Gießener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <925 Dienstag, den September Nummer 70 Sprüche. Don Richard von Schaukak. Sogenannte Aufrichtigkeit ist meist das letzte und stärkste Mittel zur Äebervorteilung deS Mißtrauischen. Die meisten leben von einer Hand in di« andere, nienvals auf eigene Faust. Die Menschen nennen den gescheit, den fte mit einiger Anstrengung verstanden zu haben meinen? Man mutz den Menschen, auf die man jeweils ohne Beziehung angewiesen ist, immer wieder nachweisen, wer man ist, obwohl sie's ja doch nie erfahren. DeLft. Bon Wilhelm Scharrelmann. Als ich Kind war, stand im Hause meiner Großmutter, vorsorglich hinter den Scheiben eines Glasschrankes verborgen, eine alte Delfter Base. Sie war freilich längst gesprungen, und der Bogel, der auf ihrem Deckel hockte und an einer Beere naschte, hatte bereits seinen Schnabel eingebüßt, aber das blaue Rankenwerk ihrer Wände und die geschwungene Schönheit ihrer Form leuchtete nur um so stärker aus dem geheimnisvollen Dunkel der Borten, auf welchem alte Zinnkannen und Teller, dicht aneinander gerückt, sich um die alte Base drängten. Damals hörte ich den Namen Delft zum ersten Male, und der Respekt, mit dem er ausgesprochen wurde, ließ eine Borstellung von der alten Stadt in mir erwachsen, in der alle Dinge ein märchenhaftes Gewand trugen. Sa, über der ganzen Stadt lag ein Rauch von dem weichen Blau ihrer alten Teller und Krüge, ihrer Basen und Kannen, und hinter verträumten Fenstern wuchsen leuchtende Tulpen in blauen Töpfen. Die Straßen waren einsam und still, und nur zuweilen ging ein reicher alter Holländer, der sich dort zur Ruhe gefetzt hatte, in goldbestickten Pantoffeln über die Gasse, ein buntes Käppi auf dem greisen Kopf und eine abenteuerlich geformte Pfeife mit langem Rohr und einem zierlichen Tonkopf würdevoll in der Hand. In stillen, alten Gärten lagen Teiche, blau wie Delfter Schalen, und in Käfigen, die vergoldete Stangen hatten, zwitscherten fremdländische Bügel, mit einem Gefieder, rot wie Harlemer Tulpen mit schwarzen Hauben, wie Beghinen sie.trugen. Wenn man heute nach Delft kommt' und an die Träume feiner Kindheit denkt, erschrickt man zuerst. Aber die alten Gassen sind da und die Grachten, die die ganze Stadt durchziehen. Die Häuser sind klein und bescheiden und haben nichts von dem üppigen Gepräge der alten Bürgerhäuser an der Ketzers- und Heerengracht in Amsterdam. Dafür riechen aber die Grachten nicht so, wie in dieser Stadt der Brücken und Kanäle, und der selige Sommerhimmel, der in sie hinabschaut,. gibt ihnen ein Stück seiner Ruhe und seines Friedens. Das Schönste ist die „Oude Kerk". Sie ist unter Benutzung frühmittelalterlicher Daureste wunderlich genug ergänzt und zusammengeschweitzt. Aber die warme und ehrwürdige Schönheit ihrer alten Mauern umschließt, wie in fast allen holländischen Kirchen, einen unsäglich nüchternen Raum. Trotz der sommerlichen Schwüle in den Gassen friert einen drinnen, als wäre man in einen Keller geraten. Eine weite hallende Leere empfängt uns, und der Küster in seinem schwarzen Rock und seiner gämlichen Miene kommt uns entgegen, als erwarte er uns als Trauergäste zu einer Beerdigung. Alles erinnert hier an den Tod, und der Fußboden scheint ein einziger Friedhof zu sein. Uralte Grabplatten mit abgetretenen Inschriften reihen, sich eine an die andere. Drei faustdicke alte Bibeln liegen auf den Lesepulten der Bänke, und von den hölzernen Tonnengewölben der Schiffe und den weihgekalkten Mauern hallt der Schritt wider, wie in einem Totenhause. Rur hier und da glüht in der farblosen, weihen Oede des Raumes eine der bunten Scheiben in den alten Glasfenstern auf wie eine Alpenblume an einer Gletscherwand ... Aber der Küster läßt einem nicht lange Ruhe. Man soll, statt in eigner Weise zu gucken, die offiziellen Sehenswürdigkeiten bewundern, vor welche alle Fremden geführt werden. Kostbare alte Marmorgräber sind da, auf denen die lebensgroßen Gestalten alter holländischer Admirale liegen, die man nach ihren heldenhaften Siegen und weltweiten Seefahrten hier zur Ruhe brachte. Ellenlange lateinische Inschriften bewahren ihren Aamen und ihr Schicksal. Aus weißem Marmor errichtet, wirken die Prunkgräber dieser handfesten alten -Haudegen kalt und prächtig zugleich. Bon neuem überkommt einen Frösteln . . . Aber dann ist das von ihrem Gemahl, Ritter und Gouverneur von Bergen vp Zoom errichtete Grabmal der Elisabeth von Marnidax... 2ch weiß nicht, wer sie war, will es auch gar nicht wissen . . . Aber das Antlitz der ausgestreckten Gestalt und die betend emporgehobenen Hände sind von rührender Schönheit, rührend bescheiden auch die letzten Worte ihrer Grabschrift: „Es ist verdienstvoll genug, einem Mann gefallen zu haben, was seine so teure Liebe bezeugt" . . . Auch dem Naturforscher Leeuwenhoek, dem größten Sohne Delfts, ist hier ein Denkmal errichtet. „Hat jeder, o, Wanderer," heißt es in seiner Grabschrift, „überall Ehrfurcht vor hohem Alter und außerordentlichen Gaben, so setze hier ehrfurchtsvoll den Fuß auf: Hier liegt in Leeuwenhoek die greise Wissenschaft begraben . . .“ Hinter einem mittelalterlichen Toreingang träumt ein alter Beghinenhof, und die Gassen und Grachten liegen bei der warmen Schwüle des späten Aachmittags in der bezaubernden Ruhe der Kleinstadt. Rur im Hafen herrscht ein Leben, so rege und bunt bewegt, als habe jede Motorschute die Aufgabe, die alte Stadt wach zu halten, daß sie nicht einschläft. Alle paar Minuten müssen die Ziehbrücken zu den Hafeneingängen emporgewunden werden. Dann reicht der Brückenwärter mit einem Bambusrohr dem Schiffer den Klingelbeutel auf das langsam passierende Schiff hinab, das Brückengeld darin in Empfang zu nehmen. Da streben sie nun hinaus, die Schalken und Ewer, Kähne und Böcke, in die stillen, von keinem Windhauch bewegten meilenlangen Grachten hinaus, die in einem gewaltigen Retz das ganze Land durchziehen. Es wird Abend. -Unmerklich dunkelt es. Hinter der alten Kirche blüht schon der Mond auf . . . Aber bis zur Rächt ist es noch lang. Das ist die Stunde, in der Jungholland auf die Gassen drängt. Alle Straßen sind von der Jugend erfüllt und fast alles ist zu Rad. Gruppenweise zu zweien und dreien radeln die Meisjes durch die Gassen, begrüßen Bekannte, flirten, lachen und scherzen. Die Räder scheinen ihnen angewachsen zu fein. Nirgends wie in Holland fährt man so selbstverständlich und geschickt. Haarscharf geht es zuweilen an den Steineinfassun- gen der Grachten entlang. Aber dann kommt die Nacht und die Gassen werden still und immer stiller. Die Wiesen vor der Stadt sinken in die grünfamtenen Träume ihrer Weiten, und der Himmel leuchtet wie eine alte Delfter Schale. Sizilianische Briefe. Bon Fritz Dietirich. IX. Taormina. Catania ist mir sehr lieb geworden. Es hat den vornehmsten Rhythmus von allen sizilianischen Städten. Die Frauen tragen hier keine altjüngferlichen Riegel vor ihren Blicken. Sie laufen auch nicht wie ein lebendiger Bric-st-brac herum. Schwarze seidene Tücher, leicht übers Haupt gelegt, wehen ihnen nach. Ihr Gang ist schön, wie ans einer Gluckschen Arie geschöpft. Vielleicht ist das Matz des Geschmacks, das ich hier überall bemerkte, eine jener einsamen Säulen des alten Hellas, die von dem gewaltigen Staub der vielen Herrschaften nicht verschüttet werden konnten. Als wir nach Taormina fuhren, drängten sich die Reize der Landschaft noch dichter zu einer unnennbaren Summe zu- sammen. Eine unerhörte vereinsamte Schönheit lag das Land, brach für das augenblickliche Europa, das an der Klippe der Technik scheitern mutz. Die Höhenzüge, traten der See, der Wieg« aller Schönheit, näher. Die Ebene mutzte sich immer mehr verjüngen und ihre Zitronen- und Orangenbäume enger zusammen» stellen. Der silberne Taktstock des Windes ging darüber hin. O dieser rauschsüße Luftgeschmack nach all den keuchenden Fu- marolen und schweselschwitzenden Gesteinen! So trächtig ist das Land von bedeutsamer Schönheit, daß die Sag« kommen mußte, um sich hier eine denkwürdige Station zu schaffen. Hinter Aci Castello liegen die sogenannten Zhklopeninseln unweit vom Strand. Sie sollen di« ungeheuren Steinwürfe des geblendeten Polyphem sein, die verfehlte plumpe Wut gegen die takttsche List. 278 Bom Dahtchof Taormina holte uns ein altes waMges Post- etto die Schlangentvindungen der fünf Kilometer langen Straße xum Städtchen herauf, das 200 Meter über dem Meere liegt Der Abend ging wie ein feuriger Riefe nach Westen. Der Hauch feines Atems machte aus dem zärtlichen Geflvck weißer Wollen mächtige Korallenriffe, die ihre Spiegelbilder auf der feier- stillen Meeresfläche suchten. Der Aetna, der grandiose Llmfasser der ganzen Skala vom Schrecken zur Schönheit, schien bald wie ein Prophet, der sich zu neuen Zornesausbrüchen sammelt, in feiner eigenen, seiner Lava wüste stehend, bald ungetvappnet wie ein alter Schiller Gpikurs, der lächelnd einen schönen Traum «X Ende spinnt, indes in seine mächtigen Hände der Landschaft Früchte wie goldene Tropfen fallen. Zur Rechten tauchte jetzt die Ducht mit der bekannten Jsola Della auf. Die hält sich noch unter Wasser durch eine schmale Furt am schönen Lande heimlich fest Die beiden Felsenkaps rechts und links davon betreuen ste xvie zwei große Brüder. Es ist einfach unmöglich, die Simultanität der Köstlichkeiten in klare berichtende Worte zu fassen. Meine verwirrten Blicke hielten sich auf dieser Fahrt oft am langen Dlütenstengel einer Agave ausruhend fest. Oft lieh ich sie in einer bestimmten Richtung mit Vogelflügen am Himmel hinziehen. Oft übersetzte ich mir den belanglosen Tratsch, mit dem sich ein englisches Ehepaar die Auffahrt verkürzte. Ost schloß ich die Augen und ließ nur das Erlebnis der Blumendüfte in mich eingehen. Denn ich war wie ein Kind, das vor einen glanzvollen Weihnachtstisch geführt wird, auf dem jedes Geschenk feine Erwartungen um ein Vielfaches übertrifft. Am nächsten Morgen gingen wir nach! dem berühmten griechischen Theater, das allerdings nur noch! seinem Rainen nach griechisch ist. Die Römer haben es vollständig umgebaut und feine unnachahmliche Würde durch Zutaten, die dem Luxus entgegenkamen, zerstört. Auch die Bühne wurde damals kompliziert. Einmal, weil sie die feinen Fäden, die von ihr zur kultischen Handlung hinübergingen, nicht mehr zu halten fähig war, andererseits, weil die Phantasiearmen Römer viel Ausstattung, d. h. durch künstliche Mittel gestützte Illusionen in allen Stücken verlangten. Dieses i«genannte griechische Theater machte keinen Eindruck auf mich. Die Sachlichkeit hat mich stets vor Irrwegen schmalziger Romantik bewahrt, älebrigens ist jeder berechtigt, .Urteile über verfallene Bauten anzuzweifeln. Man müßte vor allen Dingen mit der Unsitte aufräumen, ein Gebäude, nur weil es uralt oder kaum noch erhalten ist, mit kritischem Zuckerkant zu überschütten, älnd warum sollen den Schuttplätzen gewesene« Epochen soviel unnötige Kräfte der Bewunderung zugestanden werden? Weder den Alten noch rms ist damit gedient 3ene hätten es als Lächerlichkeit empfunden, und wir hemmen oder versauern unser frisches Lebensgefühl damit. Die Lage des Theaters jedoch ist über alle Zweifel erhaben. Und es scheint mir, daß sie es fertiggebracht hat, daß diese nicht gerade überwältigende architektonische Leistung der Römer im Reiselatein gelehrter Bücher so unverständlich hoch gewertet wird. Man sieht von hier das Meer zur Rechten und zur Linken. Die Wellen werfen ihr weißes lachen der Küste zu. Der Aetna schuf dieser Landschaft, die ihre Fruchtbarkeit und ihre Blxrmen wie zur Besänftigung des unheimlichen Riesen trägt, eine Grundstimmung. Das Städtchen ist aus lauter Lhrik, die sich auf Felsrhythmen natürlich aufbaut und sich mit reichen Gartenbildern schmuckhaft füllt. Das Visuelle übersteigt hier stets das Akustische. Der Rorden ist viel mehr in unseren Ohren. Der Süden überflügelt sofort unseren Blick und spielt sich wenn wir andächtig um ihn werben, in einem unvergänglichen Bilde aus. In vielen Schattenwinkeln des Theaters kauerten Maler aus allen Winkeln Europas. Sie malten Trümmer mit Landschaftsstaffage und bemühten sich (ohne Ausnahme!), auf einem Wege vorwärts zu schreiten, auf dem sie sich selbst und ihre Mühe ad absurdum führen. Und dabei kommen in jedem dieser Gärten tagtäglich so viele Blumen zur Welt, die ihre Schönheit hinüberretten möchten in Malerei, um die ihnen zugedachte Zeit zehntausendfach zu überdauern. Ich sah Trompetenblumen, eine Windenart, die in feierlichem Violett an Hauswänden nieder- hingen, mit rosatonigen Saftmalen, wie jungfräuliche Scham Ich sah Kakteen, die aus der robusten Saftigkeit ihrer Blätter kontrasthaft eine wundervolle Blüte als zartesten Liebesausdruck hervorzaubern. Ich sah immer wieder in die hymnische Dlüten- verfchwendung der Oleanderbüsche hinein, mit denen jeder Windhauch heimlich buhlt. Wie Tänzerinnen werfen sie sich weit hintenüber in scherzhafter Weigerung, ohne die jeder Kutz zu einer Kupfermünze zusammens chmilzt. Das alles sah ich hier in Taormina und mußte an Emil Noldes Dlumenaquarelle denken, die jeder Blüte ihren Mythos schaffen. Bor allen Dingen sah ich von feinen gelben Kakteenblüten eine vor mir, die ganz glücksesiges wunschverhaltenes Reigen ist. X. Anale. Bon Taormina Abschied zu nehmen, wird wohl manchem recht schwer geworden sein. Auch mir hatte die Schönheit des Städtchens das Herz angeschlagen und aufklingen lassen. Dennoch ist mir eine Stadt wie Catania, wo man das sizilianische Leben kn ursprünglicheren Formen genießen kann, Heber. 3n Taormina ist es bereits einseitig destilliert und dreht sich um den Fremden und seine älnterkunft, um die Altertümer und ihre Behütung. Es gibt gerade in solchen Städten für mich einen Zeitpunkt, wo ich nicht mehr fähig bin, daS Dolce far niente feiner Bewohner zu lieben. Dann fühle ich, daß jeder einzelne von ihnen die lange Kette der Bettler und Mufeums- kustoden im Blute hat. Richt das meditierende Element wie beim östlichen Menschen läßt ihn die Arbeit meiden. Sondern b-ee Pure Leichtsinn, den die Ratur noch! fördert Der Sizilianer hat weder staatliches noch, metaphysisches Denken. Er hat etwas vom witternden Tier an sich das seine klar ausgebildeten Instinkte spielen läßt. Wie anders doch wir Deutschen! Wir sind aus lauter Zwischenklängen. Wir haben metaphysisches Denken, das mit staatlichem Denken kämpft oder verwächst. Wir haben dazu die Instinkte. Wir haben in uns These und Antithese. Rur haben wir keinen Leichtsinn, wie der Sizilianer, jenen einzigen Wellenbrecher aller Tragik. Hat jener göttliche Leichtsinn im Blute des Sizilianers auch primären Charakter, so vermag er doch nicht die furchtbaren Wunden, die die Naturgewalten schlugen, zu verblümen. Dies spürte ich bei unserer Ankunft in Messina. Die Dunkelheit brach gerade die zarten Anne abendlichen Lichtes und zeigte uns mit düsterem Finger das noch immer nicht geschlossene Buch furchtbarster Vernichtung durch das Erdbeben im Jahre 1908. Die vielen Holzbaracken ziehen sich die schwermütigen Straßen entlang. Nur selten sieht mau Steingebäude, die über dem Erdgeschoß Stockwerke tragen. Die Menschen gehen unfroh und gedrückt. Ich mußte an deutsche Bergleute denken, denen der feine Kohlenstaub bis in die Poren der Seele dringt. Die paar elektrischen Lampen, die dünn verstreut über der Stadt dingen, konnten das Medusenantlitz .welches schweigsam und beständig aus dem Dunkel schaute, nicht verscheuchen. Die Steine trugen iwch Millionen und Abermillionen von Blutstropfen und Tränen, und solche Last macht alles in der Runde stumm Rur ein paar Kinder ließen ihren Jubel über den Kanälen der Verzweiflung tremulieren. Die schöne Berglandschaft, die die Stadt in der Ferne urnzirkt, gab ihnen Recht und wird sie ermuntern, den Riesenschmerz ihrer Eltern zu überioinden. In derselben Nacht kehrten wir von Messina nach Palermo zurück. Der Zug fuhr am Meer entlang. Das lag groß und feierlich da und hatte seine Hände wunschlos zusammengelegt, befreit von wellender Begierde. Gin Riesentiegel geschmolzener Geheimniffe war's, minütlich heimliche Bedrohung zeugend. Fern blitzten Leuchtfeuer, die Zeigefinger der Schiffahrt. Sterne gingen in einer Wolkenwand schlafen, älnd nur der Rhythmus der Gifenräder lief gegen den der rätselten Sinn dieses Rachtbildes und schreckte lautfchreiend zurück, wenn plötzlich neben den Gleisen bizarre Felsgebilde sich ins Finstere reckten. Vor Eefalu wurde es hell. Der Osten spielte auf der Farbenorgel. Erst kamen überschleierte Flüette-Töne in Rosa und Orange. Dann fiel der Schleier des Verhaltenen, und heißes Gold griff von Wolke zu Wolke in schnellem Wachstum Unten auf der Meeresfläche begann in schönem Creszendo die Chromatik der Wellern Droben zwischen den glühenden Melodien bauten sich grüne Töne auf, die bald wie die der Wiesen, bald wie die alter Kupferdächer waren. Mitten in dieses präludierende Farh- getooge trat schließlich die Sonne, vereinfachte das Landschaftsbild und wies Farbe um Farbe ihren vorbestimmten Platz an in der großen Symphonie des Tages. Und nun will ich von unserem Abschied von Sizilien schreiben, der nicht gleichgülttg und gewichtlos für uns war. Wer schlüge da nicht fein Herz ganz auf die Seite des Landes, das so bs- feligend in allen Gliedern weiterschwingt. Das Auge dankt noch dem schattenden Orangenbaum, die Haut der Sonne, die gespannten Muskeln dem Meer. Den dunklen Mächten danken meine Schritte, die prüfend über den gekrümmten Rücken lauernder Gefahren wandelten. Die ganze Schauderlandschaft, die in mich einzog, wird sich nach und nach zu Visionen umschnrelzen! und früher oder später in Vers und Prosa Heimat suchen. Indessen: Ein Stück Wehmut sprang in mir los, als daS Schiff langsam aus der schönen Bucht lief. Gin Gewitter überwarf sich gerade mit der Erde. Furchtbar zeterte der Wind. Die Passagiere, die erst an der Reling gestanden hatten, liefen tote gackerndes Hühnervolk durcheinander und schlüpften in die Ka- btnen, teils aus Sorge um die nationale Bügelfalte, teils aus Sorge um die hellen fleischfarbenen Strümpfe. So blieben unsere letzten sizisianffchen Eindrücke unversehrt von verschieden gestimmten Menschen. Wir übersprangen mit unseren Blicken die abertausend Wellen und umfaßten den Monte Pellegrino zum letztenmal. Auch die Bucht von Mondello mit ihren frühen Lichtern schied von uns und glitt wie ein besternter dunkle« Teppich mehr und mehr in dm Hintergrund. Als das Land unseren Augen nur noch wie ein grauschwarzes unbestimmtes Floß erschien, konnten wir noch eine Zeitlang das Leuchtfeuev im Hafen von Palermo aufblitzen sehen, das uns bei der Abfahrt wie ein weißer Ritter erschien, der von Zeit zu Zett einen glühenden Blick durch sein geschlossenes Visier schickt. Dann wurde es schnell Nacht. Das Gewitter hatte mit dem Dunst aufgeräumt, und so konnten tote unser Schweigen in — 279 ebnen Karen glanzvollen Himmel fenben. Die Sterne hingen zusammen Vie große Trauben. Kleinere zwinkerten dazwischen wie Kinderblicke. Langsam, ganz langsam schwanke der riesige Mast mit seiner Spitze unter dem Himmelstuch hin und her und malte seine vorgeschriebene Linie wie eine uralte Handschrift in ein heiliges Buch. Hinter den Kulissen des Rundfunks. Don Dr. Max Preis. Kaum hundert Schritt vom ewig brausenden Niesenkessel des Berliner Verkehrs, noch ganz in der Atmosphäre des Potsdamer Platzes steht das Box-Haus. Hier ist das Herz des Runi^ funks, hier werden ernste und frohe, künstlerisch beschwingte und unterhaltsam schlichte Botschaften dem Aether übergeben, der sie — das Staunen über das Wunder hat man allzu schnell vergessen — weiter trägt an die Ohren und in die Herzen von Millionen. Hier geschieht die geheimnisvolle Erregung der Luft, von hier strahlt Wort und Don hinaus an alle. Seltsam die Bühne, von der diese Botschaft gesendet wird. Kleinere Sendesäle liegen um den großen Haupt-Sendesaah die eigentliche Bühne dieses allermodernsten Aller Welttheaters. Sieht nach allem anderen eher aus, als nach einer Bühne. Betritt man den Saal, meint man zuerst in einem Riesenbadezimmer zu stehen, das eigenwilligster Geschmack anders gestaltete, als Badezimmer jemai Z gesehen haben können. Die Stirnwand nimmt eine weiß emaillierte Badewanne von ungewöhnlich großen Ausmaßen ein. Aber, es hat wohl noch niemals jemand in ihr gebadet. Die Rixen der Illusion schwimmen in ihren hellen Fluten; in dieser Badewanne werden mit raffiniert arbeitenden, an sich sehr primitiven Werkzeugen die Trug-Geräusche erzeugt, Me durch den Aether an das menschliche Ohr getragen werden. Plätschern und Brausen, Zischen und Fauchen, vieles was im Ohr des Hörers ganz andere als vom Wasser stammende Eindrucksbilder herdorruft, wird in dieser Badewanne aufgeruhrt, aufgewühlt, aufgepeitscht. ,, . = Rings um diese so prosaisch weihe Badewanne dann all das andere Hörgerät. Pauken und Trommeln, die darauf brennen, zu Lärm erweckt zu werden, Ruten, mit denen Stahl und Holz gepeitscht wird, alle erdenklichen Instrumente, Glocken, Pfeifen,— kurz, nichts, was im Reich der Geräusche Geltung hat, fehlt. Notenpulte stehen nackt und einsam umher — beim nächsten Konzert wird sie ein Blatt bedecken, von dem der Musikant seine Stimme abliest. „ „ . , , , Ein Museum von Dingen, die erst Beziehungen haben, wenn der Vorhang des Aethers aufgeht. Von Dingen kste in Syrer Fülle verwirrend find. Anders als in einer Buhnenrequisitenkammer ist es hier. Es fehlt alles Farbige, alles, was raumillusorisch wäre. Denn das Auge gilt hier nicht, nur was dem Ohr dient, hat Sinn und Bestand. Ganz klein und unscheinbar ist der Apparat, der diesem ganzen Raum, dem ganzen Rundfunk Leben spendet: die Ausnahmeplatte. Ern frei in der Luft hängender Warmorblock, der von dem Vortragenden besprochen wird. Mit einer Stahlmembran in der Mitte, die durch die Geräusche der Vortragenden in Schwingung gesetzt, Wissenschaft, Kunst und Humor hinaus leitet in alle Wett zur Freude und Anregung von allen, die Freunde des Rundfunks sind. Bei dem vormittägigen Rundgang durch das Voxhaus gbt es natürlich noch keine künstlerischen Sensationen zu be- uschen. Rur die Lebensmittelpreise werden eben von einem Angestellten in einem kleineren Sonderraum hinausgefunkt m die Stadt. Rüchtern Ringt das. And es wird ganz schlicht, ohne besonderen Stimmaufwand auf so eine Marmorplatte gesprochen. Rüchtern, gewiß. Aber prattisch, und für die Hausfrau vor dem Gang auf den Markt von größter Bedeutung. And doch gibt es, wenn schon keine Sensation, so doch eine Aeberraschung, die ganz in dem Sttl unserer von heißem Tempo gejagten Zett entspricht: Wahrend der Beamte noch die Butter-, Fleisch- und Gemüsepreise hinaussendet, kommt, durch einen Lautsprecher wiedergegeben, feine Stimme schon zurück. Sendung und Empfang zugleich. Moderne Hexe^i. In der Postzentrale regulieren Radiogelehrte mtt höchst komplizierten Vorrichtungen, Einstellung von Stromstärken, und ein wenig wippendes Pendel zeigt durch seinen Ausschlag an, vb der Vortragende zu leise spricht, oder ob er sich überschreit. Rote Signale: „Ruhe während des Vortrags!" Haben hrer noch intensivere Bedeutung als an jeder anderen Vortragsstätte, denn nichts ist für den Rundfunk gefährlicher als das böse Nebengeräusch, das durchaus nicht immer auf das Schuldkonto atmosphärischer Störungen, sondern oft audji auf das Konto schwätzender Zeitgenossen zu buchen ist. 3n eine Fülle von Arbeit verstrickt findet man dann den Regisseur dieses Hörtheaters, den durch seine individuelle schauspielerische Note und seine vorbildliche Aussprache schon vor den Zeiten des Radios allseits anerkannten Darsteller Alfred Braun. Er ist Regisseur und Dramaturg einer noch tastenden, aber zukunftsreichen und rasch entwicklungsfähigen neuen dramatischen Form, des Hördramas. Das ist sein Ehrgeiz, sein ganzes Streben, nicht nur das bisherige Bühnenstück, entlastet von dem zwecklos gewordenen optischen Rahmen, in die Hörsprache zu übersetzen — er hat geistreiche Versuche aus diesem Gebiete selbst mit Shakespeare gemacht — sondern das neue, das spezifische Hördrama zu finden. Der Versuche liegen viele vor. Aber noch ist das letzte Geheimnis der akustischen Konzentratton nicht gelöst, so wie ja beim Mm selbst heute noch Verstöße gegen das optische Gesetz begangen werden. Immer wieder versucht Alfred Braun mit starkem Stil- empfinden und technischer Gewissenhaftigkeit Hörbilder zu ev- stnnen, die vein-akustischen Reiz ausüben. Er hat, ganz mit Hörillusionen arbeitend, ein Sechstagerennen im großen Sendesaal zu einer Geräuschsinfonie werden lassen, hat in einem anderen Hörbild den Potsdamerplatz photographiert, mit Autogetute, Straßengebraus, Feuerwehrgebimmel, mit anschwellenden und abklingendem Geräusch-Tohuwabohu, das sich zu höherer Harmonie fand. Aber er sucht den Dichter, der so viel Respekt vor der Dilü- kraft des einfachen, nicht überladenen, gesprochenen Wortes hat, daß er mit größter Sparsamkeit in der Diktion das wahre Hördrama schaffen könnte. Es mühte ein wirklicher Dichter sein. Alfred Braun hat ihn noch nicht gefunden. Dichter, an die Aetherfrontl 3m übrigen ist Alfred Braun der Meinung, daß der Radio- Dichter der Zukunft nicht mit realen Hörbildern, sondern mtt stilisierten Geräuschen wird arbeiten müssen Wo soviel angestrengter und befruchtender Wille wie bei diesem Künstler am Werke ist, wird nach einigen Fehlschlägen das Hördrama der Zukunft nicht allzu lange auf sich warten lassen. Die Anterfuchung mit Alfred Braun wird durch den Post- eingang unterbrochen. In jedem Theater mag die Korrespondenz tntereffant fein, hier ist sie merkwürdig. Der Dramaturg der Lüste reicht mir ein paar Briese: Ein Wann teilt ganz_ ergriffen mit, wie seine seit Monaten kranke Frau beim Hören! der gymnastischen Radioübungsvorträge plötzllch die alte Beweglichkeit wieder gewann und sich in rhythmischen Aebungen versuchte. Eine Spitalschwester dank für das Glück, das Radio allabendlich spendet, wenn die Pattenten, sich und den Pflegern zum Heil, eine Stunde lang durch den Rundfunk geseffelt, ihre Schmerzen vergessen. Ein Patient, der morgen auf Tod und Leben operiert wird, schließt mit der Welt ab und hat nur die eine rührend kindliche Ditte, an feinem letzten Lebensabend durch das Radio begrüßt zu werden. Man hat in eine andere Welt geblickt. An eine Welt, um die noch das Wunder webt, an das man stch als unromantischer Pilger dieses Jahrhunderts allzu rasch gewöhnte. Es ist aber eine Welt, in der das Geheimnis des AetherS schwingt; und dieses Geheimnis ist nur ein Teil der Mirakels, das ausgebveitet ist um das Weltall. Der Spätling. Bon Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) 2da sah mit vorgebundener Kinderferviette am Tisch und aß vor dem Schlafengehen ihre Suppe, da nahm die alte Frau das Kind, Wßte es und sagte: .Rein, Frau Distriktseinnehmer, so ein liebes Kind gibt es gar nicht mehr. Was ich nicht fertig» bringen konnte, das hat das Wachen fertiggebracht, es hat meinem Schwager gesagt, daß er die Schuhe reinigen solle, und er hat das auch getan.“ In bet Düte waren Zimtwaffeln, von denen Oda gleich einige verzehrte. Eine durfte fie mit in das Bett nehmen. Als sie einschlies, hatte sie die Waffel noch im Händchen und hielt dieses gegen die Brust gepreßt. In biefer Zeit war es, daß Wilhelmine sich mit einem jungen Kollegen ihres Vaters verlobte Ein halbes Jahr später war die Hochzeit. Da hatte es allerliebst ausgesehen, als Ida im weißen Kleidchen und in weißen Strümpfen mit in die Kirche hatte gehen dürfen und nun neben dem Altäre stand, ein Blumensträußchen in den Händchen haltend. Von allen zu- schauen den Frauen war ste damals bewundert worden. Dem jungvermählten Paare fiel allerdings gleich ein Tropfen Wermut in seinen Freudenbecher; denn der junge Mann, der au8 Dingen stammte, wurde nach der Hochzeit nach Alrichstein im Vogelsberg versetzt. Damals haben stch die linksrheinischen und die rechtsrheinischen Hessen noch schlecht verstanden, man merkte, daß sie nicht durch eine gemeinsame Geschichte miteinander verbunden, sondern durch eine Laune 'des Wiener Kongreffes yteinartber gekommen waren. Der Oberheffe sah den Rheinhessen als unruhigen, leichffinnigen Gesellen an, und dem Mann, der an den Rebenhügeln des Rheines ausgewachsen war, war der Vogelsberg genau so viel wie die Insel Island. Ludwig Wendel war schon fett mehreren Jahren Student und gehörte einer farbentragenden Gießener Verbindung an, er studierte Naturwissenschaft. Vorerst allerdings interessiert« ihn mehr das Leben in seiner Verbindung und der Paukboden. Als er zum erstenmal zu den großen Ferien nach Hause kann brachte er mit feinem Gepäck auch einige Rapiere und anderes Paukgeräte mit. Den Schuppen machte er zur Fechtschener und übte sich häufig mit einem Freunde, der in Heidelberg Forstwissenschaft studierte, im Fechten. Als fein, Dater^dazukam, wie er das Paukzeug auspackte, sagte er: »Hierfür hattest du die Fracht froren können." War Ludwig mtt feinen Fechtübungen — S90 - fertig, so ging et spazieren überall iit den benachbarten Dörfern hatte er Freunde, die er besuchte, auf jeder Kirchweihe tanzte er bis zum Morgengrauen, Der Vater war über das Verhalten des Sohnes sehr ärgerlich und fragte ihn oft, ob er denn nicht für das Examen arbeiten wolle. Da nahm Ludwig einen Anlauf zum Studieren und ging in sein Zimmer. Das Studieren begann damit, daß er gemächlich die lange Pfeife stopfte, sie in Brand setzte und dann das kleine Zimmer mit dickem Qualm erfüllte. Dann griff er zu den Büchern, aber es waren kein« Lehrbücher der Physik und Botanik, sondern ein« Beschreibung des Lebens und der Taten des Schinderhannes, oder ein Boman von Hackländer. Das Ende vom Lied war, daß er im Examen durchfiel, da entzog ihm der Bater kurz entschlossen die Mittel zum Studium und stellte ihm zweihundert Gulden in Aussicht, aber nur für den Fall, daß er auf der Stelle nach Amerika gehe. Da fand Ludwig bei einem Pfarrer, der in einem benachbarten Dorfe eine Privatschule leitete, eine schlecht bezahlt« Stelle und konnte im Lande bleiben. Mit Amerika aber machte die Tochter Angelika Ernst. Bei einem Besuch bei der Tante in Worms hatte sie einen jungen Seifensieder kennengelernt. Der junge Mann war Angestellter eines Geschäftes und bereiste Rheinhessen, um Seif« aller Art abzusetzen. So kam er auch nach dem Marktflecken, in dem der Distriktseinnehmer wohnte, und fand, da er Grüße von der Tante aus Worms zu überbringen hatte, leicht Zutritt im Hause. Es dauert« nicht lange, so entdeckte die Mutter, daß der Seifensieder seine Freundschaft von der Tante auf di« Richt« übertragen habe. Da war der Distriktseinnehmer wütend geworden und hatte gesagt: „Ich bin Großherzoglicher Beamter, der in zwei Jahren, am Geburtstag des Grohherzogs, wenn die Beamten die Orden bekommen, das „Philippchen" kriegt, und soll meine Tochter einem Seifensieder geben! Daraus wird nichts, ich bjn Herr im Hause und dulde nicht, daß der Wormser Leichtfuß noch einmal in mein Haus kommt." Sein Widerspruch half nichts, Angelika ließ nicht von dem jungen Manne, und als dieser nach ^Nordamerika auswanderte und ihr sagen lieh, daß er in Boston eine gute Stellung gesunden habe, entschloß sie sich, ihm nachzufolgen. Es gab heftige Auftritte im Hause, aber sie endigten damit, daß Angelika sich eines Tages auf dem Schiffe „Margaret Evans" einschkffte und nach der neuen Welt reiste. Gin halbes Jahr später sandte sie ihre Bermählungsanzeige. So war es im Hause ziemlich still geworden. Verdrießlich ging der Distriktseinnehmer einher, lang« Zeit fand er kein Gefallen mehr am Kartenspiele und war grob gegen seinen Gehilfen. Manchmal schimpfte er diesen mächtig aus. Wenn Ida das hörte, ging sie in fein Amtszimmer und sagte: „Vater, warum bist du denn so böse? Es ist ja heute so schönes Wetter, und wir essen Karthäuser Klötze. Bater lach' doch einmal und zanke den armen Friedrich nicht so!" Da wurde der Vater in der Regel still, sprach mit dem Kinde eine Weile und sagte dann: „So, jetzt geh wieder zur Mutter und spiele mit deinen Puppen!" Anterdessen war Ida in die «chule gekommen. Sie fjatte mit ihrem Studium weit mehr Erfolg als der Bruder Ludwig mit dem seinen. Spielend leickst lernte sie kleine Verse auswendig, sie schrieb eine deutliche Schrift und, wie es sich für die Tochter eines Großherzoglich-Hefsischen Distriktseiniiehmers geziemte, so war sie. fix und fertig im Rechnen. And wie gern ging sie zur Schule,' denn da fanden sich so viele Kinder zusammen, mit denen sie spielen konnte. Da war die Sophie Reff, die Tochter des Bürgermeisters, ein großes und dickes Mädchen, das stets von der Mutter so viele Aepfel mit in die Schule Bekam. Da war ferner Lieschen Peter, deren Vater der Aktuar war, der jeden Morgen so gravitätisch nach dem Friedensgericht« ging. Ein merkwürdiges Mädchen war das Lieschen, sie konnte kein S, kein Z und kein Sch ausfprechen. Wenn die Sonn« schien unb die Kinder am Sonntag mit kleinen Schirmen auf di« Straße gingen, sagte sie: „Tophi«, pann deinen Sonnentirm auf!" In die Schule ging auch ein großer Junge, der, wenn ihm die Mädchen auf der Straße begegneten, di« fürchterlichsten Fratzen schnitt und die Kinder mit Sand und Kalk bewarf, da sagte Lieschen zum Lehrer: „Herr Lehrer, der Guttav macht immer Gesichter gegen mich und wirft mich mit Tand." Eines Tages wurde sie zum Kaufmann Meisenheimer geschickt, um Einkäufe zu machen. Als Ida Wendel sie fragte: „Was holst du denn?", gab sie zur Antwort: „Ich hole Tucker rmd Timt, wir backen Kuchen." Ein sehr geziertes Kind war die Franziska Meis-sn- heimer, die Tochter des Kaufmanns, der in feinem Laden so ziemlich alles feilbot, was am Orte nur gebraucht wurde: Kleiderstoffe, Futterarttkel, Kolonialwaren und landwirtschaftliche Geräte. Franziska wurde von ihrer Mutter immer fein gekleidet, trug weiße Schürzchen und Ringellocken und sprang nie mit den anderen Kindern auf der Straß« herum, weil sie sich um keinen Preis der Welt schmutzig machen wollte. Dadurch kam es, daß die Kinder oft zu ihr sagten: „Du bist ein AeffchenI" Endlich gehörte zur Schulklasse noch die Fanny Morgenstern, eht Kind, das schwarze Locken hatte. Ihr Vater, der Isidor Afargen- fiern, trieb Viehhandel. Oft konnte man ihn im fangen, blauen Mittel durch die Straßen gehen sehen. Fanny wollte Beim Spielen Ccbrlftleitung: Dr. Fttebr. Wilh. Lange. — »ruck und Verlag der immer toimnanOteren, was sich 64« übrigen Kinder nicht immer gefallen ließen. Wendel hatte auswärtige Dermin«, da er Steuern in jeder Gemeinde seines Bezirks erheben mußte. Acht Sage vorher ging der Polizeidiener mit der Schelle durch das Dorf und laS alsdann, nachdem sich das Publikum um ihn gesammelt hatte, auf der Straße vor: „Es wird bekanntgemacht, daß am Rathaus eht Mann mit Dieburger Geschirr ist. Di« Wingert« werden vom 16. September an geschlossen, und darf sie niemand mehr ohne Erlaubnis des Bürgermeisters betreten. Dem Johaim Peter Christmann ist ein Hund entlaufen und wird gebeten, denselben! zurückzubringen. Montag, den 10. September, erhebt der Valentin Lorenz XXVII. im Gasthaus von Wilhelm Schworm die Pacht von seinen Aeckern. Dienstag, den 11. September, nachmittags vort 2 bis 6 Ahr, wird im Gasthaus von Konrad Eller daS dritte Ziel der Steuer erhoben." War diese Bekanntmachung erfolgt, so kratzten die Leute alles Geld, das sie nur auf treiben konnten, zusammen, um bi« Steuer zu bezahlen. Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien der Distriktseinnehmer mit feiner Aktentasche, in der er das Tagebuch und die Steuerliste trug, und mit der großen Geldtasche, die er umgehängt hatte. Einmal hatte er sein Töchterchen Ida, die gerade Schulferien hatten dabei mitgenommen, das hatte dem Kind« große Freude gemacht. Aeber Stock und Stein war sie auf dem Hinwege neben beim bedächtig einherschreitenden Vater einhergehüpft, Blumen hatte sie am Straßenrande gepflückt, und für alles, was den beiden auf dem Weg« entgegenkam, ein aufmerksames Auge gehabt. Im Wirtshause, wo der Vater die Steuern erhob, hatte sie neben feinem Tische gestanden, die Steuerzettel aus der Hand der Zahler entgegengenommen und sie schön ordentlich übereinander gelegt. Zwischendurch unterhielt sie sich mit den Leuten, und diese lobten das Kind wegen seines artigen und freundlichen Wesens. Am Abend wanderten die beiden friedlich miteinander nach Hause. Allmählich wurde es so, daß Wendel das Kind, wenn es nur irgend anging, auf diesen Dienstgängen mitnahm. Anaufhaltsam gingen di« Jähre ihren Gang. Als im Juni 1871 die Soldaten des Marktfleckens wieder in die Heimat kamen, war Ida zweiundzwanzig Jahre alt. Don dem Schicksal, das keinen verschont, war auch ihre Familie getroffen worden Zuerst starb di« Mutter, dann tourbe der Vater augenleidend, und ehe ein Jahr verging, hatte sich die traurige Tatsache herausgestellt, daß er erblindet war. Im Anfang hatte man ihm einen Vertreter , gegeben, nun wurde er in den Ruhestand versetzt. Es war ein Glück, daß das Haus, in dem er wohnt«, sein Eigentum war, so wurde er nicht in die Lage gedrängt, daß er sich eine Mietwohnung suchen mußte. Anter keinen Amständen wollte er auch seinen Wohnort wechseln. Die Tochter in Alrichstein hatte geschrieben, er solle mit Sira zu ihr kommen, dagegen hatte sich der Vater mit aller Entschiedenheit gewehrt. „In den Vogelsberg soll ich ziehen," hatte er gesagt, „wo sieben Monat« lang Winter ift In Alrichstein ist einmal am Johannistag ein jüdischer Handelsmann erfroren. Dort liegt der Schnee bis Ostern meterhoch dort verstehe ich auch nicht die Sprache der Leute, das weiß ich von der Zeit, da ich in Lauterbach einmal einen Einnehmer vertreten habe. Rein, keine sieben Gäule bringen mich nach dem Vogelsberg, in Rheinhessen bin ich geboren, in Rheinhessen will ich sterben." „Sei nur zufrieden, Vater," hatte Ida gesagt, „du brauchst nicht nach dem Vogelsberg zu gehen, wir zwei bleiben beieinander" „Ja, du hast recht," erwiderte der Alt«, „wir bleiben hier beieinander, die anderen haben mich verlassen. Der Wilhelmine ist es auch nur um meinen Ruhegehalt zu tun, der Ludwig ist ein Taugenichts und kann sich selbst kaum ernähren, und bi« Angelika sitzt in Amerika bei ihrem Seifensieder und läßt nichts mehr von sich hören. Hier kann ich doch an das Grab der Mutter gehen. Du bist mein gutes Kind, wenn ich dich nicht hätte, so ginge es mir in meinem Alter schlecht." Wendel war, nachdem er fein Augenlicht verloren hatte, geistig noch regsam und verlangte nach .Unterhaltung. Wie alle alten Leute, so wachte er morgens sehr früh auf, er kleidete sich dann an, kam mit schweren Tritten di« Treppe herunter und rief nach seiner Tochter. Sehr interessierte er sich für Politik, namentlich für alles, was im Hessenlande vor sich ging. Deshalb muht« ihm Ida besonders die „Darmstädter Zeitung" vorlesen, keine Ernennung, keine Versetzung in den Ruhestand durfte sle dabei übergehen. Die Gesellschaft, mit der er einst Karten gespielt hatte, war sehr zusammengeschmolzen, aber noch lebten der Arzt und der Friedensrichter. Zu btefen waren einige junge Männer gekommen, die abends in einem Nebenzimmer des Gasthauses zmn „Ochsen" zusammenkamen. Sie spielten Karten, zu- meist aber besprachen sie bi« Ereignisse der großen und Seinen Mett. Don Bismarck redeten sie und vom Reichstag, von Ludwig Bamberger, der 1849 bei denen war, di« von Wörrstadt ans die Freifcharen nach der Pfalz geführt hatten und der nun als nationallibevaler Reichstagsabgeordneter den Wahlkreis Alzch- Bingen vertrat. Sie sprachen von Kaiser Wilhelm und dem deutschen Kronprinzen, erzählten sich auch die Ortsneuigkeiten. (Fortsetzung folgt.) Vnchl'fchen Univ.-Buch- und Steindnrcketei. R. Lang«, Sieb««.