Jahrgang (925 Dienstag, den (0. Februar Nummer 12 Gießener zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Der Panther. Rainer Maria Rilke. Sein Mick ist im Vorübergehn der Stäbe fo müd geworden, daß er nichts mehr hält. Ihm ist's, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht. Rur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf — dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille — und hört im Herzen auf zu sein. Der Fährmann von Niederhausen. Von Heinrich Bechtolsheimer. I. Man schrieb das Jahr 1813, und zu Riederhausen an der Rahe waren die Leute mit dem Keltern der Trauben beschäftigt, da fuhr um die Mittagszeit auf der Straße, die von Kreuznach über Münster am Stein am Rotenfels vorüber sich durch das Rahetal zieht, ein elendes Fuhrwerk ein. Es war ein kleiner Leiterwagen, wie ihn sonst die Kühe ziehen; an den Wagen war ein kleines, abgetriebenes Pferd gespannt. Ein französischer Soldat, den ein schwerer Mantel einhüllte, saß auf dem Querbrett und lenkte das Fuhrwerk. Der Mann sah recht verwildert aus, die Augen lagen ihm tief in den Höhlen, ein schwarzer, ungepflegter Bart umrahmte sein Gesicht, und die Haare, di« lange nicht mehr geschnitten worden waren, hingen auf den Mantelkragen herab. Der Mann sah aus, wie ein Soldat aussieht, der aus einem unglücklich verlaufenen Kriege heimkehrt. Immerhin schien er noch leidlich bei Gesundheit und Kräften zu sein, hinter ihm aber auf einer dünnen Strohschicht lagen zwei Männer, denen man sofort ansah, daß sie von schwerer Krankheit befalle« waren. Es waren gleichfalls Soldaten, aber der Glanz ihrer Uniformen war dahin, die Röcke waren zerrissen und verblichen, Mäntel hatten sie nicht, mit einigen alten Säcken wären sie zugedeckt. ' Dabei lag der Rvvembernebel auf dem Lande, und die Bäume zeigten Spuren von Reif. Der eine der beiden auf dem Wagen liegenden Männer hatte das Haupt mit einem blauen Tuche verhüllt, der andere trug eine weiße Zipfelmütze, wie man sie damals oft bei Fuhrleuten sah. Die Einwohner von Riederhausen liefen zusammen, als das elende Gefährt am Gasthause zum „Lemberg" anhielt. .Die Männer kamen aus den Kelterhäusern, die Frauen aus 'den Ställen und den Küchen. Breitspurig stand Peter Wenzel, ein vermögender Bauer, auf der Straße und blieh den Rauch seiner kurzen Pfeife in die kalte Winterluft. Reben ihm stand der Fährmann Rikolaus Sachs, der gerade Wasser aus einem seiner beiden Rachen geschöpft hatte und beim Anblick des seltsamen Fuhrwerks herbeigelaufen war. „O weh, Rikela," sagte Peter Wenzel, „die kommen heute nicht mehr weit. Guck doch, wie den armen Leuten da im Stroh die Zähne klappern, und blitzblau sind sie alle beide. Was ein Elend! älnd nun verstehen die alle drei kein Wort Deutsch." „Das wäre gefehlt ihr Leute, wenn keiner von uns ein Wort Deutsch verstünde," sagte der Lenker des Fuhrwerks, der abgestiegen war und nun hinkend zu dem Pferdchen trat, um ihm eine alte zerrissene Decke überzuhängen. „Kennt ihr mich denn nicht mehr, ich bin ja der Michel Klee von Duchroth, der früher hier bei dem Friedrich Schneider als Knecht gedient hat." „Weiß Gott, es ist der Duchrother Michel," sagten mehrere Stimmen. „Wahrhaftig, der Michel," sprach der Fährmann, „der Sonntags immer bei mir an der Rahe gesessen hat und mir beim älebersehen der Leute geholfen hat. Aber, Michel, wo kommst du her?" „Woher ich komme." antwortete der Gefragte, „ich bin vor fünf Jahren in die Fremde gegangen, war Kutscher in Mainz und kam dann in das 65. Linienregiment. Drei Jahre war ich in Spanien, dieses Jahr an Lichtmeß kam ich zurück nach Mainz und dann nach Sachsen, wo ich den Feldzug mitgemacht habe. Ihr Männer, bei Leipzig ist eine furchtbare Schlacht geschlagen worden, und der Kaiser hat sie verloren. Mainz liegt voll von kranken Soldaten, sie haben alle das Rervenfieber, wie hier mein« zwei Kameraden." Peter Wenzel war an den Wagen getreten und fragte einen der Kranken: „He, Landsmann, wo tuts Euch weh?" Der Gefragte gab keine Antwort, versuchte den Kopf aufzurichten, was ihm jedoch nicht gelang. „Den dürft Ihr fragen, was Ihr wollt." sagte Michel Klee, „er gibt Euch keine Antwort, es ist ein Italiener, aber ein guter Kerl, der mich in Mainz angefleht hat, ihn nicht im Stich zu lassen. Der andere ist aus Dar-le-Duc in Lothringen, er ist mir von Spanien her ein guter Kamerad. Ich wollte mit ihnen nach Saarbrücken, um das Depot unseres Regimentes zu suchen, aber ich sehe, die zwei können nicht weiter. Habt ihr hier kein Spital eingerichtet?" „In einem so kleinen Ort. wie es Riederhausen ist," entgegnete der Fährmann, „ist doch kein Spital. Da bleibt dir nichts anderes übrig, als wieder nach Kreuznach zurückzufahren, oder zu sehen, ob du in Kirn eine älnterkunft findest." „In Kreuznach sind alle Spitäler, alle Schulen, auch viele Bürgerhäuser mit Kranken überfüllt. Hätte ich meine Kameraden dort untergebracht, so wäre ich nicht weitergefahren. Die vertragen keine Stunde mehr auf offenem Wagen, wo «S heute so kalt ist und der Rebel sich herunterfenkt." älnterdessen waren die Frau des Peter Wenzel und seine Tochter Christtne herbeigekommen. Beide waren etwas erhitzt, denn sie hatten am Kessel gestanden, um Dirnenlatwerg zu kochen. Mutter und Tochter waren einander sehr ähnlich. Beide waren große, schlanke Gestalten, die Mutter war weiß von Haaren, während die Tochter starke schwarze Flechten um das Haupt liegen hatte. „älm Gottes Barmherzigkeit wlllen," sagte die Mutter, „die beiden armen Menschen können nicht weiterfahren. Wir tonnen in unserem Seitenbau das Zimmer ausräumen, in dem die Aepfel liegen und allerhand Geräte aufgehoben werden." „Ja, Mutter, du hast recht," sagte Christine, die mit tiefem Bedauern auf die beiden .Unglücklichen blickte, „es wär« Sünde, wenn wir die beiden kranken Männer weiterfahren ließen. Wer jetzt krank ist und kein Obdach hat, der lebt morgen früh nicht mehr." Peter Wenzel war mit dem, das seine Frau und seine Tochter wollten, einverstanden. „Ra, dann herum mit dem Fuhrwerk, Michel," sagte er, es soll mir niemand nachsagen, daß ich kranke Leute auf der Straße umkommen ließe." Der Soldat faßte das Pferd am Zaume und lenkte in die Straße ein, die von der großen, durch das Rahetal führendem Landstraße nach dem Innern des Ortes führt. Richt weit von der Treppe, die hinauf nach der Kirch« und nach dem Kirchhof führt, lag die Hofreite deS Peter Wenzel. QICcm sah es schon von der Straße, daß dieser ein reicher Mann war. Das zweistöckige Haus, dessen Fenster zur ebenen Erde ziemlich niedrig lagen, war weiß getüncht. Im Dogen wölbte sich das Hostor, das die Hofreite von der Straße abschlotz. Bor der Haustür stand die Pumpe, die zum Schutz gegen die Kälte mit Stroh umwunden war. Im Viereck um dft aufeinander, aber sie waren danwar für bw Wvyu , I „» waren ganz eingefallen. Der Piemontese starb, kurz nach- ihnen geschah. Der Franzose sagte Wwderhol« mei 3 I £ n8 8 Merabend eingeläutet hatte, auch der Lothringer K.SÄ-ÄrtÄS’Ät»ÄS 8Z»KZ^ASk ftÄ* ÄÄ " °°« w* « «- n-t'-M mnohlnt und Michel Klee trug sie den Kameraden hinauf, die I zwischen Nahe und Saar und werter rn das Saargebiet fuhrt, imniMarn Schlaf fielen zhat bis in die neueste Zeit hinein unendlich viel Truppenzuge "^^Unten im Hofe wurde der heimgekehrte Soldat von den Man-- gesehen. Bald zogen die Heere zum Rhem, bald zur Saar, und iun^n Durlck'-n des Dorfes umringt. Sie erfuhren I Das Tal ist dort eng, rechts rind links steigen die Tf.r^ auf. nun ihm baffer schon vor einem Jahre in Spanien Korporal | Wenn man vom Rhein her kommt, so j^ht man sw zunächst nut geworden war und hört« von der schrecklichen Schlacht bei Neben bepflanzt, dann sind sie mit Wald bekleidetz Die fach Äkt'on der dis dahin keine Kunde in das Dorf gedrungen hat man an den Hangen Steinbruche angele^, dre Rahe flieht wÄ Sie börwn auch von dem furchtbaren Rückzüge durch Thü- neben der Landstrahe einher Durch dieses Tal walzte s ch m J wen ' Kierkegaard die ästhetische gastlichen Menschen, dann ging er zu feinen Karneraden. :e I „ fhL ® t Deren charakteristifches Merkmal besteht redeten im Fieber irre, sie glaubten, iin Gefechte 8" fern, stieße I Ex s Sfph Mensch wesentlich nach Lust strebt, fein Lebensi- KommanLoworte aus. Was der Piemontese fagte, ^verstan | , Erreichung des größtmöglichen.Genusses setzt, mag Michel nicht, aber er war durch seenen vienayiigen Mckitaidie st I z mehr triebhaft (als reines Naturwasen) oder mehr der französischen Sprache so wett mächtig, daß er verstand. ericä nun ^rwußtei ,,Ästhetiker") tun. Des- was der Kamerad ans Dar-le-Due redete. Der sprach von überlegt u d tt ^.^^auch immer dafür Sorge, sich nicht seinem Bater und seiner Mutter und meinte, wenn seine Eltern I h fl »„pen einzulassen daß er ganz darin aufgeht. wüßten, daß es ihm so schlecht gehe, wurden sie gewiß -.onrmen, I s f nämlick allzu leicht in die Region der Pflicht und Sft&Ä Ä I lU’ffr * Nicht w 3«. W* mtt — 47 — mannigfachen Aufgaben wertvoll ist, sondern allein die (leider so seltenen) genuherfüllten Momente des Daseins. — Kierkegaards Aeberzeugung (die deutlich genug durch die glänzenden Schilderungen der ästhetischen Lebensform durchschimmert) ist es nun, dah, wie faszinierend und beneidenswert auch em solches Leben von außen gesehen erscheinen mag, dasselbe doch, von innen betrachtet, wesentlich als „Verzweiflung' charakten- fiert werden muh. . Aus einer solchen Verzweiflung ist es indessen dein Menschen möglich, sich (durch die Reue) in eine andere Sphäre hinüber zu retten, nämlich in die des Ethischen. Es ist dies eine Welt, die nicht von den flackeriideni Kerzen des Genusses, sondern von der klaren Sonne der Pflicht erhellt wird. Aicht die gröhtmögliche Lust wird hier gesucht, sondern der Stimme des Gewissens zu folgen, ist höchstes Lebensziel. Mit Nietzsches Zarathustra könnte auch Kierkegaards Assessor Wilhelm sagen: „Trachte ich denn nach Glück? — ich trachte nach meinem Werk!" Und doch besteht zwischen den beiden, wiederum ein bedeutender Unterschied. Denn während über Zarathustra ein ganz individuelles Ideal leuchtet („hier geht mein Weg — wo geht der deine?"), sieht Assessor Wilhelm seine Lebensaufgabe darin, das „Allgemeine zu realisieren , d. h. so zu handeln, wie es von dem Echos seiner Zeit und seines Volkes verlangt wird. Zugleich betont aber Kierkegaard nachdrücklich, dah der „Akzent" im Ethischen auf der Absicht, der Gesinnung, nicht auf dem Erfolg des Verhaltens hegt: Was der Mensch will, nicht was er erreicht, entscheidet über seinen sittlichen Wert. Mag aber nun der Mensch sich mit aller^ Kraft den sittlichen Aufgaben widmen, mag er ein guter Bürger, ein treuer Freund, ein besorgter Gatte und ein liebevoller Vater sein — es sind dies alles doch nur endliche und relative Ziele. Erst wenn er sich zur religiösen Sphäre erhebt, in der er sich zum Göttlichen verhält, leuchtet das Ewige und Absolute in sein Leben hinein. Zwar kann auch der Gthiker auf seine Art religiös, ja sogar christlich und kirchlich sein (ist Assessor Wilhelm doch in gewöhnlichem Sinne „ein guter Christ"), aber er hat dennoch nicht das eigentliche Wesen Gottes, nicht die Eigenart des Absoluten ersaht. Gott ist nämlich nicht zu fassen als das Menschliche in seiner Idealität, gleichsam als ein irdischer Superlativ (wie z. B. ein bedeutender Mensch dem anderen in dieser oder jener Beziehung als Ideal vorschweben kann), sondern er ist das vom Menschen qualitativ Verschiedene, das „prä- dikatlvse Sein", von dem sich, streng genommen, nichts anderes sagen läht, als dah es hoch erhaben ist über alle endliche Realität und alles menschlich Wertvolle. Dies Absolute nun fordert die ganze Kraft des Menschen, ihm soll er ausschliehlich dienen (denn wie kann man ein unendliches Ziel nur zum Teil erstreben?) und allem anderen entsagen. — Es könnte hiernach scheinen, als sollte der Religiöse entweder Selbstmord begehen (was eigentlich das Konsequenteste wäre) oder doch mindestens ins Kloster gehen. Doch, keinen von diesen Wegen darf er nach Kierkegaard ein» schlagen: den ersten nicht, weil er sich nicht selbst das Leben nehmen darf, den zweiten nicht, weil er — zur Aeuherlichkeit führt. Dagegen soll der Religiöse in der Welt bleiben, und alle endlichen Aufgaben erfüllen, ganz wie ein gewöhnlicher Mensch, nicht von einem solchen zu unterscheiden: aber er soll mitten im Leben stehen als einer, der die ganze Richtigkeit aller seiner Ziele, die völlige Wertlosigkeit aller seiner Gaben durchschaut und erkannt hat. Dies ist jedenfalls der (im Grunde inkonsequente) Standpunkt des jüngeren Kierkegaard. Später wirkt sich dagegen seine Ansicht in ihren Konsequenzen mehr und mehr aus, so dah er zuletzt dahin geführt wird, eine lebensfeindliche Askese zu predigen und das ganze Kulturleben der Menschheit als sündhaft zu verurteilen. Charakteristische Aeuherungen von ihm in der letzten Periode seines Denkens sind z. D. folgende: dah Gott der „Todfeind des Menschen" und das ganze menschliche Dasein mit einer „Strafanstalt" zu vergleichen sei. Muh man somit das wahrhaft religiöse Leben als praktisches Verhalten seinem Wesen nach als Leiden bezeichnen — wie es nicht anders möglich ist, wo ja doch zwischen Gott und Mensch ein Abgrund klafft — so gilt dasselbe, wenn man es unter einem theoretischen Gesichtspunkt betrachtet. Denn das Dasein Gottes läht sich nie und nimmer beweisen, sondern ist und bleibt „objektiv ungewiß", allezeit dem Zweifel ausgesetzt, und kann folglich nur ein Gegenstand des Glaubens sein. 3n der christlichen Sphäre nun steigert sich der Glaube zu einem „absolut paradoxen" Verhalten, denn im Christentum handelt es sich nicht länger um ein Verhältnis zum Ewigen schlechthin, sondern um ein solches zu „Gott in der Zeit", was offenbar ein Widerspruch in sich schliesst. „Dies ist das Absurde, dah der Ewige in der Zeit entstanden, dah Gott geboren, gewachsen ist risw, bah er ein einzelner Mensch geworden und dann gestorben ist..." Besonders deutlich hat Kierkegaard in den „Philosophischen Bissen" die hierhergehörigen Gedankengänge dargelegt und gezeigt, dah. wenn das Christentum etwas ander-es als humane Religiösität fein soll, es unweigerlich voraussetzt, dah Christus auf einer prinzipiell anderen Stufe als alle übrigen Menschen steht und folglich auch des Menschen Verhältnis zu ihm ein ganz verschiedenes von dem zu allen anderem wird. Am besten und klarsten können wir den Unterschied, den Kierkegaard zwischen aller humanen Religiösität und dem Christentum findet, so ausdrücken, dah wir sagen: Während in der ersteren das Prinzip der Autonomie grundlegend ist, verkörpert sich im Christentum das Prinzip der Heteronomie. — Ferner schlieht der Glaube an Christus auch insofern ein Paradox in sich, als das Christentum uns doch nur als ein „historisches Datum" gegeben ist, demgegenüber es gilt, dah wir nie absolute, sondern nur annähernde („ approximierende") Gewißheit, d. i. eine größere oder geringere Wahrscheinlichkeit erreichen können. Mit Zustimmung führt denn auch Kierkegaard Lessings berühmten Satz an, dah „zufällige Geschichtswahrheiten nie der Beweis für notwendige Vernunftswahrheiten werden können". Rur durch einen „Sprung", durch eine (objektiv) grundlose Willensentscheidung des einzelnen ist es deshalb (wie auch schon Lessing gesagt hat) möglich, von dem Boden der humanen Religiösität in die christliche Sphäre hinüberzugelangen. Dies sind in schematischer Kürze die Hauptgedanken Kierkegaards von den drei (oder vier) „Gxistenzsphären" (oder „Lebensstadien"). Was indessen in einer solchen referierenden Wiedergabe nicht zu seinem Rechte kommt, ist die eigentümliche Art und Weise, in der er dieselben dargestellt hat. And doch ist zum großen Teil ihre Bedeutung eben an diese von ihm log. „indirekte Methode" ihrer Mitteilung geknüpft. Deshalb sei noch zum Schlüsse mit ein paar Worten auf dieselbe hin- gewiesen. Wir sagten am Anfang, dah Kierkegaard feinen Lesern nicht eine neue Lehre geben, nicht (wie er das nennt) „dozieren" wollte, sondern sie zum selbständigen Stellungnehmen gegenüber dem Leben bewegen. Dies meinte er nun am ehesten dadurch zu erreichen, dah er die verschiedenen möglichen Existenz- weisen den Menschen gleichsam objektiv zur Wahl hinstellte und als Verfafser so weit möglich in den Hintergrund trat, ja am liebsten ganz verschwand. Zu diesem Zwecke verwendete er in der Regel eine Reihe von Verfasser-Pseudonymen, hinter denen wiederum oft fingierte „Herausgeber" standen, kurz ein recht künstlich anmutendes chinesisches Schachtelsystem. And ferner lieh er auch nicht die Pseudonyme ihre Ansichten lehrhaft vortragen, sondern gestaltete sie zu individuellen Charakteren, die in ihrem Leben die verschiedenen Existenzweisen verkörperten und konsequent durchführten. Demgemäh hielt Kierkegaard auch immer daran fest, dah er als Verfasser nicht darüber entscheiden wollte, welche von den dargestellten Sphären die höchste war. Seine persönliche Ansicht sollte ganz zurücktreten. Oh er als Privatmensch überhaupt eine Meinung habe, und dann welche, sei völlig gleichgültig. Rur die möglichen Lebensarten wollte er darstellen und überlieh es dann seinem Leser, selbst unten ihnen seine Wahl zu treffen. Selbst dem Christentum gegenübev wollte er es so halten. Seine Sache — so Betont er des öfteren — fei es nicht zu entscheiden, ob das Christentum recht habe oder nicht, sondern nur zu zeigen, worin das Wesen desselben eigentlich bestehe. Was Kierkegaard geben wollte, waren eben nicht dogmatische Lehren, sondern eine „vergleichende Lebensphilosophie", der gegenüber sich die Menschen zu einer selbständigen Entscheidung unter eigener Verantwortung gezwungen fühlen sollten. Die Flibustier. Eine Erzählung von der Küste Brasiliens. Von Dr. Alfred Funke. (Schluß.) Am anderen Morgen lieh Moreira die Besatzung an treten und hielt eine fürchterliche Ansprache, in der es von Krumm- schließen und Standgericht hagelte. Arlaub an Land gab es nicht, und auf jeden Ausreiher sollte sofort geschossen werden. Dann begab er sich mit seinem Adjutanten an Land zum Intendanten, der ihn mit sehr gemischten Gefühlen, erwartete. Der Stadtvater wuhte ja genau, was nun kommen mußte. Zunächst belegte der Kommandant die öffentlichen Kaffen mit Beschlag. Aber er kam damit um eine Rafenlänge zu spät, denn die Gelder des Zolls und der Stadt waren von den Kassierern in Sicherheit gebracht, und nur klägliche hundertdreiund- zwanzig Milreis waren die Ausbeute. „Diese Schurken haben das Geld natürlich ohne mein und des Herrn Guarda-mor Wissen beiseite gebracht. Ohne Zweifel werden sie auch von dein nächsten Telegraphenamt aus der Regierung Mitteilung vom Einlaufen der „Gloria" gemacht haben, Herr Admiral. Ich bedaure das aufs tiefste." Der Intendant hoffte durch diese Vermutung aber den Besuch der „Gloria" im Hafen von Sao Jose do' Matabicho abzukürzen. Den Erfolg hatte er zunächst, dah der Admiral ein sehr langes Gesicht machte. Die Ausficht auf ein Wiedersehen mit den Kameraden von der Regierungspartei hatte für ihn nichts Verlockendes. Moreira versuchte es nun mit anderen Mittelchen. Er forderte die Bürger der Stadt auf, zu einer „Besprechung der Gage" auf dem Rathaus zu erscheine:,. Aber Pedro. Chico. Antonio und Miguel erklärten: „Das kennen wir. Während dieser Besprechung erscheint dann ein Dutzend Blaujacken mit geladenem Gewehr, die Zeichnungsliste wird aufgelegt, und jeder muh 4 48 — bluten. Darm heißt es für uns: Friß Vogel, oder stirb! Jeder mutz den Veutel ziehen, wenn er nicht mit dem Bajonett gekitzelt werden will. Das haben wir schon durchgemacht." Als die Stunde der „Besprechung" kam, glänzte die begeisterte Bürgerschaft durch Abwesenheit, und das Gesicht des Herrn Admirals war blaurot. Aber vor Wut. „Diesen Kanaillen werde ich das anstreichen!" schrie er. Gr ließ seine Tapferen also ein bißchen plündern, „requirieren", und solchermaßen die Burger zu erhöhter vaterländischer Gesinnung erziehen. And seine schwarzen Matrosen besorgten das mit Hingabe und Gründlichkeit. Aber darum blieb die Kasse des Admirals doch leer, denn Pedro, Chico, Antonio und Miguel hatten ihre Patacoes rechtzeitig und gut versteckt. Die Stimmung des Admccals spielte also bereits ins Aschgraue. Sie wurde aber noch grimmiger, als er an Bord zurückkam und beim Appell ein Dutzend Leute einfach fehlte. Andere Mannschaften, die dem bösen Beispiel liebend gern gefolgt wären, hatten die Offiziere nur mit vorgehaltenem Revolver zurückhalten können. „Wir müssen der üblen Gesellschaft Arbeit geben, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt. Das Requirieren war Ansinn!" erklärte Moreira. Dabei sah er nach dem ladenden Engländer hinüber, der Pack um Pack trockener Häute an Bord hievte. Die Ketten an den Gangbäumen rasselten und die Winden surrten. Der Kapitän der „City of Dundee" ging gemächlich auf der Brücke hin und her und rauchte seine Pfeife mit gutem „Golden Flag", den er besonders liebte. Er hatte seinen ersten Morgen- brandy im Leibe und war mit sich darüber vollkommen einig, daß dieses Sao Jose do Matabicho ein elendes Loch sei, aber seinem Ramen Ehre mache. Denn zum Glück gab es da einen guten schottischen Whisky in einem englischen Store, und er hatte sich gut damit versorgt. Also rief der Kapitän der „City of Dundee" seinem Steward zu, den zweiten Morgenschnaps zu servieren, aber diesmal einen Whisky. And als der Whisky die Straße seines Vorgängers hinabgeglitten war, war der brave Kapitän sich darüber klar, daß darum dieses gottverlassene Rest da am Strande nicht kurzweiliger geworden sei. Wenn sich nur einmal etwas ereignen möchte! Zwar die Einfahrt der „Gloria" war em Ereignis, aber was ging das ihn an? Man setzte in diesem Hundelvch noch Muscheln an wie eine alte Kufs im Hafen! Als er hörte, daß die Matrosen von der „Gloria" ausgerückt waren, lachte er. Man konnte es den schwarzen Schelmen nicht verdenken, wenn sie ihrer Flagge kurzen Abschied gaben. Denn Kapitän Moreira wußte vom englischen Bizekonsul bereits, daß der große Brand in Rio gelöscht sei und daß nun Die Regierungsschiffe Jagd machten auf die Reste der Rebellen- ffotte. „Dam nit! Was wollen die Kerle bei mir?“ fragte er erstaunt, als ein Boot von der „Gloria" abstietz und auf die „City of Dundee" zuhielt. Auf den Duchten des Bootes sahen Matrosen, ein Offizier in Uniform am Stern, hinter ihm die Flagge der Revolution. „Ich werde dem Mann ein Glas Portwein anbieten: vielleicht erzählt er mir ein bißchen von seiner Piratevei. Das gibt Anter- Faltung." überlegte Morris und rief dem Steward zu, er möge eine Flasche Old Port und zwei Gläser auftragen. Aber der Schiffsleutnant wollte etwas anderes als eine Flasche Old Port. Er trat sehr bestimmt auf und forderte mit dürren Worten Kohlen aus den Bunkern des Engländers. Denn an Land seien keine zu haben. „Das weih ich längst, Sir. Ich habe meine Kohlen für schweres Geld gekauft und übergenommen. Der Händler ist blank. Sie müssen also die nächste Fracht abwarten," erklärte Morris gereizt. „Rein, dann müssen Ihre Kohlen eben umgeladen werden," kam es zurück. „Herr!" brauste Morris auf und ließ die Pfeife fallen, „sind Sie des Heufels? Ich danke meinem Schöpfer, daß ich Kohlen bis London habe. Oder meinen Sie, ich warte in diesem gottverlassenen Loch, bis neue Kohlen aus Cardiff kommen? Rein, Zeit ist Geld! Wenn Sie mit mir ein Glas Portwein trinken wollen — gut! Wenn Sie Kohlen haben wollen — ich gebe nicht für einen Schilling ob!“ „Dann werden wir mit Gewalt nehmen müssen, was wir gebrauchen, Sir." „Das wollen wir sehen! Das probieren Sie mal! Ich bin britischer Untertan. Ottern Schiff fährt unter britischer Flagge! Wissen Sie, was das heiht? Es würde Ihnen und Ihrem Kommandanten verdammt eklig aufstvhen, wenn Sie britisches Eigentum hinterschlucken wollten! He, Tom! Lauf mal fix zum Konsul! Er muß sofort an Bord kommen! Aber sofort!" Der Leutnant entfernte sich gemessen, während ein Ottatrose an Land setzte, und überbrachte Moreira die Antwort des Engländers. Der englische Konsul erschien an Bord der „Gloria" und machte nachdrücklich darauf aufmerksam, dah eine gewaltsame Aneignung von Kohlen der „Eity of Dundee" eine Verletzung des Union Jack bedeute. Innerlich wünschte dabei der Konsul einen großen Kasten herbei, der „diesen dreckigen Rs- bellenkahn" zu Bruch schösse. Aber ehe em englischer Kreuzer von Montevideo herbeitelegraphiert war. dampfte die „Gloria" natürlich auf hoher See. Sv blieb es also bei dem feierlichen Protest des Konsuls und dem mörderlichen Fluchen des Kapitäns Ottorris. Denn für den Augenblick hatte trotz Old England und seiner Flotte die „Gloria? die Gewalt in Sao Jose do Matabicho. Aber soviel Gewalt hatte Kommandant Moreira nicht, daß er die Flucht eines neuen Trupps Matrosen in der folgenden Rächt verhindern! konnte. Sie hatten heimlich zwei Dovte klargemacht und ruderten flußabwärts aus dem Hafen, zunächst bis zu den Tarqueadas, wo die Aasgeier auf den Pfählen und Dächqrn die Ankömmlinge verwundert betrachteten und die kahlen Hälse nach ihnen fast verdrehten. Hier „requirierten“ die Flüchtlinge zunächst einen Ochsen und schlachteten ihn, ohne sich an den Protest seines Besitzers zu kehren. Er möge sich an den Kommandanten Moreira wenden, der werde das Oechslein ohne Zweifel gut und bar bezahlen! Dabei grinsten sie frech und steckten einen Chu- rascv an den Spieß. Kommandant Moreira hatte ohne Zweifel einen Boten mit der Rechnung für den Ochsen koppheister über Bord gehen lassen, denn er kochte vor Wut. „Man sollte dieses verdammte Rest in einen großen Klumpen schießen!" wetterte er, als ihm die neue Desertion von Matrosen gemeldet wurde. „Erst kratzt der Lotse aus, dann die schwarze Affenbande! Schließlich kann ich selbst noch Heizer und Rudergast spielen!“ Aber alles Wettern und Fluchen half nichts. Er hatte zwar mit Gewalt dem Engländer Kohlen und in der Stadt Proviant genommen, und was sonst noch in den Räumen der „Gloria" gefehlt hatte, war von der Mannschaft zusammengeräubert worden. Äur Munition war nicht zu haben. Ohne Zweifel aber hatten die Telegramme aus Sav Josö dv Matabicho bereits die Regierung und den englischen Gesandten in Rio erreicht. Englische Stationskreuzer und Regierungsschiffe würden sich aus die Jagd nach der „Gloria" machen und diese ohne Barmherzigkeit zur Strecke bringen. Also hieß es, sich schleunigst aus dem Staube machen! Kohlen hatten sie ja und konnten eine Weile Dampf halten. Ein Lotse war nicht aufzutreiben. Die hatten sich alle rechtzeitig gedrückt. Denn sie hatten von den Matrosen rechtzeitig vernommen, welches Schicksal die deutschen Lotsen in Rio do Bugre gehabt hatten. S,o mußte die „Gloria" sich auf eigene Gefahr aus Sao Jose do Matabicho hinauslotsen. Als sie ab- bampfte, knatterten die Raketen wieder, aber nur aus Freude, daß die „Piraten ausrifsen wie Schafleder". Die Bürger atmeten auf, und der Redakteur der „Liderdade" tauchte die Feder- in Gift und Galle und schrieb einen Rachruf für den „Obersvitzbuben zur See Alfredo Moreira", in dem gepfefferte Ausdrücke zu finden waren, auch die hoffnungsreiche Erwartung, den Piraten Ottoreira baldigst als Zierde einer guten Rahennock im Winde baumeln zu sehen. Der Abschied duftete durchaus nicht nach dem Weihrauch des Begrüßungsartikels für den einlaufenben „Befreier und Helden". Ottoreira hätte am liebsten der „bösen Bande" ein paar Granaten zum Abschied in die Bude gefunkt, aber —! Riemand wußte besser als er, wie es in diesem Punkte um das Wollen und Vollbringen ausfah. Es fehlten eben die Zünder. Ottoreira war also wohl oder übel gezwungen, den Großmütigen zu spielen, und dampfte, ohne noch Schaden oder Leid zu tun, aus Sao Jose do Matabicho. Eine Woche lang war nichts zu hören von Ottoreira und seinem Schiff. „Wahrscheinlich versackt und ersoffen,“ hieß es allgemein und liebevoll. „Ottoreira hat sich und sein Schiff heldenhaft in die Lust gesprengt!" versicherten die Devolutionsleute. Aber sie überschätzten den Heldenmut Moreiras. In aller ©title dampfte er in einen Hafen des Nachbarstaates, und da man dort nicht viel Kleingeld übrig hatte, um Schiffe auf ausländischen Werften zu bestellen, sintemalen die Revolution die Kassen einmal wieder leergefegt hatte, so machte man mit dem Kommandanten des „herreniosen" Schiffs ein für beide Teile vorteilhaftes Geschäft. Ottoreira verhökerte seine „Gloria" in aller Verschwiegenheit und unter der Hand für eine Summe, die für ihn immerhin ansehnlich erschien. Die Revoluzzerei hatte für ihn also etwas abgeworfeir. Er hielt seinen „Ottit- streiiern" zum Olbfchied noch eine glühende Rede und dankte ihnen, daß fte ausgehalten hätten bis zur letzten Granate, ja, bis zum letzten Zünder der letzten Granate! Dann reichte er jedem die Hand und wollte sich empfehlen. Aber seine Getreuen ließen ihn nicht von Bord, bevor sie ihren geziemenden Olnteil an der Kaufsumme erhalten hatten. Dafür danfte Ottoreira ihnen dann weniger begeistert, sondern er zog Zivil an, schlüpfte an Land und verschwand. Mhrs hatte sich wieder glücklich in Rio do Bugre eingefun- den und sitzt an seinem Stammtisch, und wenn Hein Baukhage seine Seeräubergeschichten erzählt, so schließt er: „Ja, ja, meine Herren, die Flibustier find noch nicht ausgestorben, und Käpp'n LührS wäre beinahe auch einer geworden!" Schriktlettung: Dr. Friedt. Wikh. ßanae. — Druck und Verlag bet BrMfcken AnivXBucü- und Steindruckerei. R. Lange, Metzen.