Giehener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, den 3. Zebrüär “ — Ideal und Leben. Von Jakob Botzhardt, In den Lüften treibt licht eine Wolke, auf der Erde ihr Schatten schleicht wie ein trauriger, wegmüder Wand'ver, der nimmer sein Ziel erreicht. Mich deucht, ich sehe mein Leben» wie es doppelt vorüberschwebt, am Himmel, wie ihr's geträumet, sm Tale, wie ich's gelebt. Anuradhapura. Ein Reifebrief von Professor Dr. &. von Hutten. Anuradhapura l Bei diesen, Klange ersteht vor uaserm Geiste eine persunkene, traumhafte Märchenwelt. Gleich dem sagenhaften Dineta, welches ins Meer verdank, liegt hier im Wildnismeere der Paradiesinsel Ceylon, von tausendjähriger Vergessenheit überflutet, eine uralte Königs- stadt begraben. Wo wir uns heute mühsam auf Dschungel- Pfaden durchwinden, regte sich einstmals das hundertfältige Treiben bunter Volksmengen, zogen festliche Prozessionen zu goldig schimmernden Tempeln, sausten die Gefährte der Könige, schwankten die Sänften fürstlicher Frauen durch die St rasten. Diese Glanzzeit Anuradhapuras fällt vor Beginn unserer Zeitrechnung^ doch noch im 5. Jahrhundert n. Ehr. schildert der Chinese Fa Hian die Stadt „mit breiten Strasten, goldenen Palästen, bergähnlichen Tempeln", als „ein Wunder der Herrlichkeit'. Rur die Tempel haben dem Sturm der Zeiten widerstanden und ragen als Wahrzeichen vergangener Gröhe über die Kronen der Wälder empor, ihre wunderliche, bienenkorbartige Form — die nach alten Berichten den Himmelsdom oder eine Wasserblase nachahmt — bewahrend. Wie in der Erinnerung aus der geheimnisvollen Einsamkeit Bild um Bild austaucht, mögen sie hier erscheinen! Thuparama! Weich und voll liegt das Mondlicht auf einer Wiesenmulde. Ein Weiher zittert unter seinen Strahlen: Lotoskelche wiegen sich über kreisförmigen Riesenblättern: zwei graue Reiher stehen unbeweglich am Äserrande. Seitlich begrenze» das nächtliche Bild ragende Walümauern: einzelne, vielästige Hochbäume wurzeln noch in der Lichtung. Aber was schimmert dort, weihglänzend und schlank, um« kränzt von funkelnden Lichtern? Verfallene Stufen mit seltsam gewundenen Seitenwangen führen zu einem quadratischen Unter« bau auf dessen Mitte sich eine schneeweiße, glockenförmige Kuppel in sanfter Rundung erhebt, ausstrahlend in einen zu- gefpltzten Aufsatz, der fingerartig zum Himmel weist. Ein doppelter Kranz zierlicher, im Unterbau wurzelnder Säulen mit feinen Kapitalen, von der Gewalt der Zeiten «ach allen Richtungen hin geneigt, zeichnet sich gegen den violettblauen Aachi- hünmel ab. Vier schlanke Palmyrapalmen, die wie ein Vorbild ihrer Form erscheinen, wiegen ihre zierlichen Kronen hoch über Den gesenkten Säulenhäuptern. Durch ihre zarten Wedelblätter funkelt in magischem Scheine das Sternauge des Kanopus. Um die Basis der Kuppel, die, ringsum geschlossen und ohne Eingang, wie ein rätselvolles Geheimnis daliegt, zittern dre Flümmchen der Opferlampen, hauchen die Kelche großer Wunderblumen ihren berauschenden Sterbeduft in die Rächt. Dollmondnacht ist heute! Rings auf den Steinen kauern Alle Beter und bringen ihre Liebesopfer dem Andenken des großen Weisen, der ihnen den Weg gewiesen aus dem Drangsal der Er den not, und von dessen Haupte ein einziges Haar der schweigende Kuppeldom umschließt. Die flach zufammengefügten Hände zur Sttrne erhoben, neigen sie in Verehrung ihre Leiber zur Erde: lerse murmelt ihr Mund. Kein Priester drängt sich zwischen ihre Andacht und deren Gedankenbild. Diese Beter wissen, Last et, den ihre Lippen anrufen, sie nicht mehr hört, datz er ruht tn ewiger, seliger Erhabenheit in einer Welt, in der nicht Ton und Wunsch noch Zeit und Raum ist. Sie wissen oder ahnen doch, das), wie sie hier knien, sie allein den Gott der eignen Brust beschwören und nur das Vorbild jenes Großen, sich zur Stärkung, suchen, der den Ahnenweg der Vollendung sieg reich vollbracht hatt Reben einem flachen Steiualtar, der überschätzt ist mti Lotosblumen und duftenden gelben Dempelblüwn, sitzt einMöwh und erzählt dem Kreise niedergekauerter Gestalten eine jener schlichten Sagen von Gautama Buddhas früheren Existenzen eine „Jataka". Viele dieser Erzählungen stellen gleichsam nur eine Apotheose der allumfassenden Herzensgüde dar, jener Alb- Liebe, welche die Erlösung für alles Erdenletd, der Weg zur Fortentwicklung ist, und zur höchsten Erkenntnis. Die Thuparama ist das älteste Denktval dieser Stätte, zugleich das älteste buddhistische Baudenkmal Indiens. Sie ward von dem singhalesischen König Dewsnipa- tissa 300 v. Ehr. erbaut. Lange Zeit bewahrte ein kleiner Rebenschrein, der noch unversehrt erhalten ist, ein Zahn Buddhas, bis derselbe als heilige Reliquie des Vollendeten nach Kandh gebracht wurde. Durch eine Allee hochragender Bäume gelangen wir an eine Mauerpforte, hinter welcher ein quadratischer Vorhof sich ausdehnt. Bruchstücke von steinernen Säulen, Tiergestalten und Treppenskulpturen liegen umher ober stecke» im Boden: eine Duddhafigur mit edlem GefichtSauSdruck ist bis aur Hüfte von Erde bedÄt. - Einige schmale Stufen, deren Poster von sog. Wächtern, zwerghaften Menschenfiguren, und Reliefs fünfköpfiger CobraS (Brillenschlangen) flankiert find, führen auf eine höhere Terrasse. Um diese zu besteigen, müssen wir eine halbkreisförmige Steinplatte überschreiten, die bedeckt ist mit überaus zierlichen, in konzentrischen Feldern ungeordneten Reliefs. Wir sehen springende Pferde, Elefanten, Rinder und Löwen in den äußeren Kreisen: dann folgt ein Band stilisierter Kelchblätter der Lotosblüte, und herauf eine Prozession von „HansLs", die sowohl Schwäne wie auch die heilige Gans vorstellen können, während bas Mittelfeld wieder eine Darstellung der Lotosblüte mit ihrem sonderbaren Fruchtkolben einnimmt. Das ist einer jener merkwürdigen Mondsteine, die sich nur in Ceylons Ruinenstätten vvrfinden, und deren eigentliche Bedeutung noch nicht erklärt ist. Roch zwei kleinere Terrassen ersteigen wir und stehen vor einem steinernen Gitter, welches den, heiligen Bereich des Bo-Baumes umschließt. Ein kleiner, uralter Feigenbaum reckt feine knorrigen Äeste, gebeugt von den zwei Jahrtausenden, die seine Blätter kommen und fallen sahen. „®c wird nicht wachsen, nicht vergehen," so sprach die Prophezeihung. Bald wird dieser grünende Baum der historisch älteste ssinLs Geschlechtes sein, da sein Stammvater, der Buddbabaum zu Gava, dem Absterben nahe ist. Heute, an einem Pujahtage, zur Feier des Vollmondes, umwandelt eine Schar barhäuptiger Priester mit Lichtern in den Händen und unter leisem, stimmungsvollem Singen langsamen Schrittes den heiligen Baum: auch Laien aus der spärlichen Bewohnerschaft des Oertchens haben sich angsschlossea. Rauscht im Abendwind ein welkes Blatt vom Bo-Baum hernieder, so wird es ehrfurchtsvoll vom Boden aufgehoben, um als heiliger Talisman bewahrt zu werden. Gin lebendes Blatt vom Baum zu brechen, wäre eine mit zahllosen Wiedergeburten zu büßende Sünde. Wir nahen nun der A u a n w e l l i, der besterhaltenen und schönsten der großen Dagobas. Erst vor kurzem ist der massiv aus Ziegeln aufgeführte Kuppelbau von der umhüllenden Erdschicht befreit: er besitzt noch jetzt an seiner Basis einen Durchmesser von 380 Fuß und eine Höhe von 150 Fuß. Die dreifachen Terrassen seines Unterbaues schmücken Skulpturen von Elefanten- und Löwenhäuptern. Zum Teil noch sehr gut erhalten. Reunmal, so sagt die Ueberlieferung, sei das gewaltig« Fundament in die Erde gesenkt und stets neu errichtet, auf daß das Denkmal bis zum Ende der Zeiten währe. Roch fünf andere Dagobas erheben sich auf Anuradhapuras Boden, von denen die größte die um 89 vor Ehr. erbaute, 320 Fuß hohe Abhahagiri (Berg der Furchtlosigkeit) ist. Aber außer diesen imposanten Denkmälern begegnen uns auf Schritt und Tritt im Walde die Ueberreste einer untergegangenen Welt. Hier stehen in endlosen Reihen anderthalbtausend steinerne Granitpilaster, manche darunter wie müde zum Boden geneigt: doch die Mehrzahl trotzte aufrecht der Zeit, die längst die golden schimmernden Dächer unb Türme und den glänzenden, neunstöckigen Aufbau zerstörte, dessen neunhundert Kammer« einem durch Königsgnade beschützten Priesterheere Obdach bot, Einige Schritte abseits von unserm schmalen Waldpfad finden wir in den Boden eingelassen ein rechteckiges, von gut erhäl- - 38 — leinen Brüstungen umrahmtes Bassin, zu dem schön skulptiert« tztusen niederführen. Hier labten ehemals des Königs Frauen chre schlanken, dunkeln Leiber in der Aut. Etwas tiefer im Waldesdunkel liegt die Quadernflut eines königlichen Pavillons aufrecht ragt noch das Steingerüst der Gingangspforts empor, mit Insignien des Königtums geschmückt. Diese mächtigen Monolithpflaster, welche selbst die Macht der Zeit nicht im Boden lockern 'konnte, sie dienten, des Königs Elefanten anzubinden. Die liegenden Steintröge von kolossalen Dimensionen waren die Tränken der gewaltigen Haustiere. Jeno im Rechteck geordneten Steinposten aber, die wie von langjährigem Rauch erscheinen, waren die Stützen eines Säulenbaues, in welchem eidbrüchige Priester den Feuertod erlitten haben sollen. Weiter hinauf in der Waldstille liegt ttn Grase versteckt das Bildnis einer steinernen Kuh auf einer Scheibe; ein Hebelarm ist daran befestigt, und Heute wie vor zweitausend Jahren drehen den Hebel die Hände zartgliedriger Frauen, um durch diesen Akt die Sehnsucht ihres Herzens — einen Sohn — zu erlangen. Durch das dichte Anterholz schimmert eine Lichtung — dort steht in wundersam feierlicher Hohheit ein überlebensgroßes Duddhabild, ein wenig geneigt und die steinerne Haut vom Zeitenzahn zernagt. Trotz der Verletzungen spricht das Auge, das Antlitz noch von höchstem Siege und tiefstem Frieden. Hier, inmitten meilenweiter Ruinenstätten, wo nur die Wipfel der Waldbäume sich noch vor ihm neigen, steht die Erscheinung da gleichwie die unsterbliche Seele, welche den Körper überdauerte; die alte Stadt, die alte Zivilisation, deren Lebenspulse einstmals dieses stummen Bildes weltentiefer, geistiger Inhalt durchdrang. Einst deckte wohl ein stolzer Tempel seinen Scheitel. Jetzt findet flch nur noch das Fundament einer großen Bethalle und davor, im Grasboden halb versunken, eine seltsame Steinplatte, etwa 1 Meter im Geviert, in welche 25 vertiefte Fächer eingemeißelt sind. Das ist ein Boga-Stein. In die Vertiefungen versenkt« der meditierende Asket den Blick, bis ihm die Außenwelt ver- fank und über den Brauen jenes innere Licht aufging, das den Schleier des Scheins durchdrang und der Dinge wahres Wesen erhellte. ‘ Lind so ist der ganze Waldesboden in meilenweitem Umfang durchstreut mit den beredten Zeugen einer glänzenden, kunstsinnigen und nach innerlicher Vertiefung strebenden Kultur. Roch fortwährend werden neue Ueberreste blohgelegt. Im Kamp unseres Freundes Wickremasinghe, der im Dschungel Anurad- Srras im Auftrage der Regierung Ausgrabungen leitete, n wir eine Anzahl zierlicher, höchst ausdrucksvoller, mänN- r Gesichter, aus einer Art Gipsmasse modelliert, fast alle in' drastisch-drolliger Weise die mimischen Verzerrungen des Lachens und Lächelns darstellend. Diese Maskeir waren soeben auf dem Friese eines Ronnenklosters vorgefunden; sie stammen offenbar aus einer späteren Periode. Deutlich waren hier auch die Spuren einer früheren großen Straße blohgelegt, die auf weite Entfernung durchgeführt gewesen sein muh; auch die guterhaltenen, sehr stattlichen Reste einer großen Anterkunftshalle für pilgernde Priester aus der- felben Periode zeugten für die reiche Entfaltung öffentlichen Lebens auch noch zu jener Zeit. And wo die monumentalen Aeberreste ein Ende haben, da erzählen die wunderbaren Bewässerungsanlagen von dem Anternehrnungsgeist jener Zeiten. Der „Kanal der Riesen" von 54 englischen Meilen Länge verband ein Wasserreservoir von sieben Quadratmeilen Oberfläche, den Kalawewa, mit der Hauptstadt und speiste wiederum den Tissawewa bei Anuradhapura, einen gewaltigen, künstlichen See, der nun zwischen seinen mit weidenartigen Bäumen bestandenen .Uferdämmen in weltveo- lassener Oede ruhend daliegt. Krokodile sonnen sich ihm abholen liehe? Ihr wißt doch, der General ist mein guter Freund! Ihr wißt auch, was auf Raub und Mord steht, und das Kriegsgericht fackelt nicht lange." _ Die Schelme machten erbärmliche Gesichter. Der schwarze Pedro wurde vor Angst ganz grau, klappte mit den Zähnen und legte die Hände zusammen, als tue er ein letztes Stotz- gebet. , Dvsdauerte den Agenten, und er meinte heimlich zu Dauk- hage: „Die Kerle haben ihre Portion Angst gründlich genossen. Lasten wir sie mit diesem Denk,zettel laufen. Ich will ihnen noch eine kurze Schluhbetrachtung widmen, datz ihnen der Boden von Aw do Bugre für immer zu heiß werden soll." Der Schiffer lieh die Käfige öffnen und die Gefangenen! antreten. Die standen wie Butter an der Sonne Offenba" ging eS jetzt zum General, und dann wurde es sehr böse. Der Agent donnerte sie noch einmal an: „Wißt ihr was ^r. wie Salzwasser auf einem zerschlagenen JMtaei tut k Treffe ich noch einen von euch jemals wieder in Rio do Bugre, so ist er reif! Ich lasse ihn vom Fleck weg vor den General bringen. Der würde nicht lange fackeln. Ihr könnt euch Kapitän Lührs hatte Wohl oder übel an Bord der „Gloria" bleiben und den Kreuzer der Aufständischen über die Barre in den Ozean lotsen müssen. Das ging ihm freilich sehr gegen den Strich, und er fluchte für sich im kräftigsten Seemannsdeutsch auf den „verdammten Smierpott", auf den ihn das Mihgeschick so unverhofft gebannt hatte. Kommandant Moreira war gegen alle seine Pläne gewesen, und er wuhte in Wahrheit nicht recht, wohin er jetzt Kurs setzen sollte. Er konnte sehr leicht einem Panzer der Regierung in den Rachen laufen, und dann war es für die „Gloria" und ihn selbst Matthäi am letzten. Denn die beiden Granaten mit Zündern waren der Rest der schweren Munition gewesen, und auf Pardon durfte Moreira kaum rechnen. Dafür war die Wut gegen ihn zu grotz. Im allergünstigsten Falle durfte er die Flagge streichen und wanderte für unabsehbare Zeit nach Fernando Roronha. Wenn man ihn aber irgendwo im blauen Ozean absaufen lieh, so krähte kein Hahn danach. Kein Wunder, dah er wie ein büillender Löwe umherging und jeden Matrosen böse anfuhr, der ihm in die Quere kam. Die Mannschaft hatte ihren schönen Mut ebenfalls verloren, und mancher Maat, der sich auf ein bißchen Plündern in Rio do Bugre gefreut hatte, strich die Segel der Zuversicht und sah betrübt in die Zukunft. „Wohin geht der Kurs?" fragte Kapitän Lührs den Wachhabenden auf der Brücke. Der Offizier zuckte die Achsel: „Das soll der Teufel wissen! Fragen Sie den Kommandanten!" Das tat Lührs wirklich, denn er hatte vor Moreira keine Angst. „Weih ich selber noch nicht, Senhor Lührs," knurrte Moreira. „Lassen Sie den Kahn laufen, wohin er will!" „Auf solche Ravigation bin ich nicht eingeschworen, Kommandant. Lassen Sie mich irgendwo an Land fetzen! Ich habe meinen Dienst als Lotse getan." Davon wollte Moreira aber nichts wissen. „Sie bleiben an Bord, bis ich es anders bestimme." Das paßte Whrs durchaus nicht, und er bedachte die gesamte Besatzung mit Ehrentiteln, für die sie ihm kaum gedankt haben würde, falls sie feine Anerkennungen verstanden hätte. Eine ungemütliche Stimmung herrschte also an Bord. Sie wurde auch nicht besser, als Lührs in der Offiziersmesse zu Tische sah. Der deutsche Schiffer zog die Rase kraus, als er den gedeckten Tisch musterte, denn wenn er sich an Bord seines „Dom Pedro" vor seinen Teller setzte, so war in der Kajüte alles blitzsauber, von der Gabel bis zur Weinkaraffe. Bei den Herren der „Gloria" aber schienen die schwarzen Ordonnanzen es nicht o genau zu nehmen. Die Gläser zeigten Spuren der Finger, die sie auf den Disch gestellt hatten, das Tischtuch war auch nicht blütenweih und in der Oelflafche schwammen einige Fliegen. Auch der Wein, den Kommandant Moreira zu Tisch geben lieh, war „suspeito".*) „Gott mag wissen, wo dieser Rachenputzer zusammengebraut ist und an welchem Brunnen er noch gewassert wurde!" dachte Lührs. Aber die Weinflecke auf dem Tafeltuch waren dauerhaft und bildeten ein hübsches Muster. Doch die Herren in der Messe schienen das nicht zu bemerken. Auch das Essen erschien Lührs nicht zu verlockend. Reis und schwarze Bohnen an den geraden, schwarze Dohnen und *) Verdächtig. Arm. Sie schaut mir mit leuchtenden Aktersaugen ins Ge- i sicht: „Du wirst totebergeboren werden als eine schöne Priw- zestin!" spricht sie zu mir. And wie ich, sinnend über die le- I^idige Macht dieser todbesiegenden Aeberzeugung, auf den Stufen niedersitze, wiegt über der Haubenkrone eines Ragasteins, ter eine fünfhäuptige Eobra darstellt, das lebende Ilrbild sein Köpfchen und blinzelt so eindringlich und weife, als könnte es das uralte Rätsel mir lösen! In der Dämmerstunde ruft ein Glöcklein von dem Eiw- gmigstempel der verfallenen Miriswetiya-Dagvba eine spär- nche Deterfchar zur Abendandacht. Ein weihgekleiteter Priester smgt in leisem Tonfall Pali-Verse ab, und: „Sadhu, Sadhu!" weilig), repvndiert der Chor der Beter, die hingestreckt die Steinslur mit der Stirne berühren oder die Hände über dem Scheitel zufammenlegen. Als Leuchten im Dunkel senden über die Häupter der Andächtigen Tausende von Funkelmsekten ihr Licht aus. Wir treten in den schmalen Innenraum des Tempels und ™ des in Rirwanaruhe hingestreckten goldenen Buddhabildes die Lotosblüten nieder, welche uns der Priester, als sei es selbstverständlich, in die Hand gedrückt. And wer würde nicht in stiller Ehrfurcht diese Mumen- tpente tem großen Menschenvorbild weihen, ergriffen von ter Erhabenheit einer Weltanschauung, in der Millionen unserer Brüter die Leuchte ihres Daseins, die Lösung aller Grdenrätsel, die Derheitzung einer ewigen Vollendung finden. <— 40 — Reis an de« ungerade« Lage« war eine mcht lukuLsche SpeLse- folge, und das Fleisch war auch schon knapp. Dre Tarque.) war zähe, und wenn man ihre Stapel auf Deck sah. wofie Wind, Wetter und andern Dingen ausgesetzt war. so verging einem die besondere Eßlust. Aus der Dohnenbruhe fischte Lahrs hin und wieder eine Barata"). die auf dem Wege von der Kambüse in den Raps geraten war. Dem Steward der LWse schwn ein solches Tierchen auch nicht gerade am rechten Platz zu sein, wenn er es in der Brühe schwimmen sah, und er langte es oft genug mit flinken Fingern heraus. Das aber erschien Luhrs nicht geeignet, den Appetit zu erhöhen. Der Steward mdeS servierte ohne Gemütsbewegung weiter. Vsui Deubel!" sagte Luhrs einmal laut und schob den Teller zurück. Der Kommandant schneie die Ordonnanz an. aber alle Herren atzen ruhig werter. Was sollten sie machen? Man schwamm auf dem Ozean und war froh, wmn man nicht die letzten schwarzen Bohnen bereits rm Leibe hattL Es störte sie auch nicht, wenn der Keine muntere Dselfaffe durch das geöffnete Oberlicht der Messe herabgeturnt kam rmd an der Kette der grotzen Tischlampe seine Kunststücke vollfuhrte. „Run fehlt nur noch, datz die freche Kreatur in den Bohnen- »apf fällt." dachte Lührs ingrimmig. Aber das Aefflem tat ihm den Gefallen nicht. Es klammerte sich mrt der Hinterhand an den Lampenhügel, lietz sich herabhangen, langte unverfroren in die Zuckerschale und schwang sich wieder hoch. „Prosit Mahlzeit!" dachte Luhrs. „Bun trinke ich meinen ^a^5teJl3%ontmanbant merkte, datz die Schifssverpflegrmg seinem Gast und Lotsen nicht behagte. Ihm selbst schmeckte sie auch nicht. Aber mit frischem Proviant sah es an Bord windig aus: das frische Neifch war lange aufgezehrt. Gewassertes Salzfleisch und Xarque sind auf die Dauer aber nicht ^edermKMis Sache. ..Wir werden einen Hafen anlausen, um Frischwasser und Proviant zu fassen, Senhor Lührs." erKärte Moreira bald. ®r hot dem Lotsen dabei eine Zigarette an, die auch schon knapp toUC JRann gern geschehen, Kommandant. Die Moria" geht nicht lief und kmm in jedes Strandnest hinein. Borausgesetzt, datz wir heil hineinkommen." „Wozu sind Sie denn Lotse?" Sie verstehen mich schon richtig, wenn Sie mich nur verstehen wollen. Außerdem bin ich nicht für jedes Loch in den Duner, '"^Moreira verstand Lührs in der Tat recht genau, aber er wollte sich keine Blöhe geben. Er trank seinen Kaffee, sprach mit feinen Offizieren gewaltig gegen die Regierungsflotte und spielte den Zuversichtlichen. Aber nach Tisch rief er LnhiÄ ins Kartenzimmer und fragte ihn, welchen Hafen man am besten Anlaufen könnte. „Auf landschaftliche Schönheiten lege ich dabei ben geringere» Wert" scherzte er dabei. Lührs aber lag alles daran, möglichst bald in einen Hasen zu kommen und dann an Land zu entwischen. Oe weiter die „Gloria" dampfte, desto länger wurde der Rückweg nach Rio do Bugre, wo Hein Baukhage und der ganze Stammtisch wartete. 3a, Baukhage war doch der S chlauere gewesen! Lührs packte der Grimm. „And wenn ich unter die Haifische jumpen mühte, ich bleibe auf keinen Fall auf diesem vermaledeiten Kasten!" gelobte er sich. Dem Kommandauten aber zeigte er ein fröhliches Gesicht und pfiff sich eins. Die Matrosen wunderten sich über den Lotsen, denn ihnen war es nicht nach Pfeifen zumute. Sie pfiffen sozusagen auf dem letzten Loch. 3n ihren Backschaften war Schmalhans Küchenmeister, und Fleisch kam bei ihnen schon gar nicht mehr auf den Tisch. Farinha. mit Wasser gebrüht, der liebe Pirav, war tag» ein, tagaus die Zukost zu den Bohnen. Schnaps gab es gar nicht mehr, Tabak nur wenig. Die Stimmung sank nach dem verfehlten Anschlag auf Rio do Bugre von Tag zu Tag mehr nullwärts und wurde statt himmelblau immer aschgrauer. Angeln hatte auf Hoher See auch keinen Sinn. Sie versuchten es zwar, mit der Harpune Delphine zu jagen, aber das Wurfeisen klapperte immer leer gegen die Bordwand: die flinken Tümmler waren ein Ziel, das Hebung erforderte. Die großen Tiere spielten und tauchten freilich unermüdlich vor dem Bug des Schiffes, sie waren Tag und Rächt sozusagen die Vorreiber der „Gloria", aber die schwarzen Marinheiros ritzten höchstens einmal einen Delphin mit der Harpune an. Das besserte die Laune an Bord auch nicht, wenn auch das Harpunieren über die Langeweile hinweghalf und sogar Grund zum Wetten bot. „Sobald wir in einen Hafen kommen, kratze ich aus!" gelobte mancher heimlich. Denn dazu hatten sie nicht Revolte gemacht, datz sie mit knurrendem Magen ihre Wache auf See gehen wollten! Eine kleine Abwechslung gab es freilich, als der Kom*) Dörrfleisch. ’*) Schabe, Mandant die letzten Fäßchen Eachaca auflegen und eine ansehnliche Ration für den Tag verteilen ließ, um die Stimmung zu heben. Aber der Schnaps machte einige Leute wild, sie gingen mit dem Messer aufeinander los, und der Kommandant mutzte die wildesten Streithähne in Eisen schließen lassen. Darauf wurde die Schnapsration wieder gekürzt, und das verdarb die allgemeine Stimmung, „Wie lange wird es Rauem, bis die Gesellschaft meutert!“ dachte Lührs besorgt, und er wünschte nichts sehnlicher, als daß die „Gloria" baldigst in einen der kleinen Häfen einschlüpfen möchte. Denn in einen größeren Hafen anzulaufen, wäre für das kleine Schiff der sichere Untergang gewesen. Dort warteten größere Fahrzeuge der Regierung und wohlarmierte Forts und erledigten mit ein paar Salven den kleinen Kasten im Handumdrehen, und was von der Mannschaft nicht versackte, konnte auf schwere Strafe gefaßt sein. Die Regierung war erbittert und Würde nicht viel Federlesens machen, und die versuchte Hebet3 rumpelung von Rio do Bugre halle dem Faß den Boden aus- geschlagen. Der Kommandant folgte also endlich dem Rate Lührs und setzte Kurs auf Sav Jose do Matabicho. „Wir werden dort freilich kaum Munition greifen ober Kohlen fassen können, und unsere Bunker werden allmählich leer,“ überlegte der Kommandant. Aber Lührs redete ihm eifrig zu. Kohlen seien überall für gutes Geld zu haben. Warum also nicht in Sao Jose do Matabicho? Aber zum „guten Geld" machte der Kommandant ein säuerliches Gesicht. Es haperte allmählich auch damit. Bisher hatte er der Mannschaft und den Offizieren den Sold pünktlich auszahlen lassen, und das mußte auch weiter geschehen, wenn es nicht zum ärgsten kommen sollte. Die Schissskasse war aber arg zusammengeschmolzen, und wenn teure englische Kohle für schweres Geld gekauft werden sollte, so langte der Bestand an barem Geld nicht mehr weit. „Bun,“ entschied sich Moreira schließlich, „im schlimmsten Falle nehmen wir die Kohle einfach, wo wir sie finden. Rot kennt kein Gebot.“ „Sagte der Fuchs auch, als er vor Hunger nach dem Köder schnappte und dabei ins Tellereisen geriet,“ dachte Lührs, aber nur für sich. Dann verließ et den Kommandanten und ließ den Wachhabenden sofort Kurs auf Sav Jose do Matabicho sehen, achtete auch genau darauf, daß streng nach der Seekarte gesteuert wurde, und studierte heimlich die Landverbmdungen, die am eiligsten nach Rio do Bugre führten Dort hatte man ihn am Stammtisch wohl schon totgesagt, und er malte sich mit etlichem Selbstkihel das Hallo aus, mit dem man ihn empfangen werde. Hnb die „Tribuna do Povo würde mindestens zwei Spalten mit fünf fetten Hebetschtlften über die „glorreiche Heimkehr des tapferen und unerschrockenen Kommandanten Lührs" bringen! Dann aber studierte er eifrig mit dem Wachhabenden die Seekarte. „Auf die Karte kann man sich auch nicht immer verlassen.“ behauptete der Offizier, „wir sind voriges Jahr mit „Aquidaban vor Rio umhergegondelt und dabei ganz unverhofft auf entert großen Felsen gerannt, der auf keiner Karte verzeichnet war. Der große Kasten riß sich dabei ein ekliges Leck.“ „Da werdet Ihr eben nicht auf die Karten geachtet haben, mein guter Freund. Ihr seid einfach darauf losgefahren. Man kennt das ja," behauptete Lührs. Zu anderer Zeit und unter anderen Verhältnissen hätte Lührs einem Kriegsmariner unter der grüngoldenen Flagge nicht mit solchen Anzüglichkeiten kommen dürfen. Aber jetzt war er ja der Schutzengel der „Gloria“, und alles an Bwd, vom Schiffsjungen bis zum Kommandanten, setzte seine Hoffnung auf Lührs, der die Häfen im Süden und ihre gefährlichen Einfahrten von mancher Reife her kannte. Wenn Lührs den Kahn nicht glatt zwischen den Bänken durchzulvtsen verstand, so blieb die „Gloria“ auf dem Sande kleben, wie eine Briefmarke auf dem Umschlag, und mit der ganzen Fahrt war es zu Ende. Dagegen hatten alle an Bord aber eine sehr begreifliche Abneigung. Denn keiner wußte, wie der Empfang an Land sein würde, wenn sie als Schiffbrüchige geborgen wurden. Selbst Ser Kommandant hegte darüber begründete Zweifel, toenn er auch den Kopf hochtrug und den Schnurrbart verwegen huch- zwirbelte. Riemanb brauchte zu merken, daß dem zuversichtlichen Alfredo Moreira seit der Beschießung von Rio do Bugre bereits recht katzenjämmerlich zumute war. Er hatte alles auf diese eine Karte gesetzt, und die neckische Dame Fortuna Halle ihn betrogen und an der Base geführt. Aber ebensogut konnte sie üyn ja in Sao Jose do Matabicho einen guten Schling tun lassen, und im alleräußersten Rotsalle, aber auch nur dann — Ja. an diesen allerbösesten Fall hatte der gestrenge Herr Kommandant bisher noch gar nicht ernstlich denken können,, (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilb. Lange. — Druck und Verlag der Vrühl'schen LIniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gietze«. '