Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang l924 Samstag, den 3|. Mak Nummer 23 Später Frühling. Don Richard von Schaukak. Zu seinem 5 0. Geburtstag. Liebe Sonne, kehrst du wieder, endet diese lange Wacht? Sehnend hat der blaue Flieder Seine Knospen schon entfacht. Was noch neulich schattenhauchend, schüchtern sich hervorgewagt, Schöner Traum vom Lenz, enttauchend einem winterlichen Tag: Ueppig drängt es sich entfaltet fordernd ans verhalt'ne Licht. Was dein Schöpfer dir gestaltet, Seele, blind«, siehst du's nicht? Le Quesnoy. Der schwarze Tag des Gießener Regiments. Don Professor Hitz- Karlsruhe*). 2lm 12. Oktober wurde unser Regiment durch das 3.2t. 118 ab gelöst. Schon am nächsten Tag rückte es wieder in die Stellung zwischen Parvillers und Damery. Es sollte nicht lange in ihr liegenbleiben. Schon seit einigen Tagen wurden Erkrankungen festgestellt, die den Verdacht erweckten, datz ein besonders gefährlicher Feind sich in die Reihen des Regiments geschlichen habe, der Typhus. Alle Darmkranken und Verdächtigen wurden aus den Kompagnien herausgeholt, abgesondert und möglichst bald fortgeschafft. Am 13. Oktober wurde die M.G.K. abgelöst und nach Thilloy gelegt. Das Etappenlazarett stellte den Typhus fest. Schon waren 70 Kranke in die Lazarette von Wesle und St. Quentin verbracht worden, darunter Stabsarzt P o l h, der der heimtückischen Krankheit in Wesle zum Opfer fiel. Sofort wurde das Regiment durch das 3.2t. 115 in der Stellung abgelöst (15. Oktober), nach Cre- merh gelegt und geimpft. Bald lagen mehr als zwei Drittel aller Leute in den zerschossenen Häusern auf Stroh, alle mit heftiger 3mpfreaktion. Die ganze Aufmerksamkeit wandte sich nun der Bekämpfung der bösartigen Krankheit zu. Dreimal wurde die Truppe geimpft, täglich fanden ärztliche Untersuchungen und Be° lehrungen statt, jede Vorsichtsmatzregel gegen weitere Ansteckungen wurde getroffen. Dem Regimentsarzt, Stabsarzt Dr. Szu- b i n s k i, und den Bataillonsärzten gelang es schlietzlich in aufopfernder Tätigkeit, der Krankheit Herr zu werden und bald eine Besserung herbeizuführen. Leichter Gefechtsdienst, Zielübungen, Turnspiele und Unterricht gewöhnten die Truppe allmählich wieder an die Anforderungen, die ihrer warteten. Am 28. Oktober fand eine Webung des Regiments statt, die ihrer Eigenart wegen erwähnt sei: Der Sturm gegen Waucourt, wie ihn das 3.2t. 115 am 25. September links von uns ausgeführt hatte, war die Aufgabe, die ihr zugrunde lag. Aus Marche-Allouard heraus griffen das 1. und 3. Batl. den Franzmann, den das 2. Batl. markierte, über ein freies Feld von über 2 Km. an und warfen ihn glänzend. 3n den Tagen dieser Krankheit mutzte auch Oberst Schimmel P f e n n i g, der Vater des 2tegiments, seinen Truppenteil, an dem er mit ganzem Herzen hing und auf den er, stolz sein konnte, für immer verlassen und sich in ärztliche Behandlung begeben. Aber er konnte keine Heilung finden und ist bald darauf als Kommandant von Thorn seinem Leiden erlegen. Die Führung des Regiments übernahm Major Schwierz vom 3.21. 115, ein Offizier, dessen Unerschrockenheit und Kriegserfahrung die 116er in manchen Gefechten schätzen und lieben gelernt hatten. Major Schilling v. Cannstatt, Lt. Brendel, Bethge u. a. trafen mit 400 Mann Ersatz ein, meist Wietzener Studenten. Major Schilling v. Cannstatt übernahm die Führung 'des 3. Batls., Hptm. d. L. Minnich trat zum 3.2tj 115 zurück. Die in diesen Tagen auf Kraftwagen aus der Heimat eintreffenden Liebesgaben kamen gerade zur rechten Zeit an und lösten bei der reichlich bedachten Truppe große Freude und Dankbarkeit aus. *) Mit Erlaubnis des Verlages Gerh. Stalling, Oldenburg, der soeben erschienenen „Kriegsgeschichte des ehemal. 3nf. - Rgts. Kaiser Wilhelm (2.Grvtzh«rzvgl. Hess.) A r. 116" entnommen. Vierzehn volle Tage lag das Regiment in Cremerh. Es war die erste größere Ruhezeit seit dem Ausrücken ins Feld. Da wurde die von der Krankheit kaum wiedergenesene Truppe jäh aus der Ruhe gejagt. Der schwarze Tag des Regiments kam heran. „Der Feind hat mit starken Kräften das von der 21. 3.D. verteidigte Le Quesnoh-en Santerre überrumpelt und weggenommen!" Wie ein Blitz schlug diese Meldung am Abend des 30. Oktober beim Regiment ein. Sofort wurde alarmiert. .Um 10 Uhr nachmittags rückten die Bataillone nach Fresnoh vor. Dort hieß es. «8 sei alles wieder in Ordnung, Le Quesnoy sei wieder unser, di« Regimenter 81 und 88 hätten es den Franzosen wieder entrissen. Die Unsicherheit der einlaufenden Meldungen war nie so groß wie an diesem Tage. Die Bataillone rückten weiter vor nach Da- mery, wo sie um 4 Uhr vormittags ankamen. Dort kam neue Meldung von vorn: Le Quesnoy ist zum zweiten Male von den Franzosen genommen worden. Aun wurde das 2tegiment gegen das Dorf angesetzt. Rechts der Stratze Damery—Quesnoy sollte das 3. Batl. mit vier Maschinengewehren vorgehen, an der Straße selbst und links davon das 1. mit zwei Maschinengewehren. Das 2. Batl. hatte sich schon zwei Stunden zuvor in Anlehnung an diese Straße entwickelt und lag bereits weit vorn im Felde. Gin lichterloh brennendes Haus in Le Quesnoy gab den in der Dunkelheit vorrückenden Kompagnien die Marschrichtung an. Eine Zeit- lang schien es, als ob alles gut ablaufen sollte. Die Bataillons kamen vor, wenn auch mit Verlusten. Bald waren sie auf Sturmstellung an den Feind heran. Gr lag wieder vor dem Dorfrand, gedeckt durch Gräben und Hecken. An einigen Stellen hatten sich die Kompagnien auf 50 Meter an ihn herangearbeitet. Aber hier, so nahe am Ziel, sollte jetzt ein Schauspiel anheben, so ungeheuer und fürchterlich, datz es den wenigen, die es überlebt haben, nie aus dem Gedächtnis entschwinden wird. Einzelne Kom- Pagnien, auch Züge und Gruppen, stürmen vor. Ein rasendes Feuer mäht sie nieder. Was noch lebt, springt eiligst in die Deckung zurück. Ein zweiter und dritter Versuch mißglückt ebenso. Dann gibt es ein Zuwarten. Aber jede Verbindung nach rechts und links fehlt, und die Wachbartruppen schaffen keine Abhilfe gegen das schreckliche Flankenfeuer. Meldungen nach hinten sind unmöglich. Was die Deckung verläßt, wird abgeschossen. Wirgends Hilfe, jeder ist auf sich selbst angewiesen. Von neuem wird der Sturm versucht. Mit gezogenem Degen stürmt Offzst. Ohly seiner 6. Kompagnie voran. Gr fällt, die meisten seiner Braven mit ihm. Dem Oberst, d. 2t. Frank von der 11. Kompagnie gelingt es, mit seiner kleinen unerschrockenen Schar durch die Hecken durch- zustohen und sich ins Handgemenge mit dem Gegner zu stürzen. Mer das Häuflein ist zu schwach, erliegt der Uebermacht, und keiner von ihnen kehrt mehr zurück. Das gleiche Geschick ereilt den Führer der Leibkompagnie, Oberst. Bethge, und den Adjutanten des 1. Bails., Lt. d. R. Desch, mit ihren treuen Kameraden. Umsonst ist aller Heldenmut, umsonst die pflichttreue Aufopferung. So vergeht Stunde auf Stunde in qualvoller, hoffnungsloser Lage -Mit Bangen wird der Abend erwartet. 2Iber auch der sollte keine Besserung bringen. Hunger und Durst quälen die durch die Anstrengung des Tages zu Tode Gr» matteten. Aber es kann nichts nach vorn geschafft werden. Di« mondhelle Wacht läßt keine Verbindung zu. Was den Kopf über die Deckung streckt ist verloren. Abgeschnitten von allem, gefan gen wie in einer Falle! Kein Essen, fein Trinken, fein Munitions ersah. Und doch wird der Entschluß, das Dorf zu stürmen, nich' aufgegeben: Drei Bataillone von den Regimentern 87 und 88 rückeck im Laufe der Wacht nach vorn. 216er es gelingt ihnen nicht einmal, bis in die Höhe unserer vorderen Kompagnien zu kommen; 200 Meter dahinter müssen sie liegenbleiben und Schuh suchen gegen die alles niedermähenden feindlichen Maschinengewehre. Ohne die Mitwirkung der Artillerie war jede Anstrengung vergeblich, war die größte Heldenhaftigkeit umsonst. Am späten Morgen des 1. Wovember kam der Befehl: „Unsere Artilleri«! nimmt den Dorfrand unter Feuer, die vor Le Quesnoy liegender, Bataillone sollen bis in die Höhe des rechts ansch ießenden 3.R. 118 zurückgehen." Aber der Befehl, sich vom Feinde loszulösen, konnte nicht ausgeführt werden, denn es war inzwischen hell geworden^, und alles lag dicht am Gegner. Das bald einsehende Feuer unserer Artillerie faßte zwar die Stellung des Gegners gut, aber es brachte der 3nfanterie nicht die gehoffte Erleichterung, da es naturgemäß auch unsere Gräben in Mitleidenschaft ziehen mutzte. Trotzdem wird der Sturm nach der Beschießung von neuem versucht Zweimal, dreimal springen Lt. Madlung und andere Offizier« und Unteroffiziere mit ihren Leuten aus dem Graben. 2kr6eere» — 90 668 Feuer aus den Hecken und HänkeM und von den Bäumen, tnSbefandere aus der Flanke schlägt chnen entgegen. Umsonst ist aste Todesverachtung der tollkühnen Scharen; was nicht fällt, stürzt verwundet in Stellung zurück, darunter auch Lt. Madlung. Doch einmal, um 12 lUyr mittags, versucht der an diesem Tage mit dem E. K. I. ausgezeichnete löwenkühne Führer der M. G. K., Hptm. Pvlh, mit drei Maschinengewehren — die übrigen sind zerschossen — und einer Schar Versprengter aus allen Kompagnien des Regiments, zusammen mit dem Bataillon Schildhauer vom 3.R. 117 den Angriff wieder in Fluh zu bringen. Auch jetzt ist alles vergebens. Sie kommen nur vor zu den am Feinde liegenden Trümmern der Kompagnien. Hier stürzt der tapfere Offizier, die Seele des Angriffs, schwer verwundet zu Boden, ein selten gesehenes Beispiel von Mut und .Unerschrockenheit, und um ihn sinkt einer seiner Getreuen nach dem andern nieder. 3n gleich kühnem Vorgehen stirbt Major Schilling von Cannstatts der Führer des 3. Balls., den Heldentod. Lt. Bro drück. Weher und Dose werden verwundet, zusammen mit ihnen der größte Teil der Unteroffiziere und Mannschaften, die mit ihren Offizieren wetteiferten an Tapferkeit und Pflichttreue. Als sich der zweite Tag von Le Quesnoh zu Ende neigte, schuppte sich ein Teil der Verwundeten, den Tod nicht mehr achtend, zurück. Verpflegung konnte auch in dieser Aacht nicht nach pvrn gebracht werden. Trotzdem wurde der Befehl zum Sturm aufrechterhalten. Aber irgendwo liegt die Grenze des Möglichen. Am 2. November setzte also nach dem Hellwerden eine neue Beschießung des Dorfrandes durch unsere Artillerie ein. Diesmal waren es schwere Kaliber, Mörser und Haubitzen, die der 3n- fanterie den Weg bahnen sollten. Die 3. Brandenburger, die dem Gegner schon zu so manchem Tanz aufgespielt hatten, richteten auch heute wieder wüste Verheerungen am Dorfrande an. Aber leiden muhten auch diesmal wie am Tage zuvor die eigenen Gräben mitgetrvffen werden. Es traten Verluste ein. Meldung zur Artillerie war unmöglich. Die Niedergeschlagenheit erreichte ihren Höhepunkt. Hoffen und Fürchten, Mut und Verzagen, Freude und Schmerz machten allmählich einer völligen Empfindungslosigkeit, einer körperlichen und seelischen Widerstandslosigkeit Platz. Wie ein letztes Aufflackern, eine letzte Zuckung sah man um die Mittagsstunde links zwei Pionierkompagnien zum Angriff vorrücken. Sie kamen bis zu dem Wäldchen 800 Meter südlich von Le Quesnoh. Weiter nicht. Dann hörte jede Bewegung auf. Erstarrung legte sich über das Schlachtfeld. Da erkannte die höhere Führung die Unmöglichkeit der Tat. Sie war nicht auszuführen, St hätte sie das Regiment ausgeführt. Gegen Abend kam der! rhl. die Stellung zurückzunehmen in eine von Parvillers nach dein Wegekreuz südwestlich von Damerh führende Linie, die von der 21. 3.D. besetzt werden sollte. Noch, eine letzte schwere Aufgabe! Auf der Erde kriechend, den verwundeten Kameraden in einer Zeltbahn mit sich schleppend, das zerschossene Maschinengewehr hinter sich her zerrend oder den toten Führer auf den Schaltern, tragend, so löste sich Grüppchen für Grüppchen vom Gegner los, verfolgt vom lauernden feindlichen Feuer, äleber Damerh schleppten sie sich nach Fresnoh, das sie vor drei Tagen um dieselbe Zeit verlassen hatten. Todmüde warfen sie sich dort zur Erde nieder, doch die fiebernden Schreckensschreie un& Kommandorufe der Träumenden liehen sie auch hier keine Nuhe finden. Erst das nächste Morgenlicht lieh die völlige Gröhe des Un- glücks erkennen. 3m wilden Durcheinander vor Le Quesnoh konnte man nicht wissen, wer noch zu den Lebenden zählte und wer fehlte. Erst jetzt, als die Verbände fidji wieder ordneten, wurde es schrecklich Tag. Zehn Offiziere, darunter auch Lt. d. N. Ackermann, Herb, Kammer und Feldwlt. Schmitt, und 569 Unteroffiziere und Mannschaften fehlten. Fast alle Kompagnien waren ohne Offiziere. Don den vielen Kriegsfreiwilligen, meist Gießener Studenten, die vor zwei Wochen in Heller Begeisterung zum Regiment ins Feld gefahren waren, war fast keiner mehr zurückgekehrt. 3n frischem, aufrechtem Vorwärtssturm waren sie bis auf wenige von der Sichel des Todes hinweggemäht worden. Nun lagen sie draußen aus dem Felde vor Le Quesnoh, und die Schritte des Feindes zogen achtlos an ihnen vorüber. Größere! Niedergeschlagenheit hat selten auf einer Truppe gelastet. Gewohnt an Sieg und, stolz auf so manchen ruhmreichen Sturm hatte das das Regiment sich! hier zum ersten Male beugen müssen. Zwar war es nicht besiegt, aber schon der unentschiedene Kampf wurde als Niederlage empfunden. Nutzlos war das Blut der vielen Kameraden dahingeflossen . Wohl war es auch bei Anloh heiß und! blutig hergegangen. Aber dort hatten die Sterbenden mit dem Rufe Sieg auf den bleichen Lippen Abschied genommen von der strahlenden Sonne des Lebens. Dort verklärte der Sieg den Tod, und der Anblick der siegreich flatternden Fahne milderte den Schmerz des Scheidens. Aber hier vor Le Quesnoh wurde das tödliche Geschoß mit der Wut der Verzweiflung empfangen, und die brechenden Augen klagten dem kalten Herbsttag die Pein des trostlos Sterbenden, der kein Grab von Freundeshand finden sollte. Am 3. November erlag Hptm. P o l h seiner schweren Verwundung, zwei Tage vor dem Tode seines einzigen Bruders, der in Nesle vom Thphus weggerafft wurde. Gr wurde auf dem Friedhof von Rohe, Major Schilling v. Cannstatt in Fresnoh be- erdigt. Das Gefecht bei Le Quesnoh war für das Regiment der legte Ausläufer des Bewegungskrieges. Am Uebergange zum Stellungskrieg gelegen, trug es die Merkmale beider Kriegsarten in sich. Die freie Entfaltung im rückwärtigen Gelände, das Vorgehen über das freie Feld, das Anlaufen zum Sturm auf den Gegner unterschied sich wenig von den bisherigen Kämpfen. Das mehrtägige Ssilliegen hart am Gegner, tief eingraben, das zusammengezogene Artilleriefeuer auf bestimmte Stellen, die durch Befehle festgelegte Zeit zum Ausfall, das find die Kennzeichen des beginnenden Stellungskrieges, den das Regiment in den nächsten Zähren zur Genüge kennengelernt und zu immer schrecklicherer Vervollkommnung sich entwickeln sehen sollte. Der Erfolg der bisherigen Kämpfe war gewaltig. Tief, in Feindesland standen unsere Heere. Eine gute Führung und eine beispiellose Heldenhaftigkeit des deutschen Soldaten hatten die Truppen von Sieg zu Sieg geführt und der Heimat die trostlosen Greuel des Krieges erspart. Ein Vorsprung war gewonnen, der für den ganzen weiteren Verlauf des Krieges entscheidend' blieb. Groß waren freilich die Opfer, mit denen dieser Vorteil errungen war. Ein zahlenmäßiger Rückblick auf die Verluste des Regiments für die Zeit vom 22. August bis zum 2. November zeigt uns folgendes: Tot 20 Offiziere, 581 Unteroffiziere und Mannschaften; verwundet 39 Offiziere, 1845 Unteroffiziere und Mannschaften; vermißt 3 Offiziere, 566 Unteroffiziere und Mannschaften. Also Gesamtverluste: 62 Offiziere, 2992 Unteroffiziere und Mannschaften. Mit einer Gefechtsstärke von 70 Offizieren, 2921 Unteroffiziere^ und Mannschaften war das Regiment aus Gießen ausgerückt.. Es war also, rein zahlenmäßig betrachtet, in den zehnwöchigen Kämpfen vollständig aufgerieben. An Ersatz trafen bis zum 2. November beim Regiment ein: 6 Offiziere, 1124 Unteroffiziere und Mannschaften. Durch Krankheit schieden in demselben Zeitraum etwa 400 Köpfe aus. So belief sich die Gefechtsstärke des Regiments am 2. November noch auf 12 Offiziere, 658 Unteroffiziere und Mannschaften. Wie Kant beinahe geheiratet hätte. Novelle von August S ch r i d e r. (Schluß.) Er hatte Schwestern in ärmlichen Verhältnissen. Auch diese mochten mit Recht auf ihn hoffen. Und wenn die Wage wieder gunsten seiner Wünsche stieg, so sagte er sich: „Ein Philosoph muß unabhängig fein, wie oft habe ich diese Maxime nicht verkündet! Nun habe ich genug, doch wie dann, wenn mich die Zensur oder ent Minister nötigt, mein Amt aufzu geben, um die Wahrheit reden zu können. 3ch habe der Welt noch vieles zu sagen; soll mich der Blick auf Frau und Kind hindern, auszusprechen, was ich ergründet oder veranlassen, zu schweigen und schwächlich zu verhüllen? — Nein, nein! — Und wird es einer jungen Frau in der strengen Regelmäßigkeit des Daseins, die mir notwendig ist, gefallen? Wird sie dieselbe nicht unter mannigfachen Kämpfen zu durchbrechen versuchen?" Er blickte im Zimmer umher, wo jeder Gegenstand heute an derselben Stelle war, an welcher er vor einem Jahre sich befunden. — „Werde ich den großen Plan, den ich gerade jetzt in mir trage, unter den Störungen aller Art vollenden können? — Aber eine innere Stimme sagt mir, daß mir ein Mädchen tote Sophie, das so nahe dem Bilde kommt, das ich mir in Gedanken mit allen schönen und edlen Eigenschaften aus- geziert, nicht mehr begegnen werde. Entsage ich diesmal, so verzichte ich für immer auf die Freuden des Hauses und auf treue Pflege im gebrechlichen Alter." So wogte es in ihm auf und nieder, und der Philosophische Weg, auf dem er sonst ruhig sinnend die Kapitel seines neuen We5es vorauszudenken pflegte, sah nun einen Mann, der bewegt aus und ab sch,ritt und so unruhig und unentschlossen in sein einsames Heim zurückkehrte, als er gekommen war. Acht Tage in Arbeit und der trotz innerer Kämpfe festgehaltenen Regel der Gewohnheiten vollbracht, scheinen dem älteren Manne nicht lang; für ein Mädchen, das sich vor den bedeutendsten Augenblick ihres Lebens gestellt glaubte, sind acht Tage Wartens unerträglich. Warum mußte auch, gerade jetzt Frau von Kehserlingk abwesend fein, die mit Freundeshand die Wirren hätte losen können? Man durfte sie nicht rufen, denn die Krankheit der Kinder aus Capustigall hatte eine Wendung zum Schlimmeren genommen. So erschöpften sich denn Frau von Gimborn und Sophie in Vermutungen über das Schweigen und Ausbleiben Kants. Frau von Gimborn kam auf den Gedanken, einen Anlaß zu wählen, um an den Philosophen zu schreiben. Sie erkundigte sich unter dem Vorgeben, daß ihre Lektüre sie darauf geführt habe, nach der Meinung Kants über einen ernsthaften und bedeutenden Mann, der mit den Geistern Abgeschiedener im Verkehr zu stehen und das zweite Gesicht zu haben behauptete. Eine Anfrage der Art, wie sie gewiß oft an ihn gerichtet wurden, konnte nichts Auffallendes haben. Kant fühlte, daß ihm hier ein Anlaß gegeben sei, den Damen einen Besuch zu machen, sich zu ertlären; aber er war mit sich noch nicht im reinen, und es war gegen seine Maxime, zur Handlung zu schreiten, ehe er mit der Erwägung vollkommen zu Ende wäre. So schrieb er denn sachlich über die aufgeworfene Frage, sprach es aus, Satz seine Art vielleicht nicht von derjenigen sei, der es erlaubt sein soll, von allen Grazien umgeben in das Zimmer der Schönen einzudringen, und schloß mit den Worten, daß der Schreiber stets geneigt sei, dafern er sich nicht alsobald mündlich über den Gegenstand sollte erklären können, alles, was noch gewünscht werde, schriftlich mitzuteilen. Lampe überbrachte den Dries in das gräfliche Haus, in das Frau von Gimborn nady Beendigung der Geschäfte auf dem Gute zurückgekehrt war, um einen neuen Verwalter für dasselbe zu besorgen und sein Eintreffen abzuwarten. Der Diener sah in dem Briefe mehr, als in ihm war und übergab ihn in gereizter Stimmung an Frau von Gimborn, die er, nachdem er die gewundenen' Taxusgehege des Gartens durchschritten, in einer Fliederlaubq allein fand. Es war ihm, als habe er hinter der Laube Schritt« gehört und das farbige Kleid einer Dame gesehen. In der Tat hatte sich« Sophie, als sie des weihen Rockes auf der Freitreppe ansichtig geworden war, auf die Dank gesetzt, die hinter der Laube an einem Wege stand. Sie glaubte, der Brief enthalte, was sie seit acht Tagen erwartete, und es war ihr lieb, ihre Dewegungen niemanden zeigen zu dürfen. Sie hörte, wie Frau von Gimborn den Drief erbracht ihn wieder zusammenfaltete und ein Gespräche mit Lampe begann. Aus den Zügen der Frau von Gimborn, so sehr diese ihre üleberraschung verbarg, hatte Lampe mit dem Instinkt, der Leuten aus dem Volke eigen ist, erkannt, daß das, was er gefürchtet hatte, nicht im Driefe stehe. Run kam eine Art teuflichen Humors über ihn und eine Laune, „das Frauenzimmer" alle Sorgen und Aengste der letzten Wochen entgelten zu lassen. Die Gelegenheit war rasch befunden Frau von Gimborn erkundigte sich nach dem Befinden seines Herrn. Lampe erwiderte: „Er befindet sich so gut, als sich ein Junggeselle nur irgend befinden kann, dem nichts abgeht. — .Ach, es ist ja wahr," fuhr er fort, „was der Apostel schreibt: Welcher verheiratet, der tut wohl, welcher aber nicht verheiratet, der tut besser/ Das erfahre ich ja alle Tage an mir selbst; unser hochedler Herr Professor hat recht, wie immer." „Habt Ihr das Wort aus der Predigt behalten?" fragte Frau von Gimborn. „Entfernt nicht," erwiderte Lampe, „es stammt von dem Herrn Professor, er sagt es oft, wenn er mit Herrn Green und Wrrn von Hippel und den anderen Junggesellen fröhlich' bei Tische sitzt. Uni) ich weih auch noch! ein viel lustigeres, basier immer deklamiert, wenn die Herren recht gut aufgelegt sind." Das wäre?" fragte Frau von Gimborn. Lampe zog den dicken Flügel des Schnurrbartes hinaus, setzte den Fuß der gleichen Seite etwas vor und machte, während er die Berse rezitierte, mit dem rechten Arm unbehilsliche Dewegungen. Er begann: „Mit einem steifen Amtsgesichte, Das in gemessnen Falten liegt, Mit Worten, da nach. Ratsgewichte Ein jedes einen Zentner wiegt, Mit wahren Aeltermannsgebärüen Vermeld' ich' meinen schönen Gruh And sage, dah kein Mensche auf Erden So töricht sein und freien muh. Das ist von einem Herrn Richeh aus Hamburg und ist sehr lang aber der Anfang ist die Hauptsache", eröärte Lampe. „Erst neulich' haben sie wieder ausführlich vom Heiraten gesprochen. .Ist dir wohl, so bleibe davon/ dies war der Schluß. Der Herr 'Professor haben auch Gründe; er sieht aufs Geld, ich spüre was davon, und .Heiraten kostet' hat schon mehr als einer gesagt." Frau von Gimborn endigte rasch' die Zwiesprache. Lampe ging mit dem Gefühl eines Triumphes von dannen. Sophie, die unbeweglich' auf der Dank fitzengeblieben war, brach, als sie den Brief gelesen hatte, in Tränen aus. . ,Es ist vorbei," sagte sie, sich mühsam fassend. — Alles stimme zusammen, die absichtliche Vernachlässigung während der ganzen Woche als ob er seine Freundlichkeit auf der Fahrt nach Moditten bereue' und nun dieser Drief, der ein persönliches Zusammentreffen geflissentlich' hinausschiebe; der Erzählung Lampes habe es gar nicht mehr bedurft. — „Es ist vorbei, und wenn ich Ihnen teuer bin und Ihre Geschäfte nicht geschädigt werden, reisen tote ab. Roch, am selben Rachmittag wurden Driefe geschrieben, Koffer gepackt der Wagen bestellt. Am andern Morgen fuhren in aller Frühe 'zwei Frauen aus dem Tore, deren eine mit vervxrnten Augen hinüberschaute nach den Wipfeln des Phtlosvphtschen '2Be8®nifle Tage später — der Kampf hatte für Sophie siegreich geendet — lieh sich Kant im gräflichen Hause bet Frau von Gtm- born meldeit. Erstaunt, dah der Herr Professor es noch, mcht wisse, teilte ihm der Haushofmeister mit, dte Damen seten plötzlich abgereist, ohne anzugeben wohin. Rur das set sicher, dah sie sich die Pferde nach Berlin hätten legen lassen. Eso erltg set dis Abreise geü-esen, beiß fic cruchi t>on nur brieflichen Abschied- genommen hätten. p, , Zweimal dasselbe Begegnis! Sollte er sch-retben, umAus- klärung bitten, Aufklärung geben? - Er kam zu keinem Schlüsse. And wohin sollte er die Driefe richten? — An dem Schmerz, den er fühlte, erkannte er. wie teuer ihm dieses Mädchen gewesM war, aber er lieh ihn nicht zu Worte kommen. Als die Gräfin xet)fci> lingk wiederkam. erzählte er nicht, was thn betroffen, aus Furcht, Vurch Wiederholung desselben Angeschicks tos Lächerliche zu fallen. Die Arbeit muhte ihm seinen Anstern überwinden helfen. Wenige Jahre noch, und es erschien ein Duch das den Titel trug: „Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant. 1781.“ , ♦ Kant blieb unvermählt. Diele Jahre später, in des Philosophen neunundsechzigstem Jahre, tritt Pfarrer Decker bei ihm ein. Decker war ein Mann, der allen wohltun wollte und beständig mit der Sammelbüchse für seine Armen unterwegs war. So war er auch öfters zu Kant gekommen. Heute sah ihm dieser sogleich an, dah er etwas De» sonderes auf dem Herzen habe. „Run, lieber Decker, unterbrach Kant die Eintrittskomplimente, auf den Schrank deutend, in welchem das Geld sich befand, — „was soll's?" „Heute nichts von dem," erwiderte Becker, heute habe er es auf das einsame Leben Kants abgesehen. Mit 6er Wärme eines überzeugten Predigers begann er alsobald das Angenehme und Wünschenswerte des ehelichen Lebens auseinanderzusehen. Da Kant ihn versichert, dah er dies alles nur für Scherz aufnehme, zieht der Pfarrer eine Broschüre aus der Tasche und überreichte sie dem Professor. Der Titel lautet: „Rafael und Tobias oder das Gespräch zweier Freunde über den Gott wohlgefälligen Ehestand." Auch' Rafael und Tobias konnten Kant nicht zur Heirat bewegen. Er schlug die Broschüre auf, durchflog einige Seiten und legte die Blätter auf den Tisch, indem er mit einer Mischung von Scherz und Wehmut sagte: „Damit hat es ein Ende." „Was kostet die Drucklegung?" fragte er dann freundlich'. Der Pfarrer wollte mit der Sprache nicht heraus, gab aber endlich die Summe an. Kant holte das Geld und nötigte es Herrn Decker auf für jene Hilfsbedürftigen unter seinen Pfarrkindern, welche sich ohne ausreichende Mittel in den Gott wohlgefälligen Stand der Ehe begeben hätten. Als er allein war, ging er zurück an jenen Platz am Ofen, von welchem aus er den Turm sah, wie an jenem Juniabend, da ihm Sophie zuerst begegnet war. Das Dild des anmutigen Mädchens und des Tages von Moditten, an dem er sie zuletzt ge- sehen, ging an seinem Geiste vorüber. 3n Sachen „Grollmännin gegen Bielefeldische Wittib" Ein heiteres Kapitel aus der Gießener Kirchengeschichte. Von Heinrich Dechtolsheimer. An der Stelle, wo die in den Jahren 1809 bis 1821 erbaut« Gießener Stadtkirche steht, stand bekanntlich schon vorher ein Gotteshaus, das noch im 18. Jahrhundert „Pankratiuskirche" genannt wurde. Es ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen, wann man den Grundstein zu dieser Kirche gelegt hat. Aeber einem der Eingänge des Turmes, der beim Abbruch der alten Kirche stehen- geblieben ist. steht die Jahreszahl 1484, vielleicht gibt diese Zahl das Jahr an, in dem man mit dem Turmbau begonnen hat. Die Kirche selbst ist viel älter als der heute noch solide Turm gewesen, sie scheint aus kleinen Anfängen herausgewachsen zu sein, ursprünglich war sie eine Kapelle, im Laufe der Jahrhunderte hat man an ihr oft ausgebessert und Erweiterungen vorgenom- men; die Folge war, daß sie schließlich, wie das bei wiederholten Ambauten zumeist der Fall ist, ein in jeder Deziehung unzureichendes Gebäude war. Akten, die int Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Gießen, in dem Archiv der Stadt Gießen und im Staatsarchiv Darmstadt aufbewahrt werden, entnehme ich, dah man schon im Jahre 1612 über den baulichen Zustand der Kirche geklagt hat. Am Ende des 18. Jahrhunderts war sie im höchsten Grade baufällig, man Nagte über Feuchtigkeit, Mangel an Licht, mangelhafte Akustik und unschönes Aeutzere. Die Gießener Kirche wird als die schlechteste Kirche des ganzen Hessenlandes , hin- gestellt unwürdig einer Aniversitäts- und Beamtenstadt. Ein im Museum des Oberhessischen Geschichtsvereins befindliches Bild ) bestätigt diese Angabe. Die Kirche war ursprünglich im gotischen Stile aufgesührt, die Strebepfeiler scheinen später angebracht worden zu sein, um den Rissen im Mauerwerk vorzubeugen Das Bauwerk zeigt keinerlei Regelmäßigkeit, eine Fensterachse ist mcht eingehalten. Außerordentliche Anregelmäßigkeit fällt an der 2m- orditung der fehr lleinen Fenster auf. Der Fußboden der Kirche lag über dem Straßenniveau, da zwei Freitreppen zu den hoher gelegenen Türen hinaufführen. Eine davon ist überdacht und scheint den Haupteingang gebildet zu haben. Das Chor stieß hart anden Eingang zur Schloßgasse. Die dort vvrüberführende, den Verkehr zwischen Frankfurt a. M. und Marburg vermittelnde Hauptverkehrsstraße war fehr eng. Die alte Stadtkirche ähnelte mehr einem Gebäude, in dem man alte Gerätschaften aufbewahrt, als einem Gotteshause, man merkt an dem Bilde deutlich' die Spuren des Verfalls. Der Beschauer des Bildes findet sofort, dah die ♦\ Herr Prokurist Louis Frech hat von diesem Bilde eine treff» llche Kopie hergestellt, die zur Zeit in dem Schaufenster des Herrn Fritz Rennstiel, Seltersweg 8V/10, ausgestellt ist, und der Beachtung aller derer empfohlen wird, die sich' für Alt-Gießen interessieren. Mcht nur die Kirche, auch der Kirchenplah und die an- liegenden alten Häuser stich' auf diesem Bilde wiedergegeben. 92 frühere Stadtkirche anders orientiert war als die heutige, sie zog fiw in ihrer LÄrgsnchtung vom Turme nach der Schlotzgasse hin, so daß der Kirchrnplatz folger zwischen der Kirche und dem Gasthause „Zum Einhorn" lag. Eigentümlich ist, daß zwischen die Pfeiler kleine Häuschen eingebaut sind, unser Bild weist drei dieser Anbauten aus. Früher nahm ich an, das) das Verkaufsbuden gewesen seien, wke sie in die Katharinenkirche zu Franikfurt a. OIL und in den Dom zu Mainz eingebaut sind; Akren, die mir im Staatsarchiv in die Hand tarnen, haben mich eines anderen belehrt. Diese Häuschen waren im Lause der Zeit von einzelnen Familien mit Genehmigung der Staatsbehörde, die damals auch über Kirchensachen entschied, errichtet worden, um diesen Familien als bevorrechtete Kirchenstühle zu dienen. Es ist betannt, Latz heute noch fürstliche und adelige Familien in den Kirchen abgesonderte Plätze haben, die sie auch von einem besonderen Eingang her betreten. Man hatte in Gießen die Umfassungsmauer der Kirche durchbrochen und an dieser Stelle Fensterscheiben ern- gezogen, die bei dem Gottesdienste geöffnet wurden. Gin zutreffendes Bild von dieser baulichen Anordnung kann man bekommen, wenn man an die Vorhalle unserer Johanneskiche denkt, die auch durch Fensterscheibe von dem eigentlichen Kirchenraume abgeschlossen ist. , An das Vorhandensein dieser Anbauten, die der alten, ohnedies unschönen Kirche nicht zur Zierde gereichten, knüpft ein Aechts- streit an, der in mehr als einer Beziehung auf die Nachwelt erheiternd wirkt. Heber diesen Rechtsstreit unterrichtet ein dickes, mindestens handhohes Aktenbündel, das im Staatsarchiv ausbewahrt wird und die Aufschrift trägt: „Bielefeldischen Kirchenstuhl betreffend". Der im Jahre 1727 verstorbene Superintendent und Professor Johann Christoph Bielefeld hatte sich 1710 „ein Stübgen auswendig der Kirchenmauer anbauen und vermittelst Durchbrechung der Fenster in die Kirche machen lassen." Dieses „Stübgen" war nach dem Tode des Erbauers erb- und eigentümlich in den Besitz seiner Hinterbliebenen übergegangen. Die Familienverhältnisse des Superintendenten waren etwas verwickelt, sie müssen aber hier erötert werden, weil man sonst den Zusammenhang der hier in Frage kommenden Tatsachen nicht versteht. Dielefeld war zweimal verheiratet, in zweiter Ehe mit einer früheren Dresdener Hofdame, deren Mädchennamen ich nicht ermitteln kann, von der aber bekannt ist, daß sie in erster Ehe mit einem Herrn von Wallbrunn verheiratet war. Run war eine Tochter Biele- selds aus seiner ersten Ehe mit einem Herrn von Pfrundt verheiratet. Dieser scheint ein Tunichtgut gewesen zu sein; denn, so melden die Akten: „Da die Dieleseldische Frau Wittib einige Tage verreiset gewesen, unterstehet sich der Bielefeldische Tochtermann Herr von Pfrundt und dessen Cousorten, den Kirchanstuhl an die verwittibte Frau Lanhlerin Crollmännin vor 100 Gulden zu verkaufen, auch mit dem Kaufgeld Hinwegzureissen." Ob der tüchtige Lochtermann diesen Betrag in wertbeständiger Währung angelegt hat, darüber schweigen die Akten, vermutlich hat er ihn mit seinen „Consorten" irgendwo verjubelt. Frau Grvllmann (der Aame wird in der alten Zeit verschieden geschrieben) war die Witwe des am 1. Oktober 1722 hier bestatteten Professors der Rechtswissenschaft und Universitäts- kanzlers Melchior Dethmar Grollmann. Die Grabrede hat ihm merkwürdiger Weise Bielefeld gehalten, nicht ahnend, daß seine Frau und die des Dahingeschiedenen einige Jahre später so hart aneinandergeraten würden. Rasch wurde es ruchbar, das) Herr von Pfrundt den Kirchenstuhl seiner Stiefschwiegermutter versilbert hatte. Sn dem „Kirchenstübgen" befand sich nämlich ein „Feuer- käsigen", auf das man im Winter die Füße zu setzen pflegte, heute noch sind diese Kästchen in holländischen Kirchen zu finden. Einige Tage nach dem Verkauf kam die gleichfalls in zweiter Ehe lebende Mutter der „Bielefeldischen Wittib", eine Generalin Türckheim, von dem Verkauf nichts wissend, in die Kirche, um das Kohlenbecken abzuhvlen, die trat ihr Frau Grollmann energisch entgegen und lieh, als die Generalin nicht nachgeben wollte, daß Schloß an der Eingangstür verändern. Das geschah im Jahr 1727, nun beginnt der Streit um das „Stübgen", der sich bis zum Jahr 1731 hinzog. Die alte Zeit war nach unserem Empfinden nicht höslich. So Heist t es in unseren Akten nicht „Frau Prosessor Bielefeld" oder „Frau Universitäts- kanzler Grollmann", sondern es werden nur die „Bielefeldische Wi- tib" und die „Grollmännin" erwähnt. Die Juristen, die mit der Sache zu schaffen hatten, bezeichneten den Prozest als „Grvll- männin gegen Bielefeldische Wittib". Rach unseren Rechtsbegriffen wäre der Verkauf des Kirchenstuhles als null und nichtig erklärt worden; denn man kann nur verkaufen, was man selbst als Eigentum besitzt. Heute würde auch wohl Herr von Pfrundt wegen .Betrugs belangt werden. Damals waren es nicht die Gerichte, die sich mit solchen Händeln befaßten, sondern sie kamen durch die Regierung zum Austrag. So gelangte die Sache nach Darmstadt. Dort wurde Frau Grollmann dazu verurteilt, den Schlüssel herauszugeben, aber auch die Witwe Bielefeld sollte nicht in den ungestörten Besitz des Kirchenstuhls kommen. ES wurde bestimmt, daß der Kommandant der Festung Giesten, Oberst Schenk von Schweinsberg, mit ihr gegen eine jährliche Miete von 5 Gulden den Stuhl teilen sollte. Eigentlich hätte der Kommandant den Gottesdienst in der Burgkirche, die Garnisonskirche war, besuchen sollen, aber er konnte „seines podagrischen Zustandes halber, da ihm das Treppensteigen zu schwer fiel", die Treppe zur Burgkirche, die „miserabel" war, nicht hinaufgehen. Mit dieser Entscheidung war keine der beiden Frauen zufrieden. Der zu Darmstadt wohnende Moritz von Wallbrunn, der Sohn der „Bielefeldischen Wittib" aus deren erster Ehe beklagt sich in einem an den Landgrafen gerichteten Schreiben, tote seine „ Frau Mutter und obgedachte Wittib arglistiger Weise von ihrem zu Gießen in der Haupt Kirch erbauten Kirchenstand e^clubiert“ worden sei. Eine zweite Entscheidung war nämlich dahin ergangen, daß keine von beiden Parteien den Kirchenstuhl besitzen sollte, diese» sollte vielmehr den Beamten des Landgrafen, wenn dieser in Gießen residieren sollte, Vorbehalten sein. Daraufhin sandte Frau Grvllmann ein recht lamentables Bittgesuch nach Darmstadt. Es ist nicht datiert und hat folgenden Wortlaut: „Allerdemüthigste fuhfällige Bitte und Oblation des wehland Geheimen Raths und caneellarii Grollmann nachgelassener höchstbetrübten Wittib und Wahselein. Auf Ew. Hochfürstl. Durch!, gnädigsten, doch nicht communi- cirten Befehl hat mir dero löbl. Consistvrium zu Gießen zu meiner größesten Bekrübniß bekandt gemachet, daß Gw. Hochfürstl. Durch!, den von der Bielefeldischen Tochter angekaufften Kirchenstuhl der Kirchen für heimgefallen erkannt und solchen als summus Prin- ceps et Episcopus für dero dann und wann in commissione awi schickende Räthe und andere herrschaftl. Bediente gnädigst de» stiniert hätte, dahero mir aufgegeben, daß ich mich mit den meinigen nunmehro des Stuhls gäntzlich enthalten und sogleich den Schlüsse! ' zum Hochfürstl. Consistorio einschicken solle. Ob- ich nun zwar vorher meine Gerechtsame in aller unterthänigkeit hätte dagegen vor, stellig machen können, so habe doch alß eine höchstbetrübte WittiL für mich und meine vier unerzogene Wahselein, gestalten Um» ständen nach, für rathsamer gehalten, alssofort gehorsamst zu parieren, mein Recht hinanzusetzen und Ew. Hochfürstl. Durchl. an» gebohrenen weltberühmten Clementz mich fußfällig zu vergeben, der unterthänigsten Hoffnung lebend, es werde für mich und meine arme Wahselein, wenigstens in Ansehung ihres seeligen BatterS und Großeltern treugeleistete Dienste auch noch Gnade übrig sehn und Ew. Hochfürstl. Durchl. in gnädigste ertoegung zu ziehen geruhen, daß ich weder mit einem Mann- noch Weibersitz in der Kiche versehen sehe, sondern mich hierzu allezeit kümmerlich bey anderen einbitten, aus die hohen Festtage aber wegen der Menge meine Kinder zurücklassen muß. Unterthänigste Magd Maria Clara Grolmannin Wittib gebohrne Mollenbec." Auf Grund dieser Eingabe scheint endgültig die Entscheidung getroffen worden zu fein, sie erging am 15. September 1731 und lautete dahin, daß Frau Grollmann den Kirchenstuhl erhalten solle, nachdem Frau Bielefeld unterdessen weggezogen war, jedoch mußte die zuerst Genannte 200 Gulden zahlen, 100 Gulden an den Landgrafen und 100 Gulden an die Kirche. Damit schließt nach vier Jahren dieser Rechtsstreit, der in dem damals noch kleinen Gießen gewiß viel Staub aufgewirbelt hat. Gesonderte Plätze, die zum Teil verschiedene Berufsstände, zum Teil für einzelne Familien bestimmt waren, gab es in der alten Stadtkirche bis zu ihrem Untergang. Sn einem Verzeichnis aus dem Jahre 1801 werden, abgesehen von Stühlen, die einzelnen Familien gehörten, Kirchenstühle genannt „vor die Pfarr- Weiber", „vor die Herrn Prosesforen", „vor den löblichen Stadtrat", außerdem gab es „Manns- und Weibsstühle", in denen die Bürger mit ihren Familiengliedern Platz nahmen. Acht Jahre später schlug der Landbaumeister Sonnemann, der den ersten Plan für die neue Kirche entworfen hatte, vor, in dieser eine Plahvertei- lung wegzulassen. Er begründete dies mit den Worten: „Mein sehnlichster Wunsch geht bei der neuen Kircheneinrichtung dahin, daß die Verteilung der Stände ganz eingehen möchte ... Findet keine Absonderung der Stände mehr statt, so fallen viele Demer- kungen und Zänkereyen weg, die bey der bisherigen Einrichtung) stattgefunden haben und wodurch die Andacht und der Eifer, in die Kirche zu gehen, gestört worden ist. Der Bürger kann alsdann nicht beobachten, ob der Rath oder der Professor-Stuhl leer ist. Die Studenten und Handtoerksburschen können keine Zänkereyen anfangen. Sollte indessen dieser Vorschlag nicht auszuführen seyn, so kann, wenn die Kirche einmal steht, eine Vertheilung der Stände nach Belieben vorgenommen werden, jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß kein Stand mit Gitterwerk oder sonst einer albernen Umschließung zugemacht werden darf, weil dergleichen Anlagen gegen allen guten guten Geschmack gehen ... Sn bet Kirche sind wir alle gleich. Der Minister und der Taglöhner, der Reiche und der Arme, ja der Fremdling wie der Eingeborene haben gleiche Ansprüche auf jeden Stand in einer Kirche; denn warum sollte man den Honoratioren die besseren Plätze zunächst der Kanzel gegenüber bestimmen und die Bürger auf die von der Kanzel entfernteren und dieser nicht gegenüber liegenden Stände verweisen. Jeder gehet hin, wo er will, und die, welche früh kommen, erhalten die besten Plätze." Erfreulicherweise sind diese Grundsätze in der am 29. Juli 1821 eingeweihten neuen Kirche zur Durchführung gekommen. Schriftleitung: Dr. Friede Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lanae. Gießen.