GietzenerZamilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1925 Samstag, -en 5. September Nummer Der Tag der Toten. Dom Gustav Falk«. Heut ist der Tag der Toten. Niemals flössen Am Tote so viel Tränen. Grab an Grab Wölbt sich, und jedes hält umschlossen Gin Herz, das freudig sich zum Opfer gab, ZornHeiß und doller Sturm... Nun ruht Die ausgelöfchte Glut. Die Not der Zeit, die unsere Loten mehrte, Daß ihre Leichen hügslhaft getürmt, Sie war eS auch, die sie das Sterben lehrte, Daß sie wie Helden in die Schlacht gestürmt. Sie sanken blutend in den Sand And jauchzten: Vaterland! Auf Belgiens Boden und auf Frankreichs Fluren. In Preußen, Polen, Rußland sanken sie. Die vor dem siebenfachen Feinde schwuren: Wir können sterben, aber Deutschland — nie! Sie starben... aber uns erhebt DaS Wort: Wer so stirbt, lebt! Am Tag der Toten laßt uns männlich trauern. Streut Rosen auf ihr Grab und Lorbeer auch. And laßt daS eine euch zu tiefst durchschauern: Deutschland zu schirmen bis zum letzten Hauch — Und gilt es Opfer unerhört — Bei unseren Toten: schwört! Die GlüMsKugsl. Gin Kriegserlebnis, Bon Friedrich Wentzel. Es.war an einem sonnigen Tag in der zweiten Hälfte des Oktober 1914, als unser Bataillon in Kjelze einrückte. Schon in einiger Entfernung war die Stadt sichtbar geworden, deren prächtige Kirche im hochgelegenen Stadtteil weithin ins Land schaute. Dann waren wir durch die unordentliche Gartenvorstadt gezogen und schließlich über das holprige Pflaster zum Oltartt- platz gelangt. An den Feind waren wir noch wenig hevango- krmunen, aber die Eilmärsche der letzten Tage hatten die Truppe sehr mitgenommen. Doch di« Sonne schien, und die Anterkunst sollte nicht schlecht sein, so wurde uns versichert. Und das glich vieles aus. Bald waren di« Mannschaften in der russischen Kaserne untergebracht, sodann machte ich mich 'mit meinem Zettel auf die Suche nach meinem Quartier. Ich fragte eben einen älteren Mann nach der Straße, da hörte ich hinter mir eine hell« Stimm« rufen: „Professor, das ist schön, daß du da bist!" Der Ruf konnte nur mir gelten Rasch drehte ich mich um und sah die hohe schlanke Gestalt meines Freundes Karl W. auf mich zueilen. Seine Augen strählten vor Freude, mich wiedev- zusehen. Mich selbst überkam es wie Rührung, nach Wochen schwerer Pflichterfüllung den frischen jungen Mann in meiner Nähe zu wissen, zumal uns vier Tage Ruhe winkten. Ich erfuhr, seine Kompagnie sei bereits in den ersten Dorinittags stunden eingerückt. „And nun gehst du einfach mit mir. Nein, feinen Widerspruch In meinem Quartier ist Raum für dich und deinen Burschen. Die Tage hier in der Stadt gehören unS. Komm! Wir sind bald am Ziel, und nach der Kaserne ist's nicht weit." Gerne folgte ich meinem jungen Freunde. Als unser Bataillon in den ersten Septembertagen aus Mainz aus zog, kamen wir in dem Zug, der uns nach dein Osten befördern sollte, zufällig in dasselbe Abteil und lernten uns kennen. Die gemeinsame Heimat und der gleiche Beruf brachten «ns bald einander näher. Er war noch jung; seine Dorbe- reitungszeit war gerade zu Ende, und noch am Tage unserer Abfahrt hatte er seine Ernennung zum Assessor erhalten. Seine unbefangene Fröhlichkeit, aber auch der Ernst, mit dem er von siünem Beruf sprach, ließ mich ihn lieb gewinnen. Dankbar nahm er des Aelteven und Erfahreneren Ratschläge hin. Mein« eigens Jugend stand da vor mir. So bildete sich zwischen uns beiden ein wahrhaft brüderliches Verhältnis heraus, obwohl ich fast doppelt so viel Jahre zählt« alS er. In den ersten Tagen unseres Vormarsches in Rußland sahen wir uns fast täglich Dann kamen tote plötzlich auseinander, da unsere Kompagnie getrennt vom übrigen Bataillon eine Sonderausgabe durchzuführen hatte. Begreiflich, tote groß die Freude des Wiedersehens war. Schon waren wir im Quartier angekommen; ein einstöckiges Haus, etwas verwahrlost, wie so oft dort; der Garten ringsum nachlässig gehalten. Aber das Ganze machte in der bunten Herbstfärbung einen anheimelnden, fast romantischen Eindruck. Der Besitzer, ein älterer Mann, und feine Haushälterin ließen sich nur wenig sehen. Das Zimmer meines Freundes war geräumig genug für uns beide. Lange konnte ich bei meinemt Freunde nicht verweilen, dankte ihm herzlich versprach, am Abend so zeitig als möglich dazufein zu einer Plauderstunde und ging eilig zur Kaserne, nach meiner Mannschaft zu sehen, und zu erfahren, welche Aufgabe mir der nächste Tag brachte. Am neun Ahr faßen wir schon am Tisch einander gegenüber, zwei Kerzen spendeten Acht, der Rauch unserer Zigarren kräuselt« sich in der Luft. Ein Bild stillen Friedens inmitten des rauhen Krieges. Ansere Erlebnisse während der Trennung hatten wir schnell ausgetauscht, und bald waren wir bei der Heimat an- gelangt, unserem schönen gemütlichen D... Lange hatten wir uns so unterhalten, da trat unwillkürlich eine Stille ein. Träumerisch sah mein Freund vor sich hin und sagte halblaut wie im Selbstgespräch: „Weihnachten werden wir zu Hause sein". Ich horchte auf. Schon bei der Ausfahrt hatten meine Leute wiederholt dieser Aeberzeugung Ausdruck verliehen. Ganz teilte ich sie nicht. „Wollte Gott, du hättest recht damit", erwiderte ich „Aber glaube mir, Ostern feiern wir noch in der russischen Oede, und dann werden die Geschütze noch stärker dröhnen und di« Maschinengewehrgeschosse uns dichter umschwärmen wie die Bienen." „Wer doch Weihnachten daheim fein könnte", wiederholte er leise. Ich stand auf, stellte zwei neue Kerzen hin, schnallte um und setzte den Helm aus. „Du gehst noch einmal. Gern hätte ich noch ein wenig bei dir gesessen." „Ich will zu meinen Leuten und Weisung geben; morgen in der Frühe revidiere ich di« Posten. Am 6 Ahr reite ich. Warte nicht auf mich. Gute Nacht!" „Komm bald zurück," rief er mir nach; es schien, als hätte er mir etwas zu sagen. „In einer halben Stunde bin ich zurück, aber warte doch nicht. Morgen ist auch ein Dag." Als ich wieder kam, war Karl W. fest eingeschlafen. Neben seinem Bett lag ein Lichtbild, das ihm offenbar beim Einschlafen aus der Hand geglitten war. Ich hob es auf und betrachtete den hübschen Mädchenkopf. Volles, welsiges Haar umrahmt« eine vornehme Stirn, unter der ein Paar große Märchenaugen fast kindlich in die Welt sahen. „Darum Weihnachten zu Hause", dachte ich bei mir. „ÄrmeS Kind! Junge Mebe und Krieg; blühende Rosen im Winter. Möge der Himmel euch gnädig sein!" Eine Weile sah ich den Schläfer an, dem ein Lächeln um die Appen spielt«. Am frühen Morgen — mein Freund schlief noch — ritt ich davon. Weit dehnte sich die russische Ebene. Gin leichter Rebel verhüllte sie, mir im Osten verkündete ein heller Streif das kommende Tagesgestirn. Feierliche Still« rundum, nur in weiter Ferne ab und zu ein dumpfer Schuh. Ins Anendliche schien im Nebel di« Fläche zu wachsen; ohne Leben, ohne Hoffnung lag sie da. Der Boden schien zu schwinden, eine andere Welt nahm mich auf. Ich, gedachte der Worte meines Freundes: „Weihnachten zu Haus!" Wer mochte bis dahin noch! am Leben sein? And die Ebene vor mir verwandelte sich in den ungeheuren Rachen eines gespenstischen Tieres, das uns allesamt zu verschlingen drohte. Jäh riß mich der Ruf eines Postens aus meiner Träumerei in die Wirklichkeit zurück. Ich antwortete mit der Parole, er machte seine Meldung und wies mich zur nächsten Postenstellung. Zwei Stunden später erstattete ich Bericht und ging ins Quartier. Mein Freund war zum Ausgehen fertig imb schloß sich mir an. als ich ihn aufforderte, dem Gottesdienst in der evangelischen Kirche bäzuwohnen. Am Abend saßen wir wieder beisammen. Das kriegerische Bild des Tages verschwand im stillen Frieden des Abends. Leicht flackerte das Kerzenlicht und ließ den größten Teil des Raumes im Dunkel. Es war die richtige Dämmerstunde in einem deutschen HauS mit ihrer Märchenstimmung. Seife erklangen dir Heimatglocken. Wohin auch der Deutsche kommt, das Bild und die Stimmung der Heimat trägt er unverlöschlich im Herzen mit. Es ist ein Stück Romantik, die ihm das Leben im fremden Lande vergoldet. So waren wir wieder beim Gespräch des vergangenen Abends, mein Freund besonders bei den Berufsaussichten nach dem Kriege. „Jetzt währt der Krieg, wohl länger als die meisten ahnen, und wir haben unsere Aufgabe. Laß !dir daran genügen", mahnte ich ihn; „wissen wir doch heute nicht, was morgen geschieht. Heut« leben und des Morgen warten, mehr können wir nicht." „Du hast es gut. Du kehrst in deine Stellung und dein Heim am schönen Rhein zurück. Du bist beneidenswert. Aber was wird aus uns Jungen? Wir wollen doch auch voran." „Beneidenswert?" Lächelnd wiegt« - 282 86 Öen Kopf. „Gewiß, äußerlich verlief mein Leben ruhig und ohne Reibung. Wie könntest du auch anders urteilen. Wir sehen voneinander nur das Aeußere. Aber kennen wir uns wirklich? Weißt du, wie viel Seelennot sich unter der ruhigen Oberfläche verbirgt? Wohl dem, der erlöst wird." Aergerlich sprang mein Freund auf. „Wie kannst du das sagen, du mit deinem prächtigen Humor. Die ersten schweren Tage haft du uitS wirklich damit erleichtert." „Ob ich Humor habe, weiß ich nicht", bemerkte ich trocken. „Ich habe nur über vieles lächeln gelernt, was mir groß und wichtig erschien, besonders setzt im Kriege, im großen Geschehen, wo der Mensch der Ewigkeit ins Auge blickt. Doch das Lächeln überwindet nicht alles. Aber bleiben wir lieber bei dir. Ihr seid wichtiger als wir. Wir sind -die Gegenwart, die bald verrauscht; aber auf euch ruht die Zukunft. Euch jungen Paare — ich sah ihn scharf an — braucht das Reich, euren Zukunftswillen und eure Schaffenskraft. Und nun, lieber Junge, — ich zog ihn sanft auf seinen Stuhl —, wahre deine Herzensgefchichte sorgfältiger." Ich berichtete von hem Fund und was er mir verriet. Ruhig sah er mich an: „Du solltest iss wissen, gestern abend noch'." Die kurze Geschichte seiner Liebe war bald mitgeteilt. „.Und nun verstehst du meine Fragen", schloß er. ^.Dachte mir's", und nachdenklich fuhr ich fort: „An mir ist die Glückskugel vorbeigerollt. Mag sie geradewegs auf dich zukommen. Aber das ist ein törichtes Bild. Glaube an dein Glück, und du hast es. Gute Rächt, und träume von Beinern Glück. Morgen mag's dir vielleicht mißgönnt sein." Kaum hatte ich geendet, als in der Entfernung Geschützdonner laut wurde. „Mein lieber Junge", nahm ich das Gespräch wieder auf, „unser Idyll hat ein schnelles Ende gefunden. Wir werden bald im Feuer stehen." „Dann auch dir alles Gute." Karl W. drückte mir fest die Hand; „Gin frohes Wiedersehen in der Heimat". Am nächsten Morgen schien Karl W. versonnen und ernster als sonst; aber nach der Ursache zu fragen, blieb mir feind Zeit. Ein Auftrag rief mich zum Munitionsempfang nach einem kleinen Bahnhof in der Rahe von Kjelze. Als wir uns am Mittag trafen, hatte er seine alte Fröhlichkeit wiedergefunden und berichtete mir von seinem nächtlichen Traum. Verwundet oder krank lag er in einem Raum, im Lazarett oder zu Hause; an seinem Bett saß jemand und hielt seine Hand. Anfänglich schien es seine Braut zu sein; allmählich, aber nahm sie meins Züge an, und wir sprachen von der Glückskugel. „Verworrenes Zeug", meinte er, „aber es hat mich doch, nachdenklich gestimmt, v'tb du bist schuld daran." Ehe ich erwidern konnte, horte ich meinen Ramen rufen. Ans« Major war herzugetreten und forderte mich auf, mit ihm zur Kaserne zu gehen; das Bataillon breche befehlsgemäß sofort auf, meine Kompagnie an der Spitze. Kurz vor dem Aufbruch fand ich Gelegenheit, rnich noch,, einmal nis Quartier zu begeben, wo Karl W. zum Abmarsch rüstete. Ein Händedruck, ein fester Blick in die Augen, und der Abschied "war genommen. Sine halbe Stunde später schob sich unsere Kompagnie auf der Straße nach Warschau vor. Der Herbst des Jahr^ 1914 war milde und von -aager Dauer. Als unser Bataillon von dem berühmten großen AKckzug von Warschau am 9. Rovember in Kattvwitz ankam, lag über der herben Landschaft ein weicher Sonnenglanz, eine awhligs Wärme breitete sich aus, der Duft frisch, umgebrochen,en Landes stieg empor. Die Heimat umfing ihre Söhne in trauter Weise, und so traten uns auch die Menschen entgegen, froh, wie erlöst aufatmend. Denn lange bange Wochen lagen hinter ihnen, voll Furcht, die Russen möchten mit ihrer gewaltigen älebermacht die schwachen österreichischen Linien durchbrechen und Oberschlesien das Schicksal Ostpreußens bereiten. Die jungen Leute waren ins Innere des Reiches übergeführt worden, um im schlimmsten Falle vom Feinde nicht verschleppt zu werben; die übrige Bevölkerung war fluchtbereit. Um so größer war die Freude beim Herannahen deutscher Landwehr. Run war alles gut. Die Heimat ließ schnell vergessen, was an Mühen, Leiden und Sterben hinter uns lagt Unsere Kompagnie lag in Zalence, einer Dorstadt von Kattvwitz, das übrige Bataillon war in der Umgebung untergebracht. Am Nachmittag schon stürmte Karl W. in jugendlicher Hast die Treppe zu mir herauf. Mit offenen Armen ging ich ihm entgegen in der Freude, den lieben Menschen wiederzusehen, und lieh mich gerne bereden, ihn in ein vornehmes Safe zu begleiten, obwohl sich bei mir eine Influenza meldete, die mir nachher zum Derhängnis werden sollte. Bald sahen wir in einer hübschen Ecke beisammen, und mein Freund erzählte von seinem Quartier. Bielleicht hatte er mich zu diesem Zwecke hierhergeführt. In D. war er bei einem Fabrikdirektor untergekommen. Entzückt sprach er von seinen Quarfierwirten, geradezu schwärmerisch von deren Tochter. „Dorsicht!" mahnte ich und drohte mit dem Finger. Lachend wehrte er ab: „Ich kenne deine Gedanken, aber sei unbesorgt." Doch formte ich mich des Gefühls nicht erwehren, als habe das Mädchen in der kurzen Zeit einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Beim Abschied bat er, ihn tags darauf in D. zu besuchen. Am folgenden Rachmittag war ich bei ihm und lernte die Familie kennen. Er hatte nicht zu viel gesagt: Die Eltern echtige Leute, die Tochter eine vornehme, schöne Erscheinung. gesicht und Unterhaltung verrieten Begabung und Temperament, aber auch ein stolzes Selbst bewußtsein. Echter deutscher Grenzlandschlag. Die jungen Leute schien es stark zueinander zu ziehen, »eine tiefe Zuneigung keimte zweifellos empor. Mein Freund weilte wie in einer anderen Welt; eine besondere Saite schwang in ihm. Ich erinnerte mich einer Aeußerung in Kzjelze, als er von seiner jungen Liebe sprach: Das Mädchen wecke kein Begehren in ihm. Das war jetzt erwacht, und mit Besorgnis gedachte ich des stillen Mädch,ens in der Heimat. Am Abend ging ich. „Morgen muß ich dich sprechen", bat mich Karl W. „Leider unmöglich. Morgen rücke ich ab. Geheimer Auftrag. Geht alles gut, bin ich übermorgen zur Stelle. Frage nachmittags bei der Kompagnie mach" Am späten Abend rückte ich mit hundert Mann zu einer Erkundung über die Grenze. Auf dem Marsch gedachte ich meines Freundes. Arm-er Junge, in welche Herzenskrisis bist du geraten. Wie wird deine Entscheidung fallen? Ich mußte gestehen: Die beiden waren ein schönes Paar, äußerlich wie für ebtanber geschaffen. Ob sie geistig übereinflimmten oder sich ergänzten, formte der Fernstehende nicht beurteilen. Eines aber war mir klar: Ihr stolzes Selbstbewußtsein bedurfte stark« Beschränkung durch die Liebe, um erträglich zu sein für das weiche und empfindliche Gemüt meines Freundes. Ab« die Liebe vermag alles. Ist fie doch stetes Opfern des eigenen Selbst. War es indes die wahre tiefe Liebe, die in fo kurz« Zeit in Heid«! Herzen Einzug hielt? Liebe auf den ersten Blick? Ich glaubte nicht daran. Zu d« anbern dort in der Heimat hatte ihn doch auch eine tiefe Neigung gezogen. War sie ' ~ Irrtum? Wachte « sich frei davon? Fand er sich zu ihr wi * : zurück, nachdem « in die geistsprühenden Augen hier geb: .. ,, den Schlag des Herzens, das Schwingen ber Seele gefühlt? Armes stilles Mädchen dort in der Heimat! Das nahe Ziel unterbrach: meine Gedanken. Die Aufgabe erforderte die volle Aufmerksamkeit. Die Aufgabe war glücklich gelöst; wohlbehalten waren wir zurückgekommen. Nun sahen d« Aeltere und der Junge einanber gegenüber. „Wie hat sie dir gefallen. So sprich doch endlich! Wie bist btt 'nur heute!" drängte Karl W., als ich nicht sofort antwortete. „Gedulde dich; gleich stehe ich Rede unb Antwort." Mein offenes Urteil befriedigte ihn. „Die Eltern haben nichts dagegen. Rur soll die D«koblmg nicht sofort stattfinden; einige Zeit sollen wir noch warten." „Sehr verständig", warf ich ein. „Dielleicht geht der Krieg bald zu Ende, bis Weihnachten schon.": „So weit seid ihr schon?" „Roch ist mchks entschieden." Ich war verbküfst: „Ab« versteW du denn nicht, wie du an beiden Mädchen, unrecht tust? Fern liegt es mir, eine Moralpredigt zu halten, Die echte tiefe Liebe ist Schicksal. Ruft es, gilt kein Bögern und Schwanken. Die Stimme im Innern tönt, ihr muh jeder folgen. Zwiespalt aber ist Täuschung, hier wie dort." Träumend sah mein Freund vor sich hin. „Sie ist die Erfüllung all meiner Wünsche, Die Glückskugel kommt gerollt. Sieh, ich habe deine Worte nicht vergessen. Aber laß das jetzt! — et machte eins Handbewegung, als verscheuche er etwas —. Komm mit in die Stadt zu ein« gemütlichen Plauderstunde." „Du hast recht", ftbnmte ich zu: „der Soldat darf nur dem Augenblick leben.“ „Ich beneide deine selbstsichere Ruhe. W« sie hätte, numches sähe sich besser an." „Stünde d« Jugend übel an. Ab« auch die Zeit kommt. Mögest du nur nie den hohen Preis dafür zahlen wie ich Sieh das ganze rauschende, lockende Leben liegt noch vor dir, es hat dir viel zu geben. Ich verlange nichts mehr von ihm. Bald stehen wir wieder in Feindesland. Gin Schutz, und ihr deckt mich mit bem grünen Rase». Das mag die wahre Glückskugel für mich sein. Dann hat dies Herz hi« die wahre Ruh!" „Schott einmal hast du mich damit aufgebracht", unterbrach mich mein Freund fast zornig: „du bist mir viel geworben, und g«abe jetzt darfst du mich nicht »«lassen!" Wortlos drückte ich ihm die Hand; es war wie ein stilles Gelöbnis. Sechs Tage, nachdem wir Oberschlesien betreten hatten, verließen wir den deutschen Boden; auf Lodz ging‘8 zu Die Oesterreicher übernahmen die Wacht an der schlesischen Grenze. Die Bundesgenossen sah die Bevölkerung nicht gern an uns«« Stelle einröcfen. Man erwartete nicht viel von ihr« Dapf«kelt und Widerstandskraft. Die Erfahrungen des Krieges rechtf«tigten die Furcht. Doch haben sich die Oesterreich« in der Schlacht bet Ezenstochcm gut gehalten. Ilm so herzlich« war der Abschied bei unserem Aufbruch Es war ein mild« sonnig« Tag, als wollte die Heimat selbst uns einen Gruß mit auf den Weg geben. Don Blumen überschüttet, mit allerlei Liebesgaben reich beschenkt, zogen die Truppen durch eine dicht gedrängte Menge zum Bahnhof. Karl W. traf ich auf bem Bahnsteig im Gespräch mit dem Fabrikdirektor und fein« Familie. Ich begrüßte alle und suchte schnell meinen Platz auf, um nicht zu stören. Rach einiger Zeit rief man mich die Herrschaften wollten sich verabschieden. Mit warmen, herzlichen Worten wünschten sie uns alles Glück. Roch einmal drückten sich die jungen Leute die Hand, nur schwer trennten sie sich Ab« Wille itnb Schicksal des einzelnen verschwanden vor der Rot des Volkes. Wenige Minuten spät« verließ der Zug die Halle, deutsche Landwehr trat an gegen den Feind. Es dämmerte schon stark- Dunkle Wolken waren herausgezogen, hart schlugen die Regentropfen an die Fenster. Wein Freund sah durch die Scheiben iirs Weit«; « wgr fein« Erregung noch nicht Herr geworden. Ich mochte ihn nicht stören und hing meinen Gedanken nach Wieder zog uns« ‘Bataillon, kampferprobte, pflichttreue Landwehr — sie war ein Teil der berühmt gewordenen Division Menges — hinaus durch die finstere Nacht, dem russischen Rachen entgegen. Bald würde sie sich vorwärts schieden durch den zähen Schlamm der Straßen hinein in die unendliche Ebene, die schon die winterlichen Boten — 883 schickt«. Bald würde es mrs glutrot entgegenlohen, uns um» schwirren mit Hellem Geklirr und gespenstigem Vorüberhitschen. Die eherne, unerbittliche Pflicht ruft. Der Einzelne bedeutet nichts, das Ganze alles. Das Opfer für den Heimatboden, und sei's das Leben, ist w.e umsonst gebracht. Sei's drum! Es war nicht das Schlimmste, in der vollen Kraft des Schaffens schnell dahingerafft zu werben in Höchster Pflichterfüllung. Wer mag das Los teilen? Sn sechs Wochen läuteten daheim die Weihnachtsglocken. „Weihnachten zu Hause", so war der sehnlich« Wunsch meines lieben Jungen da mir gegenüber. Unwillkürlich sah ich ihn an und erhaschte seinen Dlick, der schon längere Zeit auf mir geruht haben muhte. Fragend sah ich ihn an. „Noch ist Nichts entschieden." Ich verstand ihn sofort und nickte ihm zu: .Du hast ja Zeit." Nach einer Pause kam es wie ein unterdrückter Schrei von seinen tappen: „Was soll werden?" In Höchster Erregung ergriff er wie hilfesuchend mein« Hände: „Ich weih nicht, ob du verstehen kannst. Weine Seele gehört ihr ganz, mem Leben sann ich nicht denken ohne sie. Aber dann taucht das Bild der anderen in der Heimat vor mir auf, ein leises Weinen aus weiter Ferne höre ich, das mir das Herz zerreißt. Die eiire kann ich nicht lassen, und die Erinnerung an die andere werde ich nicht los. Welch eine Qual! Was soll werden? Ein Trost ist's für mich daß ich deine Hand halten kann. Ach, dah ich bei dir bleiben vmrte! Du bist der einzige Mensch dem ich mich vertrauen kann. Dach einer Pause fügte er schmerzlich lächelnd hinzu: „Was ist aus dem Traum von der Glückskugel geworden! .Urttovi.iig wehrte ich mit der Hand ab; wie hatte ich die törichte Redensart schon bereut. Dann neigte ich mich zu ihm: „Wem bleibt seelische Not erspart! Je tiefer der Mensch empftndet, um so großer ist st«. Aber sie wird auch überwunden. Was jetzt dein Inneres aufwühlt, läßt sich nicht klar sehen, weder hinaus in die Wirtlich- kett, noch hinein in dein Herz. Erst wenn die Wogen verebbt sind, kommt mit der Ruhe auch die Klarheit. Linser Voll steht noch im Anfang des gewaltigen Ringens. Wir eiiyelnen sind nur die Zellen in dem großen Organismus unseres Volkes, der sich anschickt zu der ungeheuren Kraftentfaltung, um sein Leben «, währen. Das gchi nicht spurlos an uns vorüber, an unserem Körper nicht, noch! viel weniger an unserer Seele. Lins umweht hier draußen der Ewigkeitsgedanke, vor dem so vieles von stolzer Höhe herabsinkt, was wir sonst so hoch hielten. 'Aber was wir Aelteren vielfach erst jetzt lernen, das erfahrt ihr Jungen schon an der Schwelle des Menschenalters. Ihr reift früher als wir, darum seid ihr auch ganz anders als wir, die Träger der Zukunft unseres Dolles. Euer Dlick wird schärfer, euer Lirtell sicherer, auch über euch selbst. Werm in den nächsten Tagen im Brüllen und Loben der Schlacht der Tod über uns hinweg- gebraust ist, dann wird auch über dich Li« große Ruhe kommen, und du wirst in deinem Innern die Stimme hören, die dir den rechten Weg zeigt in dein künftiges Leben und zu deinem Glück. Hast du formt meinen Beistand nötig, er ist dir sicher. Mögen wir in den schweren Tagen einander nahe sein. Doch jetzt wollen tote «in wenig ruhen." Karl W. beruhigten meine Worte sichtlich. Seine Züge verloren den gequälten Ausdruck, und bald schlief et «in. Die Jugend will ihr Recht. Lind weiter wühlt« sich der Zug in die dwtkle Nacht. Von Grabow aus rückte das Bataillon über foe russische Grenze. Rauh fegte der Wind über das Land mtd peitschte einen feinen, eiskalten'Regen uns entgegen, der unaufhörlich niedertroff aus schwarzen Wolken, di« tief auf die graue Fläche nieder- hingen. Wieder nahm uns die unendliche Weite auf, düster, geheimnisvoll, ohne Hoffnung für den, der sie betritt. Es war ein mühevoller Marsch auf der schlammbedeckten Straße, bis gegen fünf Llhr Podgrabowa, ein armseliges, polnisches Nest, und aufnahm. Von da ab hatten mein Freund und ich uns für die nächste Zeit aus Leit Augen verloren. Erst als wir in Sc» biesinki vorgezogen wurden, begegneten wir uns kurz beim Aufbroch in der Frühe. Frisch und klar klang seine Stimme beim Gruß in den Morgen hinein, Heller blickten di« Augen. Er wird's überwinden, dachte ich bei mir. Aber auf seiner Stirn lag tiefer Ernst, und ein weher Zug um seinen Mund machten mich wieder irre. Doch der Krieg läßt kein« Zeit zum Grübeln. Ein kurzes, scharfes Kommando, meine Kompagnie setzte sich in Bewegung. Gin letzter Dlick, ein letzter Wink. Mehrere Wochen rang ich im Lazarett mit dem Lode, nur allmählich stellte sich die Genesung ein. Längst war Weihnachten vorüber, als ich in di« Heimat zurückkehrte. Dald danach als ich mich in M. meldete, erhielt ich Nachricht über meinen Freund und Kriegskameraden. • Am Heiligen Abend war er mit einem schweren Kopfschutz ins Lazarett — der Name des Ortes ist mir entschwunden — eingeliefert worden. In seinen Fieberphantasien hatte er zwei Mädchennamen gerufen, von einer Glückskugel gesprochen und nach mir verlangt. Am Morgen versielen feine Kräfte schnell, und als die Glocken in der Heimat das Geburtsfest des Hernr einläuteten, ging er sanft hinüber. Seine letzten Worte waren: Weihnachten nach Hause! Ties erschüttert vernahm ich die Kund«, grübelte lange über sein Schicksal. Ein anderes hatte ich ihm erhofft. Llnd doch: Die Macht, die alles lenkt, hatte wohl das Deste bestimmt. Seines Herzens Zwiespalt war gelöst, sein Wunsch erfüllt: Weihnachten war er heimgekommen Tagelang sah ich das Bild meines Freundes leibhaft vor mir, und heute noch ist der Schmerz um den lieben, frischen Menschen nicht verklungen. Llnd die er zurücklieH in bangem Warten? Die fein jauchzendes, himmelstürmeirdes Erlebnis geworden, wird nur noch! im Traume ein flüchtiges Erinnern streifen, wie eine längst verklungene Weise manchmal in uns anklingt. In der Heimat aber wird eine' einsam« MensGenfeele die Erinnerung an Jugendglück durchs Leben begleiten, in dem Schatten der Dämmerstunde, wenn die Seele feiert, wird das Gedenken an den toten Helden aufleuchtsn wie ein zauberhafter Lichtstreif aus fernem Märchenland. Soldatengrab. Von Walter Flex. Zwei Vöglein sah ich schwingen, die schwangen auf und ab, zwei Vöglein hört' ich fingen auf meines Bruders Grab. GinS schwang aus grauen Flügeln, eins glänzte rossnfarb, sie sangen auf den Hügeln, wo mir der Bruder starb. Ein Liedlein grau und öde, rann trüb wie Sand in Sand; „Dein Bruder, der liegt schnöde in Feindes Land und Hand." Das Vöglein rosafarben fang glockenrein ins Land: „Süß schlafen, die da starben, in Gottes Land und Hand." Ein Steinlein tat ich nehmen, Grauvöglein strich weitab. Sein Lied soll dich nicht grämen, Kam'rad im stillen Grab! Doch vom Soldatenbrote verstreu' ich Dröselein wohl für das rosenrote, das Himmelsvögelein. Es soll sich fromm gewöhnen cm das Soldatengvab und soll von Liebe tönen ins liebe Herz hinab. Kein frem&cr Laut soll klingen tief unter Schnee und Feld, die Himmelsvöglein fingen deutsch durch die ganze Welt. Der Schnee ging engelleise, ging engelflügelsacht, des Rosenvögleins Weise rinnt fütz durch Tag und Nacht. Die Schlacht an der Lys. S. bis 30. April 1918. Don Herrn ann S tegem an«. Die Schlacht an der Lys wurde von strategisch-n Gedankro getragen. Sie erschien hn Lichte ein«« Flügelangriffs, d« foe Avrdflanke des bereits die Südflanke umringenden brittschen Heeres bedrohte. a Die 6. Armee tsiat zuerst an und machte sich zwischen La Dassve und Warneton zum Angriff fertig. General w Quast verfügte nur über 100 000 Mann. Er hatte den weichen, durch frifche Regengüsse überschwemmten Doden der Lysmederung, Den karten LM^bschnitt und die Tiefenlinie der Lysvor sich und traf, wenn er links an Armentitzres vorbei gen Westen Raum gewann, auf den großen 'Wald von Nieppe und dre verschanzten Höhen von Dailleul und Cassel. In seiner rechten Flanke aber ragte drohend der als unbezwingbar geltende Kemmelberg mit seinen Degleithöhen, von denen der Engländer mit Auge mid Geschütz die ganze Lysniederung und den Douvegrond beherrschte. An QuastS rechter Schulter, zu Füßen des Kemmelberges, stand der linke Flügel der 4. Armee bereit, den Angriff zu unterstützen und durch den Douvegrond vorzudringen, um Armentitzres von Worden zu umfassen. Die Deutschen kannten die Llngunfft der Derhältmsse. trugen sich aber mit der Hoffnung, den Feind zu überoaschen, foe briti- schen Divisionen und die im Zentrum der Augriffssront fechtenden Portugiesen zu überrennen. Armentisves abzuklemmen, zwischen Bethune und Dailleul durchzubrechen und die Bahn nach H^e- brouck, in den nördlichen Flankenraum des englischen Jyeeree freizuschlagen. Bon den Siegesbotschaften Niarwi^ tmd Hutters entflammt, vom Bewußtsein erfüllt, daß das LMe von ihnen gefordert werde, warfen sich Quasts und Arrrims Divisionen unter bet Führung der Generale Dernhardi, Stetten, Eforhardsi Wfov schall, Sieger, Kraevel und Earlowitz in foe Schlacht. Quast griff am 9. April an, Arnim rückte am 10. April vor. . OMeju ungestört ballten sich Quasts Angnffssiiul«, W der Nacht auf Den 9. April zum Sturm. Kraevel links, Dernhardi und *) Aas Dd. IV der „Geschichte des Krieges" (Deutsche Ber- lagsanstalt, Stuttgart). < ~ — 284 Carlo Witz tn der Mitte, Stetten rechts, warteten sie auf den Aufbruch der Feuerwalze. Es war eine von schweren Nebeln trunkene Nacht. Ja der ersten Frühe ritz die deutsche Artillerie breite, rot» gestrtemte Feuergassen in die Dunstschicht. Die Artillerie lag zwei Stunden auf den feindlichen Stellungen und wühlte sich tief tn die Hügel von Dailleul. Die Portugiesen wurden mitten in der Ablösung überrascht. Di« versumpft« Lysniederung verschluckte zwar manche Granat«, aber die Zerstörung der auf» gesetzteil Brustwehren gelang rasch, und auch di« Detonklötze litten Schaden. Der Gegner antwortete schwach, aber als die Deutschen um 9 Ähr vormittags im Morgennebel hinter der Feuerwalze zum Angriff schritten, schlug ihnen aus Weidendickichten und verwaisten Fermen ungebrochenes Feuer entgegen, das große Verluste forderte. Sie gewannen trotzdem Raum und stießen den Keil tief in den Feind. Das linke Zentrum drang unter der Führung Bernhardts mit dem Bajonett in die Stellung der völlig verstörten Portugiesen und schlug sie in wilde Flucht. Rechts stürmte Carlowitz Laventie und wandte sich nordwestwärts schwenkend gegen die Lhs. Der Feind stürzte von Bois-Grenier auf die LyS zurück. Quasts Divisionen drangen durch das Trichterfeld von Fleur» beix gegen die Linie Bac-St. Maur—Estaires vor, zersprengten englische Bataillone, di« von Dailleul Herbeisilten, erreichten bei der Fähre St. Maur die Lhs und gewannen unter der Führung des alten Stochodkämpfers Höfer in hartem Kampf das Äord- ufer des Flusses. Armentiöres war in der rechten Flanke umgangen. Quasts linker Flügel war weniger glücklich Er traf bei Givenchy auf unzerstört« Hindernisse und den hartnäckigen Widerstand der 55. englischen Division, gewann schrittweise Boden, stürmte in zähem Kampfe Richebourg l'Avoue, kam aber nicht über die Linie Givenchy—Festubert hinaus. Als es Abend wurde, hatte Quast zwischen den Drehpfosten Bethune und Armentiöres einen tiefen Keil tn die feindliche Front gestoßen. Aber nur* begann der Kampf mit dem Gelände, das der Artillerie das Vorrücken verwehrte und den Rachschub in Frage stellte. Der Weiche Boden, in dem unzählige Granattümpel glitzerten, die in Fermen und Gehölzen lauernden Maschinengewehre, Fernfeuer englischer Langrohre und die Erschöpfung der unterernährten, von den Proviantlagern des Feindes in Versuchung geführten Truppen hemmten die Fortsetzung der Schlacht. Die Infanterie blieb ohne genügende .Unterstützung am Rande der durchschrittenen Niederung liegen und wartete fiebernd auf den Nachschub. Quast hatte Tanks zum Angriff geführt, aber die schwer gebauten, mit allzu kurzen Radbändern versehenen Wagen kamen int sumpfigen Lhsgelände nicht vom Fleck und blieben hilflos im Morast stecken. Die Geschütze wurden einzeln mit Vorspann vorgerissen, eroberte Haubitzen gegen den Feind gewendet, querlaufende Bäche und zerschlagens Straßen mühsam überbrückt und von Pionieren und Schippern Äebermenschliches geleistet, um der Fortsetzung des Angriffs am 10. April den Weg zu bereiten, aber di« Reibungen wurden trotz aller dieser Anstrengungen nicht völlig überwunden. Quast harrte in der Nacht in den eroberten Stellungen aus, Moohl ihm Flankenfeuer aus der Linie Givenchy—Festubert— Vieille Chapelle und dem Defestigungsklotz von ArmentiöveS die Flügel hart an den Leib preßte. Er hatte den Schrecken tief in den Feind getragen. Zersprengte Portugiesen flüchteten weit über Dailleul hinaus, und im Lager von Hazebrouck drohte Panik auszubrechen. Die britische Führung handelte hastig und unsicher und zersplitterte ihre Reserven. Als Haig von der drohenden Gefahr Kunde erhielt, rief er Horn« herbei, um das Loch zu stopfen, und befahl, Böthune und Armentiöres um jeden Preis zu halten. Am 10. April fraß sich die Schlacht noch tiefer in di« Lys- front und wuchs strahlenförmig in die Breite. Bernhardt brach zwischen Lestran und Vieille Chapelle durch und erzwang am Abend den U ebergang über di« Lato«. General Höfer schlug Hornes Gegenstöße auf dem Rordufer der Lys ab und nahm das Dorf Steenwerk. Carlowitz stürmte Estaires. Rur der linke Flügel blieb hängen. Kraevel biß sich an Bethune die Zähne auS. dagegen reifte Armentitzves jähem Fall, denn nun trat Sixt v. Arnims Ängriffsflügel zu beiden Seiten von Warmeton zum Angriff auf die Linie Hollebeke—Messines—Ploegsteert an. Arnim rächte die Sprengung von Whtschaete, nahm MessineS und warf die 2. englische Armee in überraschendem Anlauf aus dem Douvegrund in den Plvegsteerter Wald zurück. Am 5. April wuchs die Doppelschlacht in eins. Whtschaete ging von Hand Ml Hand. Armentiöres wurde von zwei Seiten umfaßt und aus der englischen Front herausgerifsen. Die Engländer, die um und tn Armentiöres verzweifelt standhielten, fielen zu Hunderten unter dem Kreuzfeuer der deutschen Geschütz«. Erst als di« Um» kaisung zur Umzingelung reiste, räumt« der Verteidiger unter Aufopferung einer Nachhut die brennende Stadt. 2lm Abend streckte die Besatzung die Waffen, di« Korps Arnims und Quasts vereinigten sich, und in der Nacht stürmte Dernhardi flußaufwärts den Brückenkopf Merville. Die Deutschen waren Herren der Lys» brücken von Armentiöres bis Merville und rückten siegreich gen Kemmel und Poperingh«. Am 12. April gipfelte die Schlacht in der Bedrohung der Linie Dailleul— Nieuwekerke. Der Angriff war auf 12 Kilometer an Hazebrouck hercmgekommen und die englische Front Mischen Böthune und Bpern so weit aufgebrochen. baß Str Douglas Haig M« Franzosen abermals um Beistand angehen mußte. Die Briten waren in äußerster Gefahr, und Foch sah sich vor die Leistung neuer schwerer Nothilfe gestellt. ES galt das Schlimmste zu wenden, denn schon drohte der Einsturz des in der Flanke unterhöhlten Salienten von Bpern und die Preisgabe des letzten Zipfeü belgischen Bodens. Diesmal gerät London in größere Erregung als am Tage von St. Quentin. Lloyd George greift zu allen Mitteln, um den drohenden Zusammenbruch des Heeres zu beschwören. Die Grubenarbeiter Werden in di« Armee eingereiht, das unruhig« Irland von Truppen entblößt, die eiligst nach Frankreich abgehen, um die Lücken zu füllen, alle verfügbaren ©djiffe werden nach Nordamerika gesandt, um Wilsons Rekruten an Bord zu nehmen und ohn« Gepäck und Gerät nach Europa überzuführen. Der letzte Schein britischer Befehlsgewalt wird geopfert und der Oberbefehl mit geschlossenen Augen in die Hände Fochs gelegt, der fortan selbstherrlich über Franzosen, Briten und Amerikaner gebietet und ihre Verbände nach Gutdünken untereinander würfelt. Paris, das sich kaum von der Panik erholt hatte, in die der Boulevard durch das Erscheinen der deutschen Sturmhelme an der Avre gestürzt worden war, sieht mit geheimem Dangen roh» amerikanische Rekruten-Divisionen nordwärts ziehen, um sich bei Moreuil und Montdidier zu schlagen. Die Amerikaner müssen französische Elite ersetzen, denn Foch hat keine Zeit mehr, Trupp« aus den Vogesen Herbeizuholen, sondern muh Debenehs Arm« plündern, um so rasch wie möglich vor Hazebrouck aufzurücken und Dünkirchen, St. Omer und die Schistsbasis der Engländer vor dem drohenden Fall zlu retten. Der alte Clemenceau bewahrt Kraft und Haltung. Er erinnert an die Worte, die er am 1. März seiner sozialistischen Gegnerschaft in der Kammer zugerufen hat: .Rußland verrät uns, aber ich führe Krieg, Rumänien muß kapi» tülieren, ckber ich führe Krieg, und ich werd« Krieg führen bi» zur letzten Viertelstunde, denn diese letzte Viertelstunde gehört uns!" Er peitscht Frankreichs erlahmenden Kriegswillen zu neuer Tat, und es gelingt ihm, die Nation über di« Krisis hinwegzuheben. Der stanzöfische Nationalstolz wird durch die Tatsache, daß England abermals Frankreichs Hilfe anruft, zur Äeberwindung der Krisis befähigt und feiert in diesen Tag« seinen schönsten Triumph. In den Bereinigten Staaten von Amerika aber erwacht schrankenlose Degeisterung für die gefährdet« gemeinsame Sache. Man huldigt dem Gedanken, die „Freiheit der Welt" vom Untergang zu retten und vergißt darüber beinahe, daß Amerika den Krieg seit dem Eintritt in den Bund der Westmächte finanziert und daß die Deutschen ihn schon deswegen nicht gewinnen dürfen. Gemeinsames demokratisches Empfinden, zur Einheitlichkeit verschmolzen, ungeschichtliche, aber politisch wirksame Anschauung über die Ursachen des Krieges und das sichere Gefühl von der Notwendigkeit, diesen Krieg bis zum letzten Hauch fortzufuhven, helfen den Völkern des Westens die furchtbare Krisis zu bestehen, die Deutschlands kriegerische Kraft im April des Jahres 1918 über sie gebracht hat. Sie wissen sich im Besitz der industriellen Äeberlegenhest, obwohl die deutsche Industrie trotz ihrer Gebundenheit und der Abschnürung vom Weltverkehr Wunder verrichtet, vertrauen auf ihre unerschöpfliche Menschen fülle und verzweifeln trotz der schweren Bedrängnis durch die deutschen Tauchboote nicht daran, die Seeherrschaft zu behaupten. Sie halt« daran fest, daß Deutschland Stärke sich verbraucht. Mag der Deutsche auch fürchterlich unter den Handelsflott« der Well aufräumen. Gleitzüge vernichten und seine Minen durch kühn» Dlockadebrecher bis in den Indischen Ozean trag« lassen, so wächst ihm selbst dadurch doch kein Quentchen Kraft zu. Diese Gedankenzüge sind nur allzu richtig. Der Aufenthalt, d« di« wohlgefüllten englisch« Magazine den Hohläugig«, von schlechter Drotfrucht und Kartoffeln g«ährtm Stürmern Hindenburgs auf ben Schlachtfeldern bereiten, zeugt ja von dem erbarmungswürdig« Zustand, in dem sich das deutsche Volk nach vierjährige« Blockade befindet, aber die Sieg«, di« das d«tsche Heer in dev Pikardie und tn Flandern erfocht« hat, zeug« auch von de« kriegerisch« Kraftfülle, di« diesem darbend« Volk immer noch innewohnt. (Schluß folgt.) Und auch dies wird einst vorübergehen.... Von Clara Prieß. Und auch dies wird einst vorübergehn, , Blum« werd« auf den Gräbern stehn Kinder werden um die Gräber spielen, Vieles wird vergessen sein von vielen. Nur daß Wunden sind, die nie verbluten Tränen, die des Nachts von n«em fluten, Träume, di« aus tiefem Schlummer schreck«, Worte, die uns alte Sehnsucht wecken — Doch der Glockenschlag der neuen Zeit Uebertönt das müdgeword'ne Leid. Kraftvoll gibt ein. kriegsg-zeugt Geschlecht Seinem jung« Tag fein junges Recht, Erbt den Segen, d« wir schwer erftritt«, Und vergißt, wie viel darum getitt«. Schriftleitung: Dr. Frisör. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.