Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, -en 3. November Hummer 88 SteLnUlopfer. Von Hans Franck. Triff, was ich in wunden Händen halte, von der aufgeteilten Erde, Hannner! Morgens bet ich: Mühsal! abends: Jammer! Triff den Stein, der mir geworden! Spalte, was nicht wert ist, sich als ganz zu brüsten! Viel zu lange hat es lau gewittert. Os ist an der Zeit, daß es rings splittert. Unsre Widersacher — woran wüßten Herr sie uns, wem: wir sie nicht zerschlügen? Wähnt ihr Räkelnden in euren Wagen, daß den Sturm ich wie ein rissiges Riff fürchte? Will mir euren Anblick sparen ! Schützt euch nicht mein Strohschirm — bei den Haaren riß ich euch herunter. Hammer, triff! DoftojewfkL und van Gogh. Von Julius Meier-Graefe. Die Lebens- und Leidensgeschichte des großen Menschen und Malers Vincent van Gogh hat Julius Meier- Graefe in einem sich zu höchster Dichtung aufschwingen- den Werk dargestellt, das zunächst in einer großen, teuren, nur wenigen zugänglichen Ausgabe erschienen war. Run wird die lange ersehnte Volksausgabe von „Vinc e n t“ vom Verlag R. Piper u. Eo. in München veröffentlicht. Der Verfasser hat ihr ein neues Vorwort vorangestellt, das eine eindringliche Parallele zwischen Dostojewski und van Gogh enthält. Wir wissen von einem Menschen ohne Aesthetik, der auch solche Worte hatte wie van Gogh und die Fähigkeit besaß, sie auszusprechen. Er lebte noch in der Zeit van Gogh, aber unter anderen Vreiten, sehr weit entfernt von ihm. Mncent hat nicht einmal seinen Flamen gekannt. Dem gleicht er wie der verlorene Sohn seinem Vater. Dieselben Gründe, wo solche Worte wachsen, dieselbe unsinnige Liebe zur Menschheit, die über alles, selbst die eigene Dialektik hinweggeht, dieselbe rauhe Demut, dasselbe ursinnige Christentum. Die Aehnlichkeit ist so überraschend, daß ich einmal allen Ernstes in der holländischen Pastorenfamilie nach Ähnen-Beziehungen zu der Rasse des anderen zu suchen begann. Van Gogh mußte russisches Blut haben. Anders vermochte sich mein Verstand das Vorkommen eines zweiten Christen in unserer Christenheit nicht zu erklären. Auch Dostojewski hat die heilige Glut, die seine Dürftigkeit leuchten macht, aber glüht stärker, von einer reicheren Erde gezeugt, um ein Unendliches größer, mit dem Auge des Sehers begabt. Er sieht die beginnende Vereisung der Welt, die Vincent nie begriffen hat und in seiner noch einfältigeren Demut für seine eigene Häßlichkeit und Schlechtigkeit nahm. Dostojewski erobert sich leidend die Erkenntnis, und nachdem er sie hat, richtet er seine ganze Glut gegen den drohenden Feind und erringt die gewaltige Einheitlichkeit seines Kämpfertums, aus dem wir keine Bilder wegdenken können. Der Dichter nähert sich dem erlösenden Christ, und seine Dichtung wird werktätiges Christentum. Hier gibt es keine Verzichte. Dostojewski hätte nicht, wie Vincent mit letzter Besinnung sagte, lieber Heiligengestalten als Kohlköpfe malen wollen, sondern malte tatsächlich Heilige mit den Zügen von heute. Er erneute die Legende, und mit ihrer Vollendung fällt die letzte Scheidewand zwischen ihm und den anderen, und der Dichter eines Volkes, der Prophet, der Vater eines Volkes, und der Dichter der Gegenwart steht vor uns. Dazu gehört außer der Kraft Dostojewskis noch etwas anderes, das ein Vincent, wenn er sich verhundertfacht hätte, nie erreichen konnte, am wenigsten als Maler. Rußland gehörte dazu. Weil es dergleichen nicht für ihn gibt, daher ider fortwährende, kraftverzehrende Berufswechsel, daher das Drama. Dostojewski bleibt immer in demselben Beruf, und der Beruf rückt ihm nicht näher als er erlaubt. Vor allem Russe, dann erst Dichter. Die vollendete Dichtung ist vollendetes Russentum. In jedem Augenblick ist er bereit, den Roman hinzuwerfen, nicht um das Schreiben aufzugeben — nie denkt er daran — sondern um eine andere Schriststellerei, die schneller zum Volke führt, Journalistentum, Zeitungsmache, Korrespondenz zu treiben. L’art pour l’art? Rur der verfaulte Westen kann solche Formeln ersinnen. Allenfalls Hütte den ehrgeizigen Jungen solche Doktrin gelockt. Sehr bald schmilzt seine durch Erlebiris vergrößerte Glut das Glashaus abstrakten Künstlertums, und die Eigensucht weicht der Demut des Helfers. Je weiter Dostojewski sortschreitet, desto mehr Tendenz nimmt er auf. Ganze Romane werden der Tendenz geopfert. Immer, selbst in den reifsten, bleibt ein volkstümliches Stück Handlung, dieses Gerippe aus Hintertreppe und Film, das jeden Leser, ob hoch oder niedrig, umklammert. Und erst wenn der Leser gepackt ist, füllt er ihn mit unerhörter Dichtung. Die Tendenz verlangt schließlich solchen .Umfang, daß sie in das All- menschliche, das Allkünstlerische übergeht. Vincent wird den entgegengesetzten Weg getrieben. Wenn er endlich nach allen Jrrgängen zur Kunst kommt, umschlingt er sie mit dem krampfhaften Griff des Schiffbrüchigen um die treibende Planke. Alles, was ihm versagt wurde, Lehren, Priesterbestuf, Vaterhaus, Liebe zu Frau un6 Kind, Freundschaft, Bruderschaft, alles bürgerliche und geistige Dasein, Alltag, Festtag, alles steckt in der treibenden Plamke. Roch wehrt er sich gegen naheliegende Folgen des Berufes und verbietet sich die Kritik der Malerei von Künstlern, deren Gefühle zu ihm sprechen. Er geht noch weiter als der andere und verehrt oft Genossen der bescheidensten Art. Er kämpft gegen die Abstraktion, gewinnt die denkbar einfachste Form der Malerei und bildet sich ein, sie könne Armen und Einfältigen zugänglich werden. Die Angst um die fliehende Zeit reißt ihn Hin, und die Krankheit droht. Die Kunst ist der letzte Hort gegen das Unheil. Da hört die Malerei auf, Mitte! zu sein. Da werden Bilder zu Schreien, die man mit letzter Kraft melodisch machen möchte. Da wird Kunst nicht Weg zu Gott, sondern Gott selbst. L’art pour l’art. Richt Menschenschicksale, sondern Geschicke von Kulturen stehen hier einander gegenüber. Die Breiten-Differenz bedeutet nicht viel. Man kann sich den vaterlandsfrohen Russen als Vorgänger des vaterlandslosen Holländers denken, der zum tanzenden Punkt im Chaos wurde, und alles andere folgt von selbst. Außer diesem einen Unterschied gleicht sich das übrige in dem Leben beider. Dostojewski hat Vincents Los voraus- gesehen, und Vincent hat von Dostojewskis Schicksal entscheidende Seiten erlebt. Zusammen! ist das glühende Verlangen beider. Mensch, laß mich zu dir! Mag ich schlecht und häßlich, magst du klein und dumm sein, umarme mich, laß mich dich umfangen! Ist unsere Hingabe vollkommen, mutz sie zu einer Wiedergeburt führen. Vincent wirbt um drei Frauen, die er liebt ober zu lieben glaubt. Auch Dostojewski hat um drei Frauen geworben und ist mit zweien beispiellos unglücklich gewesen. Mit der dritten, die unverhältnismäßig jünger als er war, hat es bis an sein Ende eine ideale Ehe geführt. Vincent war in einem finsteren Augenblick seines Daseins, als alle bürgerlichen Möglichkeiten erschöpft waren, genötigt, sich die dritte von der Straße zu holen, gleich dem Mörder Raskolnikoff, dem die Reinheit einer Dirne aufging. Sonja gab dem Mörder das Zusammen und führte ihn zur Auferstehung. Die Dritte Vincents gab ihm ihre .Unreinheit und machte ihn krank. Seitdem verzichtete et auf die Ehe. Dostojewski, dessen verhaßter Vater von aufgebrachten Leibeigenen getötet wurde, hätte der Vater sein können, nach dem den Pastvrenfohn verlmrgt. Hier, nur hier, nicht in dem protestantischen Pfarrhaus, gab es die Atmosphäre, die der Rastlose suchte. Gr kam so gut wie der andere in fein Sibirien. War seine Katorga weniger furchtbar als das Zuchthaus in Omsk? — Es fiel dem Rusten nicht leicht, Ketten zu tragen und mit dem Mordgesindel, mit dem man ihn einsperrte, fertig zu tverden. Wenn aber Mncent die Memoiren aus seinem Totenhaus ge- schrieben hätte, würde man Omsk für einen Luftkurort halten. Mit dem Mordgesindel gab es immer noch zu dikutieren, und ein Dostojewski lernte eS. Es gehörte nicht einmal Genie dazu. Rach und nach entdeckt man Menschen unter den Kettenbrüdern, womöglich Kinder. Und wäre es nur die Kette, schon gäbe es Verbindung. Eines Tages entdeckt man fein Volk in der Katorga, und der Fund stählt Leib und Seele, entflammt den Entdecker. In der Katorga Vincents hausten Verrückte, und das einzig mögliche Zusammen mit ihnen war die Umnachtung des Tiers. ' Dies der Unterschied. Die beiden Katorgas bestimmen genau die Schicksale der beiden Verschwörer, den unpersönlichen Unterschied zwischen Ost und West. Rur hier scheiden sie sich. Alles andere, zum Beispiel, daß den Russen epileptische Anfälle zwangen, sich einzurichten, daß Vincent mit einer etwas weitergehenden Krankheit zu rechnen hatte, das bedeutet nicht viel. 2tber der Unterschied zwischen den anderen, die sie umgaben. Grauenhafter Unterschied! Man zögert, das Unpersönliche des Gedankens zu Ende zu denken. Sie regen sich doch noch bei Dostojewski, die — 350 — Hannibals Abschied von Italien. Von Friedrich Freksa. ■Um die -Zeit, da die Sonne am höchsten stand, langten Gisko nnd Bomilkar, die Gesandten Karthagos, im Feldlager Hannibals an, das sich auf der Halbinsel Bruttium am südlichen Ufer des Sabatus befand- Voll Staunen steckten die beiden Greise ihre mit weißen Binden umwundenen Häupter aus den Sänften und betrachteteil die Bewohner der -Zelte und Baracken, die sich neugierig in die Lagergassen drängten, um den großen Zug von Reitern in silbernen Rüstungen, nackten, mit Goldringen geschmückten Schnelläufern und schwarzen Wedelträgern anzustarren- Die Lagerbewohner waren Krieger mit breiter Brust und verbrannter Haut, so daß es schwer war, den Europäer vom Numider und Aethopier zu unterscheiden- Auch waren die Haare dieser narbenzerrissenen Männer zumeist schon grau und nur am Schnurrbart unterschied man den Gallier von den griechischen Söldnern. Denn die Bewaffnung war gleich: fast alle trugen sie die in blutiger Schlacht eroberten Panzer römischer Legionäre, die aus daumenstarken Kupferringen geschmiedet waren. Das waren die Veteranen, die sechzehn Jahre lang der Schrecken Italiens gewesen waren. Alle Strapazen des Krieges hatten sie überdauert, denn sie waren die Gewaltigsten jenes unüberwindlichen Heeres, das am Trasimenus und bei Cannae hunderttausend römische Krieger vernichtete. In diesem Feldlager herrschte nicht das laute, sorglose Treiben, wie es sich sonst in den Heeren von Soldtruppen findet. Zu lang war die Gewohnheit des Krieges geworden, zu viele Schlachten hatten diese Männerhaufen zusammengeschweißt. Sie redeten zueinander in den rauhen Tönen einer Lagersprache, die sich aus allen Idiomen der Mittelmeerküsten zusammensetzte, aus Griechisch, Iberisch, Panisch, Gallisch, Rumidisch. Ausdrucksvolle Gebärden vermittelten fehlende Worte. Der üührer der Gesandtschaft, ein weißköpfiger Numiderhäuptling, mit dünnem, großem Barte und einem Körper, der aus blauem Stahl geschmiedet schien, zeigte den beiden Karthagern den Markt oer rn der Mitte des Lagers lag. Zur Rechten waren die Deutestucke aufgestapelt, befanden sich die Zelte der Sklavinnen, zur Linken wurden Korn, Fleisch und Früchte feilgehalten. Gisko und Bomilkar staunten, als sie sahen, wie wenig Manner diese gewaltigen Schätze bewachten. Der Rumiderhäupt- ling erllärte ihnen, daß Gold und Silber geringen Wert in den Augen der Krieger hätten, die diesen Tand bei jedem Sturme in Hülle und Fülle eroberten. Eine Gruppe von Söldnern, die bis zum Gürtel nackt waren, und deren Leiber von Muskeln strotzten, drängten sich herzu. In dem rauhen, wilden Idiome der Heeressprache machten sie Bemerkungen, über die sie ein wildes Gelächter anschlugen. Die beiden Greise zogen die Köpfe hinter die Vorhänge der Sänften zurück. Doch bei den Zelten der Sklavinnen ließen sie abermals Halt inachen, denn selten hatten sie eine so große Menge schöner Weiber gesehen. Müßig lagen oder standen sie uncher, alle nackt und nur mit Blumen geschmückt. Hinter ihnen waren die mit Zelten bedeckten Wagen aufgefahren. Der Platz, auf dem sie sich aufhielten, war gegen die Sonne geschützt. io daß sie ihre Helle Haut behielten. Der Rumiderhäuptling erWrte: „Da der Besitz so vieler schöner Weiber zu Streit, Mord und Tücke führt, so erließ der Feldherr den Befehl, daß jedes Weib, das gefangen würde, der Zustimmung von zehn Kriegern bedürfe, um im Lager zu bleiben. Die anderen werden verkauft oder meöergehauen. Was aber die Weiber des Lagers angeht, so muh ein jeder Soldat, der eine begehrt, sie gleichsam vom Eunuchen, unter dessen Hand sich die Weiber befinden, zu einem für alle gleichen Preise kaufen. Wird ein Krieger seines Weibes satt, so gibt er sie wieder in die Hände des Obereunuchen zurück. Doch ist es verboten, sie in die Zelte der Rkänner zu führen, niemals dürfen sie ihren Platz verlassen. Rach drei Jahren aber, während denen sie im Lager gewesen, .wird über jede wieder Abstimmung gehalten, und nur, wenn sie wieder zehn Sttmmen gefunden, darf sie bleiben. So nahm der Hst^er ein Ende, der das Lager zu verwüsten drohte, ’öenrt schmählich empfindet es der Krieger, ein Weib zu lieben, das unter so vielen nicht zehn gewinnt, die es begehren." »Als wäre aus dem Samen des Kriegers ein neues Volk st» erscheint mir dieses Lager," sagte Boinilkar leise *u ®l¥£- Dieser senkte feinen alten Kopf schwer zum Zeichen der Deistlmmung. „ .Durch eine Reihe von kostbaren Zelten, die mit Purpur und Gold geschmückt waren, gelangten sie endlich! zu einem kleinen einfachen Zelt, dessen Gestalt kreisrund war. Das Tuch war aus der fernsten Kamelhaarwolle gesponnen. Es glich denr Zelte ernes der großen aftikanischen Häuptlinge des Atlas. _. Dfi beiden Genannten ließen sich aus den Sänften heben. Ein Sklave eilte, sie anzumelden, kam aber mit der Nachricht zuruck, daß der Gebieter schlafe. - Der Rumiderhäuptling kraute feinen dünnen Bart und meinte^ die Hitze Ware groß. Nichts auf dem Felde und auf der römischen Selle regte sich. Alle Krieger wachten. Das wäre die Gelegenheit, so sich der Feldherr Ruhe nähme. Und- die Gesandten sollten das ehren uiid warten. , Disko schüttelte seinen mächtigen greifen Kopf und Beftanö darauf: „Im Augenblick müssen wir ihn sprechen!" k«ner der Sklaven oder Krieger Miene machte, schlug er^ selbst die Zelttur auf und trat, Bomilkar nach sich ziehend, 0 «lte ??U12 toar ansefüllt mit Beute und Rüst stücken. Sn der Ecke befand sich ein kleines Schlissen und davor ein kleiner, ein Fuß hoher Tisch mit den Resten eines kargen Mahles: Oliven, gebratene Rüben und ein Stück gedörrter Fisch regelmäßige Atemzüge drangen aus dem Rebenraum. Gisko hob die Zeltwanö zurück und sah den Feldherrn zusammen- gekauert imt untergeschlagensn Deinen auf einem Kissen hocken. Sn die rechte Hand hatte er das Haupt gestützt, der rechte Ellenbogen ruhte auf dem Schenkel, während die linke Hand in den langen, schwarzen Bart gewühlt war, den schon zahlreiche Silberfaden durchzogen. Gestalt und Gesicht waren von dem Weichen, Weißen, numidischen Reitermantel völlig verhüllt. ...Aber sobald die beiden das Zelt Betraten, hörten die reget» mäßigen Atemzüge auf, und sie sahen, daß sich das Auge, von dem der schützende Mantelzipfel gefallen war, auf fie richtete. war ein so grauenvoller Blick, baß die beiden Gesandten erbebten. Ockergelb war der Augapfel, die Iris aber bestand aus einer gleichmäßig graublauen Masse, die unbeweglich- und starr war wie Schiefer. Plötzlich sank bas Manteltuch von der anderen- Seite des Gesichtes herab, das grauenvolle Auge wandte sich ab und den belden Besuchern bot sich das edelste Profil. Ein schwarzes, kluges Auge sah sie forschend mit Harem Blicke an. Ernst und gewaltig war der Anblick dieser Gesichtshälfte mit den mageren Backen, der hohen Stirn und dem vom Eisenhelme kahl genebenen Schädel. Richts von der Starrheit der anderen toten Gesichtshälfte war zu spüren. Mit gleichmütiger Stimme, in der aber Kälte und Abneigung zu hören waren, begann Hannibal also: „Ich erkenne euch beide, Gisko und Bomilkar! Seid gegrüßt! Warum schicken euch die Suffeten zu mir? Habe ich euch nicht genug erbeutete goldene Fingerringe von toten römischen Rittern gesandt? Wieviel Scheffel waren es doch? Oder seid ihr gekommen, um mir zu sagen, daß die reichste Stadt des Erdkreises zu arm sei, mir die erbetenen dreißig Elefanten und zwanzigtausend Söldner zusenden? Oder wollt ihr meinen Rat befragen, wie das Volk zu besteuern sei, während-die Reichen, die Suffeten eure Sippen, möglichst steuerfrei bleiben? Sagt also schnell an Gisko und Bomilkar, weshalb habt ihr euch aus Karthago her- gemacht? Es ist besser, daß ihr bald wieder von hier scheidet, denn die Luft des Lagers ist rauh und meine Krieger sind karthagischen Senatoren, die sie oft genug darben ließen, nicht wohl gesinnt." t Die beiden Gesandten senkten ihre grauen Köpfe. Endlich Begann Gisko: „Nicht unsere Schuld ist es, daß dieser Krieg so lange dauert. Du selbst hast ihn begonnen, du brachest den Frieden, als du ld.en Ebro überschritten, als du die Waffen von Spanien durch Gallien gen Rom trügest! Nicht unser Krieg ist JMMMtat, tagen sich gewältig. Die Kerzen erloschen aus Wangel an Sauerstoff, so drängte sich die Menge um den Kata- faH. Kein Zar wurde so begraben. Solange es Gedemüfigte und Deleidigte und Hoffnung auf Erden gibt, wird man sich um ihn drängen. Um Vincent gähnt die Leere. In feinem Kellerloch grinsen undenkbare Schocken. Da malt man. Zypressen lodern entsetzt zum Himmel. Wolken schreien, von Furien gejagt. Da greift der Maler zrnn Messer. Vincent malt Sonnen und wird wum Mörder. Dostojewski malt Mord, und fein Leben geht in die Sonne. Es ist ja nicht wahr, daß er unglücklich war. Nur verrückte Dialektiker können dergleichen ersinnen. Nie hat es einen Glücklicheren gegeben. Wie hätte er sonst den Gipfel der Dichtung erreicht und wäre bis zum letzten Atemzug gestiegen? Das Glück bricht durch fein Schickfal wie Licht durch purpurnes Glas. Nicht einmal Vincent darf unglücklich genannt werden. Sie starben mit ähnlichen Worten auf den Lippen. Aus Dowojewskis Herzen floß langfam das Blut und düngte die Erde seiner Heimat. Vincent schoß sich eine Kugel in den Leib, und seine Kunst kam ins Museum. Keiner von beiden scheint das Schicksal unserer Welt — wenn davon zu reden erlaubt ist — aufhalten zu können. Auch Dostojewski nicht, der stärkste Kämpfer gegen das Unheil. Das bleibt abzuwarten. Beide haben das Unheil kommen gesehen. Auch Vincent. Die Glut ihres heißen Menschentums ist noch nicht in die Menge gedrungen. Noch ergötzt man sich an ihren Bildern und Geschichten, und die gewaltige Lehre ihrer Schicksale bleibt ungehört. Sie heißt: Zusammen! Und wenn schon das zu eindeutig klingt, so nenne man fie Glut. Wenn es einen Ausweg aus unserer aller Katorga gibt, eins ist sicher: keine wohltemperierte Aesthetik, kein Wissen, fein Verstand wird uns vor der Vereisung retten, eher noch die Wildheit irgendeines Dämons. Nie und zum wenigsten in diesem Augenblick kann Betrachtung die Glut des Erlebnissis ersetzen. Hüten wir uns vor dem Don- wort der Apokalypse, das Dostojewsfi am Schluß seiner „Dämonen "wiederholt: Ich kenne dich und deine Taten, du bist weder falt noch heiß. O, wenn du doch kalt oder heiß wärest! Dieweil du aber nur lau bist und nicht heiß noch kalt, so speie ich dich aus meinem Munde. — SSI - es, öen öu führest, es ist bein eigener Krieg! Anö'vantm war «S Ring, bah öu ihn aus eigenen Mitteln bestrittest!“ »Seid ihr deshalb gekommen, um mir öas zu tagen, ©eaw toten?" rief Hannibal. „Wahrlich, ich bewundere die Geduld, mit der ihr eure Körper hierher trugtI Roch mehr aber eure Kurzsichtigkeit, dah -ihr nie einsehen wollt, Öah zur Zeit, da wir Spanien besahen, und die ungeheuren Völkerschaften Galliens den Romern noch zürnten, ein Krieg Erfolg haben konnte! Denn vir kämpfen nicht um des Ruhmes, um der Beute willen, wir kämpfen darum: entweder sind wir, oder wir sind gewesen! Rom " mw Karthago haben zusammen keinen Platz auf dieser Erde!" „Das hast du immer gesagt und geschrieben wie dein Vater -mvor, denn unersättlich des Krieges seid ihr alle aus dem Hause D?^as!erwiderte Domilkar. „Aber jetzt gilt es anderes, größeres. Du beschwurest diesen Krieg herauf und jetzt hat er fich vvr die Dore Karthagos gewälzt! Zwei Heere sind -uns VMiichtet, des Hasdrubal und der Syphax Heer! Spanien ging mls verloren, darum sind wir gekommen, dich zu Bitten, uns pr helfen! Em leichtes wird es dir ja sein, der öu bei Cannae mw am Trasimenus römische Heere vernichtetest, uns auch von der Pest zu befreien, die dieser Scipio uns brachte. Seinen Vater schlugeft du emst am Ticius mit der Schärfe des Schwertes, daß er starb! Run erlöse uns auch von seiner Brut, die uns bedrängt!" ... Da lachte Hannibal grimmig. Endlich sprang er leicht mit beiöen Fußen zugleich auf, als wäre er ein rüstiger Jüngling, vpch imd schlank war feine Gestalt. Seine Hände zuckten, auf feiner Stirne aber schwollen die Adern mächtig an: „Deshalb Mo seid ihr gekommen! Richt mehr heimlich durch Zögern ruft Hr mich ab aus dem Lande, das mir meine Taten zur anderem böseren Heimat machten, da mich die Muttererde schnöde ver- • — Hhr Narren! Wäre ich in Afrika nötig, wenn ihr mir tot vierzehn wahren, wie ich schrieb, hunderttausend neue Krieger H gesandt hattet?I Damals, als unsere Waffen noch rot waren ' Win Blut bet Cannae, da wäre Rom unser Raub geworden wenn ihr mir geholfen hättet! Aber ihr geiztet! Weh tat es eurem vackel! Doch euch geschieht recht! Rur die Rot läßt euch lernen! — Aber was ruft ihr denn mich? Ist Mago, mein jüngerer Bruder nicht em erfahrener Feldherr? Sollte er nicht einem Scipio I «wachsen fern? Wäre das Blut des Harnilkar schwach geworden lin feinen Adern, wie blasses Weiberblut?" Die Gesandten sahen einander an, husteten, senkten die Köpfe s >md zeigten Scham und Scheu. Endlich begann Gisko: „Wir hatten jjit Mago gesandt, der in Ligurien stand, wie du wohl weißt!" -ift vichi mchr in Ligurien?", fuhr Hannibal auf. : .^ch wollte in Eilmärschen gen Morden mich mit ihm vereinen!" i, VS®8 V* V'11 Eitles Beginnen!", fuhr Bomilkar fort. „Mago empfing eine schwere Wunde im Schenkel und starb auf der Fahrt nach Sardinien, da wir ihn gen Frankreich berufen hatten. So tost du denn unser einziger Schirm und Schild, Hannibal. Keinen j Keldherm als dich hat die Stadt mehr, um dem '©türm der I Feinde Einhalt zu gebieten!" Hannibal fentte die Augenlider und sah zu Boden Von I remster Bildung erschien jetzt das schmale Gesicht mit der hohen adlerartigen Rase. „So Bin ich denn der einzige, der von Öen Söhnen des Hamisiar übrig blieb, ich, den der Vater selbst diesem Krieg nut Rom , weihte durch Opfer und Eidschwur. Wieder sehe ich es vor mir, das Haupt des Hasdrubal, meines Bruders, das mr die Römer sandten, da sie ihn und sein Heer am Metaturus tonud&tet hatten. And auch Mago, der jüngste Bruder, fiel den Gottern dieses Kampfes zum Raube. And ich selbst! Grau bin °Itnb auf dem einen Auge. Verbraucht ist die Summe meines Glückes letzt, wo ich mich zum Enffcheidungskampf mit dem Tod- j feinde messen soll! Das Land meiner Siege muß ich verlassen, .um die Stadt zu retten, die es nicht um mich verdient!" And er toinfte und entließ die Gesandten. i.. A?i Abend aber sammelte Hamiibal sein Heer und übersiel m ?vmer und schlug sie. 3n Eilmärschen zog er alsdann über i toe Halbinsel Bruttium hinüber nach Broton, da lagen seine Schisse. . Soldaten seinen Vorsatz hörten, da schrien sie, keiner wollte Italien verlassen. Jeder habe es mit seinem Blute ge- oungt. Da, wo sie Siege und Ruhm errungen, wollten sie bleiben. Hannibal aber trat unter sie und sagte: „Zu feige sind die j Korner, uns im , eigenen Lande entgegenzutreten. Wie feige Pauern tun sie, die in das Lager des Löwen einbrechen und die iiunge Drut vernichten, wenn die alten Löwen fern sind. Aber wahrlich, Kampfgenossen, wie reißende Löwen wollen wir sie aus «unseren afrikanischen Hohlen vertreiben!" L ®a schlugen die Krieger auf ihre Schilde, riefen Heil und i; bestiegen die Schiffe. «.Dis zuletzt blieb Hannibal am Lande. Reben ihm standen : und Domilkar und mahnten ihn, die Planke zu besteigen, me auf den Fünftuöerer führte. Schon sangen die Seeleute ihre : A^Eeder, schrien die Schiffer ihre Befehle durch lange Rohre, : MEN klirrten, Ankersteine raffelten empor und die italienischen | ibstber der Soldaten weinten und jammerten. hu AENNibal stand und fchaute auf die Höhenzüge des Landes, ii» ^elt tiefblauen Himmel emporstrebten. In der Ferne her äs^En lagen die Schlachffelder, lag feine Feindin, die Stadt -Korner, lagen die unendlichen Alpen, die er überquert. Da siel fein Auge von ungefähr auf eine Klippe von Muschelkalk. die in der Höhe eines Mannes aus dem Boden ragte.' Die Wcher pflegten ihre Rietze daran zu trocknen. Eine 'seltsame Bildung starrte aus dem grünen Block in die Lust, geformt wie die Faust eines Menschen. Hannibal zog fein Schwert heraus und hieb dieses Stück herunter. Schweigend hob er es auf und steckte es zu sich. Verwundert sahen Gisko und Domilkar ihn an. Da sprach Hannibal: „Dieses Stück ist alles, was ich mir von Italien in sechzehnjährigem Kriege unter ungeheuren Mühen und Siegen errang. Schaut an. Groß wie eine Faust ist es!" Dann wies er auf sein Schwert und sagte: „And dennoch ist meine Klinge davon schartig geworden!" , , Danach bestieg er das Schiff, verhüllte sein Angesicht und fuhip Afrika entgegen, wo das Schlachtfeld von Zama feiner Die Richterin. Don Conrad Ferdinand Meher. (Fortsetzung.) Ein blendender Dlitz fuhr über Pratuni weg und dem Höfling wie Feuer durch die Adern. „Warum hast du ihr das Buch weggenommen?" fragte er gereizt. „Weil es für Mädchen nicht taugt," rechtfertigte sich Gnadenreich „Warum nicht?" „Die Schwester im Buche liebt den Bruder." „Ratürlich liebt sie ihn. Was ist da zu suchen?" Graciofus antwortete mit einer Miene des Abscheus: „Sie hebt ihn sündig! sie beehrt ihn." Wulsrin entfärbte sich und wurde totenbleich. „Schweig, Schurke!" fchrie er mit entstellten Zügen, „oder ich schleudere dich über die Mauer!" „Um Gottes Willen," stammelte Graciofus, „was ist dir? Bist du verhext? Wirst öu wahnsinnig?"" Er war von Wulsrin imd dem Buche weggesprungen, in welches dieser mit entsetzten Blicken hineinstarrte. „Ich beschwöre dich, Wulftin, nimm Vernunft an und laß dir sagen: das hat ein heidnischer Poet ersonnen, leichffertig und lügnerisch hat er erfunden, was nicht sein darf, was nicht fein Bann, was unter Christen und Heiden ein Greuel wäre!" „And öu liesest so gemeine Bücher und ergötzest dich an dem Bösen, Schuft?" „Ich lese mit christlichen Augen," verteidigte sich Gnadenreich beleidigt, „zu meiner Warnung und Bewahrung, daß ich den Versucher kenne und nicht unversehens in die Sünde gleite!" Die Hände des Höflings zitterten und krampften sich über dem Blatte. „Dei allen Heiligen, Wulsrin, zerstöre das Buch nicht! Es ist das teuerste des StifteS!" ,,2ns Feuer mit ihm!" schrie der Höfling und weil kein Herd da war als der lodernde des offenen Himmels, riß er das Dlatt in Fetzen und warf sie hoch auf in den wirbelnden Sturm. Es trat eine Stille ein. Graciofus Betrachtete stöhnend das verstümmelte Buch, während Wulftin mit verschlungenen Armen und unheimlichen Augen brütete. So beschlich ihn die zurück- kommende Palma und setzte ihm den leichten von ihr gewundenen Kranz auf das belastete Haupt. Er fuhr zusammen, da er das Geflechte spürte, zerrte es sich ab. riß es entzwei und warf es mit einem Fluche dem vom Laufe erhitzten Mädchen zu Füßen. Da flammten ihr die Augen und sie streckte sich in öie Höhe: „Du Abscheulicher! Tust du mir Jo?“ Zornige Tränen drangen ihr hervor. „Run nehme ich auch den Gnadenreich nicht, dir zuleide!" „Palma," befahl er, „gleich kehrst du nach Hause! Aeber die Alp! Wende dich nicht um! Ich gehe durch die Schlucht! Läufst du mir über öen Weg, so werfe ich dich in öen Strom!" Sie sah ihn jammervoll an. Seine Todesblässe, das gesträubte Haar, das unglückliche Antlitz erfüllten sie mit Angst und Mitleid. Sie machte eine Bewegung gegen ihn, als wollte sie ihm mit beiden Händen die pochenden Schläfen halten. „Hinweg!" rief er und ritz das Schwert aus der Scheide. Da wandte sie sich Er blickte über die Brüstung und sah, wie sie in wildem Laufe durch die Alp eilte. Auch er verließ das Kastell und schlug, von dem nahen Tosen des Stromes geführt, den Weg gegen öie Schlucht ehr, die furchtbarste irr Dätien. Gnadenreich gab ihm kein Geleit. Da er in öen Schlund hinabstieg, wo der Strom wütete, und er im Gestrüppe den Pfad suchte, störte fein Fuß oder der ihm vorleuchtende Wetterstrahl häßliches Rachtgevögel auf und eine pfeifende Fledermaus verwirrte fich in seinem Haare. Er betrat eine Hölle. Aeber der rasenden Flut drehten und krümmten sich ungeheure Gestalten, die der flammende Himmel auseinanderriß und die sich in der Finsternis wieder umarmten. Da war nichts mehr von den sichten Gesetzen und den schönen Matzen der Erde. Das war eine Welt der Wisikür, des Trotzes, der Auflehnung. Gestreckte Arme schleuderten Fels stücke gegen den Himmel. Hier wuchs ein drohendes Haupt aus der Wand, dort hing ein gewaltiger Leib über dem Abgrund. Mitten im toetfjen Gischt lag ein Riese, ließ sich den ganzen Sturz und ~ 352 - Stoß auf die Brust prall«» und brüllte vor Wonne. Wulfrin aber schritt ohne Furcht, denn er fühlte sich wohl unter diesen Gesetzlosen. Auch ihn ergriff die Lust der Empörung, er glitt auf eine wilde Platte, ließ die Füße Überhängen in die Tiefe, dis nach ihm rief und spritzte, und sang und jauchzte mit dem Abgrund. , . , Da traf der starre Blick seines zurückgeworfenen Hauptes auf ein Weib in einer Kutte, das am Wege saß. „Rönne, mos hast du gefrevelt?" fragte er. Sie erwiderte: „Ich bin die Fauftine und habe den Mann vergiftet. -Und du, Herr, was ist deine ^.at? Lackend antwortete er: „Ich begehre die Schwester! Da' entsetzte sich die Mörderin, schlug ein Kreuz über das andere und lief fo geschwind sie konnte. Auch er erstaunte und erschrak vor dem lauten Worte seines Geheimnisses. Es jagte ihn auf und er floh vor sich selbst. Schweres Rollen erschütterte den Grund, als offne er sich, ihn zu verschlingen. Bon senkrechter Wand herab schlug ein mächtiger Block vor ihm nwdev rind sprang mit einem zweiten Satz in die aufspritzende Zlut. Der Himmel schwieg eine Weile und Wulfrin tappte m dunkler Aackt. Da erhellte sich wiederrnn die Schlucht und auf einer über den Abgrund gestürzten Tanne sah er die Schwester mit nackten und sichern Füßen gegen sich wandeln und jetzt lag sie vor ihm und berührte seine Knie. Was habe ich dir getan," weinte sie, „warum fliehst, warum verwünschest du mich? Bruder, Bruder, was habe ich an dir gesündigt? ÄH kann es nicht finden! Siehe, ich mutz drr folgen es ist stärker als ich! Ich lief drüben, da sah ich den Steg. Töte inich lieber! ÄH kann nicht leben, wenn du mich hassest! Tue, wie du gedroht hast!" Er stieß einen Schrei aus, ergriff, schleuderte sie, sah sie im Gewitterlicht gegen den Felsen fahren, taumeln, tasten und ihre Knie unter ihr weichen. Gr neigte sich Über die Zusamrnen- qesunkene Sie regte sich nicht und an der Stirn klebte Blut. Da hob er sie auf mächtigen Armen an seine Brust und schritt ohne zu wissen wohin, das Liebe umfangend, dem Tale zu. Er batte'die Klus hinter sich, da sauste es an ihm vorüber und er erblickte einen Knaben, drr ein scheues Roh zu bändigen suchte. „He, Gabriel," rief er ihm nach, „sage der Richterin, sie rüste den Saal und richte das Mahl! Tausend Fackeln entzündet! Malmort strahle! Ich halte Hochzeit mit der Schwester!" Der Sturm verschlang die rasendeii Worte. Malmort mit seinen Türmen stand schwarz auf dem noch wetterleuchtenden Racht- himmel. , , . , , , Mit seiner Last den Durgpfad emporsteigend, sah er oben Lichter hin- und herrennen. Dann begegnete er der geängstigten Mutter, die ihm halben Weges entgegengeeilt war. „Wulfrin, flehte sie mit ausgestreckten Armen, „wo hast du Palma? „®a nimm sie," sagte er und bot ihr die Leblose. Viertes Kapitel. Da Wulfrin am folgenden Tage erwachte, lag er unter den schwarzschottenden Büscheln einer gewaltigen Arve, wahrend die Matten ringsum schon in der Mittagssonne schimmerten. Er hatte eben noch, den würzigen Waldgeruch einatmend, heiter und glücklich geträumt von dem Wettspiel in einer römischen Ärena und im Speerwurf einen Lorbeerkranz davongetragen. Sein Blut floß ruhig und seine Stirne war hell. Rachdem er gestern Palma der Mutier in die Arme gelegt, war e*- ins Dunkel zurückgewichen. Mit irren Füßen, in ruhelosem Laufe, kreuz und quer, hatte er das Gebiet von Malmort durchjagt, bis weit über Mitternacht hinaus, und war dann im Morgengrauen niedergestürzt und in einen bleiernen Schlaf versunken. Er sand sich auf einer von leichtgeschwungenen Hügeln, umgebenen Wiese, fernab von dem Geläute der Herdglocken, in tiefer Einsamkeit. Rur ein Specht hämmerte und zwei Eichhörner tummelten und neckten sich in der Mitte ihres grünen Bezirkes. Wulfrin rieb sich den Schlummer aus den Augen und schaute ' umher Da entdeckte er über dem Hügelrande die Giebel.und Turmspitzen von Malmort. Er ließ sich auf dem Hange gleiten und sie verschwanden. Allmählich schlich sich das Gestern an ihn heran, er wehrt« es ab, er mißtraute ihm, er wollte, er konnte es nicht glauben. War er nicht der Starke und Freie, der Fröhliche und Zuversichtliche, der dem Feinde ins- Auge sah und das Ärrfal mit dem Schwerte durchschnitt? Was war denn geschehen? Eine rätselhafte Frau hatte ihn übermocht, zu beschwören, was er nicht bezweifelte. Ein Mädchen, das sich in der langen Weile eines Bergschlosses den vollkommensten Bruder ausgesonnen, war ihm zugesprungen und hatte sich närrisch ihm an den Hals gehängt. Sin tückischer Decher ungewohnten Weines, oder das freche Bild einer ausschweifenden Fabel, oder der heiße Hauch des Föhnes oder was er sonst gewesen sein mochte, hatte ihn betört und verstört. .Und was er an den Felsen geschleudert, war nicht die Schwester — wie hätte sie den gähnenden Abgrund überschritten? — sondern irgendein Blendwerk der Gewitternacht. ..Und war es die Schwester und habe ich sie zerschmettert, so bin ich ihrer ledig," trotzte er und zugleich ergriff ihn ein unendliches Mitleid und die inbrünstige Liebe zu dem jungen Leben, das er mißhandelt und vernichtet hatte. Gr sah sie mit Schriftleitung: Dr. Friedr Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen. allen ihren Gebärden, jedes ihrer süßen und unschuldigen Worte nahm Gestalt an, er schaute in ihre seligen Augen und in ihre wehklagendem. Äetzt fühlte er sie, die sich weinend und schmeichelnd mit ihm vereinigte, und wußte, daß sie noch lebte und atmete. „Meine Seele! Blut meiner Adern!" rief er und wieder: „Palma! Palma!" „— alma!“ wiederholte das Echo. „Palma, mein Weib!" Das Echo entsetzte sich und verstummte. Ein tödlicher Schauer durchrieselte sein Mark Sich auf die Rechte stützend, hob er sich von der Erde und langte mit der s Linken nach der blutenden Brust wie auf dem Schlachtfeld«. ' „Es sitzt!" ächzte er. „Äch bin der Schrankenlose, der Heber tretet, der Verdammte! Äch muh sterben, damit die Schwester lebe! Doch womit habe ich den Himmel beleidigt! wodurch habe ich di« Hölle gelockt?" Rasch überfann er sein Leben, er fand darin keinen Makel, nur läßlichen Fehl. „Run, wen's trifft, den trifft's! Äch habe eben das schlimme Los aus dem Helme gezogen ff und verwundere mich nicht, kenne ich ja die Grausamkeiten der Walstatt. Es geht vorüber!" Da schien ihm berat doch das Dasein ein Gut, so leicht er es sonst wertete, jetzt da er, ob auch unter grimmigen Schrecken, feinen tiefsten Reiz und seine geheimste Lieblichkeit gekostet hatte. Er hob die starken Hände vor das Angesicht und schluchzte... Mählich verlängerten sich die Schatten und es wurde still über der Wiese. Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter, Ohne das Haupt zu wenden, sagte er: „Äch komme," und wollte sich erheben, denn er wußte, es war der Tod, der zu ihm trat, um ihn an den jähesten Abgrund zu führen. „Bleibe, Wulfrin!" sprach weich die Stimme der Richterm, „ich setze mich zu dir," und Frau Stemma ließ sich neben ihn auf das Moos gleiten in einem weiten langen Gewände, das selbst die Spitzen der Füße verhüllt«. „Berühre mich nicht!" schrie er und warf sich zurück. „Äch bin ein .Unseliger!" / „Äch suchte dich lange," sagte sie. „Warum bliebest du ferne? Dir ist bange für Palma? Die wurde nur leicht verwundet, hat ' aber in tiefer Ohnmacht gelegen. Erwachend hat sie erzählt, wie euch gestern das Gewitter in der Schlucht überraschte, wie sie glitt und die Besinnung verlor. Auf deinen Armen hast du | sie getragen." B Wulfrin blieb stumm. „Oder redete sie unwahr und du warfest sie an den seifen, | um sie zu zerschmettern?" Er nickte. Sie schwieg eine Weile, bann hob sie di« Hand und berührte wiederum seine Schulter. „Wulfrin, du hassest deine Schwester oder — du liebst sie!" Sie fühlte, wie der Höfling vom Wirbel zur Zehe zitterte. „Es ist entsetzlich," stöhnte er. .. „Es ist entsetzlich," sagte sie, „aber unerklärlich ist es sucht. Ähr seid ferne voneinander erwachsen, wurdet eurer Angesichter , und Gestalten nicht gewöhnt, und so wäret ihr euch frisch und | neu da ihr euch fandet, wie ein fremder Wann und ein fremdes Weib. Mutig! Rufe und rufe es d-'"-n Gedanken und ©innen zu: Palmi und W I rin sind eine3 Blutes Sit w rdm s laudrm ; und erkalten und nicht länger die hi.. Bische Flamme der Ge° : schwisterliebe verwechseln mit dem schöpferischen Feuer der Erde. Er antwortete nicht, kaum daß er ihre Worte gehört hatte, j sondern murmelte zärtlich: „Warum hast du sie Palma novella getauft? Das ist ein gar seltsamer und schöner Aame! Stemma erwiderte: „Ich habe sie die junge Palme genannt, weil sie aus dem Schutte das Grabes frisch und freudig auf» sprießt und, bei meinem Leben! wer an dem schlanken Stamme frevelt, den richt« und töte ich! Roch ist Palma unschuldig. Deine rasende Flamme hat ihr nicht ein Härchen der Wimper, nicht den äußersten Saum des Kleides versengt.. älnglücklicher, wie ist ein solches Leiden über dich gekommen?" Wie eine Seuche, die aus dem Boden dampft! Aber mein Schutzengel warnte mich vor Malmort. Da du mich riefest, verschloß ich das Ohr. Ich bog ab und fiel in die Hände der Som» Barben. Warum hast du den Pfeil des Witigis gehemmt?' Gr starrte vor sich nieder. Dann schrie er verzweifelnd auf und ergriff und preßte den Arm der Richterin, die finstern Augen fest auf das ruhige Antlitz heftend: „Bei dem Haupte Gottes — „Bei dem Haupte Palmas," sagte sie. — „ist sie meine Schwester?" „Wie sonst? Äck weiß es nicht anders. Was denkst du btt? Dann ist mein Haupt verwirkt und jeder meiner Atemzüge eine Sünde!" Er sprang auf, während sie ihn mit nervigen Armen umschlang, so daß er sie mit sich emporzog. „Wohin,' Wulfrin? Än eine Tiefe? Rein, du darfst diesen starken Leib und dieses tapfere Herz nicht zerstören! Rimm dein Roß und reite! Reite zu deinem Kaiser! Mische dich unter beute I Waffenbrüder Gin paar Tagritte und du bist gesundet und blickst j| fo frei wie die andern!" . j! „Das geht nicht." sagte er jammervoll. „Wir leiden mA den geringsten Makel in unserer Schar und ich sollt« verräterstch die Schande unter uns verstecken?" lFortsetzung folgt.)