Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Gietzener Zamilienblatter Jahrgang 1925 Dienstag, den 9. Juni Nummer 46 Zischend ertrank die Sonne ... Von Heinz Ewald Paul. Zischend ertrank die Sonne in einem Meer von Blut, — und die blassen Scherben des zerbrochenen Tages fallen klirrend in die milden Gassen. Wie ein schwarzer Riesenfalter steigt die Nacht aus ihren Finsternissen und malt die Häuser grau, auf die sich trag die Abendnebel spießen. Sinnlos, wie aus weiten Fernen, fällt noch ein irrer Vogelruf aufs Straßenpflaster; * dann flackern auf die trüben Gaslaternen und durch die Gassen schleicht das Laster. Doch über allem Leid und allen Sünden wirb strahlend sich der junge Morgen ründen! Moskauer TheaLerkunst. Don Dr. Konrad Elert. Am heutigen Dienstag (9. Sunt) wird im Gießener Stadttheater das Deutsch-russische Kabarett von P. Sushnh, „Der blaue Vogel", das in sämtlichen Großstädten Deutschlands mit großem Erfolg ' gastiert hat, ein einmaliges Ga st spiel geben. Das neue deutsche Theater hat viele Anregungen von der russischen Kunst empfangen, wir lassen deshalb einen Kenner des russischen Theaters zu diesem Thema Stellung nehmen und glauben gleichzeitig damit eine Anregung und Erleichterung zum Verständnis dieser aus rein Theatralisches aufgebauten Kleinkunstbühne größten Formates geben zu können. Der Westeuropäer glaubt im allgemeinen, sämtliche Fortschritte der „Kultur", im guten wie im bösen Sinne, für sich gepachtet zu haben. Der Weg nach Osten, so glaubt er, führe ihn immer weiter von diesen Errungenschaften fort, älm so überraschter ist man, wenn man in Moskau eine Kunst vorherrschend findet, die noch heute manchem Extremen als die Kunst der Zukunft gilt: Den Konstruktivismus. Diese Richtung, bei uns durch die Rovembergruppe bekannt, ihre geometrische Ineinanderfchach- telung zerlegter Bestandteile einer Dildkomposition, hat aber in ihrem gleichzeitig spielerischen und durch den Intellekt diktierten Grundlagen mehr Russisches, mehr dem russischen Charakter Entsprechendes, als es auf den ersten Blick scheint. Ob sie je dem Dauern, dem einfachen Arbeiter wirklich verständlich sein wird, ist natürlich schwer zu sagen. Aber für den heute in Moskau herrschenden Geist ist sie die adäquateste Kunst. Man findet sie in der Staatspropaganda, man findet sie in den Straßen, in den Kunstausstellungen, man findet sie in den Theatern. Am wenigsten ist vorläufig noch in den beiden großen Staatstheatern von ihr zu spüren. Im Ballett schon mehr, — wir haben ja in Berlin Proben davon gesehen —; die Schulung ist nach wie vor vorzüglich, ist nach wie vor mehr reine Dallettschulung als die bei uns beliebte rhythmisch-gymnastische Pantomime: nur scheinen vorläufig auch hier die großen Per- sönlichkeiten zu fehlen, die dem russischen Ballett seinen europäischen Namen gemacht haben. Aehnlich ist es in der Oper, die auf gutem Durchschnittsniveau ist, der aber die Sänger über dem Maßstab fehlen, wenigstens der Nachwuchs. Auf einsamer Höhe steht, aus der alten Zeit, eine Sängerin wie die Nesch- danvwa, deren wirklich nicht mehr jugendliches Aeußere man nach den ersten Tönen bis zum letzten Fallen des Vorhangs völlig vergißt: denn selbst bei angestrengtestem Nachdenken besinnt man sich höchstens auf eine Sängerin, die ihr gleichkommt, aber auf keine, die sie Übertrifft. Was der Oper allerdings fehlt, das ist ein Regisseur, der sie einmal gründlich erneuert: denn hier mutet manches gerade vorsintflutlich an. Etwas melancholisch stimmt ja sowieso die prunkvolle Ausstattung dieser Riesen- theater aus der russischen Zarenzeit, die mit der häufig spärlichen und so gar nicht festlichen Besetzung des Zuschauerraumes Uch so gar nicht zu einem Bilde zusammenschließen will. Denn die Preise der Theaterplätze sind im Verhältnis teuerer als bei uns: sie bewegen sich zwischen etwa einer und fünfzehn bis und solche Ausgaben spielen bei dem Einkommen der Meisten im kommunistischen Idealstaat eine recht erhebliche -Rolle. , , Die Erkenntnis, daß eine moderne Aufmachung der Oper eigentlich eine Selbstverständlichkeit in einer großen Stadt ist. hat sicher mit dazu beigetragen, daß der rührige Mitarbeiter Stanislawskis am Moskauer Künstlertheater, Numirowitsch Däntschenko, sich mit seinem Ensemble an einer Oper versucht hat. Stanislawsky selbst ist ja allmähllch zum Klassiker geworden, die von ihm inszenierten Aufführungen wie das „Nachtasyl" oder der „Kirfchgarten" stehen auch heute noch als Kunstleistungen von zeitlosem Wert da. Aber Nemirowitsch versucht schon seit geraumer Zeit eine Synthese zwischen den jüngsten Bestrebrmgen in der Theaterkunst und der Art Stanislawskys zu finden. Er war zunächst auf den Ausiveg gekommen, ' Dekorationen und Kostüme nicht mehr in naturalistischem Stil zu halten, sondern sie freier und lockerer, farbiger lebhafter zu geben. Einer der letzten Versuche in dieser Richtung ist seine Inszenierung von Aristo- pHanes' „Lhsistrata", die sogar auch die Drehbühne bei offenem Vorhang in Erscheinung treten läßt. Aber die eigentliche Spielleitung paßt sich diesem Rahmen nicht recht an; denn das Wesen der neueren Dühnenkunst ist Bewegung, und das Schönste und Stärkste Stanislawskhscher Kunst liegt in dem geraden Gegenteil, in der Ruhe einer Stimmung. Wundervoll sind natürlich Einzelheiten, wie das langsame Anschwellen oder Abklingen eines Chors; aber das Gesamtbild wird immer wieder durch den gleichen Zwiespalt beeinträchtigt. Auch in der vielbesprochenen neuen Inszenierung der „©armen“ ist es kaum gelungen, eine Einheit zu schaffen. Es ist nicht die alte „Carmen", die wir alle kennen, sondern man hat zu Bizets Musik einen völlig neuen Text geschaffen, der sich mehr an Merimes Novelle hält; die Figur der Micaela zum Beispiel fehlt ganz, dafür ist die Mutter Joses eingetreten. — Aber das Wesen der Neubearbeitung liegt darin, daß dem Chor die Hauptrolle zugewiesen ist, und hier freilich ist eine Leistung geschaffen, an der man ungetrübte Freude haben kann, die vorbildlich und meisterhaft ist. Auf jeden Fall zeigt die Aufführung, daß auf diese Weise vielleicht manche Oper wieder für die Bühne zu erobern ist, und man bedauert im Grunde, daß Nemirowitsch seinen Rettungsversuch gerade an einem Objekt unternommen hat, das es eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte. Eine der Sensationen im Moskauer Theaterleben ist zur Zeit die große Revue „D. E.", die Meyerhold in seinem Theater spielt. Es ist eine ganz und gar parteipolitisch kommunistisch eingestellte Revue, die aus verschiedenen, auch bei uns bekannten utopischen Romanen zusammengestellt ist, und die den Untergang Europas zum Gegenstand hat; ein amerikanischer Trust vernichtet ganz Europa, scheitert aber schließlich (selbstverständlich) an der Wachsamkeit der Sowjetleute. Man muh es dem Regisseur Meyerhold lassen, daß es ihm gelungen ist. das Publikum in Atem zu halten. Die Spannung reißt keinen Augenblick ab. Jazzmusik, mit primitivsten Mitteln gestellte Bühnenbilder, Verwandlungen bei offener Bühne — ein Dorhang tritt nicht in Erscheinung —, Souffleur ohne Kasten, Scheinwerfer im Zuschauerraum: Alle diese Mittel und Mittelchen sind skrupellos ausgenutzt, um die Schaulust des Publikums zu befriedigen. Daneben freilich toirft Meyerhold durch das zeitweise atemraubende Tempo der einzelnen Szenen, und für den unbefangenen Zuschauer bleibt die eine Frage: Weshalb versucht niemand bei uns, einmal von dieser Seite her eine Revue in Szene zu sehen, die dem Tempo unserer Zeit mehr entspricht als die nachgerade langweilige Serie von Prunkbildern, an die man sich klammert? Das letzte Ereignis — oder das erste größere in dieser Saison, das eines pikanten Beigeschmacks nicht entbehrt — ist die Eröffnung eines neuen Theaters, des „Neuen Dramatischen Theaters", dessen Direktor und Regisseur Eggert unter der besonderen Aegide des Kommissars für Volksaufklärung. Lunatscharski, spielt. Ein Stück des Kommissars „Die Brandstifter" ist die Eröffnungsvorstellung. Es wirkt wie aus der Schule der Sardou und Dumas, ein Berschwörerstück alten Stils, mit allen Theatereffekten und -requisiten, die vor achtzig Jahren üblich waren. Für die männliche Hauptrolle hat man Nikolai Zeretelli von Tairoffs Kammertheater geholt, für die weibliche — die Gattin Lunatscharskis. Frau Lunatscharski, eine auffallend schöne Frau, scheint leider den Ehrgeiz zu haben, nicht nur schön auszusehen, sondern auch durch ihre Kunst wirken zu wollen; es ist wirklich sehr schade, daß sie sich nicht mit dem ersteren begnügen will. Eggerts Regie gab in einer Revolutionsszene eine sehr eindrucksvolle Probe ihres Könnens, brachte aus Zeretelli einige diesem mehr eleganten al» starken Schauspieler sonst — 182 Met nicht yvS Begente Moment» heraus, scheiterte aber uatür« tzch , daß ich die Sache nicht sogleich vor Amt angab, wie jeder andere, der nicht ein ganzer Esel war, getan hätte: jetzt freilich war die Katz den Daum hinauf, >md alles war zu spät. Roch volle zwei Tage trlcß ich mich, bald da, bald dort verweilend und mich dabei immer aufs neue wieder an meinem Ofterengel aufrichtend, im gleichen Revier umher. Zuletzt tarn mir in Sinn, daß nicht gar weit von hier, über der Grenze, ein paar toeitläuftige Verwandte meiner Mutter, vermögliche Pelz» händler wohnten, die meinem Vater diel zu danken hatten. ehtfam durch das Gebirge schweifenden Absntouvern und Heimstättensuchenden weithin bekannt wurde. Sutter aber galt sehr bald als ein schwerreicher Mann und war auf dem besten Wege, den Grund zu einem Vermögen zu legen, wie es denen der Astor und Danderbilt hätte gleich- tommen können, wenn sich nicht die Derhältnisse in einer Weise geändert hätten, die dem kühnen Pionier verhängnisvoll werben mußten. Am 2. Februar 1848 ergriffen die Bereinigten Staaten nach ihrem Krieg mit Mexiko endgültigen Besitz von Kalifornien, und auch Über Sutters Fort, dessen Besitzer alles Menschenmögliche für die neuen Herren geleistet hatte, wehte das Sternenbanner. An demselben 2. Februar 1848 ereignete sich aber noch das Folgende: James W. Marshall, ein von Sutter angestellter Handwerker, der bei dem Dau einer Sägemühle beschäftigt war, verließ seine Arbeit und erschien in ganz eigentümlichem Auszug in Fort Sutter vor seinem Arbeitgeber. Sein Pferd war mit Schaum bedeckt: der Mann selbst machte, kotbespritzt und nach Atem ringend, einen fast beängstigenden Eindruck auf Sutter. Er bat feinen Herrn, sich unverzüglich mit ihm in ein Zimmer einzuschließen, in dem man sie nicht belauschen könnte. In einem solchen angelangt, zog Marshall einen harmlos aussehenden Tabaksbeutel aus der Tasche und schüttete daraus etwa eine -Unze gelblicher Körner auf den Tisch, die, wie er behauptete, reines Gold seien. Sutter fragte ihn, wo er den Fund getan habe. Marshal berichtete, daß er die kostbaren Körner in dem Mühlbach entdeckt habe; die Arbeiter — Weiße und Indianer — hätten dort eine ganze Anzahl derselben gesammelt, und es müßte an Ort und Stelle sich gewiß ehre sehr große Menge befinden. Durchaus nicht freudig bewegt, sondern von trüben Ahnungen «Mit, die sich leider nur zu sehr erfüllen sollten, begab sich Sutter mit Marshall nach der Mühle und sand dessen Angaben in vollem Maße der Wahrheit entsprechend. Während der abenteuerliche Marshall wahrscheinlich von verhältnismäßig leicht zu erwerbenden Reichtümern träumte, war der Gedankengang des bedächtigen Schweizers bereits auf der Fährte, die ihn um alles das bringen mußte, was er durch jahrelange mühe- und gefahrvolle Arbeit erworben hatte. Leider behielt er recht. Seine Arbeiter versprachen ihm allerdings, die Kenntnis der wichtigen Entdeckung sechs Wochen lang für sich zu behalten, d. h. solange, bis die Mühle fertig, die Ernte vollzogen und in die Scheunen gebracht war. Allein das Geheimnis blieb nicht lange verborgen; durch eine Flasche Schnaps gelangte es an die Oefsentlichkeit. Einer der Fuhrmänner Sutters hatte einige Goldkörner aufgehoben Und brachte sie in den Laden eines Mormonen, um dort eine Flasche Whisky zu kaufen. Der erstaunte Händler fragte öen Fuhrmann, wo er das Gold gefunden habe, und erfuhr schließlich von dem betrunken gemachten tteulosen Diener die volle Wahrheit. Die Geschichte von dem Goldfunde verbreitete sich mm trotz der spärlichen Besiedlung des Landes wie ein Lauffeuer durch Kalifornien, sie durchkreuzte den ganzen großen Erdteil und schließlich die ganze zivilisierte Welt. Die Folgen stellten sich sofort ein und wurden für unseren tapferen schweizerischen Pionier verhängnisvoll. Alle seine Arbeiter verließen ihn — weiße, braune, rote — um Gold zu waschen. Die Mühlen standen still und untätig da; auf den Feldern starb das reife Getreide dahin. Bald darauf strömten von allen Seiten zahllose Abenteurer in das Sacramentotal. Sie errichteten auf dem Lande Sutters ihre Zelte, ohne den Eigentümer auch nur um Erlaubnis zu fragen. Sie zertraten seine bebauten Felder und ließen sich dauernd darauf nieder, unter der Behauptung, daß es sich hier um eine unbesetzte Domäne der Vereinigten Staaten Handelle, auf welche sie ein ebenso gutes Recht hätten wie irgendein anderer. Sie trieben seine Pferde und Waulliere fort und verkauften sie in anderen Teilen des Landes; sie schlachteten fein Dieh, feine Schafe und Schweine, und verhandelten das Fleisch Eine Bande von fünf Abenteurern eignete sich eine ungeheure Viehherde, die sie bei Gelegenheit einer Ueberschwemmung tn der Rahe des Sacramentoslusses, umgeben von Wasser, vorfand, einfach an, verkaufte das wertvolle Fleisch für 60 000 Dollar un& machte sich aus dem Staube. Rm 1. Januar 1852 hatten die f »genannten Ansiedler unter dein Vergeben, gesetzlich geschützte Heimstättensucher zu fein, von allem irgendwie brauchbaren Lande Sutters Besitz ergriffen, «tile seine Pferde, Maultiere, Kühe und Ochsen, Schafe und Schweine gestohlen, mit Ausnahme einiger wenigst, die von ihm selbst gebraucht oder verkauft worden waren. Gegen diese unglaubliche Räuberei bestand kein schützendes Gesetz, und als ein solches eingeführt wurde, kamen die Advokaten und verdrehen das Recht zugunsten der Diebe, obwohl jeder- mann die gerechten Ansprüche des Schweizers kannte und sehr Wohl wußte, daß er nach mehr als zehnjähriger fernerer und gefahrvoller Arbeit aus einer Wüste ein Paradies geschaffen hatte. Sutters Anstrengungen, die er zur Rettung seines ehemals so großen Besitztums unternahm, gleichen der Tragikomödie des spanischen Ritters Don Quichote und dessen Kampf gegen die Windmühlenflügel. Durch diese Bemühungen wurde der wackere Pionier m en&tofe Prozesse verwickelt, die ihm nichts einbrachten und schließlich seinen völligen Zusammenbruch herbeiführten. — 184 - Glückshos. soviel ich wußte, hieß der Ort; dort war doch vorderhand Trost, Rat und Unterkunft zu hoffen. So seh re sch denn meinen Weg zum ersten ‘Meile wieder in einer entschiedenen Richtung fort, und eingedent der Flasche des trefflichen Likörs, womit mich meine gute Base beim Abschied noch versah, bediente ich mich dieses Stärkungsmittels zu meinem Enkourage- ment ein übers andere Mal mit solchem glücklichen Erfolg, daß ich seit langer Zeit wieder ein Liedlein summte und endlich meinen vielberühmten Bah mächtig und ungebändigt walten tieh. Allein das wunderbare Schicksal, unter dessen Leitung ich stand, kündigte sich nunmehr auf eine höchst seltsam« Werse an. Es war etwa fünf -Uhr des Abends, als ich getrosten Herzens so fort schlendernd in eine gar betrübte Gegend kam. Da lag ni-r öde Heide weit und breit. Rechts drüben sah ein dusteres Gehölz hervor und links vom Hügel her ein langweiliger ausgedienter Galgen, so windig und gebrechlich, dah er den magersten Schneider nicht mehr prästiert haben würde. Die Pfade wurden zweifelhaft, ich stand und überlegte, marschierte noch ein Stück und traf zu meiner großen Freude jeht auf einen hölzernen Wegweiser. O weh, dem armen Hungerleider war die Schrift hüben und drüben rein abgegangen vor Alter! Er streckte den einen Arin rechts, den andern links hinaus und lieh die Leute dann bas Ihre dabei denken. „Du wärst ein Kerl, sprach ich, „für den ewigen Juden, dem es wenig verschlägt, ob er in Tripstrill oder Herrnhut zur Kirchweih ankommt." Run sah ich unten einen Schäfer seine Herde langsam die Ebene herauftreiben. Dem rief ich zu: „He, guter Freund, wo geht der Weg nach Glückshof?" — Kaum ist mir das letzte Wort aus dem Mund, so klatscht es dreimal hinter mir, eben als schlüge jemand recht lräftig zwei hölzerne Hände zusammen. Erschrocken seh' ich mich um — o unbegreiflicher, entsetzenvoller Anblick! Er hatte sich gedreht! der Wegweiser — gedreht, so wahr ich lebe! Mit einem Arm wies er schief über die Heide, den andern hatte er, damit ich ihn ja recht verstehen sollte, dicht an den Leib gezogen. Des Schäfers Antwort ging indes im Widerhall des Waldes verloren. Ich starrte und staunte den Wegzeiger an und hörte, wie mein Herz gleich einem Hammer schlug. Alter! sprach ich in meinem Sinn, du gefällst mir nur halb; du hältst wohl gute Rflchbarschaft mit dem dreibeinigen Gesellen auf der Höhe, mich sollst du nicht dran kriegen! Damit rannt' ich davon, als wär' er schon hinter mir her. Der Schäfer kam mir entgegen: „Was gibt's? Wer ist euch auf den Fersen? Habt ihr etwas verloren?" — „Nichts! Sagt nur, wo geht's Glückshos zu?" Der Mann mochte glauben, ich hätte gestohlen, er maß mich von Kopf bis zu Fuß; dann beutete er nach der Walbecke hin: „Bon dort seht Ihr ins Tal, ein Fußpfad führt nach dem Weiler hinab, da fragt Ähr weiter." Jnmittelst hack' ich mich etwas gefaßt. Der Mann schien mjr eine ehrliche Haut, demungeachtet nahm ich Anstand, ihm mein Abenteuer zu vertrauen, und fragte nur, indem ich meinen Finger in der Richtung hielt, in der das hölzerne Gespenst gewiesen: „Was liegt denn dahin?" — „Da? kämt Ihr schnurgerad aufs graue Schlößlein." Bewahr' mich Gott! dacht ich, dankte dem Schäfer und folgte seiner Weisung nach dem Walde. 3m Gehen macht' ich mir verschiedene Gedanken und schaute wohl noch zehnmal um nach dem verwünschten Pfahl. Er hatte seine Alltagsstellung wieder angenommen und sah wahrhaftig aus, als könnt« er nicht fünfe zählen. Was wollte er doch mit dem grauen Schlößchen? Ich hatte früher mancherlei davon erzählen hören. Es gehörte den Freiherrn von Rochen und war, soviel ich wußte, noch unlängst bewohnt; es stand im Rufe arger Spukereien, doch nicht sowohl das Schlößchen selbst als vielmehr seine nächste Umgebung. Die Sichel fließt unten vorbei, darin schon mancher, durch ein weibliches Gespenst irregeführt, den Tod gefunden haben soll. Run glaubte ich nicht anders, als der Bersucher habe mich in Wegweisersgestalt nach dieser Teufelsgegend locken wollen. Jedoch erhob sich bald ein anderes Stimm- chen in mir: wenn du ihm unrecht tätest? wenn bu gerade jetzt deinen Dukaten entliefst? Was also tun? kehr' ich um? geh' ich weiter? So stritt es hin und her in meiner Seele. Ermüdet und verdrossen setzt' ich mich am Waldsaum oben nieder, wo ich denn immer tiefer in mich selbst versank, ohne zu merken, wie die Dämmerung einbrach, und dah der Schäfer lange heim- getrieben. Rasch und entschlossen stand ich auf. Gut' Rächt, Wegweiser! — Ich stieg herab, dem Weiler zu. Ein dichter Rebel hatte sich wie einie weiße See durchs Tal ergossen, er reichte bis zu mir herauf, und ich stieg immer mehr in ihn hinein. Zum Glück war die Rächt nicht sehr finster, die Sterne taten ihre Schuldigkeit. Aber ach, ich glaubte bereits in der Tiefe zu wandeln, während ich nur auf einem fahrbaren Absatz des Berges rings um denselben herum und ganz un- merklich wieder aufwärts lief. In kurzem spazierte meines Baiers Sohn also wieder ganz hübsch auf der öden, verhenkerten Heide herum, ungefähr da, wo ihm vor drei Stunden zum erstenmal das Trumm") verloren ging. Sie fragen, meine Wertesten, wie mir bei dieser Entdeckung zumute gewesen? Je nun, ich dachte, jeht sähest du besser daheim bei deiner braven Meisterin, wenn sie den Abendsegen liest, meinethalben auch beim Storchenwirt, und Fritz *) Trumm (oberdeutsch — mhd. drum), eigentlich: Endstück eines Gegenstandes. der Färber gäbe die Geschichte preis, wie er Anno 70 im Kniebis verirrte. Allein, wo nun hinaus? Eine bekannte gute Regel ist: wenn einer spürt, es sei ihm angetan, tut er am klügsten, er steckt den Berstand in den Sack und läuft, wie seine Füße mögen. So tat ich auch und fing das frische Kernlied an zu singen: „Seid lustig und fröhlich, ihr Handwerksgesellen!" — Es ging jetzt unaufhörlich eben fort. Auf einmal aber schien es hell und immer heller um mich her zu werden, ich sah mich um, da ging der volle Mond sehr herrlich hinter goldneu Buchenwipfeln auf. Don Furcht empfand ich eigentlich nichts mehr, nur Selbigem wollt' ich nicht gern zum zweitenmal begegnen. So oft er mir einfiel, tat ich einen herzhaften Zug aus der Flasche und Hub alsbald mit Heller Stimme wieder an: Hamburg, eine große Stadt, Die sehr viele Werber hat. Mich hat nicht gereut, Vielmehr erfreut, j Lübeck zu sehn; H " Lübeck eine alte Stadt, Welche viel Wahrzeichen hat. Run schritt ich über Stoppelfeld. Gottlob, das war doch eine Menfchenspur. Aber, Goldschmied, wenn es nun allgemach hinunter und ans Wasser ging und dir die bleiche Edelfrau ein kühles Bad anwiese? Dresden in Sachsen, Wo schöne Mädchen wachsen; Ich denk' jetzund Alle Stund An Nürnberg und Franks— patsch! lag ich auf der Aase. Der Schmerz trieb mir die Tränen in die Augen, mir schwebte ein Fluch auf der Zunge; aber nein — Augsburg ist ein kunstreicher Ort, And zuletzt nach Elsaß fort. Alsobald mit Gewalt Geh' ich nach Straßburg. Es ist eine schwere PeiN' Von Jungferen insgemein, Wenn man alsdann Richt Herzen kann And wieder soll mareschieren fort. Allmittelst aber nahe an den Rand der Ebene gekommen, bemerkte ich auf gleicher Höhe mit derselben, links hin, wo sie in einem spitzen Vorsprung auslief, nur dreißig Schritt von mir, ein altes, guterhaltenes Gebäude, mehr schmal als breit, mit etlichen Türmchen und hochgestaffeltem Giebel. Ich konnte nicht mehr zweifeln, wo ich sei. Ganz sachte schlich ich näher. Es schimmerte Licht aus einem verschlossenen Laden des unteren Stocks; hier mußte der Hausschneider wohnen. Ein Hund machte Lärm, und sogleich öffnete ein Weib das Fenster. „Wer ist da?" " „Ein Handwerksgesell, ein verirrter." „Welche Profession?" Ich wagte, eingedenk meiner gefährdeten Person, nicht die Wahrheit zu sagen. „Ein Schneider!" sagt' ich kleinlaut. Sie schien sich zu bedeNken, entfernte sich vom Fenster, und ich bemerkte, daß man drin sehr lebhaft deliberierte; es wisperten mehrere Stimmen zusammen, wobei ich öfter das fatale „Schneider" nur gar zu deutlich unterscheiden konnte. Jetzt ging die Pforte auf. Der Hausvogt stand bereits im Gang; die Frau hielt auf der Stubenschwelle und hinter ihr ein sehr hübsches Mädchen, welches jedoch auffallend schnell wieder verschwand. Die Eheleute sahen einander an und baten mich, ins Zimmer zu spazieren. Hier war nun alles gar sauber und reinlich bestellt. Gin Korb mit dürren Bohnen und reisen Haselnüssen, zum Ausmachen bereit, wurde beiseite geschoben, man nahm mir mein Gepäcke ab und hieß mich sitzen. Es war zehn Ahr vorüber. Die Alte deckte mir den Tisch, derweil der Mann, gesprächsweise, die nächstgelegenen Fragen, nach meiner Heimat und dergleichen, ohne Zudringlichkeit und in so biederem Tone an mich tat, daß ich mein einmal angenommenes Inkognito, wobei natürlich eine Lüge aus der anderen folgte, nur mit innerlichem Widerstreben, deshalb auch etwas einsilbig und unsicher behauptete. Das Mädchen lief einige Male geschäftig von der Küche durchs Zimmer, ohne mich kecklich anzusehen. Man brachte endlich eine warme Suppe und einen guten Rahmkuchen. Ich aß und trank mit Appetit, worauf mein Wirt sich bald erbot, mir meine Schlafstätte zu zeigen. Die Frau ging mit dem Licht voran, er selbst trug meinen Ranzen die Treppe hinauf nach einem hohen geweißten Eckzimmer, worin es neben einem frischen Decke nicht an den nötigsten Bequemlichkeiten fehlte. Ich sagte dankbar gute Rächt, setzte mein Licht auf den Tisch und öffnete unter kuriosen Gedanken ein Fenster. (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Äniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Vieh«.