Gießener jamilienblätter NnterhalLmgsbeUage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1925 Samstag, den 3. Oktober Nummer 79 Gruß an den Thüringer Wald. Von Friedrich Lienhard.') Du vielgloüige Rinderherde im Tal der wilden Gera, durch den Abend läutend wie die Wasser jenes rasche» Wildbachs, in dem wir so ost und lustig gewatet! Ihr Klänge der Elfenlieder, in amnutigem Neckspiel in mir nachhallend, als wäre der Wind dm Thüringer Wald entlanggelaufen und hätte holdselige Erinnerungm aufgescheucht und zusammengetrieben zu melodischem Lerdengeläut! ... Ihr Nebelgestalten, weißgrau anrauchend an dm Venetanerstein, auf dem die Löhenwanderer Rast hieltm, verwundert Hinausschaumd in die kochende, dampfende, wogende Tiefe, aus der sich kreisende Schatten erzeugten, emporwirbelten, auflösten: — Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide, Leinrich von Ofter- dmgen, — Boten und Läufer des Rennstieges, — Landgrafen der Wartburg, braunwangige Ritterstaum, — singende Knappen, Federfilzhut auf leichtsinnigem Lockenkopf! ... Ihr lehtm verwittertm Himbeersträucher cun Rmnstieg, dm wir entlang zogen mit nassem Schuhwerk und überttopstem Loden- mantel, mutterseelenallein wir zwei auf deinm Kuppm entlang, von Nord nach Südm, von Ruhlas Landgrafenschmiede bis zur Luther- feste Koburg! O Thüringer Wald, schön zu durchfingen im sommerlichm Blau deiner Gebirgskämme, schöner noch im Nebelrauch und Blätterfall und Rauhreff eines königlich-einsamm Lerbstesl Sei mir gegrüßt, geheimnisvoller, wildschöner, unerschöpflicher Wald! Friedrich Lienhard. Zum 60. Geburtstage am 4. Oktober. Von Franz Alfons Gayda. Als Friedrich Lienhard 8m 4. Oktober 1865 in der Waldverlorenheit der Vogesen im dörflichen Idyll Rothbach im Elsaß den glaubensstarken, wahrhaft gottesfürchtige« Eltern — der Vater war ein trefflicher, charakterfester Dorfschuuehrer von jenem „guten alten Schlag" — als erstes Kind geboren wurde, war es natürlich, daß der Iiingling ein Geistlicher werdm sollte. Der Friede der Landschaft, des umgebenden Lebens, die echte Religiosität in der Familie und eigene innerliche Seelenstinunung wirkten zusammm, um diesen Beruf als verehrungswürdig und gegeben zu erachtm. And wen» die poetischen Neigungen den Studentm der Theologie nach schweren inneren und äußeren Kämpfen schließlich doch überwindm sollten, so blieb dmnoch im gesamten Lebenswerk des Dichters und Dmkers ein hier mehr, dort stark ausgeprägter religiöser Ton als Träger der Lebensmelodie. Der Dichter selbst hat dieser Wesenheit seines Schaffens oft Ausdruck gegeben, wie er sich auch als Priester am Wort, an der Seele, am Volks- und Menschmtum von Anfang empfunden hat. Als Priester auch der unsichtbaren Kirche Gottes und Christi. In seltenem Maße erfüllt sich an ihm das tiefe Wort eines ähnlich gearteten Schaffenden unserer Zett (Paul Steinmüller): Alles war Beruf, das Löchste aber ist Sendung. Zu dem Bewußtsein seiner Sendung, in den Besitz seines eigenen Tones gelangte LieWard durch den Zusammenprall mit dem in Berlin airbrechenden Naturalismus der neunziger Jahre. Die bloße Zivilisationskultur, der immer mehr herrschende Materialismus und dre Mechanisierung des Lebens im 19. Jahrhundert: das alles fand in diesem Naturallsmus den vollendeten künstlerischen Ausdruck. And der Zusainmenstoß des in Berlin als Sauslehrer tätigen jungen Drchters mit diesem Zeitgeist war umso heftiger und entscheidender, als er an Ort und Stelle erfolgte, und als sich hier zwei unversöhnliche, wesensfremde Clemente trafen: Leimat, Wald und Berge, Naturverwurzelung, Sage und Märchen, Sehnsucht >md Geschichte, Vaterland und ^,rad»tton, tiefe erlebte und gestaltete christliche Religiosität —- mtt der hermatlosen, steinernen und naturfremden Großstadt, wurzellosen internationalen Sttömungen aller Art, mtt der Nüchternheit der Zahl, des absoluten Kampfes um das tägliche Brot, mit den politrschen und sozialen, antinationalen Sttömungen, mtt emem Gerste, der letzten Endes unfruchtbar, weil negativ-kritisch war. Aber dieser Kampf gab dem suchende» unb ringende« Dichter Plötzlich alles: Ziel und Weg und die Erkenntnis der Mittel zu jenem Kampf um die Durchsetzung, Verbreitung und Geltung des deutsche» Idealismus, den Friedrich Lienhard erfolgreich bis auf den heutige« Tag geführt hat. lieber die Kunst das Leben, und höher als die Seele — auf diesem wesentlich deuffchen Erkenntnisgrunde touf Lienhard sein in Gefühl und Forrn selten reines, wenn m der Form auch oft etwas konventionelles, harmonisches Lebenswerk. Die offizielle Kritik, vorzugsweise Berliner Richtung, hat fast durchweg eine ’) Aus dem Thüringer Tagebuch, (Greiner & Pfeiffer, Stuttgart.) negativ-kritische Stellung zum Schaffen Lienhards eingenommen und so fft dieser Tag des 60. Geburtstages des Dichters ein besonders gegebener Anlaß, öffentllch sestzustellen, daß diese Kritik von einem gänzlich falschen und gerade hier unzutteffenden Standpuntt ausgegangen ist. Lieber die einzelnen Leistungen und künstlerischen Schwächen eines Schiller hinweg bleibt das ungeheure geistige Feuer, das aufteißend«, hinreißende und ewigkeitsdurchwehte gewaltige Ethos dieser einmaligen Persönlichkeit rmvergängliches Erlebnis der ganzen Menschheit. Größer als der Künstler Schiller, größer als die Kunstvollendung der einzelnen Werke — war die göttliche Sendung, war die ethische Vollendung im geistigen Menschen Schiller. Aeber die Äunft das Leben! So hätte die Kritik bei Lienhard schauen müssen auf das werkschaffende Element: das Ethos hätte erst nachgehen müssen dem Willen dieses Kunstschaffens und von dem so gewonnenen Standpuntt aus die Leistung bewerten müssen. Bet Lienhard steht die Kunst im Bunde mit der Religion, mehr noch, mit dem deutschen Genius. And die Formen der Kunst sind ihm zumeistAusdrucksmittel für den deuffchenIdealismus, den er zwar nicht neuschaffend fortftihren konnte, aber in dessen Geist er seiner Generation und den kommenden deutsch- bewußten Generationen zahlreiche künstlerisch und menschlich wertvolle Gaben schenken konnte. Seine besonders erfolgreichen Romane: „Oberlin", „Der Spielmann", der elsässische Roman „Wefl- mark", die tu der Leintat- und Volkskunde-Bewegung führenden Wanderbücher „Wasgaufahrten" und „Thüringer Tagebuch" werden durch die bedeutsamen mtt» bildenden Werke „Wege nach Weimar" und „Der Meister der Menschheit" in dem Ziel der Beseelung, Verinnerlichung und Erstarkung im deutschen Gedanken glücklich und weithin wirksam ergänzt. In den Gedichten, die unter dem Titel „Lebensfrucht" gesammelt erschienen sind, finden sich reife, künstlerisch vollendete und wundervoll beschwingte Verse — Lieder, die in der deutschen Jugendbewegung Seimattecht gewonnen haben. Aber auch der Dramatiker Lienhard schuf Werke von künstlerischer Kraft und geistiger Fülle, deren Bühnenleben ihre Bühnensicherheit unbedingt offenbaren würde — allen voran seien hier fünf besonders abgerundete Leistungen vernrertt: Odysseus auf Ithaka, Wieland der Schmied, Leinrich von Ofterdingen, Till Enlen- spiegel und Münchhausen. Innerhalb der literarffchen und künstlerischen „Richtungen" und „Bewegungen" der letzten Jahrzehnte steht Lienhards Werk auf besonderem Platz, erlangte es die Geltung als Sitter, Bewahrer und Mehrer „des Reiches", schuf es an der notwendigsten deutschen Aufgabe dieser notvollen Zett: an der deutschen Seele. Aeber die literan- schen Kämpfe und Wertungen hinaus bildete sein Schaffen und Wirken (auch als Lerausgeber der bedeutenden deutschen Kulturzeitschrift „Der Türmer") eine große Gemeinde vorzüglich jener Deutschen, die in bester deutscher Aeberlieferuna wurzem und gegen den mörderischen Zeitgeist jene Kräfte und Säfte suchen, die immer wieder aus dem Geffte des deuffchen Idealismus strömten und einzig fähig sind, Deutschland den Deutschen wiederzugewinnen. So überwand das lebendige und lebengestaltende Element, wie bei jeder echten und bedeutenden Persönlichkeit, die verstandesmäßige und oft voreingenommene Kritik. Aber geistige Führer vom Range eines Lienhard besitzen wir nicht allzu zahlreich — darum ist zu wünschen, daß sein Schaffen immer weitere Volkstteffe ergreift, daß sein gesundes, schöpferisches Echos immer mehr lebendig werde in Laus und Familie, in der Jugend und im öffentlichen Leben. Vorzugsweise der deuffchen Familie kann sein Werk wertvolle Kräfte geben, während ein Teil der deutschen Jugendbewegung schon lange Lienhard als ihren Meister und Führer ins seelische Gebiet, zur Kraft der Sülle, zum Glauben an das Licht und die Größe, gefolgt ist. Der Dichter, der das Wort von der Notwendigkeit der Reichsbeseelmtg geprägt hat, ist auch ein starker Seifer dieser Aufgabe geworden. Zu den großen ethischen Anregern Lerder und Leinrich von Stein, Carchle und Emerson dürfen tote auch Friedrich Lienhard stellen, der aber noch ein bedeutendes Mehr »nitvringt kn der ost wundervollen poetischer» Durchdringung, in der phllosophischen und geschichtliche» Durchbildung, in der Vielsatt der künstlerischen mü> schriftstellerisch«« Ausdrucksmittel für seine edlen Absichten. Die Sttahlungskrast seines Schaffens wird »och lange wirksam sein, sei» Kampf um die Erfüllung der deuffchen Mensche« mit den beiden einzigen Kräfte«: Geist und Gemüt wird Früchte ttage» — wie er bisher geholfen hat, die Macht des Naturalismus zu schwäche» »mb den Weg für den ausbrechenden Neutdeallslnus zu bereitem Die „Gesammelten Werke", die soeben in einzelnen Reihen in würdiger Ausstattung zu erscheinen beginnen geben einen tunfassenden Einblick in die vielgestaltige, hochgessimmte, heldische Geistesnrelt eines Dichters und Ethikers, den tote ehren sollten durch Anteilnahme, durch Verbreitung von Werk und Idee. Das Leben fragt nicht nach den verstandesmäßigen und papierenen Maßstäben nörgelnder und — 315 - Die Dritte. Eime heitere Erzählung aus dem Künstlerleben. Von Heinrich Gienliewicz. (Fortsetzung.) Wenn ich wenigstens ihren Schatten durch das Fenster erblickt hätte, wäre ich beruhigt, so aber ergreift mich von neuem die Wut. Was ich mit diesem Ofirzynskt bei der ersten Begegnung machen werde, weiß ich noch nicht. Zum Glück ist er ein Mensch, der sich der Verantwortung nicht entzieh«: wird. Aber an weichem Punkte soll ich ihn anfaffen? Der Artikel ist wahrlich höllisch geschickt verfaßt. Ostrzynski leugnet ja, daß der Larfner ein verkleiderte Maler gewesen sei, er nimmt scheinbar Eva in Schutz, und verrät das ganze Geheimnis an Lelena. Augenscheinlich ist er bestrebt, Eva in den Augen Selenas zu kompromittieren, zugleich rächt er sich an mir wegen Kazia und macht mich überdies noch lächerlich. * , „ _ . ,. Sätte er doch wenigstens nicht auch gesagt, mein Verstand sei M Z I . j £ f» t 8 Nun ist es geschehen ... In Selenas Augen bin ich lächerlich gemacht. Denn sie liest den „Papierdrachen". Achl welch eine Geschichte und welch ein Verdruß für Eva! Wie muß dieser Ostrzynski triumphieren! Es muß entschieden was getan werden, aber ich will Reporter des „Papierdrachen" werden, wenn ich weiß, was da zu machen ist. Es kommt mir der Gedanke, Eva um Rat zu ftagen. Sie spielt heute . . Ich werde in das Theater eilen und sie nach Beendigung der Vorstellung sprechen. Ich habe noch Zeit dazu. . . Eine halbe Stunde später bin ich in ihrer Garderobe. Eva wird gleich beendet haben; indessm sehe ich mich um ... Unsere Theater zeichnen sich bekanntlich nicht durch luruttöse Einrichtung aus. Ein Zimmer mit weißgetünchten Wanden, z^i Gasflämmchen, die im Windzug flackern, ein Spiegel, ein WasA tisch, ein paar Stühle, in einer Ecke eine Chaiselongue, wahrscheiMch Privateigentum der Diva - das ist ihre Garderobe Vor dem Spiegel eine Menge von Toilettenutensllien, ewe Schale nicht zu Ende getrunkenen schwarzen Kaffees, Dosim mit Schminke und mit Puder, Augenbrauenstiste, einige Paar Landschuhe, die noch die Form der Lände behalten haben, dazwischen zw« falsche Laar- zöpse; an einer Seitenwand ein Stoß Kleider, weiß, rosa, dunkel, leicht und schwer. Auf der Erde stehen zwei Körbe voll mit Tolletten- dem Kampf des Nebels, des Sturmes und der Sonne zu. Tief dunkelblau leuchtete Enzian überall zwischen d«n Grau des Gesteins, lieber die Gletscherbrüche des Schlattenkees' jagten die Wolkenschatten. Die „Schwarze Wand" drüben wurde für einen Augenblick zum Teil sichtbar. Doch der Nebel siegte. Dicht und grau, alles verhüllend, alles bedeckend zogen immer neue Massen heran. Schon fielen die ersten Tropfen. Am Nachmittag desselben Tages noch stiegen wir von der Prager Lütte zu Tal. Der Steig führte immer an der Seite des Schlattenkees' hm und so bot jede Ecke einen neuen eigenartigen Ausblick auf die gewaltigen Eisabbrüche, mtt denen dieser Gletscher ins Tauerntal htnabstürzt. Die Geschlossenheit des Bildes wurde noch verstärk durch den Nebel, der immer nur einen Ausschnitt aus dem Ganzen frelließ. Baw brach der Gletscher in riesigen senkrecht übereinandergestellten Stufen ab, bald spaltete er sich in wild zerklüftete Grate und Zacken, llnd dieser ganze Formenreichtum war übergossen von den leuchtendsten grünen und blauen Farbtönen, die noch gesteigert wurden durch die eigenartige Lichtwirkung des darüberlregenden Nebels. Am Ende des Gletschers gähnte eine haushohe dunkle Löhle im Eis, das Gletschertor, aus dem der Gletscherbach herschoß, um donnernd über die Felsabstürze zum Talboden hinabzufallen. Gegen Abend, gerade als der Regen durch unsere Windjacken durchzudringen begann, kamen wir in Inner-Gschlöß, der ersten Alm- fledlung im Tauerntal an, wo wir übernachteten. Am nächsten Morgen hingen noch einige Helle Wolkenfetzen um die dunklen Massen der Berge, aber über «ns strahlte die Sonne vom dunkelblauen Simmel. Der Bach rauschte, die Glocken des weidenden Viehes klangen und die Almhütten uns gegenüber leuchteten in einem satten Braun. Vor ihnen spielten Kinder mit jungen Schweinen. Auf einmal riß der Wolkenvorhang im Talhintergrund auseinander und das strahlende, göttliche Weiß der Firnfelder des Schlattenkees' lag breit und ruhig da, eingebettet zwischen riesige Felshänge und oben begrenzt durch die Tiefe des südlichen Simmels. Lange noch hatten wir diesen Blick nach dem Talhintergrund, wenn wir uns beim Weitermarsch noch einmal umdrehten. Nicht weit von Inner-Gschlöß lag zur Seite des Wegs ein seltsames Bauwerk. Einen haushohen Felsblock, der einmal mit Donnergepolter von einer der Talwände heruntergekommen sein mußte, hatte man ausgehöhlt, mit Fenstern versehen und den Raum zu einer Kapelle gestattet. Allmähllch wurde das Tal immer breiter unb der Bach immer größer. Wir kamen in das Reich bet das ganze Jahr bewohnten Siedlungen. Noch einmal mußte fich der Bach zwischen hohen Felswänden hindurchzwängen, dann ttat er in ein weites Talbecken ein. Ueberall verstreut lagen Löfs, bis hoch hinauf. Oben noch zwischen dem Grün der Wälder und der Matten leuchtete das dunkle Gold reifer Getteidefelder. Eine weiße Burg lehnte fich an den Sang. Die heiße Lust flimmerte über der Weite des Tales und über den Läufern von Windisch-Matrei dem Ausgangspuntt so vieler Fahrten ins Lerz der Tauern. leuchtende Gletscher, die dicht mtt Wottm verhangen waren. Sie sahen aus wie Salonmöbel, die gewöhnlich verhängt find und bei denen nur bei festlichen Gelegenheiten die Aebrrzüge weggenonm« werden. Nach langer Fahrt landeten wir, mit allen Schikanen durchgeschüttelt, in Rosental im Pinzgau. Nach der Pause stiegen wir noch zur Ruine, die über dem Orte am Lana liegt, und legten uns ins Moos. Gegenüber aus der anderen Talseite führten zwei enge Seitentäler zu den Gletschern hinauf, die im roten Abendlicht glühte«, das Unter- und das Obersulzbachtal. Am nächsten Morgen schritten wir durch das taufeuchte Gras zum Eingang des Obersulzbachtals. Langsam stiegen wir immer höher Über den rauschenden Bach empor, noch immer im Schatten der gegeirüberliegenden Wände. Wir kamen an großen Almen vorbei, die sich hoch die Länge hinaufzogen. Langsam rückte der vergletscherte Talabschluß immer näher, lieber Schutthalden und Felsabfiürze stiegen wir dann mühselig in der sengenden Sonne zur Kürsinger Lütte hinauf, die, wie das bei einem so ersehnten Ziele immer ist, erst auf- tauchte, als wir davor standen. Unterwegs hatten wir Arbeiter überhott, die Balken zum Lüttenneubau hinaufschleppten. Sie hatten teilweise bis 100 kg auf dem Rücken. Welche Leistung das war, kann man aber nur voll würdigen, wenn man fich vorstellt, daß der Steig zur Kürsinger Lütte stellenweise in Felsstufen fast senkrecht emporführt und in seinem letzten Stück wegen seiner Äusgesetzthett durchweg mit Drahtseil gesichert ist. Dazu die Gbtthitze. Oben auf der Lütte (2550 Meter) kamen wir gerade recht zum Schweineschlachten. Der Wirt war eben mit einem anderen Manne beschäftigt, dem Schwein mit einer Schöpflelle die Borsten abzustreichen. Drüben auf dem Neubau hantterten die Maurer. Aber dieser Alltag wurde erdrückt durch den Sintergrund vor dem er sich «bspielte. Da verschwand alles vor der ewigen Gewalt des blau- glänzenden Eises und des weiten, reinen Weißes der Firnfelder. Tief unter uns breitete sich der wildgezackte, den spitzen Giebelreiben der Zelte vergleichbare Gletscherabvruch der „Türkischen Zeltstadt^ aus. Ringsum aber glitten die riesigen Gletscher von all den stolzen Riesen der Venedigergruppe zu Tal. Fast impoMerender wie die elegante Spitze des Großvenedigers wirkte von hier aus der gegen- überliegende „Große Geiger". Als wir am anderen Morgen um 3 Ahr von der Lütte ausbrachen, war der Simmel sternklar. Ein frischer Wind kam von den Gipfeln herunter. Bei Laternenschein tasteten wir «ns langsam über die Geröllhalden zum Zwischensulzbachthörl hinaus. Allmähllch wurde es Heller und wir konnten die Eisbrüche des Sulzbachkees' tief unter uns deutlicher erkennen. Die Sterne verblaßten, und als wir auf dem Gletscher Seil und Steigeisen anlegten, färbte die Morgenröte den Sorizont und die Wolken, die allmählich aufftiegen. Noch waren die Gipfel frei. Der hartgefrorene Schnee kMrschte unter unsere« Füßen. Der Gletscher stieg zunächst langsam an. Wir kamen ganz gut vorwärts, denn Spalten waren nur sehr wenige da. Dann aber kam ein steiler Firnhang, der zur Venedigerscharte emporleitete. Er war an und für sich ganz harmlos, aber uns fiel er sehr schwer. Das Gepäck drückte stark, wir hatte« Atembeschwerden, Ohrensausen und Lerzklopfen. Die Bergkrankheit hatte uns gepackt. Langsam, ganz langsam kamen wir vorwärts. Wieder ein paar Schritte und dann mußten wir wieder stehen bleiben, um Atem zu schöpfen. Von rechts her grüßte ganz nah der wächtengekrönte Gipfel des Großvenedigers. Wilde Eisabbrüche, in den wundervollsten blauen und grünen Tönen leuchtend, zogen fich von ihm zu uns herüber. Der Berg schien zu grinsen: „Seht ihr wohl, da könnt ihr nicht durch, da habe ich euch den Weg durchs Cis versperrt und hier könnt ihr auch nicht hinauf, weil euer Körper nicht will". Diese Serausforde- rung ließen wir uns aber nicht gefallen. Wir nahmen unsere Kräfte zusammen und standen dann bald oben auf der Scharte und ließen uns den Wind um die Nase blasen. Nachdem wir vergeblich versucht hatten, ein paar Bissen zu essen, ließen wir unser Gepäck an der Schatte zurück und stiegen langsam weiter zum Gchfel. Wir waren so schlapp, daß es uns selbst zu viel war, den Photo-Apparat mitzunehmen. Der vorher harmlose breite Grat verengerte sich plötzlich kurz vor dem Gipfel, so daß er einem ins Anendliche abfallenden Sausdach sehr ähnlich sah. Wir waren ftoh, daß wir die Steigessen hatten. Unterhalb des Gipfels mußten wir noch einen Augenblick warten, um eine absteigende Partie vorbeizulassen. Dann über eine schmale Firnschneide hinüber und wir standen oben auf der Lberhängenden Gipfelwächte (3660 Meter), durch die ein paar Schritte vor unseren Füßen ein tiefer Spalt lief. Nun wäre die Reihe zu lachen an uns gewesen. Aber das durfte der Berg doch nicht zulassen. Er hatte eben an dem Tage aus irgend einem Grunde ichlechte Laune. Er sorgte daher dafür, daß im Nu sämtliche Gipfel ich in graue Motten hüllten. Nur der höhere Rivale, der Großglockner, gehorchte nicht. Frei ragte seine spitze Pyramide wer die Wollen hmaus. Doch schon bließ uns der Sturm die ersten Schnee- !locken ins Gesicht und auch die Gipfel der nächsten Umgebung ver- chwanden im Nebel. Wir machten also, daß wir zur Schatte zu unseren Rucksäcken kamen. Und dann liefen wir mehr, als wir gingen, über das Schlatterkees zur Prager Sütte. Vei jedem Schtttt sanken wir tief in den weichen Schnee, Spalten stellten sich uns entgegen und nmßten übersprungen werden und der Nebel braute sich immer dichter zusammen. Doch wir hatten Glück. Etwas müde, aber ftoh, schnallten wir unsere Steigeisen am Ende des Gletschers ab und rollten das Seil ein. Ein paar hundett Meter entfernt, manchmal tm Nebel verschwindend lag in den Felsen ein schmuckes hohes Saus, die „Neue Prager Sütte" (2810 Meter). Arn die Mittagszeit lagen wir draußen, unterhalb der Sütte, zwischen den Felsen, um vor dem Winde geschützt zu sein, und sehen — 312 - leugnen, daß Schriftleitung: Dr. Frisör. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. A. Lange. Gießen. »Kazia, erkennst du mich nicht?" frage ich. Und ich muß über ihr verdutztes Gesicht laut auflachen. „Das ist ja QBlabef," sagt Swiatecki. Kazia sieht mich prüfend an, endlich ruft sie lachend: „Pfm, was für ein garstiger Greis I' Ich ein garstiger Greis! Möchte doch wissen, wo sie einen jchoneren gesehen hat. Aber für die arme Kazia, die in den ästhetischen Grundsätzen des Serrn Snslowski erzogen ist, mag wohl jeder Greis garsttg sein. Ich ziehe mich in unteren Küchenraum zurück und erscheine nach wenigen Minuten in meiner früheren Gestalt wieder. Kazia und die Eltern beginnen auszufragen, was denn diese Maskerade zu bedeuten habe. „Ich habe meine Leichname verkauft." „And dies ist das Geld dafür?" „Jawohl! Ich bin ein gemeiner Wucherer." Ich umarme Swiatecki, beglückwünsche ihn aus vollem Kerzen, und er beginnt mir zu erzählen, wie die Sache kam. „Da sitze ich nach deinem Weggehen, und es kommt ein Serr, der mich fragt, ob denn ich Swiatecki sei. Ich sage: „Ich möchte doch wissen, weshalb ich denn nicht Swiatecki fein soll." Da sagt er: »Ich habe Ihr Bild gesehen und will es kaufen." Ich sage: „Gut! Aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß man ein Idiot sein muß, um ein so niederträchtiges Bild zu kaufen." Darauf er: „Ein Idiot bin ich nicht, aber ich habe die Marotte, Bilder zu kaufen, die von Idioten gemalt sind!" — „Wenn sich die Sache so verhält, dann ist es gut," sage ich. Er frägt mich nach dem Preis und ich sage: „Was geht denn das mich an. . ." — „Ich gebe Ihnen so und so viel." -— „Gut dann! Wenn Sie es geben wollen, dann geben Sie!" Er gibt's und geht. Eine Karte hat er hinterlassen mit dem Namen: „Bialkowski, Dr. med." Ich bin also ein ganz gemeiner Wucherer, und basta!" „Es leben die Leichname! Swiatecki, du mußt heiraten." „Lieber hänge ich mich auf," sagt Swiatecki. „Ein gemeiner Wucherer bin ich und nichts weiter!" . ^sni Suslowska fitzt am Tisch bei der hellbrennenden Lamp« und näht an einem Stück von Kazias Aussteuer- Serr Suslows« lieft mit Würde am selben Tisch die Abendnummer des „Papier- drachen. Mir ist nicht ganz wohl zu Mute, ich möchte gern meine Mw- ftimmung verscheuchen und rücke ganz nahe an Kazia heran. Im Zimmer herrscht Sülle. Man hört das Flüstern von Kazia, die ich zu umfassen suche und die mir zuraunt: „Wladek, Papa wird es sehen." Da ergreift „Papa" das Wort und beginnt vorzulesen: „Das Bild des bekannten Malers Swiatecki, betitelt: _®h letzte Begegnung" wurde heute von Dr. Bialkows« für 1500 Maskerade zu bedeuten habe? Die Sache ist ganz I „Ach ja!" sage ich, „Swiatecki hat das Bild heute früh verkauft." einfach. Sehen «ie, meine Serrschasten, wir Maler erweisen« Dabei suche ich wieder Kaziazu umfassen wbMre ftetotebe: einander von Zett zu Zett kollegialische Dienste und stehen zuweilen I flüstern: ' 9 i* «oww einer dem andern Modell. So hat mir z. B. Swiatecki für den alten I „Papa wird es sehen." £aftt du ihn »ns dem Bilde nicht erkannt, Kazia? I Anwillkürlich richte ich meine Blicke aus Serrn Suslows«. stehe jetzt dem Cepkowski. So istes eben unter Malern Brauch, I Plötzlich sehe ich, daß sich sein Gesicht verändert; er Mit t* wo es an Modellen mangelt.' I Land vor die Augen und beugt sich über den „Papierdrach«»/' - bekommen, um dir eine Aeberraschuna zu machen, I Was zum Senter mag er nur da gesunden haben? i Wt Kazm. »Aeberdies bin ich noch nie in meinem Leben in einem I „Vater, was ist dir?" fragt Frau Suslowska Atelier gewesen. Gott, welche Anordnung! Ist es so bei allen I Er steht aus, geht ein paar Schritte auf uns 'm, bleibt Baiern r I stehen, sieht mich mit durchbohrendem Blick an, ringt die Sänbe „Angefahr, ungefähr! I und beginnt das Saupt zu schütteln. Kerr Suslowski erklärt, es wäre ihm lieber gewesen, bei mir I „Was ist Ihnen«" ^?nung vorzufinden und er erhoffe in dieser Sinstcht I „Da sieht man, wie Sinterlift und Verbrechen doch an den Tag a ’ f gnindliche Veranderung. Ich verspüre große Lust, I kommen," erwidert pathetisch Suslows«. Mein Serr! „Lesen Sie ihm meine Sarfe an den Kops zu schleudern. Kazia lächelt dabet I nur, wenn Ihnen das Schamgefühl es gestattet, bis zu Ende M toten uno läßt* I fefen." _ "Da ist ein gewssser Maler ein großer Taugenichts bei dem Bei diesen Worten macht er eine Bewegung, als ob er sich in aussehen wird, sobald ich mich an die Arbeit gemacht eine Toga einhüllen würde, und überreicht mir den „Papierdrachen". habe. Es wird alles ordentlich arrangiert, aufgestellt und abgestaubt I Ich nehme das Blatt und mein Blick fällt auf eine MittAluna D WEN w «ww. in «, * »* ** bl-ckr aus die Gnirlanden von Spinngewebe, welche die Ecken meines „Vor einigen Tagen erschien in unfern Mauern ein selten« Ateliers uHnmeken, und fügt hinzu: I Gast in Gestalt eines steinalten Sarsners, welcher bei den hi« „So Line Anordnung kann auch die Käufer abschrecken. Da | wohnhaften Familien aus der Akraina die Runde macht und fiir ein . befinden. I Almosen seine Lieder zum Besten gibt. Wie man erzählt, hat sich Ma« . " .entsetzlich verrostet! And dabe» hat man unsere bekannte und beliebte Künstlerin E. A. ganz besonders sein« b/vd bas Dienstmädchen zu rufen, ihr anzuordnem etwas Ziegel I angenommen, und heute früh noch konnte man sie mit ihm ausfahren »u stos,en. unö alles wird blank wie ein neuer evamovar. | sehen. In den ersten Tagen nach dem Erscheinen des I-remdlinas „Jesus Mana! Sie spricht von Käufern und will meine alten I entstand das seltsame Gerücht, daß sich unter dem Bauernrock de« ailsgegrabenen Panzer mit Ziegelstein putzen. Aber Kazia!" I Sarsners einer unserer berühmtesten Maler verberge, der sich auf «in«» kusit iie aus bie Stirn, wahrend Swiatecki | diese Weise, ohne die Aufmerksamkeit der Ehemänner und Vor- ejueu unheilverkündenden Laut ertönen laßt, der an das Grunzen I münder zu erregen, leicht zu den Boudoirs der Damen Eintritt . I verschaffe. Wir sind überzeugt, daß dieses Gerücht jeder Grundlage Kazia droht nur mit dem Fmgerchen und sagt weiter: I entbehrt, deshalb schon, weil unsere Diva ja niemals beratfiae „ 3tffe ftd) zu merken, daß sich alles ändern wird." I Sandlungen begünstigen würde. Der Alte ist, gemäß den von unS vi’ k' ■ endlich: I eingezogenen Erkundigungen, dirett aus der Akraina hierhergewan- . "Und wenn ein gewisser Serr heute Abend nicht zu uns kommt, dert. Sein Verstand ist etwas getrübt, aber fein Gedächtnis noch so wird er ganz abscheulich fern und wir werden ihn nicht mehr I vorzüglich." ’ w lieben." ' I Simmel und Sölle! sT- ^otten verdeckt sie 'hre Augen. Ich kann nicht Suslows« ist so aufgebracht, daß er keinen Laut hervorbringen leugnen, daß in ihren Allüren viel Anmut liegt. Ich verspreche zu I kann. Endlich aber läßt er feiner Entrüstung freien Lauf. 9 tommen und begleite meine zukünftige Familie hinunter bis zur „Welche neue Vorspiegelung, welche neue Ausflucht werden aK* oi« B s. ix » , . . ... I Sie zur Rechtfertigung Ihres Benehmens Vorbringen? Waren ^keUer MrÜÄgekehrt, finde ich Swiatecki mit einem miß- Sie es nicht, den wir in dieser schändlichen Verkleidung gegeben traulichen Seitenblick ein vor ihm liegendes Paket mit Sunbert- I haben? Wer ist denn dieser alte Sarfner?" ' 9 rubehchemen »'ustemd. I „Ich war es," antwortete ich, „ich begreife aber nicht, weshalb . ■<-,-,» Sie meine Verkleidung schändlich finden." „Weitzt du, was passiert ist? | In diesem Augenblick reißt mir Kazia den „Papierdrachen" "gsb-un. . I aus der Sand und beginnt zu lesen; Suslowski aber drapiert sich „Jci, habe lemanb bestohlen wie em gewöhnlicher Dieb." I noch fester mit der Toga der Entrüstung und fugt: 9 -ie-° - a .... I „Also nachdem Sie kaum die Schwelle eines ehrbaren Sauses betreten haben, bringen Sie in dasselbe Ihre Anmoral; also noch ehe Sie der Gatte dieses unglücklichen Kindes sind, verraten Sie es m Gemeinschaft mit einer leichtfertigen Dame, mißbrauchen Sie unser Verttauen in schnödester Weise, brechen Sie Ihr heiliges Ge- löbms . . . And um wessen willen? Wegen einer Theaterhetäre!" Da ergreift-mich die höchste Wut . . . „Mein Serr!" sage ich, „genug dieser Phrasen! Diese Setäre ift mehr wert, als zehn falsche Catone von Ihrem Schlage. Sie sind mir eigentlich noch nichts, lieber Serr, und merken Sie sich, bitte, daß Sie mich langweilen! Ich habe Sie und Ihr Pathos • satt und..." Die Worte versagen mir, und ich brauche übrigens keine mehr, denn Suslows« öffnet plötzlich seine Weste, als ob er sagen wollte: »Stoße zu, verschone mich nicht, hier ist meine Brust . . " Aber ich denke gar nicht daran zuzusioßen, sondern erkläre, daß ich fortgehe aus Befürchtung, daß ich fonff Serm Suslowski noch manches sagen würde. And ich gehe wirklich fort, ohne mich zu verabschieden. Die frische Lust kiihlt etwas meinen erhitzten Kopf. Es ist neun Ahr abends, das Wetter ist wunderschön. Ich muß noch ein wenig spazieren gehen, um mich völlig abzu- - kühlen, und eile in die Belvedere-Allee. 151 I Die Fenster von Selenas Villa sind dunkel. Augenscheinlich Am Abend bin ich bei Suslowskis. I ist sie nicht zu Sause. Ich weiß nicht, weshalb mich dies sehr »er- Ich sitze mit Kazia in der Nische des kleinen Salons, wo ein I dnehlich macht. keines Sopha steht. I (Fortsetzung folgt.) — 316 - Echristleitung: Dr. Sriedr. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der BrühlMen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. D. Lange, Gießen. , bch habe es satt, dieses Zufüßenfallen, und dieses Vergeben, antworte darmff gar nicht. Mag ihnen zu Füßen fallen, wer "kst hat, und der Ostrzynski die Kazia beiraten: ich habe mein« Eva! Indessen scheint mein Schweigen im Sause Suslows» große Bestürzung hervorgerusen zu haben; dem» nach einigen Tagen kommt derselbe Bote mit einem Brief von Kazia, diesmal an Swiateckt gerichtet. (Schluß folgt.) ca**2SL*w!®' ^ß die Rücksendung des Ringes Ihnen angenehm offenbar haben Sie dieselbe angestrebt. Was so denke ich nicht daran, mit Schauspielerinnen zu rivalisieren. » Jedenfalls kurz! Aus diesem Brief bllckt nur Aerger-hervor, nichts weiter. Wenn mir Kazia je in zauberhaftem Lichte erschienen ist, s» schwmdet dasselbe in diesem Augenblick für immer. Wie merkwürdig, all« Leute glauben, daß Eva der Grund meiner Verkleidung und all dieser Vorkommnisse gewesen sei — und in der Tat wird auch Eva der Grund sein von allem, was noch folgen wird. Ich zerknittere den Brief, stecke ihn in die Tafcke und geh« schlaferr. ... Swiatecki erhebt die Augen von der Arbeit und sieht mich an. in »« Erwartung, daß ich etwas sagen würde, ab« ich schweig«. „Sier war abends dies« gemeine K«lF)strzynisk," sagt SwiateZ. 17. Am nächsten Tag will ich schon um zehn Ahr früh zu Eva eilen, ab« es geht nicht, denn ich habe Besuch. Baron Kartoffl« kommt und bestellt eine Wiederholung mein« „Suben". Er bietet mir fünfzehnhundert Rubel, ich ford«e zweitausend. Es bleibt dabei. Einern Weggehen bestellt Tanzenb«a bei mir zwei Por- Aats. Swiatecki, der Antisemit ist, schilt mich einen Iudenmal«. Ich möchte doch ab« wissen, w« bei uns Kunstw«ke kauft, w«m nicht die „Fmance . Wenn aber die „Finance" sich vor Swiateckks Kadavern scheut, so kann ich nichts dafür. Ich komme «st um ein Ahr zu Eva, überreiche ihr den Ring und verkünde ihr, daß wir nach der Lochzeit nach Rom reisen. Evchen willigt mit Freuden ein und — soviel wir gestern geschwiegen haben, soviel schwatzen wir heute durcheinander . . . Ich erzähle ihr von den Bestellungen, die ich bekommen habe, und wir freuen uns zusammen. Die Porträts muß ich allerdings noch vor unserer Reise beenden, ab« die „Juden" für Kartoffkr werde ich in Rom malen. Dann kehren wir nach Warschau zurück, ich richte mir ein Ateli« ein und wir werden leben wie im Simmel So entwerfe ich meine Pläne für die Zukunft und «kläre dabei Eva, daß wir uns« Lebenlang die Wiederkehr des gestrigen Tages - wie em Fest feiern werden. Ab« sie v«birgt ihr Köpfchen auf meiner Schult« und bittet mrch, nicht davon zu sprechen. Dabet umschlingt sie meinen Lals mit den aufgefchlitzten Aermeln ihres Schlafrocks und neimt mich rhren „großen Mann" ... Sie ist blaff« als sonst, ihre Atlgen stnd veilchenhafter als sonst, aber sie strahlt vor Freude. Ach! was war ich doch für ein Esel, daß ich ein solches Weib m meiner Nähe hatte, und mein Glück anderswo suchte, in ein« Sphäre, in der ich vollständig ftemd war und die auch mir so wenig verwandt war... Was ist doch diese Eva für eine Künstlernatur! Sie ist meine Verlobte und ist nun auch von dies« Rolle derart erfüllt, daß sie unbewußt die junge glückliche Braut spielt. Ab« ich kann es dem geliebten Wesen nicht verdenken, welches so viele Jahre am Theater war. . . Nach dein Mittagessen fahren wir zu Lelena Kolczanowska. Von dem Augenblick an, wo mich Eva als ihren Verlobten vor- stellen kann, wird der Sch«z mit dem Larfner ganz harmlos und kann nunmehr keine Verstimmung zwischen den beiden Freundiimen Hervorrufen. And so empfängt uns denn auch Lelena mit offenen Armen und ist beglückt von Evas Glück. Wir lachen alle drei wie die Narren üb« den Larfnergreis und üb« das, was dieser mit anhören mußte über den Mal« Magorski. Gestern noch wollte ich den Ostrzynski erdolchen, heute aber bewundere ich seinen Geist Selen« lacht so sehr, daß ihre durchsichtigen Augen sich mit Tranen füllen. Sie sieht, nebenbei gesagt, entzückend aus. Als sie zu Ende unseres Besuches das Köpfchen neigt, kann ich von ihr den Blick nicht wenden, und Eva selbst ist derart bezaubert, daß sie nachher im Laufe des Tages unbewußt diese Neigung des Kopfes nachahmt... Wir verabreden, daß ich nach uns«« Rückkehr aus dem Ausland« Lelenas Porttät malen werde, vorher aber, in Rom, werde ich Evchen porträtieren. Wenn es mir nur gelange, diese zarten, beinahe durchsichtigen Züge wiederzugeben, dieses Gesicht, das so ausdrucksvoll ist, daß sich in demselben jeder Eindruck so abspiegelt, wie ein Wülkketn in einem Hellen Gewässer. . . Ab« es wird mir gelingen, warum sollte es nicht? m Die Abendnumm« des „Papierdrachen" erzählt ungeheuerliche Geschichten über Bestellungen, die ich bekommen haben soll. Meine Einkünfte werden nach Tausenden berechnet. Vielleicht hat dies mtt dazu beigetragen, daß mir am nächsten Tage Kazia emen Brief zusendet, in welchem sie mir erklärt, daß pe mir den Ring unter dem Einflüsse des A«g«s und der Eifer- sucht zurückgeichictt habe; wenn ich ab« jetzt hinkäme und mit ihr den Eltern zu Füßen fiele, so würden sich dieselben noch erweich«» lassen. gegennanden. Das Zimmer duftet stark nach Puder und Parfüm. Welch buntes Durcheinander, wie ist hi« alles in der Eile zusammengeworfen, welche Farben und Reflexe, welche Licht- und Schattenwirkungen, hervorgebracht durch das Flackern der Gasflamme. Es ist dies in sein« Art ein Bild, es liegt Charakter drin . . . Zwar ist hier nichts anders, als in allen anderen Garderobenzimmern, und doch herrscht hi« ein gewisses Etwas, wodurch dieses Zimm« mckt wie eine Garderobe, sondern wie ein Seiligtum «scheint, ein Sr Zauber liegt üb« allem . . . Aeb« all dies« Anordnung, heEgkeit, Eile, innerhalb dieser schlecht getünchten, abgekratzten Wände weht der Lauch der Kunst. Man hört donnernden Beifall. Aha! das Stück ist zu Ende. Durch die Wände schallen bis zu mir die Rufe: „Adami! Adami!" Eine Viertelstunde verstreicht, und sie rufen drüben noch imm«. Endlich kommt Eva als „Theodora" hereingestürzt. Sie har eine Krone auf dem Kopf, schwarz untermalte Augen, die Wangen rot geschminkt. Ihr aufgelöstes Laar fällt wie ein Eturm auf ihre entblößten Schultern. Sie ist dermaßen fieberhaft erregt und erschöpft, daß sie mir nur kaum hörbar zuflüstern kann; „Wie geht es vir, Wladek!" Dann nimmt sie rasch die Krone ab und wirst sich in ihrem königlichen Gewände auf die Chaiselongue. Augenscheinlich ist sie nicht imstande zu sprechen, denn sie blickt mich schweigend an, wie ein müder Vogel ... Ich setze mich neben sie, lege die Land auf ihren Kopf und denke an nichts weit« als an sie. Ich sehe in diesen schwarz untermalten Augen die stoch nicht «loschene Flamme d« Begeisterung, ich sehe auf dies« Stirn den Abglanz der Kunst, ich sehe, wie dieses Mädchen auf dem Altar des Theatermolochs ihre Gesundheit, ihr Blut, ihr Leben opfert, ich merke, wie ihre Brust in diesem Moment vergeblich nach Atem ringt — und es ergreift mich ein solches Mitleid, ein solches Weh, daß ich nicht weiß, was beginnen. . . So sitzen wir stillschweigend eine Zeitlang; endlich deutet Eva mit der Land auf eine Nummer des „Papi«drachen", welche auf ihrem Toilettentische liegt, und flüstert: „Wie unangenehm, ach, wie unangenehm!" Plötzlich bricht sie in nervöses Weinen aus und begümt zu zittern wie Espenlaub. . . Ich weiß wohl, daß sie aus Aebermüdung weint, nicht des „Papierdrachen" wegen, daß der Zeitungsartikel eine Lappalle ist, an die morgen kein Mensch mehr denken wird, daß der ganze Ostrzynski i nicht eine einzige Träne von Eva wert ist, und doch schnürt sich mein i Lerz noch mehr zusammen. Ich ergreife ihre Lände und bedecke sie mit Küssen, ich streichle sie und drücke sie arr"meine Brust. Mein Lerz pocht imm« mächtiger, es geht mit mir etwas Wunderbares vor. Ich kni«, ohne zu wissen, was ich tue, zu Evas Füßen nied«, eine Wolke verschleiert mir die Augen, endlich schließe ich sie, jede Besinmmg verlierend, in die Arme. „Wladek, Wladek! erbarme dich!" flüstert Eva. Aber ich drücke sie an meine erregte Brust, ich v«gesse alles, ich bin wie von Sinnen: Ich küsse sie auf die Stirn, auf die Augen, auf den Mund, und kann nur das eine Wort hervorbringen: „Ich liebe dich! Ich liebe dich!" Da neigt Eva ihr Köpfchen zur Seite, ihre Lände umschllngen fieberhaft meine» Lals, und ich höre sie flüstern: „Ich liebe dich schon fange!. . # 16. Wenn es auf der Welt für mich ein teureres Wesen als Eva gibt, so will ich ein mariniert« Lering sein... Man behauptet von uns Künstlern, daß wir alles unt« dem Eindruck des Augenblicks tun, doch ist dem nicht so! Es stellt sich nämlich heraus, daß ich Eva längst liebe, nur war ich ein solch« Esel, daß ich mir dessen nicht bewußt war. Gott allein weiß, was in mir vorging, als ich sie an diesem Abend nach Lause begleitete. Wir gingen Arm in Arm und sprachen kein Wort dabei . . . Ich drückte bloß fortwährend Evas Arm an meine Seite, und sie den meinigen. Ich fühlte, daß sie mich mit allen Kräften Lebt ... Ich geleitete sie bis hinauf, und als wir uns m ihrem kleinen Salon befanden, wurden wir mit einemmale ,o befangen, daß wir uns nicht getraute«, einander in die Augen zu sehen. Erst als Eva ihr Gesichtchen mit den Länden bedeckte, zog ich dieselben sanft weg und sagte: „Evchen, du bist mein, nicht wahr?" And sie schmiegte sich an mich: „Ja, ja! . . ." Sie war so entzückend, ihre Augen so ttäumerisch und zugleich funkelnd, rn ihr« Lattung lag eine so süße Mattigkett, daß ich mich kaum von »hr wsreißen konnte. Die Wahrheit zu sagen, auch sie konnte sich von mir nur schw« trennen, gleichsam, als wollte sie sich entschädigen für ihr langes Schweigen und ihre so lange v«heimlichten Gefühle. Ich kam spät nach Lause. Swiatecki schlief noch nicht ... Er arbeitete beim Lampenschein an einem Lolzschnitt für eine illustrierte Zeitung. „Lier ist ein Brief für dich," sagt «, ohne die Augen von d« Arbeit zu erheben. Ich nehme den Brief vom Tisch und fühle durch das Kuvert emen Ring. Gut! Der wird mir flir morgen nützen. Ich öffne den Brief und lese folgendes: "