Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang <925 Samstag, -en 1. Zebruar Nummer \\ Sprüche. Wer sich selbst nicht sah blieb der Erde nah * noch im Lod. Wer sich selbst durchschaut hat hinaufgebaut seinen Dom. Wer sich selbst erträumt hat wohl stets gesäumt wenn es galt. Wer sich selbst erlebt hat am Sein getobt unbewußt. Wer sich selbst erhielt hat vorbeigezielt und blieb Mensch. Der sich selbst verschenkt ward an's Kreuz gehängt Gottes Sohn. . H, O. 2k. PeLer der Trotze und Katharina. (Zur Erinnerung an feinen 200. Todestag am 8. Februar.) Von Hanna Ribeaucourt. Peter der Grobe war der eigentliche Baumeister deS groh- russischen Reiches, der sein Volk m wenigen Jahrzehnten hinüberführte aus asiatischer Dumpfheit und Barberei in den Kreis der abendländischen Kultur. Sein Werk, das durch die Gründung und Erhebung Petersburgs zur Hauptstadt ein weithin sichtbares Symbol erhielt, hat zwei Jahrhunderte überdauert, bis die bolschewistische Revolution das Antlitz Rußlands wieder nach Osten wandte, indem sie Petersburg, das Symbol der Europäisierung, wieder auslöschte, wenn auch nur als Aame und Hauptstadt, und Moskau wieder zum Zentrum des Russenreiches erhob. Doch genug von diesen allgemein weltpolitischen Problemen. Es soll hier vom persönlichen Leben Peter des Groben die Rede sein, und dann auch von seiner großen Revolution in der Stellung der russischen Frau, die er aus orientalischer Sklaverei, aus einer Art Haremsdasein erlöste, die er nach a^ndländischem Muster bildete und veredelte. Aber auch in diesem Teile seiner Reformarbeit lag weltpolitische Bedeutung. Denn eS ist sicher kein Zufall, daß gerade nach Peters Tode eine lange Periode begann, in der das gewaltige Russenreich in der Hauptsache von Frauen regiert wurde und nicht immer schlecht regiert wurde. Man denke nur an Katharina IL, die den Ehrentitel „die Gröhe" wirklich mit Recht verdiente. Katharina I., die Gattin Peter des Groben, hat bei der Nachwelt nicht die gleiche Beachtung gefunden, wie die zweite Zarin ihres Namens. Aber mit Unrecht. Denn wenn sie nicht durch ihre Klugheit, durch ihren Takt, durch ihre wirklich königliche Persönlichkeit eine ebenbürtige Gefährtin des großen Zaren gewesen und unseres Interesses würdig wäre, bann wäre sie es durch ihr wunderliches Lebensschicksal, durch ihre einzigartige Laufbahn von der kriegsgefangenen Witwe eines schwedischen Dragoners bis zur rechtinäßigen Gattin des bedeutendsten aller Zaren, ein Schicksal, so bunt, so abenteuerlich und unwahrschein- trch wie nur irgend ein Märchen aus tausendundeine Nacht. Katharina Skawronsky, so hieb sie mit ihrem Mädchennamen, stammte aus Litauen. In den wilden Jahren des rusfisch-fchwe- drschen Krieges wurde sie Waise, und war froh, als sie in Ma- nenburg, tm Hause eines deutschen Pastors, unterschlüpfen konnte. Pastor hatte den schönen Namen Glück, und wahrlich, das Gluck ist Katharina zeit ihres Lebens in unerhörtem Maße treu geblieben. Aber zunächst war sie noch in Marienburg, vas gerade von den Russeii belagert wurde, und schon sehr glücklich, als ein junger schwedischer Dragoner namens Kruse, dem sie durch ihr „andächtiges" Wesen aufgefallen sein soll, um ihre Hand anhielt. .Wer der junge Dragoner konnte sich nicht lange seines Eheglückes freuen. Denn kurz darauf, nach einigen Quellen noch am Hochzeitsabend, ist er auf den Wällen der Stadt gefallen. Bald wurde Marienburg erobert und Katharina als Kriegsgesang->n« nach Moskau gebracht. Sie hatte daS Glück, in das Haus bei einflußreichen Fürsten Menschikow zu kommen, der sie sozusagen als Kriegsbeute erhielt. And hier lernte Peter, der Russenzar, sie kennen und — lieben. Es soll eine Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, eine gewaltige Liebe, die di« beiden vom ersten Augenblick fürS Leben zusammenschmiedete. Aber von der Geliebten bis zur Zarin war noch ein weites Weg. Denn Peter war ja nicht frei, war ja schon.längst mit einer anderen verheiratet. Allerdings war feine Ehe mit der Dojarentochter Eudvxia Lopuchin von Anfang an keine glückliche gewesen. Wie viele andere Monarchen, wie zum Beispiel fein Zeitgenosse Friedrich der Große, war auch Peter aus politischen Gründen mit einer Frau verheiratet worden, für di« er nur Gleichgültigkeit, später sogar Abneigung, aber niemals Liebe empfunden hatte. Jedenfalls ist eS sehr bezeichnend für die Aufrichtigkeit und Innigkeit, mit der der Zar das schöne Mädchen aus der Fremde liebte, daß er sich diesmal nicht, wie bei der schönen /und geistvollen Anna Mons, der Tochter des deutschen WeinhänSlers, damit begnügte, in ihr eine Geliebte gefunden zu haben. Katharina besaß zwar alle die Eigenschaften, die er an den Frauen schätzte, und die er schon bei der Anna Mons gefunden. Aber sie besah mehr noch, etwas, das ihn nicht eher ruhen । ließ, bis er die Geliebte als anerkannte Zarin durchgesetzt hatte. Dein« erste Frau hatte er ja schon vorher ins Kloster gesperrt. And als er die Scheidung gegen den Widerstand der Geistlichkeit nicht durchführen konnte, da machte er keine weiteien Amstände, heiratete Katharina und ließ sie krönen, indem er so tat, ^rls ob die Nonne Helene, wie die Zarin Eudoxia jetzt hieß, überhaupt nicht existierte. Katharina war jetzt auf der Höhe ihres Glückes, das sie auch bis zu ihrem Tode festzuhalten wußte. Aber sie ließ sich nicht blenden von all dem Glanze, der nun mit einem! Male -auf sie, die erste Frau des Reiches, herniederstrahlte. Rach wie vor verwandte sie allen Fleiß darauf, die Neigungen und Leidenschaften ihres Zaren genau zu studieren. And sie hat es sehr weit gebracht in der Kunst. „Wie fessele ich meinen Mann". Sie erriet alle, auch seine unbedeutendsten Wünsche. Mit liebevoller Geduld fügte sie sich in feine Launen, besänftigte mit ihrer Milde feinq Härten und entwaffnete durch Versöhnlichkeit und Anterwerfung die Ausbrüche feines Zornes. An all seinen Regierungshandlungen und Sorgen nahm sie den lebhaftesten Anteil, und sie war die wahrhafte Vermittlerin zwischen ihm und seinen Untertanen. Ganz rührend aber ist das persönliche Verhältnis zwischen den beiden, wie eS sich am schönsten in ihren Briefen äußert. Mo sie nur können, bereiten sie einander kleine Aeberraschungen, Wohl wissend, daß Freundschaft und Liebe durch nichts so sehr erhalten werden als durch kleine Geschenke. Manchmal ist der Ton in ihren Briefen etwas frivol, aber immer ist er zärtlich und liebenswürdig. Oft hänseln sie sich wegen ihrer Eifersucht. So schreibt er einmal aus einem ausländischen Badeaufenthalt: „Dein Brief gibt mir sehr zu denken. Du schreibst, ich.möchte noch länger ausbleiben, wegen meiner Gesundheit. Ich nehme aber an, daß Du inzwischen einen Jüngeren gefunden hast. So behandelt Ihr bösen Evastöchter uns Greise? Katharina antwortete schnell, daß sie ihn durchaus noch nicht für einen Greis halte. „Du hast gar keinen Grund, EsiiH einen Greiß zu nennen. Ich bin ganz gewiß, daß sich auch noch heute viel Damen finden werden, die sich mit einem so lieben Greise gerne ein- lassen würden. Ich habe Nachrichten bekommen, daß die Königin von Schweden mit Euch ein Liebesverhältnis anfangen will, Setd auf Eurer Hut!" Einmal schickt er ihr eine seltene blaue Blume und legt einen Ausschnitt aus einer englischen Zeitung bei, in dem von zwei Ehegatten die Rede ist. die 110 Jahre miteinander verlebt haben: der Mann war 126, die Frau 125 Oahre alt. And der Zar fügte hinzu, daß auch er hoffe, mit feiner Katharina solange in glücklicher Ehe zusammenleben zu können. _ Katharina war aber mehr als nur eine zärtliche Eheliebste, öie besaß auch große staatsmännische Begabung, die sich nicht erst nach Peters Tode zeigte, als sie mit viel Geschick und kräftiger Hand die Zügel feiner Regierung übernahm. Schon zu seinen Lebzeiten war sie eine kluge Beraterin, auch in hochpolitischen Angelegenheiten. So am Pruth, in der kritischsten Stunde des russischen Reiches, als die Gefahr bestand, daß der Zar samt seiner Armee in die Gefangenschaft der Türken geriet. Da war es nicht zum wenigsten der diplomatischen Kunst der - 42 - die Kälte durchstach die dünnen Beinkleider so, baßer gleich »u zittern begann. Und al- habe er etwas Unrechtes getan und^fein Herr stände zürnend hinter ihm, richtete er sich auf, wie es ihm eingedrillt war und tappte schaukelnd und krumm- beinig weiter, mit auswärts gebogenen großen und schmalen er zauderte. . „ , . . _ Schnee lag auf der Strotze, es zog kalt herein und vereinzelte Nocken schlugen ihm gegen die abstehenden, kahlen Ohren. Da hörte er Stimmen hinter sich — noch schmerzte ihn der Bauch von den empfangenen Tritten und er rannte die dunkle Stratze hinunter, vorbei an vereinzelten Fuhgangern, die angewurzelt stehen blieben, verlor seine Schuhe, rannte, von ihnen befreit, doppelt so schnell, immer weiter in hellblauen Socken durch den Schnee, bis er in eine stille Gegrnrd kam. Dort hielt er an unb setzte sich auf den Boden. Aber Qarhi «. danken, dah Peter in dieser verzweifelten Lage einer, Mter ?ol<^r" Umständen höchst ehrenvollen Frieden schlitzen und mit seinem Heere unbehelligt abziehen konnte. Und dann ist es auch sehr wahrscheinlich, datz seine Stotzen Reformen zum nickt aerinaen Teil auf ihre Initiative zuruckzufuhren sind. Reben Mder8 Arbeit, die sich mehr hinter den Kulissen abspielte, verstand es Katharina, die Gmporgekmnmene, aber auch mit glän- zendem Geschick, Hof zu halten, im Mittelpunkt der neugeschaffe- nen Geselligkeit zu stehen, sich mit einem ihrer Stellung entbrechenden vornehmen Luxus zu umgeben. Sie stand also durchaus als Ebenbürtige neben Peter, und wenn ein alter Geschichts schreiber das treffende Wort geprägt Hat: „Der Staat war seine erste, Katharina seine zweite Liebe", so hat er^das sicher nicht im Sinne des Racheinanders, sondern des Rebrne'.nanders gemeint. „Prinz Orloff." Bon A. M. Frey. Der Vorhang hob sich und an der Hand seines Herrn betrat Prinz Orloff, der Schimpanse, die Bühne. Er schaukelte mit Seemannsschritten bis an die Rampe, sandte einen öemiltlg müden Blick in das Gesicht seines Meisters, der ihm ein heimliches Zeichen gab, und lüftete dann folgsam seinen Zylinder. $ Aber die weihbehandschuhte Affenhand säumte, ihn wieder aufzusetzen. Prinz Orloss kauerte sich zusammen, starrte in den Zuschauerraum und lieh den Hut zu -bvden kollern. l)rge dS eiüaog ihn plötzlich und gänzlich dem Kreise seiner ein- aedrttlten Lächerlichkeiten. Gr starrte angestrengt auf einen Punkt und schmatzte leise da»», rätselhaft und selbstvergessen. Sein Herr schüttelte ihn. Gr kam zu sich, stülpte den Zylinder aus glänzend schwarze Haare und humpelte willig, den Svazierstock in der Rechten, zum Kleiderständer. Dort entledigte er sich seines Stockes, feiner Handschuhe, feineS Mantels — mit Bewegungen, die plötzlich Einschlafen konnten um desto heftiger wieder auszubrechen. Dabei spähte er ein vaarnml nach der nämlichen Stelle im Zuschauerraum veraast sich knickte zusammen, wurde Tier, suchte gleich darauf schickdbewußt das 2luge seines Gebieters und zerrte weiter an seinen Bekleidungsstücken. Dann stand er da, im Frackanzug und weißem^Hemd, die feingegliederten Hinterbeine in ungefügen und lästigen Lack ^Sein Herr veranlahte ihn, am Tisch Plah zu nehmen Dort entkorkte er selbständig eine Flasche, ah hastig einpaar j Brocken mit einer Gabel, die er fallen lieh m:E). | Mieder zwischen die Pfoten klemmte. Und immer wieder flog I fein runder schwarzer Tiermenschenblick unter gewölbten Augenbrauen in eine der Logen zur Linken. I Gr hatte seinen Teller leer gefressen, das Glas mit rot- gefärbtem Zuckerwasser ausgeschlürft und entriß nun einem Etui, das er aus der Westentasche fingerte, eine 3ignrette, die er in Brand setzte. Da er aber nach dem erst«: Zuge in ein klägliches Husten verfiel, nahm sein Herr ihm den Tabak aus gleichgültigen Pfoten, wobei er bedachte, dah dies der vierte i Albend sei, an dem das kostbare Schaustück durch Rauchen einen | Hustenanfall bekäme, und entschloß sich, diesen Punkt der Dor- Mrung von morgen ab Wegfällen zu lassen. Gr nochdamit beschäftigt, die glimmende Zigarette auf einem Teller zu zer drücken, als der Affe die Füße auf Tisch stemmte, sich einen Ruck gab, und Geschirr und Tischtuch mit sich reihend, jenseits auf dem Boden landete. Auf allen Bieren lief er hurtig über die Bühne an die Rampe und weiter über die Köpfe unb Schultern der entsetzt in sich gebrochenen Musikanten geradewegs in eine Loge zur Linken, neben eine Danie d e schrill auf schreiend zu verhindern auherstande war, dah Prinz Orloff den gleihenden Drillantschmuck ihr^ entblühten Halses zwischen behutsame, kühle, ein wenig klebrige Unger nahm, wobei er glücklich und beinahe jubelnd zu gurren begann. Aber schon hatte sich der Begleiter der Dame erhoben und in Angst und Abwehr mit dem Ah gegen das ^''Uer gestoßen Prinz Orloff erschrak, als man ihm so begegnete, fletschte ratlos die Zähne, umkrallte bei dem zweiten Zuhtritt den Schmuck der bereits Ohnmächtigen, sprengte das Schloß und fluchtete mit fliegenden Frackschößen aus der Loge und durch die Reihen auseinanderstäubender Menschen gegen den Ausgang. Er gewann eine offene Tür und vorbei an einem Saaldiener, der eine Bewegung machte, als wollte er einen Elephanten ein* fangen, einer Vorhalle mit kreischenden Garderobefrauen und einem leeren Gang endlich ein Portal ins Freie, unter dem Saneo' begegnete ihm ein Straßenfeger. Der musterte Öen kleinen Mann im Frack, lachte - besann sich bann, dah noch nicht Fastnacht sei und wurde unsicher. Prinz Orloff aber schaukelte auf ihr. zu, tastete vertrauensvoll nach der herab- hängenden Hand des Fremden und versuchte, unter dessen wärmenden Ueberzieher zu kriechen. Die Abweisung, die er augenblicklich erfuhr, war sehr hart, und er sah dem wie wahnsinnig Davonstürzenden traurig nach. a Darauf wankte er weiter und entdeckte ein offenes, erßellteS Fenster im ersten Stock eines Hauses. Wo Licht ist, E Wärme. Mil Hilfe der Dachrinne gelangte er hinauf und spähte vom Fenstersims aus in das Zimmer. Drinnen stand ein Mann, der den verqualmenden Raum auslüften lief} und uut^des^n die Decken seines Bettes zur nächtlichen Ruhe richtete. Da Prinz Orloff schlechte Erfahrungen mit den Menschen gemacht hatte kümmerte er sich weiter nicht um den Anwesenden. Aber die Gegend des Ofens schien ihm Schöns zu versprechen. Mit geschmeidiger Schwerfälligkeit stieg er rückwärts ins Sanier- lautlos — und näherte sich der ersehnten Wärmequelle. Dort entledigte er sich seiner feuchten Socken, die ihn arg belästigten, und umfing mit Armen und Meinenden kleinen Ofen, dessen Leib feine letzten Wärmereste gab. Den Körper an dieeiserne Wölbung gepreßt, wäre er fürs erste «lucklich gewesen und ' hätte sein behagliches Gurren gewiß fortgesetzt, trenn meßt bei Akann am Bett, eben durch diese merkwürdigen Kehllaute ver- I anlaßt, sich umgedreht und den Ofen ins Auge gefaßt hatte. Er begann sofort sinnlos und anhaltend zu brüllen und gegen die Türe und zu ihr hinaus zu stürzen. Dieses wüste Lärmen und aufgeregte Gebaren belehrte Orloff, daß abermals etwas nicht in Ordnung sei. ®r heß den Ofen fahren, tappte ans Fenster, wurde von einem Kälteschauer über- rieselt und kehrte zurück, die Pfoten wieder sehnsüchtig an das warme Eifen legend. Doch als drei, unsicher drohend und seind- I selig schreiend, im Türrahmen erschienen, nahm er endgültig i und eilig den Weg, den er gekommen. I Er rannte wieder durch den Schnee und seine Sohlen hinterließen eine große seltsame Fährte. Er gelangte m belebtere 1 Gegenden. Menschen kamen auf ihn zu ein spater Wagen der Straßenbahn surrte vorbei. Die Menscher ganz zu meiden, hielt er nach den letzten Erfahrungen ftrr gut. Aber ber Straßenbahnwagen war hell erleuchtet,und wo Licht ist, dort ist Wärme. Mit ein paar langen Sätzen schoß er hinterher Unf> ©er^eere^QBagen ratterte weiter. Der Schaffner hatte nichts gesehen und die Zurufe der wenigen bestürzten Fußgänger überhört. So hockte Prinz Or off unangefochten o^n auf bem Dach des Wagens, wo es holvisch kalt war. Er hielt sich mit den Vorderpfoten fest und versuchte die ganzerstarrten Hinterhände an ber Scheibe des gelben und darauf des blauen Signallichtes aufzutauen. Aber das Licht enttäuschte ihn, es strahlte, ohne zu wärmen. Er untersuchte es genau, legte schließlich die Wange an die leuchtende Scheibe, aber er entlockte ihr die ersehnte Wärme nicht. Unterdessen sauste ber Wagen, ohne einmal zi bremsen, feiner letzten Haltestelle zu, die an ber Stadtgrenze lag. Prinz Orloff als er vergebens mit den Lichtern sich beschäftigt hatte, begann, ba ihn nicht nur fror, sondern auch ßujngerte, an ber Brillantkette zu knabbern, die er bisher in der Dackentäsche verwahrt gehalten hatte. Aber auch hier sah er sich betrogen, sie war Fein Mittel gegen seinen Hunger, so wenig tote die kalten Lichter eines waren gegen den Frost. Der Wagen fuhr langsamer und hielt an den letzten Hausern der Stadt. Hinter ihnen begann ein Park. Der Schaffner stieg aus und wollte die Kontaktstange umstellen — da eiitdeckte er droben den Fahrgast. „He?" sagte er verständnislos. , He! Sie! und schwieg bann verwirrt. Prinz Orloff aber witterte Unheil. Er entblößte die Zähne, warf bem Untenstehenden die nutzlosen Brillanten vor die Füße, glitt vvm Dach herab und verschwand b”^5>u auj aiten Bieren, bis ihm etwas Halt gebot. Ein Baum. Er richtete sich an ihm auf und ^tastete benl Stamm. Obwohl in ber Gefangenschaft geboren ließ die seinem Blute und seinen Muskeln vererbte Vertrautheit mit der Rinde des Baumes ihm sogleich erkennen, daß dies etwas für ihn fei. Freudig begann er zu klettern und zum brittenmat an diesem I Abend hatte er sein zufriedenes Gurren. Gr war so sehr bei ber Sache, baß er Hunger und Kälte vergesst konnte- »o | ganz hinge-geben turnte er zur Hohe, baß bte Frackschoße wir | beiten und ber Schnee von den schwankenben Aesten ßaubte. | Das rutschende Beinkleid behinderte ihn, er ft reifte es ab, ließ I es zwischen den Zweigen hängen und turnte weiter | Bald jedoch ermattete er. Mehrfach mußte er husten, bekam I schließlich einen heftigen Anfall dem er sich krustlos überli^ I Als ber Husten vorüber war, leckte er vom Ast ein wenig Schn« I mit glühender Zunge und sah sich hilflos um, 43 — ES fror ihm entsetzlich an dem Bauch, zumal er die Hosen verloren hatte und das kurze Hemd ganz hinaufgerutscht war. Zur Abwehr legte er deshalb die großen Hände und mageren, behaarten Arme dicht an den Leib und knüllte sich zusammen, bis er nur so grob war. wie eine Kokosnuß. ES half nichts« die Kälte frab und fraß sich durch. Da stieg er trostlos und mit erstarrenden Gelenken abwärts. Am Fuß des Baumes wollte er die Bodenwanderung abermals aufnehmen. Doch die Glieder gehorchten ihm nicht mehr; er fiel auf die Seite und ein Fieberschauer packte ihn. Dennoch erzwang er die Kraft, sich aufzurichten uird seinen Frack anzu- ziehen, den er um die empfindlichste Stelle seines Körpers, um den Bauch, wickelte. Dann sank er wieder um und blieb so liegen, fuhr Wohl ein paarmal mit der groben Fläche seiner braunen Hand über die gestärkte Hemdbrust, wurde von innen heraus durchrüttelt und durchschüttelt, versuchte auch vor unbekannten Schreckbildern zu entfliehen, ohne weiter zu kommen, als bis zum entsetze lichen Heben seines fieberhaften Kopfes — und zuckte nach Ablauf der halben Winternacht noch selten und beinahe friedlich, bis er sich zum allerletzten Male streckte. So vollendete Prinz Orloff den Leidensweg seines Tier» Menschendaseins. Die Flibustier. Eine Erzählung von der Küste Brasiliens. Don Dr. Alfred Funke. (Fortsetzung.) Wenn alles schief ging, was dann? Bei diesem Gedanken! wurde es ihm sehr unbehaglich zumute, etwa wie dem Fuchs im Tellereisen, wenn er 6en Jäger kommen sieht. Dann muhte auch er den schönen Balg lassen, nämlich die stattliche Uniform mit den vier goldenen Streifen am Aermel, den tönenden Titel, das schöne Gehalt und die Ehren zu Wasser und zu Lande. Und wenn er dazu erwischt wurde von Feinden, so stellten sie ihn vor das hochnotpeinliche Kriegsgericht und machten ihm den Prozeh. Landesverrat, Meuterei und andere erbauliche Dinge! Caramba! Carajo! Wenn er dann nicht auf den Sandhaufen und vor ein Dutzend Gewehrläufe gestellt wurde, konnte er von Glück sagen. Aber dann schaffte man ihn todsicher nach der Strafinsel Fernando de Noronha, wo er mit anderen Verbannten vor Langeweile Schimmel ansetzen und auswachfen konnte. Freilich, die meisten Verschickten wurden nach einigen Jahren unfreiwilliger Sommerfrische auf die Fürsprache guter Freunde und politischer Gevatter erlöst. Wer aber Pech hatte, konnte sich die Grabstelle aus der einsamen Felseninsel aussuchen und ein ganzes Lebenlang hinausstarren auf den endlosen Ozean und mit neidischen Augen den Dampfern unter der Rauchwolke und den Möwen folgen, die sich frei durch die Lüfte schwangen, wohin sie wollten. Er aber, Alfredo Moreira, war sicher ein Pechvogel! „Hol's der Böse!" sagte er unwillkürlich. Da war es im elendesten Hafenloch hinter den Dünen im Süden denn doch tröstlicher. Kommandant Moreira fluchte aber bald darauf noch einmal ein „Pucha diabv!" Dämlich, als ein Kriegsschiff mit hoher Fahrt voraus gemeldet wurde. Der Läufer, der diese Nachricht von der Bnrcke brachte, war selbst bestürzt. Der Kommandant aber fuhr aus seinen bösen Träumen so heftig und jäh auf, als habe ihn jemand an sehr unpassender Stelle mit einer Stecknadel erfreut. Ein Kriegsschiff?! — Wenn es nur keiner von den Kriegskähnen war, die ihm ohne Frage auf die Spur gesetzt waren und die „Gloria" liebend und gern in taufend Fetzen geschossen hätten! Und wie es mit den eigenen Granaten an Bord der „Gloria" aussah, dah wußte keiner besser als der Kommandant Moreira selbst. Aus der Tiefe seiner Einbildungskraft wuchsen die zackigen Umrisse der Strafinsel so deutlich empor, dah er das berüchtigte Felseneiland mit wirklichen Augen zu sehen glaubte. Als er auf die Drücke stürmte, war alles in gröhter Aufregung, und auf der Schanze und Back ebenfalls. Alles starrte nach dem gemeldeten Schiff, das bis jetzt noch keine Flagge zeigte, dessen Masten und Aufbauten aber den Kriegskahn sicher verrieten. Ja, ein Maat behauptete mit Bestimmtheit, er erkenne die „Aquidaban"; ein anderer wollte einen Patacao wetten, es sei die neue „Amazonas". „ Lügt nur weiter in euren schwarzen Hals hinein!" schrie ein dritter. „Es ist die „Minas Geraes", und die ist noch schlimmer!" „Wenn es einer von den dreien ist," ergänzte £>er Wachhabende leise zu Lührs, der den Kieker handhabte, „so find wir Fischfutter, ehe es acht.Glasen schlägt!" Der Kommandant nahm die Meldung des Wachhabenden auf der Brücke mit sehr gemischten Gefühlen entgegen und lieh sich den Kieker geben. Ohne Zweifel — der große Kerl voraus, der auf die „Gloria" Kurs hielt, muhte als ein modernes Kriegsschiff angesprochen werden. „In der Tat — ein Kriegsschiff!" gab Moreira zu und ließ den Kieker sinken. „Das wissen wir lange," meint« Lührs für sich, „Wenn du weiter nichts zu sagen hast!" „Zeigen Sie die Flagge!" befahl der Kommandant dem Ersten Offizier. Das geschah, uni) die Flagge der Revolutionäre wehte lustig in den blauen Tag hinein vom Grohtopp. Alles anf Bord wartete aus die Antwort. Die lieh lange genug auf sich warten. Für alle Fälle lieh der Kommandant „Klarschiff" schlagen. Auf ein Gefecht konnte er sich im Ernstfall freilich kaum einlasfen, und mit dem Auskratzen war es auch so eine, Sache! Der schwane Kerl da hatte kräftige Maschinen und holte den kleinen Kreuzer ohne Zweifel bald ein. Wie hoch die Bugwelle des Fremden ging! Ungemütlich war die Geschichte auf jeden Fall. Aber Moreira lieh schon deswegen Klarschiff schlagen, damit jeder von der Besatzung auf seinem Posten war und nicht umherstand und gaffte. Die Offiziere handhabten ihre Kieker unablässig. Wenn der Kerl voraus nun nicht bald die Flagge zeigte, war die Sache sehr verdächtig, ja, schon mehr sengerig. Dann heulte die erste Granate als Gegengruh heran, und diese Aussicht war auch nicht gerade geeignet, fröhliche Gesichter zu machen. So ein Zuckerhut aus großem Rohr durchschlug glatt Aufbauten und Decks und pfefferte die Maschine kurz und klein, dah der „Gloria" die Puste ausging! älnd dann wurde allen der Atem zu kurz. Wenn man doch schon in Sao Jose do Matabicho gewesen wäre! Jeder an B>rd hatte seine eigenen und geheimen Vermutungen. Wenn der schwere Kasten wirklich die „Amazonas" oder „Minas Geraes" war, so schonte sie den Revolutionär sicher nicht, denn der Kommandant der „Amazonas" war ein grimmiger Feind der Revolte gewesen und hatte geschworen, er werbe jeden Rebellen an die Rahen knüpfen lassen, und wenn daS Schiff aussehe wie eine Herings räucheret! Jeder, der daran dachte, bekam plötzlich ein ganz ungemütliches Gefühl am Halse. Uni) Moreira sagte zum dritten Male: „Pucha diabo!" Seine Offiziere machten bekniffene Gesichter. Wenn der Alte schon so greulich fluchte, sah es verdammt windig um die „Gloria" aus, denn sonst steckte Moreira doch immer die Flagge der Zuversicht heraus und tat, als habe er taufend Milreis im Sack, wenn auch nur fünf Patak darinnen waren. Die Entfernung zwischen beiden Schiffen wurde immer knapper, die Bugwelle des Fremden war bereits mit bloßem Auge zu erkennen. In einen halben Stunde konnte er die „Gloria" fassen, wie der Sperber den Spatzen. Da!--- Ein Seufzer der Erleichterung hob die Brust des Kommandanten. Der Fremde steckte die englische Flagge heraus. Lustig wehte der Union Jack. „Junge, du hast schwere Angst ausgestanden und das Herz auf einem durchaus unvorschriftsmähigen Flecke gehabt," dachte Lührs mit einem Seitenblick auf Moreira, der den Bart wieder zwirbelte, sich schnell faßte und zuversichtlich sagte: „Wie ich gleich dachte: Ein Engländer. Ich erkcumte ihn an den Aufbauten. Er lag vor einem Monat in Rio." „Lüge du und der Deubel!" dachte Lührs, und die Offizier« dachten ähnlich. Auch die Besatzung der „Gloria" stöhnte erleichtert auf, wenn auch jeder tat, als habe er auf ein richtiges Seegefecht gebrannt. Besonders die Leute an den Geschützen rissen das Maul gewaltig auf, obwohl sie nur Kartuschen und keine Granaten im Rohr hatten. Der Engländer erwidert« den Gruh der „Gloria" durch Dippen der Flagge, und alles schwenkte die Mühen, als sei ein grobes Ereignis zu verzeichnen. Lührs aber hatte wiederum seine eigenen Gedanken und für die tapfere Besatzung einen Hamburger Kraftausdruck sehr anrüchiger Natur, der durchaus nicht für die Ohren des Kommandanten berechnet war. Nun war an Bord der „Gloria" alles frisch und zuversichtlich. Wenn man einer großen Gefahr entronnen war, so hatte man doch Grund, den fröhlichen und tapferen Seemann zu spielen. Der Kommandant opferte die angeblich letzte Flasche Champagner, stieß mit seinen Offizieren an, hielt dazu eine fulminante Ansprache und brachte ein „Viva!" aus auf die wahre Republik, auf Sieg und Ruhm, und dachte doch dabei heimlich im Busen: „Jungens, toetm wir doch erst heil und ganz In Sao Joss do Matabicho wären!" Do übersetzte sich wenigstens Lührs die glühende Ansprache. Dann ging alles wieder seine Wache wie sonst. Lührs war andauernd auf der Drücke. Er ließ sich seine Bohnen und eine Mucke Tee heraufbringen, um keinen Augenblick zu versäumen. Wenn er auch sozusagen an Bord der „Gloria" mit Gewalt gepreßt, also „geschanghait" war, wie man im Hamburger Hafen sagte, so sollte doch keiner einem deutschen Qotfen nachsagen, er habe seine Pflicht nicht getan. Lührs behielt den Rudergast scharf im Auge und pfiff ihn böse an, als er das Schiff um eine Kleinigkeit vom Kurse abfallen ließ. Er wußte in diesen Breiten genau Bescheid, denn oft hatte der „Dom Pedro" auch Küstendienst getan im Süden von Rio do Bugre. Gegen Abend kam der Leuchtturin von Sao Jvsö do Matabicho in Sicht an einer flachen Dünenküste. Rach der Seekarte war die Einfahrt nicht leicht. Der Wachhabende meinte freilich sorglos: „Wenn wir auf Sand geraten, gehen wir einfach in die Boote." — 44 — Sührs hätte den Herrn, der nachlässig, die Hände in den Hosentaschen, au, der Drücke stand und gemütlich feine Zigarette rauchte, am liebsten einen Schasskops genannt. Aber er beherrschte sich ein bißchen und meinte ironisch: „5htf> falls eine Mühevoll Wind ausspringt, wenn wir auf dem Sande kleben — was dann?" „ . , „ . Dem Offizier war die Frage peinlich. Gr wußte keine Antwort, nahm den Kieker und suchte den trostlosen Strand ab. „Eine verdainmt interessante Gegend!" spottete er ingrimmig. „Sie konnte noch interessanter für uns werden, wenn em feindlicher Kreuzer im Hasen läge oder auch deren zwei," meinte Lührs gelassen. „Das fehlte uns noch! Malen Sie den Teufel nicht an die Wand!" Kommandant Moreira erschien auch auf der Drücke und lieh sich von Lührs über Sav do Matabichv belehren. LührS erklärte, an sich sei der Hafenplatz ein ödes, gottvergessenes Strandnest, in dem die Aasgeier auf den Straßen spazieren! gingen. Als Desatzung habe es nur die Zvllwache, die vor Langeweile Moos ansetze. Eine Tageszeitung friste ihr dürftiges Dasein, und ihr Redakteur wechsle im Jahre wenigstens zweimal die politische Gesinnung. Gr habe bei der letzten Anwesenheit Lührs freilich zur Fahne der Regierung geschworen. Es fei jedoch wahrscheinlich, daß er fanatischer Anhänger der Revolution sein werde, sobald die „Gloria" einlaufe. „Das wäre für ihn allerdings das Dernünftigste," erklärte Moreira. „Wichtig ist Sao Jose do Matabichv als Ausfuhrplatz für die großen Rarqueadas*), die einige Kilometer landeinwärts liegen und als Stapelplatz für die deutschen Siedlungen, Die einige Meilen südwärts beginnen. Sie bringen Tabak, Mais, Schmalz, Bohnen auf den Markt. Die Schlächtereien verfrachten Dörrfleisch und trockene Häute." „Eine ganz nahrhafte Gegend!" lobte Moreira. „Das wissen die Regierungsschiffe auch," entgegnete Lührs und verstimmte ihn damit arg. Die Matrosen der Freiwachs berichteten aber, daß hinter den Dünen ein Land voll Milch und Honig liege. Da spitzte mancher die Ohren und nahm sich im stillen vor. in dieses Paradies zu entschlüpfen und dort die liebe Seele zu pflegen. Wenn Kommandant Moreira alle guten Vorsätze seiner Braven gekannt hätte, würde er den aussichtsvollen Hafen kaum angesteuert haben. So aber stand er voller Hoffnung neben Lührs und lobte diesen, als er genaue Peilung nach den Landungsmarken nahm und dann vorsichtig die Einfahrt zwischen den Bänken ausmachte. Der Leuchtturmwärter grüßte den Kreuzer sehr höflich mit der Flagge. Das war ein sicheres Zeichen, daß kein Regierungs- schiff im Hafen lag. Aach einer kleinen halben Stunde heulte die Sirene der „Gloria" über San Jose do Matabichv hin, wo ein englischer Dampfer Häute lud. Kaum hatte der Kreuzer unter der Revo- lutivnsflagge Anker fallen lassen, so stieß bereits ein Doot unter gleicher Flagge vom Staden des Zollhauses ab und machte längsseits der „Gloria" fest. Herren in Uniform oder im Frack und Seidenhut kletterten das Fallreep hoch, auf dessen oberster Stufe der Erste Offizier sie begrüßte und zum Kommandanten! geleitete. Die Herren bildeten eine feierliche Abordnung unter Führung des Intendanten und des Redakteurs der „Liberdade", und Lieser ergriff da» Wort zu einer längeren und blumenreichen Ansprache, in der er namens der anderen dem Kommandanten die Gefühle der gleichen Gesinnung zu Füßen legte. Er wand Dem „heldenhaften und glorreichen Sieger von Rio do Bugre" einen grünen Lorbeerkranz von stattlichem Umfange und schloß den schwungvollen Erguß mit dem Rufe: „Es lebe die Revolution! Es lebe Admiral Moreira!" Der Kommandant der „Gloria" hatte nichts gegen diese schnelle Beförderung einzuwenden. Er hatte zum Glück keine Ahnung davon, daß der Sprecher der Abordnung ihn noch vor drei Tagen in seinem Blättchen einen „blutrünstigen Piraten und gemeinen Hafendieb" genannt hatte, für den kein Galgen der Welt hoch genug sei. Man solle ihn daher an der Spitze des Leuchtturms am Strick baumeln lassen, bis die Geier ihn erledigt hätten! Kommandant Moreira erwiderte daher mit gleicher Begeisterung und opferte die wirklich allerletzte Flasche Champagner, die er für sich versteckt hatte, zum Willkvmmenstrunk. „Die werden sie teuer bezahlen müssen, die Gimpel!" sagt« der Erste Offizier heimlich zu LührS. „Das glaube ich schon." Auf den Abend war für den Kommandanten Moreira und die Offiziere der „Gloria" feierlicher Empfang auf der (Samara Municipal angeseht. Auch Lührs wurde dazu von Moreira befohlen. Lührs tat zwar, als gehe ihm das sehr gegen den Strich, und er sträubte sich heftig gegen die Einladung. Im Stillen jedoch brannte er darauf, an Land zu kommen. Wenn *) Dörrfleischfabriken. er erst festen Boden unter den Stiefeln habe, solle ihm Moreirq bald nachpfeifen l Moreira und seine Offiziere warfen sich also baldigst in Gala. Auch dem Kameraden Lührs drängten sie ein paar weihe Handschuhe auf, die er anquetschte, damit er gleichfalls festlich aussehe. Dabei besann er sich aber mit Freude, daß er in Sav Jofs do Matabichv einen deutschen Vendeiro kannte, dep mit den Kolonisten des Hinterlandes Handel trieb. Bei dem wollte Lührs in aller Stille vorsprechen. Im Doot, die Flagge am Stern, lieh sich Moreira in großer Gala mit den Offizieren an den Staden des Zollhauses rudern, wo ihm eine Musikbande die Aationalhymne ins Gesicht schmetterte, daß er am liebsten Watte in die Ohren gestopft hätte, und ein gewaltiges Divarufen Hub an. „Die schwarzen Affen blasen greulich." schimpfte er heimlich zum Ersten, „und der Kapellmeister fuchtelt in der Luft herum, als müsse er sich gegen eine Rotte böser Geilster wehren." Aber er lächelte verbindlich dabei und grüßte dankend, als er die Steinstufen würdevoll emporstieg. Auf der obersten mußte er die erste Ansprache an Land über sich ergehen lassen, am Eingang zur Samara Municipal die zweite, und während ihm sein Lob in hohen Tönen gesungen wurde, knatterten und zischten hundert Raketen in die Lust und krachten Kanonenschläge. als sei der große Treffer im „Dicho"*) gezogen. Die Bevölkerung stand vor der Aathaustür, und Lührs benutzte das Gedränge, um spurlos darin unterzutauchen. Er zog die Handschuhe aus. schrie tapfer mit und lieh den glorreichen Admiral Moreira mit hvchleben, aber er steuerte dabei mit Dolldampf rückwärts und gewann eine kleine Seitengasse, in der die Oellampen ein trübes Licht verbreiteten. Da setzte er Kurs mit höchster Kraft und gelangte bald durch andere Strahen und Gassen, immer durch das Halbdunkel gedeckt, an die Behausung des Bendeiro Henrique Wegener Filhv, und traf darin den guten Freund selbst zu Hause. „Ich werde doch meinen Kram hier nicht leerstehen lassen, Käpp'n Lührs," erklärte Wegener, „wenn die Zeiten so unsicher sind! Aber wer Deubel karrt Sie nach Sao Jos? do Matabichv? Oder gehören Sie auch zu Moreira und seiner Piratenbande? Die werden hier wohl schön ausräumen, aber ich habe mich schon an unseren Dizekonsul gewandt und die Flagge aufgezogen. Doch nun sehen Sie sich erst mal hin und nehmen Sie einen Schluck Portwein! And essen müssen Sie auch. He. Maria!" rief er in Me Küche. „Schaffe ein ordentliches Essen auf den Tisch für den Landsmann! And nun legen Sie mal los! Wie kommen Sie her?" Das tat Lührs in aller Eile, aber er dankte für das Essen. Er hatte keine Zeit, wohl aber ein dringendes Anliegen an den Freund Wegener. Er brauchte einen guten Gaul und einen zuverlässigen Führer, einen richtigen Daqueano, nach der Kolonie Sant' Jzabel. Da war er vorläufig in Sicherheit und wollte sich dann schon nach Rio dv Bugre zurechtsinden. Der Dendeiro hatte einen guten Braunen im Stall, und fein schwarzer Speckausbrater Gennano wußte genau, wie man am schnellsten nach Sant' Jzabel gelange. „And da wenden Sie sich nur an meinen Compadre Jakob Scheer. Gr hat mir zwar zehn Sack Schwanzbohnen**) geschickt, aber et ist darum doch mein guter Freund. And für die Schwanzbohnen werde ich ihm schon den entsprechenden Preis machen. Das können Sie ihm bestellen." Das Pferd war in fünf Minuten gesattelt, Germanv bestieg einen zweiten Gaul, und beide Reiter sprengten in langem Galopp über den Kamp, während Admiral Moreira sich auf der festlich erleuchteten (Samara anfeiern lieh. Es war lange Mitternacht vorüber, als Moreira und seins Herren an Bord zurückfuhren. „Wo haben Sie den deutschen Lotsen?" fragte der Wachhabende auf dem Schiff. Moreira war es bisher nicht ausgefallen, daß LührS fehlte, und die anderen hatten ihm wohlweislich nichts gesagt. Gr machte daher ein ganz betroffenes Gesicht. „Wahrscheinlich steckt er doch in seiner Haut!" meinte er verdrossen. „Ober er feiert noch ein bißchen an Land. Vielleicht hat er zu schwere Fracht unter die Luken genommen, hat Schlagseite und findet den rechten Kurs nicht zurück. Die schwarzen Affen im Boot sollen zurückrudern und ihn holen!" Die Matrosen fluchten zwar, daß sie noch einmal zurück- pulen muhten, und Moreira fluchte noch mehr, als sie ohne Lührs wiederkamen. Er wurde aber wütend, als ein Cabv meldete, baß zwei schwarze Rudergäste des Bootes auch nicht wiedergekommen seien. Sie hatten fich französisch gedrückt, als die anderen den Deutschen suchen sollten und in der Stadt umherliesen. Der Kommandant donnerte den Cabo an, aber darum kamen die Ausreißer nicht zurück. (Schluß folgt.) *) Lotteriespiel. **) Durch Rässe gekeimte Bohnen. Schriftleitung: Dr. Jriedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brübl'kÄen Amv.-VuÄ-- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.