Nummer 55 Samstag, den % Juli Jahrgang 1925 Gießener MilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Er bokulirt im Hirschen. Ode Trvchaica. Lustig-seyn und nicht studiren, durch die Gassen kreutz und krumm nach den Mägdgens scharmutziren, lustig-seyn und nicht studiren, dihses ist mein Bropprium! Dluhder-Hosen, Bvntac-Flaschen, Wörffelgens und ein Rappihr, darzu Göldt in allen Daschen, Bluhder-Hosen, Bvntac- Flaschen, Bruder-Herz, das lohb ich mirl Wihder blichen itzt die Pfirschen, alles ist tote Rohsen-roht, drümb, so sizz ich hier im Hirschen, wihder blühen itzt die Pfirschen, Dabbak ist mein Himmels-Brvdt! Hühnergens in Galantine stellt man mir auff meinen Disch Blühmckens zihren die Turrin«, Hühnergens in Galantine, auch die Sprottgens sind schön frisch! Kugel-Dorten, Eher-Baben seh ich frölichen Gesichts, darfor bün ich stähts zu haben. Kugel-Dorten, Eher-Baben, Hola, Jung, verschütt mir nichts! Jeder Dropffen, den ich drincke, schärfst mir mehr das Capitol; komme wihder, wenn ich plincke, jeder Dropffen, den ich drincke — Himmel, Herrgott, ist mir wohl! Flöten, Lauten und Pandoren, Gott seh Danck, itzt sind sie da! Singt und springt mir in die Ohren, Flöten, Lauten und Pandoren, dreh mal hoch die Musiac! Nachts mit gantz verschobner Krause steh ich dan für meiner Thür. Bün ich würcklich schon zu Hause? Nachts mit gantz verschobner Krause, ha, wie kom ich mir blohh für? Soll ich itzt Skarteken schmihren? Oder — dreh ich wihder um? Nein, ich gehe cortesiren! Soll ich itzt Skarteken schmihren? Dihses were mir zu thumm! Meine Feuer-reichen Jahre blühn mir itzo, oder nie. Pallas hat zu kortze Hahre, meine Feuer-reichen Jahre find mir vihl zu Werth for sie! * Aus „Des berühmbten Schäffers Dafnis sälbst ver- fartigte sämbtliche Freß-, Sauff- und Venus-Lieder von Arno Holz. Fahrt zu einem Bilde. Matthias Grünewalds Madonna in Stnppach. Bon Luma"). Mn den Museen hängen die Bilder: Bild neben Bild; sie Nehmen einander den Platz fort. Um so schlimmer, je bessere Bilder nebeneinanderhängen, Man will sich in ein Bild versenken: Da treten gleich noch- zwei andere Bilder in das Sehfeld ein. Das Museum ist die Grabkammer der Bilder. Es gibt keinen Menschen, der die Aufspeicherung von Kunst (etwa im großen Saal des Prado in Madrid) ertragen kann: Greco, Delazquez, Goya neben vielen andern. Das ist nicht auszuhalten. Man wird •) Aus: „Der De u t s ch e n s p i e g e l", eine politische Wochenschrift, Berlin W. 35, Potsdamer Straße. Herausgeber 6. Häuber u. O. Kriegk. müde in den Museen; abgestumpft; ohnmächtig, dem Anprall künstlerischer Energien standzuhalten. In der Zeit der Museen ist es ein seltenes Erlebnis, eine lange, umständliche Fahrt zu einem Bild zu machen. Man dentt einen ganzen Tag an das Bild, das man sehen wird. Man bezieht schon den Weg zu dem Bild auf das Bild. Man bezieht die Umgegend des Bildes auf das Bild. Man hört dann hundert Anekdoten über das Bild. Es greift in das Leben eines Dorfes ein. Welch blasses Dasein hat dagegen das Bild in einem der vielen vollgestopften Säle des Museums? Wir fahren immer Tauber aufwärts. Dort, wo die Tauber in den Main fließt, liegt Wertheim mit seiner romantischen Burgruine. Dom Fenster des Zug-Ä sehen wir das Zisterzienser- Kloster Dronnbach, dann die hochgelegene Gamburg Bad Mergentheim liegt auf der Grenze zwischen Baden und Württemberg. „Görderäderiene?" „Görderäderiene?" „Görderäderiene?" Sind wir Norddeutschen besonders unbegabt, Dialekte. zu verstehn? Erst nach einer schlaflosen Nacht hatten wir die Frage enträtselt, die das kleine, verhutzelte, windschiefe Männchen an uns auf dem Bahnhof in Mergentheim gerichtet hatte: „Görderäderiene?" Auf deutsch: „Gehören die Näder Ihnen?" Bon Mergentheim nach Stuppach im Postauto! Eine merkwürdige Borbereitung auf das Bild des frommen Malers. Neben mir sitzt ein christlicher Missionar. Dauernthp. Zum Bersten lebendig. Kräftiges, lautes Organ; mächtige Schenkel; robustes, aber gutmütiges Gesicht. Er war in Afrika. Er hat die Well gesehen. Alle hören ihm zu. Er preist das Reisen ins Ausland. Er kämpft mit wütenden Worten gegen die Kirchturms-Phantasien für die Welt-Horizonte: „Wir Deutschen müssen reifen, meine Herrschaften! Wir müssen reisen! Fenster auf; Türen auf! Nur nicht so zimperlich! Es wird uns nichts von unserer Verzierung abbrechen. Wer selbstbewußt ist und seinen eigenen Wert kennt, liebt auch die Vorzüge anderer Nationen! Wir sollten viel reisen." Die Sätze überkullerten sich. Ein Vulkan von Gebärden überschüttete jeden Satz. Gin kampfesfteudiger Priester. Soldat der ecclesia militans. Ern ganz anders gearteter Sohn des Evangeliums als der, dessen Weick wir jetzt sehen sollten. Wir steigen die Straße zur Kirche des kleinen PfarrdorsS Stuppach empor. Eine lieblich-blasse Vierzehnjährige schließt auf- selbst eine kleine Madonna. Die Kirche ist eine unter tausend: kahl, unbedeutend. Das Auge wird wider Willen von schlechten Plastiken festgehalten. Erst auf den Stufen zum Altar kann man Grünewalds Bild recht erkennen. Die untere Hälfte ist zum Teil verdeckt von der Spitze des Altars. Auf dem Wege dachte ich: solch ein Bild gehört in die Kirche, nicht ins Museum. Jetzt werde ich skeptischer. Das Meisterwerk ist schlecht zu sehen. Die Bauern von Stuppach können kaum zwischen den farbig angestrichenen Heiligen und diesem Bild unterscheiden. Dazu kommt, daß die Kirche feucht ist. Namentlich die untere Hälfte des Bildes zeigt viele Bläschen. Ob das Bild in der Kirche von Stuppach gut aufgehoben ist? Grünewald lebte von etwa 1480 bis 1530. Er ftll aus Aschaffenburg stammen. Im Oberelfaß, in Franffurt und Halle soll er sich aufgehalten haben. Die Hauptwerke Grunejwalds sind die Gemälde am Altar zu Jfenheim bei Colmar, welche man während des Krieges nach München brachte. Die Stuppach«! Madonna, die zwischen 1517 und 1519 entstanden f«tn totr&, ist ein Marienbild, das im Jahre 1809 vom damaligen Pfarrer von Stuppach in Mergentheim erworben wurde. Es wurde lange Zeit für eine Arbeit von Rubens gehalten, bis es im Jahre 1907 vom Maler W. Eitle als Grünewald erkannt wurde. Die Hauptfiguren des Bildes find Maria mit dem J^uskind. Maria sitzt auf einer Steinbank in einem Gärtchen und spielt mütterlich mit dem Jesusknaben, der in etwas mrstcherer Äkt auf dem Schoße Marias steht und den Bück zur Mutter wendet, während die Händchen nach dem Apfel in der übertrieben zierlich gehaltenen Hand Marias greifen. Das Gärtchen, rn.dem Maria sitzt, ist rechts nicht umzäunt und laßt dm Dlick cmf die Kirche offen, welche eine freie Nachahmung des Straßburger Münsters ist. Es soll die Kirche Maria Maggivre in Aom Erstellen. Auf der Treppe zur Kirche hinauf sind «n Kanoniker und zwei reichgekleidete Herren, eine Gestalt steht auf der Terrasse, während eine andere rm Portal verschwindet. Nie — 210 — Herrlichkeit des Farben - Zusammenklangs kann man mehr ahnen als sehens weil das Bild sehr gedunkelt ist und autzerdem sehr ungiinstig hängt. Der Rock Marias ist karminroter Goldbrokat; er ist mit weißem (jetzt meist schmutzig gelbbraunem) Pelz gefüttert, vorn ist er mit einer goldenen Agraffe zusammengehalten. Die Agraffe ist mit roten Edelsteinen besetzt. Aeber dem Rock befindet sich ein Mantel von blauer Farbe, dessen Futter purpurviolett ist. Der Mantel ist mit einem gelben Bande eingefaßt. Man hat viel über dies Bild geschrieben: über die mystische Bedeutung der in dem Bilde enthaltenen Pflanzen und Gegenstände; über die Komposition, besonders die Linienführung des Bildes; über seine Lichtlinien und Lichtstreifen, über die Schattenpartien und die geniale Vermeidung der Anruhe. Der Gesamteindruck ist — gerade im Gegensatz zu den grausamen Bildern seiner Kreuzigungen — die liebliche, stille Jnmgkert der Harmonie zwischen Mensch und Ratur; ein unpathetisches, undämonisches Frommsein. Man hatte mir erzählt: es wäre der Pfarre Stuppach ein gewaltiger Eichenwald zum Preis für das Bild geboten worden; aber Stuppach hätte abgelehnt. Ich hörte einen Maler den Kaufpreis des Bildes auf vier Millionen Mark abschätzen. Dann sprach man wieder davon, daß der angebotene Eichenwald den Stuppacher Eigentümern des Bildes nur nicht groß genug gewesen wäre — und so zerplatzte wieder einmal eine romantische Anschauung vom Menschen in ein Nichts. Auch lachte man über vier Millionen und meinte, es wäre heute nicht möglich einen 150 000-Mark-Käufer zu finden. Wie dem auch sei: ein Bild hat ein abgelegenes Dorf weltberühmt gemacht — und man staunt fast, daß der Fuhrmann in der Schenke zu Stuppach ebenso saftige Anekdoten erzählt, wie seine Genossen in den andern Schenken des Landes. — Jaques Dalcroze. Zum 60. Gevurtstag des Begründers der rhythmischen Gymnastik. Als Komponist ein Begabter unter vielen, hat sich der Schweizer Jaques Dalcroze als ideenreicher Neuschöpfer und wegsicherer Pfadfinder auf dem von ihm erstmalig betretenen Neuland der rhythmischen Gymnastik einen Namen gemacht, der den Anbruch einer neuen Epoche der Kultur des Tanzes im Dienste musikalischer Ausdeutung bezeichnet. Dalcroze ging von dem Gedanken aus, die künstlerische Jugenderziehung durch Beeinflussung der leichtempfänglichen Phantasie des Kindes und rhythmisch geregeltes Gebärdenspiel zu reformieren. Diesem Zweck dienten zunächst seine zahlreichen dem kindlichen Vorstellungs- und Empfindungsvermögen vorzüglich angepaßten „Chansons rvmandes et enfantines", nach denen die Kleinen launige und ernste Szenen singend darzustellen hatten. Ms Dalcroze zum erstenmal die kleinen Zöglinge seiner musikalischen Elementarschule dazu anhielt, ihre Schritte nach dem Rhythmus der gesungenen Melodie zu regeln, dachte er wohl kaum daran, daß er mit diesen Elementarübungen die Fundamente einer Erziehungsmethode legte, die in der Folge in der „belebten musikalischen Plastik' seiner rhythmisch-gymnastischen Reform gipfelte. In ihrem Grundwesen läuft diese Reform darauf hinaus, Musik unter Inanspruchnahme aller Mittel des mimischen und plastischen Ausdrucksvermögens des menschlichen Körpers in sinnlich-belebte, vom Geist der Schwere befreite Tanzkunst und Formenschönheit aufzulösen, um so den seelischen Gehalt der Musik durch bewegte Rhythmik und den edlen Schwung der plastischen Schönheitslinie zu bildkräftigerer Wirkung zu bringen. Dieses letzte Endziel auf dem Wege der systematischen Erziehung zum Verständnis und zur Erschließung des musikalischen Gehaltes wurde von Dalcroze in mehr als zwanzigjähriger intensiver Arbeit auf Grund einer reichen pädagogisch,en Erfahrung und der klaren Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Musik und Dewegungskunst erreicht. Es konnte nur erreicht werden von einem Pädagogen seines Schlages, dem auf Sch,ritt und Tritt der schöpferische Künstler führend und beratend zur Seite blieb. Dalcrozes neuartige mufikalifche Formgebung im Rahmen charakteristischer Tanzgestaltung weist, wie ihr Schöpfer in dem enzyklopädischen Handbuch, seines Systems ausführt, dem Körper die Vermittlerrolle zwischen Ton und Gedanken zu, so daß der Körper geradezu das mittelbare Ausdrucksinstrument unseres Fühlens und Denkens wird. Demzufolge soll schon das Kind in der Schule nicht nur richtig und im Takt singen und spielen lernen, nein, es soll vor allem dazu angehalten werden, Musik nicht ausschließlich mit dem äußeren Ohr zu hören, sie vielmehr in sich aufzunehmen und seinem ganzen Wesen anzugleichen. Kurz, die Musik soll sozusagen in einem seelischen Zentrum auf- gespeichert werden, das seinerseits wieder durch die im Raum waltende Bewegung verstärkte Antriebskraft erhält. Dalcrozes „belebte Plastik' schlägt damit den umgekehrten Weg der vor ihm geübten Tanzkunst ein, die Musik durch das Pathos der raumgestaltenden Geste zu illustrieren suchte. Die musikalische Melodie löst hier die plastische Gebärde aus, die ihrerseits wieder als Melodie im Raum rhythmisch dahinflieht. In seiner „Methode der rhythmischen Gymnasttk', einem Meisterwerk der musikalisch-choreographischen Pädagogik, hat Jaques Dalcroze eine bis ins Kleinste aus gearbeitete Theorie seines Reformwerkes aufgestellt, die er dann in der feinen Namen tragenden Dildungsanstalt Hellerau bei Dresden als Leiter und Begründer der Anstalt in die Praxis umsetzte. Ungezählte Schüler der Hellerauer" Anstalt, die soeben ihren Sitz nach Schloß Laxenburg bei Wien verlegt hat, zeugen für die künstlerischen Werteigenschaften der Dalcrozeschen Erziehungsmethode zum und durch den musikalischen Rhythmus und wirken heute überall als Lehrer im Sinne des Meisters, dessen lyrisch, plastische Kunstreform sie weiter auszubauen bemüht sind. Jaques Dalcroze, der französischer Abstammung ist, wurde am 6. Juli 1865 in Wien geboren. Schule, Universität und Konservatorium besuchte er in Genf, kehÄe aber dann nach Wien zurück, um bei Robert Fuchs und Anton Bruckner Komposition! zu studieren. Nachdem er in Paris bei Delibes seine Studien beendet hatte, folgte er im Jahre 1892 einem Ruf als Theorielehrer an das Konservatorium zu Genf. Hier fand er als Dichterkomponist vaterländischer Festspiele den Beifall seiner schweizerischen Landsleute und gewann sich mit einer Reihe von Opern, Kammermusikwerken, Violin-Konzerten, Klaviersachen und Liedern auch in der weiteren musikalischen Welt den Ruf eines begabten geschmackvollen Tonsetzers. Im Jahre 1898 betrat er dann mit feinen Kinderliedern und den schon erwähnten „Chansons rvmandes et enfantines" den Weg, der ihn zum Ausbau seines bahnbrechenden Erziehungsshstems führte. Wesen und Entwicklung, Aufgaben und Ziele dieser Grziehungsreform hatJaques Dalcroze in seiner gehaltvollen „Methode der rhythmischen Gymnastik" in mustergültiger Weise erläutert. Während des Weltkrieges hat er sich leider in die polittsche Arena begeben und dabei eine Haltung eingenommen, die in Deutschland mit Recht sehr verstimmt hat. Doch selbst die schärfste politische Gegnerschaft kann nicht hindern, die sachlichen Verdienste anzuerkennen, die er sich als Begründer der rhythmischen Gymnastik und als führender Pädagoge auf diesem Gebiet erworben hat. Der „Berg des Heils". Bon E. Seeger. Von jeher haben Sage und Legende ihren ewig grünen Kranz gern um Stätten gefloßen, die sich durch ihre besondere Lage ober Gestaltung auszeichneten. Fast unverständlich wäre es erschienen, wenn sie an dem gewaltigen Dergmassiv des Montserrats, das sich wie eine gigantische Burg aus der katalonischen Tiefebene Spaniens weit von Barcelona erhebe, vorübergegangen wäre. Dieser wilde, fast unzugängliche Bergstock mit seinem seltsamen, eigenartigen Formenreichtum reizte geradezu die Phantasie, und so begreift man ohne weiteres, daß die blühende Einbildungskraft des Mittelalters, die Tempelburg des „Heiligen Gral" und damit die Heimat Lohengrins und Parsivals auf seinen zerklüfteten Gipfel verlegte. „Montfalval" und „Mont- salvage", „Berg des Heils" und „wohl bewahrter", auch „wilder Berg", nennt ihn Sage und Dichtung, „Montserrat" und „Montserrats", „gesägter Berg", nennt ihn das Volk, wegen seiner Einkerbungen. Wuchtig, wie von Eisenhand gefügt, steil aufsteigend, ohne Zusammenhang mit anderem Gebirg, wie ein alter Recke, so ragt er empor, der Berg, von welchem der Schwanritter Lohengrin singt: „Im fernen Land, unnahbar Euren Schritten, liegt eine Burg, die „Montsalvatsch" genannt!" And Parsival, der reine Tor, reitet durch die Wälder an seinem Fuße, bis er zur Gralsburg gelangt, jener von Gold und Edelstein schimmernden Kempelburg, die das höchste Kleinod barg, eine köstliche Schale aus Jaspis, durch deren Kraft sich der Phönix aus der Asche stets neu verjüngte. Bei dem Sturze Luzifers war der Stein aus dessen Krone gefallen, aber Engel hielten ihn schwebend in der Luft, bis er mit Christus auf die Erde und in den Besitz des Joseph von Arnathia kam. Aus dieser Schale reicht der Heiland in der Nacht, da er verraten ward, das Brot, in ihr sing Josef das Blut aus der Seite des Gekreuzigten auf, wodurch sie Kräfte des ewigen Lebens gewann. Wer sie unverwandt anfchaute, der alterte nicht; Antrennbar sind die Namen der Gralkönige Titurel, Amfortas und Parsival mit dem wunderbaren Berge verknüpft, an dessen Eigenart die Dichtung sich so geschickt angeschmiegt hat. Die Sage läßt den Dergesgipfel aus Onyx bestehen und schildert ihn so glatt und glänzend wie den Mond. In der Tat ist das Gestein glatt und blank, von den Wassermassen der Ar- zeit poliert und geschliffen, so daß der Fuß kaum einen Halt findet. Nagende Wassermengen haben auch die grotesk geformten Kuppen, Spitzen und Zacken hervorgebracht. Durch das unvermittelte Aufsteigen aus der Ebene erscheint der Berg höher als er in Wirklichkeit ist. Seine Höhe beträgt nur 1300 Meter. An den Rändern der beiden Talseiten erheben sich die ca. 100 Meter hohen Bergkegel der „Pennafos", der „Wächter" des „Heiligen Gral" der „Coball Bernat", der wie ein mahnender Riesenfinger gen Himmel ragt, der „Totenkvpf" (Calavera) die „ Finger, (Dedos) und die „Flöten", (Flautos) auch „Prozession de los Monjes", Mönchsprozession genannt, ferner der „Schwalben- f elf en“ und die „Roca de las Onze", der „Elfuhrfelfen", der der Einwohnerschaft der Ortschaft Mvnistrol am Fuß des Berges als Sonnenuhr gilt, — nach seinem Schatten werden um 11 Ayr die Ähren gestellt. Bon diesem Städtchen aus geht eine Zahnradbahn, el ferrocarril cremallera, zu dem m 890 Meter Höh« - 211 liegenden Kloster Montserrat. 3m Jahre 1892 wurde diese so reizvolle, aber schwer zugängliche „Perle Cataloniens" durch diese Dahn dem Verkehr erschlossen, der bis dahin äußerst mühsam durch steilen Muß- und Fahrweg unterhalten worden war. Don großem Einfluß auf den Bau dieser Dahn war das Be- Lürfnis, den Pilgern, welche die Santa Maria de Montserrat besuchten, den Aufstieg zu erleichtern. Der Zug der Pilger hierher ist ein gewaltiger, ihre Zahl soll über 60000 im Jähre betragen. Am 6. Oktober 1892 wurde im Anschluß cm die 400jährige Feier der Entdeckung Amerikas die erste Lokomotive der Zahnradbahn von dem Dischof von Darcelona eingefegnet, zur höheren Ehre der „wundertätigen Muttergottes vom Montserrat". Die Gesamtlänge der Bahn beträgt 7,8 Kilometer. Aach einer großen Schleife tritt sie in einen kurzen Tunnel ein und erreicht gleich darauf die Station des Klosters. Dieses wurde 880 von Sifredv el Velloso, Graf von Barcelona, errichtet. Auch hier durchflicht die Sage die historische Tatsache mit ihren schimmernden Fäden: Als Hirtenknaben, verlockt von einem plötzlichen übernatürlichen Schein, in eine Felsenhöhle eindrangen, fanden sie dort das Standbild der Maria, das jetzt den „Camarin de la Virgen" in der Klosterkirche schmückt, und das einst ein frommer Klausner vor beutelustigen Maurenbanben dort verborgen hatte. Auf dem Transport nach Mauresa aber, einer kleinen Ortschaft in der Aähe, widersetzte sich plötzliche das Standbild und ließ sich nicht weiterbringen, damit kundtuend, daß es hier in einer Kirche verehrt zu werden wünschte. An dieser Stelle steht noch heute das „Kreuz des Wunders", ein uraltes, verwittertes Steinkreuz mit der nur noch schwach leserlichen Inschrift: „Aqui se niza inmovil la Santa 3magen" — „hier machte sich das heilige Bild unbeweglich". Dieses vom Alter geschwärzte, aus Holz geschnitzte Standbild der Maria mit dem Kinde genießt als „Königin des Berges" bei den zahllosen Andächtigen große Verehrung. Wunderbar anziehend und fesselnd wirkt dieses so alte Bildwerk noch heute auf den Beschauer. Ein rührend lieblicher Ausdruck, mit hoheitsvoller Unschuld und süßer Innigkeit gemischt, verklärt die Züge dieser Mutter Gottes. Ein Rückblick in der stillen, dämmerigen Kathedrale, auf dies von heimlichen Sonnenstrahlen umzitterte, hehre Antlitz ist von unvergeßlicher Wirkung. Vor dem Hausaltar dieser prunkreichen Kirche hing einst Ignaz von Loyola, dem rauhen Kriegsdienst entsagend, seine Waffen auf und weihte sich ganz dem Dienste Christi und der Jungfrau. Hier, in der tiefen Zurückgezogenheit des Klosterlebens faßte er den Entschluß zur Gründung des Jesuitenordens. Leider wurden schöne Teile des alten Klosters samt seiner Bibliothek 1814 durch Feuer vernichtet. Ein herrlicher, gotischer Kreuzgang und kleinere Ruinen blieben erhalten. Das neue Kloster wurde um 1500 erbaut. Ein kleiner mit Platanen bepflanzter Vorplatz mit wunderbarer Aussicht wird als Marktplatz benutzt. Chorgesang von Hellen Knabenstimmen verrät, daß das Kloster auch eine Schule für geistliche Musik enthält. Die Hospederia des Klosters gewährt jedem Wanderer drei Tage lang freie Unterkunft, doch zahlt man nach Belieben in die Sammelbüchse. Wer nach sechs Ähr abends eintrifft, mutz sich sein Bett selbst zurecht machen und sich selbst Wasser holen, — eiskaltes Quellwassev aus einem laufenden Brunnen. Die Pilger bringen sich die Lebensmittel selbst mit, der Fremde ist auf das vornehme Restaurant angewiesen, das hier, in dieser mystischen, grandiosen Umwelt, wie eine grelle Dissonanz wirkt! — Auf einem Rundgang über den Vorplatz des Klosters, den das Mvnumento de la Immaculata schmückt, an der Kapelle der Apostel vorbei, kann das Auge sich nicht satt sehen an dem weiten, berauschend schönen Blick, über mehrere spanische Provinzen hinweg! Dreizehn kleine Einsiedeleien trifft man am Wege. Im Goldglanz der Sonnenpracht recken sich im Hintergründe die Schneehäupter der Pyre- näenkette, vom Maladetta bis zum Canigon, empor. Sonnenschein ist ausgegofsen über dem Firn ihres höchsten Gipfels, dem Mont Perdu. Im Gegensatz dazu rechts das bläulich schimmernde Mittelmeer. Wie von Kinderhand aus Spielzeugschachteln aufgebaut, liegen „Städte dort und Dörfer" in der weiten Ebene, und durch Oliven- und Weinpflanzungen schlängelt sich das Silberband des Llobregat. Bercelona, die unheimlichste der Städte Spaniens, leuchtet von fern, mit ihren weißen Mauern, Hellen Häusern, als habe sie nie das Krachen der Bomben erschüttert! Hier oben aber war Friede, eine wundervolle, ungetrübte Friedensstimmung ausgegossen über Berg und Tal, über „die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten" zu unseren Füßen! Ein Blick in ein gtiefe, schauerlich zerMftete Schlucht, di« Bälle mala, tut sich uns auf. Die Sage schildert, wie mit donnerndem Krachen in wildem Schmerz der Fels zerbarst und das Herz des Berges aufrih in dem Augenblick, da Christus am Kreuz den letzten Seufzer verhauchte. In diesem Abgrund stürzt der Torrente de Santa Maria über gewaltige Felsterrassen hinab in den Llobregat. Zwischen großen, grauen, oft spiegelblanken Felsblöcken grünt und sprießt in unersättlicher Lebensfülle der frühlingshafte, spanische Blumenreichtum. Dunkle Steineichen und niedriges Buschwerk, Monte bajo genannt, wird belebt von roten Äelken und Winden, gelben Christusröschen und hier und da grüßt wie ein verschlagenes Seelchen mit Heimatgruh das liebliche blaue Auge unseres deutschen Leberblümchens. Aus den Blüten der Rosmarin- und Lavendelbüsche kocht die Sonne betäubenden Wohl- geruch. In seltsamem Kontrast zu den heißen Sonnenstrahlen wcht aus den Felsenritzen und -spalten dem Wanderer eine eiseskalte Luft entgegen, Slnvermittelt bricht mit einer Welle scharfer Abendkühle 'die Aacht herein und um V28 Slhr ist bereits alles in Finsternis gehüllt. Fxüh am andern Morgen weckt das Klosterglöcklein zu neuem Schauen! Wie in früherer Zeit, so übt auch heute noch der Berg seine ungealterte, befruchtend« Macht auf die Kunst aus, besonders auf die Gestaltungskraft, welche in der religiösen Gemütssphäre wurzelt. Sie hat einen herrlichen Ausdruck gefunden in der Schaffung des Weges, der zu der Grotte der Jungfrau führt, eines höchst romantischen Pfades, der, sich den kapriziösen Dergformen anpassend, rechts von den zyklopischen Winden des Berges, links von schwindelerregenden Abgründen begrenzt, in Windungen hinuntersteigt zur Felsenhöhle, zur Cueva de la Virgen, in welcher die heilige Statue der Maria von den Hirten aufgefunden worden war. Am Anfang des Weges sprudelt die „Wunderquelle", von welcher die nimmermüde Sage berichtet, daß ein hartherziger Edelmann eine auf seinem Besitz entspringende Quelle vor durstigen Wallfahrern absperrte. Sofort erbarmte sich die Jungfrau deren Not, lieh den Quell vertrocknen und den neuen Wunderquell dicht am Portal entspringen. Don Zeit zu Zeit, stets dem Standort meisterhaft angepatzt, stehen an diesem Wege herrliche, weiße, lebensgroße Warmor- figuren und -gruppen, oder Schreine mit Mvsaikbildern auf Goldrand, die Lebens- und Leidensgeschichten Christi darstellend. Reiche, spanisch« Familien haben sie gestiftet, die besten spanischen Bildhauer und Maler haben sie ausgeführt, mit einer staunenswerten Lebenswahrheit. An der Grotte öffnet uns ein uralter, eisgrauer Priester mit altmodischem, klirrenden Schlüsselbund umständlich und feierlich die Gitterpforte. Die hehre Einsamkeit der gewaltigen Umgebung, das Gefühl gänzlicher Weltabgeschiedenheit nimmt die Seele völlig gefangen, und auf der Talfahrt hält uns noch lange die wunderliche Mischung von Wirklichkeit und Phantasie, von Wahrheit und Dichtung, von Mittelalter und Neuzeit, im Dann, die sich in diesem Derge zu so selten reiner Harmonie vereinigt hat. Der Schatz. Don Eduard Mörike. (Schluß.) „Die eine für dich, die andere für mich", antwortete das Mädchen mit geheimnisvollem Lächeln, „lrstr tragen sie auf eine Nacht." „Aber wozu, um Gottes willen?" Sie legte ihren Finger auf den Mund: „Für jetzt nicht wefter, Franz; du bist ein Mann, und da, wo ich mich hingetraue, wirst du dich hoffentlich nicht scheuen." — So kamen wir stillschweigend überein, daß vorderhand nicht mehr die Rede davon sein solle. Der nächste schöne Morgen reizte uns zu einem kleinen Ausflug in die Gegend. Wir hatten uns noch unzählige Dinge zu sagen. Sinter anderem wollte ich wissen, warum sie sich mir denn nicht gleich am ersten Abend, als ich kam, entdeckte? ja, wie sie es nur übers Herz bringen können, den ganzen folgenden Tag fo grausam Komödie mit mir zu spielen? — „So? Meint der Herr," entgegnete sie, „man hätte nicht auch Lust gehabt, ihm etwas auf den Zahn zu fühlen? Im ganzen habe ich mir freilich all die Jahre her nie eigentliche Sorgen wegen deiner gemacht. Desonders hielt ich mich an das, was wir gelegentlich durch. Reisende erfuhren. So kam einmal der Vetter, als eben Kirmes war zu Iünneda, mit einem lustigen Messerschmied an «inen Tisch im „Rößlein" zu sitzen, der war nicht weit von hier zu Haus, kam erst von Achsurth her und wußte gar manches von dir; darunter war mir denn das Wichtigste und Angenehmste, daß sie dich dort den kalten Michel hießen. Die Dafe wollte dies nicht eben tröstlich für mich finden, ich aber sagte gleich: bei mir wird er schon auftauen. Nun mutzt du aber wissen, Freund, ausdrücklich hatte Frau Sophie mir gesagt, du müßtest mich bei unserm Wiedersehn von selbst erkennen: dies sei die erste Probe, wie tief dir Aennchen noch im Herzen fitze. Sind daß ich's nur gestehe, mir wollte schon anfangen bange werden, weil du so gar vernagelt warst; ja meinen Ohren traute ich kaum, als mir der Mensch, anfing, von seinen Liebschaften da vorzuprahlen! Sieh, hätt' ich mir nicht alle diese Faxen so ziemlich, zurechtlegen können, es wär' ja wahrhaftig mein Tod gewesen! Etwas muß aber doch daran sein, dachte ich, so arg er auch aufschneidet, ganz leer ging es nicht ab, dafür soll er mir jetzt ein bißchen zappeln." Sinter so fröhlichen Gesprächen waren wir, stets auf der flachen Höhe des Gebirgs fortschlendernd, bis an die gutsherrlichen Weinberge gekommen. Wir setzten uns auf eine kleine Mauer und blickten, über die Rebstöcke weg, hinuntm in den sogenannten Schelmengrund. Di« Gegend stel mir auf, ja, ich war ganz verblüfft - beim auf und weder war ja hcer das Tälchen wieder, das ich in jener N-^ht gesehen, wo es vom Herbstvergnügen der Waidefeger widerhällte! Wie sonderbar! Alles traf zu, die Eiche abgerechnet, von welcher nichts zu sehen war. Ich säumte nicht, die Sache gleich Josephen zu erzählen, die sich höchlich darüber vernahm. Zwar hielt auch sie den 212 - Spuk in jener Rumpelkammer für einen bloßen Traum, den sie jedoch nichtsdestoweniger bedeutsam fand. Nachdem toir uns den Ort und namentlich eine gewisse rundliche, mit Gras und Disteln überwachsene Vertiefung in der Erde zunächst am Mäuerchen genau bemerkt, begaben wir uns, aller guter Hoffnung voll, nachdenklich auf den Rückweg. __ Zu Hause lieh ich es mein erstes sein, ,dre alte Karte mit dem Titelbildchen genauer zu betrachten. Die Aehnftchkett war abermals nicht zu verkennen, obgleich sie sich bereis nrcht mehr so ganz wie vorhin wollte finden lassen. — Wahrend ich noch darüber nachdenke, reicht mir Josephe emen Brief, er sei in unserer Abwesenheit vom Dorf gebracht worden. Ich meinte Wunder, was es wäre, das schlaue Mädchen aber sagte: „®u> acht, Herr Peter hat was auf dem Korn." So war es in der Tat. Seiner gekränkten Ehre eingedenk, machte er Miene, mir einen Prozeß anzuhängen: soviel sich aus der ganz korssusen Schreibart absehen lieh, schien er jedoch nicht ungeneigt, bevor es dahin käme, Genugtuung, und zwar mit baremGelde, privatim von mir anzunehmen. — Zu rechter Zeit erinnmcke ich mich jenes stählernen Knopfs, womit der Schuft den Fuhr- . mann damals prellte. Ich schlug sogleich ein säuberlich Papier um das edle Schaustuck und legte ein paar Zeilen bei, worin ich ihm andeutete, wie sehr man sich zuweilen irren könne, und dah ein Biedermann, der in der Eile einen glatten Knopf für einen Fünfzehner ausgab, es eben auch passieren lassen müsse, wenn ihn ein anderer einmal für einen Galgenvogel nahm. — Der Brief tat völlig die gehoffte Wirkung: Herr Peter zeigte ihn zwar keiner Seele, doch soll er sich geäußert haben, ich hätte ihm sehr anständig Abbitte getan. Run kämen wir an das letzte Kapitel in meiner Geschichte, von dem ich zwar versichern darf, daß es seine besondern Reize hat, allein ich habe die Geduld meiner verehrten Zuhörer längst über die Gebühr erprobt, und so mag es für heute bewenden. „Wie? was, Herr Hofrat?" riefen mehrere Stimmen — „jetzt fällt es Ihnen plötzlich ein, Punktum zu machen, jetzt, da es auf das Ziel losgeht? da alles voll Erwartung ist? Rein, nein, das geht nicht an, wir protestieren sämtlich!" Der Hofrat aber rückte gelassen seinen Stuhl, und da man ihn schon kannte, so sprach ihm niemand weiter zu. „Wann werden wir denn nun das Ende hören? fragten« einige Damen. „O, morgen abend, wenn sie wollen." „Was? da haben wir ja Ball! Als wenn er das nicht wüßte!" „Gut — also übermorgen." „Da reisen Sie ja ab!" "Freilich! Ihre Frau hat es uns selbst gesagt. Seht doch, den Schalk! Gr wollte uns wahrhaftig den Rest ohne weiteres schuldig bleiben!" „Run" — war die Antwort — „dah ich's nur gestehe, ich pflege diesen Teil meiner Geschichte, der sich im wesentlichen übrigens von selbst ergibt, nie gerne zu erzählen." „Darf man wissen, warum?" „Eine Grille.“ „Das scheint geheimnisvoll." „Ich glaube unfern Freund beinahe zu verstehn", sagte Kornelie. eine geistvolle, höchst liebenswürdig« Blondine, „und so sehr mich selber die Reugierde plagt, es will mir doch zugleich gefallen, dah von den geisterhaften Dingen, die wir ahnen, der letzte Schleier nicht hinweggenommen werde. Sie würden einem fast, deucht mich, zu wirklich und zu nahe und wären wenigstens mit einer heitern Darstellung, wie diese doch im ganzen war, kaum zu vereinigen." „Ei was!" rief Oberst Mathey hier mit halb komischer Ungeduld: „was für Umstände! Wir müssen absolut jetzt irgendeinen Schluß, einen expressen Schluß bekommen, und wenn wir ihn uns selbst erzählen sollten!" „Das möchte Wohl so schwer nicht sein", sagte Kornelie. „Eh bien! ich nehme Sie beim Wort, mein schönes Kind. Geschwinde, geben Sie uns eine hübsch« Skizze, damit sich unser« Imagination vor Schlafengehen beruhige." „Mrs erste", fing Kornelie an, „wird Herr von Rochen, als ihm der merkwürdige Traum erzählt wurde, sogleich Anstalt zur Rachgrabung bei jenen Weinbergen getroffen haben. Gewiß geschah dies mit der größten Vorsicht, und zwar nicht anders als bei Nacht, teils um ein Aufsehn zu verhüten, teils weil der feierliche Gegenstand es so erforderte. Es war di« Nacht vor Cyprian. Herr Marcell ermangelte nicht, bei Fackelschein in seiner Ostergalatracht zu Pferde den kleinen Zug geziemend anzuführen. In dessen Mitte ging Herr Arbogast als Hauptperson. Bann folgten ein halb Dutzend Arbeiter mit brennenden Laternen, Spaten und Hacken wohl versehen. Dies« geheimnisvolle Prozession, die Ankunft auf dem Platze, die Tätigkeit der Leute daselbst, wobei kein lautes Wort gesprochen werden durfte, sodann die immer steigende Bewegung, da man nach einem zweistündigen Graben endlich auf ein Gewölbe, zuletzt auf eine schmale Treppe stößt und nun der auserwählte düng» "ng, die Fackel in der Hand, sich zwischen Schutt und Trümmer- werk hindurcharbeitend, ein enges Kellerchen betritt, wo er vor allen Dingen eine kleine verrostete Kiste entdeckt, hierauf, nicht weit davon, Frau Ärmels unheilvolle Kette und endlich — o Entzücken! ein helles Häuflein Gold, feine Dukaten! — für- wahr, das sind köstliche Szenen, deren getreue Ausmalung sich allerdings verloren würde. Allein das Wichttgste ist noch zurück. Der Ärmelgeist, je näher die ersehnte Stunde kam, verdoppelte, wie man leicht denken kann, sein Seufzen, seine Ungeduld. Auf alle Mlle mußte der edle Jüngling noch um Mitternacht in seine Werkstatt gehn, die Kette herzustellen: ein kitzliches Geschäft, wobei er jeden Augenblick besorgte, daß ihm der Geist über die Schulter gucke, ob auch, die Arbeit fördere. Das Bräutchen war ihm hier der größte Trost: sie hielt ihm vermutlich das Licht. Nachdem er fertig war, schickte das vielgetreue Paar sich an, das Letzte und Bedenklichste selbander zu bestehen. Josephe knüpfte sich und ihrem Liebsten die magische Leibbinde um, die zwar nicht jede Gänsehaut verhüten, doch sonst vor bösen Einflüssen bewahren konnte. So zog denn Bräutigam und Braut, die goldene Kette zwischen sich haftend, dem Sichelflusse zu, wo nun das Kleinod unter stillen SegenS- sprüchen den Wellen übergeben ward. Wie sich der Geist dabei benommen und wie Frau Jrmels Danksagung gelautet, muh freilich dahingestellt bleiben: genug, daß sie zur Ruhe kam. Begierig wäre ich, was in dem eisernen Kistchen gewesen, und fast noch mehr, was für niedliche Dinge das Waidfegervolk in die Rischen und Ritzen des königlichen Schatzgewölbs versteckt haben mochte. Zuverlässig fand man auch der Waidekönigin ihr Krönlein darunter, das ich mir so geschmackvoll, so zierftch vvrstelle, daß es Herrn Arbogast gleich als Modell zu seiner größern Arbeit dienen konnte, von der die Welt behauptet, fle sei ein Meisterstück der Kunst: wo aber eigentlich der Künstler die unvergleichlichen, sonst nie gesehenen Formen dazu hernahm, hat er den Leuten freilich nicht gesagt und form auch billig unter uns bleiben." Der Hofrat lächelte und sprach: „Sie haben in der Tat, bis auf einige Kleinigkeiten, meine Geheimnisse so artig erraten, dah ich mich, ganz im Ernst, darüber wundern muh und kein Bedenken trage, hiemit mein« Geschichte für geschlossen zu erklären." Sofort entspann sich unter den Zuhörern noch eine kleine Diskussion über Wahrheit und Dichtung in dem erzählten Abenteuer. „Biefteicht", sagte einer der Herrn, ein Forstmeister, „vielleicht bin ich imstande, gerade was die Hauptfrage betrifft, einiges Licht in den Zusammenhang zu bringen. Es hatten, ungefähr vor dreißig Jahren, wirklich Aachgrabungen bei jenem Schlößchen statt. Ein alter Förster meines Schwagers, der in der Rähe dort begütert ist, erzählte viel davon. Man fand einen langen, gewölbten, teilweise noch gut erhaltenen Gang. Er zog sich unterirdisch noch eine Strecke in den Wald hinein, wo er in eine wild«, fast unzugängliche Bergschlucht auslief. An feinem andern Ende, vermutlich in der Richtung nach der Burg, wo er etwa nur eingestürzt war, entdeckte man verschiedene zum Teil kostbare Gegenstände, die schwerlich anders als durch Raub dahingekommen sein konnten. Der berüchtigte Faligan, der sich bekanntlich im Spessart und im Odenwald lange umhertrieb und sein Leben in einem Gefecht mit streifenden Dauern durch einen Büchsenschuß verlor, soll an mehreren Orten solche geheime Riederlagen hinterlassen haben. Auch im gedachten Falle führten gewisse Spuren auf ihn zurück. Run war er selbst zwar zu der Zeit, in die Herrn Arbogasts Beraubung fiele, schon längst tot, allein was hindert uns anzunehmen, daß in der Zwischenzeit ein ähnliches Genie das Loch entdeckt, den Vorgefundenen Schatz auf gleiche Art vermehrt und endlich auch Herrn Arbogasts ■ Felleisen so glücklich operiert haben möge?“ Indes nun die Gesellschaft sich hierüber stritt, war der Hofrat still hinausgegangen, kam aber sehr bald wieder und sah sich rings im Saale um. Man fragte, was er suche. „Ich suche meine Frau", versetzte er, „die ich schon längst im tiefsten Schlaf begraben glaubte. Ihr Bett ist noch unberührt." „Das sieht bedenklich aus!" sagte Kornelie, „wenn man sie Ihnen nur nicht entführte, Herr Hosrat! Sagt nicht Ähr Schatzkästlein etwas dergleichen?" Eine bekannte, angenehme Stimme sprach hier auf einmal hinter dem Ofen hervor: „Jag nit darnach, mach kein Geschrei, Und allerdings fürsichtig sei." lind sogleich trat zu allgemeinem Jubel Madam Arbogast auS ihrem dunkeln Versteck. Sie dankte ihrem Manne sehr anmutig für alle das Schöne und Gute, das er ihr angedichtet, bestätigte jedoch, dah er im ganzen keineswegs ein Märchen erzählt habe. Als die Gesellschaft nun aufbrach und jedermann fein Licht ergriff, sprach Arbogast noch mtt Komelien und sagte ihr etwas ins Ohr. „Jst's möglich?" rief sie mit Verwunderung, so daß die andern in der Türe stehen blieben. „Wissen Sie auch", fuhr sie, gegen jene gewendet, heraus: „wer der verdächtige Weg- zeiger war auf der Heide? — Der Ritter von Qattoerg! Er wartete auf seinen Öfter enget.“ „Was Teufels!" rief der Oberst. „Run denn — Gutnacht. Herr Ritter! Di« Hähne krähen schon, mich verlangt nach dem Bette!" Verantwortlich: I. V.: Ehrhard Evers. — Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Biehen.