Gießener ZamilieMatter __ Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, Sen 3. März ~~ MmmerP Die Droschke. Don Theodor Däublet. Ein Wagen steht vor einer finstren Schenke. Das viele Mondlicht tvird dem Pferd zu schwer. Die Droschke und die Gassenflucht sind leer: Oft stampft das Lier, daß seiner wer gedenke. Es halten diese Mähre halb nut die Gelenke, Denn an der Deichsel hängt sie immer mehr. Sie baumelt mit dem Kopfe hin und her, Daß sie zum Warten sich zusammenrenke. Aus ihrem Traume scheucht sie das Gezanke And oft das geile Lachen aus der Schenk«. Da macht sie einen Schritt, zur Fahrt bereit. Dann meint sie schlafhaft, daß sie heimwärts lenke, .Und hängt sich an sich selbst aus Schläfrigkckp Doch einmal poltern da die Droschkenbänke. Die schwarze Welle. Don Afim-afsanga. Wir sind in der Lage, einige Bruchstücke aus einem neuen Buch zum Vorabdruck zu bringen, das seiner Eigenart nach größtes Aufsehen erregen muh. Es handelt sich um den BomaneinesAegers, der in der französischen Arnree gedient hat und, von einem glühenden Haß gegen die Vergewaltiger der schwarzen Basse getrieben, in seinen Auszeichnungen schildert, wie das militarisierte Afrika die ihm anvertrauten Waffen gegen deren Besitzer erhebt, als es im größten Maßstab zur Riederhaltung Deutschlands eingesetzt werden soll. Der Zeitungsleserweih aus unzähligen Rotizen der letzten Zeit, daß Afrika sich gegen die weihe Beherrschung zu wehren beginnt. Diese Aufzeichnungen führten mitten in die schwarze Gedankenwelt hinein, find ein weltgeschichtliches Dokument ersten Banges. Ein bekannter deutscher Autor, F. O. Bilse, hat die unbeholfenen Mederschristen Afim-assangas unter Wahrung aller Eigenheiten in flüssige deutsche Form gebracht. Das Werk erscheint in Bälde bei Habbel und Baumann in Regensburg. ' ,Mi —“ Der General sah den Gouverneur verständnislos, beinahe beleidigt an. „Wie kommen Si-e zu einer solchen Anschauung?" Der Gouverneur zog sein Ledergesicht in Falten, rückte nervös an der grauen Brille.....Erstlich — man hat von dieser Bahn, die zwei Milliarden Franks und Tausende von Menschenleben gekostet hat, einen großen Aufschwung des Handels zwischen dem Sudan und Europa verheißen, dem Volk für die Hergabe seines Geldes hohe Dividenden in Aussicht gestellt. Don einer nennenswerten Zunahme des Handels aber kann gar keine Bede fern, Dazu produziere» unsere Kolonien zu wenig, werden auch in Zukunft nicht viel mehr produzieren können. Denn es fehlt an ausreichendem Anternchmertum," „Aber man rechnet doch auch, mit einem starken Personenverkehr!" wandte der General etwas kleinlaut ein. Der Gouverneur lachte. „Ich bitte Sie! Wer fährt denn vom Sudan nach Algier oder Europa? Wer hätte dort etwas zu tun? Und wer fährt von dort oben, außer vielleicht einigen arabischen Händlern und Weltbummlern, von Algier hierher? Wer hier unten etwas zu schaffen hat, hat's in den Handelshäfen, nicht wahr, in St, Louis, Dakar, Konokrh, Groß-Bas,am und so weiter," ,Jch hörte, man beabsichtige, etwa in die Mitt« der Bahnlinie, nach Sn Sallah zum Beispiel, einen wundertätigen Mara- bou zu setzen, den dann regelmäßig große Pilgerzüge vom Borden wie vom Süden Afrikas aufsuchen würden...?" „Bah! Fällt den Pilgerzügen nicht ein. Das Volk hätte sehr bald den geschäftlichen Hintergrund der Geschichte durchschaut. Es wird jeden Tag klüger. Außerdem ist es zum Eisew- bahnsahren zu arm. Die wenigsten bekommen je im Leben ein &wx Geld in die Finger Der General sog eine Weile nachdenklich an seiner Zigarette, die in einer goldenen Spitze steckte. „Bun, Herr Gouverneur," begann er dann mit einem überlegenen Lächeln, „Handel und Geschäfte spielen bei der Bahn ja auch nur eine untergeordnet« Bolle. Das Projekt ist doch wohl aus ganz anderen Erwägungen Hervorgegangen. Frankreich hat leider das, wozu Deutschland ein paar Jahrzehnte brauchte, in ein paar Jahren fertiggebracht — nämlich sich alle Rationen zu offenen oder versteckten Feinden zu machen. Wir wissen: Eines Tages werden wir das Deutschland im Weltkrieg sein, uns aber nicht vier Jahre behaupten können. Also sind unsere einzige Bettung die schwarzen Armeekorps, die uns aber ohne die Wüstenbahn nicht in beliebiger Menge zur Verfügung stehen würden. Wie sollten wir sie ohne die Bahn nach Frankreich schaffen? Der Transport zu Schiff die Küste hinauf ist zu gefährlich. Er könnte jeden Tag durch englische Schiffe und Anterseebvote lahmgelegt werden. Der Marsch zu Land durch die Wüste kommt erst recht nicht in Frage. Sie wissen ja — die einstigen arabischen Sklavenhändler waren zufrieden, wenn sie von 5000 Sklaven 2000 lebendig nach Rord- afrika brachten. Also blieb als einzige Transportmöglichkeit für unsere Zwecke die Dahn." „Richtig. Wir werden voraussichtlich eines Tages nicht nur einen europäischen Angriff zu bestehen haben, sondern unsere Ration ist auch überzeugt, zur Hegemonie über Europa berufen zu sein... Aebrigens eine Frage, da Sie ja direkt aus dem Palais d'Orsay kommen — wie denkt man sich dort eigentlich die weitere Entwicklung der Dinge?" Der General zog die Schultern hoch. Rach einer kleinen Weile sagte er: „Darüber scheint bei der Verworrenheit der allgemeinen Lage jede klare Vorstellung zu fehlen. Rur soviel scheint sicher: man rechnet eben mit einem neuen Krieg. And man betreibt Beschwichtigungspolitik mit Abrüstungskonferenzen, um in Buhe weiter rüsten zu können. Tatsächlich lautet meine Aufgabe hier unten nur vorläufig dahin, die allgemeine Dienstpflicht einzusetzen und die erste der Rekrutierungen vorzunehmen, die nach der neuesten französischen Armeeverordnung in Zukunft alljährlich in Stärke von 280000 Farbigen erfolgen sollen. „Hm," machte der Generalgouverneur. „Wie ich Ihnen schon sagte, lieber General — keine leichte Aufgabe, was Sie da Vorhaben. Sie werden auf ungeahnte Schwierigkeiten stoßen. Wie Ihnen nicht unbekannt sein dürfte, haben bereits die Zwangsaushebungen Schwarzer während des Weltkrieges und nachher zu schweren Reibungen mit den Eingeborenen geführt. Es hat böse Anruhen, Aufstände ganzer Stämme gegeben, Abertausende von Eingeborenen haben sich durch Aebertritt auf englisches Gebiet der Aushebung entzogen. Wenn ich Ihnen also einen guten Rat geben darf — fallen Sie nicht mit der Tür ins Haus. Versuchen Sie unter den Eingeborenen auf geschickt« Weise erst etwas Stimmung für die Sache einer allgemeinen Dienstpflicht zu machen. Rehmen Sie dazu freundliche Fühlung mit einflußreichen Familien und Stammesfürsten. And da ist! vor allem ein gewisser Samorh vom Stamm der Monde.. „Doch nicht etwa ein Rachkomme jenes Samorh, der uns früher so viel zu schaffen gemacht hat?" „In der Tat. Ein Sohn des Samorh-Almamh, mit dem wir uns seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts herumgeschlagen haben, bis er 1898 im Quellgebiet des Cavally mit 50000 Mann Kriegsvolk von Kapitän Gouraud gefangen wurde. Er ist dann 1900 auf einer einsamen Ogowe-Jnsel in Französisch- Kongo als Verbannter gestorben. Dieser Samorh, der „afrikanische Alexander" genannt, war ein so hartnäckiger Gegner, daß wir mehr als einmal drum und dran waren, die ganze Eroberungspolitik hier unten aufzugeben. Er wird noch heute in ganz Westafrika als eine Art Volksheros vergöttert, und die Legende de? Eingeborenen verheißt seine Wiederkehr. „Wo ist er zu finden?" fragte interessiert der General. „Das wird Ihnen gewiß einer der Gouverneure sagen könne», die wir ja heute oder morgen erwarten," „Ich danke Ihnen für Ähren Rat. Ein derartiger Ver- trauensmann unter den Eingeborenen wäre mir um so wertvoller, als ja die Frage der Rekrutierung eines- Tages auch einmal sehr plötzlich in ein anderes Stadium treten könnt«, „Wieso das?" fragte der Gouverneur überrascht. „Indem die Politik eine Wendung nimmt, die uns schon sehr bald in kriegerische Verwicklungen — sagen wir: Sn tne - 70 - Notwehr treibt.. Denn die Dinge liegen doch so: Mit Versailles glaubten wir den Weltkrieg beendet. Aber es hat ihn sozusagen nur in eine andere Form gegossen. Statt des Weltkrieges haben wir heute eine Art Weltrevolution gegen uns wegen unserer in Versailles errungenen Vormachtstellung.. „Weil wir sie zu anmaßend hervorgekehrt haben " warf der andere ein. „Ich bin nicht dieser Ansicht," entgegnete der General beinahe scharf. „Wir haben lediglich unser Recht vertreten.. - Aber wie dem auch sei — man will uns Versailles heute streitig machen. Der Lag scheint nicht fern, wo wir eine europäischamerikanische Front mit der Forderung einer Revision von Versailles uns gegenüber haben..." „Llnd das wird das Ende sein." „Rein, das darf's eben nicht!" rief leidenschaftlich der General. „Wir werden von unserem Versailles nichts opfern. Wir werden es auf die Kraftprobe ankommen lassen, sie allerdings nur bestehen, wenn wir auf einen Schlag einige Millionen Schwarze ausheben..., eine ÄotwendigkeiL also, die jeden Lag eintreten kann." „So so... Das sind freilich keine erfreulichen Perspektiven, und sehr kühne, muh ich Wohl sagen, Immerhin - man könnte alldem im Hinblick auf unsere unerschöpflichen schwarzen Reserven leidlich zuversichtlich, entgegensehen... aber- wissen Sie denn, lieber General, ob und wie lange dieses schwarze Volk überhaupt mitmachen wird?" „Oho!" fuhr der General auf. „Was heißt mitmachen?" „Richt mitmachen, diese Kanaille?! Das wäre das Reueste." „Richt ausgeschlossen, lieber General," bemerkte der andere mit gerunzelter Stirn, „daß wir das eines Tages als das Neueste erfahren werden. Diese Möglichkeit haben ja selbst schon Stimmen in Paris zu bedenken gegeben, damals, als Mangin mit Begeisterung seine Entdeckung verkündete, tote man Frankreich seine Stellung in der Welt mittels großer Kolonialarnteen kinderleicht sichern könne. -Und da auch unsere hiesigen Truppen größtenteils aus Eingeborenen bestehen — unsere weißen brauchen wir ja wo anders —, würde uns im Falle eines Meuterns der schwarzen Völker alle Machtmittel fehlem" ,,2ch verstehe Sie nicht!" rief der General kopfschüttelnd. „Warum sollen sie denn nur meutern tootteit?" Der Gouverneur schob wieder eine Chininpille in den Mund. . . „Warum sie meutern sollen, die Schwarzen? Das werde ich Ihnen sagen. Sie waren ja zwar auch einmal Kolonialoffizier, aber vor dem großen Krieg. Seitdem ist vieles anders geworden. Früher waren uns hier nur jene Reger gefährlich, die aus Amerika nach der uns benachbarten Reger- republik Liberia zurückkehrten und die drüben gewonnene Aufklärung, Rassebewuhtsein und den Geist der Auflehnung gegen die Weiße Rasse in unsere Kolonien trugen. Seit dem Äriege aber haben leider wir Franzosen selbst auf alle nur erdenkliche Art ein Bewußtsein seiner Macht und Q3ebeutung in diesem farbigen Volk großgezogen. Wir haben es in den besetzten Gebieten zu Herrn über Weiße gemacht, die der Schwarze früher als etwas Höheres scheute. Paris hat ihn in feierlichen Erlässen zum gleichberechtigten Franzosen ernannt, älnd wenn er, von Äatur schon anmaßend und dünkelhaft, durch die Art seiner Verwendung und Behandlung nicht längst schon wüßte, daß ihm Frankreichs Zukunft und Schicksal anvertraut ist, so wüßten es die in Europa diensttuenden, mit der Heimat in steter Fühlung stehenden Schwarzen daher, daß sie es täglich in den Zeitungen lesen. Sehen Sie sich den Reger an, wie er nach meiner langen Erfahrung ist. Der Reger haßt uns. die wir ihm sein Schlaraffenleben verdorben haben. Auf seine Art fühlt er, was ein Europäer einmal von der Zivilisation als dem „Schlachthaus der schwarzen -Unschuld" gesagt Hat. Er empfindet es als Vergewaltigung, daß wir uns in seinem Lande festsetzten, uns dessen Schätze zunutze machen, daß wir ihn polizeilich bevormunden, ihn zum Steuerzahlen, zur Arbeit zwingen, zum Kriegsdienst heranziehen, ihm Frauen nehmen und ihn in vieler Hinsicht behandeln tote Vieh. Tief und unversöhnlich Haßt er uns darum als den Erbfeind seiner Rasse, und der immer mehr Boden gewinnende Islam schürt -diesen Haß im Geheimen zum Fanatismus. Wir lassen uns darüber allzu leicht täuschen, weil der Reger ein Schönredner, ein Schmeichler und verschlagener Heuchler ist. älnd wir bilden uns ein, daß er den Weißen noch immer für ein übermächtiges, höheres Wesen hält. O nein, er ist ein gar scharfsichtiger Bursche, der Reger. Längst hat er gesehen, wie wir Weißen uns nur mit Mühe in seinem Lande mit dem mörderischen! Klima und den vielen sonstigen Tiebeln halten, und mit seinem Naturmenschenblick hat er längst erkannt, wie unser Volk, in vielerlei Laster verstrickt, auf dem Abstieg der Kraft ist. 3n den zahllosen Stammesfehden der Schwarzen untereinander kannte der Reger nur das Gesetz der rohen Gewalt. Daß wir ihn mit Milde, Entgegenkommen, ja mit Ehren behandeln, begreift er nicht. Er erblickt darin eine List, ihn meuchlings ganz zu verderben, oder eben ein Zeichen verächtlicher Schwäche. Täuschen wir uns also nicht über sein wahres Wesen. Gr ist wirklich nicht das harmlose Kindergemüt. Gr ist das Produkt seiner Wildnis mit ihren unbezähmten Raturgetoalten, ist gewalttätig, , rachsüchtig, hemmungsloser Triebmensch in allem. Bei dieser Natur des Negers also, bei seinem Haß und feiner Verachtung gegen den Weihen, der ihn selbst feine Macht kennen gelehrt hat, kann es Ihnen gar nicht so unmöglich erscheinen, daß sich das ganze schwarze Volk eines Tages geschlossen gegen uns wendet." Der General schüttelte in schroffer Abweisung dieses Gedankens den Kopf, „Solange ich hier bin, Herr Gouverneur, kann so etwas nicht passieren. Besonders die sogenannten Fürsten und die Häuptlingspackage. Ich möchte keinem geraten haben, auch nur zu mucksen!" * Viele Männer waren an der Quelle des roten Volta zusammengekommen. Die Großen der Stämme bis fern am unteren Niger, am Benue. . . Änd die aus den Flußgebieten des Kongo hatten andere gesandt, die näher wohnten. Da waren Männer von den großen Stämmen des Waldes, mit scheuen, düsteren Gesichtern, im Blick den lauernden Argwohn von Menschen, die stets in Gefahr sind, sich jäh einem aus dem Dunkel des Busches auftauchenden Feind gegenüberzusehen: Männer mit den schlanken, biegsamen, an Ausweichen gewöhnten Bewegungen des durch Busch und Dornen schlüpfenden Wildes, doch schmächtig von Wuchs, — Schattenpflanzen aus den feuchtschtoülen Gründen des Qrwaldes. Änd da waren Männer des Graslandes, mit freien, offenen Mienen, in den Augen die helle Weite ihrer unübersehbaren Heimat mit dem blauenden Himmel darüber: stämmige, erdgewachsene Recken mit Muskeln wie Stahl, öen Körper gestreckt vom Spähen über hochwucherndes Gras. Änd alle Männer mit Sprachen, von denen kaum einer die des anderen verstand. . . hier die düstren Sprachen der Buschbewohner, in der oft dünne, gellende Laute tote der Ruf warnender Tiere sind — dort der pffen-heitre Klang der Sprachen der sangesfrohen Leute vom Grasland. Doch bei den Gruppen aller Männer hockten gelbe Akka- Akka, häßliche Waldzwerge. Diese verstehen die Sprache vieler Stämme, weil sie auf der Fährte des Elefanten unstet durch den Wald aller Länder ziehen. Sie sind struppig und schmutzig und schlafen auf Bäumen. Von weitem schon hatte Samory den Rauch, der Lagerfeuer über dem Duschwald gesehen. Run erreichte er sie. Mit allen Männern umarmte er sich, mit jedem tauschte er die langen Höflichkeiten freundschaftlich«: Begrüßung aus, während aus dem Sklavenlager die Sklaven und Träger zusammenliefen, Almamys nachgeborenen Sohn zu sehen. . . Mitten auf der Lichtung hakten sich alle Männer in enger Runde zusammengesetzt. Vor ihnen kauerten die Akkaztoerge, die Dolmetsche. Mit vorgeneigtem Oberkörper saßen die Männer da, die Augen auf den in ihrer Mitte sitzenden Samory geheftet. Im Mondlicht glänzten die nackten Rücken und Arme, die gespannten Gesichter. . . „Brüder," begann Samory mit geheimnisvoll verschleierter Stimme, „mich dünkt, Gott Hai sich heute in diesen Mond verwandelt, der uns betrachtet und den Worten lauscht, welche wir sprechen. Gott ist alt, er hat schon alles gesehen und gehört, was jene, die vor uns in unseren Ländern lebten, getan und gesprochen haben. Gott hat auch gesehen und weiß, daß in diesem Teil der Erde einst große und mächtige Königreiche waren, viel größer und mächtiger als die, welche heute die Weihen haben. Doch mit der Zeit begannen einige Völker ihre Wohnsitze zu verlassen und mit dem Schwert in andere Länder zu ziehen. Es kamen Völker von der großen Wüste herunter. Viele blutige Kriege entstanden, viele unserer Brüder des Graslandes wurden als Sklaven in ferne Ander verkauft. Der große Wald hinter dem Grasland allein bot den Fremden noch Widerstand. Doch eines Tages kamen nun auch hierher Feinde, weiße und dunkelhäutige, in Schiffen vom großen Wasser her. Diese wollten nicht unser Land, sie wollten nur Menschen, um sie als Sklaven fortzuführen und zu verkaufen. Ihre Habgier war grenzenlos, ihre Grausamkeit ärger denn die der schrecklichsten Tiere. Mit Waffen, die wir noch niemals gesehen hatten, zogen sie in den Wald, brannten die Dörfer nieder und machten alle Männer zu Sklaven. Doch sie taten dies nicht allein. Älnfere eigenen Großen halfen ihnen dabei, denn die Fremden boten ihnen für Sklaven schöne Waren und Feuerwasser. So ist es einige hundert Regenzeiten lang gegangen, ilner- mehliche Mengen Schwarzer wurden geraubt und verkauft. Da kamen eines Tages noch, andere Weiße, Franzes und Gnglish und Belges, erst einige, dann viele und dann immer mehr. Diese Weißen wollten nicht unsere Menschen und nicht unser Land — nein, beides zusammen wollten sie. . . wollten, daß wir für sie arbeiten und ihnen die Schätze des Landes ausliefern sollten. Wieder kam es zu vielen Kriegen. Ihr wißt, wie lange der große Almamy mit oen Franzes gekämpft hat. Doch die Weihen hatten Maschine-guns und bessere KriegsM Sie besiegten uns 71 — überall Wir wurden MM als SNaven verkauft, doch wir wurden von den Weißen zu Sklaven in unserem eigenen Lande gemacht. Müssen wir nicht für sie arbeiten, Steuern zahlen, uns Meh und Frauen stehlen lassen und für sie sterben in den Kriegen, die sie mit anderen Weißen machend Mich dünkt nun, Brüder, diese Art Sklaventum ist noch ärger als das Geschick unserer Brüder von einst. Schon unsere Kinder werden als Sklaven geboren, nichts von unserem Lande gehört mehr uns. Doch wir haben uns an diesen Zustand gewöhnt. Wir sind in unserem Elend etngeschlafen wie der ermüdete Kranke in seinen Schmerzen. Doch wißt es: mich, Samory, hat Gott aufgeweckt! Mit zwanzig schmerzenden Schlägen hat er mich aufgeweckt. Aun bin ich ganz wach und sehe den Ozean unseres Leids. And Gott hat mir gesagt: Warum duldet ihr dieses Sklaven- kum? Warum befreit ihr euch nicht von den Weißen? Gab ich euch nicht Wunder und Zeichen genug, daß die Zeit gekommen ist? Seht doch, sprach Gott zu mir, so schwach sind die Franzes geworden, daß sie sich allein nicht mehr wehren können gegen ihre weißen Feinde. Haben sie uns nicht darum im großen weihen Krieg herbeigeholt? Sind nicht Tausende unserer Brüder noch bei ihren Soldatos, ihr Land zu beschützen? . . . 3a, mit den Franzes geht es zu Ende! Dieses alles sagte mir Gott, als er mich aufgeweckt hatte. And Gott sagte mir weiter dieses: Ich habe von den Franzes eine große Eiseirbahn durch die Wüste bauen lassen. Begreift ihr nicht, daß ich dieses nur darum geschehen ließ, damit ihr leicht ins Land der Franzes reisen, ihnen ihre Gewehre und Machine-guns, ihren Reichtum, ihre grauen rauben und alle Franzes totschlagen könnt? And denkt euch, Brüder: Die Franzes selbst rufen uns dazu! Sie haben einen Großen geschickt, welcher Generalla heißt, und dieser hat mir befohlen, in sechs Monden alle schwarzen Männer nach Timbuktu zu bringen, wo man in die Eisenbahn nach Franzesland einsteigt. Natürlich denkt der Generalla uns zu Soldatos gegen seine Feinde zu machen. Doch diesen Gedanken hat ihm Gott nur eingegeben, um ihn zu verblenden, versteht ihr, damit er uns selbst in sein Land führt. And so sage ich euch: Sendet alle, die gehen wollen, zum vierten runden Mond nach diesem in die Stadt Timbuktu. Nur schweigt zu ihnen von dem, was geschehen soll. Sagt ihnen als von Gott gesagt dieses nur: Keiner wird sterben, alle werden reich und glücklich heimkehren und dann keine Steuer mehr zahlen müssen. Sendet auch alle Kuhis mit, geht auch ihr selbst, daß wir Macht behalten über die Männer. Keiner fehle! Gott selbst, hat er mir gesagt, wird mit uns gehen und uns helfen, alle Weißen zu töten." Lautlos saßen die Männer da. Groß und staunend, voll wilder Begier leuchteten ihre Augen im Mondlicht. Es war ein langes und schweres Schweigen. Da hob der greife Akungo die Hand. „Brüder," begann er mit seiner klaren, in Achtung vor Samory gedämpster Stimme, „erlaubt nun dem alten Akungo auch, daß er euch seine Meinung über die Weißen sage. 3a, es ist wahr — einst lebten wir frei in unserem Land« dahin. Gott hatte uns gelehrt, einfach in der Aatur zu leben und sie zu genießen, statt, wie es die Weißen zum Brauch gemacht haben, sie zu großen Gewinnen auszubeuteü. Auch zu uns kamen vor zwanzig oder mehr Regenzeiten die Weihen. Es waren keine Franzes, es waren Alemans. Krieg aber haben wir nicht viel mit ihnen gemacht. And das kam so: Ein Großer der Weißen ließ sich zu mir führen. Wegen seiner Farbe hielt ich ihn für eine Wasserleiche oder für einen verzauberten schlimmen Geist. Doch an seinen Händen verbrannte ich mich nicht, wie es an denen eines bösen Geistes hätte geschehen müssen, und seine Augen, die die Farbe des Himmels hatten, blickten ähnlich wie die Augen unserer Frauen. Als ich mich überzeugt Hatte, daß er ein Mensch war, begann ich mit ihm zu sprechen. And da sagte er mir: Sieh, wir wollen nichts bei euch rauben und euch nicht töten. Doch, Gott hat die Erde allen Menschen gegeben, daß sie von ihr nehmen, was ein jeglicher braucht. 3n unseren Ländern, so sprach der Weiße, sind große Völker, die eine andere Art zu leben haben als ihr, und sehr nötig einiges brauchen, was Gott nur in eurem Lande gedeihen läßt. Dafür geben wir euch von den Dingen unseres Landes. And wir werden euch zeigen, wie man eurer fruchtbaren Erde ungeheure Schätze abgewinnen kann. Dadurch wird niemals mehr Hungersnot über euch kommen. 3hr werdet frei, reich und glücklich werden. Dies alles sprach der Weihe zu mir, dessen Augen die Farbe des Himmels hatten ..." „Ganz das nämliche, wie die Franzes zu uns," höhnte Samory. „Nur müßt ihr wissen, daß vieles wahr geworden ist, wie der Aleman es versprochen hat." „Eure Alemans kenne ich nicht, Mungo," ^vrach Samory. „Doch die Ehrfurcht vor deinem Alter gemietet mir, deinen Worten Glauben zu schenken. 3ch werde Gott fragen, ob wir die Alemans schonen sollen." Jetzt hob ein kleiner Mann mit rötlicher Haut die Hand. Gr trug eine Mutze aus rotem Leder, um die Schultern ein hellfarbiges Kleid, und am Gürtel viele Täschchen aus rotem Leder. Alles dieses war mit Koransprüchen bestickt. Dieser Mann ist ein Allah-Priester. Seine Augen sprühten ein schwarzes Feuer, als er mit halblauter, heißer Stimme begann: „Da du von Gott sprichst, Samory ... Mungo hat einen Gott genannt, den die Alemans ihnen gegeben hätten. Doch ich sage euch: Es ist nur ein Gott! Dieser Gott ist Allah, Muhamed ist sein Prophet, fein geliebter Sohn war Älmamy, Nknngos weißer Gott sagt: Liebet eure Feinde. Ob es die Weihen tun, weih ich nicht. Gott 2lllah aber sagt: Hasset eure Feinde! Vernichtet sie, tötet sie, schlachtet sie mit der Schärfe des Schwertes! Nehmt an euch ihr Hab und Gut, macht sie zu Staub und Asche, wie die Sonne der Wüste den Stein zu Asche macht! Tilgt sie aus, vergeht selbst ihren verruchten Namen! So spricht Allah, den ihr anderen alle einmal als den einzigen Gott anerkannt habt! Sind aber noch einige unter euch, die dem Gott der Fetische anhangen, so sage ich, Allahs geweihter Bote, euch: werft sie fort, verbrennt fiel Diese Götter sind nicht das geringste wert. Ein Beispiel von unzähligen: 3hr wählt ein Sier, den Leopard, zu eurem Heiligen, sendet Gott in ihn, dah er euren Feind zerreiße. Was geschieht? Es fällt dem Leoparden nicht ein, euren Feind zu zerreißen. Er schlägt eure Ziegen und frißt euch selbst, wenn er euch erwischt, Denn der Gott ist gar nicht in ihn gefahren. Warum? Weil er überhaupt nicht vorhanden ist. Ein anderes Beispiel: Eure Lieblingsfrau ist krank. 3hr geht zum Fetischgott, werft ihm die gute Speise vor, die ihr selbst essen wolltet, und bittet ihn, gute Geister zu eurem Weibe zu schicken und es zu heilen. 3hr kommt heim — euer Weib ist verreckt. Natürlich, weil eben euer Gott nur in eurer Einbildung besteht! Er ist ein elender, ein erbärmlicher, ein winzig kleiner Gott, so klein, dah man überhaupt nie etwas von ihm sieht. Doch Allah! Wie ungeheuer groß ist er! So groß, dah seine Arme den ganzen Wald, das Meer, die unendliche Wüste umspannen, versteht ihr! Allah kann alles, Allah macht alles! Er macht den Regenbogen, den Wurm. Er ist die Sonne, er ist das Feuer. Es ist auch gelogen, dah dieser Mond euer Gott sei. Es ist auch natürlich auch- kein anderer als Allah. Allah hat Macht über alle Menschen und Länder, ausgenommen das kleine Land der Weißen, welche Angläubige, also weniger denn Hunde sind. Sie sind eure Feinde, all ihr Trachten geht daraus hin, euch zu schädigen, zu verfolgen, zu töten! Darum will Allah, daß ihr sie tötet! Tod und Vernichtung allen ungläubigen Weißen! ... Wie dumm, tote gemein sie sind, seht ihr daraus, daß sie euch selbst verbieten! wollen, viele Frauen zu haben. Sie haben sich dafür 6en lächerlichen Grund ausgedacht, daß die jungen Männer nicht die Mütter ihrer . Kinder nach ihrem Gefallen wählen könnten, wenn reiche Männer nach Belieben die Mädchen sich, kaufen. Da seht wieder Allah! Er will, daß ihr viele Frauen habt! So viele, als ein jeder bezahlen kann. Viertausend von Allahs wegen, wie Muley 3smael, der große Sultan! Alles, was euch freut, will Allah. And er will den Tod aller, die anders wollen als er! Tod und Vernichtung den ungläubigen Weihen! Für Kampf und Tod im Kampfe verheißt euch Allah alte Seligkeiten des Paradieses. Auf in den Krieg gegen die Weihen! 3n den Heiligen Krieg!" Das düstere Feuer feiner Rede und die Wildheit seiner Gebärden hatten alle Männer zur Begeisterung hingerissen. 3n aller Äugen flammte Hatz, Raserei. Ein großer Fan, dessen Kinnbart durch eingeflochtene Wollfäden bis zum Nabel verlängert war. schlug wild die Speers wider seinen Büffelhautschild und schrie: „3n den Heiligen Krieg gegen die Weihen!" Gin riesiger Haussa schwentte die Keulen seiner Arme und schrie: „Sie haben uns den Handel verdorben! Auf, in den Heiligen Krieg gegen die weißen Hunde!" And die Zwerge, zwischen den rasenden Männern hintanzend, heulten es in allen Sprachen: „3n den Heiligen Krieg gegen die Weißen Hunde!" Da richtete Samory seine hohe Gestalt auf, alle anderen überragend. And alsbald war wieder lauerndes Schweigen, in das der Mond Afrikas fein grünschillerndes Licht warf... „Brüder! Wir haben Allah als den einzigen Gott erkannt und 'ein Gelöbnis getan. Laßt es uns mit unserem Blut unverbrüchlich machen!" Samory nahm eine Kürbisschale, goß Palmwein hinein und ritzte sich mit Almamys Messer die Haut seines Armes. Alle Männer nahmen das Messer und taten wie er. Das Blut aber ließen sie in den Palmwein tropfen. Er färbte sich rot. Dann weihte ihn der Priester, indem er die kleinen Ledertafchen mit den Koransprüchen hineintauchte und mit wild schreiender Stimme dazu betete. Sein Geschrei mischte sich mit dem Ruf einer Eule. And nun hob Samory die Schale an seinen Mund, tat einen langen Zug. Von Mund zu Mund ging die Schale. Alle tranken. Ste Schale ward leer. Da zerbrach sie der Priester und sprach: „So ist es um die Weißen geschehen!" — W - Schriftleitung: Dr, FrieLr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brübl'kchen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange- Vieh««. Der Fährmann von Niederhausen. Von Heinrich Dechtolsheimsr, (Fortsetzung.) „Du hast recht," sagte der Mann, „die Dicht zwickt mich in den Deinen, and mit dem Fuhrwerk kann ich nicht mehr fo recht umgehen." . 1 „Der Hannes Wild," erwiderte die Frau, „ist ein braver Mensch, mit dem kriegen wir keine Last, der tut, was toir wollen," „Schaffen kann er," war die Antwort, „aber er ift sonst recht überzwerch, Staat kann man mit so einem Lochtermann nicht machen. Die Leute lachen, wenn er so breigedreht daherkommt und so langsam spricht. Er hat aber, das mutz man gelten lassen, ein schönes Vermögen, Frau, rede du einmal mit der Christine und frage sie, wie sie gesinnt ist." Damit stand Peter Wenzel auf und ging, tote es am Sonntagnachmittag feine Gewohnheit war, zum Kartenspiel in das Wirtshaus, Die Rachbarsleute hatten wahrgenommen, daß Metz längere Zeit bei Wenzel verweilt hatte, und mit dem Instinkt, den man in solchen Dingen in einem Dorfe hat, hatte es sich ichlwll herumgesprochen: Der will eine Freievei machen, Sogar bis zu Nikolaus Sachs und feinem jungen Freunde war diese Nach- richt gedrungen. Michel wollte gerade nach Hause gehen, um die Pferde zu füttern, als der Müller von Oberhausen, der m Riederhausen gewesen war, dem Fährmann die Kunde zurief, Da war Michel ganz bloß geworden, wie geistesabwesend ftarrte er vor sich hin. Soeben noch lagen die jenseits der Rahe ansteigenden Höhen in ihrem grünen Schmucke vor ihm, und der Fluß schimmelte im Lichte der nach Westen hinübergleiten- den Sonne, das Wasser rauschte, als sänge es em schönes Volkslied, und nun war dem Jüngling alles schwarz und düster, und tote Totenklage tönte es ihm aus den vorüber- gleitenden Wellen entgegen. Dem Fährmann war die Bewegung seines jungen Freundes nicht entgangen. „ , „ ... „Michel," sagte er, „ich sehe, daß du ein Auge auf die Christine hast. Glaube doch nicht, daß der alte Wenzel. awch wenn er ein guter Kerl ist, dir seine Tochter gibt. Du bist ein armer Kneckt, und sie ist eine reiche Bauerntochter. Geld will zu Geld, und eher läuft die Rahe nach Oberhausen, als eine Bauerntochter einen Knecht nimmt, Sei kein Narr! Wenn ich jung wäre wie du, ich ginge gleich nach Amerika, dort liegt das Geld auf der Gasse. In zehn Jahren bist du drubeiV ein gemachter Mann, und wenn du dann wieder nach, Rieder- Hausen kommst, fo lachst du die reichen Bauern aus Der junge Mann erwiderte kein Wort auf die Rede seines Freundes, er sagte nur: „Ich muß jetzt in den Stall, gute Rächt, Rikela," , . - , ™ Auch Christine hatte unterwegs schon gehört, daß der Makler bei ihren Eltern gewesen sei, und die Freundinnen, bei denen sie weilte, hatten scherzhaft gesagt: „Zu deiner Hochzeit mußt du aber uns alle einladen. Sag uns doch, wer dem Hochzeiter ist. Christine hatte gelacht; denn sie hatte gedacht, daß der Makler dem Vater etwas habe abkaufen wollen, dann aber wurde sie bedenklich und unruhig. Die anderen fangen ein gefühlvolles Lied vom Schatz, der em Reiter ist und Abschied nimmt, um in den Krieg zu ziehen, da verließ sie still die Stube und eilte nach Hause. Sie traf die Mutter in der Küche beim knisternden Feuer. Mutter, was hat der Metz gewollt?" fragte sie hastig. Die Mutter war etwas verlegen, wußte nicht recht, wie sie diese Frage beantworten sollte. Dann setzte sie sich auf den Küchenschemel und sagte: „Christinchen, der Vater kann nicht allein die Arbeit besorgen, es muß ein lunger Mann in das Haus, du kannst eine gute Partie machen," Wer ist es, Mutter?" "Es ist dem Vetter Wild von Obermoschel sein Hannes, er ist ein braver und sparsamer Mensch." „Mutter, den überzwerchen Hannes, über den die Leute ihre Spässe machen, den soll ich nehmen? Das könnt ihr mir nicht antun. Ich müßte mich ja schämen, wenn ich mit dem über Land ginge, Voriges Jahr war er auf dem Kreuznacher Markt, da haben einige Spaßvögel gesagt, er müsse eine Person heiraten, die dort die Harfe spielte. Da haben sie der Person Geld gegeben und sie hat sich im Tanzzelt dicht neben den Hannes gesetzt und gesagt, er sei ihr Hochzeiter. Da hat er sich so geschämt, • baß er geweint hat, bis der Johann Michel Günther von Feil gekommen ist und den Spaßvögeln gesagt hat, sie sollten ihre Dummheiten mit dem armen Kerl lassen." .Christinchen, der Hannes ist ein guter Mensch. Wenn auch die Leute manchmal über ihn lachen, das hört auf, wenn er eine tüchtige Frau hat. Er kriegt ein schönes Vermögen, lauter gute Aecker hat sein Vater und drei Morgen Wald, und seine Mutter gibt ihm so viel Getüch mit, daß seine Frau ihr Lebtag nichts mehr anzuschaffen braucht," _ , _ „Mutter, lieber gehe ich in die Rahe, als daß ich den Hannes nehme." „Wie gemahnst du mich, du irrst ja. so, als ob die «n anderer tm Kopfe stecke." Christine, die blassen Angesichtes vor der Mutter gestanden hatte, wurde bei diesen Worten glühend rot, doch die Mutter nahm nichts davon wahr, da gevade aus einem Topfe das kochende Wasser überlief, und sie den Deckel abnehmen mußte. Die Tochter eilte in ihre Kammer und war an diesem Abend nicht mehr zu sehen. Ein seltsames Zusammenleben der Menschen, die im Hause waren, begann mit diesem Tage. Kaum ein Wort redete Christine mit Michel, so daß die Eltern glaubten, sie sei stolz geworden und halte sich für zu gut, dem Knechte ein Wort zu gönnen, lieber den Antrag des Valentin Metz wurde im Hause nicht mehr geredet, die Arbeit drängte, unb alle waren von früh Äs spät bei der Arbeit. Jeden Tag galt es, Klee zu mähen und Dickrübenblätter für das Vieh nach Hause zu bringen, Im Wingert wurde das Unkraut ausgehackt, nachdem man schon früher die Reben mit Stroh ober Bast an die Pfähle geheftet hatte. Wer auf der Landstraße durch das Rahetat ging, sah. wie die Leute an den BerghLngen im grünen RebgMnde arbeiteten, hörte, tote der Karst auf dem steinigen Boden klirrt«, wie die jungen Burschen dort sangen ober einander über weite Entfernungen zuriefen. Weiter unten und im Tale waren Frauen auf den Aeckern, um Klee zu schneiden, Männer hackten Kartoffeln, die Gänseherde zog auf Feldwegen einher, und der Fluß zog langsam dem Rheine zu. Im Schilf schnatterten die Enten. Frühzeitig kam in diesem Jahre die Kornernte: denn die Sonne hatte feit Pfingsten mit Hellem Glanze geleuchtet, und anhaltender Regen war ausgeblieben. Die Leute des Peter Wenzel banden Gerste auf einem Acker, der an der Landstraße nach Aorheim liegt. Es war Samstagabend, und die Glocken hatten schon den Sonntag eingeläutet, aber noch durfte die Arbeit nicht rußen; denn man wollte das Getreide Über den Sonntag nicht ungebunden auf dem Felde liegen lasten. Michel Klee und ein Taglöhner banden die Garben mit starken Strohseilen zusammen, Christine und die Dienst- magd trugen das geschnittene Getreide herbei und legten es auf die Seile. Peter Wenzel rechte die liegengebliebenen Aehren zusammen, Allmählich wurde es dämmerig, aber noch war man nicht am Ende des Ackers angelangt. Auf der Straße hielt der Erntewagen, nun lenkte ihn Wenzel über die Stoppeln, weil man mit dem Binden fertig war und laden konnte. Der Tag- Löhner gabelte die Garben, die ihm die Magd reichte, hinaus aus den Wagen, und Wenzel setzte sie zurecht. Michel und Christine waren etwas abseits von den anderen mit dem Binden der letzten Garben beschäftigt, Es fing an zu dunkeln, die Mondsichel stand über Len Höhen der rechten Flußseite, es war still, nur ein Erntewagen knarrte auf der Straße vorüber. Da, in der Ruhe und Feierstimmung des Abends faßte sich Michel ein Herz und sprach zu dem Mädchen: „Christine, im Dorfe erzählen die Leute, baß du den Obermoscheler Hannes heiraten sollst," „ „Ach, Michei." sprach sie, „wie ist mir das Herz so schwer. Der Hannes ist ja kein böser Mensch, ober ich kann ihn nicht aus- stehen mit seiner ungeschickten Art und seinen langweiligen Gesprächen. Mit einem solchen Manne kann ich mein Leben nicht zubringen." „ , < „Christine, ich hatte gemeint, daß ich dir nicht gleichgültig sei. Sieh, ich bin ja nur ein armer Bursche, und meine Eltern waren geringe Leute, aber ich kann schaffen, und dann, du bist mir lieber als alles. Mit dir ging ich bis ans Ende der Well. Wir hatten einen Kapitän in unserem Regiment«, der hatte die Brust voller Orden, der Marschall Reh hat ihm bei der Besichtigung die Hand gegeben, er war der Sohn eines Holzhauer- aus Pfalzburg bei Zobern." „Ich weiß, Michel, daß du alle Arbeit verstehst, der Vater hat schon oft gesagt, daß er dir das ganze Gut anvertrauen könne. Wir zwei könnten miteinander glücklich und zufrieden leben. Was helfen die Aecker, was hllft das Geld? Der Franz Höfer aus Ebernburg hat sechzig Morgen Aecker gehabt und hat bare fünftausend Gulden mit in die Ehe gebracht und ist ein so schrecklicher Trinker geworden, daß man ihm alles versteigert hat. Und die Eva Kilz von Aorheirn, die so viel Geld geerbt hat, ist am Nervenfieber gestorben." „Christine, ich weiß, tote wenig Werk das Geld hak. MU zweihundert Mann ist meine Kompagnie bei Leipzig in das Gefecht gezogen, und, als wir uns am vierten Tage gesammelt haben, waren es nur noch dreißig. Alle anderen sehen die Heimat nicht mehr, es waren Söhne reicher Eltern unter ihnen, der Sohn eines Weinhändlers aus Neustadt an der Hardt, und der Sohn eines Notars aus Bingen." . Der Erntewagen, der zur Hälfte beladen war, fuhr naher heran, und das Zwiegespräch der beiden war beendet. Im Abenddunkel bewegten sich die arbeitenden Menschen um bat Wagen, bald war er belaßen. Wichel faßte das Zu--der-Hand- Pserd am Zaume, und heimwärts ging die Fahrt, In tiefem Schweigen ging Christine neben ihrem Vater her, (Fortsetzung folgt)