Giehener MilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer bl Samstag, de« August rgang1925 Turnkunst" 9< lein". r c. „ . 2tut dem, der in dem Menschengeschlechte nichts ftnden.kann, ÄffÄ'nwSÄ.Ä ff SSwÄ* SSätÄ^Ode!- bloß d?e Gesamtheit gleicher Stamm- und Sprachgenossen l Was Einzelheiten sammelt, sie zu Mengen haust diese zu ranzen verknüpft, solche steigernd zu immer gröhevm v^bindeh ku Somierrrei^n und Welten «int, bis alle ^mLchdasMo^ All bilden — diese Einrgungskrasi kann ft, der hochsten und grö heften und umfassendsten nicht anders genannt werden als — Volkstum. ES ist das Gemeinsame lws Volkes, sein mnew^-nb^ Wesm, sein Vegm ßc&0n> l'Ctno o.?w>i*!ty mit b oYt$- und Trchlevn, Seiden und Handeln Entbehren und Geme^n, \ ein vaterwndilche»^^ », beiden, nach den 2 Hoffen und Sehnen, Ahnen und Glaubern Das brmgt alls d^ eft^lnen Menschen des Volkes, ohne daß ihr- Frecheit mch Selbständigkeit untergeht, sondern gerade noch mehr gestärkt wrro, in der Diel- und Allverbindung mit den übrigen zu einer schön I verbundenen Gemeinde. I Dom westfälischen bis zum Tilsiter Frieden haben wir I Deutschen nur im geheimen und stillen weiter gelebt, durch I Sprache und Schrift, ein unsichtbares geistes Leben. I Noch sind wir nicht verloren! Noch sind wir zu retten! Aber I nur durch uns selbst. Wir brauchen zur Wiedergeburt keine frem- I den Geburtshelfer, nicht fremde Arznei, unsere eigenen Hausmittel 5* chgen. Denn immer geht vom Hauswesen jede wahre und tändige und erste Volksgröhe aus, im Familienglück lebt di« I Vaterlandsliebe, und der Hochaltar unseres Volkstums steht im I Tempel der Häuslichkeit; sie ist die beste Vorschule, Deutschheit | heißt sie bei uns im Großen. Für sie kann jeder leben, er fei I reich oder arm, vornehm oder gering, einfältig oder gelehrt, I Mann oder Weib, Jüngling oder Jungfrau, Kind oder Greis. I Man vermag dahin zu wirken, vom Thron und von der Bühne, I vom Predigtstuhl und vom Lehrersitz, mit Schrift wie mit Bede. Girrst war mein Streben, die Deutschheit als eine wohltätige | Begründung der Menschheit unter den Völkern geschichtlich I nachzuweisen und überhaupt auf alle übrige Dolkstümer die Auf- I measnmkeit zu richten. Denn nirgends erscheint die Menschheit I hienieden abgesondert und rein, immer wird sie nur durch Volks- 1 I tümer vorgestellt und vertreten. In den Volkstümern liegt jedes I Volkes besonderer Wert und sein wahres Verdienst für das | Wett streben zur Menschheit! „ — ---immer höher, Vom Mongolen bis zum griech'schen Seher, Der sich an den letzten Seraph reiht." Was ist Volkstum. Bon Friedrich Ludwig Jahn. Als deutsche Staaten unter der Herrschaft Mrpoleons standen wurde dem Gedanken der deutschen Einheit der Vorbereitet. Wie diese Einheit entstehen, wi« chr Fassung und Gestalt gewährt werden sollte, war den meisten nur Ahnung. In dieser Zelt des Schwankens und Tastens erstanden Mämrer, die von Begeisterung für «ine deutsche Nation erfüllt, der Zukunft Gestalt gaben, unter ihnen Jahn. Seine G edank«, uder^r- Haftes und echtes Volkstum legte er in ek -m OBerfe nieder, das unter dem Titel „Deutsche ^olks» tum"'1810 in Lübeck erschien. Degeiste<. urbe es in der Fremdherrschaft von den weitesten Kreisen ausgenommen. Man bezeichnete es als „eines ^r köstlichsten Erzeugnisse deutschen Sinnes", und ^eldmar- schasi Blücher nannte es das „deutscheste Wehrbüch» Festlied. Von Gottfried Stellet. Drei Ellen gute Bannerseide, & Häuflein Volkes, ehrenwert, klarem Äug', im Sonntagskleid«, Ist alles, was mein Herz begehrt! So end' ich mit der Morgenhelle Der Sommernacht beschränkte Nüh Lind wand're rasch dem frischen Quell« Der vaterland^chen Freuden zu. Die Schifte fahren und die Wagen, Bekränzt, auf allen Pfaden her: Die luft'ge Halle seh' ich ragen. Von Steinen nicht noch Sorgen schwer; Vom Nednersimse schimmert lieblich Des Festpokales Silberhvrt: Heil uns, noch ist bei Freien üblich Nn leidenschaftlich freies Wort! älnd Wort und Lied, twn Wund zu Mund«, Von Herz zu Herzen halft es hin; Do blüht des Festes Nosensimrde Lind muß mit goldner Wend« fliehn! Lind jede Pflicht hat sie erneuet. Lind jebe Kraft hat sie gestählt Lind eine Körnersaat gestreuet. Die nimmer ihre Frucht verhehlt. Drum weilet, wo im Feieickleide Ein rüstig Volk zum Feste geht Lind leis die feine Bannerseide Hoch über ihm zum Himmel weht> In Vaterlandes Saus und Brause, Da ist die Freude sündenvein. Lind kehr' nicht besser ich nach Hause, So werd' ich auch nicht schlechter sein. Don Friedrich Ludwig Jahm Um eine Gleichmäßigkeit der Mwung sowohl körjxr. sich als geistig, zu erreichen, veröffentlichte Jahn 1818 Di« deutsche Turnkunst", aus der wir nachfolgendes zum Abdruck bringen. Die Turnkunst soft die verloren gegangene Gleichmähigkeft der menschlichen Bildung wieder Herstellen, der bloß «'^«tigert Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuoMren, der äleberver^ feinerung in der wiedergewonnenen ^^ulich^t das notwendig« Gegengewicht geben und rm lugendftchsn Zusammenleben den feinem irischen Dasein auch ein leibliches Leben b^st, waS »rrrft und Stärke, ohne Dauerbarkeit und Nachhaltigkeit, ohne Gewandtheit und Anstelligkeit zwn nichtig«» SchLttm ^r- sftM^-wird di« Turnkunst einen Hauptteil d«r menMichen Ausbildung einnehmen müssen. Unbegreiflich, daß diese Brauchs Lt dÄ Leibes und Lebens, diese Schutz- und Scharms«, du^ Webrbaftmachung solange verschollen gewesen. Aber diese SrntoÄ lieblosen Zeit wird auch noch Menschen mehr oder nrinder heimgesucht. Darum ist di« Turiikunst Zr7 ^schKtliche Angelegenheit, die ub«M hmgehbriwo Nicht das äußere umgelegte Staatsband macht das Voll; I Menschen lassen sich nicht wie Heringe in Tonnen pökeln, nicht I in Völkerzwinger einpferchen, wie Berxes Krieger in die Matz- I Horde der Zehntausende. Zusammensein müssen gibt kernen wahren I Verein. Jneinanderhineinleben, das stifte, vertrauliche Slchan- I einandergewöhnen, das mit Wechselliebe sich Lebenemverlecben I bildet das Volk und bewahrt und erMt es durch Volkstum. I Welches Volkstum steht am höchsten, hat sich am meisten | der Menschheit genähert? Kein anderes, als was den heiligen Begriff der Menschheit in sich ausgenommen hat, mit erneu I äußerlichen Allseitigkeit sie sinnbildlich im kleinen vorbildet wie weiland volkstümlich die Griechen und rwch bis jetzt weltbürgerlich die Deutschen, der Menschheit heftige | ^^Volkstum ist der wahre Völleracker der Gröhe, die richtige I Völkerwaae des Werts. Es setzt den Staat voraus, aber nicht I umgekehrt jeder Staat das Volkstum. So wie eS taube Aus^ I gibt so gibts auch taube Staaten, und ohne Volkstum taube | Völker. Auch gedeiht sie nur unter selbständigen Wikern und gehört auch Hur für freie Leute. Der Sklavenleib ist für die menschliche Seele Bur ein Zwinger und Kerker. Trrrnerrschsr GÄdanKsnschstz. 4 Vvlksnot. Ein fesselnder Krebs nagt an unseren edelsten Teilen, wir siechen und quinen schon eine schreckliche Zeit Sind wir, das alte, ehrwürdige Mittlervolk Europas, untergegangen, so mag unsere grausenvolle Leidensgeschichte am Scheidewege der Zukunft nachgeborene Völker warnen. Hollen wir aber stter und starr das Ende abwarten? Sollen wir die Hände in den Schoß legen? Sollen wir dumpf und stumpf unS vom Zeitstrome tragen lassen? Haben wir keine andere Wehr und Waffen als Seufzer: Ach! und Weh? Sind wir gebunde ? Opfertiere, so sich obendrein mit ihrer Geduld, Gelassenheit und Ergebung brüsten? So mögen wir Mummenschanz halten, wenn das Wterland In Todes» krampfen zuckt, und mit Sing und Sang jubelnd zum Hochgericht tanzen, wo das Volk unter Ungeheuern verblutet. Wenn es so weit gekommen, dann mögen die zuschauenden Zeitgenossen der Sterbensnot und des letzten Ringens unseres Volkstums sich trösten, wenn sie die letzten Gräber füllen, daß sie als Dlutopfer und Blutzeuge für die Menschheit fallen. — Roch dürfen wir Uns nicht ergeben! Roch dürfen wir nicht verzweifeln! Roch sind wir nicht verloren! Roch sind wir zu retten! Aber nur durch uns s e l b st. Dem Deutschen kann nur durch Deutsche geholfen werden. Wir brauchen zur Wiedergeburt keiner fremden Geburtshelfer! F. L. Jahn, Selbstverteidigung, 1824. Turnerjugend. Ratur und Volkstum sind der Grund und Boden, auf dem allein der deutsche Mensch, der das Vaterland braucht, wachsen kann. Ratur und Volkstum sollen die Leitsterne für unsere Jugendturnerschast werden. Darum sind wir in erster Linie Turner und machen durch Turnen unseren natürlichen Leib stark, und geschickt, darum gehen wir hinaus in Wald und Heide, darum fuhren wir in Sitten, Ernährung und Kleidung ein natürliches Leben. Darum wandern wir auch hinaus in die deutsche Landschaft und lernen deutsche Menschen aller Klömme kennen, darum singen wir deutsch« Volkslieder und tanzen deutsch« Reigentänze, darum freuen wir uns deutscher Sage und begeistern uns an den Taten deutscher Geschichte, darum wollen wir ein deutscher DruderbRnd werden. Plnser Jungtum aber soll uns den fröhlichen Glauben geben, daß wir schaffen, was unsere Sehnsucht ist: die sittliche Erneuerung des deutschen Menschen. Dieser Glaube soll hell und stark über den Tagen unserer künftigen Arbeit leuchten. St. Edmund R.e uendorff, der Jugendwart der D. T., beim zweiten Turner-Jugendtreffen in Marburg, 1924. Dr. Ferdinand Goetz an seine Turner. Drum ihr Jungen und auch ihr Alten, die ihr turnt, laßt uns jeden Augenblick daran denken, daß nur dann die Turnerei ihre Segnungen entfalten kann, wenn wir fürs ganze Leben Turner sind und werden, daß auf flüchtige Begeisterung gar nichts, auf zähes Festhalten aber alles anrommt. — Laßt uns Turner nicht nur auf dem Turnplätze, sondern in jeder Lage des Leben sein, brav und zufrieden im Familienleben, treu und geschickt im Beruf, mutig und entschlossen im Dienste der ewigen Rechte des Menschen und des Vaterlandes! Rur wollen gilt's und — etwas besser werden —, dann ist die ganze Zukunft unser! Körper und Seist. Es genügt nicht, den Leib zu stärken, sonst wären Riefen und Herkulesse die besten Männer,' — ein starker Leib soll schön und echt die Seele erblühen, und darum muß der Turner auch nach geistiger Veredelung streben. Goetz, Deutsche Turnzeitung 1862. Geist und Körper, innig sind sie ja verwandt: ist jener froh, gleich fühlt sich dieser frei und Wohl, und manches Uebel flüchtet vor der Heiterkeit. I. W. v. Goethe, Prolog. Es handelt sich nicht bloß darum, daß wir in den Turnvereinen aus di« körperliche Entwicklung hinwirken, sondern auch darum, daß wir den Geist des rechten, echten, deutschen Turnens entwickeln und Hervorrufen, auf daß er recht und echt und frisch dlerbe und nicht bloß erhalten bleibe für uns, sondern hinausgetragen werde auf das ganze Volk! A. Virchow, Die Ausgabe der Turnvereine. Schafft eine tüchtige, kerngesunde Jugend, dann schasst ihr ein kerngesundes Volk. E. Hartwich Reden. Haltet euern Leib wie ein kostbar gülden Gefäß, um der Perle der Seele willen, di« in ihr ruht. E. Hartwich, Reden. Eines freut mich am meisten, dünkt mir das höchste an unserer Sach«: es ist das gleichmachende, wenn ihr wollt, demokratische Element, daß alle sich fühlen als Brüder, als Kämpfer für eine große Sache, fürs Vaterland. Th Georgii, Euler und Lameh, Turnzeitumg 1846. Turnen und Spiel. Gin Turnspiel geht um Sieg und Gewinn, aber niemals utn Gewinnst. F. L. Jahn. Die Spiel« sollen die Blumenbänder sein, durch welche de« Erzieher die Jugend an sich fesselt. Guts Muths. Ein« turnerische Ausbildung der Jugend bringt in die ganze Schule heilsame Frische und Belebung, Ausgleichung und Gleicht gewicht in die Schulbeschäftigung. Spieß, Gedanken über Einordnung des Turnweseus in das Ganze der Dolkserziehung, Basel 1842. Wir wollen dem Geiste den Leib als ein freiestes Werkzeug ausbilden, zugleich mit ihm und für ihn. Spieß, Gedanken ustv. Wohl ist mit deutscher Erziehung das Turnen deutsche Volks» fache und als solch« fest und treu im Auge zu behalten. * Spieß, Das Turnen. Sizilianische Briefe. Don Fritz Diettrich II. Palermo und Monreale. Wir wohnen in der Via Terra delle Mosche, einer schmalen Gasse, die alle Reize sizilianischen Stratzenlebens freigebig enthüllt. Aus Drähten, die sich von Balkon zu Balkon über dis Straßen hinweg oder die Häuserreihe entlang spannen, werden zu jeder Tageszeit Wäschestücke zum Trocknen ausgehängt. Es liegt eine ungezwungene Festlichkeit in diesem Alltagsbild Jedes flatternde Hemd, jede Windel, jedes Tischtuch geben der Gasse jene verehrungswürdige heitere Friedlichkeit, die natürlich auch die Herzen dieser Menschen vorrviegend erfüllt. Das gutmütige Pathos ihrer Stimmen hallt ununterbrochen aus ihren Werkstätten herauf. Sägen, Hämmer, Hobel und Feilen konzertieren! durcheinander. Dazwischen klingen die geworfenen Soldimünzen, mit Denen die Kinder spielen. Gin« alte höckrige Frau sitzt neben einem Brief eschrelber und haucht diesem ein paar zahnlose Worte in die bezahlte Feder. Ein Lahmer ruft laut in langen lamentierenden Kadenzen seine Leidensgeschichte aus und fängt die Kupfermünzen, die rechts und links aus den Fenstern fliegen, mit artistischer Geschicklichkeit auf. .Unvermeidliche Drehorgeln werden alle Augenblicke durch die Gasse geschoben und prägen unablässig immer denselben importierten französischen Schlager dem musikalischen Gedächtnis ein. So unerschöpflich ist der Spielraum der Einfälle für die Einheimischen wie für die Fremden hier, daß man sich leicht vorstellen kann, aus einem solchen Winkel das Gestirn einer neuen europäischen Dramatik auftauchen zu sehen, vorausgesetzt, daß dieser selten« lebendige Schwung zur rechten Zeit seine schicksalhafte Schwerkraft findet. Die Quatro Canti sind vier nach innen abgestumpfte Straßenecken, di« den belebtesten Platz der Stadt umschließen. Dieser ist sozusagen die gute Stube von Palermo. Doch in bestem Sinne gute Stube, denn die Fassaden ft eigen in festlichem, dreihundert- jährigem Barock empor und tragen in den verschiedenen Stockwerken grandiose in Rischen eingebaute Statuen. Die Intimität dieses Platzes lädt zum Verweilen ein, und das läßt sich der instinktsichere Südländer nicht entgehen. Jeder Tag sieht hier wie ein Feiertag aus. Gruppen von Männern, die wie Bienenschwärme mitten im größten Verkehr zusammenhalten, sieht man hier zu jeder Stunde. Viele Hände schwingen debattierend durcheinander und müssen ihre tägliche Ration Geste,; in die Luft schleudern. Alles neigt in dieser Stadt irgendwie zum Dolce far niente: Kutscher, Beamte, Arbeiter, vor allen Dingen von Wohlhabenheit besonnte junge Leute. Rur die Handwerker zeichnen sich vor allen anderen Volksgenossen durch Ausdauer, Genügsamkeit und Gründlichkeit aus. Der Dom hat mich verdrossen. Mit ihm haben alle Zeitalter gespielt. Und so haftet denn dem zerbauten Mischmasch das Spielerische an, manche Einzelschönheit im Innern verbergend, hauptsächlich Die abgemessene Pracht der Rormannen- und Staufengräber. Die Renaissance-Kuppel ist das einzige Stück Architektur daran, das sich aus diesem schlechtausbalancierten Stilkonglomerat unzweideutig heraushebt als ein Ganzes, würdevoll Geschlossenes, doch nicht Hinzugehöriges. Tief innerlich und nachhaltig war der Eindruck, den auf uns die Chiesa della Martorana hinterlieh. Schon der Glockenturm befestigt das Gefühl, daß die Rvrinannen es waren, die die Anfänge des gewaltigen Gottessturmes der Gotik in sich trugen, den sie später in Rordfrankreich zur höchsten Steigerung brachten. Schon bei dieser 1143 erbauten Kirch« ist Der Turm in zwingende gotische Form gebannt und in Stockwerke gegliedert. Die runde arabische Kuppel war schon damals für Sizilien end- gültig aufgesprungen. Durch die Endlichkeit ihrer Logik brach die Anendliusteit des Gefühls. Wollte doch die frühe wie die späte Gotik Finger zum Herzen Gottes sein, nicht wie die arabisch« Architektur ein Gewölbe vorstellbarer Anendlichkeit geben. Wundervoller Knabengesang hing, als wir ins Innere der Wartorana traten, wie sichtbarer Schmuck um die byzantinischen Mosaiken. Die Kerze, die aus dem Herzen des Krippenkindes stieg, das zarte Antlitz der Gebärerin, der Palmenschwung der niederfahrenden Engel, die Heerhafte Geschlossenheit der Apostelgestalten, alles trat unter der Süßigkeit der Gesänge wie lebendige Gegenwart hervor. Selbst die Kinder, die oft eine Johr- ümrktstollheit in den Kirchen heraufbeschwören, saßen eingefangen vom geheimnisvollen Hauch der Melodien. Es waren Melodien aus Schumanns „Dichterliebe", die sich hier ganz selbstverständ- lich in der Rolle des Sanctus Denedictirs und Agnus Dei hin- «tiifanden. Die arabischen Kuppelgewölbe mit den reichen Inhalten Der Mosaiken standen nicht rechtwinklig auf dem musikalischen Erlebnis, sondern betonten in jeder Hinsicht die Verwandtschaft aller hohen, wenngleich fremdländischen Kunstformen. Die Cappella Palatina hat einen schönen mathematischen Himmel im Innern. Anverfälscht, rein arabisch, wie das Tropfgestein einer Märchengrotte wölbt sich diese wundervolle, holzgefchnitzte Decke. Die Farben sind nur noch zu ahnen. Sie sind in ein altertümliches Braun hineingeöunkelt und lassen einzig der Phan- tofte die Beschwörungsformeln, sie neu zu beleben Die Gestalt Christi, in edlem byzantinischem Mosaik, blüht in einsamer Hoheit an Der Rückwand der Cappella. Daß sich eine kleine Seit erdreistete, ein unglaublich wertloses Porträt Des verstorbenen! Körrigs Dittorio Emanuele als elenden Kontrast unter die byzantinische Mcsaikherrlichkeit Christi einzubauen, bedeutet nichts Außergewöhnliches für Italien, wo oft genug das geistige Element mit Dem chauvinistisch-orgiastischen in einem Topf zu- sammengebraut wird. Monreale, ein ansehnliches Städtchen, liegt einige Kilometer von Palermo entfernt am Dergeshang. Anten weitet sich Das Dal, mit seinen Zitronen- und Orangenplantagen. Dazwischen t Gruppen Heller Häuser eingestreut, wie verstohlenes leicht- ges Gelächter. Der Dom ward uns zum höchsten Erlebnis, keine andere Kirche Italiens, einschließlich St. Pietro in wettinachen konnte. Die Mosaiken sind hier schon geladen mit Dem Anfangsgeist Der Gotik. Zwar hält noch eine ferne Gebundenheit an antikes Maß die Gestalten zurück, über ihre natürliche Größe hinauszuwachsen, und läßt sie noch außerhalb des extatischen Orchesters stehen. Doch manchmal wittert eine rhythmisierte Baumgruppe, die Szene der Verklärung Christi, die Krönung König Wilhelms II. durch Christi den nahen europäischen Gottessturm wie von fern. Anmöglich, Die Fülle an gleichmäßig hochwertiger Kunst hier nacheinander aufzuführen. Anmöglich schon allein den symbolischen Reliefs im Blattwerk Der Säulen eine zeilenkurze Würdigung zu geben. Der Eindruck schweigt sich ins Innere eines jeden, der dieses Bauwerk erlebt hat und wird nur in manchen Stunden seines Lebens wfeder auferstehen als gute Tat, als hoheitsvolle Wendung. Duft und Kraft des Sonntags. Don Reinhold Braun. Duft und Kraft meiner Kindheitssonntage habe ich im Herzen behalten. Sie bleiben mir heimlich Geleit durch mein ganzes Leben. Friedrich Lienhard. Duft des Sonntags! Am die Schönheit des Sonntags muß es fein wie um die einer sich erschließenden Murn«. Es muh immer wunderbares Sich-Auf- tun sein, je älter wir werden. Die Sonntagsfeierkunst gehört als ein sehr wichtiges Stück zur Lebenskunst und damit -Meisterschaft. Wer vorwärts kommen will in dieser Kunst, muß sich innerlich immer tiefer erwecken lassen von dem Leisen und Feinen, dem Wunderbaren, Göttlichen, dem Glanze früher Morgen, von Dlülen- wind und Wälderrauschen, vom Lichte, das um Abendberge spielt. Mer rächt ein Schatz Heber im eigenen und fremden Gemüte sein kann, dem bleibt der Sonntag immer eine halbangelehnte Tür: nur durch einen Spalt schaut er hindurch. Der letzten, höchsten Schönheit, des vollen Segens wird er nie teilhaftig. Jede Kunst ist dann nur Kunst, wenn sie Offenbarung wird. Das gleiche gilt von der Sonntagsfeierkunst. Wie Duft und Glanz einer göttlich schönen Blüte muß es über uns strömen, unfern ganzen Menschen erfüllen, uns wie eine himmlische Musik durchschwingen, unser Bestes wie in einem Kristall fangen. Duft des Sonntags! Das will heißen: Schmelz auf goldenen Falterflügeln, Zartheit, Zärtlichkeit aus keuschen Herzen, ein immer wieder wünderseliges Renes, es will heißen: volle Reinheit Leibes und der Seele, Licht der Andacht, offenes Tor fein, das in Blüten steht. Dust des Sonntags: alle Sinne sind lebendig, Göttliches und Edelschönes.zu empfangen, „zu schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist!" Einmal den Verstand, den nüchtern, zerfasern- den, nicht den Herren sein lassen! Die Seele fei des Sonntags Königin, die wache, lichterblühte Seele. Duft des Sonntags! das heißt: mit dem Gemüt des Kindes vor der Gottesblüte stehen und staunen und alle Schönheit trinken und sich freuen! , . Wer so den Duft des Sonntags schon in der Kindheit Tage tnnkt, dein ward ein Gutes mitgegeuen fürs ganze Leben, das ihn unangreifbar mM und immer Quell am Wegs ist, ihm tönen die Gloaen, die Anvergängliches erhaben läuten. Kraft des Sonntags! Das ist dann nur. das selbstverständlich ganz organisch aus solcher Sonntagsschönheit Blühende und uns Segnende. Solch ein Sonntag wird aus allen Poren wie ein Frühlings- laitd erlöste Kräfte in die Seele schenken — und den Leib. Des Lebens Elemente sind befreit von allem Alltag und Staub der grauen Straße, der Erschütterung durch Technik und wilde Jagd der Zeit. Die große Stille waltet, reines Licht und Weite. Höhe und die Aufgeschlossenheit des Herzens. Der Reichtum aller Tiefe hebt sich an das Licht. „ Wir sind gesammelt zu dem Arsprung. Wo Arsprung ist, ist Kraft und ist Geburt. Wo Arsprung ist, ist Größe des Gefühls, Ergriffenheit und wahre Schönheit, ist der reine Strom des Göttlic^n. Wo Arsprung ist, ist Heimat, unvergänglich, weihevoll und alle Gnaden spendend. Der Schutz von der Kanzel. Von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) Fünftes Kapitel. Der General hatte einen Pfad eingefchlagen, der sich dicht am Afer um die Krümmungen der Halbinsel schlängelte, und hier erblickte er bald Dahel Wertmüller, Die, auf einer verwitterten Steinbank sitzend, Das seine Profil nach der jetzt abendlich dämmernden Flut hinwendete. Ein aufrichtiger Ausdruck tiefer Betrübnis lag auf dem hübschen und entschlossenen Ge- sichtchem „Was Dichtest und trachtest du?" redete er sie an. Sie antwortete, ohne sich zu erheben: „Ich bin nicht mit Euch zufrieden, Pate." Der General lehnte sich an Den Stamm einer Eiche und kreuzte die Arme. „Womit habe ich es bei Euer Wohlgeboren verscherzt?" sagte er. Das Fräulein warf ihm einen Blick des Vorwurfs zu, „Ihr fragt noch, Pate? Wahrlich Ihr handelt an Papa nicht gut, der Euch doch nur Liebes und nichts zuleide getan hat. — Was war das wieder für ein Spektakel vergangenen Sonntag! Durch Eure Verleitung hat er Den ganzen Nachmittag mit Euch auf Euerm Au-Teiche herumgeknallt. Welch ein Schauspiel! Aufflatternde verwundete Enten, im Moor und Der Beute watende Jungen, Der Vater in großen «Stiefeln und Das ganze Dorf als Zuschauer!" ... Es beurteilte die Schüsse," warf Wertmüller ein. „Pate" — Das Mädchen war von seinem Sitze aufgesprungen und seine schlanke Gestalt bebte vor Anwillen, — „ich meinte! bisher, Ihr hättet — trotz mancher Wunderlichkeit — das Herz am rechten Flecke. Aber ich habe mich geirrt und fange an zu glauben, hier sei bei Euch etwas nicht in Ordnung!" und sie wies mit einer kleinen Gebärde des Zeigefingers nach der linken Drustseite des Generals. „Ich hielt Euch," fügte sie freundlicher hinzu, „für eine Art Rübezahl...so heißt doch der Geist des Riesengebirges, von dessen Koboldstreichen Ihr so lustig zu erzählen wißt?"... „Dem eS zuweilen Spatz macht, Gutes zu tun und Der, wenn er Gutes tut, dabei sich einen Spatz macht." „So ungefähr. Doch wie gesagt, wenn Ihr ebenso boshaft seid, wie der Berggeist, — von Wohltat ist dabei nichts sichtbar. Ihr werdet den Vater noch ins Verderben stotzen. Wären unsere! Mythikoner im Grund nicht so gute Leute, die ihren Pfarreü decken, wo sie können^ längst wäre in Zürich gegen ihn Klage erhoben worden. And mit Recht: denn ei» Geistlicher, der wachend und träumend feinen andern Gedanken mehr hat als Halali und Halalo, mutz jeder christlichen Seele ein tägliches Aergerms fein. Das wächst mit den Jahren. Neulich da der Herr Dekan seinen Besuch meldete und zur selben Zeit der Bote eine in Der Stadt angekaufte Jagdflinte dem Vater zutrug, mußte ich ihm dieselbe unkindmh entwinden und in meinen Kleiderschrank verschließen, sonst hätte er noch — ein schrecklicher Gedanke — den ehrwürdigen Herrn Steinfels aufs Korn genommen. Ihr lacht, Pate? — Ihr seid abscheulich! — Ich könnte« Euch darum hassen, daß Ihr, der seine Schwäche kennt, ihn noch stachelt und aufreizt, als wäret Ihr sein böser Engel. — Nächstens wird er noch einmal mit geladenem Gewehr die Kcmzsl besteigen! ... Ich freute mich, da Ihr kämet, und nun frage ich: Reift Ihr bald, Pate?" „Mit geladenem Gewehr die Kanzel besteigen?" wiederholte Wertmüller, den dieser Gedanke zu frappieren schien „La, la, Patchen! Der Vater ist mir der erträglichste aller vchwarzröcke und du bist mir die liebste aller Figuren. Ich will dem Alten! eine Genugtuung geben Weißt du was? ich gehe morgen bet Euch zur Kirche — bad rehabilitiert den Vater zu Stadt und Lande." Rahe! schien von dieser Aussicht wenig erbaut. „Pate," sagte sie, „Ihr habt mich aus der Taufe gehoben und das Gelübde getan, auf mein zeitliches und ewiges Heil bedacht zu sein — 244 — häuftgen Schiffbrüchen im Adria- in Venedig nicht ganz entsetzlich gute ist dort wie allenthalben und die schlechte ganz .Ja, Berggeist," sagte sie tapfer. Ziese resolute Antwort gefiel dem General aus der Maßen. und die dem zum wieder." Gesellschaft Frau!" Rahe! tour&e feuerrot. - „Hm - ..Ist schlecht?" — „Sie — „Gut. Also ein anderes Zweites verbunden mit Tritten: Berggeist, mache den Kandidaten Pfannenstiel _ wohlbestellten Pfarrer von Mhthikon und gib mich ihm zur — „Redet es ihm aus, Fieber in Worea?" — „Zuweilen." — „Liest man nicht von tischen Meere?" gekommen?" Der General bejahte. „Ich rede es ihm nicht aus. " Pate. Grassiert nicht Pest und Für bas letztere könnet Ihr nichts tun, denn es steht ht diesem Pmckte bei Euch selbst sehr windig. Aber ist das ein Grund, auch mein zeitliches zu ruinieren? Ihr solltet, schedü mir, «n Gegenteil darauf denken, mich wenigstens auf dieser Erde glücklich zu machten — und Ihr macht mich unglücklich! Sie zerdrückte eine Trän«. , — „Vortrefflich raisormiert," sagte der General., „Patchen, ich bin der Berggeist und da hast drei Wünsche bei nur zu gut. „Run," versetzt« das Fräulein, auf den Scherz eingehend. „Erstens: Heilt den Vater von seiner ungeistlichen Jagdtust! - Unmöglich Sie steckt im Blute. Er ist ein Wertmüller. Aber ich kann feiner Leidenschaft eine unschädliche Dahn geben. Zweitens?" „Zweitens"... Rahel zögerte. . Laß mich an deiner Stells reden, Mädchen. Zweitens. Gebt" dem Hauptmann Leo Kilchsperger älrlaub zur Werbung. Verlöbnis und Heirat." — „Rein!" versetzte Rahel lebhaft. — „Er ist ein perfekter Kavalier." — „Einem perfeften Kavalier hängt manches um und an, worauf ich Verzicht leiste, Pate." — „Ein beschränkter Standpunkt. — „Ich halte ihn fest, Pate." — Meinetwegen. — Also ein anderes Zweites. Zweitens: Berggeist, verschaffe dem Kandidaten Pfannenstiel di« von ihm begehrte Feldkaplanei in venezianischen Diensten." — „Nimmermehr!" rief die Wertmüllerim „Was? der Unglückliche begehrt die Feldkaplanei unter Euerm veneziamschen Gesindel? Der zarte und gute Mensch? Darum ist er zu Euch vortrefflich" — „Pate, er darf nicht hin, um keinen Preis!' „Er ist eine reinliche Natur," lobte er, „aber ihm fehlt die Männlichkeit, welche die Figuren unwiderstehlich hinreiht —" — „Bah," — machte sie leichthin und fuhr entschlossen fort: „Pate, Ihr habt ein Dutzend Feldschlachten gewonnen, Ihr verderbt Euern listigsten Feinden in der Hofburg das Spiel, Ihr seid ein berühmter und welterfahrener Mann — wendet ein Hundertteilchen Eures Geistes daran, mich — was sage ich — uns glücklich zu machen, und wir werden - es Euch zeitlebens Dank wissen." Ter General lieh sich auf die leere Steinbank nieder und legte in tiefem Nachdenken die Hände auf die Knie, wie eine ägyptische Gottheit. So berührte er die beiden Pistolen in seinen Taschen: es blitzte in seinen scharfen grauen Augen plötzlich auf und er brach in ein unbändiges Gelächter aus, wie er seit Dezennien nicht mehr gelacht hatte, in ein wahres Schulbuben- gelachter. Ta er zugleich aufgesprungen war, rasch dem Innern der Halbinsel sich zukehrend, wiederholte ein Echo diesen Ausbruch ausgelassener Lustigkeit tn so geisterhafter und grotesker Weise, daß es war, als hielten sich alle Faune und Panisken der Au die Bäuchlein über einen tollen und gottvergessenem Einfall. Ter General beruhigte sich Er schien seinen Anschlag und die Möglichkeit des Gelingens mit scharfem Verstände zu prüfen. Das Wagnis gefiel ihm. „Zähle auf mich mein Kind", sagte er väterlich. — „Hört, Pate, dem Vater darf kein Leides geschehen!" — „Lauter Gutes." — „Pfannenstiel darf nicht gezaust werden!" Wertmüller zuckte die Achselm „Ter spielt eine ganz untergeordnete Rolle." — „älnd Ihr werdet Euern Spatz dabei haben?" fragte das Mädchen gespannt, denn das Gelächter hatte sie doch etwas bedenklich gemacht. — „Ich werde meinen Spatz dabei haben." — „Kann es nicht mißlingen?" - — „Ter Plan ist auf die menschliche älnvernunft gegründet und somit tadellos. Aber etwas Chance gehört zu jedem Erfolg." — „Und mißlingt es?" — „So bezahlt Rudolf Wertmüller die Zeche." Roch einmal besann sich das Mädchen recht ernstlich: aber ihre resolute Natur trug den Sieg davon. Sie hatte überdies ein unbedingtes Vertrauen zu der verwegenen Kombinationsgab« und selbst tn gewissen Grenzen zu der Loyalität ihres Verwandten. Da,h ein schadenfroher Streich mitlaufen werde, wußte sie. — es war das eben der Kaufpreis ihres Glückes, — aber sie wußte auch dajh Wertmüller sie lieb habe und feinen Spuk darum nicht allzu weit treiben würde. Zudem lag etwas in ihrem Blut«, bat ein« rasche, wenn auch gewagt« Lösung einer nagenden Ungewißheit vorzog. „Ans Werk, Rübezahl!" sagte sie. „Wann beginnst du dein Treiben, Berggeist?" — „Morgen mittag bist du Braut, Kindchen. Ich verreise Montag in der Frühe. — „Adieu, Berggeist!" grüßte sie enteilend und warf ihm eine Kußhand zu, während er ihr nachsah und feine Freud» hatte an ihrem schlanken und sichern Gange. Sechstes Kapitel. Zu später Abendstunde saßen der General und der Kandidat an einer reichbesetzten und glänzend erleuchteten runden Tafel sich gegenüber in einem geräumigen ©aale, dessen Helle Stuckwände mit guten, in Oel gemalten Schlachtenbildern bedeckt waren, Wertmüller wußte, welche Poesie das „Tischlein, deck dich!* für einen in dürftigen Verhältnissen aufgewachsenen Jüngling hat: aber auch an geistiger Bewirtung ließ er es nicht fehlem Er erzählt« von seinen Fahrten in Griechenland, er rühmte di« und verwegenen Mann fühlte, während Wertmüller in der Odyssee, er ließ die edeln und maßvollen Formen eines hellenischen Tempels vor den Augen des entzückten Kandidaten auf- steigen, — kurz, er machte ihn glücklich Seiner davon unzeickrermlichen militärische Abenteuer gedachte er nur im Vorbeigehen, aber so drastisch, daß Psannensttel in der Nähe des alten Landsknechtes sich als einen herzhaften und verwegenen Mann fühlte, während Wertmvüller in der naiven Bewunderung seines Zuhörers um einige Dezennien sich verjüngte und erleichterte. So achtete es Pfannenstiel nicht groß, als der General in der Hitze des Gespräches ihm auf den Leib rückte, von den bte» breiten, flachen Knöpfen, die sein Gewand zwischen den schmächtigen Schultern vorn zusammenhielten, den obersten abriß und denselben, nachdem er ihn einer kurzen Betrachtung unterworfen, in einen dunkeln Zimmerwinkel warf, dann an einem der mittlern drehte, bis dieser nur noch an einem Faden hing. Zwischen den Birnen und dem Käs« aber änderte sich die Szene. Der General hatte gegen seine Gewohnheit — er war längst ein mäßiger Mann geworden — einige Gläser feurigen! Burgunder geleert und da er, wie man zu sagen pflegt, einen! grimmigen Wein trank, begann es ihn denn doch ein bißchen zu wurmen, daß die schöne und tapfere Rahel ihr Herz an einen! sanftmütigen, unkriegerischen Menschen, noch dazu an einen! „Fassen" verschenk hatte, und sein Dämon nötigte ihn, den Kandidaten, den er doch leiden mochte, zu gutem Ende noch einmal unbarmherzig zu foppen. Er befahl dem aufwartenden Hassan, Pulverhorn und Äuget* beutel zu bringen, zog die beiden Terzerole aus feinen Rocktaschen und legte sie vor sich auf die Tafel. „Die Rahel mag. Euch" wendete er sich jetzt an den Kandidaten, „aber wollt Ihr sie zum Weibe gewinnen, müßt Ihr dem schönen Kinde einmal als ein ganzer Mann entgegentreten. Das wird ihr einen bleibenden Eindruck machen und Ihr dürft Euch dann ruhig die eheliche Schlafmütze über die Ohren ziehen. — Mein Plan ist ganz einfach: Ich gehe morgen in Mhthikon zu« Kirche — erstaunt nicht, Pfannenfliel, ich bin kein Heide, — und lade mich bei dem Vetter Pfarrer zu Mittag. Natürlich bleibt Rahel zu Haufe und .besorgt den Tisch Ihr aber gewinnt bet währendem Gottesdienste auf Schleichwegen die Pfarre, entführt das Mädchen, bringt es hierher und, während Ihr sie küßt, armiere ich die zwei eisernen Kanonen, die Ihr auf dem Hausflur gesehen habt, und verteidige den schmalen Damm, der mein«! Insel mit dem Festlande verbindet. Treffen! Unterhandlung! Friedensschluß!" Wäre der Kandidat in seiner natürlichen Verfassung gewesen, er hätte diese Soldatenschnurre belächelt, aber der starke Wein war ihm in den Kopf gesttegen. „Entsetzlich!" rief er aus, fügte dann aber nach einer Paus« und erleichtert hinzu: „und unmöglich! Die Rahel würde niemals einwilligen." — „Sie wird! Ihr erscheint, werft Euch zu ihren Füßen: Entflieh mit mir! oder" ...Er ergriff ein Pistol und setzte es sich an die rechte Schläfe. — „Sie ist eine Christin!" rief der erhitzte Kandidat. — „Sie wird und mu ßwollen! Jede Figur wird von ber männlichen Elementarkraft bezwungen. Kennt Ihr die neueste deutsche Literatur nicht?... den Lohenstein, den Hofmanns- Waldau?" — „Sie wird und muh wollen! Jede Figur wird von der Pfannenstiel mechanische — „Dann fahrt Ihr ab — glorios mit Donner und Blitz" und Wertmüller drückte los. Der Hahn schlug nieder, daß es Funken stob. (Fortsetzung folgt.) Schristleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch* und Steindruckerei. R. Lange, Gieß««.