Gießener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, den 2. Mai Nummer 55 Von Frühlingsnächten nnd Ramazan in Ltambnl. Brief au» Konstantinopel, den 15. April. In mondheller Frühlingsnacht in leichtem Karl auf dem Mattgrünen Bosporus mit den silbrigen Wogen dahinzugleiten mag für manch einen ein großer Genuß erscheinen. Ich rate damit, lieber bis zum Sommer zu tourtet; denn zumeist weht hier ein rauher Wind vom Schwarzen Meer, das die Alien nicht mit Unrecht das Ungastliche nannten, und bis Ende Mai ist es in den flächten, zumal auf dem Wasser, empfindlich kühl, Ich selbst ziehe vor, wie alle friedlichen Bürger, des Rachts zu schlafen. Leider wird auch das jetzt meist zur Unmöglichkeit gemacht, denn wir sind jetzt hier mitten im Ramazan, im im Fastenmvnat. Es scheint schon an sich der Begriff der nächtlichen Ruhestörung in Stambui nicht bekaimt zu sein. Da ist zunächst der Bekdschi, der Rachtwächter des Viertels. Mit einer schweren eisenbeschlageiren Keule schreitet er die ganze Rächt seine Straßn und Gassen ab. Die Keule sieht ganz gewaltig aus, ist jedoch anscheinend nicht als Wache gedacht. Der brave Mann, wurde sich auch sicherlich schwer hüten, die Diebe laufen meist von selbst weg, und daß ein Bekdschi mit seinem Übermäßig dicken Knüppel in einen nächtlichen Streit eingegriffen hätte, habe ich bis jetzt noch nicht gehört. Die eisenbeschlagene Keule dient — zzur Zeitangabe. So alle 25 Schritt macht der Wächter Halt und haut lauthallend so oft mit ihr auf das Straften» Pflaster, als es der Stundenzahl entspricht. Da er nun leider alla tutiEa, nach türkischer Uhr, rechnet, kann ich so oft ich auch davon aufgeweckt werde, doch nicht viel damit anfangen. iVel- leicht dient es auch nur dazu, daß die bösen Diebe wissen, in welcher Gegend sich der Bekdschi gerade befindet. Sanght war!, wen schände'^» nicht, wenn der brave Bekdschi in der Rächt mit diesem Schreckensrufe die Gassen durcheilte und alle die vielen jetzt längst verschwundenen Straftenhunde heulend darin einstinnnten. Dabei brannte es vielleicht in Arnaut- Mh, einem 10 Kilometer entfernten Vororte. Bei einer so großen Ausdehnung der Stadt und bei dem unglaublichen Leichtsinn, mit offenem Feuer umzugehen, brennt es fast jede Rächt wenigstens einmal irgendwo. Setzt ist feit einem Jahre dieser nächtliche Fenerrus verstummt, doch wurde kürzlich im Stadtrat allen Ernstes der Antrag gestellt, den guten alten Brauch doch wieder einzuführen. Daß der Verkäufer auch des Rachts gellend laut tu den Straften seine Waren ausruft, wird man bald gewohnt, regelmäßig kommt bis 2 Uhr nachts der Simitschi mit frischen Ärengebi vorbei und morgens ab 3 Uhr ruft der Salebdschi, der Saleb ähnlich unserem Haferschleim verkauft. Auch die großen Scharen der Katzen, die nächtlich in Rudeln zu Dutzenden auf den Dächern sich ergehen und jetzt in vielstimmigem Ehore ihre Frühlingslieder singen, stören mich eigentlich faum mehr. All das war wirllich nicht so schlimm. Aber jetzt ist Ramazan, der Fastenmonat, und damit kJ er Gläubige für das Fasten während des langen Tages hinreichend gerüstet ist, geht in jedem Bezirk des Rachts ein Mann mit einer Trommelpauke herum, um zzu den verschiedenen Rachtmahlzeiten zu Wecken. Rwt wohne Ich leider gerade an der Grenze zweier Stadtbezirke und werde daher jedesmal doppelt wachgetrommelt. Anfangs habe ich den bösen Wunsch gehegt daß das Trommelfell doch einmal platzen möge. Das ist dann auch wirklich eingetreten, und dann kam der Mann, um bei den „reichen Leuten einzusammeln, und da habe ich für die neue Pauke tüchtig zahlen müssen. Jetzt glaubt er, daß er mich zum Danke besonders taut zu wecken hat. So habe ich mich dann in mein Schicksal ergeben und liege wach und warte bis der Kanonenschuß das Rahen der Morgendämmerung kündet, für den Mos- lin das Zeichen, daft das große Tagesfasten beginnt, für mich die Erlösung, daß ich einige Stunden ungestört schlafen kann. Der gläubige Mvslim ist im Fastenmonat nicht zu beneiden. Von der Morgendämmerung — sobald man einen schwarzen Faden von einem weiften unterscheiden kann — bis daß der Gomtenball hinter dem westlichen Berge schwindet, ist ihm jeglicher Genuß versagt. Keine Speise, nicht einmal ein Trunk Wasser, ja man soll eS unterlassen, selbst den Speichel herunter- zuMucken, an einer Blume zu riechen wäre Sünde und die größte Entsagung für jeden Orientalen, man darf den ganzen Tag nicht rauchen Da man nun ohne zu rauchen wtrKich schlecht arbeiten kann, so begimten die Behörden erst um 2 Uhr ihren Dienst, die Geschäfte ruhen nach Möglichkeit am Vormittag und auch die Straften erscheinen recht menschenleer, da man die erste Hälfte des Tages verschläft. Die türkischen Speise- Häuser sind geschlossen und in den Kaffeehäusern sieht man ver drieftliche Gesichter. Man sitzt umher, hat Langeweile, fchnürt den Riemen enger, wenn der Magen knurrt und schaut nach dem Stande der Sonne, läßt die Perlen des Tesbich (dem Rosenkranz ähnlich) durch die Finger gleiten, wartet auf bet Abend, auf den Kanonenschuß. „Top atilbi“ rufest dann die Kinder,' „die Kanone hat geschossen" und von den Minarets ertönt das Allah ek 5er, Gott ist groß, erst dann darf matt sich allen Genüssen hingeben. Und bas besorgt man auch in reichlichem Blaße. Ist Ramazan. eigentlich Fastemnonai oder Freudenmonat!, bei Sage das erste, bei Rächt das letzte. In früheren Zeiten war es der Monat des Gastgebens. Da saßen bann gegen Abend bie Gäste vor den dampsfenden Schüsseln mrb warteten auf das gegebene Zeichen. Jetzt ist es auch darin etwas einfacher geworden. Zur zweiten Stunde nach Somtenuniergange, sobald die Farbe des Abendrotes völlig verblaßt ist, wirb dann in den Moscheen das Gebet verrichtet. In den kleineren findet man selbst heute kaum einen teeren Platz. Zumeist sieht man Männer, berat der Frau soll, nach einem Aussprache, ihr Heim als Moschee dienen. Rach der überreichlichen Magenfüllung erscheint mir dies Abendgebet schon allein gesundheitlich von hohem Wert, denn die vorge- schriebenen Gebetsbewegungen stellen ein Stiftern der besten gymnastischen Hebungen dar. Auch tritt man stets gewaschen zum Gebet in Die Moschee, zum wenigsten sind die Füße zu reinigen Hernach sind die Straften überfüllt. Von der Haghia Sophia den Diwan Jolu heraus zum Seraskierplatz und von da bis zm Moschee Fathich, des Eroberers, wogt eine freudige Menscherv- menge. Die Galerien der Minarets der vielen Moscheen sind allabendlich festlick beleuchtet tmb kaum herrlicheres gibt es hier zu sehen, wenn zwischen den schlanken Minarets an langen Sellen schwebend in riesigen kunstvoll verschlungenen arabischen Zeichen von zitternden Lichtlecn geformt, irgendein kurzer Vers des Korans hoch am Himmel geschrieben erscheint. Die eine Mosche- sucht mit der anderen darin zu wetteifern. Die Kaffeehäuser sind überfüllt, man trinkt einen Schekerli, einen süßen Mokka, raucht das Rargileh, ißt Süßigkeiten im Uebermaß und verdirbt sich dabei den Magen, und schaut dem Strom der Menge zu, Etei vorSeiflukt. Die Männer in Fez ober Kalpal, recht viol Frauen, nur wenige noch verschleiert. Ob das wohl gerade die hübschetc sind, oder die häßlichen, die fick nicht vom Schleier trennen können! Dazu viele Kinder, die Semen trägt der Baker auf dem Arm. Man geht zum Dar-ul-bedai, zum türkischen ^Heater, oder erfreut sich an den Späßen des Kara göz, des uralten türkischen Schattenspiels. Auch der Märchen und Anekdotenerzähler erfreut sich einer großen Zuhörerschaft. Kommt jedoch bei spannendste Teil der Erzählung, so unterbricht er auf eine Weile und sammelt erst seinen Para ein, und fährt erst bann weiter fort Der Fastenmonat feiert das Gedenken, daß Allah den Koran vom Himmel herab den Gläubigen gesandt hat. Da der arabische Monat nach dem Monde gerechnet wird, so verschiebt sich jahr- lich die Zeit des Ramazan um fast 14 Sage, und wird also i« den nächsten Jahren immer mehr in die Zeit der kürzeren -rage der Wintermonate fallen. Der Ramazan beginnt, sobald der neue Mond erblickt wird. Man könnte das ja leicht errechnen, wie es im Kalender geschieht, aber es kommt fcirauf an, daß der Mond wirklich gesehen wird. So kam es in diesem W W, daß irgendein frommer Mann von seinem Miparel den Mond einen Tag früher sah, als das nach dem Kalender üverhmipc möglich war. Es genügt da für diese erstaunliche Tatsache drei Zeugen beizubringen... und das Fasten beginnt eben um einen Tag früher. Und will das UMck, wie eS im letzten sichre geschah, daß am Monatsende dichte Wolken den Himnml tw- bängen, so daß man die beginnende Sichel des nächsten Mondes nicht erblicken tarnt - inschallah!. so Gott will, dann fastet man eben noch einen Tag länger. ~ Ob nun toirklich alle das Gebet so strerige acyter! 3n Mott- stantinopel die Mehrzahl sicherlich «richt. In der Oef^nllichttc jedoch gilt eS als Schande, das zu zeigen, rmd wirklich sicht inan faum, ober doch nur sehr selten landen öffentlich Mich nur rauchen. Und zu Haufe Krim es ja jeder halten wie er will Gerade beim Mohammedaner habe ich stets haft man bartn. wie weit der eiMelne die Vorschriften der RÄtmv'r — 138 — M stch befolgen teilt oder nicht, äußerst weitherzig ist. 3n kleineren Städten in Kleinasien und in der ländlichen Bezirken ist das Fasten nahezu allgemein und in der vorgeschriebenen Form stellt es an die Willenskraft des einzelnen eine überaus große Anforderung. Der Kaiser Alexander tanzt. Von Kurt Joachim Baum. Alles ist dagewesen. Die Lanz-Rekorde unserer Zeit sind durcharrs nicht so verwunderlich und neu, als temperierte Geister gerne glauben möchten. Aach ernsten Zeiten folgt Taumel immer und überall und im Jahre 1815 wurde Terpsichore bestimmt nicht weniger gehuldigt als heutzutage. Man weih, dah Lord Eastlereagh trotz all der Dalle, welche er in Wien zur Zeit des Kongresses Gelegenheit hatte zu be- suchen, zwei Stunden allabendlich in seinem Hause tanzte, mit seiner Frau, mit seiner Schwester und, wenn er keine Partnerin mehr fand, — mit Stühlen. — So seltsam uns die Tanzlust seiner Lordschaft schon erscheint, er wurde noch bei weitem übertroffen von einem Kaiser, der vermutlich den Rekord im Lanzen schlug. Der kluge Spötter Fürst von Signe prägte das berühmt gewordene Bonmot vom tanzenden Kongreß*). Man sagt, dah Kaiser Alexander I. von Auhland, der, wie die Wiener spöttelten, an „dansomanie" gelitten hat, das Mort auf sich bezog und den achtzigjährige^'. Fürsten deswegen zur Rede stellte. Entschieden hatte er kein Recht dazu. Sean-Gabriel Ehnard, der kühl beobachtende Sekretär der Genfer Vertreter, erzählt von einer Unpäßlichkeit des Kaisers, die ihn befiel, nachdem er 40 Rächte hintereinander bis vier und fünf Ähr morgens durchtanzt hatte. Welche Leistung! — Er wäre töricht, sonderlichen Anwandlungen nachzugehen, wenn man von einer derart hemmungslosen Sucht sich zu vergnügen hört. Die positive Arbeit leisteten die Diplomaten und die Monarchen hatten Zeit und Geld und fühlten sich wahrscheinlich durch das seltene Leben unter ihresgleichen bewußter Mensch, als in der Einsamkeit des Throns; und Kaiser Franz I. von Oesterreich war ein liebenswürdiger Wirt. Sein Fleiß, mit dem er all die Bälle, Maskeraden und Konzerte besuchte, um seinen erlauchten Gasten zu gefallen, verdient Bewunderung, toemt man bedenkt, dah er, der krank und schwächlich war, die Feste verachtete. Liebe für sein Volk und Güte, die ihn befähigte, Mängel seiner Persönlichkeit vergessen zu machen, erschlossen ihm die Psyche seiner Zeit. Rach ungeheuren Anstrengungen war es den Verbündeten gelungen, die Macht Napoleons zu brechen. Run, da der Usurpator die Rolle eines Robinson Krusve auf Elba zu spielen genötigt worden war, wich auch der Alp von den Gemütern, die in der steten Furcht vor dem Diktator der ungezwungenen Lebensfreude solange hatten entbehren müssen. So wurde der mit dem ersten Pariser Frieden am 30. Mai 1814 in einem Artikel des Friedensvertrages beschlossene Wiener Kongreß, der doch in erster Linie der Politik, der Neuordnung der europäischen Verhältnisse hatte gelten sollen, zu einem imposanten Stelldichein der Rotabilitäten aller Länder dieser Zeit, die weniger den ernsten Willen in sich fühlten, sich der gewaltigen Verantwortung gemäß mit den nach Lösung schreienden Problemen zu be- schöstigen, als den naiven Trieb im Taumel rauschender Veranstaltungen die überstandenen ernsten Zeiten zu vergessen. Die grenzeirlose Gastfreiheit des österreichischen Hofes kam den Wünschen seiner hohen Gäste voll entgegen mit einer Pracht der Aufmachung, wie sie vielleicht bis dahin nicht gesehen wurde, und die Gesellschaft, die aus aller Welt nach Wien geeilt war, um das von Geist und Hoheit, Gold und Anmut strahlende Gemälde zu genießen, um teilzunehmen an dem großen Friedensfest, um Interessen zu vertreten — fremde oder eigene — sie war, wenn irgendwer den Anspruch hatte, berechtigt, die höchsten Ehren zu erwarten. Allein die Hofburg barg in ihren Mauern zwei Kaiser, zwei Kaiserinnen, vier Könige, eine Königin, zwei Kronprinzen, zwei Erzherzoginnen und drei Prinzen. Die Zahl der übrigen hervorstechendsten Persönlichkeiten, die damals in Wien Quartier genommen hatten, ist genau kaum festzustellen. Man sah die buntbestickten -Uniformen und die schönsten Frauen aller Länder, Europas Blüte, die internationale Welt der Macht, des Witzes und der Grazie. Die Wiener hatten alle Hände voll zu tun. Das Geld lag auf der Straße und die Fleißigen verstanden es, das Gold der reichen Gäste zu gewinnen. Dabei war der Bevölkerung Ge° tegenheit gegeben, um billigen Preis die Reste von der kaifer- nchen Tafel zu erstehen; daß diese „Reste" auch verwöhnten Gaumen mundeten, ist leicht zu glauben, wenn man hört, daß diese kaiserliche Tafel täglich fünfzigtausend Gulden kostete! Die Dienerschaft, die den Erlös aus den Verkäufen selbst behalten durste, erfand natürlich neben diesem auch noch andere Geschäfte, Sv wurden Kerzenreste angeboten, die derart reichlich von den dielen Festen üßrigblieben, dah mancher Wiener, der vielleicht bisher nur spärliche Beleuchtung kannte, sich einen märchenhaften Lichterglanz im Hause leisten konnte. Das Handwerk aller Zünfte *) „Le congrös Raufe, mail il ne marche Pas" — Der Kon- C-ef? tanzt, aber er kommt nicht vorwärts, fand den besten Absatz, erklärlicherweise den höchsten das der Schneider. — Nachdem sich die Herrscher gegenseitig mit allen erdenllichen Orden dekoriert hatten, beliebten sie sich Regimenter zu verleihen, und da man es sich zur Ehre machte, sogleich im vollen Glanz der Uniform des jeweiligen Regimentes zu erscheinen, war es den Schneidern, deren Händen die Eitelkeit der Majestäten ausgeliefert war, Wohl möglich, reichen Lohn zu ernten. Dah mit dem wachsenden Bedarf die Preise stiegen, war wiederum Veranlassung für die Beamten, auf eine Erhöhung ihrer Bezüge zu dringen. Man zahlte selbstverständ- lich. Wien war fröhlich und der Kongreß und Kaiser Alexander tanzten. — Reiterkavalladen durchquerten die Stadt. Dreihundert Equipagen vermittelten den Verkehr von Salon zu Salon. Am Hofe jagten sich die Feste. Was irgend ungewöhnlich war, jeder noch so exzentrische Einfall, der geeignet schien, Abwechslung in die bunte Folge der Veranstaltungen zu Bringen, wurde von den Vergnügungskomitees genehmigt und die Gefährdung eines einmal gefaßten Vorhabens erregte fast größeres Snteresse bis in die höchsten Kreise als die Geschäfte der Diplomatie. Mitten im Winter standen in Ben Sälen, wo die Festlichkeiten abgehalten wurden, ganze Bäume in Blüte oder mit köstlichen Früchten beladen. Lebende Bilder wurden gestellt, bei denen die aus der fürstlichen Gesellschaft verpflichteten Akteure den nach Wien strömenden Berufsschauspielern wenig nachgaben. Geschmack und Laune triumphierten; und das Ballet verschrieb man sich natürlich von — Paris. Aus der Fülle der bedeutenden Veranstaltungen ragen einzelne so hoch über das alltägliche hinaus, daß man dem Grafen de la Garde, der in der Niederschrift seiner Erlebnisse als Kongreßbummler gerade ihnen weiteste Beachtung schenkte, gebannt in feinen Schilderungen folgt. Dem alle Herzen bewegenden Wunsche entgegenkommend, den endlichen Frieden zu feiern, wurde unter freiem Himmel das militärische Friedensfest mit allem Pomp der weltlichen! und geistlichen Mächte Begangen. Sm Zentrum eines Rasenplatzes war ein mit Trophäen geschmückter Tempel errichtet worden, um den sich die Majestäten mit ihren Hofstaaten, die Diplomaten und hohen Militärs, der Klerus, die verschiedensten! Regimenter und die staunende Bevölkerung Wiens gruppierten. Der Erzbischof von Wien zelebrierte die Messe. Und Vie stolze Versammlung sank in den Staub vor dem Lenker der Schlachten. Größer, ergreifender als dieses Bild kann keines der rauschenden Feste gewesen sein. Die Redouten im Kaiserpalast bildeten den Gipfel der gesellschaftlichen Zusammenkünfte. Hier mag Sean-Baptiste ÖfaBet seine Studien getrieben haben, bis er das berühmte Gemälde vom Wiener Kongreß vollendete. — Der Tag des kaiserlichen Karussells, der mit größter Spannung erwartet wurde, führte die erlauchten Gäste neben anderen Geschicklichkeitsbeweifen der Paladine ein Turnier vor Augen. Da Kaiser Alexander infolge seiner -Unpäßlichkeit verhindert war, dem Feste Beizuwohnen, wurde die Veranstaltung ein zweites Mal gegeben. Lady East- lereagh, die Gattin des tanzlustigen Diplomaten, verstieg sich bei dieser Gelegenheit so weit, den Hosenbandorden ihres Eheherrn in Brillanten gefaßt als Diadem auf dem Kopf zu tragen. — Honny sott qui mal h Benfe! Man mußte sich bemerk- bar machen, wenn man in dieser Fülle auserlesenster Persönlichkeiten beachtet werden wollte. Und daß der schönen Frauen, die nicht nur im Glanz der Kerzen strahlten und den Blick der Potentaten magisch auf sich lenkten, genug in Wien versammelt waren, bewies die Schlittenfahrt. Unter der Leitung des Oberstallmeisters von Trautmanns- dorf, von einem Kavalleriedetachement, einer Schwadron kaiserlicher Retter, zwei unförmlich grossen Orchesterschlitten und vierundzwanzig jungen mittelalterlich gekleideten Pagen begleitet, flogen die Schlitten der Notabilitäten über den Schnee. Die feurigen Rassepferde, das Läuten der filbernen Glocken, das Spiel der Trompeten und Pauken, der Reichtum an Seide und Samt und Gold und Perlen und Pelzen und kostbaren Decken berauschten das Volk, das jubelnd die Potentaten begrüßte. Der Kaiser von Oesterreich führte die liebenswürdige Elisabeth, Kaiserin von Rußland, der Kaiser Alexander die Prinzessin Gabriele Auersgerg (la Beaute, qui inspire seul du vrai fentiment, wie der Kaiser sie nennt), der König von Preußen die „teuflisch" schöne Gräfin Sulie Zichh, der König von Dänemark die Großherzogin von Sachsen-Weimar, die Hermelin trug, eine Pelzart, die damals in Oesterreich nur Herrschaften kaiserlichen Geblütes zu tragen gestattet war, der Großherzog von Baden die Gräfin Lanzanzky, der Kronprinz von Württemberg die Fürstin von Liechtenstein, der Kronprinz von Bayern die Gräfin Sophie Zichh, der Prinz Eugen die Gräfin Apponyi .....wer zählt die Namen! Denkwürdig und vielleicht am bewegtesten von den zweihundert Tagen des Kongresses ist jedoch vor allem der 7. März 1815. Man stellte gerade lebende Bilder unter dem Protektorat der Kaiserin Ludowica; „les noees de Psyche" hieß das „Tableau" Der ganze Olymp wurde dargestellt und man hatte gerade dieses Fest mit jeder erdenklichen Ausstattung bedacht. Die höchsten Herrschaften vergnügten sich, die Göttlichen selbst zu spielen. Da, als das Fest seinen Höhepunkt erreicht und die - 139 Bilder den begeisterten Beifall der königlichen Zuschauer gc- funden hatten, wuchs ein Gerücht wie ein Gespenst in die ahnungslos fröhliche Stimmung der Nacht. Auf dein Olymp, in den Garderoben und im Zuschauerraum raunte man sich's zu: „Der Usurpator ist entflohen! Von Elba entflohen und in Frankreich gelandet!" Man bemühte sich, die allgemeine Be- stürzung zu verbergen, man lächelte so ungezwungen wie nur möglich, man tat, als ob die Botschaft ^gar nicht ernst zu nehmen sei und hörte den Kaiser Alexander dem Kaiser Franz heimlich einen Scherz erzählen. Der Scherz hieß: „Ich verfüge über dreihunderttausend Mann, die der Koalition jederzeit zu Diensten stehen." Aegyptens Meisterwerk. Von Emil L udwig. Im Gewirr von hundert Wüstenhügeln, Jnselfelsen,, Lehm« mauern, alles in blendenden! Gelb, das Sand und Stein dein Blau des Himmels hier entgegenstrahlen, plötzlich fängt' dunkelgrün eine kleine Oase an, deren gärtnerische Wege gleich den künstlichen Ursprung andeuten. Wein, Tropenhäuser prallen aus dem Grün der Tamarinden, kleine Kioske ziehen den Telegrapyendraht in ihre Zelle, stille Ordnung summt um den Fremden, nach dem Gestümmel des Basars. Noch eine kurze Allee, eine Lichtung: da schlägt sich der Blick an einer ungeheuren Mauer. Turmhoch schrofft sie sich empor, nach zwei Seiten sperrt sie Blick und Bild kilometerlang. Die einzige Gerade inmitten des barocken Linienfeldes, das die Stromschnellen jedes Flusses erzeugen, die Menschenhand hat sie gezogen, und reite ich in ihrem Schatten bis an das nähere Ende, ersteige die Mauer auf eisernen Treppen: schnurgerade durchschneidet sie nun, von oben gesehen, ein Damm von Stein, die Warm-Wüstenlandschaft. ' Das ist der Staudamm von Assuan, das einfachste Kunstwerk, und ich habe in Aegypten nichts Größeres gesehen. Demi hier liegt wahrhaft das Herz des Landes. Größer als die barocke Laune des Phramidenbauers, kostbarer als die ehrwürdigen Formen der Königsthrone, reicher als die überfüllten Grabmäler, monumentaler selbst als die Riesensäulen des Ammontenrpels: hier ist ein Ende des zweiten Jahrtausends nach Christus, ein Meisterwerk aus Menschenhand hervorgegangen, das drei Jahrtausende imperialistischer Üebertreibungen in den Schatten stellt. Vergebens suchten Ramses und die Seinen vor und nach ihm Pinsterblichkeit durch Sklavenarbeit, die ihre Gräber schuf: die Ströme ihrer Phantasie rauschten vom Blut und Schweiß der Hunderttausende, und dreißig Jahre zogen diese Scharen Blöcke zum Pyramidenbau für einen. Hier haben ein paar tausend Hände nach dem Plane eines oder eines Dutzend Menschen in vier Jahren ein Werk vollbracht, das Millionen nährt. In diesem Zeichen, an solchen Punkten richtet dies Jahrhundert seine Meisterschaft auf: Technik wird Humanität, auch wenn Geschäftsgeist sie hervvrgerufen hat. Was sollen Zahlen uns Laien bedeuten, sie stehen gewiß im Drockhaus, wo alles steht, und wenn ich sage, dies ist die größte Talsperre der Welt, an zwei Kilometer lang, an 50 Meter hoch, hat etwa 180 Schleusentüren und kann 9 Millionen Tonnen Wasser in der Flutzeit durchlassen, so ist wenig entschieden. Aber diese Talsperre speichert nichts auf, um es als Kraft zu verwenden, sie läßt das Ersparte nicht arbeiten, nur warten, nur parat sein, und der Stausee ist nicht bloß das, was ich hier südlich des Dammes erblicke — es ist der Nil 220 Kilometer weit. Donnernd rauscht es inmitten dieser Riesenbrücke, dort sind fünf Tore geöffnet, jedes speit 15 Kubikmeter Wasser in jeder Sekunde aus. Jetzt eben steigt der Ail, langsam wird sich dies Steigen vermehren, bis im Juli die Regengüsse in den Bergen Abessiniens den Blauen Nil, gefährlich und furchtbar zugleich, anschwellen lassen: dann kommt der Augenblick, wo ein Wink des Ingenieurs alle Tore öffnet, dann strömt ein paar Wochen lang alles hinab, was Aegyptens Leben bedeutet. Noch heute, wie in antiker Zeit, gibt an einem Julftage der König in feierlichem Schiffe das Zeichen, oberhalb Kairos, das Band zu durchschneiden, das nur symbolisch die Wasser sperrt; dann befiehlt ein Funkspruch allen Schleusen, sich zu öffnen, und der ärmste Fellache zwischen Sudan und Delta sieht seinen letzten Kanal sich füllen. Denn das System durchrieselt ganz Aegypten. Da die Wüste rings das Land regenlos macht, da aber der größte Mutz des Erdteils, der zweite des Erdballs und noch dazu der fruchtbarste, wie zum Ersah, dies selbe Land durchströmt, war der Gedanke jedes Aegypters, vom Baumwollkönig bis zum nackten Nubier