Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1925 Dienstag, -en 4. August Nummer Hans Christian Andersen. Zum 50. Todestag des Dichters, am 4. August. Don Dr. C. F. vanVleuten. Als Adalbert von Chamisso seinen Peter Schlemihl im Jahre 1813 schrieb, Muhte er noch, nichts von Hans Christian Andersen: viel später, Anfang der dreißiger Jahre lernten sich die Beiden erst kennen. Und doch, Menn man die Lebensgeschichte des Mannes durchlieft, der „Andersens Märchen" versaßt hat, wie er sie selbst in einem zweibändigen Buche „Das Märchen meines Lebens" niederschrieb, so hat man die dunkele Empfindung, daß trotz allem Aufstiege, der da geschildert u>ird, trotz der tausend Berühmten und vornehmen Bekannten und Freunde, die sich da um den Dichter scharen, trotz der Erfolge, die erzählt werden, trotz der Feste und besonders der köstlichen Reisen und Ausblicke, eigeicklich ein Schlemihl in diesem liebenswürdigen, anscheinend so heiteren, feingekleideten Dänen steckte, ein Schlemihl, der seinen Schatten suchte, ohne es merken zu lassen, ein Schlemihl, der hinter einer glatten Heiterkeitsmaske heimliche Tränen hatte und nicht recht wußte, nach wem er weine. Als Hans Christian Andersen am 4. August 1875 bei Freunden, ohne Familie, ohne Rachkommen, sanft entschlief und am 11. August beerdigt wurde, verzeichnete der Biograph die auffallende Tatsache' ,,es ist wohl ein sonst niemals vorkommender Fall, daß auch nicht ein einziger, noch so entfernter Verwandter an der Bahre eines Tahingefchiebenen stand". Er war der letzte eines Geschlechts, über das sich der auslöschende graue Fittrch des Schicksals gelegt hatte. Sein Großvater, einst ein wohlhabender Gutsbesitzer, war verarmt, so daß er von feinem Erbe sort- mußte und als rührender geisteskranker Sonderling mit seiner seelenstarken Frau ein winziges Häuschen bewohnte. Er schnitzte in Holz gar seltsame Bilder, Menschen mit Tierköpfen, Tiere mit Flügeln und wunderliche Vögel, diese tat er in einen Korb, zog durchs Land und die Bauernfrauen ernährten ihn imd gaben ihm noch Schinken und Mehl mit, weil er ihnen und ihren Kindern das kuriose Spielzeug schenkte. Ist das nicht wie eine Lagerlöfsage? Sein Sohn aber, der Vater Andersens, war Schuhmacher, ein stiller, gütiger Vater, da kam das Jahr 13, wie eine dämonische Vision ergriff ihn die Kriegsleidenschast, er trat als Freiwilliger ins Heer, kam aber nur bis Holstein, weil Frieden geschlossen wurde, kehrte zurück, war verändert, nahm stiller sein Handwerk wieder auf, verfiel aber nach einiger Zeit in wilde Phantasien und Delirien, hörte Befehle Rapoleons, kommandierte selbst und nach wenigen Tagen war er tot. Außerdem geistert aber noch eine seltsame Ahne in Andersens Vorgeschichte hinein, die Urgroßmutter der Mutter soll eine Hofdame in Kassel gewesen sein, die einem „Comödiantenspieler" zulieb Hof, Heimat und Glück verlassen hatte. Aber wer weiß das; in jenen Zeitläuften nach den Franzosenjahren war in allzuvielen Familien solch eine Sage. Hans Christian, am 2. April 1805 in Odense auf Fühnen geboren, lag am ersten Tage seines Lebens in einem Bett, das aus den Brettern des Paradesarges des Grafen Trempe zu- sammengearbeftet war, sogar die schwarzen Tuchleisten saßen noch daran. Und doch war sein äußeres Leben nicht beflort, im Gegenteil, ein Leben des Glücks, des Aufstiegs, wirklich wie in einem Märchen, nur daß der schöne Schluß fehlt, den wir Kinder gerade so sehr lieben „und dann heirateten sie sich und lebten lange und glücklich zusammen". Der Knabe wuchs fast ohne Unterricht auf. Aber der Funke der Begabung brach sich Bahn, wohltätige Gönner traten ein und der fünfzehnjährige begann nachträglich die Lateinschule zu besuchen, förderte sich schnell, wurde 1828 Student und schloß mit einem vorzüglichen Philosophen- examen seine Studien ab. Seitdem lebte er, was jetzt nicht wunderbar erscheint, damals aber sehr selten und schwierig war, ohne bürgerliches Amt als freier Schriftsteller. Seit 1833 beginnen seine Reisen, die ihn sehr ost nach Deutschland, dessen Sprache er auch fließend sprach, nach Frankreich, England, Italien, Griechenland und Spanien führten: sogar Afrika suchte er von dort aus auf. Es war, als wenn eine Zugvogelunruhe, ein geheimer Instinkt ihr, weiter getrieben habe. Seinem ersten größeren Roman „Der Improvisator", der in Italien spielt (35), folgte in den nächsten Jahren „O. T." und „Rur ein Geiger". Schon 1835 aber erschien die erste Sammlung seiner „Märchen, für Kinder erzählt", die seinen Weltruf begründeten. „Zwei Baronessen" und „Sein oder Richt sein", beides Romane, liegen schon in den nächsten Jahrzehnten, ebenso wie seine autobiographische Schilderung „Das Märchen meines Lebens", die schon erwähnt wurde. Andersen hatte einen wahren Hunger nach Bekanntschaften, es ist kaum ein literarisch irgendwie bedeutsamer Autor seiner Zeit gewesen, den er nicht aufgesucht und mit dem er nicht Ansichten und Meinungen ausgetauscht hätte. Aehnlich ist es bei den bildenden Künstlern: mit manchen, wie mit Barthel Thor- waldseir, verband ihn enge Freundschaft, und es ist rührend, zu sehen, wie er sogar in seinen Märchen die Fahne seiner Freunde schwingt. Seinen Romanen ebenso wie seiner Selbstschilderung fehlt das psychologische Salz, die überraschende Vertiefung, der Durchblick, sie sind aber erfüllt mit Herzlichkeit, gepflegter Sprache, hübsch gesehenen Bildern, eine Porzellankunst, die großes Ausmaß aber nicht verträgt. Deshalb sind seine reizvollsten Werke, die, worin er einen Seidenfaden fand, um solche Skizzen -aneinander zu reihen, wahre Kabinettstücke dieser Art sind „Was der Mond erzählt" und „Bilderbuch ohne Bilder", zwei Werkchen, die das Entzücken unserer Mütter waren und auch mit großem Recht, jetzt aber nicht so viel gelesen und geliebt werden, wie sie es verdienen. An, wenigsten anschaulich und mit jenem beglückenden Ge- fiihl für die geheimen Quellen des Daseins getränkt ist die Selbstbiographie, die Andersen sehr schätzte und an der er mit Hingebung arbeitete. Sie hält keinen Vergleich aus mit Kügelgen, dem armen Mann im Toggenburg, Richter, von Goethe ganz zu schweigen! Sieht man die Heimat des Dichters, sieht man Kopenhagen oder die ausländischen Gegenden, die er besuchte, blickt man in Bürgerstuben rmd Paläste, in die Parks der Herrenhäuser auf dem dänischen Lande, sieht man Chamissos Arbeitsstube oder Tieks gutes Zimmer? And wie wertvoll wäre das alles, nicht nur für den Kulturhistoriker, sondern besonders für den Genießenden. Welche Fülle von Einzelheiten hätte Andersen erzählen können, wie hätte aus diesem Märchen seines Lebens das ganze Märchen des Biedermeier herausleuchten können. Aber diese beiden Bände sind etwas anderes, eine ziemlich nüchterne Aufzählung aller gelehrten, künstlerischen und adeligen Männer und Frauen, die mit Andersen gesprochen, die Andersen gefördert, die seine Werke verstanden, gelesen und gewürdigt haben. And der das schrieb, war derselbe Andersen, dessen Märchen bis zum Rande mit dem Lavendelduft gefüllt sind, den man hier vermißt. Er konnte es, sonst würde man ja nicht davon sprechen, daß er es nicht tat, es war eben sein heimliches Schlemihltum, seine ungeduldige Suche nach dem verlorenen Schatten. Aber nun genug Anzufriedenheit, Kritik, bebrillte Klugheit! Komme du, liebe, gute Kinderzeit, und führe mich in Andersens wirkliche Heimat, wo eitel Klarheit, Anschaulichkeit und Gegenständlichkeit herrscht, wo das kleine häßliche Entchen, ohne es zu wissen, zum herrlichen Schwan heranwächst (dies wirklich Andersens Lebensmärchen und hundertmal besser als die zwei dicken Bände), wie der standhafte Zinnsoldat in den Ofen fliegt, der Schweinehirt sein Kochtöpfchen fingen läßt, der Sandmann dem kleinen Hjalmar die schönsten Geschichten eine ganze Woche lang erzählt, die appetitlichen Hunde mit den Augen wie Mühlrädern und Kirchtürmen bei Tisch sitzen, der gute Kaiser seine neuen Kleider durch die verwunderte Hauptstadt trägt und die echte Prinzessin die Erbse durch zwanzig Daunenkissen hindurch spürt, wo die kleine Daumeline sich nicht mit dem guten nüchternen Maulwurf verheiraten will, sondern lieber mit dem herrlichen Dlumenprinzen, und wo schließlich der Engel des Todes die armen Kinder über das träumende Land in den schönen Himmel trägt. Hörst du alte Zeiten läuten, siehst du, wie deine treue, vielleicht längst verstorbene Mutter neben dir sitzt und erzählt die alten Geschichten? Hat je ein Roman oder eine Erzählung dir solches Behagen mitgeteilt wie diese altväterlichen, klugen Märchen des Schuhmachersohnes aus Odense? Von Grimm und Hauff wohl abgesehen: Grimm ist natürlich der Homer des Märchens und Hauff löste auf ganz anderem Wege zehn Jahre früher dieselbe Aufgabe mit gleicher Kunst. Aber die eigene Rote, die in Andersen liegt, hat keiner so gesungen, wie er. Die erste Sammlung erschien 1835, die erste deutsche Aebersetzung in vorzüglicher Sprache bei Friedrich Dieweg u. Sohn in Braunschweig unter dem Titel „Mährchen und Erzählungen für Kinder" mit Bildern von G. Osterwald und Ludwig Richter. Es sind zwei Bändchen von je elf Bogen und unter den Richter-Illustrationen ist besonders die Küche der alten Frau, in der das kleine häßliche Entlein lustwandelt, mit besonderer Liebe gearbeitet, während das Däumelinchenbild durch die überladene Fülle seiner mit Geisterchen belebten Blumenkelche etwas barock anmutet. Als Andersen alt und krank, zu schwach, um zu lesen imt* zu arbeiten, als Gast guter Freunde in einer geräumigen Stube auf Schloß Rolighed bei Kopenhagen hauste, hatte er eine Schirmwand sechs Fuß hoch und zwölf Fuß breit sich Herstellen lassen ~ 246 — imb die von oben bis unten in einer geschmackvollen und sinnigen Weise mit Bildern beklebt, mit Landschaftsbildern seiner Reisen, mit Bildern der Tausenden von Personen, die er kennen gelernt hatte, mit Bildern seiner Märchen. Die schob er vor, wenn der Alltag kam und trennte sich durch sie von ihm. Änd uns sollen so die heiteren Bilder seiner Märchen eine Schirmwand sein, überraschend, zutraulich, vom grauen Alltag trennend, gütig wie die beruhigende Stimme einer erzählenden Mutter, Änd toemr man zum kranken, siebenzigjährigen Lichter eintritt und blickt hinter die Schirmwand mit den bunten Bildern, und sieht hinter dem freundlichen, verbindlichen Lächeln die grenzenlose Einsamkeit dieses Letzten in der Reihe, bei dem kein Einziger seines Geschlechtes dem Sarge eine Handvoll Erde nachwarf, dann versteht man die betäubende Änruhe, die schlernihlhafte Lebens- suche Hans Christian Andersens, auch, ohne sich in die Spitzfindigkeiten zu verlieren, die einige neuere Erklärer nichts entbehren zu können glaubten. Der Schatten, den Hans Christian Andersen suchte, war die Empfindung für Frauenliebe, Idarin war er wie eine Blume ohne Duft. Man fühlt es in allen Erzählungen! und Romanen, man merkt an bei den angeblichen Verliebtheiten, die er erzählt, man spürt es in seinen Liebesgeschichten. Das echte, saftige Liebesgefühl war ihm versagt, er war der Letzt« eines Geschlechtes, das in sich, in der geheiligten Tiefe des Erbwefens, die geschlossene Rotwendigkeit empfand, ein Ende zu machen, den weiteren Erbgang zu hemmen, die unbestech-- liche Selbststeuerung der großen Ratur setzte ein. And so wehte über ihn hin der auslöschende, graue Fittich des Schicksals, vergoldete aber dafür seine Tage mit der sanften Abendsonne zarter Märchenkunst. Die roten Zchuhe. Don Hans Christian Andersen. Es war einmal ein kleines Mädchen, fein und niedlich! Aber im Sommer muhte sie immer mit blohen Fähen gehen, denn sie war arm, und im Winter mit großen Holzschuhen, so dah der kleine Spann rot wurde, und zwar ganz und gar. Mitten im Dorfe wohnte eine alte Schuhmachersfrau, die sah und nähte, so gut sie konnte, aus alten roten Tuchstreifen ein Paar kleine Schuhe; sie waren plump, aber eS war gut gemeint; die sollte das kleine Mädchen haben. Dieses hieß Karen. Gerade an dem Tage, als ihre Mutter begraben wurde, erhielt sie die roten Schuhe und hatte sie zum ersten Male an. Freilich war es nichts, um damit zu trauern; aber sie hatte keine anderen, und daher steckte sie die bloßen Mhe hinein und ging hinter dem ärmlichen Sarge her. Da kam ein großer, alter Wagen, und darin saß eine alte Dame; die betrachtete das kleine Mädchen und fühlte Mitleid mit ihr und sagte zum Prediger: „Hört, gibt mir das kleine Mädchen, dann werde ich mich ihrer an- nehmen!" And Karen glaubte, das geschähe alles nur der roten Schuhe wegen; aber die alte Dame meinte, sie seien abscheulich; und sie wurden verbrannt. Aber Karen selbst wurde rein und nett an- oezvgen; sie mußte lesen und nähen lernen, und die Leute sagten, sie sei niedlich. Der Spiegel aber sagte: „Du bist mehr als niedlich; du bist schön!" Da reiste die Königin einst durch das Land und hatte ihre kleine Tochter bei sich: die war eine Prinzessin. Die Beute Ernten nach dem Schlosse hin, und unter ihnen war Karen n auch, und die kleine Prinzessin stand in feinem, weihen Kleidern in einem Fenster und lieh sich anstaunen. Sie hatte weder Schleppe noch Goldkrone, aber herrliche, rote Sassian- schuhe, die waren freilich weit schöner als die, die die Schuhmacherin der kleinen Karen genäht hatte. Nichts in der Welt kann doch mit roten Schuhen verglichen werden. Nun war Karen so alt, daß sie eingesegnet werden sollte; sie bekam neue Kleider, und neue Schuhe sollte sie auch haben. Der reiche Schuhmacher in der Stadt nahm Maß zu ihrem kleinen Fuße; das geschah zu Hause in feinem eigenen Zimmer, da standen große Glasschränke mit niedlichen Schuhen und blanken Stiefeln. Das sah allerliebst aus, aber die alte Dame konnte nicht gut sehen, deshalb hatte sie kein Dergnügen daran. Mitten unter den Schuhen standen ein Paar rote, ganz wie die, die die Prinzessin getragen hatte. Wie schön waren die! Der Schuhmacher sagte auch, daß sie für ein Grafenkind gemacht seien; sie hätten aber nicht gepatzt. „Das ist wohl Glanzleder?" fragte die alte Dame. „Sie glänzen so!" „Ja, sie glänzen!" sagte Karen; sie patzten und wurden gekauft. Aber die alte Dame wußte nichts davon, daß sie rot waren, deim sie hätte Karen nie erlaubt, in roten Schuhen zur Einsegnung zu gehen; aber das tat sie nun. Alle Menschen betrachteten ihre Füße. Und als sie zur Chor- küre über die Kirchtürschwelle hinschritt, kam es ihr vor, als wenn selbst die alten Bilder auf den Grabmälern, die Bildnisse von Predigern mrd Predigerfrauen mit steifen Kragen und langen, schwarzen Kleidern die Augen auf ihre roten Schuhe hefteten. Änd nur an diese dachte sie, als der Prediger ferne Hand auf ihn Haupt legte und von der heiligen Taufe, vom Bunde mit Gott, und daß sie nun eine erwachsene Christin sein sollte, sprach. Die Orgel rauschte feierlich, die hübschen Kinderstimmen sangen, und der alte Kantor sang, aber Karen dachte nur an die rotem Schuhe. Am Nachmittage erfuhr die alte Dame von allen Menschen, daß die Schuhe rot gewesen; und sie sagte, daß es häßlich gewesen sei, daß es sich nicht passe und dah Karen später, toeim sie zur Kirche ginge, immer mit schwarzen Schuhen gehen solle, selbst wenn sie alt seien. Am nächsten Sonntag war Abendmahl. Änd Karen betrachtete die schwarzen Schuhe, besah die roten — besah sie wieder und — zog die roten an. Es war herrlicher Smrnenfchein; Karen und die alte Dame gingen den Fußsteig durch das Korn entlang; da stäubte es ein wenig. An der Kirchtür stand ein alter abgedankter Soldat mit einem Krückstöcke und not einem wunderbar langen Barte, der war mehr rot wie weiß; und er neigte! sich bis zur Erde und fragte die alte Dame, ob er ihre Schuhs abtoischen dürfe. Änd Karen streckte auch ihren kleinen Fuß aus. „Sieh, was für schöne Tanzschuhe!" sagte der Soldat. „Sitzt fest, wenn ihr tanzt!" Änd darauf schlug er mit der Hand gegen die Sohlen. Änd die alte Dame gab dem Soldaten ein Almosen, und dann ging sie mit Karen in die Kirche. Änd alle Menschen darin sahen- nach Karens roten Schuhen, und alle Bilder sahen danach, und als Karen vor dem Altar kniete und den goldneN Kelch cm ihren Mund setzte, dachte sie nur an die roten Schuhs; U7id es war ihr, als ob sie im Kelche herumschwämmen; uni> sie vergaß ihren Psalm zu singen, sie vergaß ihr „Vater-Änser" zu beten. Nun gingen alle Leute aus der Kirche, und die alte Dame stieg in ihren Wagen. Karen aber erhob den Fuß, um auch einzusteigen; da sagte der alte Soldat: „Sieh, was für schön« Tanzschuhe!" Änd Karen konnte nicht umhin, sie mußte einige Tanztritte machen; und als sie anfing, fuhren die Deine fort, zu tanzen. Es war, als hätten die Schuhe Macht über sie erhalten. Sie tanzte um die Kirchenecke, sie konnte es nicht lassen; der Kutscher mußte hinterher laufen und sie greifen; und er hob sie in den Wagen, aber die Füße fuhren fort zu tanzen, so daß sie die gute, alte Dame gewaltig trat. Endlich zogen sie ihr die Schuhe aus, und die Beine erhielten Ruhe. Daheim wurden die Schuhe in den Schrank gestellt, aber Karen konnte nicht unterlassen, sie zu betrachten. Nun lag die alte Dame krank darnieder; es hieß, sie würde nicht wieder aufkommen. Gepflegt und gewartet mußte sie werden, und keinem kam dies mehr zu als Karen. Aber in der Stadt war ein großer Ball; Karen war eingeladen: — sie betrachtete die alte Dame, die doch nicht genesen konnte; sie besah di« roten Schuhe und meinte, es wäre keine Sünde dabei; — sie zog die roten Schuhe an, das durfte sie ja auch wohl; — aber dann ging sie zum Ball und fing an zu tanzen. Als sie aber zur Rechten wollte, tanzten di« Schuhe zur Liicken, und als sie di« Diele hinauf wollte, tanzten die Schuhe diese hinunter, die Treppe hinab, durch die Straße und durch das Stadttor hinaus. Sie tanzte und mußte tanzen, hinaus in den finstern Wald. Da leuchtete es oben zwischen den Bäumen; und sie glaubte, es sei der Mond, denn es war ein Gesicht. Aber es war der alte Soldat mit dem roten Barte; et saß und nickte und sagte: „Sieh, was für schöne Tanzschuhe!" Da erschrak sie und wollte die roten Schuhe wegwerfen, aber die hingen fest. Änd sie schleuderte ihre Strümpfe ab; aber die Schuhe waren an den Füßen fest- gewachsen. Sie tanzte und maßte über Feld und Wiese, in Regen und Sonnenschein, bei Nacht und bei Tage tanzen; allein nachts war es am greulichsten. Sie tanzte auf den offenen Kirchhof hinaus; aber die Toten dort tanzten nicht; die hatten Besseres M tun, als zu tanzen. Sie wollte sich auf des Armen Grab setzen, wo das bittere Farnkraut wächst; aber für sie war weder Ruhe noch Rast. Änd als sie gegen die offene Kirchentür hin tanzte, sah sie dort einen Engel in langen, weißen Kleidern, mit Flügeln, die ihm von den Schultern bis zur Erde reichten; sein Antlitz war streng und ernst, und in der Hand hielt er ein Schwert, breit und glänzend. „Tanzen sollst du!" sagte er, „tanzen auf deinen roten Schuhen, bis du bleich und kalt wirst, bis deine Haut zu einem Gerippe zusammenschrumpft! Tanzen sollst du von Tür zu Tür; und wo stolze, hochmütige Kinder wohnen, sollst du anklopfen, so daß sie dich hören und fürchten! Tanzen sollst du, tanzen---!“ „Gnade!" rief Karen. Aber sie hörte nicht, was der Engel erwiderte, denn die Schuhe trugen sie durch die Tür auf JbaS Feld, über Weg und über Steg, und immer mutzte sie tanzen. Eines Morgens tanzte sie an einer Tür vorbei, die sie gut kannte; drinnen tönte Psalmengesang; ein Sarg wurde herauf getragen, der mit Blumen geschmückt war; da wußte sie, daß die alte Dame gestorben war, und nun fühlte sie, daß sie von allen verlassen und von Gottes Engel verdainmt sei. Sie tanzt« und mußte tanzen, tanzen in der finstern Nacht. Die Schuhe trugen sie über Dornen und Stumpf davon; sie riß sich blutig; sie tanzte über die Heide dahin nach einem kleinen, einsamen Hause. Hier, wußte sie, wohnte der Scharfrichter; und sie klopfte mit den Fingern an die Scheiben und sagte: „Komm heraus! •— Komm beraub 1 — Ich kann nicht hineinkommen, denn ich mutz tanzen!" Änd der Scharfrichter sagte: „Du weiht wohl nicht, wer ich bin. Ich schlage den bösen Menschen den Kopf ab, und ich mene, meine Axt klingt!" „Schlage mir den Kopf nicht ab!“ sagte Karen, „denn sonst kann ich meine Sünde nicht bereuen! Aber schlage meine Fütze mit den roten Schuhen ab!“ Änd darauf bekannte sie ihre ganze Sünde, und der Scharfrichter hieb ihr die Füße mit den roten Schuhen ab; aber die Schuhe tankten mit den kleinen Fühen über das Feld dahin in> den tiefen Wald hinein, lind -er schnitzte ihr Holzfütze mit Krücken, lehrte sie einen Psalm, den die Sünder immer singen, und sie küßte die Hand, die das Beil geführt hatte, und ging Über die Heide fort. „Run habe ich genug für die roten Sch-uhe gelitten!" sagte sie. Ann will ich in die Kirche gehen, damit sie mich sehen können!" lind sie ging rasch auf die Kirchtüre zu; als sie aber dahin kam, tanzten die roten Schuhe vor ihr her, und sie erschrak und kehrte um. . , . r Die ganze Woche hindurch war sie betrübt und weinte viele bittere Tränen; aber als es Sonntag wurde, sagte sie: „Arm habe ich genug gelitten und gestritten! Ich glaube wohl, daß ich eben sv gut bin als manchs von denen, die da in der Kirche sitzen und sich brüsten!" lind dann ging sie mutig hin: aber sie kam nicht weiter als bis zur Kirchhofstüre; da sah sie di« roten Schuhe vor sich her tanzen; und sie entsetzte sich und kehrte um und bereute recht von Herzen ihre Sünde. lind sie ging zur Pfarrwohnung und, bat, daß man sie dort in Dienst nehmen möge; fleißig wolle sie sein und alles tun, was sie könne, auf den Lohn sähe sie nicht, nur daß sie unter Dach komme und bei guten Menschen sei. Des Predigers Frau hatte Mitleid mit ihr und nahm sie in ihren Dienst, lind sie war fleißig und nachdenkend. ©title sah sie und horchte zu, wenn der Prediger des Abends aus der Bibel laut vorlas. Alle die Kleinen gelten viel von ihr; wenn sie aber von Putz und Pracht und von Schönheit sprachen, dann schüttelte sie mit dem Kopfe. Am nächsten Sonntage gingen alle zur Kirche; und man fragte sie, ob sie mit wolle; aber sie blickte betrübt, mit Tränen in den Augen, auf ihre Krücken, lind dann gingen die äußerte hin, Gottes Wort zu hören, sie aber ging allein in ihre kleine Kammer; die war nur so groß, daß bloß das Bett und ein! Stuhl darin stehen konnten. Hier setzte sie sich mit ihrem Gesangbuche hin, und als sie mit frommem Sinn darin las, trug der Wind die Orgeltöne von der Kirche zu ihr herüber; und sie erhob ihr Angesicht mit Tränen und sagte: „O Gott hilf mir!" Da schien die Sonne so klar, und gerade vor ihr stand Gottes Engel in den weißen Kleidern: derselbe, den sie in jener Nacht an der Kirchtüre erblickt hatte. Aber er hielt nicht mehr das scharfe Schwert, sondern einen herrlichen, grünen Zweig, der voll Dosen war; er berührte damit die Decke, und sie erhob sich sehr hoch; und wo er sie berührt hatte, glänzte ein goldener Stent. Er berührte die Wände, di« erweiterten sich, und sie erblrckte Ne Orgel, die rauschte; sie sah die alten Bilder mit Predigern und Predigerfrauen; di« Gemeindemitglieder faßen in den geputzten Stühlen und fangen aus ihren Gesangbüchern. — Die Kirche war selbst zu dem armen Mädchen in di« Kammer hinem- gekommen, oder auch sie war dahingekommen. Sie sah im Stuhle bei den übrigen Leuten des Pfarrers; und als sie den Psalm beendet hatten und aufblickten, nickten sie und sagten: „Das war recht, daß du kamst, Karen!" „Das war Gnade!" sagt« sie. . Die Orgel klang, und Ne Kinderstimmen tm Shore tonten weich und lieblich! Der klare Sonnenschein strömte warm dunh das Fenster in den Kirchenstuhl, wo Karen saß, Hinern; ihr Herz wurde so voll Sonnenschein, Frieden und Freude, daß es brach; ihre Seele flog auf Sonnenstrahlen zu Gott; und dort war niemand, der nach den roten Schuhen fragte. Die Türkin in alter und neuer gelt. Von unserem E. S.-Derichterstatter. (Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Konstantinopel, Juli 1925. Das Weib steht der Datur näher als der Mann. Der Belgier Maeterlink drückt dies etwas anderes aus, wenn er meurt, |>a8 Weib sei der Gottheit näher als der Mann. Auf den Ausdruck kömmt es hier nicht an, denn die Tatsache, daß das Werb kosmischer organisiert und eingestellt ist als der Mann, darf wohl als feststehend angesehen werden. Aus diesem Grunde,unterscheidet sich die Frauenwelt verschiedener Länder und Hmrmel- striche wett weniger voneinander als Ne individueller geartete Männerwelt. Die Unterschiede beziehen sich hauptsächlich auf den höheren oder geringeren Grad der Kultur, tndem in den' zivilisierten Ländern das Elementare, Kosmische, Primitive und Triebhafte der Frauenseele mehr oder weniger verschlerert erscheint, in den unzivilisierten Ländern dagegen deutlicher her- Die Türkei ist ein zwar von der arabisckMN Kultur stark beeinflußtes, aber doch nur halbzivilisiertes Land, in dem di« Elementaren Seiten der Frauenseele sich deshalb gut beobachten lassen. Die Türkin der alten Zeit ist ein Frauentypus, der sich ganz allgemein noch bis zum 20. Jahrhundert erhalten hat und auch heute noch auf dem Lande, in den entlegenen Gebrrgen Anatoliens, in fast fünfhundert Jahre dauernder Erstarrung unverändert geblieben ist. Am ihn zu verstehen, muß man sich in großen Zügen Ne Entwicklung des türkischen Staates vom 14. Jahrhundert bis in die neuere Zeit vor Augen Salten. Aus Den Steppen Jnnerasiens kanten Ne Türken, ein M-madenvolk, Das weder di« Polygamie noch die Verhüllung und Einkerkerung Der Frauen im Harem kannte. Auch heute noch sind bet allen mohammedanischen Nomaden der Schleier und der Harem unbekannt. Die Türken waren aber ein sehr kriegerisches Erobere» Volk, das auf Grund reicher Kriegsbeute dann in den Steppen! ein sehr üppiges Leben führte Gleichzeittg sand auch Ne Bei allen Semiten, den Assyriern, Juden und Arabern von altersher Übliche Polygamie mit ihren Begleiterscheinungen Eingang. Alle Großen und Deichen des Landes hatten in ihren Harems neben drei oder vier Gattinnen oft noch ein Dutzeird schöner junger Sklavinnen. Es fragt sich nun, in welcher Weise unter solchen Amständen! Ne Seele des türkischen Weibes sich entwickeln müßte. Keuschheit und eheliche Treue wurden nicht als sittliche Forderungen aufgestellt, sondern von einem mehr oder weniger großen Apparat von Eunuchen erzwungen. Bon sonstigen positiven Eigenschaften konnten sich auf Grund einer Sklavenmoral nur dienstbeflissene Liebenswürdigkeit, Anterwürfigkeit und sklavischer Gehorsam geltend machen. Entsprechend den niedrigen Anschauungen der Männer, di« im Weibe nur ein Werkzeug ihrer Gelüste erblickten, mutzten sich andererseits Ne allgemeinen weiblichen Fehler, die Eitelkeit, Prunk- und Putzsucht und grobe Koketterie, die durch Sinnenreiz auf Beherrschung des Mannes ausgeht, ganz besonders stark entwickeln. Das letztere gelang besonders vollkommen den Damen im Harem des Sultans. Tatsächlich lehrt Ne türkische Geschichte, daß die hinter den Kulissen wirkende Weiberherrschaft des Harems unter Sultan Selim II. in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Sie hat dann dreieinhalb Jahrhunderte ohne Anterbvechung gedauert, und in den letzten 15 Jahren bis 1924, als der Sultansharem endgülttg aufgelöst wurde, exzessive Formen angenommen, Ne cm das Frankreich Ludwigs XV. erinnern. Ein Lichtpunkt im Leben der Türkin alten Schlages ver- dieirt aber doch besonders hervorgehoben zu werden: das ist ihre Eigenschaft als liebevolle, zärtliche und meist kinderreiche Mutter. In dieser wichttgsten Beziehung stand die Türkin der alten Zett doch Wohl immer sehr hoch- über der modernen Französin der höheren Schichten mit ihrem Zwei- oder Ginkindev- shstem. Betrachten wir nun die Türkin der neuen Zeit, der politisch stark bewegen Gegenwart, so müssen wir hier hauptsächlich Brei verschiedene Typen ins Auge fassen. Der erste Nefer Typen ist der der einfachen Landbewohnerin, vor allem Anatoliens, Ne, wie schon oben bemerkt wurde, noch heute unverändert an dem alten, primitiven Lebensformen festhält. Leider ist unter dieser seelisch noch ganz gesunden Frauenwelt infolge des unsteteir und zügellosen Lebens der als Soldaten verwendeten Männer die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten bedenklich stark. Der zweite Typus ist der bürgerliche Mittelstand der großen und kleinen Städte. Auch hier haben sich im allgemeinen Sitten und Anschauungen der alten Zeit noch ziemlich unverändert erhalten. Aber während bei einem Teil der anatolischen Dauern Ne Polygamie aus wirtschaftlichen Gründen noch fortbesteht, hat sie, gleichfalls aus wirtschaftlichen und finanziellen Gründen, im bürgerlichen Mittelstände und der stäNisch-en Arbeiterschaft schon längst völlig aufgehört. Außerdem ist im Sommer 1924 der Beschluß gefaßt worden, die Einehe gesetzlich einzuführen, wobei freilich, im Hinblick auf die besonderen Verhältnisse in der ländlichen Bevölkerung Anatoliens, durch einen einfachen Federstrich das gewünschte Resultat kaum rasch erzielt werden kann. Im übrigen hat sich auch in Konstantinopel tm Mittelstände Der alte Typus der Türkin tm allgemeinen noch erhalten, insbesondere in der ganzen älteren Generation. Das starre Festhalten der Frauen an den sie fesselnden und etnengenden Sittmr und Gebräuchen, soweit es sich heute noch zeigt, bedarf wohl kaum einer näheren psychologischen Begründung. Denn der allgemein weibliche, konservative Jnsttnkt hat ßie Frauen der ganzen Welt von jeher zur Hüterin der Sitte gemacht. Während aber diese Fuirktton Ne Europäerin der höheren Stände im geseli- schaftlichen Leben zur Herrscherin werden ließ, ßie in ihr«n Reiche keine Roheiten und Ausschreitungen duldete, machte sie die Orientalin durch das starre Festhalten an Sitten, die nur einem brutalen männlichen Egoismus ihre Entstehung verdanken, zur Sklavin und Gefangenen. Erft nach mehr als tausenNahrrgem Schlummer ist jetzt auch die Seele der orientalischen Frau ^vielfach schon erwacht und wagt sich jetzt schon an Ne Krim des Ursprungs und der wahren Bedeutung der sie unterdrückenden: Bestimmungen und Gebräuche. Damit kommen wir zur dritten Typus der zeitgenössischen Türken, der Frau der vornehmen und überhaupt höher gebildeten Stände in Konstanttnopel und anderen größeren StäNen. In diesen Schichten der Frauenwelt hat eine auf Befreiung von allen dem Orient eigentümlichen Fesseln gerichtete Bewegung schon seit einigen Jahrzehnten begonnen, und durch Ne ^evo- lutton von 1908 und Ne zehnjährige Periode schwerer Kriege von 1911 bis 1921 noch eine wesentliche Verstärkung «fahren. Als Krankenpflegerinnen und Lehrerinnen sind heute schon sehr viele junge Türkinnen tätig, leisten mit ihrer recht hohen natur- lichen Begabung wertvolle, gemeinnützige Arbeit und erringen sich dadurch eine gesellschaftliche Position, bei der fast all« B^ fchränkungen der alten Zeit automattsch fallen müssen. Es ist daher verständlich, daß Ne jungen Türkinnen in Konstanttnopel sich etwa seit 15 Ns 20 Jahren mit einem wahren Fanatismus, Der an gewiss« russische Vorbilder erinnert, auf alle Lehr- _2 »tq anstalten und Hörsäle stürzen, denn sie wollen jetzt alles lernen, sehen, hören und wissen. Das ist die eine Seite der Sache, die gewiß sehr wünschenswerte Beteiligung der Frauen am wirtschaftlichen und geistigen Leben der Nation. Aber die Medaille hat auch ihre recht bedenkliche Kehrseite. Die schon seit längerer Zeit in allen vornehmen Harems tätigen europäischen, meist französischen Erzieherinnen haben dem bildsamen Geist der jungen Türkin zwar reiche Nahrung gegeben, aber zugleich ihre gefangenen Seelen mit Bildern erfüllt, die sie in schwere Konflikte mit allen bisherigen Dorstellungen erfüllte, eine hysterische Unzufriedenheit erzeugen mußten und viele dieser jungen Damen gewiß recht unglücklich gemacht haben. Die äußerliche Nachahmung einer heute schon morschen europäischen Zivilisation, deren Fehler, Schwächen und Auswüchse nicht richtig gesehen werden, kann recht üble Folgen haben. Die heutige junge Türkin von diesem Schlage, die hypermodern gekleidet ist und auch den Bubikopf schon akzeptiert hat, ist keine sehr erfreuliche Erscheinung. Bei der äußerlichen und inneren radikalen Aeaktion gegen die frühere Unterdrückung ist noch besonders hervorzuheben, daß die Türkin von Natur intelligent ist, während die Männer gerade infolge der sozialen Unterdrückung des Weibes immer stumpfer geworden sind. .. So kann man nur hoffen, das; die moderne, gebildete Turnn, unter Vermeidung politischer Betätigung, bas einzig erstrebenswerte Ziel, die Beteiligung am geistigen Leben, nicht aus dem Auge verliert. Und erst, wenn es in der Türkei eine gesellschaftlich maßgebende Frauenwelt geben wird, kann wahre Kultur auch in der Männerwelt Wurzel fassen. Der Schutz von der Kanzel.. Von Eonrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) Jetzt ermannte sich Pfannenstiel. Die ihm so nahe gelegte ungeheure Freveltat und sein Schauder davor gaben ihm die Besinnung wieder und ernüchterten sein Gehirn. Auch siel ihm die Warnung Rosenstocks ein. Er narrt und quält dich boshaft, sagte er sich, du bist ja ein geistlicher Mann und hast es mit einem schlimmen Feinde der Kirche zu tun. Ein Hohnlächeln zuckte in den Mundwinkeln des ihn beobachtenden, scharf beleuchteten Gesichtes, das in diesem Augenblicke einer grotesken Maske glich. Der Kandidat erhob sich von seinem Sitze und sprach nicht ohne Würde: „Wenn das Euer Ernst ist, so verweile ich keine Minute länger unter einem Dache, wo eine mehr als heidnische Verruchtheit gelehrt wird: ist es aber Euer Scherz, Herr Wertmüller, wie ich cs glaube, so verlasse ich Euch ebenfalls, denn einen einfachen Menschen, der Euch nichts zuleide getan hat, zu hänseln und zu verhöhnen, das ist nicht christlich, nicht einmal menschlich — das ist teuflisch." Ein schöner, ehrlicher Zorn flammte in seinen blauen Augen "und er schritt der Türe zu. „La, la," sagte der General. „Was frühstückt Ihr morgen? Eier, Rebhuhn, Forelle?" Pfannenstiel öffnete und enteilte. „Der Mohr wirb Euch aufs Zimmer leuchten! Auf Wiedersehen morgen beim Frühstück!" rief ihm Wertmüller nach. Der Alleingebliebene lud sorgfältig das leichtspielende Pistol mit Pulver und stieß einen derben Pfropfen nach. Das schwer- spielende ließ er ungeladen. Beide übergab er dem Mohren mit dem Befehle, dieselben in seinen schwarzen Sammetrock zu stecken. Dann ergriff der General einen Leuchter und suchte sein Lager auf. Siebentes Kapitel. Der Kandidat eilte in raschem Laufe dem Damme zu, durch welchen die Südseite der Insel mit dem festen Lande zusammen- hing. Oft hatte er, da er sich im verflossenen Frühjahre in Mythi- kon auf hielt, den Sitz des damals in Deutschland bataillier enden Generals mit neugierigen Augen gemustert, ohne ihn je zu betreten. Er wußte, daß der Damm gegen seine Mitte hin durch ein altertümliches kleines Tor und eine Drücke unterbrochen war, aber er war gewiß, kein Hindernis zu finden, da dieses Tor, wie er sich erinnerte, niemals geschlossen wurde, sich auch nicht schließen ließ, da es keine Torflügel hatte. Jetzt erreichte er das Ufer und erblickte zu seiner Linken die Linie eines Dammes. Aber, o Mißgeschick! der von dem dämmernden Hintergründe scharf abgehobene Dalken der Brücke schwebte in der Luft und- bildete statt eines rechten einen spitzen Winkel mit dem Profil der Pforte, an deren Steinbogen er durch zwei Ketten befestigt war. Das Tor, die aufgezogene Drücke, die kleine Verbindungslinie der Ketten — alles ließ sich mit überzeugender Deutlichkeit unterscheiden; denn der Mond gab genügendes Licht und in dem leeren, nicht zu überspringenden Zwischenräume flimmerte sein Widerschein in dem silbernen Gewässer. Pfannenstiel war ein Gefangener. .Unmöglichkeit, durch das Moor zu waten! Er wäre, da er die Furten des tückischen Röhrichts nicht kannte, bei den ersten Schritten versunken und hätte ein klägliches Ende genommen. Ratlos stand er am Jnsel- geftade, während aus dem Sumpfe dicht vor seinen Füßen ein volltöniges Brekekex Koax Koax erscholl. Gerade an jenem Abende war unter den Fröschen der Au ein junger Lyriker von bedeutender Begabung aufgetaucht, der das fest eund gegebene Motiv der Fvoschlhrik so keck in Angriff nahm und so gefühlvoll behandelte, daß der begeisterte Chor nicht nrüde wurde, die vorgesungene Strophe mit u.nersättlrchem Enthusiasmus zu wiederholen. Auf den Kandidaten freilich machte das leidenschaftliche Gequäke einen tief melancholischen Eindruck, als steige es aus den Sümpfen des Acheron empor. In halber Verzweiflung, wollte er nun über den Damm nach der Pforte eilen, ob sich die Zugbrücke mit Anstrengung aller Kräfte nicht senken liehe. Da gewahrte er, noch einmal vorwurfsvoll nach dem unheimlichen Landhause sich umwendend, eine ihm entgegenwandernde Helle und nach wenigen Augenblicken stand Hassan mit einem Windlicht in der Faust an seiner Seite. Mit untertäniger Zutunlichkeit redete ihm der gutmütige Mohr zu, in die von ihm geflohene Wohnung zurückzukehren „Langweilig Frosch, geistlicher Herr!" radbrechte Hassan, „Schloß an Zugbrücke — Zimmer bereit!" Was war zu tun? Nichts anderes, als Hassan zu folgen In der großen, auf den gepflasterten Hausflur mündenden Küche entzündete der Mohr zwei Kerzen und leuchtete dem Kandidaten die Treppe hinauf. Aus der zweitobersten Stufe ergriff er ihn rasch am Arme: „Nicht erschrecken, geistlicher Herr!" flüsterte er. „Schildwache vor Zimmer von General." And in der Tat, da stand eine Schildwache. Hassan beleuchtete sie mit der Kerze und Pfannenstiel erblickte ein Skelett, das die Knochenhände auf. eine Muskete gestützt hielt und an dem über die Rippen gekreuzten und blank gehaltenen Lederzeuge Patronentasche und Seitengewehr der zürcherischen Landmiliz trug. Ein kleines dreieckiges Hütchen war auf den hohlen Schädel gestülpt. Der Kandidat fürchtete das Bild des Todes nicht, er war mit demselben von Amts wegen vertraut, ja er hatte eine gewisse Vorliebe für die warnende und erbauliche Erscheinung des Knochenmannes. Aber wer war der Mensch, der da drinnen unter der Hut dieser gespenstischen Wache schlief? And welche seltsame Lust fand er daran, mit den ernstesten Dingen sein frevles Gespötte zu treiben? Jetzt öffnete der Mohr das zweitäußerste Zimmer der Seeseite und stellte die beiden Leuchter auf den Kamin. Psannenstiel, dessen Wangen glühten und fieberten, trat ans Fenster, um es aufzureihen; Hassan aber hielt ihn zurück. „Seeluft ungesund," warnte er und machte die Flügeltüre eines Nebenzimmers auf, um dem Erhitzten in unschädlicher Art mehr Luft zu verschaffen. Dann entfernte er sich mit einem demütigen Gruße. Der Kandidat schritt eine gute Weile in der Kammer auf und nieder, um seine erregte Phantasie zur Ruhe zu bringen und den wunderlichsten Tag seines Lebens einzuschläfern. Aber das gefährlichste Abenteuer desselben war noch unbestanden. Äus dem von Hassan geöffneten Nebenzimmer klang ein leiser Ton, wie ein tiefer Atemzug. Hatte die streichende Nachtluft die Falten eines Vorhanges bewegt oder war ein Käuzlein an den nur halb geschlossenen Jalousien vorbeigeflattert? Der Kandidat hemmte seinen Schritt und horchte. Plötzlich fiel ihm ein, dah dieses nächste Zimmer, das letzte der Fassade, kein anderes sein könne, als die Räumlichkeit, welche der Schiffer Bläuling der Türkin des Generals angewiesen hatte. Die Möglichkeit einer solchen Nähe brachte den unbescholtenen jungen Geistlichen begreiflicherweise in die größte Angst und Anruhe, doch nach kurzer Aeberlegung beschloß er, in die berüchtigte Kammer mutig hineinzuleuchten. Er betrat einen reichen türkischen Teppich und stand, sich zur Rechten wendend, vor einem lebensgroßen Bilde, welches von vergoldetem, üppigem Blätterwerk eingerahmt war und die ganze, dem Fenster gegenüberstehende Wand des kleinen Kabi- nettes füllte. Das Bild war von einem Niederländer oder Spanier der damals kaum geschlossenen glänzenden Epoche in jener naturwarmen, bestrickenden Weise gemalt, die den Neuern verloren gegangen ist. Aeber eine Balustrade von maurischer Arbeit lehnte eine junge Orientalin mit den berauschenden dunkeln Augen und glühenden Lippen, bei deren Anblicke die Prinzen in Tausend und einer Nacht unfehlbar in Ohnmacht fallen. Sie legte den Finger an den Mund, als bedeute sie den vor ihr Stehenden: Komm, aber schweige! Pfannenstiel, der nie etwas auch nur annähernd Aehnliches erblickt hatte, wurde tief und unheimlich erschüttert von der Verlockung dieser Gebärde, der Sprache dieser Augen. Es tauchte etwas ihm bis heute völlig unbekannt Gebliebenes in seiner Seele auf, etwas, dem er keinen Namen geben durfte, eine brennende Sehnsucht, die glückselige Möglichkeit ihrer Erfüllung! Vor diesem Bilde begann er an so übergewaltige Empfindungen zu glauben und vor ihrer Macht zu erbeben... Plötzlich wandte sich der Kandidat, lief in sein Schlaf gemach zurück und begnügte sich nicht, die Türe zu verschließen, er schob noch den Riegel und drehte zuletzt den Schlüssel um. Nun glaubte er sein Lager gesichert und begrub sich in die Kissen desselben. (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: l>r. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.