel auf. Das war nach seinem Gefallen, mit der Flinte durch Feld und Wald zu streifen und dem Wilde nachzustellen. „Wir warten," fuhr der Fährmann fort, „bis der Regen aufhört, dann gehe ich mit dir zum Christoph. Dort auf der Höhe sieht dich fein Äensch von Riederhausen." Drei Stunden brachten die beiden Männer im Fährmanns- hause zu. Der Regen hatte aufgehört, da sagte der Fährmann: „Jetzt wollen wir gehen. Wir fahren über die Rahe und gehen über den Lemberg. Es ist nicht nötig, daß uns jemand sieht, wenn wir so spät nach dem Montferter Hof gehen." Das Gewitter schien weiter oberhalb sehr viel Regen gebracht zu haben, denn der Fluß, der zuvor einen sehr niedrigen Wasserstand gehabt hatte, war stark angeschwollen. Am jenseitigen: .Ufer angelangt, kettete Rikolaus Sachs den Aachen an, und beide stiegen in dem engen Taleinschnitt aufwärts. Rach dem Gewitter war in den Bergen eine wunderbare Frische. Der Bach, der aus dem Trombachtal kommt, rauschte talabwärts der Rahe zu. Auf schmalen Waldwegen gingen die beiden aufwärts, zuletzt führt der Weg sehr steil auf die Höhe. Als sie auf dem Lemberg angekommen waren, hörten sie, wie der Nachtwächter von Oberhausen auf seinem Horn zwölf Uhr blies. Es fiel Mik^l auf, daß der Fährmann öfters seine Augen auf den Waldboden! richtete und wiederholt mit der Hand den Boden abtaftete. Als sie vom Berge abstiegen, tat er das wieder und sagte: „Ra, da haben wir ja einen ordentlichen Kerl gefangen . Er duckte sich nieder, zog an den Hinterläufen einen noch zappelnden Hafen hervor und verletzte ihm mit seinem Knotenstocke einen Hieb hinter die Ohren. Der Hase war in einer Drahtschlinge gefallen. „Rikela, bist du der Wilddieb, der die Hasen auf dem Lemberg fängt," fragte Michel. ., „Wenn du sie lieber schießen willst, so kann dir Hennerich- Iakobs Christoph ja eine Jagdflinte geben, war die Antwort. Aach einer Wanderung von einer weiteren Stunde standen die beiden vor dem Hause des Genannten. Dreimal klopfte der Fährmann an den.geschlossenen Fensterladen. Gleich darauf wurde das Fenster geöffnet, der Laden zuruckgeschoben, der Christoph „Hier ^bringe ich einen, dem es in Niederhausen ^chk mchr gefällt“ sagte Rikolaus Sachs, „er will dir bei deiner Feldarbeit helfen und geht gern auf die Jagd." H „Ach, der Michel, der Knecht beim Peter Wenzel war, et» widerte Christoph«und öffnete die Haustür. „Können wir ihn brauchen^ ^efa? hauchen können. Er versteht alle Arbeit und fehlt mit keinem Schüsse. In der nächsten Rächt komme ich wieder, da wollen wir das Rähere besprechen. Jetzt aber muß ich heim, denn um vier Uhr können schon Leute kommen, die übergesetzt sein wollen." , m.4hw>;ni“ „So gehe doch herein und trinke einmal Branntwein! „Will keinen Branntwein," sagte der Fährmann und wandte ^hriswph*machte seinem Gaste in einem Zimmer be$ oberen Stockes ein Brett zurecht und ging weg. Michel legte aber lange konnte er keinen Schlaf finden Die Ereignisse des Tages k^r plötzliche Abschied von Aiederhausen, die nächtliche Wanderung, die Reden des Christoph und des Fährmanns hatten sein Gemüt in Erregung gebracht. Er horte in der Rächt dw Bäume vor dem Hause rauschen, gar kein Ende nahm dieies Rauschen, immer wieder fuhr der Wind durch die Jwe ge und bewegte sie. Und der durch bett Regen angefchwoUene Bach, der von der Hohe kommt und am Montforter Hof vorubei, ließt, rauschte auch. Vereinzelt Ließen Tiere ^m Felde und vom Walde her ihre Stimme hören. Zwischen Wachen und -träumen tag her Jüngling. Zuletzt noch, ehe er einschlief, sah er die Wohnstube des Peter Wenzel erhellt vom Blitzstrahl und sah Christine weinend am Tische sitzen. 5. Auf die Gewitternacht folgte ein herrlicher ©ominerrnorgert. Als Michel sich von seinem Lager erhob und hinaus in das Freie trat stand 'die Sonne schon hoch am Himmel und leuchtete in ben zur Rahe herabfallenden Taleinschnitt hinein. Der Wind §atteS sich völlig gelegt, und der Regen hatte eine herrliche Frische gebracht. Vom Walde und von den Wiesen her kam e.quicken^ ^ch^sta^die alte Mutter des Christoph und brach Reiser entzwei, um damit das im Herde knisternde Feuer zu unterhalten Michel sagte ihr guten Morgen, aber die Frmi drehte sich nicht um. Als sie nach der Tur zu ging, versuchte er. mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen, aber sie sah ihn verständnislos an. Da merfte Michel, daß die Frau taub war. Er schlenderte vor dem Hause auf und ab und sah sich pte Umgebung an. Man hat das Haus mit Rücksicht auf seine ein- fame Lage möglichst gesichert. Es hat zwei Stockwerke, im oberen Stockwerk sehen acht Fenster herunter in das Tal, im unteren nur vier: denn der Torbogen führt unter dem oberen Stockwerke in den Hof. Dieser war wie ein Festungshof von allen Seiten mit Gebäuden umgeben. Die Gebäude waren in Zeiten errietet worden, in denen schlechtes Gesindel das Land unsicher machte und besonders gern die einsam gelegenen Hofe aufsuchtL Die Fenster des unteren Stockwerkes waren vergittert. So konnte ein Mensch, der nicht willkommen war, kaum eindringen. $ro8 dieser Sicherheitsmaßnahmen hatte der Hof im Anfang deS 19 Jahrhunderts oft Ueberfälle von Räubern auszustehen, Schinderhannes hatte ihm mehr als einmal Besuche abgestattet. Der Hof, der zur Gemeinde Duchroth gehört, liegt weit ab von menschlichen Ansiedlungen. Außer der Mutter und dem Sohne war dort keine lebende Seele zu finden, beide machten alle Arbeit selber, was möglich war, da das Gut klein war. Michel war über den Steg gegangen, der über den am Hose vorüberführenden Dach führt, und versuchte, weiter hinauf nach der Ruine zu gelangen, ober er fand bald, daß sie von allen Seiten mit starkem Gestrüpp und Dornen umgeben war, und daß es nicht möglich war, in das alte Mauerwerk einäubringen. Als er noch vor dem Gestrüppe stand, hörte er vom Hofe her einen durchdringenden Pfiff. Es war Christoph, der ihn aus diese Weise herbeirief. Mit einem langhaarigen Jagdhunde ging er vor dem Hause auf und ab. (Fortsetzung folgt)