WchMer SomilienMätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <925 Samstag, Sen 5. Dezember Kummer 9Z Knecht Ruprecht. Bon Theodor Storm. , Bon drauß' vom Walde komm ich her: Ich mutz euch sagen, es weihnachtet f?' Allüberall auf den Tmmeasprtzen Sah ich goldene Lichtlein sitzen: And droben aus dem Himmelstar Sah mit großen Augen das Christkind hervo . And wie ich so strolcht' durch'den finsteren Samt, Da rief's mich mit Heller Stimme an: „Knecht Ruprecht", rief es, „alter Gesell, Hebe die Beine und spute dich schnellt Die Kerzen fmtgen zu brennen am, Das Himmelstor ist aufgetan, Alt' und Junge sollen mm Don der Jagd des Lebens einmal ruh«: And morgen flieg ich hinab zur Erden, Denn es soll wieder Weihnachten werben'" Ich sprach: „O lieber Herre Christ, Meine Reise fast zu Ende ist: Ich soll nur noch in diese Stadt. Wo's eitel gute Kinder hat." ■— „Hast denn das Säcklein auch bei dir?" Ich sprach: „Das Säcklein, bas ist hier: Denn Aepfel, Rutz und Mandelkern Fressen fromme Kinder gern." -- „Hast denn die Rute auch bei dir?" Ich sprach: „Die Rute, die ist hier: Doch für die Kinder nur, die schlechten. Die trifft sie auf den Teil, den rechte!: Ehriftkindlein sprach: „So ist es recht; So geh mit Gott, mein treuer Knecht!" Bon drauß' vom Walde komm ich her: Ich muh euch sagen, eS weihnachtet sehr! Tiun sprecht, wie ich hierinnen find'k Sind's flute sind's böse Kind? Scmltf NrAsIaus in Slot Bon Felip Timmermans. Die folgende Erzählung ist dem foebett im Jnsel- Berlag erschienenen neuen Buche von Felip Timmer» mcmZ „Das Licht in der Laterne" entnommen. Der flämische Dichter ist bekanntlich der Verfasser der erfolgreichen Erzählungen „Das Jesuskind in Flandern" und „Pallieter". Es fielen noch ein paar mollige Flocken aus der wegziehM- den Schnee Wolke, und da stand auf einmal auch schon der runde Mond leuchtend über dem Weißen Turm. Die beschneite Stadt wurde eine silberne Stadt. Es war ein Abend von flaumweicher Stille und lilienreiner Friedsamkeit. And wären die flimmernden Sterne hernieder» gesunken, um als Heilige in goldenen MetzgewSndern durch di« Straßen zu wandeln — niemand hätte sich gewundert. Es war ein Abend, wie geschaffen für Wunder und Mirakel. Aber keiner sah die begnadete Schönheit des alten Städtchens unter dem mondbeschienenen Schnee. Die Menschen lMiefen. Rur der Dichter Remoldus KeersmaeckerS, der in allem das Schöne sah und darum lauge Haare trug, saß noch bei Kcrzenfchein und Pfeifenrauch und reimte ein Gedicht auf die Götter des Olymps und die Herrlichkeit des griechischen Himmels, di« er so innig auf HolAchnitten bewundert hatte. Der Aachbar DrieS Andijvel, der auf dem Turin die Wach: hielt, huschte alle Viertelstunde hinaus, blies eilig drei Töne in die vier Windrichtungen, kroch dann zurück in die warme, holzgetäfelte Kammer zum bullernden Kanonenöfchen und laS weiter in seinem Siederbüchlein: »Der flämische Barde, hundert Lieder für fünf Groschen." War eins dabei, von dem er die Weise kannte, dann kratzte er die auf einer alten Geige und sang daS Lied durch seinen weißen Bart, daß es bis hoch ins rabenschwarze Gerüst des Turmes schallte. Sin kühles Gläschen Bier schmierte ihm jedesmal zur Belohnung di« Kehle. Trinchen Mukser aus dem »Berzuckerten Rasenflügel" faß in der .SfrW und sah traurig durch daS Kreuzfenfterchen in ihren Laden. aus Der den von Sie steckte die Lampe an und ging sofort hinter Ladentisch, um zu bedienen. Tie dachte, es »Asse der Dischof Mecheln sein. Niedergeschlagen sahen sie einander an. »Es ist Gott zuliebe", sagte Sanft Nikolaus. Gerne Hütte er seine Mitra gegeben, aber alles das war ihm vom Himmel geliehen, und es wäre Heiligenfchändung gewesen, es wegzugeben. Trinchen Mutser rührte sich nicht und betrachtete sie finster. „Tu es dem Himmel zuliebe", sagte Knecht Ruprecht. »Nächstes Jahr will ich auch deinen ganzen Laden austaufen." »Tu es aus lauter Poesie", sagte der Dichter theatralisch. Aber Trinchen rührte sich nicht, sie fing an zu glauben, weil st« kein Geld hatten, daß cs verkleidete Diebe seien. »Wir kommen wegen dem großen Schokvladenfchiff", sagte Sankt Nikolaus, weiter konnte er ihr nichts erklären, denn sie war schon weg und kam wieder in ihrer lächerlichen Nachtkleidung, mit einem bloßen Fuß und einem Strumpf in der Hand, machte die Tür auf. »Herr Bischof", sagte sie stotternd, „hier ist das Schiff bester Schokolade, «ich es kostet fünfundzwanzig Franken."___ Preis war nur zwanzig Franken, aber ein Bischof kann ja gern fünf Franken mehr bezahlen." Aber nun platzte di« Bombe! Geld! Sankt Nikolaus hatte kein Geld, hat man im Himmel nun einmal nicht nötig. Knecht Buprecht hatte auch kein Geld, das Kind hatte nur ein zerschlissenes Hemdchen an, und der Dichter kaute an feinem langen Haupt- und Barthaar vor Hunger — er war vier Wochen Miete schuldig. «f seinem weißen, schwer beladenen Eselchen und den schwarzen Knecht Ruprecht durchzulassen. Aber wie kamen sie nun auf die Erde? Ganz einfach Das Eselchen und ließ sich ganz behaglich mitziehen, auf den Fersen steif und glitschte nur fo hinunter, wie aus einer schrägen Eisbahn. Lind der schlaue Knecht Ruprecht faßte den Schwanz vom Eselchen und lie tzsich ganz behaglich mitziehen, auf den Fersen hockend. So kamen sie ins Städtchen, mitten auf den beschneiten Großen Markt. In Körben, die zu beiden Seiten des Eselchens hingen, dufteten die bunten Leckereien, ine Knecht Ruprecht unter der Aufsicht von Sankt Nikolaus in der Konditorei des Himmels gebacken hatte. And als man sah, daß es nicht reichte und der Zucker zu Ende ging, da hatte Knecht Ruprecht sich in Zivil geworfen, um unerkannt in den Läden, auch bei Trinchen Mutser, Süßigkeiten zu kaufen, von dem Geld aus den Sankt Nikoiaus- vpfcrstöcken, die er alle Jahr einmal in den Kirchen auslecren durfte. Mit all den Leckereien war er an einem Mondstrahl in den schönen Himmel hinausgeklrttert, und nun mußte das alles verteilt werden an die kleinen Freunde von Sankt Nikolaus. Sankt Nikolaus ritt durch die Straßen, und bei jedem Haus, in dem ein Kind wohnte, gab er je nach der Artigkeit des Kindes dem Knecht Ruprecht Leckereien, welche dieser, mit Katzengeschwindigkeit an Regenkandeln und Dachrinnen entlang kletternd und über die Ziegel krabbelnd, zum Schornstein brachte; da ließ «r sie dann vorsichtig hinunterfallen durch das kalt« zugige Kaminloch, gerade auf einen Deller oder in einen Holzschuh hinein, ohne die zerbrechlichen Köstlichkeiten auch nur etwas zu bestoßen oder zu schrammen. Knecht Ruprecht verstand sich auf seine Sache, «ad Tankt Nikolaus liebte ihn wie feinen Augapfel. So bearbeiteten sie das ganze Städtchen, warfen herab,- wo zu werfen war, sogar hier rrnd da eine harte Rute für rechte Laugennichts«. „Da wären wir bis zum nächsten Jahr wieder mal fertig", sagte der Knecht Ruprecht, als er die leeren Körbe sah. Er steckte sich sein Pfeifchen an und fließ einen erleichtert«!» Teuszer aus, weil die Arbeit nun getan war. „WaS?" fragte Sankt Nikolaus beunruhigt, „ist nichts mehr drin? Urtfr die kleine Eäcilie? die brave kleine Cäcilie? fchfcht I" Sankt Nikolaus sah auf einmal, daß sie vor Cäciliens HauS standen und legte mahnend den Finger auf den Mund. Doch das Kind hatte die warme, brummende Stimme gehört wie Hummelgesumm, machte große Augen unter dem goldenen Lockenkopf, glitt ans Fenster, schob das Gardinchen wog und sah Sankt Nikolaus, den wirklichen Sankt Nikolaus. Das Kind stand mit offenem Munde staunend da. And während es sich gar nicht fassen konnte über den goldenen Bischofsmantel, der funkelte von bunten Edelsteinen wie ein Garten, über di« Pracht der Mitra, worauf ein diamantenes Kreuz Licht in die Nacht hineinschnitt wie mit Messern, über den Reichtum der Ornamente am Krummstab, wo ein silberner Pelikan frag, Rubinenblut pickt« für seine Jungen, während sie die feine Spitze besah, die über den purpurne» Mantel schleierte, während sie Gefallen fand an dem guten weißen Eselchen, und während sie lachen mußte über di« Grimassen von dem drollige» schwarzen Knecht, der die weißen Augen herumrollen, als ob sie lose wie Laubeneier in seinem Kopf lägen, während alledem hörte st« die zwei Männer also miteinander reden: »Ist gar nichts mehr in den Körben, lieber Ruprecht?" „Nein, heiliger Herr, so wenig rote in meinem Geldsäckel." „Sieh noch einmal gut nach, Ruprecht." »Ja, "heiliger Herr, und wenn ich die Körbe auch ausquetsche, fo kommt doch nicht fo diel heraus tote eine Stecknadel." Dankt Nikolaus strich kummervoll über seinen schneeweißen Lockeitbart und zwinkerte mit seinen honiggelben Augen. „Ach", sagte der schwarze Knecht, »da ist nun doch nichts mehr zu machen, heiliger Herr. Schreib der kleinem Stellte, daß st« im kommenden Jahr doppelt und dreimal fo viel kriegen soll." „Niemals! Ruprecht! Ich der ich im Himmel wohn«« darf, weil ich drei Kinder, die schon zerschnitten und eingepökelt waren, wieder zum Leben gebracht und ihrer Mutter zurückgegeben habe, ich sollte nun diese Keine Eäcilie, das bravste Kind der ganzen Welt, leer ausgehen lassen und ihm ein« schlecht« Meinung vom mir beibringen? Nie, Ruprecht! Nie!" Knecht Ruprecht rauschte heftig, das brachte auf gute Ge« danken und sagte plötzlich: „Aber, heiliger Herr, nun hört mal zu! Wir haben kein« Zeit mehr, um noch einmal zum Himmel zu ruckzukehren, Ihr wißt, für Sanft Peter ist der Himmel kein Taubenschlag. And außerdem, der Backofen ist kalt und der Zucker zu Ende. And hier in der Stadt schlaft alles, und es ist Euch sowohl wie mir verboten, Menschen zu wecken, und zudem sind auch alle Läden auSverkauft." Sanft Nikolaus strich nachdenklich über seine von vier Falten ^rrchzogen« Stirn, neben der schön« Löckchen glänzten, denn sei» Bart begann dicht unter dem Rande seines schönen HuteS. Ich brauche euch nicht zu erzählen, wie Cäcilie langsam immer bekümmerter wurde von all den Worten. Das reiche Schiff 1^"ke nicht bei ihr stranden! Und auf einmal schoß es leuchtend Köpfchen. Sie machte die Tür auf und stand in ihrem zerschlissenen Hemdchen aus der Schwelle. San« Nikolaus und Knecht Ruprecht fuhren zusammen tote dte Kaninchen. Doch CSM« schlug «hrerbiesig etn Kreitz, stapfte mit ihr«» bloß«« Füßchen in den Schnee und ging zu dem heiligen Kinderfreund »Guten Tag, lleber Sanft Nikolaus", stammelte daS Kind. „Alles ist noch nicht ausverkauft ... bei Trinchen Mutser steht noch ein großes Schokoladenschiff vom Kongo... wie sie die Läden vor- gehängt hat, stand es noch da. Ich hab es gesehen!" Don Einern Schreck sich erholend, rief Sanft Nikolaus erfreut: „Siehst du wohl, alles ist noch nicht ausverkauft! Aus zu Trinchen Mutser! Zu Trinchen... aber ach!"... und seine Stimm« zitterte verzweifelt, „wir dürfen niemand wecken." »Ich auch nicht. Sanft Nikolaus?" fragte das Kirch. .Bravo!" rief der Heilige, „wir sind gerettet, kommt!" And sie gingen mitten auf der Straße, dte kleine Cäcill« mit ihren bloßen Füßen voran, gerade nach der Eierwasfel- straß«, wo Trinchen Mutser wohnte. In der Süßrahmbutterstraße wurde ihr Blick auf ein erleuchtetes Fenster gelenkt. Auf dem heruntergelassenen Vorhang sahen sie den Schatten von einem dürren, langhaarigen Menschen, der mit einem Büchlein und einer Pfeife in der Hand große Gebärden machte, und sein Mund ging dabei auf imd zu. „Ein Dichter", sagte -Sanft Nikolaus und lächelte. Sie kamen vor Trinchen Mussers Haus. Im Mondlicht konnten sie gut das Aushängeschild erkennen: „Zum verzuckerten Nasenflügel". „Weck sie rasch auf", sagte Sankt Nikolaus. And das Kindchen lehnte sich mit dem Rücken an die Tür und llopfte mit der Ferse gegen das Holz. Aber das klang leise wie ein Samthämmerchen. „Stärker", sagte der schwarze Knecht. „Wenn ich noch stärker klopfe, wirds noch wenig-er gehen, denn mein Fuß tut mir Weh", sagte das Kind. „Mit den Fäusten", sagte Knecht Ruprecht. Doch die Fäustchen tparen noch leiser wie die Fersen. „Wart, ich werde meinen Schuh ausziehen, formt kannst du damit llopfen", sagte Knecht Ruprecht. „Nein", gebot Sanft Nikolaus, „kein Dreh» und Deuteln! Gott ist heller um uns als dieser Mondschein und duldet keine Advokatenknisse." And doch hätte der gute Mann sich gern «inen Finger abgebissen, um Eäcilie befriedigen zu können. „Ach! aber den Kerl mit de» Affenhaaren auf dem Vorhang!" rief Knecht Ruprecht erfreut, „den darf ich rufen, der schläft nicht!" „Der Dichter! der Dichter!" lachte Sankt Nikolaus. And NUN gingen sie alle drei schnell zu dem Dichter -Remoldus Keersmaeckers. And kurzerhand machte Knecht Ruprecht kleine Schneebälle, die er ans Fenster warf. Der Schatten stand still, das Fenster ging auf, und das lange Gestell des Dichters, der Verse von 6en Göttern und Göttinnen des Olymps hersagte, wurde im Mondschein sichtbar und fragte von oben: „Welche Mus« kommt, um mir Heldengesäng« zu frittieren ?" „Du sollst Trinchen Mutser für uns wecken", rief Sankt Nikolaus, und er erzählte seine Not. »Ja, bist du denn der wirkliche Sanft Nikolaus?" fragte Remoldus. »Der bin ich!" And darauf kam der Dichter erfreut herunter, jätete allen Dialekt aus seiner Sprache, macht« Verbeugungen und redet« von Dante, Beatrice, Dondel, Milton und anderen Dichtergestalten, die er im Himmel glaubte. Er stand ihnen zu Diensten. Sie kamen $u Trinchen Musser, und der Dichter stampfte und rammelte mit so viel Temperament an der Tür, daß das Frauenzimmer holterdipolter aus dem Bett stürmte imfr erschrocken das Fenster öffnete. »Geht die Welt unter?" 887 „6dkrt euch raus? Hilfe? Hilfe?" schrie sie auf einmal. .Schert euch raus! Heiliger Antonius und Sankt Nikolaus, steht mir bei!" .Aber ich bin doch selbst Sankt Nikolaus", sagte der Heilige. „So siehst du aus! Du hast nicht mal einen roten Heller «ufgutoeif«!“ .Ach, das Geld, das alle Bruderliebe vergiftet!" seufzte Sankt Nikolaus. „Das Geld, das die edle Poesie verpfuscht!" seufzte der Dichter Keersmaeckers. „lind die armen Leute arm macht", schoß es der kleinen Cäcilie durch den Kopf. „And ein Schornsteinfegerherz doch nicht weih klopfen machen kann", lachte Knecht Ruprecht. Und sie gingen hinaus. Sn der Mondnacht, die still war von Frostesklarheit und Schnee, tönte das .Schlafet ruhig" hart und hell vom Turm .Noch einer, der nicht schläft", rief Sankt Nikolaus erfreut, und sogleich steckte Knecht Ruprecht auch schon den Fuh zwischen die Tür, die Trinchen wütend zuschlagen wollte. „Haltet ihr mir die Frau wach", sagte der schwarze Knecht, .ich komme sofort zurück!" And damit stieß er die Tür wieder auf, und zwar so heftig, daß Trinchen sich plötzlich in einem Korb voll Zwiebeln wieder sand. And während die anderen aufs neue hineingingen, sprang Knecht Ruprecht auf das Eselchen, sauste wie ein Sensenstrich durch die Straßen, hielt vor dem Turm kletterte an Zinnen, Dorsprüngen und Zieraten, Schiefern unb Heiligenbildern den Turm hinauf bis zu Dries Andiivel, der gerade „Es wollt ein Säger früh aufstehn" auf seiner Geige kratzte. Der Mann ließ Geige und Lied fallen, aber Knecht Ruprecht «zählte ihm alles. „Erst sehen und dann glauben!" sagte Dries. Knecht Ruprecht kriegte ihn am Ende doch noch mit hinunter, und zu zweit rasten sie auf dem Eselchen durch die Straßen nach dem .verzuckerten Nasenflügel". Sankt Nikolaus fiel vor dem Nachtwächter auf die Knie und flehte ihn an, doch die fünfundzwanzig Franken zu bezahlen, dann solle ihm auch alles Glück der Welt weichen. Der Mann war gerührt und sagte zu dem ungläubigen, hartherzigen Trinchen: „Ich weiß nicht, ob er lügt, aber sie sieht Sankt Nikolaus doch aus in den Bilderbüchern von unfern Kindern und im Kirchenfenster über dem Taufstein. And wenn ers nun wirklich ist! Gib ihm doch das Schiff! Morgen werde sth dirs bezahlen!..." Trinchen hatte großes Vertrauen zu dem Nachtwächter, bet aus ihrer Nachbarschaft war. And Dankt Nikolaus bekam das Schiff- „Setzt geh nur schnell nach Hause und leg dich schlafen", sagte Dankt Nikolaus zu Cäcilie. „Wir bringen gleich daS Dchisf." Das Kind ging nach Hause, aber es schlief nicht, es sah am Kamin mit dem Kiffen auf den Aermchen und wartete auf das Niedersinken des Schiffes. Der Mond sah gerade in das armselig-traurige Kämmerchen. Ach, was sah Cäcilie da auf einmal! Dort auf einem glitzernden Mondstrahl kletterte das Eselchen in die Höhe mit Sankt Nikolaus auf seinem Rücken, und Knecht Ruprecht hielt sich am Schwanz fest und ließ sich mit» schleifen. Der Mond öffnete sich; ein sanftes, großes Acht fiel in funkelnden Regenbogenfarben über die beschneite Welt. Sankt Nikolaus grüßte die Erde, trat hinein, und wieder roar da das gewöhnliche grüne Mondenlicht. Die kleine Cäcilie wollte weinen. Knecht Ruprecht oder der gute Heilige hatten das Schiff rächt gebracht, es lag nicht auf dem Kissen. Aber siehe! was für ein Glück, das Schiff, die „Kongo", stand ja da, in der kalten Asche, ohne Dalle, ohne Bruch, strahlend von Silber, und rauchte für mindestens zwei Groschen weiße Watte aus beiden Schornsteinen! Wie war das möglich? Wie konnte das so in aller Stille geschehen?... Ja, das weiß nun niemand, das ist die Findigkeit und die große Geschicklichkeit vom Knecht Ruprecht, und die gibt er niemand preis. Pansch. Eine Geschichte aus ber Biedermeierzeit. Don Carl Worms. < Fortsetzung, s „Peter!" »Sa, Cousinchen?" — „Peter — sehen Sie mich an, Peter." „Am Gott, so hören Sie doch auf zu petern. Wenn ich mein« Mutter etwas übelnehme, so ist eS dies, daß sie mir den Peter auf den Leib geschrieben." Mit ein« Dolte ihr« Schleppe drehte sie ehm verächtlich den Rücken und wirft das Büchlein in den Brunnen: „Die Probe ist zu Ende." „Ende," echot Sean Paul mit sehr hörbarem Seufz«. Ab« bittend drängen sich die andern um die erzürnte Prinzessin. „Sa, was wollen Die, meine Herren? Wo nehmen wir Einen Helden h«? Anser Held — schläft." „Wenns weit« nichts ist, Prinzefsin —“ Bescheiden tritt Dtnz« mit leicht« Derbengung vor: »Sch habe den Blitz einmal in Altenburg studiert und die kleine TiudenkemoUe Körners laßt sich ja wohl lernen. Ich springe ein." „Sie?" Mißtrauisch aber nicht unangenehm überrascht, fixiert sie ihn. Ein Zucken d« Augenwimp« kann sie verraten, sie muß lächeln, wenn sie auch vor Aerg« bebt. Sie fühlt ihre Niederlage, ab« sie beherrscht sich wunderbar. „Willst du's mit dem Doktor versuchen, Rita?" Aus dem Mädchen wird sie nicht klug. Bisher hat sich Rita von dergleichen ferngehalten, die Rollen nur übernommen, um die Mama nicht böse zu machen, und jetzt antwortet sie unbedenklich: „Wenn es Ihnen recht ist, Mama..." Natürlich muß es der Mama recht fein, sie feit sich sogar bedanken, und schweigend fischt Sean Paul daS Soufsl'ierbuch aus dem Brunnen, überreicht es mit stoisch« Ruhe und meint: „Nun könnten wir ja wohl anfangen.“ Wenn sie ihm nur mit dem Buch eins v«setzen könnte! stlber sie muß mit ihm in den Zuschauerraum, sie muß vom Lehnstuhl aus ansehen, wie die da oben ihre Männchen und Mätzchen machen. Wie gut dies« Doktor fpielt, das ist kein Spiel mehr, das ist Wirklichkeit, besonders im Blitz, den er noch sehr gut behalten hat. „Nicht zu lebhaft, etwas mehr Moderation", ruft sie besorgt hinauf. „Feurig«, feuriger! mehr Temperament!" ermuntert gleich darauf Sean Paul und flüstert Wilhelmine zu: „Ewig schade, daß Sie die Rolle abgetreten. D« Doktor spickt superb." And mitleidig streichelt « ihre weiße Hand. Nun aber schlägt sie doch zu und zischelt mit vibrierend« Stimme: „Sie sind unausstehlich, mein Herr." Endlich ist die Tortur vorüb«, die Glocke ruft zur Desp«. Wilhelmine springt auf. Da behauptet ab« Rita, die eine Stelle müsse entschieden wiederholt roerben. „Gehen Sie nur, liebste Mama, ich komme nach. Wir sind gleich fertig." „Anb ich bleibe als Anstandsdame", flüst«t Sean Paul. „O, da kann ich ja ruhig sein", erwiderte Wilhelmine mit einem spötntischen Knix. „Kommen Sie, Herr Präsident. Mir spukt ein juristisch« Fall im Kopf umfjer. Sie sollen entscheiden, ob culpa oder dolus vorliegt." Graf Peter ab« schleicht tief zufrieden hint«h« und drückt im Dorbeigehen des Dichters Hcmd: ,,D« Pansch ist fertig", raunt « ihm inS Ohr. VI. Der Pansch scheint wirklich gut g«aten. Rita ist wie verwandelt. Sie sitzt nicht mehr stundenlang in b« Bibliothek, sie zupft kein Maßliebchen mehr, sogar ans ihrem Titan ist das Seidenfleckchen, an der rührendsten Stelle hineingelegt, verschwunden. Setzt begreift sie Doras munteres Lachen, die Dögel im Garten scheinen lustig« zu singen, besond«s der Buchfink am Teich hat's ihr angetan. Sie kann eigentlich nicht sagen, daß Binz« ihr mehr als die anderen gefällt. Sie findet alle Herren nett« als sonst. Graf Pet« mit seinen Witzen war zu drollig und Feuerbachs Nase ist so possi«lich. Dieses Kommen und Gehen der Gäste wie tn einem Taubenschlage unterhält auch Rita, die kleine Kolonie d« Kurländ« tvächst von Tag zu Tag, ’Tie alle wollen ihre Semmes-Mathe in der Fremde sehen. Rita findet zum Träumen keine Zeit. Dielleicht ist's auch mir, weil Daron Steinberg nicht mehr da ist. Den hat die erzürnte Mama zur Leipzig« Messe gesandt, und den Neffen hat die Herzogin, als « auch diesen dummen Streich gebeichtet, ins einsame alte Schloß verbannt, fern von bet Brüder wilden Reih'n, bis « gelernt, was « dem Löbichauer Zeremoniell schuldig sei. Die Proben gehen aber lustig vorwärts und Rita findet Sean Pauls AuSspruch auch ganz richtig, daß man auch solche Leine bunte Träume in den großen Traum des Lebens hineinweben solle. Ab« waS ist mit dem Doktor? Wenn Sean Paul ihn morgens fragt, ob « einen Traum verspürt, so haben ihn eh« Zahnschmerzen geplagt. Meint Sean Daul schalkhaft, daß eS sich in Löbichau leben lasse, so heißt es: „ja, soso". Als von ein« Liebelet des Stallmeisters die Rede ist, nennt Dinzer sie einen vorübergehenden Schnupfen und gesteht dem Dicht« zuletzt auf eine direkte Anfrage hin, « wisse selbst noch nicht, wie weit er fei. D« junge Mann scheint sehr schüchtern zu fein, muß also «couragiert toerben. Das ist Sean Paul feinen Grundsätzen schuldig, von Fixstern zu Fixstern macht man sich nicht ben Hof. Dem Panich fehlte noch d« französische Senf. Der Theat«ab«b war glänzend verlaufen, d« Blitz hatte gezündet. Nachdem Rita und Binz« am Klavier noch ein Stabat mater gesungen, waren sie von Huldigung« umringt. Die Chasse- pot wandte kaum die Lorgnette von ihnen ab, während die Ser» zog in auch ohne Lorgnette schon ihre stillen Beobachtungen machte und auf eine Frage der Freundin antwortete, daß man Binz« wohl protegi«en könne. Gräfin und Baronin tauschten einen Blick. Sie war« schon so weit, wie weit eben Freundinnen sein müssen, wenn Blicke an Stelle der Worte tret«. Wie Spinnen im Netz kugelt« sie sich in ein« Sofaecke zusammen: „Das Gegengewicht!" tuschelte die Chassepot und die Baronin meinte maliziös: „Ein Demokrat gegen die and«n ausgespielt? Das gibt noch kein« Stich, wenn Coeur nicht Trumps ist." „So verbessert man eben die Karten. Sehen Sie unser« Herr« dort. Marheineke macht ein Gesicht tote Ajax, als « die Waffen des Achill nicht bekam, und Feuerbach ist ein empfindliches Barometer, das imm« auf Sturm fällt. Geschwind, korrigier« wir daS Wett«." — 388 2k» bet SchioeKe des Ktinsn DiwÄtzkmmcrr verlegte ihnen eilte Wolke von jungen Samen den Weg. „Gnade, Baronin, Gnadet" sichten zchn bis zwanzig Stimmen. Wilhelmine trat als Sprecherin vor und bat in drolliger Rede um Aufhebung der Acht, sintemal die Weiblichkeit von Löbichau ihren Tenor nicht entbehren könne. Geschmeichelt dankte die seelsnvolle Mama und wandte nur ein, daß bei den auf geweichten Wegen die Passage bedenklich sei. „