Gietzener zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang <925 Dienstag, den z. Juli Nummer 54 Er fiht sich am andern Morgen im Spihgel. OdeJambv-Lrvchaica. Pärle aller Sauff-Studenten, da, bekükk dir deinen Flautz! Seine göldnen Posamenten herbergt lengst das Jüden-Hauß. Ab-gedreten die Kalöschen, die Darukke fizzt für qwer; gestern noch an sechzehn Trüschen, heute keinen Heller mehr. Und darzu dan noch dihtz Bromsen, alß ob nichts wie Mukken somsen! Weck, verfluchter Bachus-Safft, von itzab bün ich dugendhafft! Allzu willige Bluminde, bitte, schleuß dich nicht mehr auff, weil ich mich dir itzt entwinde, denn numnehro huhst ich drauff. Ach, man muß euch Kindgens, können, Amor ist umbsonst nicht blind: die wie rohtes Feuer bräunen, noch die allerzährtsten sind. Nachts, wie die Doeten fabeln, reutten sie auff Ofen-Gabeln! Weck, verfluchte Benus-schafst, von itztab bün ich dugendhafft! Pallas, dein belohbter Aame hellt wie dröstend mir den Sinn; du bist noch die eintzge Dame, der ich gantz ergeben bin. Nur mit dir noch zu scharmieren, halt ich rächt for meinen Zwökk! Kögel-spihlen, Dilljardiren kömbt mir für wie Teuffels-Drökk. Noch die spähtsten Folge-Zeiten werden mir drümb Ruhm bereiten! Wah man auch dargägen klafft, von itztab bün ich dugendhafft! Aus „Des berühmbten Schäffers Dafnis selbst verfärtigte sämbtliche Freß«, Sauff- und Venus-Lieber" von Arno Holz. Rheinsberg. Von Kurt Tucholsky. Seinen eigentlichen Anfang nahm das Abenteuer erst, als sie in Löwenberg ausstiegen. Der v-Zug ruhte lang und dunkel in der Halle unter dem Holzdach — sie durchschritten einen Tunnel, oben, in hellem Sonnenlicht, stand die Kleinbahn, wie aus Holz gefügt, steif und verspielt. Sie stiegen ein. „Claire?" „Wolfgang?" „Diese Dahn scheint noch lange hier zu stehen... machen wir einen kleinen Spaziergang?" „Setz dich hin und falte die Hände! Sie geht gleich ab. Der Zug ruckte und ruckelte sich gemächlich durch Salatgärten, Hofmauern. Der Horizont flimmerte blendend weih... War es eine Schönheit, diese Landschaft? — Mein: da standen Daumgruppen, durch nichts ausgezeichnet, das Land wurde Das Maschinchen schnob und klingelte vornig, durch den staubigen wellig in der Ferne, versteckte ein Wäldchen und zeigte ein anderes — man freute sich im Grunde, daß alles da war... Hauch hindurch klingelte es melodisch, wie eine läutende Kirchturmsglocke bei Sturm. •, „Wolf, den Reiseführer!" Sie hatten ihn im O-Zug liegen lassen — er hatte ihn im O-Zug liegen lassen. Sie hielten, mitten im Walde, auf der Strecke. Die Köpfe heraus; die Beamten waren zurückgelaufen, hatten Schaufeln mitgenommen: die Lokomotive mußte Funken ausgeworfen haben, ein kleiner Brand war entstanden ... „Ich will mitlöschen!" Er kugelte den sandigen Abhang herunter; die Reisenden lachten. Oben stand Claire und verdrehte die Augen. „Du mußt ja...!" Er kam zurück, ganz bestaubt, lächelnd, glücklich. Er hatte sich wieder einmal betätigt. Die Beamten kamen, stiegen auf, de« Zug ruckte an... „Eigentlich..." „Na?" „Ich finde es heiter. Denk mal, mein Papa und mein' Mama sitzen jetzt im Kontor, fahren in der Stadt herum inti> glauben ihr Töchterchen wohlgeborgen im Schoße der treusorgenden Freundin. Hingegen...“ „Hingegen...?" „Na, ja, treusorgen sorgst du ja für mich..." Der Mger nebenan hatte schon lange in sich hineingelacht. Er sah da, grün, bepackt, schwer und braungebrannt. Man hatte, wenn man ihn sah, die Empfindung von ganiz frühen, feuchten Morgen, ein Mann tappt durch den halbdunklen Wald, es riecht kräftig und gut... Das kleine, runde Loch der Büchse guckte unheilverkündend, schwarz und dunkel in die Luft: lleine Kugeln werden herausfliegen, das Reh, auf das es morgen gerichtet wird, lief vielleicht jetzt gerade mit seinen Gefährten zur Quelle, trank und war zierlich im Walde verschwunden... Der Jäger stand auf, stopfte sich eine Pfeife und sagte beim Herausgehen: „Schonzeit, junger Mann. Schonzeit!" — und trumpfte lachend davon. Das Coups war erfüllt von ihrem Schreien, das die rumpelnden und klirrenden Geräusche übertönen sollte. Man verständigte sich nur schwer: .....Sonne weit über das Land..." ..... wie? Sonne reit' über das Land?.. „ ... nein ... Sonne weeiit... Land ... Seh mal: 'ne Akazie! 'ne blühende Akazie, lauter blühende Akazien!" „Js gar keine, is 'ne Magnolie!" „Hach! Also wer weiß denn von uns beiden in der Botanik Bescheid? Ich oder ich?" „'ne Magnolie is es." „Meine Liebe, ich mühte bedauern, es mit einem kräftig geführten Schlag gegen Sie nicht bewenden lassen zu können. Alle Wesensmerkmale der Akazie deuten auch bei diesen Bäumen auf eine solche hin." > „Is aber 'ne Magnolie." „Herr Gott, Claire! Siehst du denn nicht diese typisch ovalen Blätter, die weihen, kleinen, traubenförmigen Blütenstiele! — Mädchen!" „Aber... Wölfchen... wo es doch 'ne Magnolie is..." Sie erstickte in Küssen. Dann galt es noch eine Bauersfrau nachzuahmen, die auf der letzten Station hochgeschürzt und breitbeinig stehengeblieben war, um sich vermittels ihren zweiten Anterrocks zu schneuzen. Claire erwies sich hierbei als geschickt und brauchbar. Endlich kamen sie aber doch an. Es zeigte sich, daß das Hotel, das sich schon durch einen Anschlag im Zuge als altbekannt und, mit einer gepflegten Küche versehen angepriesen hatte, durch einen Wagen, zwei Pferde und einen Bediensteten vertreten war. Dieser Mann muhte die Gepäckstücke holen, die man in Berlin sorgfältig aufgegeben hatte: zwei winzig kleine Köfferchen. Sie wurden verladen; die Reisenden stiegen ein. Sie rutschten auf den schwarzen, hier und da ein wenig aufgeplatzten Wachstuchkissen der Sitze herum; die Fenster Kirrten, die beiden machten sich durch weitaus lad ende Handbewegungen verständlich. Der Wagen war leer, die Chaussee staubig und öde. Einige hundert Meter sahen sie manierlich, aber schon an der Ecke, die das Anwesen des Gütlers Johannes Lauterbach und das der Post bilden, lagen sie in lautem Hader, wessen Koffer durch feine Kleinheit am meisten Verdacht erregen werde. Sie nannten diese Reisegegenstände „Segelschweine", und die Claire rang die Hände, Wolf sei ein Schandfleck. Sie, ihrerseits, wahre das Dekorum. Sie schwatzten fortwährend, die Claire am heftigsten. Ihr Deutsch war ein wenig aus der Art geschlagen. Sie hatte sich da eine Sprache zurecht- gemacht, die im Prinzip an das Idiom erinnerte, m dem kleine Kinder ihre ersten lautlichen Verbindungen mit der Außenwelt herzustellen suchen; sie wirbelte die Worte so lange herum, bis sie halb unkenntlich geworden waren, ließ hier ein ,,-i aus. fügte da ein „S«-ein, vertauschte alle Artikel, und man wußte nie, ob es ihr beliebte, sich über die Anzulänglichkyt einer Phrase oder über die andern lustig zu machen. Daß sie Medizinerm war, wie sie zu sein vorgab, war kaum glaubhaft, jedoch mit der Wahrheit übereinstimmend. Sie spielte immer, gab stets irgendeiner lebenden oder erdachten Gestalt für einige Augenblicke Wirklichkeit... — 214 — Der Wagen hielt. Während sie ausstiegen: »Pah auf, Frauchen, too ist der Koffer mit dem falschen Veld? - Ah da..." Der Hausknecht lieh den Mund weit vsfen stehen, sperrte di« Augen auf... 1 Freundlich geleitete sie der alte Wirt in ein Zimmer des ersten Stockwerks. Es war kahl, einfach, blumig tapeziert. Holzbetten standen darin, ein großer Waschtischs eine Vase mit einem künstlichen Blumenstrauß — an der Wand hingen zwei Pendants: »Eroberung Englands durch die Normannen", und in gleichartigem Rahmen und symmetrisch aufgehängt „Großpapachens 70. Geburtstag". Die Tür schloß sich, sie waren allein. »Claire?" »Wolfgang?" »Letzt weiß ich nicht, sollte ich den Kofferschlüssel zu Hause vergessen haben...?" „My honey-suckle", und sie drückte ihm einen heftigen Kuß auf den Mund, während ihr Gesicht rachsüchtig und boshaft erglänzte. und stieh ihn von sich: »Och, der kleine Jungchen muh ja alles vergess' — psch, Sch, psch...“ Änd man wußte nicht, ob diese Töne eine legende Mutter nachahmten oder ganz etwas anderes. »Pack' aus, mein Hulle-Pulle!" — Schwer seufzend packten sie aus, räumten ein. »Ja, ich Lin nu so weit. Jetzt frisiere ich mich, un'denn gehe ich spaziers. Lln du?" 1 „Das überlasse du nur mir; es wird dir dann seinerzeit das Rötige mitgeteilt werden." Der Stil war im großen -und ganzen einheitlich verzerrt. Sie sagten sich häufig Dinge, die nicht recht zueinander paßten, nur um diese oder jene Redewendung anbringen zu können, den andern zu irritieren, sein Gleichgewicht zu erschüttern... Sie gingen herunter... Da war der Marktplatz, der mit alten, sehr niedrigen! Bäumen bepflanzt war, schattig und still lag er da. Sie schritten durch ein schmiedeeisernes Tor in den Park. Hier war es ruhig. In dem einfachen weißen Dau des Schlosses klopfte ein Handwerker. Sie gingen durch den Hof toieber in den Park, wieder in die Stille... Roch brausten und dröhnten in ihnen die Geräusche der großen Stadt, die Straßenbahnen, Gespräche waren nodji nicht verhallt, der Lärm der Herfahrt... der Lärm ihres täglichen Lebens, den sie nicht mehr hörten, den die Nerven aber doch, zu überwinden hatten, der eine bestimmte Menge Lebensenergie wegnahm, ohne daß man es merkte... Aber hier war es nun still, die Ruhe wirkte lähmend, wie wenn ein regelmäßiges, langgewohntes Geräusch plötzlich abgestellt wird. Lange sprachen sie nicht, ließen sich, beruhigen von den schattigen Wegen der stillen Fläche des Sees, den Bäumen... Wie alle Großstädter bewunderten sie maßlos einen einfachen Strauch, überschätzten seine Schönheit und ohne das Praktische aller sie umgebend«! ländlichen Verhältnisse zu ahnen, sahen sie die Äuge vielleicht ebenso einseitig an, wie der Bauer — nur von der andern Seite. Run, hier in Rheinsberg erforderten die Gegenstände nicht albzuviel praktische Kenntnis, man war ja nicht auf einem Gut, das bewirtschaftet werden sollte. — Sie kamen an den Rand eines zweiten Sees, an eine Bank. Stille... »Wolfgang?" „Claire?" „GlaubSsu, daß es hier Bären gibs? Eine alte Dante von mir is beinah mal von einem..." «... von einem Bären zerrissen worden?" „Nein." Sie war ganz empört. »Habe ich das gesagt? — Ich meinte nur... Aber, du — beschutzs mich doch, ja?" „Ich schwöre dir...“ „Hm." Wieder war es sehr still. Die Claire sah da und sah sehr bestimmt in das schmutzig-grüne Wasser. „Also paß mal auf. Warum ist hier nicht überall der zweit« Friedrich? So wie er in Sanssouci überall ist. Auf jedem geharkten Weg, an jedem Boskett, hinter jeder Statue? — Hier hat er gelebt. Gut. Wüßtest du es nicht, würdest du es merken?" »Nein. Vielleicht muß man älter, machtvoller fein, um di« Welt um sich zu formen nach seinem Gbenbilde... Wer ist herrte so wie der Alte war? Sehen unsere Wohnungen aus, wie wenn sie nur und ausschließlich dem Besitzer gehören könnten?... — Em Specht, siehst du ein Specht!" - „Wölfchen, es ist kein Specht. Es ist eine Schleiereule?' Er stand auf. Mit Betonung: „Ich habe ein außerordentlich feines Empfinden dafür, ich d^mute, du bist gewillt, dich über mich lustig zu machen. Wird Vies« Vermutung zur Gewißheit, so schlage ich dich nieder." Ihr Gelächter Nang weit durch, die Fichten. Der blinde Geronimo und sein Bruder. Von ArthurSchnitzler. Der blinde Geronimo stand von der Bank auf und nahm die Titarre zur Hand, die auf dem Tisch neben dem Weinglase bereit- gelegen war. Er hatte das fern« Rollen der ersten Wagen vernommen. Nun tastete er sich den wohlbekannten Weg bis zur offenen Tur hin, und dann ging er die schmalen Hvlzstufen hinab, die frei in den gedeckten Hofraum hinunterliefen. Dein Bruder folgte ihm, und beide stellten sich gleich neben der Trepp« auf, den Rücken zur Wand gekehrt, um gegen den naßkalt«, Wind geschützt zu sein, der über den feuchtschmutzigen Boden durch die offenen Tore strich Unter dem düsteren Dogen des alten Wirtshauses mußt«, alle Wagen passieren, die den Weg über das Stilfserjoch nahmen. Für die Reisenden, welche von Italien her nach, Tirol wollten, war es die letzte Rast vor der Höhe. Zu langem Aufenthalt« lud es nicht ein, denn gerade hier lief die Straße ziemlich eben, ohne Ausblicke, zwischen kahlen Erhebungen hin. Der blind« Italiener und sein Bruder Carlo waren in den Sommermonaten hier so gut wie zu Haufe. Die Post fuhr ein, bald darauf kamen andere Wagen. Dis meisten Reisenden blieben sitzen, in Plaids und Mäntel wohl eingehüllt, andere stiegen aus und spazierten zwischen den Toren ungeduldig hin und her. Das Wetter wurde immer schlechter, ein kalter Regen klatschte herab. Nach einer Reihe schöner Sage schien der Herbst plötzlich und allzu früh hereinzubrechen. Der Blinde sang und begleitete sich dazu auf der Gitarre; er sang mit einer ungleichmäßigen, manchmal plötzlich aufkreischenden Stimme, wie immer, wenn er getrunken hatte. Zuweilen wandte er den Kopf wie mit einem Ausdruck vergebliches Flehens nach oben. Aber die Züge seines Gesichtes mit den schwarzen Bartstoppeln und den bläulichen Lippen blieben vollkommen unbeweglich Der ältere Bruder stand neben, ihm, beinahe regungslos. Wenn ihm jemand eine Minze in den Hut fallen ließ, nickte er Dank und sah dem Spender mit einem raschen, wie irren Blick ins Gesicht. Aber gleich, beinahe ängstlich, wandt« er den Blick wieder fort und starrte gleich dem Bruder ins Leere. Es war, als schämten sich seine Augen des Lichts, das ihnen gewährt war, und von dem sie dem blinden Bruder keinen Strahl schenken konnten. „Bring mir Wein," sagte Geronimo, und Carlo ging, gehorsam wie immer. Während er die Stufen aufwärts schritt, begann Geronimo wieder zu singen. Er hörte längst nicht mehr auf seine eigene Stimme, und so konnte er auf das merken, was in seiner Nähe vorging. Jetzt vernahm er ganz nahe zwei flüsternde Stimmen, die eines jungen Mannes und einer jungen Frau. Er dachte, wie oft dies« beiden schon den gleichen Weg hin und her gegangen sein mochten; denn in seiner Blindheit und in seinem Rausch war ihm manchmal, als kämen Tag für Tag dieselben Menschen über das Joch gewandert, bald von Norden gegen Süden, bald von Süden gegen Norden. Und so kannte er auch dieses junge Paar seit langer Zeit. Carlo kam herab und reichte Geronimo ein Glas Wein. Der Blinde schwenkte es dem jungen Paare zu und sagte: „Ihr Wohl, meine Herrschaften!" „Danke," sagte der junge Mann; aber die junge Frau zog ihn fort, denn ihr war dieser Blinde unheimlich Jetzt fuhr ein Wagen mit einer ziemlich lärmenden Gesellschaft ein: Vater, Mutter, drei Kinder, eine Bonne. „Deutsche Familie," sagte Geronimo leise zu Carlo. Der Vater gab jedem der Kinder ein Geldstück, und jedeS durfte das seine in den Hut des Bettlers werfen. Geronimo neigte jedesmal den Kopf zum Dank. Der älteste Knabe sah dem Blinden mit ängstlicher Neugier ins Gesicht. Carlo betrachtete den Knaben. Gr mußte, wie immer beim Anblick solcher Kinder, daran denken, daß Geronimo gerade so alt gewesen war, als das Unglück geschah, durch das er das Augenlicht verloren hatte. Denn er erinnerte sich jenes Tages auch heute noch, nach beinahe zwanzig Jahren, mit vollkommener Deutlichkeit. Noch heute klang ihm 6er grelle Kinderschrei ins Ohr, mit dem der kleine Geronimo auf den Rasen hingesunken war, noch heute sah er die Sonne auf der weißen Gartenmauer spielen und kringeln und hörte die Sonntagsglocken wieder, die gerade in jenem Augenblick getönt hatten. Er hatte wie oftmals mit dem Bolzen nach der Esche an der Mauer geschossen, und als er den Schrei hörte, dachte er gleich, daß er den kleinen Bruder verletzt haben muhte, der eben vorbeigelaufen war. Gr ließ das Blasrohr aus bart Händen gleiten, sprang durchs Fenster in den Garten w$> stürzte zu dem kleinen Bruder hin, der auf dem Grase lag, die Hände vors Gesicht geschlagen, und jammerte. Ueber die rechte Wange und den Hals floß ihm Blut herunter. In derselben Minute kam der Vater vom Felde heim, durch die kleine Gartentür, und nun knieten beide ratlos neben dem jammernden Kinde. Nachbarn eilten herbei; die alle Vanetti war die erste, der es gelang, dem Kleinen die Hände vom Gesicht zu entfernen. Dann kam auch der Schmied, bei dem Carlo damals in der Lehre war und der sich ein bißchen aufs Kurieren verstauch; und der sah gleich, daß das rechte Auge verloren war. Der Aitzt, der abends aus Poschiavo kam, konnte auch nicht mehr helfen. Ja, er deutet« schon die Gefahr an, in der das andere Auge schwebte, älnd «er behielt recht. Ein Jahr später war die Wett für Geronimo in Nacht versunken. Anfangs versuchte man, ihm einzureden, daß er später gehellt werden könnte, und er schien es zu glauben. Carlo, der kn« Wahrheit wußte, irrt« damals tage- und nächtelang auf der Landstraße, zwischen den Weinbergen und in d«r Wäldern umher, und war nah« daran, sich umzubringen. Aber der geisüiche Herr, dem er sich anvertraute, klärte ihn auf, daß es seine Pflicht war, zu leben und sein Leben dem Bruder M widmen. Carlo sah es ein. Ein ungeheures Mitleid ergri'f e $ 6 S e 5 L^ffL^ZZVff8 ff ff. 8 ß — 218 On- Nur wenn er bei Bern. blinden Jungen war, wenn er ihm die Haare streicheln, seine Stirne küssen durfte, ihm Geschichten erzählt«, ihn auf den Feldern hinter dem Hause und zwischen den Rebengeländen spazieren führte, milderte sich seine Pein. Gr hatte gleich anfangs die Lehrstunden in der Schmiede vernachlässigt, weil er sich von dem Bruder gar nicht trennen mochte, und konnte sich nachher nicht mehr entschließen, sein Handwerk wieder aufzunehmen, trotzdem der Vater mahnte und in Sorge War. Eines Tages fiel es Carlo auf, daß Geronimo vollkommen aufgehört hatte, von seinem Anglück zu reden. Bald wußte er, warum: der Blinde war zur Einsicht gekommen, daß er nie den Himmel, die Hügel, die Straßen, die Menschen, das Licht wieder sehen würde. Bun litt Carlo noch mehr als früher, so sehr er sich auch selbst damit zu beruhigen suchte, daß er ohne jede Absicht das Anglück herbeigeführt hatte. And manchmal, wenn er am frühen Morgen den Bruder betrachtete, der neben ihm ruhte, ward er von einer solchen Angst erfaßt, ihn erwachen zu sehen, daß er in den Garten hinauslief, nur um nicht dabei sein zu müssen, wie die toten Augen jeden Tag von neuem das Licht mi suchen schienen, das ihnen für immer erloschen war. Zu jener Zeit war es, daß Carlo auf den Einfall kam, Geronimo, der eine angenehme Stimme hatte, in der Musik weiter ausbilden zu lassen. Der Schullehrer von Tola. der manchmal Sonntags her- Überkam, lehrte ihn di« Gitarre spielen. Damals ahnte der Blinde freilich noch nicht, daß die neuerlernte Kunst einmal zu seinem Lebensunterhalt dienen würde. Mit jenem traurigen Sommertag schien das Anglück für immer in das Haus des alten Lagardi eingezogen zu sein. Die Grnte mißriet ein Jahr nach dem anderen, um eine kleine Geld- Kimme, die der Alte erspart hatte, wurde er von einem Verwandten betrogen; und als er an einem schwülen Augusttag auf freiem Felde vom Schlag getroffen hinsank und starb, hinterlieh «r nichts als Schulden. Das kleine Anwesen wurde verkauft, die beiden Brüder waren obdachlos und arm und verliehen das Dorf. Carlo war zwanzig, Geronimo fünfzehn Jahre alt. Damals begann das Bettel« und Wanderleben, das sie bis heute führten. Anfangs hatte Carlo daran gedacht, irgendeinen Verdienst zu finden, der zugleich ihn und den Bruder ernähren könnte; aber es wollte nicht gelingen. Auch hatte Geronimo nirgends Ruhe; er wollte immer auf dem Wege sein. Zwanzig Jahre war es nun, dah sie auf Sttahen und Pässen herumzogen, im nördlichen Italien und im südlichen Tirol, immer dort, wo eben der dichtere Zug der Reisenden dorüberströmte. And wenn auch Carlo nach so vielen Jahren nicht mehr die brennende Qual verspürte, mit der ihn früher jedes Leuchten der Sonne, der Anblick jeder freundlichen Landschaft erfüllt hatte, es war doch ein stetes nagendes Mitleid in ihm, beständig und ihm unbewußt, wie der Schlag seines Herzens und sein Atem. And er war froh, wenn Geronimo sich betrank. Der Wagen mit der deutschen Familie war davongefahren. Carlo setzte sich, wie er gern tat, auf die untersten Stufen der Treppe, Geronimo aber blieb stehen, ließ die Arme schlaff herabhängen und hielt den Kopf nach oben gewandt. Maria, die Magd, kam aus der Wirtsstube. „Habt's viel verdient heut?" rief sie herunter. Carlo wandle sich gar nicht um. Der Blinde bückte sich nach seinem Glas, hob es vom Boden auf und trank es Maria zu. Sie saß manchmal abends in der Wirtsstube neben ihm; er wußte auch, dah sie schön war. Carlo beugte sich vor und blickte gegen die Straße hinaus. Der Wind blies, und der Regen prasselte, so daß das Rollen des nahenden Wagens in den heftigen Geräuschen unterging. Carlo stand auf und nahm wieder seinen Platz an des Bruders Seite ein. Geronimo begann zu singen, schon während der Wagen einfuhr, in dem nur ein Passagier saß. Der Kutscher spannte die Pferde eilig aus, dann eilte er hinauf in die Wirtsstube. Der Reisende blieb eine Weile in seiner Ecke sitzen, ganz ein» gewickelt in einen grauen Regenmantel; er schien auf den Gesang gar nicht zu hören. Rach einer Weile aber sprang er aus dem Wagen und lief mit großer Hast hin und her, ohne sich weit vom Wagen zu entfernen. Er rieb immerfort die Hände aneinander, um sich zu erwärmen. Jetzt erst schien er die Bettler zu bemerken. Er stellte sich ihnen gegenüber und sah sie lange wie prüfend an. Carlo neigte leicht den Kopf, wie zum Gruße. Der Reisende, war ein sehr junger Mensch mit einem hübschen, bartlosen Gesicht und unruhigen Augen. Rachdem er eine ganze Weile vor den Bettlern gestanden, eilte er wieder zu dem Tore, durch das er weiterfahren sollte, und schüttelte bei dem trostlosen Ausblick in Regen und Rebel verdrießlich den Kopf. „Run?" fragte Geronimo. „Roch nichts," erwiderte Carlo. „Gr wird wohl geben, wenn er fortfährt." Der Reisende kam wieder zurück und lehnte sich an die Deichsel des Wagens. Der Blinde begann zu singen. Run schien der junge Mann plötzlich mit großem Interesse zuzuhören. Der Knecht erschien und spannte die Pferde wieder ein. And jetzt mst, als besänne er sich eben, griff der junge Mann in die Tasche und gab Carlo einen Frank. „O, danke, danke," sagte dieser. . Der Reisende setzte sich in den Wagen und wickelte sich wieder ui seinen Mantel. Carlo nahm das Glas vom Boden auf und ging die Holzstufen hinauf. Geronimo sang weiter Der Reisende beugte sich zum Wagen heraus und schüttelte den Kopf mit einem Ausdruck von Aeberlegenheit und Traurigkeit zugleich. Plötzlich schien ihm ein Einfall zu kommen, und er lächelte. Dann sagte er zu dem Blinden, der kaum zwei Schritte weit von ihm stand: „Wie heißt du?" „Geronimo." „Run, Geronimo, laß dich nur nicht betrügen." In diesem Augenblick erschien der Kutscher auf der obersten Stufe der Treppe. „Wieso, gnädiger Herr, betrügen?" „Ich habe deinem Begleiter ein Zwanzigfrankstück gegeben." „O Herr, Dank. Dank!" „Ja;, also pah auf." „Er ist mein Bruder, Herr; er betrügt mich nicht." Der junge Mann stutzte eine Weile, aber während er noch überlegte, war der Kutscher auf den Bock gestiegen und hatte die Pferde angetrieben. Der junge Mann lehnte sich zurück mit einer Bewegung des Kopfes,, als wollte er sagen: Schicksal, nimm deinen Lauf! und der Wagen fuhr davon. Der Blinde winkte mit beiden Händen lebhafte Gebärden des Dankes nach. Jetzt hörte er Carlo, der eben aus der Wirtsstube kam. Der rief herunter: „Komm, Geronimo, es ist warm heroben, Maria hat Feuer gemacht!" Geronimo nickte, nahm die Gitarre unter den Arm und tastete sich am Geländer die Stufen hinauf. Auf der Treppe schon rief er: „Laß es mich- anfühlen! Wie lang hab' ich schon kein Goldstück angefühlt!" „Was gibt's?" fragte Carlo. „Was redest du da?" Geronimo war oben und, griff mit beiden Händen nach dem Kopf seines Bruders, ein Zeichen, mit dem er stets Freude oder Zärtlichkeit auszudrücken pflegte. „Carlo, mein lieber Bruder, es gibt doch gute Menschen!" (Fortsetzung folgt.) Dom Heidelberger Fasse und der Zerstörung des Heidelberger Schlosses. Rach einer alten Chronik. Von Franz Gros. (Rachdruck verboten.) Alt-Heidelberg du Feine, Du Stadt an Ehren reich — Am Reckar und am Rheine, Kein' andre kommt dir gleich. So singt Joseph Vittor Scheffel, der am 9, April 1886 in seiner Vaterstadt Karlsruhe nach sechzigjährigem feuchtfröhlichen Erdenwallen die Heimattreuen Augen schloß. Einst selbst fröhlicher Student zu Heidelberg, hat er die freundliche Musenstadt am Neckar besungen, wie keiner es vor ihm tat und nach ihm tun wird, die Stadt, die ihm „ins Herz geschrieben war gleich einer Braut". Dieser Wanderpoet und Sänger, der unvergeßliche Sidjp ter des „Gaudeamus", des „Trompeters" und des „Ekkehard", hat das wahre Wort gesprochen: Der genius loci Heidelberg ist feucht. Keiner wußte es besser als er. Weinte er sich selbst, als er fang: „Weh ihm — als Weinvertilger durchtobt er Nachts die Stadt!"? Möglich ist es schon: Wer sich nicht selbst zum besten halten kann, gehört ja wahrlich selbst nicht zu den besten. Auf der Heidelberger Schloßterrasse, einem der bekanntesten und schönsten Plätze der Welt, steht sein ehernes Wandererbild, zu dem alljährlich Tausende wallen. Dann führt sie ihr Schritt zur einzig schönen Schloßruine, und gar mancher, ja wohl jeder, der zum ersten Male an diese ehrwürdige Stätte kommt, steigt auch hinab zum Heidelberger Fasse. Alt-Heidelberg, wo man auch Hinblicken mag, hat es uns angetan. „Doch — sa sagt der Heidelberger — wer dem Großen Faß keinen Besuch gemacht, hat auch das Schloß nicht gesehen!" Dor mir liegt, in Schweinsleder gebunden, ein liebes Duch^ in dem ich schon in meiner Kindheit blätterte. Es wurde von einem ehemaligen studiosus iuris utriusque (der Argroßvater brachte es einst als Studio mit nach Hause) stets dem der folgenden Generation verttauensvoll in die Hand gedrückt. Das Buch, erschienen in „Franckfurt am Mahn", „Bei Stocks seel. Erben und Schilling 1733", trägt den Titel: „Historischer Schau- Platz der Alten berühmten Stadt Heydelberg, Dorstellend derselben Situation, Arsprung, Wachsthum und Derstörungen; wie auch die Erbauung des Schlosses, Kirchen u. s. w. u. s. w. Eine Erzählung, was sich von Anfang biß aufs Jahr 1694 in der Siadt, und im dreißigjährigen Kriege in der gantzen Pfaltz begeben, Don Johann Peter Kahser, p. t. Pfarrer zu Handschuchs- heim". — Dort ist nun auf Seite 26 folgendes zu lesen: Anter dem vom Chursürst Friedrich IV. aufgeführten neuen Dau. liegt das in gantz Europa berühmte grosse Faß, welches der Pfaltzgraff und Administrator von der Pfaltz, Johann Casimir ums Jahr 1591 zum erstenmahl machen, und dem Werckmeister für 218 3 Klebhoff, Schlosser, folgende, leinen Arbeits-Lohn Tausend und fünfhundert Gulden zahlen lassen. Zu diesem Fatz ist eine Stiege von sieben und zwanM Stafslen, und alsdann ein klenes Drückten hinauf zu gehens Es sollen zu den zierundzwantzig eysernen Ileiffen, dre um das Fay gelegt sehn, hundert und zweyundzwantzig Centner ®»fen sehn gebraucht worden; und fasset dießes Faß hundertzwehunddrehsng Fuder, dreh Ohm und drei Viertel; Ein Fuder aber Mt zehn Ohm, eine Ohm acht und vierhig Maah. . Das Wahrzeichen ist eine Nacht-Eule und em 2lff, ein Low ohne Zung; und ist solches so hoch, daß em Mann mit einem Renn-Spieß aufrechtdarinnen stehen kam Nachdem aber dieses Faß durch den Landverderblichen drehsigiahmgen Krieg ver dorben, und sonst verfallen, hat Churfurst ^arl Ludivig un Jahr 1664 ein neues und weit grosseres verfertigen lassem^, welches eine Treppe von funfftzig Staffeln hat, worauf man hinauf steiget; Oben darauf ist em Altan, zwantzig Schuh lang, mit einem ilmgang, auf welchem sechs Personen bequem tantzen Auf der fordern Seiten. 1. Als tausend und fünfhundert Jahr, And neuntzig eins die Jahr-Zahl war, Da Chur-Fürst Johannes Casimir, War dieses Landes Schutz und Zier; 2. Ward hier ein grosses Faß erbaut, And als ein Wunder angeschaut, Desgleichen zu derselben Zeit War keines in der Christenheit. ■» 3. Nachdem hat man auch in dem Reich Berühmte Fässer unferm gleich, 2lls man der Sachen nachgedacht, Und etwas grösser aufgemacht. 4. Hernach das Faß viel Jahre stund, Daß man es nicht mehr brauchen tunt, Hielt weder Wasser, Bier, noch Wein, Lag in dem Keller nur zum Schein. 5. Carl Ludwig Churfürst hochgebohrn Des Landes Trost von GOtt erkohrn, Bracht in die Pfaltz nach vielem Lehd, Den Seegen, Ruh und Sicherheit. 6. Was Feindes-Hand, was Schwerdt verheert, Was Krieges-Feuer hat verzehrt, In diesem Lande, Schloß und Stadt, Der fromme Fürst erneuert hat. 7. Auf dessen Willen und Geheiß Das Heydelberg erhielt den Preiß, War dieses Fatz so aufgeführt, .Und, wie mans siehet, ausgeziert. 8. Gott segne diese Pfaltz beh Rhein, Bon Jahr zu Jahr mit gutem Wein, Dah dieses Faß und an&re mehr. Nicht, wie das alte, werden leer. Auf der andern Seiten-stehen nachfolgende (Verse); 1. Der Wein erquicket Jung und Alten, And wird darumben aufbehalten; Er gibt dem Lands-Knecht Helden-Muth, Dah er frisch waget Leib und Blut. 2. Wann Jörg und Freubensberg^) leben sollt! And seinen Knechten geben wölte Gewehr und Harnisch, glaubet das, Sein Zeughaus wäre dieses Faß. *) Georg v. Frundsberg. £D1U1Q3orne am Fatz stehet das Chur-Wappen; Ein ziemlich grosser Bacchus sitzt oben darauf, einen grossen Kelch in der Hand haltend, mit vielen Sathris (im Gefolge des Dionys, des Zeus sohnes, des Gottes des Weinbaues, auftretende Dämonen und Nymphenräuber) und dergleichen Bildern von versoffenen «eu» ten; es ist gleichfalls so hoch!, dah ein Wann, mit einem Spieß darinnen aufrecht stehen Ian, und sind auch, wie um daS erstere, vierundzwantzig ehserne Reiffe daran gelegt; und halt, zweh- hundert und vier Fuder, dreh Ohm und vier Viertel Wern. Der Werckmeister davon Ware Johann Mäher, der Zeit Chur-Pfältz. Hof-Keller, seine Gehülffen aber Rörger, Frantz, Mahler; Reinhard von Werth, Bildhauer; Christoph, Hof-Schrerner; Hans Zimmermann; und Hans Eberhard Leibler, .Stadt- Die daran eingehauene Verh und Reimen sind nach- von Joseph Thanneberg aufgesetzet. 3. Man untersteht sich viel« Sachen, And will, was gut ist, besser machen; Der aber Wertreffen wolt Ditz Fatz, sich Wohl besinnen svlt. 4. In diehern Fatz sind eingeschlossen Viel schöner Sprüch, auch Schimpfs und Posseii, Nach dem in seinem Hirn der Mann, Der trinft, die Wein vertragen kan. 5. Wir können vieler Ding entbehren, Auch Ditz und Jenes nicht begehren! Doch werden wenig Männer sehn, Die Weiber hassen, und den Wein. 6. Der Wein uns fremde Sprachen lehrt, Den Blöden Hertz und Muth vermehrt! Berauscht man sich, so werden gleich Der Knecht ein Herr, Der Bettler reich 7. Der Wein und Gold sind hochgeachtet, Ein jedermann nach behden trachtet, Der Mann bestehet in der Welt, Der mäßig brauchet Wein und Geld. 8. Man brauet Bier im Land zu Meissen, In Sachsen, Pommern, Holland, Preußen, GOtt Lob! Die edle Pfaltz am Rhein, Gibt uns und ihnen guten Wein. Auf den vier Gesichtern des Fasses: 1. Sehd willkommen hier beh diesem Fatz, Kein grösseres gesunden wird, als das. 2. Eben mit dir, sind unser vier (?). 3. Warum sott ich nicht fröhlich sehn, Bin ich doch allzeit beh dem Wein. 4. Ich hab mehr grosse Faß gesehen, Das behält den Ruhm, mutz ich gestehen. Nachdem aber auch dieses Fatz durch den Frantzöfischen Ein- fa-ll und Verstörung der Stadt und des Schlosses Hehdelberg unbrauchbar geworden, und beh viertzig Jahr lang leer gelegen, haben Jhro jetzt regierende Churfürstliche Durchlaucht Carl Philipp den gnädigsten Befehl dahin ergehen lassen, dah es wiederum renoviert und verbessert werden solle; welches denn unter Absicht des ditzmahligen Chursiirstlichen Hof-Kellers Englers mit Einmachung zweher neuen Böden und funffzehen Tauben 1728 in vollkommenen Stand gebracht, und mit Churpfälhischem Land- Wein angefüllet, und zwar auf Ihre Churfürstl. Durch!. Rahmens-Tag als den ersten May wiederum voll worden. Gin jeder von denen neu eingemachten Böden hat zwey und sschtzig Schuh im Amkreih, und jede Taube in der Länge drehfig Schuh; Es ist ferner mit Ihrer Churfürstl. Durch!, verguldeiem Wappen, einer doppelten Treppen, Bildern und neuen Versen gelieret worden, worunter unter andern dieser Schluß ist: Carl Philipps Jahr und Leben Nach der Zahl soll so messen wohl, Soviel Tropfen uns Thut geben Wann das Faß gefültet wohl. Den Mannheimer Geschichtsblättern vom Jahre 1915 zufolge leistete sich Karl Ludwig (1648—1680), Kurfürst von der Pfalz, im Jahre 1671 folgenden grotesken Scherz. Eine feudale französische Gesandtschaft war gekommen, um mit ihm in Heidelberg wegen der Hochzeit der prächtigen heimatfröhen und Heimattreuen Liselotte (Elisabeth Charlotte) mit dem Herzog von Orleans, dem Bruder Ludwig XIV., zu verhandeln. Gab es einen schöneren Platz für ein großes, feines Mahl als auf dem Rücken des Fafses, um die Gäste zu ehren? Das Faß stand damals leer. Aber in feinem Innern hatte auf Befehl des Herren der fröhlichen Pfalz in aller Heimlichkeit eine ganze Schar von Musikanten und Kesselpaukern Platz genommen. In dem Augenblicke Wer, als die feinen Franzmänner mit ihrem Gastgeber auf das Wohl ihres französischen Königs ansttehen, gab es plötzlich unter ihnen einen solchen Höllenlärm,, daß sie zu Tode erschracken und in ihrem Teufelsschrecken die Treppe hinab- stürzten. Erst als die Musikanten in menschlich!er Gestatt dem Fasse entstiegen, beruhigten sich ihre zaghaften Gemüter wieder. „ Fröhlich'Pfalz, Gott erhalt's." Wie sollten sich doch die Zeiten bald ändern, und wie sehr wurde alsbald Karl Ludwig enttäuscht, der durch dies« Vermählung feinem Lande hatte Ruhe und Frieden sichern wollen, denn es kamen die schwersten Zeiten, die die Pfalz jemals erlebte. (Schlutz folgt.) Verantwortlich: I. V.: Ghrhard Evers. - Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.