Gießener zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, den z. Januar Nummer \ Kaum genügend. Von Fritz Müller. Eben hatte die alte Frundsbergerstratze widerhallt vom Gelärm der Gymnasiasten, die in die Weihnachtsferien zogen. And schon fünf Minuten später war alles still vor dem großen grauen Hause, das sie das Frundsberggymnasium hießen. Aber halt — da ging nochmals die Mitteltür auf. Der alte Pedel Mittermaier streckte Len Kopf heraus, hielt mit dem linken Fuß die Tür fest und begann umständlich zwischen Tür und Angel zu schnupfen. So eifrig war er bei der Sache, daß er übersah und überhörte, wie ein Mann die sieben ausgetretenen Treppenstufen zum Portal heraufkam: „Erlauben Sie, ist Herr Rektor Ritz noch oben?" Der Rektor vergaß aufs Riesen, so war er erschrocken. „3a, Herr Rektor Professor Doktor Ritz ist noch im Amtszimmer," sagte er. „Danke," erwiderte der Fremde und war schon in der Halle. „Zweiter Stock rechts hinten," rief ihm der Pedell noch nach. „Weiß schon, weih schon, Herr Mittermaier. Halten Sie sich gar nicht auf!" Zum zweitenmal vergaß der Pedell aufs Riesen, und die schon gehobenen Aasenflügel nahmen enttäuscht die normale Stellung wieder ein. „Hm," sagte der Pedell, schüttelte den Kopf und schob im Weitergehen die schwarze Amtsmappe aus der linken Achsel unter die rechte, „hm, woher weiß der fremde Mensch — hm, woher weiß der fremde Mensch . . .?" Der Pedell Mittermaier hatte nämlich die Gewohnheit, seine Sätze nicht fertig zu machen. Dafür wiederholte er von der Mitte ab die erste Hälfte. Das war dann grab so gut, behauptete der Rektor Professor Doktor Ritz. Denn von diesem hatte er die merkwürdige Angewohnheit angenommen. Wenn man dreißig Oahre lang beisammen ist, kommen solche Angleichungen von selber. Der Fremde hatte inzwischen nur die ersten Onnenstufen eilig erstiegen — solange ihm nämlich der Pedell nachsah. Dann hielt er ein und ließ sich Zeit. Er schaute auf die Stufen und konstättsrte mit einem Lächeln, daß sie alle rechts mehr abgenutzt waren als auf der anderen Seite. Auf dem ersten Treppenabsatz blieb er stehen und sah zum Fenster hinaus. Da lag der Schulhof. Er machte geschwind die Augen zu. „Woll'n mal sehen," dachte er für sich, „ob ich's noch weiß. Also, da kommt zuerst ein Stteifen gelber Kies —“ Er sah mit überdachten Augen hinaus, um nicht weiter schauen zu müssen, als der Stteifen breit war. Richtig, da lag der gelbe Kies. und dann kommt ein Rasenstück —“ und dann ein Vach, ein wirklicher Vach in einem Schulhof; sie sollen mir einmal ein zweites Gymnasium in Deutschland zeigen mtt einem Bach im Schulhof —“ Richtig, da glitzerte auch der Bach herauf mit einem dünnen Rand von Schnee. And darüber führte eine Brücke zum großen Turn- und Spielplatz des Gymnasiums. — Himmel, das war ein Schulhof. ■ And dann sah er sich selbst mit den Kameraden darauf, damals. Dort in der Ecke stand wieder der lange Gunzel- mann mit den Händen auf den Knien. And da drüben präparierten sie immer noch geschwind den Tenvphon in der Zehnuhrpause, ach ja, ach ja. . . And der kleine Hügel überm Bach stand ja auch noch da. Wo sie kämpften in den unteren Klaffen. Mtt zusammengebiffenen Zähnen kämpften auf Tod und Leben um den Besitz des Hügels, jeden Samstag nachmittag. Dann ging er sinnend weiter. Da lag die Flucht der Klassenzimmer. Ein jedes kannte er. 3n einem jeden hatte er gesessen, der Reihe nach, neun volle 3ahre lang. Er machte eins auf. „IIIIB“ stand auf der Tür. And er wunderte sich wieder wie damals, daß es vier Striche waren und nicht eine I vor einer V. Dort stand das Katheder — ja, ja, das Katheder. And er seufzte ein ganz klein wenig. And es waren noch vierzehn Bänke, und der Alexander hing noch an der Wand, und die Pallas Athene mit dem Speer in der Hand, und der Zeuskopf mit seiner Lockenfülle, alles, alles . . . Die alte Schiefertafel sah ihn an wie damals, halb unvermeidlich und halb drohend. Ein Gesicht hatte sie, ein richtiges Gesicht. Das Gesicht der Wissenschaft, der unerbittlichen, blickte aus den feinen, schiefrigen Abblätterungen hemnter auf ihn. Er setzte sich in eine Bank. Ratürlich war sie viel zu klein. Die Knie stteßen oben an. Aber das machte nichts. Ganz brav und sttll faß er eine Weile da und sah auf den schwarz lackierten Schultisch hinunter. Das war ja doch sein Platz von damals. And da — da, unter der Lackschicht sahen noch verschwommene Konturen durch. Kaum daß sie noch zu sehen waren. Aber er fühlte sie auswendig noch. Ein ,,A' und daneben ein „L". Anna Leutwein, ja, so hieß sie, seine erste stille Liebe, von der das blonde Mädel nie etwas erfahren hat. Trotzdem sie in dem Rachbargmnd- stück wohnte überm Frundsbergbach, gleich neben dem Schlachtenhügel, wo er seine Siege erftritt. 3awohl. Jawohl, unter ihren Augen erftritt. Richt, daß er schüchtern war — o nein, im Gegenteil. Doch an dem Tage, wo er sich ein Herz genommen hatte, sie zu grüßen, ward sie krank. And war in einer Woche weg- gestorben . . . „Wackernagel! Die Odyssee, Seite sechsundneunzig, zweiter Absatz, beginnen Sie!" Er fuhr zusammen bei der. Kathedersttmme aus der Vergangenheit. Er, der Mann mit einem schwarzen Vollbart, fuhr zusammen in der Quartaschulbank, wett er ungenügend präpariert hatte in der Odyssee. Aber schon lächelte er wieder wehmütig. Was doch die Erinnerung für Stimmen heraufbeschwören kann. Wie oft war er noch da drunten in Australien nächtens aus dem Bett aufgefahren, wenn er seine mündliche Prüfung im Traum mit Ach und Krach zum xten Male bestand. Wem, die sechzehn blitzenden Brillengläser durchdringend auf ihn gerichtet waren. Weiß der Teufel, so hatte er selbst in Australien nie geschwitzt am Mittag, wie damals in dem kühlen Prüfungssaale. Rein, nein, Lorbeeren hatte er keine geerntet in diesem grauen Hause, sicher nicht. Eine Kette von schwierigen Passagen waren ihm die Klassenübergänge. And er sah den Rektor, wie er ihm mehr als einmal auf die Schulter klopfte: „Mit knapper Rot, Wackernagel, mit knapper Rot . . ." „3a, warum war er denn um Himmels willen herge- gangen, jetzt nach achtzehn 3ahren? Was hatte ihn getrieben, eine Stätte aufzusuchen, die ihm keine Kränze flocht? — Er lächelte wieder. Als er vor acht Tagen angekommen war, von Hamburg her, direkt vom Schiff, hatte das „Lokale" durchgelesen im „Tageblatt", langsam kostend, wie man Mutters beste Speise kostete, wenn man aus den Ferien kam. And da war sein Auge hängen geblieben an einer kleinen Rotiz: „Das alte Frundsberggymnasium wird wahrschenlich an die Stadtgrenze verlegt werden müssen. Den großen Schulhof der gepachtet war, will der Besitzer der Bebauung zufühven." Der große Schulhof: — And bann hatte er lange über das Zeitungsblatt hinausgeschaut und geträumt. Herumge- ttieben hatte es ihn bann in der Stadt acht Tage lanK dahin, dorthin, und morgen — richtig — morgen mußte ec 2 — wieder absahren. Zurück nach Neusüdwales, wo seine Lebensarbeit lag und auf ihn wartete. Vorher aber galt es noch, den Rektor aufzusuchen, seinen alten Rektor. Zweiter Swck, ja, zweiter Stock, rechts hinten. Leise hatte er das Klassenzimmer 46 wieder geschlossen, war noch eine Treppe aufgestiegen und klopfte hinten rechts. „Herein!" 3a, das war des Rektors Stimme. Er war eingetreten und sah den weißgewvrdenen alten Rektor schreiben, an langen Bügen schreiben. Er kannte diese Bögen, die Qualifikationslisten der Schüler, die die Schule in ihren Aktien behielt. Der Statistik halber, und — man konnte nie wissen, ob nicht vielleicht später der oder jener... „Sie wünschen?" Gleichmütig sah der alte Rektor auf. Wie war sein gutes altes Gesicht verrunzelt. Wie war sein Scheitel licht geworden. Aber die Augen, die blauen Augen hinter der goldrandigen Brille waren noch die gleichen. „Ein ehemaliger Schüler von Ihnen, Herr Rektor, hat wir aufgetragen, einen Gruß zu bestellen." „Sv, so, einen Gruß, einen Gruh?" „3a, einen Gruh von Fritz Wackernagel, Herr Rektor." „Wackernagel — Wackernagel Fritz — warten Sie — Wa—cker—na—gel, ja, ja, weih schon, weih schon —“ „Er hat mir gesagt, dah er kein guter Schüler war —“ „Hm, kein guter Schüler? Ra, es ging — es ging — absolvierte dreiundneunzig, glaube ich — warten Sie — Warten Sie —" Er hatte doch hinaufgereicht an den Registraturschrank und einen blauen Akt hervorgeholt. Darin blätterte er. „Ahlig Franz — Äser manu Heinrich — Blissinzer Karl — warten Sie — warten Sie — Blissinger Karl — da ist er ja schon — Wackernagel Fritz . . .“ Er war ganz versunken in die Qualisikativnsliste. Der Fremde räusperte sich. „3m Lateinischen, glaub ich, war Fritz Wackernagel nicht besonders, Herr Rektor?" „3m Lateinischen? Kaum genügend — kaum genügend —" „And im Griechischen, glaub ich, war er auch nicht viel besser?" „3m Griechischen? ■ Kaum genügend steht da, kaum ge- nügeitd. — 3a, ja, und in der Mathematik, da steht auch! ein Kaum genügend. Aeberhaupt, überhaupt. . ." „Aber in der Geographie, sagte er mir —" „3a, in der Geographie und im Deutschen, da war er gar nicht übel. Sehen Sie, das rih ihn wieder heraus, damals/ in der Abiturientenprüfung. Trotzdem er da die dumme Geschichte hatte mit der Reliefkarte. Aber er hat es wieder in Ordnung gebracht — das muß man sagen — aber. . .“ Er sah erschrocken auf. „Entschuldigen Sie, ich erzähle Ihnen da — ich weih nicht — es war dumm von mir — vielleicht wissen Sie gar nicht..." Des fremden Mannes Augen glänzten. „Doch, doch, Herr Rektor. Ich weih alles, altes. Bor mir har der Fritz nie ein Geheimnis gehabt. Ich weih recht gut, dah er die schöne Reliefkarte, aus die er ganz versessen war, einen Tag lang in seinem Zimmer ausgehängt hatte —" „Leihweise, bitte, leihweise „And daß Sie dann, Herr Rektor —" „Ich? Rein, nein, da hat er Ihnen etwas vorgeflunkert, der Wackernagel; das hat er alles selbst ins rechte Blei gebracht, jawohl, ganz von selbst. And übrigens, das muh ich Ihnen sagen, ich habe ihn sehr gut leiden mögen, den Wackernagel, ttotzdem er fein Sitzfleisch hatte damals und es knapp zu „Kaum genügend" —. Er machte eine ergänzende Bewegung über die Qualifikationsliste. „And Sie kennen ihn also? Aird einen Gruh an mich hat er Ihnen — hat er Ihnen? So, so, so? And wo ist er denn? Wie ging — wie ging —?“ Er war ganz lebhaft geworden, der alte Herr. „Der Wackernagel? V, dem geht es gut. In Australien Mt er jetzt und kauft ein Bergwerk um das andere." „Der Wacker — hm, der Wacker—nagel Fritz?" And ungläubig ging sein Blick wieder über dis Qualisikationsliste «US dem Jahre achtzehnhundertunddreiundneunzig." „3a, der Wackernagel, Herr Rektor. And ein gehöriges Stück Glück hat er auch gehabt, der Mensch." „And da erinnert er sich noch nach zwanzig Jahren an fein altes Gymnasium — wirklich, das ist — das ist —" „3a, und den alten Schulhof, Herr Rektor, hat er mir «Mfgetragen, den muh ich noch besonders von ihm grühen." „Den alten Schulhof, so?" Des Rektors Augen betonen plötzlich einen anderen Ausdruck. „3a, ich hab' ihn angesehen, Herr Rektor, beim Heraufgehen. Es ist ein wundervoller Schulhof, ein Schulhof mit Bach und Rasen und mit Hügeln." „Hat was, mein Herr, hat was! Mit dem ist's vorbei. Den haben sie uns gekündigt. Jetzt nach dreißig Jahren, mein Herr. Verbauen wollen sie ihn. Hohe Häuser, hohe Miets- kasernen. And wir mitten drin und ohne Hof. Da ist unser Schulhaus auch geliefert. And das alte Frundsbergghmnasium muh hinaus vor die Stadt, wissen Sie, aus der Frundsberg- stratze in die Pariser Straße oder so was — oder so was . .. ." Er war aufgesprungen und hatte bei der „Pariser Straße" zweimal kräftig auf den Tisch geschlagen. Dann aber besann er sich. „Entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich mich vergesse. Sie sind ein Fremder, und was kann Ihnen schließlich an unfern alten Schulhof — an unferm alten Schulhof . . ." Des fremden Mannes Augen glänzten. „Aber sehen Sie," fuhr der alte Rektor wieder fort, „sehen Sie, ich bin ein alter Mann, und das Haus und der Schulhof, die sind mir beide ein wenig an das Herz gewachsen. And ich weih auch, die Jungens — dah die Jungens —. Run, wenn sogar der Wackernagel, der Wackernagel Fritz, aus seinen Bergwerken in Australien — nun, sagen Sie mal selber?" Der Fremde war auch aufgestanden und an das Fenster getreten. Das ging auch auf den Schulhof hinaus. Gelb sah der Kies herauf und Wintergrün der Rasen, weih der Schnee am Rande des Wassers, und der Bach erglänzte . . ." „Herr Rektor," sagte er, und seine Stimme schwankte ein wenig, „Herr Rektor — seien Sie nicht böse — ich habe die Hvsgrundstücke da brunten vorgestern selber gekauft — aber bauen will ich nicht darauf, wissen Sie —, sondern hier habe ich einen Pachtvertrag — einen neuen Pachtvertrag aus zwanzig Jahre — er ist nicht schlechter und nicht besser als der alte — unterschrieben ist er auch schon — von mir, vom Schulrat — nur Ihre Anterschrift fehlt noch, Herr Rektor...“ Der Rektor hatte in freudigem Schrecken seine goldene Brille abgenommen und war dem Fremden dicht vor die Augen getreten, dem Fremden, der das alte Schulmännlein um Hauptlänge überragte. „Entschuldigen Sie — Sie haben mir ja Ihren Rumen nicht genannt — ich weih ja gar nicht — wirklich, ich weih ja gar nicht —“ Seine zittrigen alten Hände hatte der Rektor halb erhoben. So wie er es immer machte, wenn er einem Jungen die väterliche Meinung auseinandersetzte. „Nochmals — seien Sie nicht böse, Hrr Rektor — ich bin der Wackernagel selber." Da sagte der Rektor gar nichts mehr, sondern kritzelte seinen Namen unter das Schriftstück, das der alte Schüler auf dem Schreibtisch ausgebreitet hatte. And während er mit der rechten Hand unterschrieb, griff die Linke nach der Qualifikationsliste des Wackernagel Fritz aus dem Jahre 1893. And dieweil bann der Fremde den unterschriebenen Berttag faltete und in die Brusttasche schob, hatte der Rektor an den Rand der Qualifikationsliste noch einen Vermerk gesetzt, mit tiefgebücktem Kopf, langsam und deutlich schreibend: Weihnachten 1923: Wir haben uns in dem Schüler doch geirrt. Nicht „Kaum genügend", sondern „Genügend". „Wissen Sie," sagte er lächelnd während des Schrei und ohne aufzusehen, „wissen Sie, mehr als eine halbe Note Korrektur erlaubt die Satzung unserer hohen Schulbehörde nicht." Aber als er aussah, sah er nur noch, wie sich die Türklinke von drauhen bewegte — Fritz Wackernagel hatte sich davongeschlichen. Technische Rundschau. Von Dr. Albert Neuburger. 3m Jahre 1897, als die erste Kunde von Marronis gelungenen drahtlosen Versuchen die Welt durcheilte, gab der berühmte englische Physiker Ayrton seiner Begeisterung mit den prophetischen Worten Ausdruck: „Einst wird kommen der Tag, wenn wir alle vergessen sind, wenn Kupfcr- drähte, Guttaperchahüllen und Eisenband nur noch im Mu- seum ruhen, dann wird das Menschenkind, das mit dem Freunde zu sprechen wünscht und nicht weih, wo er sich befindet, mit elektrischer Stimme rufen, welche allein jener — 3 - hört, ser das gleichgestimmte elektrische Ohr besitzt. Es wird | rufen: Wo bist du? und die Antwort wird klingen in sein I Ohr: Zch bin in der Liese des Bergwerkes, aus dem Gipfel der Anden oder auf dem weiten Ozean. Oder vielleicht wird keine Stimme antworten und es weiß dann, sein Freund ist tot.“ Fast drei Jahrzehnte sind inzwischen vergangen und noch hat sich trotz aller inzwischen gemachten Fortschritte des drahtlosen Gebietes Ayrtons Traum nicht er» füllt. Noch sind wir nicht imstande, unsern Freund in der Tiefe des Bergwerks, auf dem Gipfel der Anden oder in der Weite des Ozeans anzurusen — mit anderen Worten: ES gibt bis jetzt keine drahüose Lelephonie für die Allgemeinheit. Es ist Mar mit Hilfe des Rundfunks möglich, daß Einer zu vielen Lausenden spricht, aber diese könnet ihm nicht antworten und er selbst kann sich aus der Menge nicht eine bestimmte Person heraussuchen, um mit ihr ein Gespräch zu führen. Daß wir aber nicht mehr sehr weit von der Erreichung dieses Ziels entfernt sind, wurde lmrch ,Versuche bewiesen, die jetzt seitens der Deutschen Reichstelephonverwaltung durchgeführt wurden. Es waren Einrichtungen getroffen worden, die es ermöglichen sollten, auf dem Ozean schwimmende Schiffe vom Apparat irgendeines. Fernsprechteilnehmers aus anzurufen. Zu diesem Zweck wurde nach Abheben des Hörers und nachdem sich das Amt gemeldet hatte, eine Fernverbindung mit der Küstenstallon Norddeich verlangt, die seitens des Fernamtes sofort hergestellt wurde. Ger Küstenstation wurde der Name des Schiffes mitgeteilt. Sie rief es sofort mit Hilfe ihres drahtlosen Senders an. Es verging vom Abheben des Hörers bis zu dem Augenblicke, wo sich der gewünschte auf dem Schiff befindliche und von der Funkkabine des Dampfers aus sprechende Teilnehmer meldete, noch keine Biertelminute. Dann wurde genau so hin und her gesprochen, als ob die Unterhaltung zwischen zwei in der gleichen Stadt wohnenden Tellnehmern vor sich ginge. Die Beendigung des Gespräches erfolgte durch Auflegen der beiden Hörer. Hätte man nicht gewußt, daß die Antwort von einem auf dem Meere befindlichen Schiff kommt, man hätte aus dem Verlauf der ganzen Angelegenheit die Aebcrzeugung bekommen, daß es sich hier um ein gewöhnliches Ferngespräch handle. Dieser Erfolg, bei dem ein teilweise auf dem Draht und teilweise drahtlos geführte Gespräch ohne jede Störung und mit einem genau bestimmten Teilnehmer durchgeführt werden konnte, wurde durch die in Norddeich getroffenen Einrichtungen ermöglicht. Die in Berlin beim Sprechen im Mikrophon erzeugten sog. „Sprechströme“ gehen in Norddeich unmittelbar auf den Sender über und werden den von ihm ausgesandten Wellen übergelagert. Diese äleberlagerung erfolgt vollkommen auto- matisch, die Sprache fließt, um ein anschauliches Bild zu gebrauchen, vom Draht aus gewissermaßen unmittelbar in die Ferne hinaus und über den Ozean weg. Hier trifft sie auf die Empfangsantenne des angerufenen Schiffes, so daß es ein Leichtes ist, sie im Empfangsgerät der Funkkabine, zu Gehör zu bringen. Das von hier aus auf den Sender gegebene Wort aber gelangt in Gestalt drahtloser Wellen nach Norddeich und geht hier wiederum ohne weiteres auf den Draht über, in dem es dem Apparat des Berliner Teilnehmers zuflieht. Bei den eben beschriebenen Versuchen erwies sich, wie wir gesehen haben, die Vermittlung des Berliner Fernamtes als nötig, das die Verbindung mit Norddeich herstellte. Wie auf so vielen anderen Zweigen der Technik, so sucht man auch auf dem der Telegraphie die menschliche Tätigkeit nach Möglichkeit auszuschalten und sie durch maschinelle Einrichtungen zu ersetzen. Aus diesem Bestreben heraus sind die automatischen Aemter entstanden, wie sie seit einiger Zeit bereits in verschiedenen Städten, in München, Dresden, Leipzig, Potsdam, Zehlendorf usw. eingeführt sind. Bei ihnen tritt überhaupt fein Beamter in Tätigkeit, der Teilnehmer verbindet sich selbst, indem er durch Drehen einer Nummernscheibe die gewünschte Nummer einstellt. Der Bereich dieser automatischen Aemter ist, wie man sieht, stets nur auf einen bestimmten Ort beschränkt. Zur Herstellung einer Verbindung mit einem andern Ort muh nach wie vor das Fernamt in Tätigkeit treten. Es liegt nun der Gedanke nahe, auch dieses verschwinden zu lassen und Einrichtungen zu treffen, die es jedem Teilnehmer ermöglicht, Fernverbindungen selbst herzustellen. Dies erscheint um so wünschenswerter und notwendiger, als in etwa fünfzehn Zähren die Amstellung des ganzen deutschen Fernsprechbetriebes auf den automatischen Betrieb durchgeführt sein soll. Dann wird es überhaupt keine Beamten mehr geben, die die Vermittlung Herstellen und nur im Fernamt wird man ihrer noch bedürfen, sofern es nicht gelingt, auch die selbsttätige Fernverbindung zu schassen. Ein großer Schritt zur Verwirklichung dieses Planes ist bereits getan. Der automatische Vermittler war bisher groß, so daß er viel Raum wegnahm. Man hat jetzt sehr kleine und billige Apparate gebaut, mit denen, wie gleichfalls im Reichstelegraphenamt durchgeführte Versuche zeigten, auch Fernverbindungen hergestellt werden können. Bei diesen Versuchen wurden beliebige Teilnehmer in Dresden, Leipzig und Potsdam von Berlin aus angerufen, deren Nummern man aus den Teilnehmerverzeichnissen dieser Städte ermittelt hatte. Zeder einzelne der Airgerufenen meldete sich prompt und die Gespräche verliefen ohne jede Störung. Damit ist der Beweis erbracht, daß auch die automatische Fernverbindung technisch möglich ist und daß ihrer Einführung keine technischen Hindernisse im Wege stehen. Erfolgt diese, so wird das Fernamt überflüssig. Dagegen wird man sich wohl ein Teilnehmerverzeichnis zulegen müssen, das auch die Teilnehmer anderer Orte umfaßt. Da das Bessere nun einmal der Feind des Guten ist, so dürften die technischen Fortschritte der jüngsten Zeit nicht nur das Fernsprechamt, sondern auch andere Ginrichttmgen MM Verschwinden bringen, die sich bisher als nützlich erwiesen haben und an deren Dasein man sich gewöhnt hat. Eine solche Einrichtung ist der Leuchtturm. Seit den Zeiten des grauen Altertums hat er den Schiffen den Weg Mm sicheren Hasen gewiesen — vorausgesetzt, daß nicht Nebel oder Schneestürme fein Licht absorbierten. Aber gerade in diesen Fallen der größten Gefahr versagte der Leuchtturm. Die Entwicklung der Beleuchtungstechnik hat dazu geführt, daß man jetzt in seiner Laterne Lichtquellen verwendet, deren Lichtstärke sich auf Millionen von Kerzen beläuft. Run wird das weihe elektrische Licht vom Nebel besonders stark verschluckt. Die Zahl der Kilometer, auf die es zu erblicken ist, verringert sich bei nebligem Wetter unt> im Schneesturm ganz beträchtlich. So läßt man denn außerdem noch Sirenen heulen. Aber auch die Reichweite des Schalls ist eine beschränkte. Da er sich im Wasser weiter fortpflanzt als in der Luft, so hat man ein besonderes System von Nnterwassersignalen ausgebildet. Diesem sind jedoch in bezug auf seine Wirkung gleichfalls Grenzen gezogen. Was weder Licht noch Schall vermochten, das werden die drahtlosen Mellen zustande bringen: Sie werden es ermöglichen, den Schiffen auf Entfernungen hin den Weg zu weisen, bei denen dies bisher volllommen ausgeschlossen war. Eben wurde der erste drahtlose Leuchtturm der Welt am Firth os Forth an der englischen Küste in Betrieb gesetzt. Bei ihm wird der jüngste Fortschritt des drahtlosen Gebietes, es werden die gerichteten kurzen Wellen verwendet. Der Leuchtturm besteht aus einem drehbaren Mast, an dem parabolische Reflektoren aus Draht befesttgt sind. Derartige Reflektoren haben die Eigenschaft, die kurzen Wellen zu richten, d. h. sie in ähnlicher Weise zu einem Strahl zu- sammenzufassen und diesen Strahl nach einer bestimmten Richtung hinauszuwerfen, wie dies durch den Reflektor des gewöhnlichen Leuchtturms mit den Lichtstrahlen geschieht. Für die Weite, auf die die Anwendung des gerichteten Wellenstrahles erfolgt, gibt es keine Greirze. Ger Leuchtturm dreht sich und gibt in regelmäßigen Zwischenräumen sogenannte „Blinkzeichen“, die freilich nicht mehr M sehen, wohl aber mit drahtlosen Empfängern wahrzunehmen sind. Die Richtung, aus der sie kommen, kann auf das genaueste festgestellt werden. Das Bessere ist der Feind des Guten: Mit dem drahtlosen Leuchtturm dürfte voraussichllich das Ende der bisherigen Signalgebung an den Küsten gekommen sein. Die FMuftLer. Eine Erzählung von der Küste Brasiliens, Bon Dr. Alfred Funke. (Fortsetzung.) Fernand,“ meinte er am folgenden Sonntag vor der Kirchtür, "„daß du dein Stück Weg nicht imstand hälft, »st ,a nicht schön, und ich könnte dich in Sant' Zzabel cmzeigen, und du hättest deine zehn Mil Multe am Dein. Das tue ich aber nicht, denn andere machen es nicht besser als du." — 4 Dabei sah er Hannadam Petrh und Jakob Wächtler an, die auch die gröbsten Löcher höchstens mit einer Handvoll Capoeira* * *) und darausgewvrfener Erde flickten. „Aber," fuhr er fort, „daß du in deinem Schuppen standest und mir nachgrienen tatest wie ein Pingstvoß, dadriiber sprechen wir noch mal bei Gelegenheit," Ferdinand Karsten hatte nicht dagegen aufgemuckt, denn wenn Wilm Pütter hochdeutsch sprach, war nicht gut Kirschen essen mit ihm, und beim letzten Schühenball hatte sich Karsten nicht gerade in der Ecke aufgehalten, wo Wilm Tein Glas Mer trank und mit dem Lehrer sein Spielchen machte. Da Karsten auch ferner jede Aussprache unter vier Augen sorgsam vermied und Wilm eine gutmütige Haut war, so wuchs allmählich Gras über die Sache, und Karsten gab den Vorsatz, das Loch vor seinem Tor ordentlich mit Steinen auszufüllen, ohne Gewiffensdruck auf. Das' ging ihm hin, bis der Staatspräsident feinen Besuch im Munizip Sant' Jzabel ansagte und die Obrigkeit im Städtchen den Kolonisten in den Pikaden die Wege besonders gut herzurichten empfahl. Denn Exzellenz wollte die deutschen Pikaden persönlich besichtigen, falls die Zeit dazu langte. Karsten liest sich auch dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Wustte man sicher, ob der Präsident kam? Das konnte eine Finte fein. And während die Kolonisten in der Vachbarschaft ihren Weg in Ordnung brachten und dabei geziemend auf die hohe Obrigkeit schimpften, wie es seit alten Zeiten Brauch ist, hockte Karsten im Tabak- fchuppen und sortierte. Drei:Sagc darauf erschien der Fritschkarl mit ein paar Freunden und besserte den Weg vor Karstens Kolonie säuberlich aus, und Ferdinand begriff nicht recht, wie die Aachbarn-zu dieser Gefälligkeit kamen. Er half ihnen ja auch nicht. Am folgenden Morgen wustte er es freilich, als die braune Ov- donnanz des Polizeidelegado auf Karstens Hof sprengte und den Bürger Fernando Karsten vor den Chef der hohen Polizei von Saut Jzabel zitierte. Mit dem Delegadv durfte man es nicht verderben. Also sattelte Karsten seinen Braunen und ritt gen Sant' Jzabel. „Warum haben Sie Ihren Weg nicht in Ordnung gebracht?" pfiff ihn der Delegadv an. „Ja, ich dachte, das wäre nicht so gemeint —" „Nicht so gemeint? — Aa. warten Sie, guter Freund! Sie denken wohl. Ihre Nachbarn find so 'ne Art Heinzelmännchen? Nein, da sind Sie auf dem Holzwege, Fernando. Also: Carlos Fritsch, Gustavo Jäger, Pedro Beutelmann, Guilherme Jost — das sind vier Mann. Ein Tag Wegarbeit auf meine Anordnung macht auf den Tag fünf Milreis, in Summa zwanzig. Dazu gibt es zehn Mil zur Belohnung und Belebung Ihres Biirger- sinns — macht dreißig. And nun heraus mit den kalten Katzen. Bargeld lacht, alter Freund!" Karsten war gar nicht recht zur Besinnung gekommen. Als der erste Schreck überwunden war, zog er den Beutel und legte betrübt dreihig gute Milreis auf den Tisch, steckte die Quittung ein und ging zu Heinrich Buchmann, um das Gleichgewicht seiner Seele zunächst durch einen Schluck Boonekamp wiederherzustellen. Als es ihm dabei aber zum Bewusttsein kam, daß er für dreistig Mil schon vier Sack Bohnen ausdreschen oder drei Arroben Tabak pflücken mühte, daß ferner von den bezahlten dreistig Milreis buchstäblich zwanzig auf die Straße geschmissen feien, da schlug er plötzlich mit der Faust auf den Tisch, 'dast die Gläser hüpften, und forderte eine Flasche Bier. And als er mit dieser fertig geworden war, hatte er die Frage im Geiste erledigt, wem er diese Bescherung zu verdanken habe, schlug zum zweiten Male auf die Tischplatte und liest noch eine Flasche Bier kommen. Natürlich! Der Wilm Pütter hatte ihm die Suppe ein- gebrockt. Kein anderer, und er wollte just zum brüten Schlage ausholen — da fiel ihm ein, dast die Flasche Bier einen Milreis kostete. Also leistete er sich noch einen Bittern für vier Patak. Der tat's auch. Dann zahlte Karsten und fast auf. Die Sonne stand schon im Westen, als Karsten die letzten Häuser von Sant' Jzabel hinter sich lieh und die Strafte den Rio Vermelhv entlang zur Batatenschneiz nahm. Er ritt sich gut, denn der Weg war eben, und die alten Fahrspuren ausgefüllt. Natürlich! Warum sollte es sich nicht gut reiten? Hatte nicht Karsten selbst dreihig Milreis in diesen Weg gesteckt? Der Fritsch- karl und die anderen drei würden sich schön ins Fäustchen lachen, wenn sie ihre fünf Milreis erhielten. Damit konnte sich jeder einen vergnügten Sonntag machen. Karsten gab seinem Braunen die Sporen, dast er ein paar lange Sähe machte. Dreißig Milreis k And wem hatte er das zu verdanken? „Ra. täuto, oll Fründ!" knurrte er und gab dem Braunen wieder die Sporen. Der fiel in langen Galopp, und Karsten fauste die Straße dahin, als wäre er Doktor oder Pfarrer, die immer gerufen werden, wenn's Matthäi am letzten ist. An dem hohen Amübaum bog der Weg scharf nach links, und die Benda") von Wegener mit dem schattigen Weidenbaum und dem blühenden Tres-Mariä-Stock vor der Hausfront tauchte auf. Fuhrleute hielten dort, und Karsten erkannte auch die Pferde und Maultiere! *) Buschwerk, *) Benda ---- Kramladen mit Schenke. Pütters. Auf der Dank vor dem Haufe sahen Ne Fuhrleute und tranken Matö im Schatten der Weide. „Guck do, der Fernand!" rief Adam Klatt. „Der hat'« emal gut. Der kann maie *) reite, wenn mir das faule Mulevieh anbrülle müsse. He, Fernand, komm ran! Gibst e Schluck au8?“ „Warum nicht?" sagte Karsten, trabte an und sprang au® dem Sattel. „Wenn der Fuchs das Huhn geholt hat, kann's Nest auch nix mehr nützen," „Sehr wahr, Herr Karsten." lachte der Vendamann und rieb sich die Hände. „Sie find ein Witzbold und könnten für den Kalender schreiben. Was darf ich bringen? Ein halbes Dutzend Mer, wie?" „Mach hier keinen dummen Schnack! Mer Bittere kannst du bringen." „Fünf, nicht wahr? Für Adam Klatt, Wilm Pütter, Fritz Wächtler, Hannes Strvhm und Sie selbst — macht fünf." »Ach bestelle, for wen ich will," sagte Karsten ober -grob und schaute dabei Wilm Pütter herausfordernd an. Der sah ruhig auf der Bank und sog feinen Mate durch die Bombilha **). Der Krämer brachte die (Bitteren, und Karsten bot an. Püttnev überging er. „Prost, Jungens!" sagte Karsten und trank. „Bring mir ’ne Flasche Mer, Wegener!" sagte Pütter ruhig!, aber das Blut stieg ihm in die Stirn.. Die anderen Fuhrleute zögerten. „Wat fall bat Heiken?" fragte Hannes Strohm. „Willst du hier Stank malen, Fernand? Denn sup dien Bittern allein!" „Wat bat Helten fall? Dal fall Helten, bat ick von einem niederträchtigen Kumpan bl den Delegadv anzeigt bün und bärtig Mil Multe betalt heww." „An worum?" „Wil bat ick mln Weg ni malen beb. Haha! Gute Freunde, getreue Nachbarn unb desgleichen, heit bat je woll." „An wen meinst du, de dl anzeigen beb?" „Dat kann ein doch mit’n Stock im Düster» marken. Ick wenigstens brüll keinen Bittern mit so'» sllchken Kirl." Da stand Wilm Pütter auf. „Du meinst mi, Fernand? Täuw, ick will di antworten!" Ehe sich Karsten ducken konnte, versetzte ihm der Fuhrmann eine Maulschelle, daß er zur Seite taumelte. „Bravo! Alle Achtung!" sagte der Bendamann unwillkürlich. Nun faßte Karsten in blinder Wut feinen Nelhostlel fest und ging auf den Gegner los. Der hatte die kurze Fuhrpeitfche ergriffen, mit der er sonst vom Sattel aus die Stiere antrieb. Gr parierte mit dem linken Ann den Hieb Karstens und ließ den geflochtenen Peitschenstiel niedersaufen. Die Fuhrleute unb der Bendemann wollten Frieden stiften, „Meine Herren. Ruhe!" rief Wegener, aber er hielt sich auf feiner Schwelle. Zum Teufel auch! Gr würde fich hüten, aus purer Nächstenliebe einen Jagdhieb zu erwischen, daß die liebe Seele jauchzte. And dieser Wilm Pütter schlug eine Naht <— alle guten Geister!! Die Fuhrleute gönnten Karsten von Herzen die Tracht Prügel, denn jeder von ihnen hatte vor Karstens Kolonie schon manchen Segenspruch getan, wenn die Räder bis zur Achse in den Schlamm sanken. Also gaben sie im Geiste Wilm Pütter zunächst Generalvollmacht für alle, unb wenn Karsten auch wie ein Kampfhahn auf Pütter losging, so hatte er doch nach wenigen Minuten genug Eindrücke von diesem Spiel, 'um sich vollkommen als zweiten Sieger zu fühlen. Nur einmal sprang er noch gegen Pütter an, der mit der Linken das Handgelenk Karstens mnklammert hielt, und biß in feiner Wut dem Gegner in die Faust. „Verdammte Kirl!" fchüttelte ihn Pütter ab, wandte sich schäumend vor Wut zum Wagen unb langte nach dem Vorderbrett, wo nach Fuhrmannsbrauch der Facao***) in der Ledertasche hing. Aber ehe er ihn fassen konnte, fielen ihm die Fuhrleute in bert Arm. „Wilm! — Sei vernünftig! — Keine Dummheiten!" Der Krämer schrie Karsten an: „Mensch, mach, daß du fort- kommst! Oder willst bu hier einen offenbaren Totschlag beleben?" Damit hals er ihm in den Sattel und hieb den Braunen eins auf. Der ging mit feinem Reiter im Galopp davon. — „Schacht möt fin, feggt uns Amtmann ümmer," sagte der alte Christrelch Karsten, als er von der großen Prügelei hörte, und riet seinem Sohne, sich darob das Herz nicht weiter schwer zu machen. „Denn worum?" schloß er. „Einer kann doch man Sieger bliewen." Aber Male Karsten redete anders. Wie? Dreißig Milreis bezahlen unb noch eine Tracht Prügel bazu einstecken? Da® wäre! e) maien = spazieren, Besuch machen. **) = Saugrohr. ***) Faccav — Duschmesser, (Fortsetzung folgt.) Schrittleituna: Dr. Frledr. Wilh. Lange. — Druck unb Verlag bet Brübl'schen Aniv.-Duch- unb Steindruckerei. R. Lange, Gießen.