Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, Sen 6. Oktober Nummer 80 Gilt. Do« Otto Erich Hartleben. ... Als ich dann wieder in die Heimat kam — im Frühling war's, die Hyazinthen blühten — da war sie tot — von fremden feiten Menschen hinausgetragen in ein kahles Grab.--: Ich fand es nicht. Langsam ging ich zurück in ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin sprach schmunzelnd: „Gott! Die Menschen sind nicht rar! Dicht eine Woche stand ihr Zimmer leer! Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonetilein darin — ganz jung noch — mit so luftigen Füßchen! Woll'n Sie sie sehn?" --- Lind ich erfuhr, wie sie gestorben war. Dor ihren Augen, während sie in Qualen ohnmächtig dalag, hatten — ihre Schwestern begierig ihrer Habe sich bemächtigt: Sparkassenbücher, Kleider, Schmuck und Wäsche aus allen Kästen sich hervorgesucht und umgepackt in einen großen Korb. — Da... hatte sie den bleichen Kopf erhoben von ihrem Kissen, hatte sich verwundert mit großen, schwarzen Augen umgeschaut und hatte... gelächelt... Mir ift... als ob ich dieses Lächeln sähe! örmnerungen an Otto Erich Hartleben. Don Hans Bethge. l. Ich möchte einige Erinnerungen erzählen, die mich mit Otto Erich verbinden und sein Wesen gut charakterisieren. Ein kleiner Beitrag zur Kenntnis des Menschen, nicht des Dichters Hartleben wollen diese Zeilen sein. Wir wurden auf folgende Weise miteinander bekannt. Als junger Student, int Jahre 1896, sandte ich ein Manuskript — es waren Verse mit kleinen Prosasachen vermischt — an einen Berliner Verleger, und dieser gab die Sachen zur Einsicht und Prüfung an Otto Erich weiter. Otto Erich schrieb mir darauf — er mußte bei besonders guter Stimmung sein — einen launigen, aus Lob und Tadel anmutig gemischten Brief, und ich weiß noch den lauen Sommerabend auf Sylt, als ich den Brief empfing und das ganz entzückende Bild in Händen hielt, das er den auf kostbarem Büttenpapier geschriebenen Zeilen bergelegt hatte. Es war eine photographische Liebhaberaufnahme, die ihn in einer venezianischen Gondel liegend zeigt. Das schöne klare Profil sieht auf das ruhige Meer hinaus, mtd um das Haupt drängen sich dichte, üppige Locken. Zwanglos und ernst liegt er da, in einem bequemen, losen Flanellanzug gekleidet, träumerisch und doch sehr wach. Ein reizenderes Bild habe ich nie von ihm gesehen. Als ich ihn dann leibhaftig kennen lernte, war er ganz anders. Ich studierte in Halle, und die dortige „Literarische Gesellschaft", deren treibende Kraft damals Dr. Carl Müller- Dastatt war, hatte ihn eingeladen, im Winter 1897/98 den Mitgliedern einige neue Novellen vorzulesen. Er sagte zu und kam. Wir erwarteten ihn am Bahnhof, und als ich ihn hier aus dem Abteil herausspringen sah, da sah ich nicht den schönen jugendlichen Kopf aus der veneziamschen Gondel vor mir, sondern ich sah einen allzu umfangreichen und aufgeschwemmten Mann von fast kolossalischen Dimensionen des Körpers. Ein Pokulant, ein lachrnder Zecher trat uns entgegen. Sein mächtiger Körper hielt damals dem Andrang allzu schwärmerischer Dächte noch stand. Er war in der Blüte seiner ZeHerjahre. Wir gingen durch die Stadt und landeten in der gemütlichen Weinstube von Johannes Grün. Hier wurde außerordentlich vktzl Rotwein getrunken, man kam auf den bevorstehenden Abend der „Literarischen Gesellschaft" zu sprechen und richtete die Frage an Otto Erich, was er eigentlich vorzulesen gedenke. „Sehr einfach", sagte er. „Ich lese dreierlei. Die Sachen find ausgewählt mit Rücksicht auf den Geschmack des Bourgeois (dieses Wort konnte er mit einer furchtbaren Verachtung aussprechen). Es handelt sich um eine Skizze „Das Sonnenblatt". Sehr nett. Dann kommt „Moritz der Sortimenter", eine pikante kleine Geschichte, aber ganz harmlos, habt keine Angst (er be- । wahrte einen stoischen Gleichmut, als er dies sagte, obwohl er wußte, daß ihm diese Geschichte bei den Hallensern das Genick brechen mutzte), und zum Schluß lese ich dann den „Aömischen Maler", das ist eine Dovelle, die ich freilich erst zur Hälfte fertig habe, aber ich mache sie bis zum Abend bestimmt noch fertig. Ihr könnt Such darauf verlassen. Da, Prost." Wir tranken und lachten, aber dem armen Müller-Rastatt war eigentlich gar nicht lächerlich zu Mute, denn er wutzte wohl, Wie schwer und stockend Otto Erich zu schreiben pflegte, und an eine Beendigung der Novelle vom „Römischen Maler" bis zum Abend glaubte er natürlich keinesfalls. „Du wirst die Geschichte nicht fertig schreiben", sagte er bestimmt, „sondern du wirst, gestehe es offen, ein Fragment vorlesen." „Was erlaubst du dir? Wer bist du eigentlich du Journalist? (Auch dieses Wort wutzte er furchtbar auszusprechen.) Ich habe dir gesagt, daß ich diese Geschichte bis heute abend fertig schreiben werde. Sagst du noch irgendein Wort dagegen?" „Ich sage bloß, du wirst die Geschichte nicht fertig schreiben", erwiderte Müller-Rastatt mit großer Ruhe und trank fein Glas aus. „Raum!" sprach jetzt Otto Erich mit dem Pathos des Zürnenden. Er erhob sich suchte am Kleiderständer seinen Pelz, holte «n Manuskript daraus hervor — es waren Foliobogen holländischen Büttenpapiers — und rief, gebieterisch den Arm ausstreckend: „Tinte, lydischer Jüngling!" Der Kellner brachte Feder und Tinte, Otto Erich schob alle die Gläser, Flaschen und Aschenbecher beiseite, die ihm auf dem Tisch hinderlich waren, dann, nachdem er mit Donnerstimme „Ruhe!" geboten hatte, holte er eine eigentümliche Hornbrille aus der Tasche, schob sie auf die Rase, setzte die Feder an und schrieb in seiner schweren, ruhigen, schönen Schrift, indem er hin und wieder genießerisch von dem Rotwein trank, die Schlußkapitel seiner Novelle vom „Römischen Maler" nieder. Es war eine abscheuliche Atmosphäre, in der wir saßen. Zigarrenqualm lag in dicken blauen Ballen um unsere Köpfe herum, es roch dumpfig nach Wein und Pilsener Bier, wir alle hatten schon ziemlich gerötete Köpfe, und ich, der Jüngste, zweifellos den rötesten; — aber Otto Erich saß da, breit, die große Hornbrille vor den Augen, und schrieb, Wort für Wort, Seite für Seite, ohne zu stocken, nur mitunter von seltsam untergründigen Lachwellen duvchschüttert, wenn er nämlich bei seiner Niederschrift an besonders komische Stellen kam. Wir verhielten uns ziemlich still, stießen den Rauch vor uns hin, tranken, und ich sah immer zu dem großen blonden Kopf hinüber, der in so unerschütterlicher Ruhe die Bewegungen der feinen elastischen Hand regierte. Endlich seufzte Otto Erich tief auf, machte einen kleinem Schnörkel, legte die Feder hin, nahm die Hornbrille aL, sah uns an, hob fein Glas und sagte lächelnd: „Da, Prost!" Gr hatte die Novelle in der Tat zu Ende geschrieben. Stolz und festgefügt standen die Zeile« da, und kaum ein Wort war verbessert. „Ich erkläre mich für besiegt", sagte nun Müller-Rastatt, „wir wollen auf das Wohl Otto Erichs trinken." Das taten wir, und als wir nicht lange darauf nach den Ähren sahen, bemerkten wir, daß es Zeit sei, in die „Literarische Gesellschaft" aufzubrechen. Wir fanden dort den Saal schon ziemlich gefüllt, und wie immer bei derartigen Veranstaltungen, befanden sich die Damen durchaus in der Mehrzahl. Besonders waren viele Lehrerinnen anwesend, die damals, ebenso wie die Studenten, die Mitgliedschaft der Gesellschaft zu besonders günstigen Bedingungen erwarben; liebe, harmlose Damen, die mit dem Namen Otto Erich Hartleben wohl kaum irgendeine« Begriff verbanden. Dieser Abend freilich brachte ihnen einen sehr gründlichen Begriff von Otto Erich Hartleben bei. Der Dichter las, wie verabredet, als Introduktion die kleine Skizze „Das Sonnenblatt", die man höflich entgegennahm, und dann kam „Moritz der Sortimenter" — und damit das Unheil. Diese Geschichte ist eine der gewagtesten, die Otto Erich geschrieben hat, und die Art, wie er sie vortrug, forderte den Protest der Halleschen Damen noch in erhöhtem Matze heraus. Gr las mit einem behaglichen Schmunzeln, und sobald besonders vergnügliche Stellen kamen, geriet er, unfähig, sich zu bezwingen, derart in ein frohes und herzliches Lachen hinein, daß er die Vorlesung allemal auf ein Weilchen unterbrechen mußte. Dieses Benehmen und diese einigermaßen unanständige Geschichte ■ erregten den Llnwillen der anwesenden Halleschen Damen so sehr, dah n.e sich, als das letzte Wort der Novelle verklungen war, wie auf Kommando erhoben und, die bmlxat Lehrerinnen voran, den Saal mit sittlich entrüsteten Gesichtern verließen. Sie besaßen immerhin das Zartgefühl, die unanständige Geschichte nicht zu unterbrechen, sondern sie geduldig bis zum Schlüsse mit anzuhören i aber dann, als sie verklungen war, rauschten sie von hinnen. Ytto Erich sah oben auf dem Podium und sah der Szene mit ziemlicher Verwunderung zu. Dann, als sich der Saal bis auf etwa dreißig standhaftere Seelen geleert hatte, stieg e$ kopfschüttelnd herab und meinte ganz vernichtet: „Nun habe ich den „Römischen Maler" also doch umsonst zu Ende geschrieben! Gleich darauf freilich kam sein Lachen wieder, und er sagte: „Aber nein! Jetzt lese ich ihn Euch in geheimer Sitzung vor. Man begab sich in ein kleineres Zimmer. Otto Erich, kam an die Spitze der Tafel zu sitzen und nun las er, hin und wieder ein neues Glas Pilsener verlangend, den frisch beendeten „Römischen Maler" vor, eine lustige Geschichte, die freilich nicht gerade zu seinen glücklichsten gehört. Später ging es noch in em Cafe, ine Gesellschaft rouroe immer kleiner, Otto Erich immer aufgeräumter, und schließlich lieh man ihn mit einem jungen blonden Studenten, der im ersten Semester stand und ihn wegen seiner berühmten „Geschichte vom abgerissenen Knopf" heimlich anbetete, allein, und diese beiden ungleichen Kumpane tranken nun vereint die ganze Rächt hindurch, und zum Schluß noch am Morgen auf dem Halleschen Bahnhof, bis zu dein Moment, wo der Zug einlref, der Otto Erich in das Babel an der Spree zurückführte. II. Als er im nächsten Jahr sein Novellenbuch „Dom römischen Maler" herausgab, in dem auch „Das Sonnenblatt" und „Moritz der Sortimenter" enthalten find, lieh er auf das Widmungsblatt drucken: „Den Damen der „Literarischen Gesellschaft" zu Halle an der Saale." Jahrelang hatte ich nicht mehr Gelegenheit, ihn zu sehen. Wir sandten uns ab und zu eine Postkarte, aber Näheres über ihn erfuhr ich nur aus der Zeitung: von den Erfolgen seines „Rosenmontag", von seiner schweren, aus einer allzu ungebundenen Zecherfröhheit geborenen Krankheit, die ihn mehrmals monatelang an das Sanatorium fesselte und ihn manchmal dem Tode ganz nahe ins Antlitz blicken lieh. Freilich wußte sich sein Körper immer wieder, wenigstens einigermaßen herauszurappeln. Erst im Frühjahr 1904 sah ich ihn wieder: das zweite und zugleich das letztemal. Ein Jahr später war er schon tot. Ich reiste mit meiner Mutter nach Florenz und wir machten am Gardasee einige Tage Rast. Als wir durch Salo schlenderten, kamen wir an der Villa „Halkhone" vorüber, die sich „il poeta“ — so nannte man ihn in Salo allgemein — nach den unerhofften Erfolgen des „Rosenmontag" als ein Tuskulum erworben hatte. Wir traten ein, er war gerade im Garten beschäftigt, und als er mir hier, die Gartenschere in der Hand, entgegentrat, erschrak ich. Das war nicht mehr der breite herkulische Körper mit dem vielen Fleisch und noch weit weniger der Mann, wie er zwanglos und jugendlich in der venezianischen Gondel lag, sondern das war ein gebrochener, grauhaariger Mann, viel älter als seine Jahre und nicht mehr erfüllt von Hoffinmgen auf die Tage der Zukunst. Sein Gesicht war fahl, er hielt sich nicht gut. sein Gang und Wesen entbehrten der Frische. Er lud uns ein, Gäste der „Halkhone" zu sein, und wir nahmen diese Einladung für zwei Tage an. Er machte uns mit Frau Ellen Birr bekannt, seiner Freundin, mit der er den Aufenthalt in der „Halkhone" teilte. Er zeigte uns mit sichtlichem Stolz den köstlich am See gelegenen Garten, der seine ganze Freude war. Auch einen kleinen Hafen hatte er angelegt, in dem seine „Flottille" ankerte. Das war ein hübsches Doot mit dem am Bug prangenden Namen „Ellen mein Kind", in ihm ruderte oder segelte er, wenn es ihn lockte, auf die Fläche des Sees hinaus. Als wir ' noch am „Hafen" standen, sagte er plötzlich mit ernster Miene: „Jetzt zeige ich Ihnen meine Akademie." Er führte mich zu einer Reihe breiter, stufenartig übereinander liegender Marmorsitze, die sich unmittelbar im Angesicht des Seespiegels erhoben. Ich sah ihn etwas verwundert an. „Es ist die hakkyonische Akademie für unangewandte Wissenschaften zu Salo", sagte er und blieb ganz ernst „Die Namen der Mitglieder stehen an den betreffenden Sitzen verzeichnet. Hier sehen Sie Max Halbe, dort den Bildhauer Habich da den Maler Adolf Bachmann, den Dichter Meher- Förster usw. Die Podeste, die sich zwischen den einzelnen Sitzen erheben, sind für die Düsten der Akademiker bestimmt." Als wir am nächsten Tage, von der Form der antiken Oda plaudernd, für die wir in gleicher Weise schwärmten, durch den Garten schritten, sagte er plötzlich: „Wollen Sie Akademiker werden?" „Sehr gerne", erwiderte ich „Warten Sie", sagte er und entfernte sich dem Hause zu. MS er wiederkam, folgte ihm das HauSmädchen, ein braunes, schönes, schlank gewachsenes Geschöpf, deren Linien und Bewegungen ich von einer klassischen Schönheit fand, was Otto Erich höchlich amüsierte. Das Mädchen trug lacheich einen Fiasko Ehiantt und zwei Gläser auf einer Tablette vor sich her, stellte sie hin und verschwand. Otto Erich goß ein, reichte mir ein Glas, entblößte das Haupt, ich tat das gleiche, und er sprach: „Hiermit ernenne ich Sie zum ordentlichen Mitglied der halkhonifchen Akademie. Profi!" Wir tranken, daun durfte ich mir einen Sitz aussuchen und die Angelegenheit war erledigt. „ r _ Fast jeden Abend besuchte er die kleine volkstümliche Oper in Salb. An den Abenden, als wir dort waren, gab es „Faust' von Gounod und den „Barbier von Sevilla". Beide Male waren wir dort. Er pflegte die sogenannte .Königsloge" zu mieten und hatte eine kindliche Freude an der Darstellung, die, wie man ja selbst von den kleinsten Bühnen Italiens her gewohnt ist eine vechältnismätzig ausgezeichnete war. Änvergehlich werden mir die wahnsinnigen Droschkenfahrten zum Theater und von diesem zurück nach der „Halkhone" sein. Diese Fahrten wurden ausgeführt von dem mit einer aus Otto Erichs Besitz stammenden Automobiljacke belleideten Kutscher Angelo, einem heißblütigen Mamre, der von großer Dankbarkeit gegen den Dichter erfüllt war und eingeständ, daß er jeder Zeit bereit fei, sieben Menschen für den beliebten poeta zu ermorden. Das verhielt sich so: Angelo hatte einem Manne, dem er nicht zugetan war, ein Auge aiÄgeschlagen und war dafür in daS Gefängnis gewandert. Als er wieder in Freiheit gesetzt wurde, stand er mit seiner Familie mittellos da und wandte sich in seiner mißlichen Lage an den poeta mit der Bitte, ihm Geld zu leihen, damit er sich wieder ein Fuhrgefchäft gründen könne. Otto Erich erkundigte sich nach dem Manne, und da er erfuhr, daß dieser Angelo ein tüchtiger Mensch sei, der jene Tat nur in einer jähzornigen Aufwallung, in der er schwer beleidigt worden war, verübt hätte, so lieh er ihm die gewünschte Summe, und Angelo zeigte sich dieses Bertrauens würdig, denn schon nach kurzer ZÄt war er wieder der geachtetste Fuhrherr in Salo. Wenn er nun den Dichter und seine Gäste fuhr, — wie uns am jenem Abend ins Theater —, so sah er sich veranlaßt, ein Tempo zu nehmen, das alles Dagewesene bei weitem übertraf. Gr jagte, uicheimlich schnalzende Töne ausstoßend, derart durch die engen Gaffen von Salb, dah alles scheu beiseite wich und wir Insassen klammerten uns ängstlich am Wagen fest, immer in der Befürchtung, wir könnten hinausgeschleudert werden. Es war, als würde man von der wilden Jagd mit fortgerissen.- Meine Mutter bebte vor Entsetzen. , Einmal sprachen wir von Paul Hehse, der eine an der gleichen Küste gelegene Billa in Gardone bewohnte, nicht weit von Salü entfernt. Otto Erich sagte, er habe die redliche Absicht gehabt, dem älteren „Kollegen" in Gardone einen Besuch ao- zustatten. Da er nun so gut wie nichts von ihm gelesen habe, hätte er sich Heyses „Novellen vom Gardasee" gekauft, um nicht ganz unvorbereitet vor den Dichter hinzutreten. Während der Lektüre dieses Buches sei er von seiner Absicht, dem altert Herrn einen Besuch zu machen, abgekommen. Er hätte gefüllt, daß ihn mit dem Berfaffer dieser „eigentümlichen" Sachen innerlich nicht das geringste verbinde. Daher habe er eine Begegnung doch lieber vermieden. Bor der Abreise spielte er mir noch einen Schabernack. Er trug mir nämlich Grüße an fünf verschiedene Herren der abendlichen Tafelrunde im Lapischen Keller in Florenz auf, und als ich mich nachher eines Abends in Florenz dieser Gruße entledigte, lachten alle Anwesenden hell auf, denn es stellte sich heraus, dah er mir Grütze an die fünf Spitznamen eines einzigen Herren aufgetragen hatte. Die Abreise kam. Ehe ich mit meiner Mutter auf dem Nachmittagsdampfer nach Desenzano weiterfuhr, stießen wir noch einmal die Gläser zusammen und tränten auf ein Wiedersehen. Wir hielten Schalen aus schönem venezianischem Glas in dert Händen, uich Asti spumante perlte darin. Dann fuhren wir ab, und er stand winkend «in Äser. Aus dem Wiedersehen wurde nichts. Als ich im nächsten Frühjahr wieder durch Salo hinschlenderte, lag die Halkhone verödet, mit geschloffenen Fensterläden, und Otto Erichs Rumpf war schon zu Asche verbrannt. Verödet lag der schöne Garten mit dem Hafen, verödet lagen die Warmorsitze der stolzen hallho- nischen Mademie, und alles war verändert. Wenn ich an ihn zurückdenke, denke ich ihn mir am liebsten so, wie ich ihn im Leben leider niemals sah; so wie er auf meinem Bildchen in der venezianischen Gondel liegt. Meses Bild patzt auch am besten zu dem schönsten seiner Gedichte, die mir daS Liebste sind, was er überhaupt gebildet hat. Der Ring aus Eisen. Von Annie Francs Harrar. .... und damit wurde die Bronzezeit vollständig überwunden. Mit diesen eisernen Schwertern und Dolchen und Arm- spangen und Fingerringen, die in der ganzen Art ihrer Bearbeitung deutlich zeigen, wie kostbar das neue Metall damals noch gewesen sein muß, begann die Eisenzeit und ihr leben wir — 81« — heute noch. Wir glauben, es sind etwa 2500 Jahve, wahrschein- uä aber ist es viel länger..." Mit solchen oder ähnlichen Worten hebt in vielen Michern, die von der fernen Frühgeschichte des Menschen in Europa handeln, ein kultureller Abschnitt an, der so ungeheuer groß unser gesamtes Denken, Fühlen, unsere Weltkenntnis unb Stoilt- sation umspannt, daß man sich wundert, warum man für diese Umwälzung der Menschheitsentfaltung nicht mehr als eben nur diese paar nüchternen und gleichgültigen Sätze gefunden hat. Denn man denke sich nur: Die Welt ohne Eisen I Ohne die tausend Geräte, die uns aus diesem Stofs umgeben, rchne die gigantischen Maschinen, die man aus ihm geformt hat, ohne die noch giganterischen Industrien, die jene Maschinen herstellt und verwendet. Eine Welt ohne eiserne Waffen, ohne Eisen- Hochbau, ohne Eisenbahn und Dampfschiff. Mit einem Wvrtz ohne das, was uns die höchste Errungenschaft des menschlichen Hirnes tu 2000 Jahren zu sein scheint. Es ist nicht leicht, sich das vorzustellen. Denn die Technip ein nicht nur heute so bedeutsames Gebiet, fällt damit einfach sozusagen fort, ist nie gewesen, toetl unter allen Metallen, Aluminium ausgenommen, nur Eisen in so mächtigen Mengen in der Erdrinde vorhanden ist. And wo bleibt das Mittelalter der gepanzerten Ritter, wo der Pflug, wo bet Groberung^M der germanischen unb keltischen Völker, wo die Große StornS, die alle auf der Schneide eines eisernen Schwertes lagen? Man sieht, dieses Metall ist nicht fortzudenken. Kein Wunder, daß zu allen Zeiten, seit Wikingerfahrt, seit dem Schnnedegeschlecht der Wielands und Alberiche die Völler geglaubt haben, es sei von den Göttern eigens geschaffen worden für jene, die „lerne: ^^Mer^da?^ist^nur eine billige und leicht verzeihliche Täu- schung eine jener vielen, in die der menschllche Gedanke sich seit jeeingesponnen bat, wenn er meinte, Herr Wer die Dinge zu sein, trte ihn umgeben. Vichts ist natürlicher, als sosthem kindisch- naiver Glaube. Aber nichts verwirrt auch den Willen und dre Einsicht mehr, als er, um den alle Lebenden einen großen Sell (und nicht den schlechtesten) ihres Seins blind und unbesehen hinopfern, in dem Wahn, einmal müsse es doch gelingen, die ewige Weisheit der Vaturgesetze ganz und in altem nach der kleinen und, ach! so beschränkten Vernunft des Menschen zu ^«n, Eisen ist nicht unsertwegen da, ebensowenig, als wir um seinetwillen geboren wurden. Eisen ist eine der ganz großen Säulen, auf denen das Gleichgewicht eines Ausgleichs der Stoffe ruht, in der wir mit all unferm Kenntmsfen nur eben von ferne und noch herzlich verständnislos Hinblicken können. Don dem wir aber nicht wissen, warum und wozu, seit wann und wie lange noch Vur dies ist sicher, daß «in Rrng sich lautlos ineinanderflicht, der aus nichts besteht, als aus lauter Kreisläufen, in denen sich die Stoffe zuletzt auf einem ganz unvorstellbar komplizierten Weg unaufhörlicher Wandlung doch wie auf einer fortwährend pendelnden und niemals fticknden oder steigenden Wage so erhalten, wie sie offenbar zum Bestand unserer Welt notwendig sind, Unb von diesen Stoffen, dm wie Kohlensäure oder Kieselsäure oder Sauerstoff ober Wasserstoff sich uanusgesetzt verändern, und doch schließlich dieseVen bleiben, ist einer mich das Eisen. Sein Kreislauf ist em natürlicher, und her Mensch mit seiner tausendfach geschärften Intelligenz vermag, genau besehen, am Ende nichts anderes als «ine Strecke weit in ihn einzugreifen, ihn noch veränderlicher zu ^«en terne re Kultur von ihm durchdringen zu lassen. Dann aber gibt er wieder frei aus feinen sterblichen Hän^n. Der Vmg dreht sich weiter, feierlich unverrückbar. Dreht sich über Erdgeschichte, Wer das Glück und Ende mächtiger Tier- und Pflanzengefchlechier hinweg ins Zeitlose hinein und landet doch einmal nach Grdumwälzungen, durchfurcht und gezeichnet von Aufstieg und Anter- gang der Lebenden, dort, wo scheinbar alles auf eine Zeitlang 8UT Dte^Erde"ist an vielen Stellen voll Eisen. Ist es fe^ viel, so meint man das Eisenerz oder Minette. Solche mit anderen Mineralien vermischten undunremen Eifenverbindungen können bis zu 45 Prozent reines Metall enthalten. Betrachtet man die Politik der letzten Jahrhunderte, so wird man einen geheimen Zusammenhang zwischen den großen Eisengruben der Welt und den Bemühungen aller Regierungen entdecken können und manches verstehen, was sonst keinen vernünftigen Zusammenhang zu haben und nur Spiel des Zufalls zu sein schien. Es gibt aber nicht überall nur Eisenerze. Die Lager, aus denen fast das ganze Mittelalter und die Frühzeit ihren Bedarf an Eisen bestritten, bestanden aus Brauneisenstein, der zumindest damals an vielen Stellen, besonders in Mitteldeutschland, offen zu Sage lag. Er ist leicht zu fchmelzen und zu bearbeiten. Aber nicht das an ihm ist merkwürdig. Diel seltsamer ist seine Entstehung, die gewiß nicht allen bekannt ist. Aeberall, wo Eisen aus dem Botzen ausgewaschen wird (und jeder gelbe, rötliche oder braune Streifen im Gestein, besonders in Kallen, zeigt doch, dah hier der Grund eisenschüssig ist), und dann als rostrote oder ockergelbe Pfütze steht oder langsam als Bächlein davonfließt, leben Reine Einzeller, die zum Schutz vor dem allgemeinen Los des Gefressenwerdens Eisen aus ihrer zarten Haut absetzen. Zuletzt sind die Pampermonatzen mit einem stählernen, schwarzbraunen Hemdchen bekleidet, das ost genug noch wehrhafte Stacheln nach alten Seiten hin besitzt Wer wunderlich gehörnt ist. Aber solch einziges Plasmawesen stirbt toneU dahin. Die eisernen Behausungen bleiben, sinken in den Schlamm und häufen sich dort langsam auf, Jahrhundert um Jahrhundert, Schicht um Schicht, bis der Mensch kommt und dunkle, schmierige Brocken aus der Erde sticht, die er zu allerhand Geräten umschmilzt und ihnen so neue Form gibt Aber man könnte ein bekanntes Wort auch so anwenden: Was Rost war, mutz wieder zu Rost weichen. DrauneisensteM ist, wie wir sehen, im Grunde nichts anderes, als vom Leben schon einmal durchgezwängter und für sich angewendeter Eisem- rvst. And so haben wir bann auch alle eisernen Geräte, sobald man sie mit dem freien Sauerstoff der Luft in Berührung bringt, eine dem Menschen ebenso leidige, als unabwendbare Veigum. zu rosten. Jedes Messer, das auch nur acht Tage im arten, vergessen wurde, ist mit einer dichten, rötlichen Schicht bedeckt, die es stumpf, unbrauchbar und für das menschllche Blut giftig macht. Gitter, die man nicht mit Mennige bestreicht Er lackrett. zerbröckeln in einer. Reihe von Jahren in mürben Krusten. Stahl rostet langsamer als Gußeisen, und wenn man ihn bwrnlOelt, fo bleibt er auf lange Zeit hinaus unberänbert. Mer Geräte, dm man aus der Erde gräbt, Kettenhemden, Panzer, Waffen, sind oft völlig von Rost verzchrt und zerfallen unter den Händen. Jedes weggeworfene Ding aus Eifen, jeder Nagel, ledes ©tua> chen Draht, jede Konservenbüchse, die schließlich auch uur aus Eisenblech besteht, alles wird wieder zu Rost und wandert tu Bon da dringt es abermals ins Geben. Vicht nur, baß man, nach allerjüngsten Forschungen, den Rost bereits für eine Lebensform des Eisens zu hatten geneigt ist — Men kreist auch au jedem atmenden Körper. Es macht unser Blut rot wid^bereit, den notwendigen Sauerstoff der eingeatmeten Luft^aufs fthneNste zu entreißen. Aber auch die Pflanze wäre aller WcchrscheiMch- keit nach nicht grün ohne einen ganz bestimmten Eisengehalt Beide stich „bleichsüchtig", sobald das Eisen ihnen fehlt mch leiden an mangelnder Lebenskraft. Sie können den Proteus unter den Metallen nicht entbehren - und wer sagt, ob nichtetrt tiefer und untergründiger Zusammenhang ist Stots^n der Elsen- tultur des Menschen und dem Elfenbedurfnis seines Blutes? Ist vielleicht eines nur notwendige Auswirkung des anbern? Bom Standpunkt des Metalls ist also «ich der Menschen-, Tier- und Pflanzenleib nur eine der vielen Durchgangsstationen auf seinem Wage steter Deränderung. Mit dem Gestorbenen aber gelangt es wieder in die Erde, nachdem es lange ton «man Blutkreislauf zum andern gewandert istAad wenn es nicht m den Schmelzofen gerät, so wird es mit Flüssen imd Strömen zum Meere getragen, finkt in die Tiefe und wird dort mit zu den Gebirgen der Zukunft, die In den wellenlosen.Abgründen alter Weltmeere schlummern. And erst nach Jahrmillionen wird ote Abtragung der Gebirge es wieder frei machen, das ©«falte her Wildwasser es mechanisch aus seinem festen befuge reihen, unb der große Kreislauf durch die Generationen des Lebenden bs- ^"^Was aber aus der Bessemerbirne als Stähl, oder aus den Eisengutzwerken als Balken, Röhre, Band oder StanM kommsi oder als Zierrat, wieviel Schicksale werden Hm zuteil! In Häusern, Fahrzeugen, Geräten, Maschinen eingebaut, tut e» errungene Dienste. Vicht aufzuzählen ist, was man von ihm verlangt. Es muß tragen, stützen, hämmern, schneiden, toe^en, wollen, wühlen, graben, zertrümmern. Es walzt in den Muhten, glüht in den Küchen, pocht in den ^mmertoettet. @8 ben Pferdehuf und den Schuh des Bergsteigers. Es ist Kochtopf und Haarnadel. Es näht und eggt und sperrt verschließt sie wieder. Es schreibt Mdanken auf weißes Papier, fluge^ und dumme, und druckt sie tausendfach ab. Es ’fi Cambe, Leucht türm, Eisenbahnschiene, Eßbesteck. Mansindet tem Ende vor all der zahllosen Verwendung. ®8 umgibt uns! von alten Seiten, freundwillig ober feindselig. Es bllnkt in der S«tbbe3 Arztes wie in der des Mörders. Es «bllckt rn hundmiffacher Verkleidung unsere Geburt, und ohne dah es dabei ist, tragt alte die «fernen: ^MMer Tati^ fett überdrüssig. Dann wirft der undankbare Mensch sie ate Alteren" auf einen großen, rostenden Haufmr, unnutz ge* wordene Invaliden. Aber da wartet schon die nächste Wcroaub- lung. Es gäbt Fabriken, (eine davon ist unweit von Salzburg am Fuße des marmornen Anterberges), bann wird auf sinnvolle Weise all das alte Gerümpel wieder umgeschmolzen, und die Schicksale, die an ihm hafteten, werden ausgelSscht tote auf einer wächsernen Tafel, um neuen Schicksalen Platz zu mad^n. MS irgendwo, irgendwann dieser Weg durch MensthenwilWr doch einmal wieder in den großen Kreislauf einmündet, m.demauch der Mensch nur vergängliche Form ist, eine Lebensgestatt mehr. und in dem die starren Gewalten des Anorganischen aneinander vorübergleiten, stumm und doch vielleicht von heimlichem, gespenstig unerlöflem Leben erfüllt. So spannt sich der Ring aus Eisen rund um unfere Wett und schmeißt uns mit ein in eine große Gesetzmäßigkeit. Denn das Metall, das scheinbar unser Diener ist, prägt uns in Wahrheit sein Gesetz auf, nach dem wir uns, freiwillig oder unbewußt richten müssen. Das Eisen bestimmt nach der Art, wie seine Verwendung möglich ist, nicht zuletzt eine Reihe unserer — 320 - technischen und sonstigen Einrichtungen. Wir muffen unS ihm also fügen, sonst läßt es sich nicht verarbeiten. Denn seine Unter» toerfung verhält sich in Wirklichkeit so, daß es uns zwingt, auss genaueste seine Wesenheit kennen zu lernen und uns, so gut es gehen will, mit unseren Forderungen an sie 'anzupassen. Das ist das, was der Mensch eigentlich überall „Herr über die Welt sein" nennt. Es gibt Gelehrte, die vermuten in der tiefsten Tiefe einen eisernen, wohl gar mit Gold vermischten Erdkern. An diese Hypothese hat sich sofort Phantasie gehangen und einen langen, schimmernden Faden aus den erhofften Schätzen des Erdinnere gesponnen. Träumt vielleicht immer noch in manchen Hirnen, wie man diese Annahme zur Wirklichkeit machen könnte, obgleich heute gar keine Möglichkeit besteht, tiefer als höchstens etwa 3000 Meter in den Grund einzudringen, Unsere kühnsten Bergwerke sind nur durchschnittlich 1500 Meter, in ganz seltenen Ausnahmen 2400 Meter. Es besteht also keine Aussicht, sich von der Wirklichkeit des eisernen Erdkerns durch Augenschein zu überzeugen. t . Aber, bedarf es Lessen? Wissen wir nicht auch so, daß jener gewaltige Kreislauf, ob wir wollen oder nicht, unser Leben mitbestimmt, und daß auch er wiederum von einer noch größeren Gesetzmäßigkeit beeinflußt und gelenkt wird? sind daß wir uns dem allen fügen müssen, weil wir damit Zusammenhängen gegenüberstehen, die uns an Macht unendlich überlegen sind. Einmal nannten die Alten solche überragenden Weltzusammenhänge Gott und beteten zu ihnen. Wir haben das Beten seit langem verlernt. Darum bleibt uns nichts anderes übrig, als mit dem dünnen Lämpchen der Einsicht ihnen nachzuforschen, und, wo Menschengeist sie fassen kann, sie schweigend auch dann zu verehren, wenn wir es den Stoffen abgesehen haben, wie sie auch unser eigenes Leben zu bereichern imstande find. Die Dritte. - Eine heitere Erzählung aus dem Künstlerleben. 4 Don Heinrich Sienkiewicz. (Schluß.) Swiatecki zeigt mir den Brief . . . Kazia bittet ihn, er möchte kommen, um einige Minuten mit ihr über eine Angelegnheeit zu sprechen, von der ihre ganze Zukunft abhängt. Sie rechnet auf sein Herz, feine Rechtlichkeit, die sie auf den ersten Blick bei ihn» erraten hat, und hofft, daß er die Bitte eines unglücklichen Weibes nicht abweisen wird. Swiatecki flucht, murmelt etwas in seinen Bart über gemeine Philister, über die Notwendigkeit, dieselben bei der nächsten Gelegenheit samt ihrer Nachkommenschaft aufzuhängen — aber er geht. Ich vermute, daß sie durch ihn auf mich einen Einfluß ausüben wollen. 18. Swiatecki, der von Natiw ei» weiches Herz hat, ist augenscheinlich unterlegen. Eine Woche lang geht er täglich zu Suslowskis, seit drei Tagen aber schleicht er um mich herum, und sieht mich dabei mit finsteren Blicken an, wie ein Wolf. . . Endlich fragt er mich eines Tages beim Tee ganz wütend: „Höre, was gedenkst du mit diesem Mädchen zu tun?" „Mit welchem Mädchen?" „Mit dieser Suslowska, oder wie sie da heißt?" „Gar nichts gedenke ich mit dieser Suslowska oder wie sie da heisst, zu tun ..." Es erfolgt eine kleine Pause und Swiatecki sagt weiter: „Sie bev.lt dort die ganzen Tage lang, daß ich es nicht mit ansehen kann..." Ist das ein guter Kerl! Dabei zittert auch seine Stimme vor Rührung, aber er räuspert sich wie ein Nashorn und fügt hinzu: „Ein anständiger Mensch verfährt nicht so." „Swiatecki, du beginnst an Papa Suslowski zu erinnern!" „Kann schon sein ... Ich ziehe es aber vor, an Papa Suslowski zu erinnern, als seiner Tochter unrecht zu tun." „Ich bitte dich, laß mich in Ruh." „Gut, ich kann auch von nun ab dich nicht mehr kennen ..." Damit endet unser Gespräch, und von diesem Augenblick ab spreche ich nicht mehr mit Swiatecki. Wir tun, als ob wir einander nicht kennten, rvas um so belustigender ist, als wir auch weiter zusammen wohnen, unseren Tee des 'Morgens zusammen trinfen, und es keinem von uns einfällt, aus dem Atelier auszuziehen. Der Tag meiner Hochzeit mit Eva naht heran . . . Durch den „Papierdrachen" ist bereits ganz Warschau davon unterrichtet . . Alle sehen uns an, alle bewundern Eva, Als wir in der Ausstellung waren, wurden wir so umringt, daß wir uns nicht durchdrängen konnten. Meine unbekannte Freundin sendet mir wieder ein anonymes Schreiben, in dem sie mir ans Herz legt, daß Eva nicht die richtige Frau ist für einen Menschen, wie ich. . . „Ich glaube nicht, was man über die Beziehungen von Fräulein Adami zu Herrn Ostrzynski spricht" (schreibt meine Freundin). „Allein Sie, verehrter Meister, brauchen eine Frau, die sich voll- ständig für Ihren Ruhm und Ihre Größe aufzuopfern bereit wäre. Fräulein Adami hingegen ist selbst Künstlerin und braucht Wasser auf ihre eigene Mühle..." Swiatecki geht noch immer zu Suslowskis, wohl aber jetzt als Tröster, denn sie müssen doch schon von meinen Absichten Kenntnis haben. Ich habe für Eva einen unbegrenzten Urlaub von der mireküvn erlangt. Eva beginnt sich zu frisieren wie ein Fräulein vom Lande, sie zieht sich sehr bescheiden an und trägt hochgeschlossene Kleider. Es sicht ihr dies sehr gut zu Gesicht. Die Szene in der Garderobe hat sich nicht ein einziges Mal wiederholt. Evchen erlaubt das nicht! Höchstens ist es mir gestattet, ihre Ländchen zu küssen. Dies macht mich höchst ungeduldig, aber, wie ich mir schmeichle, auch sie . . Sie liebt mich sinnlos. Wir verbringen die ganzen Tage zusammen. Ich habe begonnen, ihr Zeichenunterricht zu geben. Sie schwärmt für diese Stunden, wie für die Malerei überhaupt. ~ 19. Allgewaltiger Zeus, was mußt du von der Höhe deines Olymps erblicken! Es gesechhen Dinge, von denen sich unsere Philosophen nichts träumen ließen. Am Tage vor meiner Hochzeit kommt Swiatecki zu mir, stößt mich mit dem Ellenbogen an und sagt, feinen zerzausten Kopf zur Seite wendend, in mürrischem Tone: „Wladek, weißt du? ich begehe ein Verbrechen!" „Also, du sprichst doch mit mir!" erwidere ich. „Was für ein Verbrechen?" Swiatecki blickt immer zur Erde und sagt, als spräche er zu sich selbst: „Daß ein Trunkenbold wie ich, ein solch talentloser Idiot, ein moralisch und physisch dermaßen Herabgekommener, daß ein solcher Mensch ein Mädchen wie Katzia heirate — ist geradezu ein Verbrechen." Ich traue meinen Ohren nicht, aber ich werfe mich Swiatecki um den Hals, ohne zu beachten, daß er mich wegstößt. Seine Hochzeit ist in einigen Tagen. 20. Nach mehrmonatlichem Aufenthalte in Rom erhalten wir, Eva und ich, eine elegante Karte mit der Einladung zur Trauung von Ostrzynski mit Frau Helena Turno-Kolczanowska. Wir können nicht Hinreisen, da Evas Gesundheit es nicht gestattet. Eva malt immer und macht riesige Fortschritte. Ich habe in Pest eine Medaille bekommen. Ein kroatischer Millionär hat mein Bild angekauft. Ich habe auch mit Goupil Beziehungen angeknüpft. 21. In Verona wird mir ein Sohn geboren. . . Eva selbst sagt, daß sie noch nie ein solches Kind gesehen hat. Er ist etwas Ungewöhnliches! ... 22. Seit einigen Monaten sind wir in Warschau. Ich habe mir ein wundervolles Atelier eingerichtet. Wir besuchen Ostrzynskis ziemlich oft. Er hat den „Papierdrachen" verkauft und ist gegenwärtig Vorsitzender, der „Gesellschaft für Verteilung von Gerstenmehl an beschäftigungslose Arbeiter." Man kann sich kaum einen Begriff machen von seiner Großartigkeit und von dem Ansehen, das er genießt. Er klopft mich auf die Schulter und sagt zu mir: „Wie geht's, mein Gönner?" Er beschützt auch literatrische Talene und empfängt jeden Mittwoch. Sie ist entzückend wie immer, wie ein Traum. . . Kinder haben sie nicht. 23. Rettung! denn ich sterbe vor Lachen. . . Swiateckis sind aus Paris angekommen. Sie spielt die Frau des Künstlers aus der goldenen Boheme; er trägt Seidenhemden, gescheiteltes Haar und einen zugestutzten Bart . . . Ich kann alles begreifen, ich begreife, daß sie mit seinen Angewohnheiten, mit feinem Charakter fertig werden konnte; wie sie aber feinem Schopfe beigekommen ist, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Swiatecki hat die „Kadaver" nicht aufgegeben, aber er malt auch Genrebilder und Landfchaften. Er hat viel Erfolg. Er malt auch Porträts, diese gelingen ihm aber weniger, denn im Fleischton erinnern sie immer an die^„Kadaver". Ich frage ihn in alter Freundschaft, ob er mit seiner Frau glücklich sei. Er sagt mir, er hätte nie von ähnlichem Glück geträumt. Ich muß bekennen, daß Kazia in dieser Richtung meine Erwartungen bedeutend übertroffen hat. Auch ich wäre vollkommen glücklich, wenn nicht Eva zu kränkeln begonnen hätte; dabei ist die Aermste sehr reizbar. Ich hörte sie einmal bei Nacht weinen. Ich weiß, was es ist! Sie sehnt sich nach der Bühne. Sie schweigt, aber sie sehnt sich . . Ich habe das Porträt der Frau Ostrzynska begonnen. Wirklich eine unvergleichliche Frau! Die Rücksicht auf Ostrzynski würde mich nicht abhalten . . . Und wäre es nicht, daß ich Eva noch immer riesig liebe, dann weiß ich wahrhaftig nicht. . . Aber ich liebe Eva riesig — riesig I Schristleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steinbruckerei, A. Lange, Sieben.