Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1925 Samstag, den 6. Juni Nummer §5 Mittag. Von Theodor Däubler. ' ~\k Die Sümpfe verglühen ihr Hühnergeflügel, Die Enten beschwingen den flockigen Glast, Sie tragen die Seele vom alten Morast Empor in die jugendlich grünenden Hügel. Ein Aachen begleitet die langsame Stunde, Das Rudern bei Seerosensonne ist schwer. Libellen besorgen den Schwebeverkehr Der Schilfdickichtinseln: es grünt ihre Kunde. Thomas Mann. (Zu seinem 50. Geburtstag am 6. Ium.) Es scheint heute schwer, mit Anstand Alter und Würde zu erwerben. In ruhigeren und langsameren Zeiten war jeder Gedenkartikel ein Zeugnis, wie fest der glückliche Jubilar sich in dem Bewußtsein seines Volkes verwurzelt fühlen dürfe — heute? Man veraltet so leicht in dieser rapiden und eruptiven Entwicklung, und die Jungen sind so mitleidlos und sehen so scharf und unbarmherzig, was fehlt... Als Thomas Mann zu schaffen begann und mit sechsund- zwanzig Jahren seine „Buddenbrooks" erscheinen lieh, als dieses Buch sich überraschend zu einem Volksbuch des deutschen Bürger- tuins aufschwang, da herrschte in Kunst, Kritik und Publikum die Anschauung, daß das, was man gemeinhin „Leben" nannte, sich im Buch und auf der Bühne einfach fortzusetzen habe. Diesem Leben, das er aus Dürgerstuben und Patrizierhäusern in fein Werk hineintrug, ist Thomas Mann, der unheimlich scharfe Beobachter, der klassische epische Vermittler geworden. Keiner seiner Zeitgenossen versteht es in dieser Vollendung, die Stimmung eines Raums, die Atmosphäre eines Menschen so sinnlich und lebendig einzufangen. Dazu die artistische Meisterschaft der Darstellung. Wie sein Schriftsteller Achenbach im „Tod von Venedig", mag er selbst oft lange um einen glücklichen Ausdruck gerungen haben, bis das ergiebigste Wort an der geeigneten Stelle sah. Auch dem Leser von heute vermittelt Manns Werk noch jenen Genuß an der Form, der jeden Kultivierten entzücken wird. — IXnÖ nicht mehr wäre an Thomas Mann zu rühmen? Mit den „Buddenbrooks" ist der Begriff seiner Epik festgelegt, seither hat sich seine künstlerische Persönlichkeit nicht gewandelt. Das Stoffliche seiner Handlungen ist immer dürftig und karg gewesen, in seinem vorjährigen Werk, dem „Zauberberg" ist eine Fabel im Sinne des Romans nicht mehr vorhanden. Kann er sie entbehren, weil seine Menschen so ausfüllend und gewaltig sind? Aber auch sie bleiben Durchschnittliche, Sonderlinge höchstens, niemals wachsen sie zu „Helden"; Menschen wohl mit erlebten Schicksalen, aber rührend und schutzbedürftige. Könnten sich doch diese Menschen stark offenbaren! Aber das leidet Mann nicht, das stört seine Erzählersachlichkeit, zu der er sich verpflichtet glaubt, älnd so schweben wir bei Manns Werk in stetem leichten Genuß, niemals aber werden wir erschüttert, hingerissen, überwältigt. Denn auch der Dichter, er möchte nicht ergriffen scheinen, er ironisiert wohl leichthin die Klagen seiner Menschen und biegt ihrem Leid den Stachel ab. Kann es aber für einen Dichter, der sich durch den Impetus seines Werks und die Schicksale seiner Gestalten fortveißen ließe, äleberwältigenderes geben als die eigene Schöpsung? Es wird Mann bei dieser Gelegenheit sicher gesagt werden, daß er der „Repräsentant unserer Zeit" sei. Von diesem aber kann man verlangen, daß er den Charakter und die Menschen dieser chaotischen Tage abbilde. In „Zauberberg", dem Roman, der während der Kriegs- und Rachkriegsjahre entstand, hätte er Gelegenheit zu diesem ersehnten Gegenwartsbilde gehabt. Aber Mann weicht dem aus. Er weiß, daß seine Kraft, daß sein Ethos, daß seine künstlerischen Mittel dem nicht zulangen. Was er über dieses Thema zu sagen hatte, ist offenbar in seinen „Politischen Gedanken eines äinpolitischen" niedergelegt; es scheint ihm kein Thema für eine Dichtung. Aber inzwischen ist eine Generation herangewachsen, die in den Ereignissen der Jahre seit 1914 ihre erschütterndsten und befreiendsten Erlebnisse gefunden hat. Die sich aus Leid und Rot ein neues Weltgefühl und eine neue Gvttesüberzeugung errang. Dieses Geschlecht glaubt nicht, daß man diese jüngste Vergangenheit, die ihm so viel an Dingen nahm und so viel an Seele gab, einfach beiseite schieben Kirnte. Diese Jungen glauben nicht mehr, daß sich „das Leben" int Buch und auf der Bühne fortzusetzen habe; sie sehen in einem Abschilderer der Wirklichkeit einen Literaten — aber sie fordern Dichtung! Sie verschmähen die Kunst der Stuben und der durchschnittlichen Menschen, sie wollen wieder das Ungewöhnliche, das Heldenhafte, das Erregende in der Dichtung. In den Adern dieser Jungen rollt das Blut rascher, gehetzter geht ihr Atem, in ihrer Sprache ist der wehende Funke ihrer Maschinen. Wo bleibt noch das bürgerliche, das rührende Idyll Thomas Manns? Voller Verehrung werden auch diese Jüngsten den Dichter grüßen, aber als einen Markstein, den sie überwunden haben. Schon haben Albrecht Schaeffer, Alfred Döblin und Josef Ponten das Epos auf neue Bahnen gelenkt — nicht zur Vollendung hin, aber zu dem Ausdruck dieser heutigen Gegenwart. G. D. Tonio Kröger. Von Thomas Man n*). Und Tonio Kröger fuhr gen Norden. Er fuhr mit Komfort (denn er pflegte zu sagen, daß jemand, der es innerlich so viel schwerer hat als andere Leute, gerechten Anspruch auf eint wenigs äußeres Behagen habe), und er rastete nicht eher, als bis die Türme der engen Stadt, von der er ausgegangen war, sich vor ihm in die graue Luft erhoben. Dort nahm er einen kurzen, seltsamen Aufenthalt . . . Ein trüber Rachmittag ging schon in den Abend über, als der Zug in die schmale, verräucherte, so wunderlich vertraute Halle einfuhr; noch immer ballte sich unter dem schmutzigen Glasdach der Qualm in Klumpen zusammen und zog in gedehnten Fetzen hin und wieder, tote damals, als Tonio Kröger, nichts als Spott im Herzen, von hier gefahren war. — Gr versorgte sein Gepäck, ordnete an, daß es ins Hotel geschafft werde, und verlieh den Bahnhof. Das waren die zweispännigen, schwarzen, unmäßig hohen und breiten Droschken der Stadt, die draußen in einer Reihe standen! Er nahm keine davon; er sah sie nur an, wie er alles an» sah, die schmalen Giebel und spitzen Türme, die über die nächstem Dächer herübergrüßten, die blonden und lässigplumpen Menschen mit ihrer breiten und dennoch rapiden Redeweise rings um ihn her, und ein nervöses Gelächter stieg in ihm auf, das eine heimliche Verwandtschaft mit Schluchzen hatte. — Er ging zu Fuß, ging langsam, den unablässigen Druck des feuchten Windes im Gesicht, über die Brücke, an deren Geländer mythologische Statuen standen, und eine Strecke am Hafen entlang. Großer Gott, wie winzig und winklig das Danze erschien! Maren hier in all der Zeit die schmalen Giebelgassen so putzig steil zur Stadt emporgestiegen? Die Schornsteine und Maste der Schiffe schaukelten leise in Wind und Dämmerung auf dem trüben Flusse. Sollte er jene Straße hinauf gehen, die dort, an der das Haus lag, das er im Sinne hatte? Rein, morgen. Er war so schläfrig jetzt. Sein Kopf war schwer von der Fahrt, und langsame, nebelhafte Gedanken zogen ihm durch den Sinn. Zuweilen in diesen dreizehn Jahren, wenn sein Magen verdorben gewesen war, hatte ihm geträumt, daß er wieder daheim sei in dem alten, hallenden Haus an der schrägen Gasse, daß auch sein Vater wieder da sei und ihn hart anlasse wegen seiner entarteten Lebensführung, was er jedesmal sehr in der Ordnung gesunden hatte, Und diese Gegenwart nun unterschied sich durch nichts von einem dieser betörenden und unzerreißbaren Traumgespinste, in denen man sich fragen farm, ob dies Trug oder Wirklichkeit ist, und sich notgedrungen mit Ueberjeugung für das letztere entscheidet, um dennoch am Ende zu erwachen ... Gr schritt durch die wenig belebten, zugigen Straßen, hielt den Kopf gegen den Wind gebeugt und schritt wie schlafwandelnd in der Richtung des Hotels, des ersten der Stadt, wo er übernachten wollte. Ein krummbeiniger Mann mit einer Stange, an deren Spitze ein Feuerchen brannte, ging mit wiegendem Matrosenschritt vor ihm her und zündete die Gas- later neu an. „ . Wie war ihm doch? Was war das alles, was unter der Asche seiner Müdigkeit, ohne zur klaren Flamme zu werden, so dunkel und schmerzlich glomm? Still, still und kein Wort! Keine Worte! Er wäre gern lange so dahingegangen, im Wind *) Aus Thomas Manns „Tonio Kröger. S. Fischer- Verlag, Berlin. 178 — durch die dämmerigen, traumhaft vertrauten Gaffen. Aber alles war so eng und nah beieinander. Gleich war man am Zrel. In der oberen Stadt gab es Bogenlampen, und eben ev-- glühten sie. Da war das Hotel, und es waren die beiden schwarzen Löwen, die davor lagen und vor denen er sich als Kind gesürchtet hatte. Roch immer blickten sie mit einer Mrene, als wollten sie niesen, einander an; aber sie schienen mel kleiner geworden, seit damals. — Tonio Kröger gurg zwischen ihnen hindurch. . < _ . .. Da er zu Fuß kam, wurde er ohne vrel Feierlichkeit empfangen. Der Portier und ein sehr feiner, schwarzgekieroeter Herr, welcher die Honneurs machte und beständig mlt ven kleinen Fingern seine Manschetten in die Aermel zuruckstrey, musterten ibn prüfend und wägend vom Scheitel bis zu den Stiefeln, sichtlich bestrebt, ihn gesellschaftlich ein wenig zu bestimmen, ihn hierarchisch und bürgerlich unterzuorrngen und ihm einen Platz in ihrer Lichtung anzuwersen, ohne doch zu einem beruhigenden Ergebnis gelangen zu können, weshalb sre sich für eine gemäßigte Höflichkeit entschieden. Ein Kellner, ein milder Mensch mit brvtblonden Dackenbartstreifen, einem alters- blanken Frack rnrd Rosetten auf den lautlosen Schuhen, führte ihn zwei Treppen hinauf in ein reinlich und altväterlich eingerichtetes Zimmer, hinter dessen Fenster sich im Zwielicht ei.ro pittoresker und mittelalterlicher Ausblick auf Höfe, Giebel und die bizarren Massen der Kirche eröffnete, in deren Rühe das Hotel gelegen war. Tonio Kröger stand eine Weile vor diesem Fenster; dann setzte er sich mit gekreuzten Armen auf das weitschweifige Sofa, zog seine Brauen zusammen und pfifs vor sich hin. Man brachte Licht, und sein Gepäck, kam. Gleichzeitig legte der milde Kellner den Meldezettel auf den Tisch, und Tonio Kröger malte mit seitwärts geneigtem Kopfe etwas darauf, das aussah wie Aame, Stand und Herkunft. Hierauf bestellte er ein wenig Abendbrot und fuhr fort, von seinem Sofawinkel aus ins Leere zu blicken. Als das Essen vor ihm stand, lieh er es noch lange unberührt, nahm endlich ein paar Dissen und ging noch eine Stunde im Zimmer auf und ab, wobei er zuweilear stehen blieb und die Augen schloß. Dann entkleidete er sich mit langsamen Bewegungen und ging zu Bette. Er schlief lange, unter verworrenen und. seltsam sehnsüchtigen Träumen. — Als er erwachte, sah er sein Zimmer von hellem Tage erfüllt. Berwirrt und hastig besann er sich, wo er fei, und machte sich auf, um die Vorhänge zu öffnen. Des Himmels schon eht wenig blasses Spätsommer-Blau war von dünnen, vom Wind zerzupften Wolkenfetzchen durchzogen; aber die Sonne schien über seiner Vaterstadt. Er verwandte noch mehr Sorgfalt auf seine Toilette als gewöhnlich, wusch und rasierte sich aufs beste und machte sich so frisch und reinlich, als habe er einen Besuch in gutem, korrektem Hause vor, wo es gälte, einen schmucken und untadel- haften Eindruck zu machen; und während der Hantierungen des Ankleidens horchte er auf das ängstliche Pochen seines Herzens. Wie hell es draußen war! Er hätte sich Wohler gefühlt, wenn, wie gestern, Dämmerung in den Straßen gelegen hätte; nun aber sollte er unter den Augen der Leute durch den klaren Sonnenschein gehen. Würde er auf Bekannte stoßen, angehalten, befragt werden und Rede stehen müssen, wie er diese dreizehn Jahre verbracht? Dein, göttlich, es kannte ihn keiner mehr, und wer sich seiner erinnerte, würde ihn nicht erkennen, denn er hatte sich wirklich, ein wenig verändert unterdessen. Er betrachtete sich aufmerksam im Spiegel, und plötzlich fühlte er sich sicherer hinter seiner Maske, hinter seinem früh durcharbeiteten Gesicht, das älter als feine Jahre war . . . Er lieh Frühstück kommen und ging dann aus, ging unter den abschähenden Blicken des Portiers und des feinen Herrn in Schwarz durch das Vestibül und zwischen den beiden Löwen hindurch ins Freie. Wohin ging er? Er wußte es kaum. Es war wie gestern. Kaum, daß er sich wieder von diesem wunderlich würdigen und urvertrauten Beieinander von Giebeln, Türmchen, Arkaden, Brunnen umgeben sah, kaum daß er den Druck des Windes, des starken Windes, der ein zartes und herbes Aroma aus fernen Träumen mit sich führte, wieder im Angesicht spürte, als es sich ihm wie Schleier und Aebelgespinst um die Sinne legte . . . Die Muskeln seines Gesichtes spannten sich ab; und mit stille gewordenem Blick betrachtete er Menschen und Dinge. Vielleicht, daß er dort an jener Straßenecke, dennoch erwachte . . . Wohin ging er? Ihm war, als stehe die Richtung, die er einschlug, in einem Zusammenhänge mit seinen traurigen und seltsam reuevollen Träumen zur Rächt . . . Auf den Markt ging er, unter den Dogengewölben des Rathauses hindurch, wo Fleischer mit blutigen Händen ihre Ware wogen, auf den Marktplatz, wo hoch, spitzig und vielfach der gotische Brunnen stand. Dort blieb er vor einem Hause stehen, einem schmalen und schlichten, gleich anderen mehr, mit einem geschwungenen, durchbrochenen Giehel, und versank in dessen Anblick. Er las das Ramensschild an der Tür und ließ seine Augen ein Weilchen auf jedem der Fenster ruhen. Dann wandte er sich langsam zum Gehen. Wohin ging er? Heimwärts. Aber er nahm einen itmtoeg, machte einen Spaziergang vors Tor hinaus, weil er Zeit hatte. Er ging über den Mühlenwall und den Holstenwall und hielt seinen Hut fest vor dem Winde, der in den Bäumen rauschte und knarrte. Dann verlieh er die Wallanlagen unfern des Bahnhofes, sah einen Zug mit plumper Eilfertigkeit vorüber- pufsen, zählte zum Zeitvertreib die Wagen und blickte dem Manne nach, der zuhöchst auf dem allerletzten saß. Aber am Lindenplatze machte er vor einer der hübschen Villen halt, die dort standen, spähte lange in den Garten und zu den Fenstern hinauf und verfiel am Ende darauf, die Gatterpsorte in ihren Angeln hin- und herzuschlenkern, so daß es kreischte. Dann betrachtete er eine Weile seine Hand, die kalt und rostig geworden war, und ging weiter, ging durch das alte, untersetzte Tor, am Hafen entlang und die steile zugige- Gasse hinaus zum Haus feiner Eltern. Es stand, eingeschlvsfen in den Rachbarhäusern, die fein Giebel überragte, grau und ernst wie -feit dreihundert Jahren, und Tonio Kröger las den frommen Spruch, der in halb- verwifchten Lettern über dem Eingang stand. Dann atmete er auf und ging hinein. Sein Herz schlug ängstlich, denn er gewärtigte, sein Vater könnte ans einer der Türen zu ebener Erde, au denen er vov- überfchritt, hervortreten, im Kontorrvck rmd die Feder Hinterm Ohr, ihn anhalten und ihn wegen seines extravaganten Lebens streng zur Rede stellen, was er sehr in der Ordnung gesunden hätte. Aber er gelangte unbehelligt vorbei. Die Windfangtür war nicht geschlossen, sondern nur angelehnt, was er als tadelnswert empfand, während ihm gleichzeitig zumute war wie in gewissen leichten Träumen, in denen die Hindernisse von selbst vor einem weichen und man, von wunderbarem Glück begünstigt, ungehindert vorwärts dringt . . . Die weite Diele, mit großen, viereckigen Steinfliesen gepflastert, widerhallte von seinen Schritten. Der Küche gegenüber, in der es still war, sprangen wie vor Alters in beträchtlicher Höhe die seltsamen, plumpen, aber reinlich lackierten Holzgelasse aus der Wand hervor, die Mägdekaminern, die nur durch eine Art freiliegender Stiege von der Diele aus zu erreichen waren. Aber die großen Schränke und die geschnitzte Truhe waren nicht mehr da, die hier gestanden hatten . . . Ger Sohn des Hauses beschritt die gewaltige Treppe und stützte sich mit der Hand auf das weihlackierte, durchbrochene Holzgeländer, indem er sie Bei jedem Schritte erhob und beim nächsten sacht wieder darauf niedersinken ließ, wie als versuche er schüchtern, ob die ehemalige Vertrautheit mit diesem alten, soliden Geländer wieber- herzustellen sei ... Aber auf dem Treppenabsatz blieb er stehen, vorm Eingang zum Zwischengeschoß. An der Tür war ein Weihes Schild befestigt, auf dem in schwarzen Buchstaben zu lesen war: Volksbibliothek. Volksbibliothek? dachte Tonio Kröger, denn er fand, daß hier weder das Volk noch die Literatur etwas zu suchen hatten. Er klopfte an die Tür . . . Ein Herein ward laut, und er folgte ihm. Gespannt und finster blickte er in eine höchst unziemliche Veränderung hinein. Das Geschoh war drei Stuben tief, deren Derbmdungs- türen offen standen. Die Wände waren fast in ihrer ganzen Höhe mit gleichförmig gebundenen Büchern bedeckt, die auf dunklen Gestellen in langen Reihen standen. In jedem Zimmer sah hinter einer Art von Ladentisch ein dürftiger Mensch und schrieh. Zwei davon wandten nur die Köpfe nach Tonio Kröger, aber der erste stand eilig auf, wobei er sich mit beiden Händen auf die Tischplatte stützte, den Kopf vorschob, die Lippen spitzte, die Brauen emporzog und den Besucher mit eifrig zwinkernden Augen anblickte . . . „Verzeihung," fagte Tonio Kröger, ohne den Blick von den vielen Büchern zu wenden, „Ich bin hier fremd, ich besichtige die Stadt. Dies ist also die Volksbibliothek? Würden Sie erlauben, daß ich mir ein wenig Einblick in die Sammlung verschaffe?" „Gern!" fagte der Beamte und zwinkerte noch heftiger . . . „Gewiß, das steht jedermann frei. Wollen Vie sich nur Umsehen ... Ist Ihnen ein Katalog gefällig?" „Danke," antwortete Tonio Kröger. „Ich orientiere mich leicht." Damit begann er, langsam an den Wänden entlang zu schreiten, indem er sich den Anschein gab, als studiere er die Titel auf den Bücherrücken. Schließlich nahm er einen Band heraus, öffnete ihn und stellte sich damit ans Fenster. Hier war das Frühstückszimmer gewesen. Man hatte hier morgens gefrühstückt, nicht droben im großen Etzsaal, wo aus der blauen Tapete weihe Götterstatuen hervortraten . . . Das dort hatte als Schlafzimmer gedient. Seines Vaters Mutter war dort gestorben, so alt sie war, unter schweren Kämpfen, denn sie war eine genuhfrohe Weltdame und hing am Leben, sind später hatte dort sein Vater selbst den letzten Seufzer getan, der lange, korrekte, ein wenig wehmütige und nachdenkliche Herr mit der Feldblume im Knopfloch . . . Tonio hatte am Fußende seines Sterbebettes gesessen, mit heißen Augen, ehrlich und gänzlich hingsgeben an ein stummes und starkes Gefühl, an Liebe und Schmerz, sind auch feine Mutter hatte am Sager gekniet, feine schöne feurige Mutter, ganz aufgelöst in Seißen Tränen; worauf sie mit dem südlichen Künstler In blaue Fernen gezogen war . . . Aber dort hinten, das kleinere, dritte Zimmer, nun ebenfalls ganz mit Büchern angefüllt, die ein dürftiger Mensch bewachte, war lange Jahre hindurch fein eigenes gewesen. Dorthin war er nach der Schule heimgekehrt, 179 nachdem er einen Spaziergang, wie eben jetzt, gemacht, an jener Cffionb hatte sein Tisch gestanden, in dessen Schublade er seine ersten innigen und hilflosen Verse verwahrt hatte . . . Der Walnuß bäum . . . Eine stechende Wehmut durchzuckte ihn. Er blickte seitwärts durchs Fenster hinaus. Der Garten lag wüst, aber der alte Walnuhbaum stand an seinem Platze, schwerfällig knarrend und rauschend im Winde. And Tonis Kröger lieh die Augen auf das Buch zurückgleiten, das er in Händen hielt, ein hervorragendes Dichtwerk und ihm wohlbekannt. Er blickte auf diese schwarzen Zeilen und Satzgruppen nieder, folgte eine Strecke dem kunstvollen Fluh des Vortrags, wie er in gestaltender Leidenschaft sich zu einer Pointe und Wirkung erhob und dann effektvoll absetzte . . . Sa, das ist gut gemacht, sagte er, stellte das Dichtwerk weg und wandte sich. Da sah er, dah der Beamte noch immen aufrecht stand und mit einem Mischausdruck von Diensteifer und nachdenklichem Mißtrauen seine Augen zwinkern ließ. „Eine ausgezeichnete Sammlung, wie ich sehe," sagte Tonis Kröger. „Ich habe schon einen Lleberblick gewonnen. Ich bin Ihnen sehr verbunden. Adieu." Damit ging er zur Tür hinaus; aber es war ein zweifelhafter .Abgang, und er fühlte deutlich, dah der Beamte, voller Anruhe über diesen Besuch, noch minutenlang stehen und zwinkern würde. Er spürte keine Reigung, noch weiter vorzudringen. Er war zu Hause gewesen. Droben, in den großen Zimmern hinter der Säulenhalle, wohnten fremde Leute, er sah es; denn der Treppenkopf war durch eine Glastür verschlossen, die ehemals nicht gewesen war, und irgendein Ramensschild war daran. Er ging fort, ging die Treppe hinunter, über die hallende Diele, und verlieh sein Elternhaus. Sn einem Winkel eines Restaurants nahm er in sich gekehrt eine schwere und fette Mahlzeit ein und kehrte dann ins Hotel zurück. „Ich bin fertig," sagte er zu dem feinen Herrn in Schwarz. „Ich reise heute nachmittag." Lind er bestellte seine Rechnung, sowie den Wagen, der ihn an den Hafen bringen sollte, zum Dampfschiff nach Kopenhagen. Dann ging er auf sein Zimmer und setzte sich an den Tisch, sah still und aufrecht, indem er die Wange in die Hand stützte und mit blicklosen Augen auf die Tischplatte nieöersah. Spater beglich er seine Rechnung und machte seine Sachen bereit. Zur festgesetzten Zeit ward der Wagen gemeldet, und Tvnio Kröger stieg reisefertig hinab. Drunten, am Fuße der Treppe, erwartete ihn der fein« Herr in Schwarz. „Um Vergebung!" sagte er und stieß mit den kleinen Fingern seine Manschetten in die Aermel zurück . . . „Verzeihen Sie, mein Herr, daß wir Sie noch eine Minute in Anspruch nehmen müssen. Herr Seehaase — der Besitzer des Hotels — ersucht Sfe um eine Unterredung von zwei Worten. Eine Formalität ... Er befindet sich dort hinten . . . Wollen Sie die Güte haben, sich mit mir zu bemühen ... Es ist nur Herr Seehaase, der Besitzer des Hotels." -Und er führte Tonio Kröger unter einladendem Gestenspiel in den Hintergrund des Vestibüls. Tort stand in der Tat Herr Seehaase. Tonio Kröger kanntG ihn von Ansehen aus alter Zeit. Er war klein, fett und krummbeinig. Sein geschorener Backenbart war weih geworden; aber noch immer trug er eine weit ausgeschnittene Frackjacke und daru ein grün gesticktes Sammetmützchen. Llebrigens war er nicht allein. Bei ihm, an einem kleinen, an der Wand befestigten Pultbrett, stand, den Helm auf dem Kopf, ein Polizist, welcher seine behandschuhte Rechte auf einem bunt beschriebenen Papier ruhen lieh, das vor ihm auf dem Pulte lag, und Tonio Kröger mit seinem ehrlichen Soldatengesicht so entgegensah, als erwartete er, dah dieser bei seinem Anblick in den Boden versinken müsse. Tvnio Kröger blickte von einem zum andern und verlegte sich aufs Warten. „Sie kommen von München?" fragte endlich der Polizist mit einer gutmütigen und schwerfälligen' Stimme. Tonio Kröger bejahte dies. „Sie reifen nach Kopenhagen?" „Sa, ich bin auf der Reise in ein dänisches Seebad." „Seebad? — Ja, Sie müssen mal Ihre Papiere vvrweisen," sagte der Polizist, indem er das letzte Wort mit besonderer Genugtuung aussprach. „Papiere . . ." Er hatte keine Papiere. Er zog seine Brieftasche hervor und blickte hinein; aber es befand sich außer einigen Geldscheinen nichts darin als die Korrektur einer Rovolle, die er an feinem Reiseziel zu erledigen gedachte. Er verkehrte nicht gern mit Beamten und hatte sich noch niemals einen Pah ausstellen lassen . . . „Es tut mir leid," sagte er, „aber ich führe keine Papiere bei mir." „So?" sagte der Polizist . . „Gar keine? — Wie ist Ihr Rame?" Tonio Kröger antwortete ihm. „Ist das auch wahr?!" fragte der Polizist, reckte sich auf und öfsnete plötzlich feine Rasenlöcher, so weit er konnte , , , „Vollkommen wahr," antwortete Tonio Kroger. „Was sind Sie denn?" Tvnio Kröger schluckte hinunter und nannte mit fester Stimme sein Gewerbe. — Herr Seehaase hob den Kopf und sah neugierig in fein Gesicht empor. „Hm!" sagte der Polizist. „älnd Sie geben an, nicht identisch zu fein mit einem Jndividium immens —“ Er sagte „Jndi- vidium" und buchstabierte dann aus dem buntbefchriebenen Papier einen ganz romantischen Ramen zusammen, der ans den Lauten verschiedener Rassen abenteuerlich gemischt erschien und den Tonio Kröger im nächsten Augenblick wieder vergessen hatte. „— Welcher," fuhr er fort, „von unbekannten Eltern und unbestimmter Zuständigkeit wegen verschiedener Betrügereien und anderer Vergehen von der Münchener Polizei verfolgt wird und sich wahrscheinlich auf der Flucht nach Dänemark befindet?" „Ich gebe das nicht nur an," sagte Toni Kröger und machte eine nervöse Bewegung mit den Schultern. — Dies ■ rief einen gewissen Eindruck hervor. „Wie? Ach so, na gewiß!" sagte der Polizist. „Aber daß Sie auch gar nichts vorweisen können!" Auch Herr Seehaase legte sich beschwichtigend ins Mittel. „Das Ganze ist eine Formalität," sagte er, „nichts weiter! Sie müssen bedenken, daß der Beamte nur feine Schuldigkeit tut. Wenn Sie sich irgendwie legitimieren könnten . . . Ein Papier . . ." Alle schwiegen. Sollte er der Sache ein Ende machen, indem er sich zu erkennen gab, indem er Herrn Seehaase eröffnete, dah er kein Hochstapler von unbestimmter Zuständigkeit sei, von Geburt kein Zigeuner im grünen Wagen, sondern der Sohn Konsul Krögers, aus der Familie Kröger? Rein, er hatte keine Lust dazu. And waren diese Männer der bürgerlichen Ordnung nicht im Grunde ein wenig im Recht? Gewissermaßen war er ganz einverstanden mit ihnen . . . Er zuckte die Achseln und blieb stumm. „Mas haben Sie denn da?" fragte der Polizist. „Da, in dem Porteföhch?" „Hier? Richts. Es ist eine Korrektur," antwortete Tonio Kröger. „Korrektur? Wieso? Lassen Sie mal sehen." And Toni Kröger überreichte ihm seine Arbeit. Der Polizist breitete sie auf der Pultplatte aus und und begann darin zu lesen. Auch Herr Seehaase trat näher herzu und beteiligte sich an der Lektüre. Tonio Kröger blickte ihnen über die Schultern und beobachtete, bei welcher Stelle sie seien. Es war ein guter Moment, eine Pointe und Wirkung, die er vortrefflich herausgearbeitet hatte. Gr war zufrieden mit sich. „Sehen Sie!" sagte er. „Da steht mein Rame. Ich habe dies geschrieben, und nun wird es veröffentlicht, verstehen Eie." „Run, das genügt!“ sagte Herr Seehaase mit Entschluß, raffte die Blätter zusammen, faltete sie und gab sie ihm zurück. „Das muh genügen, Petersen!" wiederholte er kurz, indem er verstohlen die Augen schlvh und abwinkend den Kopf schüttelte. „Wir dürfen den Herrn nicht länger aufhalten. Der Magen wartet. Ich bitte sehr, die kleine Störung zu entschuldigen, mein Herr. Der Beamte hat ja nur seine Pflicht getan, aber ich sagte ihm sofort, dah er auf falscher Fährte sei . . ." So? dachte Tonio Kröger. Der Polizist schien nicht ganz einverstanden; er wandte noch etwas ein von „Jndividium" und „vorweisen". Aber Herr Seehaase führte seinen Gast unter wiederholten Ausdrücken des Bedauerns durch das Vestibül zurück, geleitete ihn zwischen den beiden Löwen hindurch zum Wagen und schlvh selbst unter Achtungsbezeugungen den Schlag hinter ihm. Und bann rollte die lächerlich hohe und breite Droschke stolpernd, klirrend und lärmend die steilen Gassen hinab zum Hafen . . . Dies war Tvnio Krögers seltsamer Aufenthalt in seiner Vaterstadt. ., ..,'1 Der Schatz. Von Eduard M ö r i k e. (Fortsetzung.) Wein Vetter schenkte mir sofort ein immer größeres Vertrauen. Er schickte mich manchmal auf kleine Geschäftsreisen aus, er fing nichts Reues von Bedeutung an, eh' er mit mir es erst besprochen hatte, und als er den Befehl erhielt, auf die Vermählung Seiner Majestät des Königs mit einer Prinzessin von Astern den Krönungsschmuck für die Durchlauchtige Prinzessin Braut zu fertigen, so konnte er mir wohl keine größere Ehre erzeigen, als daß er das Hauptstück des wichtigen Auftrags, nämlich eine Krone von durchaus massiver, doch zierlicher Arbeit, wie sie sich in die Haare einer schönen, blutjungen Königin geziemt, mir größtenteils allein zu überlassen dachte. Die Zeichnung war gemacht und höchsten Orts gebilligt. Bevor man aber an das Werk selbst ging, war noch verschiedenes zu tun. Besonders fehlte es noch an einigen Steinen, ~ 180 die man im Lande nicht nach Wunsch erhalten konnte, daher mein Vetter sich nach reifer Aeberlegung zuletzt dahin entschied, ich sollte selbst nach Frankfurt gehen, die Steine aus- zuwählen. Cs handelte sich nur darum, auf welche Art ich am sichersten reife, denn leider waren die Posten damals noch nicht so vortrefflich als jetzt eingerichtet; indessen fand sich doch Gelegenheit, die ersten Stationen mit ein paar Kaufleuten zu fahren. Der Vetter zählte mir vierhundert blanke Goldstücke vor; wir packten sie sorgfältig in mein Felleifen, und ich reiste ab. Den zweiten Dag, in Tramsen, wo das Gefährt einen andern Weg nahm und mich daher absetzte, fiel Regenwetter ein; ich mußte mich bis zu Mittag gedulden, da ich es mir denn gern gefallen ließ, daß mir der Gramssner Bote ein Plätzchen ganz hinten in seinem Wagen gab, den eine Bläue') gegen Wind und Wetter schützte. Ein junger Mann war meine einzige Gesellschaft. Wir waren gar bequem zwischen Wollsacken gelagert, nur ging die Fahrt etwas langsam. Es wurde Nacht, bis man Schwinddvrf erreichte, wo der andere Reisende sich absetzen ließ, indes wir noch drei gute Stunden bis zu dem Städtchen Rösheim vor uns hatten. Als ich mm so allein in meiner dunklen Ecke lag und an verschiedenem herumdachte, war mir, als hätt' ich längst einmal gehört, daß diese Gegend nicht im besten Rufe stehe; besonders schwebte mir die sonderbare Geschichte eines Galanteriehändlers vor, welchem fein Kasten während des Marschierens auf ganz unbegreiflich listige Art, Schubfach für Schubfach, soll ausgeleert worden fein. Mein Fuhrmann wollte zwar so eigentlich nichts von verreichen wissen, doch konnte ich mich nicht enthalten, von Zeit zu Zeit durch die Luchspalte hinten mit einem Äug' hinaus- zu schauen. Der Himmel hatte sich wieder geklärt, man konnte jeden Daum und jeden Pfahl erkennen, man hörte auch nichts als das Klirren und Lechzen des Wagens; inzwischen ließ ich doch die Hand nicht von meinem Gepäck und tröstete mich mit des Fuhrmanns großem Hund; nur kam es mir ein paarmal vor, als wenn die Bestie sonderbar winsle, das ich aber zuletzt mitleidig dem puren Hunger zuschrieb. „Jetzt noch ein. Diertelstündchen, Herr, so hat sich's!" rief mir der alte Bursche zu und ließ zum erstenmal die Peitsche wieder herzhaft knallen. „Die Wahrheit zu gestehn", fügte er bei, „sonst ist es auch gerade nicht mein Sach', so spät wegfahren: ein Fuhrmann aber, wißt Ihr wohl, hat es halt nicht immer am Schnürlein. Nu — ,'s Löwenwirts Roter Ist allzeit hell auf!*“ Es schlug halb zwölfe, als man vor das Städtchen kam. Am nächsten Wirtshaus hielten wir. Es schien kein Mensch mehr auf zu fein. Ich hob indes getrost mein Gepäck aus dem Wagen. Aber — Hölle und Teufel! wie wurde mir da! — das Ding war so leicht, war so locker! Den Angstschweiß auf der Stirn eil' ich ins Haus; ein Stallknecht, halb im Schlaf, stolpert mit seiner Laterne heraus, ein zweites Licht reif} ich ihm aus der Hand, und jetzt in der Stube gleich atemlos wie der Feind übers Felleisen her! Das Schlößchen find ich unverletzt, ganz in der Ordnung — weiter — Allmächtiger! mein Gold ist fort! Der Schlag wollte mich treffen. „Nein, nein, um Himmels willen, nein! es ist nicht möglich!'* rief ich in Verzweiflung und wühlte, zauste alles durcheinander. Das Schahkästlein fiel mir entgegen sich hatte es nur gleichsam aus Erbarmen so mit» laufen lassen): im Wahnsinn meiner Angst hielt ich es einen Augenblick für möglich, das Büchlein habe mir meine Dukaten verhext. — Halb mit Wut, halb mit Grauen warf ich den schwarzen Krüppel an die Wand; allein wie schnell verschwand der vermeintliche Zauber, da sich ein Messenschnitt, vier Finger breit, in meinem Felleisen entdeckte! Jetzt wuht' ich vorderhand genug: der Reisende hat dich bestohlen! Soeben wollte ich hinaus, die Hausleute, die Nachbarschaft aufschreien — da muß mein Fuß zufällig nochmals an das arme Büchlein stoßen, und wie ein Blitz schießt der Gedanke in mir auf: Halt! wie, wenn heut' Sankt Gorgon wäre? Mechanisch nehm' ich es vom Boden; indem tritt der Kellner herein, grüßt, fragt, ob ich noch zu trinken verlange. Ich nicke stumm, gedankenlos und sehe mich dabei nach einem Wandkalender um. „Was ist gefällig? neuer? alter? Dreiundachtziger? Die» undachtziger?“ »Versteht sich, einen neuen!“ rief ich mit Angeduld und meinte den Kalender; „den heurigen, nur schnell! nur her damit!“ Der Kellner lächelte hochweife: „Wir haben hierzuland noch keinen heurigen! „Wie? was? um diese Zeit? verflucht! so bringt ins Kuckucks Namen einen alten! Das ist mir aber doch, beim Donner, eine Artschaft, wo man - ei daß dich, da hängt ja doch einer!" 3d) riß den Kalender vom Nagel, ich blätterte mit bebender Band — richtig! Gorgonii, der 9. September! And daß ich jetzt nrwt wie ein Narr vor Freuden in der Stube herumtanzte, *) Bläue (Blaue. Blähe), grobes Leinentuch zur Heber» deckung eines Leiterwagens. den Gläserschrank zusammenschlug, den Kellner umarmte, war alles. Von nun an wußte ich, was für ein herrliches Kleinod mein Schatzkästlein fei. Stand nicht ein Verslein drin, ein Reimlein, ach, mehr wert, als alle Reime in der Welt? (der siebente war's in der Zugab' für sondere Fäll'): Was dir an Gorgon wird gestohlen, Vor Cyprian kannst's wieder holen; Jag nicht darnach, mach kein Geschrei, And allerdings fürsichtig sei. Ich zweifelte nicht einen Augenblick an der Anfehlbarkeit dieses prophetischen Rates. Denn, dacht' ich, wär' es überhaupt nicht richtig mit dem Büchlein, wie konnte es den« wissen und mir so treulich melden, daß man mich just auf Gorgonstag bestehle? und dann — und kurz, es war in mir ein unwiderstehlicher Glaube: vor Cyprian kannst's wieder holen. Bis dorthin waren's freilich noch immer siebzehn Tage; nun' meinte ich, das ist der äußerste Termin, wer weiß, es kanq so gut auch morgen und übermorgen glücken. Wart Mauschel wart Halunk'! es wird sich bald ausweisen, wo deine Krallen es emgescharrt haben; drei Schritt von deinem Galgen, hoffe ich. Franz Arbogast setzte sich hinter den Tisch mit einer Empsin- Dung, mit einem Gesicht, wie ungefähr ein Kaufmann habÄl mag, wenn er gerade einen Brief aus Nordamerika bekam beS Inhalts: „Mein Herr! Ich habe die Ehre zu melden, daß Ihr sehr wackeres Schiff, die „Faustina“, nachdem wir sie bereits in der Gewalt der Seeräuber geglaubt, soeben wohlbehalten im Hasen eingelaufen ist.“ Ich aß und trank nach Herzenslust, schenkte besonders dem Fuhrmann tapfer ein. Mir fiel inzwischen ein, daß noch mein ©tod im Wagen liege; ich ging mit Licht hinaus und fand bei der Gelegenheit noch einen meiner goldenen Füchse zwischen dem Flechtwerk des Korbes stecken und gleich dabei ein ziem- llch großes Loch im Boden. Ich wußte nicht recht, was ich davon denken sollte. Ich ließ es eben gut fein; zu holen war heut doch nichts mehr. Singend und pfeifend ließ ich mir meine Schlafkammer zeigen, und ruhiger schlief ich in meinem Leben nicht als diese Nacht, Vin andern Morgen nun, nach ernstlicher Erwägung aller Amstande, schien es mir keineswegs geraten, mich aus 6er entfernen. Ein jeder Schritt schien zwecklos, wo nicht bedenklich. Sag’ nit darnach!“ Das war für mich eben, als wenn em Daniel mit eigenem Mund zu mir gesprochen hatte' „tOTein ©ofm bleib Er ganz ruhig sitzen im „Löwen“ zu Ros» heim; Er sieht, es ist ein braves Wirtshaus hier; tu’ Er sich ettoaS gütlich auf den gehabten Schreck, und scher' Er sich den Leusel „um bte Sache, Er wird bald hören, was die Glocke schlagt. Ich kam dieser Weisung gewissenhaft nach. Rösheim ist ein lustiges Städtchen, es fehlte mir nie an Gesellschaft besonders meine Wirtin war die gute Stunde selbst. So gingen drei, sechs, sieben Tage hin. Dazwischen gab es freilich auch tiefsinnige Momente, und nachgerade ward mir doch die Zeit zu lang. ftefje eines Nachmittags am Fenster und gräme mich über das köstliche Weyer, das mir so jämmerlich verloren geht; kommt eme Chaise vor das Haus gefahren, die ich 'sogleich für dieselbe erkenne, mit welcher ich damals von Ach- furth abreiste. Ein Herr steigt ans, es war einer von jenen Kaufleuten, der nächste Nachbar meines Meisters, ein wusliger. kleiner geschwätziger Mann. Schnell wollt ich noch entweichen, doch eh 'ich mich's versah, war er herein. tvas der Tausend — da ist ja der Herr Franz! Schon schön, daß wir uns unvermutet treffen! Aus Ehre, tote bestellt! Wie sieht's in Frankfurt? gute Geschäfte gemacht?" „O ia, so so, so ziemlich, ja." „Scharmant. And, mein Freund, nun fährt Er natürlich mit mir, ich gehe direkte nach Haus und bin ganz allein." Ich fing nun an, mich zu entschuldigen — ein guter Be- ..s!^er, den ich notwendig, Geschäfte halber, hier abtoarten müsse, besondere Affären — kurz, alles was zu sagen war. Der Kaufmann stutzte, wollte nicht begreifen, sondierte, fragte; f$toieg zuletzt und trank sein Schöppchen Würzburger, gelben. Ich bat mir Feder und Tinte aus und schrieb etliche Zeilen an den Vetter: daß ich Frankfurt dato noch nicht gesehen, ein Hemer Anfall habe mich verspätet, bereits sei aber alles wieder gang auf gutem Weg, so daß ich hoffe, noch zeitig genug mit meinen Einkäufen in Achsurth einzutreffen; übrigens möge es flch i