Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, den 8. August Nummer 65 Flug. Bon HanS Franck. Wer faßt, was eure Erdenschwere flügelt? Trägt Himmelheimweh treuer euch empor? Gntschwert euch, daß sich ganz aus euch verlor, Was unsere Sehnsucht Schwingen immer zügelt! Daß Erde ihre Macht an uns erweist. Uns nichts sodann verbleibt, als fallen, fallen 1 i Und sterbend fest wie nie zuvor verkrallen * ■ In jenen Schoß, der jährlang uns gespeist. x 1 Wo ist in euch das Mehr? Und wo das Minder? WaS, Vögel, macht aus euch da Uebecwinder, . i Wo Kämpfer wir mit jedem Atemzug? Wie heut hab ich um Antwort nie gerungen. Da wieder mir zum erstenmal der Flug Der Bekassine als Gesang erklungen. Durch die brennende Heide. Wer die Heide kennt und von dem Gesetz des Schweigens weiß, das in Hochsommertagen über ihr liegt und dem denkenden Menschen seine Macht zeigt, dem waren die letzten Stunden mehr als nur ein unglückliches Naturereignis, daS Millionenwerte vernichtet hat. — Die Heide brennt an allen Ecken und Kanten — die Brennhexe, jene mythische Gestalt, mit deren Erscheinung Hermann Löns fein „Zweites Gesicht" beginnt, rast jetzt entfesselt durchs Heideland und sucht ihr Opfer. Das Meer züngelnder Flammen, das Richard Wagner auf der Bühne entfacht — hier wird es Wirklichkeit und zieht den Beschauer in den Bannkreis des deutschen Mythos von der Götterdämmerung. Wie ein Rachezug über unbekannte Ursachen erzürnter Götter zieht das Flammenmeer über die sonst so traumhaft stille Landschaft. Die Heide, die sich cmschickte, ihr leuchtendstes Gewand anzuziehen, erglühte vorzeitig in schwelenden oder lodernden Flammen, die an Leuchtkraft zwar die Blüte übertrafen, sie aber auch für Jahre hinaus vernichteten. Fern von städtischer Kultur empfindet man in dieser grenzenlosen Oede die Schwäche der menschlichen Macht vor den elementaren Kräften der Ratur. Unser Kraftwagen verließ gegen Mittag den schönen Heideort, um uns in schnellster Fahrt südwärts über Hudemühlen und Schwarnstedt dem ursprünglichen Brandherd entgegenzutragen. Je näher wir der Brandstätte kamen, desto belebter wurden die Straßen, man sieht die ersten Löschmannschaften, Dorfbewohner, mit Hacken und Spaten bewaffnet, eilig nach Süden marschieren, die ersten Rauchschwaden erscheinen am Horizont, künden das Unheil an und vor den Häusern im Dorf sitzen still die Alten, die nur noch nut den Augen den Brandherd erreichen können. Run sind wir in Disendo-rf am Nordrand des Moores, in dem der Brandherd liegt. Im Moor arbeiten die Männer am Löschwerk, um ihr Hab und Gut zu retten, denn es ist nur eine Frage der Windrichtung, ob das Feuer nicht auch auf die Dächer der Häuser schlägt und bann alles ergreift. Lastautos mit Polizeimannschasten sind eingetroffen und der sonst so ruhige Ort hallt wider von den Kommandos. Man merkt, eS wird planmäßig dem Feuer zuleibe gegangen und das beruhigt die Anwohner, die trotz begreiflicher Aufregung doch musterhafte Ordnung halten. Gin Schupoleutnant kommandiert und auch die Zivilisten ordnen sich ihm gern unter. Der Schweiß steht ihm auf dem Gesicht, denn zur glühenden Sonne kommt noch die Hitze des Feuers. Doch noch ist keine Ablösung da und e8 heißt auszuhalten. — Frauen und Kinder schleppen in Eimern Wasser herbei und hastig stürzt man einen kühlen Trunk hinunter. Dem Waldbrand mit den in der Stadt üblichen Löschmitteln zuleibe zu gehen, hat wenig Wert, denn es fehlen die nötigen Wassermengen. So werden Gräben gegraben, über die die Flammen nicht herüber greifen können. Auf den Gedanken, das Feuer durch Anlegen von gutbeobachtetem Gegenfeuer — wie es in Nordamerika bet Präriebränden üblich ist und mit Erfolg an- gewendet wird — ist man, wenigstens an dieser Stelle, scheinbar nicht gekommen. Wir fahren weiter auf der Chaussee. Ueberall bietet sich dasselbe Bild. Das Feuer ergreift alles. Die Flammen schlagen auf die Gipfel der Bäume und vernichten in wenigen Augen- blicken ein ganzes Waldgebiet und sie fressen sich unheimlich schnell und unwahrscheinlich unbemerkt unter der Narbe von Gras und Kraut durch um plötzlich von einem Windstoß ersäht, in heller Glut aufzulvdern. Wir sehen jetzt auch Militär, Kavallerie aus Hannover, die im Verein mit Polizei und Organisationen, sowie der einheimischen Bevölkerung schier Unmenschliches leistet, denn hier kann nichts retten, als der sehnsüchtig erwartete Regen. Das Militär wurde gerade durch den Chef der Heeresleitung, der sich während einer Inspektionsreise hier befindet, besichtigt, als am Frühnachmittag die Meldung kam, daß die Heide brannte — und sofort wurde es in Marsch gesetzt. Das Feuer breitete sich schon im Laufe des ersten Nachmittags nördlich in der Richtung nach Wichendorf—Resse aus und griff dann östlich in nordsüdlicher Linie weiter um sich, wo der besonders gefährdete Staatsforst liegt. Aber der Himmel Hatte Erbarmen und schickte den Regen, der wenigstens die größte Gefahr schon beseitigt hat, wenn er auch nicht anhaltend genug war, das ganze Feuer zu dämpfen. Am Abend halten wir auf der Chaussee, dicht am Rande einen brennenden Gehölzes. Die Dämmerung war schon etnge» treten, als plötzlich von der ungefährdeten Seite her ein Hirsch herüberwechselt, uns erblickt und in seiner Angst auf das brennende Gehölz zustürzt. Schon am Rande verschlingt der Rauch ihn und das Schicksal, das ihm die Flammen bereiten. Auch gefiedertes Wild jagt ängstlich umher und der weidgerechte Jäger erlebt hier seine dunkelsten Tage, denn ein großer Teil des Wildbestandes ist ein Opfer der Flammen geworden. Wir fahren nun in entgegengesetzter Richtung, zu den Stellen, an denen das Feuer bereits am 23. Juli aus brach Es bedrohte sogar die menschlichen Siedlungen. Alle Kräfte wurden auf geboten, und es gelang! 6000 Morgen Heide, Moor und Wald wurden dort von den Flammen ergriffen. Jetzt ist das ärgste schon vorbei. Wir sahen in der Dunkelheit die Schutzpolizei abrücken, die hier stille Heldentaten vollbracht hatte. Nur Nothilfsmannschaften bleiben zurück, um den Brand zu beobachten und gegebenenfalls im Keim zu ersticken. In der Nacht ging es über Nienburg, Minden in die Gegend von Osnabrück, wo der gewaltigste Brand wütete. Hier brannte das große Moor im Umfang der Linien Hunteberg—Vörden, im Westen Vörden—Kalkriese. In einer Breite von fast zwölf Kilometer und in einer Tiefe von 20 Kilometer wälzte er sich in südwestlicher Richtung fort. Man nimmt an, daß das Feuer in der Gegend von Schwege an der nordwestlichen Ecke des Moores entstanden ist. Doch die näheren Umstände sind noch ungeklärt. Polizeiliche Ermittelungen sind zwar angestellt, aber es wird unmöglich sein, den Urheber — wenn ein solcher überhaupt in Frage kommt — festzustellen. Wahrscheinlich liegt eine Selbstzündung vor, die ein scharfer Wind begünstigte, so daß in wenigen Stunden die weite Ebene in Flammen stand. Qualm und Rauch behinderten sehr stark die sofort eingesetzte HilsSexpeditton, und so war es einfach nicht M verhindern, daß auch hier der gesamte Wildbestand vernichtet wurde. Wir müssen an die Rückfahrt denken, die uns über Osnabrück und Herford durch das im Erntesegen daliegende deutsche Land führt. Die Gespenster der Nacht sind gewichen und haben friedlicheren Bildern Platz gemacht. Städte und Dörfer fliegen vorbei, der Bauer beginnt fein Getreide einzufahren. Er weiß verhältnismäßig wenig von dem, was sich in seiner nächsten Umgebung an schreckhaftem Spuk ereignet hat. Denn er hat fein« Zeit, sich damit zu beschäftigen, da seine Arbeit ihn drängt. Kommt der Regen, den der Heidebauer so sehnsüchtig erwartet, so ist er über ihn mißgestimmt, denn er muß wieder warten, bis sein Getreide für die Einfahrt in die Scheune trocken geworden ist. Ihm könnte die Frucht von Mühe und Arbeit eine» JahreS verderben... So sind die Menschen: „O heiliger Sankt Florian, schütz unser Haus, zünd andre an...“ Sizilianische Briefe. in. Von Fritz Diettrich. Mondello. Seit vierzehn Tagen nährt uns die beglückende Bucht tum Mondello, umspült uns der weiße Sand heiß und kräftigend, nehmen uns kristallhelle Wogen auf ihre breiten Schultern, rechen sich Dootfahrten aneinander, die in behutsames Morgenlicht, blitzenden Mittag oder besternte Nächte gehen. Mondello ist ein einfaches Fischerdorf mit Drehorgelkonzert, kreischenden, verlausten Weibern, kartespielenden Männern, mit viel Dreck und schönen Gärten dicht beieinander in südlicher Sechstverständlichkeit. Aber es hat eine „Zukunft"! Denn trotzdem nur zwei Dutzend Deutsche und übriges Europa augenbsicklich die — 250 — Vchdnhetten des StranteS ouskosten, fängt eS an, allmählig entdeckt zu werden. 3n zwei, drei Jahren müssen auch hier di« Kellner kleinerer Restaurants einen eleganten Frack anlegen und fliehend Deutsch, Englisch und Französisch sprechen. Die Speisekarte wird dann hin und her übersetzt werden können, so daß die Weltbäderpreise des Lokals gerechtfertigt erscheinen. Jeder kleine Hausbesitzer fühlt schon die „Zukunft" seines Dorfes herannahen und baut — wenn er Geld hat — munter drauf los. Leute mit drei, vier leerstehenden Häusern sind hier durchaus keine Seltenheit. Sie warten auf den Dag ihres Glücks, der mit dem internationalen Fremdenzustrom heranbrechen wird. Doch ist es — Gott sei Dank! — nodji nicht so weit. Roch steht der Thunfisch und nicht der Fremde im Hauptinteresse des Dorfes. Roch kann man ein Häuschen mit vier bis sieben Zimmern für spottbilliges Geld mieten, wobei das Schönste, der Duft der Gärten und der Ausblick nach dem Meer und den Bergen unbezahlt bleibt. Diese Gärten haben hier, wie überall in Italien, eine beachtenswerte Tradition, die über die Renaissance hinweg Äs zu den Griechen reicht. Siziliens Ackerbau mutzte sterben. Aus einer arbeitsfrohen Kornkammer wurde eine verzauberte Landschaft, angefüllt mit ahasverischer Oede, gefährlichen Zwischenspielen und köstlichen Zufälligkeiten. Doch, der Schutt der Zeiten konnte den Glanz der Gärten nicht erlöschen. Lind so blieben sie das einzige immergrüne Leuchten über dem Abgrund einer verhängnisvollen Geschichte. Die Berge, die die Ducht von Mondello umschsiehen, waren einst berühmt durch ihre Fruchtbarkeit. Auf dem Monte Pellegrino, dem höchsten Berg der Umgebung, der die Bucht von Palermo und die Ducht von Mondello königlich beherrscht, baute einst Hamilkar Darkas seinen Weizen. Die Gegenwart erlebt das Antlitz dieses Berges, zersprungen und öde, oft in magische äintergangsglut gebannt, oft in stählerne Kälte gehüllt, wenn der Scirocco mit unheimlichen Beschwörungsformeln niederfährt. Auch dieser Berg atmet die entsetzliche sizilianische Geschichte mit und kann nur dann lächeln, wenn seine Kakteen die schwärmerische Blütezeit begehen. * ihn Mittag gibt es ein heißes uneAnttliches Brüten in den leeren Gassen des Fischerdorfs. Wie ein feuriges Auge, dessen Blicke wehe tun, dreht sich die Sonne im tiefen, silberlächelnden Blau. Wie ein versengender Diamant schreibt sie sich in die südliche Erde ein: die Zitrone wandelt aus ihrem spitzen, ätzenden Grün in illuminierendes Gelb hinüber. Eidechsen liegen auf be- glühten Steinen unbeweglich wie verlorene kostbare Spangen, Kakteen, die wie Gruppen von Ringern ineinandergreifen, scheinen sich schläfrig an die zerbröckelte Mauer anzulehnen, indes an ihren grauen Schäften, ein großer schwarzer Ring, die Ratter ruht. Erst in der fünften Stunde kommt wieder Lebendigkeit in die Gassen. Die langgezogenen, mehr gesungen als gesprochenen Anpreisungen der Ausrufer, hängen wie fröhliche Girlanden über dem Stimmengewirr. Kleine und kleinste Kinder wälzen sich wenn sie nicht in den zärtlich hütenden Armen ihrer.Väter spielen, wie liebenswürdige, etwas schmutzige lebendige Kugeln vor den Türen. Waschtröge, Kisten voller Hausrat, Tische und Stühle werden ins Freie gehoben, geschoben, und das uner- schöpsliche Spiel der südlichen Menschen, das vom Jnterludium der unerbittlichen Mittagssonne unterbrochen wurde, kann fortgesetzt werden Wenn der Abend über das Smaragd der Wellen in die gold- verklärte Bucht mit einem Schwarm warmer Winde einläuft, kehren die unzähligen Fischerboote, die tagsüber mit ihren weißen Segeln die lyrischen Akzente auf der unendlichen Meerfläche bilden, nacheinander in den Hafen ein. Die hohen, prachtvoll bemalten sizilianischen Karren kommen aus Palermo zurück, wohin sie in großen Kisten Früchte, in dieser Jahreszeit vor aslen Dingen Zitronen, gebracht haben. Diese Bemalung der ländlichen Karren ist für uns Rordländer so ungefähr der erste Wegweiser in die Psyche des Volks. Die Bemalung zeigt uns rechts und links in den größeren freien Holzflächen Darstellungen geschichtlicher Szenen, die mit der kindlichen Grazie der Früh- renaisfance-Maler gesehen und gestaltet sind. Das darunter her- vvrtretenbe Gebälk weist bemalte Schnitzereien auf: Palmentragende Engel und andere figürliche Darstellungen. Die Bemalung der sizilianischen Karren darf wohl als ter stärkste und unbeschnittenste Ausdruck künstlerischen Gestaltens gelten, den dieses Volk seit Jahrhunderten in sich hochgezüchtet und keusch bewahrt hat. Von geduldigen Maultieren, di« mit rotem Quastenwerk gefällig aufgetakelt sind, werden diese kleinen Wunderwerke der Volkskunst Über Stock und Stein gezogen und ihrem alltäg- ftchen Zweck unterstellt. Läuft die Rächt mit liessamtnem gestirnten Segel ein, lastet der Monte Pellegrino schwer und schwarz in ter -Landschaft wie der Sarkophag der Kulturen, die hier ihr Ende fanden. Von den Bergen herab weben Grillen das unendliche Retz ihres einzigen Tons. Die Rosen und Relken in unseren Räumen scheinen ihre Düfte immer stärker hervorzudrängen. Meine Frau reiht zierliche durchlöcherte Muschelteile zu einer seltfarngegliederten Kette für meinen Jungen aneinander. Und drunten zwischen den ersten schlafverhangenen Adern zerflattern die letzten Klange eines sizilianischen Sanges. . . . _ IV. ' Olympischer Morgen. Der morgendliche Meereswind fuhr mit kühlen Händen über die verbrannte, faltenreiche Sttrn der Landschaft, als wir nach den Dempelruinen von Girgentt, des alten Akragas, hinabgingen, das sich als die schönste Stadt ter Sterblichen in Pindars Strophen spiegelt. Gärten und Felder trugen schon die Ockertöne sommerlicher Dürre unter dem versengenden Anhauche ter Strahlen. Rur die vielen Mandel- und Olivenbäume besternten freundlich bis zum Meere hin das Land, oft von trichterförmigen Senkungen erloschner oder noch tätiger Schlammvulkane unterbrochen. Es war ein wahrhaft olympischer Morgen! Am Wege schoben sich blühende Oleanderbüsche voll kichernder Reugier über das Gemäuer. Granatapfelblüten blitzten ihr scharfes Zinnoberrot aus dem grünen Kontrast ihrer Blätter. Geranien wiegten sich am Straßenrain, grau bestaubt wie der Acker sündigen Fleisches. Rur ihre Blüten brannten sehnsuchtsdunkel heraus, rot wie vom Blute vermählter Frauen. Da kam ein rauschhaft heiteres Vorgefühl über uns, nicht der überkommenen Ehrfurcht von Gewesen- heiten oder den blassen Griffeln fpürfamer Gelehrter entstiegene immergrünes Lebensgefühl wars, das aus den tausend Armen ter Rebstöcke nach uns langte wie Dionysos, der Auferflehente, der christlichste griechische Gott. Schon ließen uns Baumgruppen kleine Lücken offen, durch die von Zeit zu Zeit die schweigende Säulenfeierlichkeit teti Tempel blickte. Schon sah man mächtige Stücke von Architraven und Säulen in Mauern an der Straße liegender Häuser eingebaut. Diese zweckmäßige Unbekümmertheit der volkstümlichen Baumeister erfreute mich Selbst die spleenigsten Engländer, die hier die Orte schon nach allen Richtungen durchfurcht haben, brachten es nicht fertig, den Sizilianern „Ehrfurcht" vor den! zerbröckelten, zusammengestüpzten Alterttimern beizubringen. Wie wirklich nahe stehen doch: diese Menschen hier den anttken Völkern, denen die praktische Forderung, die sinnvolle Form alles, die zerbröckelte Form, deren Wiederaufrichtung eine Forderung verstiegener Rvmanttk ist, nichts bedeutete. Rie hätte ein Hieron, ein Empedekles einer bloßen Kuriosität, wie der Durchstocherung der Erde nach abgebrochenen Rasen von Plastiken und dergleichen, geldliche oder ideeliche Llnterstützung zugesagt, zumal einer solchen Tat die ethisch-schöpferischen Belange fehlen. Freut euch, ihr - Engländer, freuen wir uns alle an den Bauwerken der Anttke, die die Ratur noch nicht in ihren Schoß zurückgefordert hat! Aber lassen wir das Verfallene verfallen sein. Wir haben unsere Gelder zur dringenden Lösung lebendige« Fragen nötig! Alle Kultur fängt bei der Sorge um nuferen Rächsten an. iXn& wo ist der Staat, ter Mensch, der das Recht hat, sich davon zu entbinden?! Gerade weil sich in mir diese Frage ausrichtete und mich mit meinen Pflichten als Gegenwartsmensch und Künstler eng verknüpfte, steigerten sich die Stunden für mich, die ich in den! Ruinen der Tempel verbrachte, zu einer seltenen Llnmittelbarkett und wahrhaftig olympischer Weihe. Als wir gegen Mittag jum Concordia-Tempel kamen, der wie alle Tempel hier, auf ei nee sanften Anhöhe liegt und majestätisch und mitte zugleich die Umgebung beherrscht, ging der Wind, uralte Worte murmelnd, wie ein imsichtbarer Priester durch, die braunroten Säulenreihen. Dieser Tempel, der aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert stammt, verdankt fein gutes Grhaltensein der christlichen Kirche, die, wars Anbekümmertheit, geschmacklose Intoleranz oder pfäffische Schlauheit. Bögen in die Cellawand einbrechen lieh, und den ganzen Bau zu einem Kultgebäude für ihre Zwecke zurechtstutzte. Später hat man die Zutaten aus ter christlichen Zeit wieder entfernt, so daß der Eindruck von einer gewaltsamen Dause dem griechischen Tempel wieder genommen worden ist. Im Lause ter eingehenden Betrachtung hörte ich immer wieder, das Monocord- Jnstrument der griechischen Musik auch in ter Architektur dieses dorischen Bauwerks klingen. Das große Hand-in-Hand der Künste und, was noch wertvoller ist, das große Hand-in-Hand von Kunst und Volk tauchte vor mir auf. Gemessen und gebändigt stiegen die Säulen empor, Sehnsucht in klare Rundung gepreßt, jede einzelne kraftvoll genug, ein Promethitenlos frei auf sich zu laden. Doch die Horizontrale des abschließenden Architravs durchschnitt sie alle unerbittlich, ein schicksalhafter Eingriff der Götter, die dem Menschen die Begrenzung schufen, sich selbst ater in schicksalloser Heiterkeit dem Spielball ter Anbegrenztheit zu- warfen. Lediglich das stumpfe Dreieck, das ter Fries ausfüllte, ward wie zu einer Insel der Versöhnung, ter Freundschaft zwischen Göttern und Menschen. Die Herbigkeit des Architravs erschütterte mich. And aus dieser Erschütterung trat für mich ein selbstverständliches Begreifen der Antike. Der Tempel der Juno Lacinia besitzt von seinen 34 ursprünglichen Säulen nur noch, 25 leidlich erhaltene. Die flimmernde Schwinge des Himmels lacht unbekümmert durch all« Zwischenräume. Der Architrav ist noch teilweise erhalten. Ater einige Säulen werten nicht von ihm durchschnitten, stehen te- freit vom Druck ter Begrenzung, das geistige Elmsfeuer ihrer einstigen Schöpfer verspätet zum Himmel sendend. Auch dieser Bau ist dorischen Sttls und ward noch früher errichtet als ter Concordia-Tempel. Die Fernsicht von ihm herab bezwingt und hielt uns fast eine volle Stunde fest. Das durchglühte Land lag in einzelnem Platten auf geteilt, die vom Reapler Gelb bis Mn — 2§i Pandykbraun regellos aneinandergefügt waren. Aber auch weite liefgrüne Platten schoben sich dazwischen, und wir wußten, daß diese Flächen ein Sttick von der Wiege des Dionysos waren, lieber uns schossen Hunderte von Schwalben hin und her und bildeten eine schwebende Krone über den erloschenen Dau. Die Ruinen des Herakles-Tempels aus dem 6. Jahrhundert vor Christi zeugen von ungewöhnlichen Ausmaßen (73 Meter lang, 27 Meter breit). Dagegen liegt Las größte aller griechischen Kulihäuser, der Zeustempel, völlig in Trümmern. Rur eine Mlasgestalt, die mit noch anderen bas Gebälk trug, ruht schwerfällig auf dem Rücken wie ein zu Boden gedrückter Ringer. Der Tempel besaß die ungeheure Länge von 110,80 Meter und war 55,70 Meter breit. Er sollte der höchste kulturelle Ausdruck der Stadt werden. Doch kurz vor der Beendigung des Baues, im Jahre 406 vor Christi, warfen die Karthager ihr Retz über die Stadt, und so ist er nie zum Abschluß gekommen. Später stürzte der riesige Bau unter einem furchtbaren Erdbeben zusammen, denn, daß sich Menschen mit der Zerstörung und Abtragung von dreieinhalb Meter starken Säulen im Durchmesser befaßt haben sollen, ist wohl kaum anzunehmen. Am Rachmittag kehrten wir nach Girgenti zurück, das sich am Hange burghaft emporstaffelt. Mit uns zog eine weiße Prozession Ziegen mit schönen gedrehten Hörnern. Mit welcher Geduld und Würde die Tiere dahinzogen! Kein Auto, das in irrsinnigen Tempo vorbeiraste, konnte ihnen von ihrer Haltung etwas nehmen. Da ahnte ich, warum Homer sooft seine Lieblingsgestakten mit tierischen Eigenschaften bebilderte. Der Schuh von der Kanzel. Don Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) Doch kaum war er entschlummert, so trat das schöne Schemen durch die Türe, ohne sie zu öffnen, und nahm tückisch Gestalt und Antlitz der Rahel Wertmüller an, ihren maidlichen Wuchs, ihre feinen geistigen Züge. Aber ihre Augen schmachteten wie der Orientalin, und sie legte den Finger an den Mund. Run kam eine böse, schlimme Stunde für den armen Kandidaten. Er wollte fliehen und wurde von einer dämonischen Gewalt zu den Füßen des Mädchens hingeworfen. Er stammelte unsinnige Bitten und machte sich verzweifelte Vorwürfe. Er umfaßte ihre Knie und verurteilte sich selbst als den ruchlosesten aller Sünder. Rahel, erst erstaunt, dann strengblickend und unwillig, stieß ihn zurück und empört von sich weg. Jetzt stand der General neben ihm und reichte ihm das Pistol. „Die Figur", dozierte er, „wird bezwungen von der männlichen Elementar- fcaft.“ Dem Kandidaten wurde wie von eisernen, teuflischen Krallen der Arm gebogen, und er setzte sich die tödliche Waffe an die rechte Schläfe. „Fliehe mit mir!" stöhnte er. Sie wandle sich ab. Gr drückte los, und erwachte, nicht in seinem Blute, aber in kaltem Schweiße gebadet. Dreimal trieb ihn der quälende Halbtraum in diesem Kreisläufe von Begierde, Frevel und Reue herum, bis er endlich das Fenster aufschloh und im reinen Hauche der heiligen Frühe in einen tiefen beruhigenden Schlaf versank. Er erwachte nicht, bis Hassan ntü warmem Wasser ins Zimmer trat und auf seinen Befehl die Jalousien öffnete. Ein himmlischer, innig blauer Tag, und das nun halb verwehte, mm vollhallende Geläute aller Seeglvcken drang in die Traum- kammer. „General Kirche gegangen," sagte der Mohr. „Geistlicher Herr frühstücken?" — Achtes Kapitel. Und der Mohr log nicht. Rudolf Wertnrüller wandelte in dem Augenblicke, da sich sein Gast dem Schlummer entriß, schon unweit der Kirche von Mythikon unter den sonntäglichen Scharen, welche alle dahinführenden Wege und Fußsteige bevöllerten. Der sonst so rasche Schritt des Generals war heute ein gemessener und seine Haltung durchaus würdig und untadelig. Gr war in schwarzen Sammet gekleidet und trug in der behandschuhten Rechten ein mit schweren vergoldeten Spangen geschlossenes Gesangbuchs Seltsam! Wertmüller, der feit langem jede Kirche gemieden hatte, stand bei den Mythikonern in dem schlimmen Rufe und der schwefelgelben Beleuchtung eines verhärteten Freigeistes, es war ihnen eine ausgemachte, nicht anzufechtende Tatsache, daß ihn über kurz oder lang der Teufel holen werde — und dennoch waren sie herzlich erfreut, ie gerührt, ihn aus ihrem Kirchwege «inhsrfchreiten zu sehen. Sie erblickten in seinem Erscheinen durchaus nicht einen Akt der Buße, denn sie liebten es nicht und hielten es für schmählich — hierin den griechischen Dramatikern ähnlich — wenn eine erwachsene Person ihren Charakter wechselte; sie trauten es dem Generale zu, daß er konsequent bleibe und resolut ins Verderben fahre. Die Mythikoner faßten vielmehr den Kirchgang des alten Kriegsmannes als eine Höflichkeit auf, als eine Ehre, die er der Gemeinde erweise, als einen öffentlichen Abschiedsbesuch vor seinem Abgänge ins Feldlager. Das Grüßen nahm kein Ende und jeder Gruß ward von Dem heute ausnahmsweise Leutseligen mit einem Ricken oder einem kurzen freundlichen Worte erwidert. Rur ein altes Weib, das böseste in der Gemeinde, stieß ihre blödsinnige Tochter zurück Dre den General angaffte, und raunte ihr vernehmlich zu: „Berbrrg düch hinter mir, sonst nimmt er dich und macht dich zur Türkin!" Weniger erfreut über den Anblick des ungewohnten Kirchgängers war der Pfarrer Wilpert Wertmüller, als er, mit Jziantel und Kragen angetan, aus dem Tore seines Hofraumes „5; jn dessen Mitte hinter einem altergrauen Brunnen zwei mächtige Pappeln sich leis im Winde wiegten. Seine lieber» raschung war eine vollständige; denn Rahel hatte geschwiegen. Der Pfarrer, ein Sechziger von noch rüstigem Aussehen und nicht gerade geistreichen, aber männlichen Gesichtszügen, mochte den General als einen versuchten Weidmann in Wald und Feld wohl leiden;' daß er aber seine Erbauung gerade in der Kirche von Mythikon suchte — das hätte er ihm gerne erlassen. Je unwillkommener, desto höflicher war der General. Er zog den Hut, dann nahm er den Pfarrer an der Hand und führt« ihn in den Flur feines Hauses zurück. Gerade in diesem Augenblicke setzte die schöne, morgenfrische Rahel ihren Fuß auf die unterste Stufe der Treppe, sonntäglich angetan und ebenfalls em Keines in schwarzen Sammet gebundenes Gesangbuch in der Hand. »Kind, du bist reizend! eine Nymphe!" begrüßte sie Wert- muller. „Lasse dich väterlich auf die Stirn küssen!" Sie weigerte sich nicht, und der Keine, aber fest und wohl gebaute General richtete sich auf den Fußspitzen empor, um die feine weiße Stirn des hochgewachsenen Mädchens zu erreichen, eine eher komische als zärtliche Gruppe. „Bittest du mich nach der Predigt zu Tische, Alter?" fragte Wertmüller. „Selbstverständlich!" versetzte der gastfreundliche Pfarrer. „Rahel bleibt zu Hause und besorgt die Küche." Das willige Mädchen fügte mit einem leichten Knickse hinzu: „Wir bedanken uns, Pate!" und eilte in das obere Stockwerk zurück. „Ich bringe dir etwas mit, Alter," lächelte der Generäl. „Gewehr?" fuhr der Pfarrer heraus, und seine Äugen leuchteten. Wertmüller nickte bejahend und zog unter dem breiten Schoße seines Sammetrockes ein Pistol hervor. Die vornehme Fasson und der damaszierte Lauf des kleinen Meisterstückes der damaligen Düchsekischmiedekunst stachen dem Pfarrer gewalKg in die Augen. Sein« ganze LMenschast erwachte. Wertmüller trat mit ihm aus dem dämmerigen Flur durch die Hintertüre der Pfarre in den Garten, um ihn die kostbare Keine Waffe im vollen Tageslichte bewundern zu lassen. Die ganze Langseite des Hauses war mit einer ziemlich niedrigen Weinlaube bekleidet; an dem einen End« dieses grünen Bogenganges hatte der Pfarrer vor Jahren eine steinerne Mauer mit einer kleinen Scheibe aufführen lassen, um sich an dem entgegengesetzten Eingänge Posta fassend, während seiner freien Stunden im Schießen zu üben. „Aus der Levante?" fragte er, sich des Pistols bemächtigend. „Venezianische Nachahmung. Sieh hier die verschlungen« Chiffre GG, — bedeutet Gregorio Gozzoli," rühmte Wertmüller. „Ich erinnere mich diesen Schatz von Pistölchen in Deinen Waffenkammer auf der Au gesehen zu haben, — aber war es nicht ein Pärchen?" „Du träumst..." „Ich kann mich geirrt haben. Spielt das Keine Ding leichte „Leider ist der Drücker etwas verhärtet, aber du darfst das fremde Meisterstücklein feinem hiesigen Büchsenmacher an- vertrauen, er würde dir es verderben." „Etwas hart? tut nichts!" sagte der Pfarrer. Er nahm trotz Mantel und Kragen am einen Ende der Laube Stellung. Auf dem linken Fuße ruhend, den rechten vorgesetzt, zog er den Hahn und krümmte den Arm. Eben verstummten die Glocken auf dem nahen Kirchturme, und das Auszittern ihrer letzten Schläge verklang in dem Gesumme der Wespen, die sich geräuschvoll um die noch nicht geschnittenen Goldtrauben Der Laube tummelten. Der Pfarrer hörte nichts — er drückte und drückte mit dem Aufgebot aller Kraft. „Pfui, Alter, was schneidest du für Grimassen?" spottete Wertmüller, „Gib Herl" Gr entriß ihm die Waffe und legte siebten eisernen Finger an den Drücker. Der Hahn schlug schmetternd nieder. „Du verlierst deine Muskelkraft, Vetter! Dich entnervt die gllederlösende Senectus! Ich will dir selbst Den Mechanismus etwas geschmeidiger machen — du weißt, daß ich ein ruhmreicher Schlaffer und ganz leidlicher Büchsenschmied bin!" Der General ließ die schmucke kleine Waffe in die Tiefe seiner Tasche zurückgleiten. „Rein, nein, nein!“ rief der Pfarrer leidenschaftlich „Du hast es mir einmal geschenkt! Ich kaffe es nicht mehr aus den Händen!..." Zögernd hob Der General das Pistol wieder hervor — nicht mehr Dtefelbe. Er hatte es, der alte Taschenspieler, mit dem auch fftt rin schärferes und ruhiges Auge nicht leicht davon zu unterscheidenden Zwillinge gewechselt. Der Pfarrer hielt die Waffe kaum wieder in der Hand, als er sich von neuem in Positur stellte, denn er war gar^ Feuer und Flamme geworden, und Miene machte, den Hahn noch einmal zu spannen. _ , Der General aber fiel ihm in den Arm. „Hernach! redete er ihm zu. „Donnerwetter! Es hat langst ausgeläutet. Kerr Wilpert Wertmüller erwachte wie aus einem Traume, besann sich lauschte. Es herrschte eine tiefe Stille, nur die Wespen summten. @t steckte das Pistol eilig in die geräumige Rocktasche, und die Vettern beschritten den kurzen, letzt völlig menschenleeren Weg nach der nahen Kirche. Aeuntes Kapitel. Als die zwei Wertmüller den heiligen Raumbetraten^war et schon bis auf den letzten Platz gefüllt. 3m die Männer, links die Weiber, un Chore, das Antlitz dn Gemeinde zugewendet, die Kirchenältesten, unter ihnen der Krach- Zwei breite, oben durch ein großes Halbrund verbundene Mcruerpfriler schieden Chor und Kirche. An dem rechts gelegenen schwebte die Kanzel, und am Fuße der steilen Kanzeltwppe befand sich der einzig leer gebliebene Sitz, der wit Schnihwe^ verzierte Stuhl von Eichenholz, welchen der Pfarrer Wahrmd des Gesanges einzunehmen Pflegte. Diesen wies er Mt^rGeneral an und bestieg ohne Verzug die Kanzel. Der Versiätete hatte Eile, der Gemeinde die Rümmer des heutigen Kirchenliedes zu bezeichnen. , , Ts Dar das beliebteste des neuen Gesangbuchs, ein Danktted für die gelungene Lese, erst in neuerer Zeit verfaßt und aus Deutschland gekommen, mit dreisten und geschmacklosen Schnörkeln im dMialigen Rokokostile, aber nicht ohne Klang und Farbe. Jede Strophe begann mit der Aufforderung, dm Geber alles Guten vermittelst eines immer wieder andern Instrumentes zu M>en. Dem Autor mochte ein Kirchenbild vorgeschwebt habm. Aber nicht jene zarten musizierenden Engel Giambellinis, welche an das Dichterwort erinnern: Da geigen die Geiger so himmlisch klar, Da blasen die Bläser so wunderbar... Rein! sondern die auf einer robusten Wolke lagernde und mit allen möglichen Instrumenten ausgerüstete pausbackige himmlisch- Hofkapelle irgendeines Dravourliedes aus der Rubensschen Frohlocket, frohlocket!..." erscholl es heiter und volltönig in dem schönen, reinlichen Raume, durch dessen acht Spitzbogen-- fenster das leuchtende Blau des himmlischen Tages hereinquoll. Der General, dessen Eintritt ein wohlgefälliges Gemurmel erregt hatte, wendete sein gesammeltes Antlitz der Gemeinde zu. konnte aber mit einer ungezwungenen Wendung des Kopfes leicht den hohen Sih beobachten, wo sein Vetter horstete. Eben letzt warf er einen Blick hinauf. Der Seelsorger von Mtzthikon, der das Jubellied schon oft gehört hatte und seiner ebenfalls schon oft gehaltenen Predigt sicher war, betastete leise seine Tasche. Posaunet, posaunet!...“ dröhnte es durch das Schiff. Wertmüller schielte die Kanzeltreppe hinauf. Der Detter hatte das kleine Terzerol aus der Tasche gezogen und betrachtete es hinter der hohen Kanzelbrüstung mit Augen der Liebe. „Drommetet, drommetet!...“ sangen die Mhthikoner. Mitten durch' den Trompetenlärm hörte der General deutlich ein scharfes Knacken, als würde droben ein Hahn gezogen. Er lächelte. Jetzt kam die letzte, die Lieblingsstrophe der Mythikonerinnen. „And flötet, o flötet!..." sangen sie, so schön sie konnten. Der General warf wieder einen verstohlenen Blick nach der Kanzel hinauf. Spielend legte der Pfarrer eben seinen dicken Finger an den Drücker: wußte er doch, daß er die Feder, mit aller Gewalt nicht bewegen konnte. Aber er zog ihn gleich wieder zurück, und die sanften Flöten verklangen. Der General unten an der Kanzel legte in gedrückter Stimmung sein Gesicht in Falten. Jetzt betete der geistliche Herr, der das kleine Gewehr in seine geräumige Tasche zurückgleiten ließ, in aller Andacht die Liturgie und las dann den Text aus der großen, ständg auf dem Kanzelbrette lagernden Bibel, Es war der herrliche fieben- undvlerzigste Malm, der da beginnt: Frohlocket mit Händen, alle Völker, lobet Gott mit großem Schalle! Frisch »nd flott ging es in die Predigt hinein, und schon war sie über ihr erstes Drittel gediehen. Roch einmal lauerte der General empor, sichtlich enttäuscht, mit einem fast vorwurfsvollen Blicke, der sich aber plötzlich erweiterte. Der Pfarrer hatte im Feuer der Aktton, während seine Linke vor allem Volke gestikulierte, mit der durch die Kanzel gedeckten Rechten insttnkttv das geliebte Terzerol wieder hervorgezogen. „Lobet Gott mit großem Schalle!" rief er aus, und, paff! knallte ein kräftiger Schuß. Er stand im Rauch. Als er wieder sichtbar wurde, quoll die blaue Pulverwolke langsam um ihn empor Und schwebte tote ein Weihrauch über der Gemeinde. Entsetzen, Schreck, Erstaunen, Aerger, Zorn, ersticktes Gelächter, diese ganze Tonleiter von Gefühlen, fand ihren Ausdruck auf den Gesichtern der versammelten Zuhörer. Die Kirchenättefbsu: im Chor aber zeigten entrüstete und strafende Mienen. Die Lage wurde bedenklich. Jetzt wendete sich der General mit einer zugleich leutselig««: und imponierenden Gebärde an die aufgeregten Mhthikoner: „Lieben Brüder, laßt euch den Schutz nicht anfechten. Bedenket: es ist nach menschlicher Voraussicht das letztemal, daß ich mich in eurer Mitte erbaue, ehe ich diesen meinen sterblichen Leib den Kugeln preisgebe. — And Ihr, Herr Pfarrer, zeigt Euch alS einen entschlossenen Mann und führt Euern Sermon zu Ende." And wirklich, der Pfarrer setzte unerschrocken wieder ein und fuhr in seiner Predigt fort, unbeirrt, ohne den Faden zu verlieren, ohne sich um ein Wort zu vergreifen, zu stottern oder sich z« versprechen. Alles kehrte wieder in die Ordnung zurück. Rur das blaue Pulverwölkchen wollte sich in dem geschlossenen Raume gar nicht verlieren und schwebte hartnäckig über der Gemeinde, bald im Schatten, bald von einem Sonnenstrahl beleuchtet, bis seine ihre» risse immer ungewisser wurden und sich endlich auflösten. < Zehntes Kapitel. Während der Pfarrer seine Predigt tapfer zu Ende führte, hatte die daheim gebliebene Rahel der alten Dabeli und dem zur Aushilfe von dieser herbeigeholten Aachbarskinde ihre Befehle gegeben und trat jetzt, ein Körbchen und ein kleines Winzermesser in der Hand, vor die hintere Haustüre, um einige ihrer reifen: formegebräunten Goldtrauben von der Laube zu schneiden. Da sah sie, sich gerade gegenüber, wo der Fußsteig um dis von der Landstraße abliegende Seite des Gartens lief, ein seltsames Schauspiel. Ein unheimlicher Mensch stützte die Hände auf den Zaun, schwang sich mit fliegenden Rockschößen in einem wilden Satze über die Hecke und tarn ihr stracks entgegen. Kaurn traute sie ihren Augen. Konnte er es fein? Anrnöglichl And doch, er war es. Pfannenstiel hatte das Frühstück, welches ihm der dienstbeflissene Mohr im Speisefaale auf der Au vorfetzte, kaum berührt. Es trieb ihn fort über die jetzt gesenkte Zugbrücke, bergan, der Pfarre von Mhthikon zu. Er wußte, daß er die Straßen und Steige, wenn auch nur für kurze Zeit, noch leer fand. Das orientalische Schemen war im Morgenwinde verflackert: aber, tote himmlisch leuchtend und frisch der Herbsttag aus seinen Rebel- hüllen hervortrat, einer der gestern empfangenen Eindrücke war wie ein Stachel in der aufgeregten Seele des Kandidaten haften geblieben. Ihm fehle die Männlichkeit, hatte der General ihm vorgehalten, die einen unfehlbaren Sieg über das Weibliche davon- trage. Das gab dem Kandidaten zu schaffen, und da sich ihm eine nächste Gelegenheit bot, etwas nach seiner Ansicht Kühnes zu unternehmen, und gerade das, wozu der General ihn aufgefordert hatte, so entschloß sich der Verwilderte, Rahel, wenn auch vhrte Feuerwaffe, mit einem Morgenbesuche zu überraschen. Der Sprung über die Hecke war dann freilich keine Heldentat gewesen, sondern eine Flucht vor den ersten heimkehrenden Kirchgängern, die er zwischen den Bäumen der Landstraße zu sehe» glaubte. Wie er sich mit unternehmender Miene und in entschiedene« Haltung der Wertmüllerin näherte, erschrak diese ernstlich über fein Aussehen, seine fiebernden Augen, die Blässe und Äbspan- nung, wie sie eine schlaflose Rächt auf dem Antlitze zurückläht. Auch der herabhängende, halb abgedrehte Knopf und die Leer«, die der andere weggerissene gelassen, entgingen ihr natürlich keinen Augenblick und vollendeten den beängstigenden Eindruck. „Am Himmelswillen, was ist Euch, Herr Vikar?" sagte das Mädchen. „Seid Ihr krank? Ihr habt etwas Verstörtes, Fremdes an Euch, das mich erschreckt. O der heillose Pate, — was hat er mit Euch vorgenommen? Er gelobte mir doch, Euch nichts anzutun, und nun hat er Euch gänzlich zerrüttet! Erzählt mir haarklein, was Euch auf der Au zugestoßen — vielleicht weiß ich Rat." Als ihr der Kandidat in die verständigen und doch so warmen Augen blickte, ward er sich urplötzlich dessen bewußt, was ihn eigeittlich hergetrieben. Der Kobold des Abenteuers, der sich beim ersten Schritte, den er auf der Au getan, ihm auf den Racken gesetzt hatte, sprang von seinem Rücken und lieh ihn fahren. Dis ins kleinste beichtete er den klaren braunen Augen seins Erlebnisse auf 6er Insel, nur die Vision der Türkin weglassend, die ja eine Ausgeburt seines erhitzten Gehirns gekvefen war. Er gestand ihr, ihn habe der Vorwurf des Generals, ihm fehle das Männliche, verblüfft und beunruhigt, auch jetzt könne er noch nicht darüber hinwegkommen. And er bat sie, ihm aufrichtig zu sagen, ob hier ein Mangel fei und wie dem abzuhelfen wäre. Rahel betrachtete ihn rin Weilchen fast gerührt, dann brach sie in rin Helles Gelächter aus. (Fortfehung folgt.) Gchriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und vtrindruckerri, A. Lange, Gießen.