Gietzener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1925 Dienstag, -en Dezember Nummer 96 Der Dichter. Von Rainer Maria Rilke*). Du entfernst dich von mir, dir Stunde, Wunden schlägt mir dein Flügelschlag. Allein: was soll ich mit meinem Munde? mit meiner Rächt? mit meinem Tag? Ich habe keine Geliebte, kein Haus, keine Stelle, auf der ich lebe. Alle Dinge, an die ich mich gebe, werden reich und geben mich aus. Zu Rainer Maria Rilkes fünfzigstem Geburtstag am 4. Dezember 1925. Eine entwicklungsgeschichtliche Studie von Friedrich v. Oppeln-Bronikvwski Der fünfzigste Geburtstag eines Dichters ist an sich ein belangloses Datum, aber wir haben unS gewöhnt, solche Gedenktage zu einem Rückblick auf ihr Schaffen zu erwählen, mag nun ihre Entwicklung früh oder spät begonnen haben, mögen sie „auf der Höhe des Lebens" stehen, die man auf das fünfzigste Jahr festzusetzen pflegt, oder mag ihr Bestes und Reifstes ihrem Alter Vorbehalten sein. Bei Rilke ergreife ich diesen äußeren Anlaß um so lieber, als ich seit über zwanzig Jahren ein Verehrer seiner Kunst bin und es in der Rachkriegszeit immer stiller um Rilke geworden ist, seine eignen Gaben immer seltener geworden sind. Was wir seit 1918 auf allen Gebieten des Lebens und des Geistes erfahren haben, das Sturmlaufen gegen Staat und Gesellschaft, Kultur, Kunst und Schrifttum der Vorkriegszeit, bas Hat sich — uns Aelteren noch wohl erinnerlich — schon vor einem Menschenalter ganz ähnlich zugetragen, als das Geschlecht, das den Aaturalismus, Impressionismus, Sozialismus und andere Ismen auf seine Fahnen schrieb, gegen die „Gründerperiode", die „Epigonen", den „Kapitalismus" anstürmte und ganz Deutschland in zwei lärmende Heerlager spaltete. Die unausbleibliche Reaktion dagegen vollzog sich im Schoße der „Jungen" selbst durch eine Sezession, die aus dem Schlagwortgeschrei, dem „Philosophieren mit dem Hammer", dem uferlosen Kritizismus herausstrebte. Wie in den Tagen der Romantik entstand eine Sehnsucht nach Verinnerlichung und bleibenden Werten, und mit Rovalis sah man wieder „die höchste Aufgabe der Bildung" darin, „sich seines transzendentalen Jchs zu bemächtigen", in mystischer Vereinigung mit 6em All-Einen das sichre Lebensgefühl wieder zu gewinnen, das in dein zersplitternden Wirken und Denken verloren gegangen war. Diese Bewegung war zweifellos ebenso einseitig wie die, aus der sie sich ablöste, nur in entgegengesehtem Sinne. Statt eines polternden Revolutivnismus war es eine Abkehr von der Außenwelt, eine ästhetische Selbsterlösung von Zwecken und Stoffen, eine Reigung zur Absonderung und Einsamkeit, ein frauenhaftes Rach-Jnnenleben, ein „Wohnen im Gswoge" kosmischer Kräfte, wir Rilke es nennt, 5fcer in dieser Einseitigkeit lag auch ihre Kraft. ES ist nicht verwunderlich, baß Oesterreich in dieser Bewegung durch Hofsmannsthal und Rilke markant vertreten war. Diele Bewohner eines alten, morschen StaatsgebäudeS, Erben einer alten, überreifen Kultur, waren geborene Zungenlöser der Reuromantik. In Rilke besonders wurzelt tief das Bewußtsein, der „Letzte" eine» alten Geschlechts zu sein, in dem sich alle Kräfte der Vergangenheit vergeistigt ausleben. Dieser Gedanke kehrt in Vers und Prosa bei ihm immer wieder, am eindrucksvollsten in dem Gedicht „Der Sänger singt vor einem Fürstenkind": „Das ist der Sinn von allem, was einst war, Das es nicht bleibt in seiner ganzen Schwere, Daß eS in deinem Wesen wiederkehve, I« dich verwoben, tief und wunderbar." Zwar fehlt auch nicht die Schwermut darüber, daß er ein „Letzter" sein muß, daß alles von ihm Ererbte and Erworbene „heimatlos" ist, daß eS „fällt" und „wie auf eine Welle gestellt ist". Aber gerade diese Seelenstimmung, das Bewußtsein, daß er das Ende einer langen Kette ist, verleiht ihm die Richtung ins Kosmische, läßt seine Seele sich ins All ergießen, „sich wie ein Feierkleid über die sinnenden Dinge breiten". „And da weiß ich. daß nichts vergeht, Keine Geste und kein Gebet." *) Aus „Das Buch der Bilder" (Insel-Verlag, Leipzig 1923). Ein zweites Element seiner Herkunft — und somit eine Voraussetzung seiner Kunst — ist der slawische Einschlag des Böhmen. Das reine Slawentum Rußlands wirkte auf ihn wie eine Offenbarung. Moskau war ihm „die Stadt seiner ältesten und tiefsten Erinnerungen: es war Heimat". Rußland ist für ihn „das Land, wo die Menschen Einsame sind, jeder mit einer Welt in sich, jedes voll Dunkelheit wie ein Berg; jeder tief in seiner Demut, ohne Furcht, sich zu erniedrigen, und deshalb fromm. Menschen voll Ferne, Angewißheit und Hoffnung: Weichende". Auch feinen Kritikern ist dies slawische Element in ihm aufgefallen, besonders in feiner an Chopin gemahnenden Bersmufik. „Diese unendliche Weichheit und Süße, diese schmeichelnden Rhythmen, verträumt und versonnen und dann wieder ritterlich prunkvoll, bisweilen ins Grausame gesteigert („Karl XH. in der Akraine") sind gewiß slawisches Erbgut" (R. Freienfels). Aus seiner Kindheit stammt schließlich auch sein gefühlsmäßiger Katholizismus mit seinen Madonnenbildern und Engelliedern, seinen katholischen Kultsymbolen,' der romanischen Auffassung des Dichters als eines geweihten Priesters: „ . . . Denn so tun die Ganzen: Erst wenn, wie hingefällt von lichten Lanzen, Die laute Menge stumm ins Knien glitt, Erheben sie die Herzen wie Monstranzen Aus ihrer Brust und segnen sie damit." Religiöse Mystik durchflutet alle seine Werke, besonders das „Stundenbuch", das sich ganz in den Formeln und Gefühlen eines — individuell vertieften — „mönchischen Lebens" bewegt. And dies Leben, das Leben eines Einsamen, Armen, Heimatlosen, hat er selbst gelebt, freilich nicht im Kloster, sondern in der Welt, im Großstadtgetriebe wie in der Stille des Landlebens, aber stets wie ein Mönch, „Ein Blasser, allem Abgelöster, Der in das Leben aus der Zelle sieht And der den Menschen ferner als den Dingen" steht. So hat er Rußland, Italien, Aegypten durchstreift, vor allem aber hat es ihn immer wieder nach Paris gezogen, wo fein Roman „Laurids Drigge", eine kaum verhüllte Selbstbiographie, spielt und wo er als Künstler die stärksten Anregungen durch den Bildhauer Rodin erfuhr, der, wie er schreibt, „mich alles gelehrt hat, was ich vorher nicht wußte, und alles, was ich wußte, hat er mir geöffnet durch sein stilles, in unendlicher Tiefe vor sich gehendes Dasein, durch sein großes Versammeltfein um sich selbst und sein wachsendes Altern, in dem alle Dinge zusammengeschlossen sind". And er vergleicht Rodiirs Schaffen mit „der großen Geduld und Güte der Ratur, die mit einem Richts beginnt, um still und ernst den weiten Weg zum Aeberfluß zu gehen". Diese Worte sind ahxß das Motto für Rilkes eignen künstlerischen Werdegang, der eine dauernde Selbstvertiefung ist. Seine Jugendgedichte „Larenopfer" sind noch fast solch ein „Richts", aber er ist schon hier der „Schauende", für den jede Gebärde, jeder Eindruck etwas Entscheidendes besitzt: nur hat fein Schauen sich noch nicht nach innen gewendet. Dies geschah erst in der Sammlung „Traumgekrönt", einem romantischen LebenSbankerott, der sich in die Welt hinaus projiziert und auch sie zerstört wähnt, aber in der Stille Der Einsamkeit Genesung findet. Ein Mensch mit seiner äleberfeinentng, seinem scheuen Rach-Jnnen-Leben, wäre im Getriebe des Lebens zermalmt worden; er war zur Einsamkeit bestimmt, und seine Welt war nicht die Wirklichkeit, sondern die Kunst. Die Novelle „Die Letzten" stellt — tragisch aufgesteigert — die Bewußtwerdung dieses Fatums dar. Der junge Malcorn, der sein Geschlecht bis auf Die alten nordischen Heerkönige zurückleitet, lebt „zwei Leben, eins nach vorn und eins tief zurück in die Vergangenheit". Jenes Drängt ihn zu sozialer Betätigung; dieses läßt ihn jählings erkennen, Daß er dem Leben im Grunde ganz fernsteht. In Dem Augenblick, wo der Brustkranke unter der Last seiner praktischen Aufgabe zusammenbricht, will er Künstler werden, aber da ist es zu spat. Der Dichter selbst hat die Konsequenz seines Geschöpfes gezogen. In der Erkenntnis, daß er sich den Menschen nicht unmittelbar widmen tarnt, erzieht er sich „zu tieferem Handeln", um der Welt etwas geben zu können, „versammelt" sich um sich selbst und stellt diese vertiefte Persönlichkeit Dann aus sich heraus. Schon in seiner zweiten GeDichtsammlung mit dem verheißungsvollen Titel „Advent" tritt dies Ziel ihm Deutlich vor Augen: j ' „ v > 382 — »Tief in das Leben greifen Lind durch das Leid Weit aus dem Leben reifen, Weit aus der Zeit." »Das schnellste Tier, das euch zur Vollkommenheit trägt, ist Leiden", sagt Meister Eckehart; auch für Rilke wird das Leid zur treibenden Kraft. „Wir, denen aus Trauer so oft seliger Fortschritt entspringt — konnten wir sein ohne sie?" fragt er noch in seiner letzten Dichtung, den „Duineser Elegien" (so genannt nach dem jetzt zerstörten Schloß Duino der Fürstin von Thurn und Taxis, in der sie entstanden sind). Indem er das Leid bejahte und es in den Dienst seiner Kunst stellte, übev- wand er die Lebensangst, die seine Anfänge kennzeichnet, wenigstens teilweise und zeitweise. „Alle Angst ist nur ein Anbeginn, Aber ohne Ende ist die Erde, Und das Bangen ist nur die Gebärde, Llnd die Sehnsucht ist ihr tiefer Sinn", heißt es in seiner nächsten Gedichtsammlung „Mir zur Feier'"). Die Erfüllung dieser Sehnsucht bringt das „Buch der Bilder", das seine Lyrik in ihrer reifen Bildlichkeit zeigt. Anfangs befällt ihn zwar auch hier wieder die Weltangst, aber bald findet er den ersehnten „Fortschritt": „Lind wieder rauscht mein tiefes Leben lauter, Als ob es jetzt in brettern Äsern ginge. Immer verwandter werden mir die Dinge Lind alle Bilder immer angeschauter; Den: Namenlosen fühl' ich mich vertrauter." ... Der Künstler ist über den Menschen Herr geworden; sein 2ch hat sich in die „Dinge" ergossen, sich in ihnen objektiviert. Ein pantheistisches Allgefühl durchpulst fortan seine Werke; in der Hingabe an die ewigen, unzerstörbaren Kräfte, die die Welt durchfluten, findet er das sichere Lebensgefühl, „Kann mir einer sagen, wohin Ich mit meinem Leben reiche? Ob ich nicht auch noch im Sturme streiche Lind als Welle wohne im Teiche, Ob ich nicht selbst noch die blasse, bleiche, Frühlingsfrierende Birke bin?" Die Natur aber ist nur die Offenbarung Gottes, und das gleiche Gefühl der -Unzerstörbarkeit der Kräfte im Wandel der Formen erfüllt Rilkes religiöse Lyrik. Diese neue Frömmigkeit, dieser schon im „Advent" erstrebte „kapellenlose Glaube", baut sich in seinem Herzen und in seiner bildhaften Kunst An» dachtsstätten, in denen er seine eignen Liturgien singt, auf seine Weise zu Gott betet. „Ich weist, so oft mein Denken mißt, Wie tief, wie lang, wie weit, Du aber bist und bist und bist, Umzittert von der Zeit. Mir ist, als wär ich jetzt zugleich Kintz, Knab' und Mann und mehr. Ich fühle nur, der Ring ist reich . Durch seine Wiederkehr." So betet Rilke in seinem „Stundenbuch", seiner ersten zusammenhängenden größeren Dichtung, die, ganz aus religiösem Gefühl geboren, aber aus den mannigfachsten Elementen gemischt, noch einmal alle Krisen der Lebensangst und WÄt- flucht bis zur Weltvrrnrinung durchläuft, um schließlich nach apokalyptischen Weltuntergangsvisionen einen neuen Himmel und eine neue Erde zu prophezeien. ES bedürfte eines Äufsatzes für sich, um von dieser schweren, oft schmerzvollen Mystik ein auch nur annäherndes geistiges Bild zu geben; hier sei nur darauf hingewiesen, daß die geistigen Krisen der Gegenwart, auf die der Anfang dieser Studie hinwies, und von denen Rikke sich bisher abseits gehalten hatte, hier nun doch in religiöser Gewandung in seine Kunst eindringen, und daß er sich im „Stundenbuch" endgültig mit ihnen auseinandersetzt. Auch die „Neuen Gedichte", inhaltlich und stilistisch eine Fortsetzung vom „Buch der Bilder", weisen dies neue Element der Auseinandersetzung mit der Welt und ihren Erscheinungen! auf. Aus dem subjektiver! Lyriker ist hier ein „Schauender" geworben, der Länder und Kulturen durchwandert. Griechentum und Christentum, Mittelalter und Renaissance, Reiseeindrücke und modernes Leben, Stilles und Geräuschvolles drängen zur Gestaltung heran und werden alle mit gleichem Dildnerernst geformt. Etwas Nordisch-Strenges, Erarbeitetes macht sich geltend, an Stelle des Melodienreichtums früherer Werke tritt immer mehr Bild und Plastik. Der innere Umschwung, der sich schon am Ende des „Stundenbuches" mit seinen Anklängen an die antike Orphik ankündigte, vollzieht sich dann in Rilkes beiden letzten Gedichtsammlungen!, *) Neuerdings unter dem Titel „Frühe Gedichte", aber von dem unermüdlich nach Vollendung Ringenden nochmals durchgefeilt und bisweilen stark verändert. Sämtliche Dichtungen Rilkes sind würdig ausgestattet im Inselverlag zu Leipzig erschienen, , , , ; den „Sonetten an Orpheus" und den schon genannten „Duieneser Elegien", beide nach dem Weltkrieg erschienen, und mit diesem inneren geht auch ein formaler Wandel Hand in Hand, eine Anlehnung an die gegebene Kunstform des Sonnets mit seinen festeren Bindungen, schließlich ein Verzicht auf den Reim und die „freie“ Gestaltung des antiken EpenverseS. Statt biblischer Bilder benutzt der Dichter jetzt fast durchweg solche ans dem dionysischen Kult. Die Zerreißung des Orpheus durch die Mänaden wird zum Symbol des ewigen „Stirb und Werde". Durch den Tod des göttlichen Sangers wird sein Sieb in das All ausgegossen; es erfüllt die Natur und tönt unsterblich im Sängermund fort., Statt der düsteren Weltuntergangsstimmuirg der Apokalypse herrscht eine stille, herbstliche Bejahung, die im Fallen der Frucht, im Sterben der Natur nur eine Metamorphose des Lebens sieht. „Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert, Drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt. Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter Dir, wie der Winter, der eben geht. Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter, Daß überwinternd dein Herz überhaupt übersteht." Die Sprachmusik ist hier, wie man sieht, nicht geringer geworden, sie schlägt nur andere, stillere Töne an. Diese Gedichte erinnern an die zartesten Schöpfungen der griechischen Anthologie. Nur Hölderlin Hat bisher Verse von dieser süßen Reife, diesem reinen Wohllaut in deutscher Sprache gemeistert. Als Vollendeter überschreitet Rilke die Schwelle des fünfzigsten IahreS. Sebftbildnis aus dem Jahre 1906. Von Rainer Maria Rilke'). Des allen lange nötigen Geschlechtes Feststehendes im Augenbogenbau. Im Blicke noch der Kindheit Angst und Bläu und Demut da und dort, nicht eines Knechtes, doch eines Dienenden und einer grau. Der Mund als Mund gemacht, groß und genau, nicht überredend, aber ein Gerechtes Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes und gern im Schatten stiller Wiederschau. Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt; noch nie im Leiden ober im Gelingen zusammengefaht zu dauerndem Durchdringen, doch so, als wäre mit zerstreuten Dingen von Fern ein Ernstes, Wirkliches geplant. Der fremde Manu. Von.Rainer Maria Rilke"). Ein fremder Mann Hai mir einen Brief geschrieben. Nicht von Europa schrieb mir der fremde Mann, nicht von Moses, weder von den großen, noch von den kleinen Propheten, nicht vom Kaiser von Rußland ober dem Zaren Iwan, dem Grausen, seinem fürchterlichen Dorfahven. Nicht vom Bürgermeister oder vom Nachbar Flickschuster, nicht von der nahen Stadt, nicht von den fernen Städten; und auch der Wald mit den vielen Rehen, darin ich jeden Morgen mich verliere, kommt in feinem! Briefe nicht vor. Er erzählt mir auch nichts von feinem Mütterchen oder von feinen Schwestern, die gewiß längst verheiratet find. Vielleicht ist auch fein Mütterchen tot; wie könnte es sonst sein, daß ich sie in einem vierseitigen Briese nicht erwähnt finde! Er erweist mir ein viel, viel größeres Vertrauen; er macht mich zu feinem Bruder, er spricht mir von seiner Not. Am Abend lommt der fremde Mann zu mir. Ich zünde keine Lampe an, Helse ihm den Mantel ablegen und bitte ihn, mit mir den Tee zu trinken, weil das gerade die Stunde ist, in welcher ich täglich meinen Dee trinke, ilnb bei so nahen Besuchen mutz man sich keinen Zwang auferlegen. Als wir uns schon an den Tisch setzen wollten, bemerke ich, daß mein Gast unruhig ist; sein Gesicht ist voll Angst, und seine Hände zittern. „Richtig", sage ich „hier ist ein Bries für Sie." Lind bann bin ich dabei, den Tee einzugietzen. „Nehmen Sie Zucker und vielleicht Zitrone? Ich Habe in Rußland gelernt, den See mit Zitrone zu trinken. Wollen Sie versuchen?" Dann zünde ich eine Lampe an und stelle sie in eine entfernte Ecke, etwas hoch, so daß eigentlich Sommerung bleibt im Zimmer, nur eine etwas wärmere als früher, eine rötliche. Hub ba scheint auch das Gesicht meines Gastes sicherer, wärmer und um vieles bekannter zu sein. Ich begrüße ihn noch einmal mit den Worten; „Wissen Sie, ich habe Sie lange erwartet." ühtb ehe der Fremde Zeit hat zu staunen, erkläre ich ihm. „Ich weiß eine Geschichte, welche ich niemanbem erzählen mag als Ihnen, fragen Sie mich nicht warum, sagen Sie mir nur, ob Sie bequem sitzen, ob der Tee genug süß ist und ob Sie die Geschichte hören wollen."' Mein Gast mußte lächeln. Dann antwortete er einfach: „Ja." „Auf alles drei: Ja?" „Aus alles drei." ") Aus „Neue Gedichte" (Insel-Verlag, Leipzig 1923). ’) Aus „Geschichten vom Heben Gott" (Im Insel-Verlag. Leipzig 1925). - — 388 Wir lehnten uns beide zugleich in unseren Stühlen zurück, so dah unsere Gesichter schattig wurden. Ich stellte mein Teeglas -nieder, freute mich daran, tote goldig der Lee glänzte, vergaß diese Freude langsam wieder und fragte plötzlich: „Erinnern Sie sich noch an den lieben Gott?" Der Fremde dachte nach Seine Augen vertieften sich ins Dunkel, und mit den kleinen Lichtpunkten in den Pupillen glichen sie zwei langen Laubengängen in einem Parke, iüter welchem leuchtend und breit Sommer und Sonne liegt. Auch diese beginnen so, mit runder Dämmerung, dehnen sich in immer engerer Finsternis bis zu einem fernen, schimmernden Punkt: dem ien- seitigen Ausgang in einen vielleicht noch viel helleren -iag. Während ich das erkannte, sagte er zögernd und als ob er sich nur ungern seiner Stimme bediente: „3a, ich erinnere mich noch an Gott." „Gut," dankte ich ihm, „denn gerade von ihm handelt meine Geschichte. Doch zuerst sagen Sie mir noch: Sprechen Sie bistoeilen mit Kindern?" „Es kommt wohl vor, so ttn Vorübergehen, wenigstens —“ „Vielleicht ist es Ihnen bekannt, daß Gott infolge eines häßlichen älngehorsams seiner Hande nickt weih, wie der fertige Mensch eigentlich aussteht? „Das habe ich einmal irgendwo gehört, ich weih indessen, nicht, von wem" — entgegnete mein Gast, und ich sah unbestimmte Erinnerungen über seine Stinte jagen. „Gleichviel,' störte ich ihn, „hören Sie weiter. Lange Zeit ertrug Gott dies« gewihheit. Denn seine Geduld ist wie seine Stärke groß. wären. Er solle mir recht eifrig proben. Das hatte leider Detter Peter im Billardzimmer gehört und das übrige von dem Liebhaber herausgeloÄ. 2m niedlichen Theater, wo es von gemalten Genien nur so flatterte, rumorte der Graf schon mit dem Frühesten. 2m Halbdunkel der Dühne, im Durcheinander von Kulissen und Versatzstücken hatte er Jean Paul erzählt, wie sein herzoglicher Ohm von einer Wandertruppe hier sogar den Don Juan habe aufführen lassen, zum Beweise deS hatte er noch aus einem Winkel das weihe Holzroß des Komturs hervorgezogen. Dana hatte er die gesamte Dienerschaft zusammengetrommelt, dem Oberhofmeister der Tante bewiesen, daß er keine Spur von ästhetischem Sinn habe, und endlich im ter . Poltern und Püffen eine ganz räsonable Szene mit Häusern, Gärtchen und Drumien- dach komponiert. Drei Ahr nachmittags, jetzt kann's lesgehen. Die Fäuste in die Seiten gestemmt, zwei Weinflaschen in den Rocktaschen, übersah er zufrieden sein Werk. Auf der kleinen Stiege zur Garderobe schlürfte ein tastender Tritt. Der Graf machte ein Gesicht, als beobachtete er eine Mausefalle, die sich schließen soll. „Sind Sie eS, Daronchen? .Famos, daß Sie früher kommen." „Es ist nur meiner Mutter wegen, lieber Graf. Zur Auf- führung wird sie bestimmt Migräne haben, und da heute ihr guter Tag sein wird..." „So will sie ihren Sohn bewundern, natürlich. Rur immer heran, sie soll den Chorus abgeben wie in der antiken Tragödie." „And dann wünschten Sie selbst, daß ich... Derteufelt dunkel hier." Er stolperte über ein Rasenstück und stand dann glücklich neben dem Grafen: „Kennen Sie Ihre Rolle schon? Wenn nur die vielen Stichwörter nicht wären!" „Kleinigkeit, Liebster, ich habe die meine kaum angesehen. Man wartet eben auf Inspiration. Dorsichiig, Sie fallen in den Brunnen! — Wissen Sie, weshalb sch Sie früher bat? Sehen Die hier: vin blaue de Mursault de la cöte d’or. Was meinen Sie? Ich habe mir di« kleine Aufmerksamkeit erlaubt." Der Baron glotzte ihn bedenklich an. „Ja, ist beim heute Geburtstag?" „Rein, aber Namenstag, liebster Schatz, obendrein noch der Ihrer kleinen Partnerin. ES leben die roten Locken!" „Aber, aber... Ich sehe jeden Tag im Kalender nach. Heute steht Esther da." „Ganz recht, so heißt sie ja. Da meiner Cousine der Name zu mosaisch war, machte ?te flugs Rita daraus, vielleicht ist's auch nur eine ku rische Abkürzung." „Was Sie sagen! Da muß man ja gratulieren." „Hm, ja. So ein bißchen angratulieren, memettoegen. Geben wir uns erst die rechte Stimnnrnig. Das machen wir so. Die mit Ihrem langen Pedal herauf aufs Pfech, ich hier auf den Brunnenrand, die Rasenbank sei unser Tisch. Was wir lieben!" Der Pfropfen knallte, die Gläser khmgen. „Rauchen Sie?" .Her damit, weil es nun doch AameirStag ist.' sind ein fidekeS altes Haus. Lind die Rollen Blitz ist Ihnen ja angepaHt tote eine Jockey- gelernt? Die im Hose!" „O — die!" „So nehmen Sie die starke Zigarre hier. Brennt sie?^Sitzen Sie gut? Haha, Baron Otto drückte schwärmerisch alle fünf Finger seiner Rechten an die Brust und stürzte ein Glas herunter. „Also verliebt find Sie?" forschte der Verführer und stützte die Ellenbogen auf und kniff die Augen zusammen. „Wird also nichts zu machen sein, die Kleine muß dran. Ich ziehe mich zurück, wenn auch mit gekucktem Herzbeutel. Ohne die roten Locken können Sie gar nicht leben?" „Je nun,“ meinte der Baron huldvoll und schlenkerte mit den Deinen. „Die Daronesse ist hübsch und Mama will es so. Heiraten muh man doch. Otto, sagt meine Mama, das kommersieren und kommittieren schickt sich nicht für dich. Du spielst als Student eine miserable Figur!" „Küß' die Hand, Frau Baronin," warf der Graf dazwischen. „Sie haben da eine sehr intelligente Mama. Auf Ihr Wohl!" „Otto," sagte sie, „dir fehlt das harmonische Gleichmaß, du nruht heiraten. Ich habe für dich gewählt. Und — sehen Sie. liebster Graf, wenn nun einmal so ein Herz in Flammen steht..." „Do brennt es!" ergänzte Graf Peter mit wundervoller Logik. „Löschen wir." „Aber, ich bitte Sie — schon die zweite Flasche! And mein« — meine Stichwörter?" Der liebenswürdige Wirt ließ keinen Einwand bestehen, ob auch der andere sich schon fester in den Sattel fetzte und mit weinseligen Augen den blauen Rauchwolken folgte. Anbezahlbar, wenn solch eine Landratte einmal feucht wird, dachte der Graf stillvergnügt und brachte sein nächstes Glas der Chassepot. Otto lächelte dumpfiffig; die verdiene es ganz besonders. Mama sage immer, er solle von ihr Manieren lernen. Dann machte er die Bemerkung, daß die Kulissen schief ständen und die Zigarre vortrefflich sei. Der Graf fand das ganz in der Ordnung und proponierte als ganz besondere Aeberraschung, die Chassepot als lebende Scharade aufzuführen. „Das macht man so. Erste Silbe: Sie stürzen wie ein gehetzter Hase über die Dühne, ich verfolge Sie mit gespanntem Hahn, chasse. Sehr gut, nicht? Die zweite Silbe bitten wir uns vom Koch aus und stellen einfach einen Topf auf den Tisch pot" Otto wollte bersten vor Lachen: „Das Ganz« aber, das Ganze?" forderte er neugierig. „Wir heben einen Pfeilerspiegel aus und rennen damit gegen die Gräfin, als liefen wir Sturm auf ihr Herz. Sie erkennt sich selbst. Grotzartigss Tableau!" Verstohlen wollte er eben unter homerischem Gelächter des Barons die dritte Flasche Hunter des Brunnenhäuschen hervor» alngen, als er sich von oben herab umarmt fühlte. Sin schallender Kutz war nicht mehr abMveHvrn: „Bravo, Graf, bravo! Sie — Sie sind ein guter Mensch wir müssen uns duzen. Beide sind wir gute Menschen' Liebster, bester Peter." Mit einiger Mühe mackste sich der Graf los und den andern wieder sattelfest: „Rur keine Extravaganzen, Daronchen, sonst kalken Sie vom Stengel. DaS Du überlegen wir un3 noch. Es könnte doch sein, daß wir uns einmal in die Haare geraten und es wieder zurücknehmen möchten. Ich nehme aber nie etwas zurück." „Ich auch nicht, ich auch nicht. Zum Henker alle Philister, die nicht trinken und lieben, wir dieser Jean Paul! Verdammter Kerl, stört Ständchen und — und — und singen werde ich doch." Die Wirkung schien großartigen zu werdsn, als Vetter Peter wünschen mochte. Gr hatte nur noch Zeit, dem Sangss- lustigen vom Pferde zu helfen und R'otz und Aaschen hinter die Kulissen zju schieben. Denn jetzt drang Tageslicht auf die Bühne. Aus der Damengarderobe traten Wilhelmine und Rita, Feuerbach mit Binzer und Jean Paul stieg die Stufen herab. „Stramm, Baron, stramm! Esther kommt. Zum Teufel, gondeln Sie nicht fo mit den Deinem, Sie treten mir die Häuser ein.“ „Beisammen sind wir, fanget an," deklamiert Feuerbach und drückt sich die Aachtwächterperücke fester. „Alles hübsch fertig, Detter?" forscht Wilhelmine ahnungslos. „Ich habe mir erlaubt, den Doktor mit,Möringen. Er vergeht etwas von der Sache. Run?" So einsilbig hat fit den Vetter nie gesehem And der Baron? Probt er schon? Genial fallen die blonden Haar« über feine stark gerötete Stirn, er Hat die Hellebarde des Nachtwächters ergriffen und hantiert an ihr herum tote an einer Laute. „Esther, Esther," flötet er und beginnt nun nach einigen mi^lückten Ansätzen im höchsten Tenor: Nimm, tooS Götter nur verstehen, Nimm der Liebe ganzen Schmerz: Nimm, was Götter nicht verschmWten, Rtmm ein ganz gebrochsmeS Herz. Es läßt sich nicht leugnen, mon ange ist betrunken. Aus dem dunklen Zuschauerraum Hingt ein schwacher Schrei, dort ist die Baronin eben im Begriff, ihr harmonisches Gleichmaß zu verlieren. Ernüchtert fordert der Baron stürmisch das erste Stichwort. „Am Gottes willen, schaffen Sie ihn fort,“ flüstert Wilhelmine dem Vetter zu. Mutter und Sohn schwanken fort zu verschiedenen Seiten. Was nun? Wilhelmine übersteht sofort die Situation, nertröä zerknittert sie das SouMerbuch in der Hand. Der Doktor scheint betreten, verlegen starrt Feuerbach in feine Rolfe, Jean Paul hat die Hände über der Weste gefaltet, boshaft blitzen ferne Brillengläser im Zwielicht. Da ist der Graf wieder zurück. Der Baron schlafe, die Baronin fei für Heute nicht mehr zu sprechen. (Fortsetzung folgt.) Hchriftleitung: Dr, Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.