Gießener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1924 Samstag, den 50. August Nummer 56 Goethe-Worte. Es kommt nicht darauf an, daß etngeriffen, sondern daß etwas aufgebaut werbe, woran die Menschheit reine Freude empfinde. * Alles was unseren Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über Uns selbst zu geben, ist verderblich. ♦ Die Menge kann tüchtige Menschen nicht entbehren, und die Tüchtigen sind ihnen jederzeit zur Last. ' ♦ Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung wiederholen und auf die unsrige nicht achten. * Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß! * Noch ist es Tag, da rühre sich der Männ: die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann. ♦ Große Gedanken und ein reines Herz sollen wir von Gott erbitten. Der achtzigste Geburtstag. Don Heinrich Bechtolsheimsr. Lehrer Oestreich hatte zweiundsünfzig Jahre lang Schule ge- !»alten und war alsdann mit zweiundsiebzig Jahren in den Ruhe- tand getreten. In der Gemeinde, in der er zuletzt neununddreißig Jahre hindurch gewirkt hatte, war er wohnen geblieben. Das Schulhaus allerdings hatte er seinem Nachfolger überlassen müssen, dafür hatte er sich ein kleines Haus vor dem Dorfe erbaut, es war ein einstöckiges Haus mit grünen Läden, ringsum umgeben von einem Garten. Auf die Pflege dieses Gartens verwendete der alte Mann allen Fleiß. Die Wege waren mit gelbem Kies bestreut, die Beete mit Buchs eingefaßt, Rosen blühten dort in bunter Fülle, und an den Spalieren reifte das Obst. In der Ecke stand eine Gartenhütte, die Oestreich selber gezimmert hatte. Haus und Garten waren so recht zu einem Ruhesitz geschaffen, Friede und Stille lagen über dem Anwesen. In dem Hause wohnten auch nur zwei Menschen, außer dem alten Lehrer nämlich noch seine Enkeltochter Mathilde, die ihm das Hauswesen besorgte. Die Ehefrau war vor fünfzehn Jahren gestorben, die Kinder waren verheiratet und wohnten auswärts. Der älteste Sohn war Prokurist in einem bedeutenden Mainzer Handelshause, der zweite war Kreisschulrat in einer vberhessischen Stadt, und die einzige Tochter war mit einem Lehrer in Darmstadt verheiratet. Es war mit der Familie nach dem gewöhnlichen Lauf und Q»;ng gegangen, einst war das Haus voll von Leben und Kinderjubel, voll von Arbeit und Sorge, dann hatten die Kinder der Reihe nach das Elternhaus verlassen, die Mutter war dahingeschiSben, der Vater war in den Ruhestand getreten, und die Stille zog ein in das Haus. Oestreich feierte seinen achtzigsten Geburtstag. Es war mitten in der Kornernte, und vom wolkenlosen Himmel brannte die Sonne hernieder. 3n* diesen Tagen klagen und schimpfen viele Menschen, die in der Stadt wohnen, gewaltig über die Hitze. Sie lassen die Rolläden herunter, wollen nicht auf die Straße gehen, klagen das Wetter an, das ihnen dieses Unbehagen schafft. Ich denke da an einen dicken jungen Handwerksmeister, den ich vor vielen Jahren an einem heißen Sommertage vor feiner Haustür stehen sah, er prustete wie ein Nashorn, das man im Zoologischen Garten sieht, als ob er sich durch sein Prusten die Hitze vertreiben könnte, ich denke an so manchen Faulenzer, der in Sitzungen oder bei Versammlungen während der Sommerzeit sich mit dem Taschentuche fortwährend Luft zufächelt und den Verhandlungen keine Aufmerksamkeit schenkt. Da ist der Dauer vvn ganz anderem Schlage, er fürchtet sich nicht vor der Sonne. Kommt er auf seinen Acker, so werden Rock und Weste ausgezogen und an den Ackerrand gelegt, der Leibriemen wird fester angezogen, der Strohhut tiefer in das Gesicht gedrückt, die Hemdärmel werden bis zum Ellenbogengelenk aufgestreift, und nun fährt die Sense mit wuchtigen Hieben in das wogende Getreide. Ebensowenig fürchten sich auf dem Lande Frauen und Mädchen vor der Hitze, sie schützen sich, soweit als es geht, durch das weiße Kopftuch vor der Sonne, packen mit der Sichel die niedergemähten Halme und ordnen sie, damit sie gebunden werden können. Ob ihnen auch di« scharfen Stoppeln in die Hände stechen, ob sie sich auch noch so oft bücken müssen, daß ihnen der Rücken steif wird, sie klaget nicht, sie freuen sich über den Segen, den Gott ihrer Flur be- schieden hat. In diesen Tagen haben die Kinder Ferien, sie gehen mit hinaus auf das Feld. Oft lenken zwölfjährige Knaben das Gespann vom Äcker nach der Scheuer und wieder zurück, die Mädchen lesen Aehren, die ganz Kleinen sitzen am Ackerrande und schlafen auch wohl ennüdet ein. In der Erntezeit ist der Wald noch frisch grün, in den Gärten blühen die Blumen in bunter Fülle, an den Zweigen hängen die grünen Aepfel, allenthalben ist Leben, FreuLe und Segen. Schon in aller Frühe hatte sich der Greis an seinem achtzigsten Geburtstage von seinem Lager erhoben, dann nahm er nach seiner Gewohnheit die alte Bibel zur Hand, die ihm einst beim Abschied vom Elternhause Valer und Mutter mitgegeben hatten, und las den 103. Psalm, der mit den Worten anhebt! Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist seinen Heiligen Namen. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat. Langsam las er das uralte Gotteslied, Überdachte jeden Sah und fand ihn an seinem Leben bestätigt. Dann holte er vom Bücherbrett das Gesangbuch und las Gellerts Lied, das die Nr. 433 und die Aufschrift „Am Geburtstage" trägt. Seit Jahren hatte er das an seinem Geburtstage so gemacht. Dann trat er von seinem Schlafzimmer hinaus in den blüh«rden Garten. Noch funkelte der Tau auf den Pflanzen, auf den Bäumen jubelten die Vögel. Gerade betrachtete der alte Mann ein« schöne Teerose, die schon halb am Entblättern war, da hörte et leise Schritte über den Gartenkies knirschen, und wie er sich umsah, fiel ihm die Enkelin um den Hals und brachte ihm ihren Glückwunsch dar. Gerührt dankte der Großvater, er sagte: „Diz, mein liebes Kind, bist die Freude und der Trost meines Alters, Wenn ich dich sehe, so meine ich, ich hätte eine schöne Blume aus meinem Garten vor mir. .Und was für ein Opfer bringst du mir, du bist aus Darmstadt von deinen lieben Eltern weggegangen, uns mir beizustehen. Jetzt könntest du in der Stadt mit deinen Freuw dinnen verkehren und so viel Interessantes sehen und lernen und Hältst hier auf dem Dauernorte aus, um mich zu pflegen." „Äch, Großvater," erwiderte das Mädchen, „du weißt gar nicht, wie gut es mir hier gefällt. Ich kann mir nichts Lang- weileriges Lenken als die Rheinstraße und die Neckarstraße inst ihren kasernenmäßig aufgebauten Häusern und mit den selbstbewußten Menschen, die dort auf und ab gehen und sich wichtig machen. Wenn die Dauern hier Korn heimfahren und dabei mit der Peitsche knallen, so höre ich das viel lieber als das Glockenspiel am Darmstädter Schlosse." „Aber der Bräutigam in Frankfurt wird böse sein, daß er dich so selten sehen kann." „Wir haben uns ja erst an Pfingsten gesehen, und wenn er in drei Wochen nach Bingen kommt, um dort im Äustrage seiner Firma eine neue Maschine aufzustellen, so wird er uns hier besuchen. So ein Elektro-Jngenieur hat mehr zu tun, als an seine Braut zu denken." „Du bist ein gutes Kind," sagte der alte Mann. „Aber jetzt schnell hinein ins Wohnzimmer, Großvater, damit du deinen Geburtstagstisch sehen kannst!" D Der runde Tisch im Wohnzimmer war weiß gedeckt und mit Blumen geschmückt. Inmitten standen auf einem Teller acht Wachslichter, die die acht Jahrzehnte des Großvaters anöeuteten. Am Tage zuvor waren schon Glückwunschbriefe eingetroffen, die die Enkelin auf der Straße dem Briefträger abgenommen und für den nächsten Tag zurückgelegt hatte. Auch Geschenke von Orts» einwohnern waren eingetroffen, einige Flaschen siebzehner Weines, Tabak und Zigarren: denn der alte Mann rauchte gern, wenn er durch seinen Garten oder durch das Dorf ging. Mathilde hatte einen mächtigen Bundkuchen gebacken, der auf dem Tische prangte. Die Freude leuchtete aus den Augen des alten Lehrers, als er diese Beweise der Liebe und Anhänglichkeit sah. „Ich! habe es gut an meinem Lebensabend," sagte er. „Diele alte Leute habe ich gekannt, die im Alter ganz verlassen waren. 'Wie ging es meinem armen Kollegen Junker so schlecht, er hatte, als er in den Ruhestand getreten war, keine Menschenseele mehr um sich gehabt und mußte im Rochusspitale zu Mainz, wohin man ihn gebracht hatte, noch so furchtbar leiden. Arn meisten freu« ich mich, daß freute meine Kinder kommen. Wann können sie hier fein?“ „Der Onkel Otto hat geschrieben, daß er mit dem Onkel Ernst 342 VW jittt meinen Ettern in Mainz $uftartmentrlfft, unö bah alte zusammen nach Armsheim fahren, sie werden um halb ein Uhr hier sein. Auch alle Leine Enkelkinder werden mitkommen." „Alle, bis auf den lieben Wilhelm, deinen Bruder, der liegt in Galizien nun schon beinahe neun Jahre begraben. Ach, Maf- thilde, hatte ich für ihn sterben können!" Dem Großvater und der Enkeltochter standen die Tränen in den Augen. „Wir wollen uns in den Willen Gottes ergaben/' sagte der Greis. „Die, die für das Vaterland gefallen sind, haben es viel kesser als wir. Ich will nicht murren gegen Gott, er hat mir in meinem langen Leben viel genommen, er hat mir auch viel gegeben. Ich habe lauter gute und strebsame Kinder und Enkelkinder. Heute fühle ich mich um dreißig Jahre verjüngt. Als meine beiden Söhne noch die Schule besuchten, habe ich mich immer gefreut, wenn sie in 6er Ferienzeit nach Hause kamen. Wenn sie abends von der Bahn kamen, habe ich im dunklen Zimmer Hinter dem Fenster gesessen und gewartet, bis sie kamen. Alle Habe ich an ihrem Schritt erkannt. Der Otto ging schnell und! leicht, der Ernst trat fest auf und machte große Schritte. Wenn ich ihren Schritt hörte, bin ich rasch zur Großmutter gegangen und habe gesagt: .Jetzt kommen sie.' Da sind wir beide hinausgeeilt und haben sie auf der Haustreppe begrüßt." „Großvater, jetzt mußt du aber deinen Kaffee trinken, denn nachher kommt vielleicht Besuch." Eine halbe Stunde später war Oestreich zum Ausgehen gerüstet. In der rechten Hand trug er einen Stock, in der linken einen Blumenstrauß, den Mathilde schon am Abend zuvor im Garten geschnitten hatte. Die Enkelin war in der Küche beschäftigt, der Großvater rief ihr zu: „Ich gehe jetzt zur Großmutter, bin aber bald wieder da." Aus den Ortsstraßen sah man überall, daß es Erntetag war. Die Hoftvre und die Scheuertvre standen weit offen. Man sah auf den Tennen die schwerbeladenen Wagen stehen, die Garben wurden an Ort und Stelle gebracht. Andere Wagen knarrten Lurch die Straßen, in den engen Gassen streiften die hoch auf- geschichteten Garben manchmal die Gebäude. Hier und da lagen Aehren auf dem Pflaster, und das Hühnervolk pickte die Körner auf. Oestreich ging hinaus vor Las Dorf, sein Ziel war der Fried- hof, der auf einem Berge liegt. Der Weg, auf dem man dort die DaHingesHieLenen nach dem Acker Gottes bringt, geht an Aeckern £d Weinbergen vorüber, steil in die Höhe. Das eiserne Tor, rch das der alte Lehrer schritt, war nur angelehnt. Ein sauber gehaltener Weg führte mitten durch den Friedhof, der vordere Teil war noch nicht belegt, hier wuchs Klee. 3m hinteren Teile reihte sich Grab an Grab. Wohl schon seit achtzig Jahren wurde dieser Friedhof benützt, nachdem man den Begräbnisplah, 6er um die Kirche lag, aufgegeben hatte. Ueber diesen älteren Teil rankte wild wachsendes Gebüsch, die Grabsteine waren eingesunken, die Schriftzeichen mit Moos Überwuchert und kaum noch zu lesen. Auf Kindergräbern sah man Tauben aus Porzellan, das Sinnbild der Unschuld. Tannen und Trauerweiden wuchsen auf den Hügeln. Auf den Gräbern, die erst in neuerer Zeit wieder ausgerkchtet worden waren, hingen Perlenkränze. An der Mauer lag das Grab, das der alte Mann suchte. Es war mit Sandstein eingefaßt und von der Enkelin mit Blumen bepflanzt. Daneben lag ein freier Platz, den Oestreich für sich selbst bestimmt hatte. Auch das Grabmal war ein Doppelgrabmal, die eine Seite war noch frei, auf der anderen stand zu lesen: „Hier ruht in Gott Mathilde Oestreich, geb. Hagenbruch, geb. am 2. Mai 1844, gest. am 30. April 1907. Hiob 19, 25. Ich weiß, daß mein Erlöser lebt." Der Witwer legte seine Blumen auf das Grab nieder, entfernte einiges Unkraut, das in der letzten Zeit in hie Höhe gewuchert war, und sah dann in ernstem Sinnen auf die Stätte nieder. Im Weggehen sprach er halbleise nach dem Grab hin: „Bald- sehen wir uns wieder!" Vor dem Friedhofstore ftanb er eine Weile still und ließ seine Blicke hinaus in das sommerliche Land gleiten. Im Borden verdämmerten die Rheinberge, das blaue Gebirge im Westen war 6er Hunsrück. Weithin leuchteten die Wälder auf, sonst waren nur Äecker und Weinberge zu sehen. Ein Getreidehaufen lag neben dem anderen, Fuhrwerke gingen über die Felder, man sah, wie die Garben auf den Wagen geladen wurden, wie die Pferde dann mit mächtigem Ruck anzogen un& die Fuhrwerke, tiefe Geleise in den Stoppeläckern hinterlassend, sich öahinbewegten. (Fortsetzung folgt.) Neue Erinnerungen cm Anton Bruckner. Die Persönlichkeit Anton Bruckners, deffen 100. Geburtstag sich am 4. 9. jährt, tritt immer mehr und mehr in das Licht der Geschichte, da eine rege Bruckner- Forschung sich mit ihm und seinem Werk beschäftigt. Einer der wichtigsten Beiträge zur Erkenntnis seines Wesens find die soeben im Universal-Verlag zu Wien erscheinenden „Erinnerungen an Anton Bruckner", &te einer seiner intimsten Freunde und Schüler, Friedrich Eckstein, veröffentlicht hat. In seiner Wohnung herrschte eine große Unordnung; sowohl das Harmonium wie fein Flügel waren mit Partituren, Hausen von Manuskripten, mit Skizzen und Ausarbeitungen bedeckt. Auch auf dem Boden des Schlafzimmers waren ringsum Hohe Sätze von Musikalien, Entwürfen, Büchern, Briefschaften usw. aufgetürmt, „un& gar oft mußte ich," erzählt Eckstein, „wenn irgend eine Skizze, ein Brief oder ein wichtiges Dokument abhanden gekommen war, die längste Zeit auf allen Vieren am Boden herumkriechen, um das Gesuchte zu finden." Der Meister lebte und webte nur in seiner Musik, und seine Interessen waren begrenzt, wurden aber merkwürdigerweise von zwei speziftschen österreichischen Ereignissen in Anspruch genommen, die in feinem Seelenleben eine befondere Rolle zu spielen schienen. Es waren dies die Hinrichtung des Kaiser Max in Mexiko und die österreichische Aordpol-Expeditivn. „Mit wahrem Heißhunger hatte er alles gelesen und verschlungen, was er irgendwie über Land und Leute in Mexiko und Über die Polarregivnen oder die Expeditionen dahin erlangen konnte, und ganz im Gegensatz zu seinem sonst so geringen Interesse für Politik, Geschichte, Geographie und sonstige Wissenschaften zeigte er eine geradezu verblüffende Detailkenntnis! jener beiden Gebiete, erzählte immer wieder, nicht ohne Zeichen innerer Erregung, von den Eisfeldern Grönlands und Rowaja Semljas, und dann wieder von der Verfassung Mexikos und dessen politischen Zuständen, und manchmal, nachdem er in ein längeres Schweigen und nachdenkliches Sinnen versunken gewesen, hörte ich ihn aufseufzen mit den Worten: „Ha, der Diaz!", wobei er sich nicht nehmen ließ, den Rarnen Diaz stets mit einem z am Ende auszusprechen." Bruckner war ein gewaltiger Orgelspieler, dessen Improvisationen in ihrer Art einzig waren und nie mehr übertroffen worden sind. „Aus dieses Orgelspiel war denn auch," wie Eckstein berichtet, „wie er selbst mir einmal angedeutet hat, die für feine ganze Erscheinung charakteristische Kleidung zurückzuführen, denn er trug, wie ein Bergführer, stets sehr kurze, schwarze, nur bis an die Knöchel reichende, überaus weite Beinkleider aus steifem, haus- gesponnenem Lodenstoff, den er stets aus feiner österreichischen Heimat bezog, weil er sich so, insbesondere beim Pedalspiel, genügend frei und ungehemmt bewegen konnte. Aus dem gleichen Stoff waren auch Rock und Weste sowie der ebenso brettartig steife Ueberrock, der mit dem Breiten schwarzen Schlapphut über dem stets glattrasierten mächtigen Römerschädel mit der gewaltigen Hakennase einen einzigartigen Anblick gewährte, so daß er damals. wenn er.durch die Straßen dahin schritt, wie ein Wahrzeichen der Stadt Wien wirkte ... Oft und gern erzählte er mir auch von den Erlebnissen seiner frühen Zeit; wie er damals ost harte Rot gelitten und als ganz junger Mann gezwungen war, nicht allein Beim Unterricht in der Dorfschule auszuhelfen, sondern auch gegen Bezahlung eines „SWerzwanzigers", also von etwa 50 Hellern, den Dauern von Windhag im Wirtshaus nächtelang auf der Geige zum Tänze aufzuspielen. Und dann wieder sprach er mir von dem herrlichen Stift St. Florian bei Linz, wo er so oft die mächtige Orgel gespielt, unter der er jetzt begraben liegt, und von seinem Verkehr mit den Geistlichen dort, deren er so viele zu seinen vertrauten Freunden rechnete. Und von der stillen Sammlung der Fasten- und Osterzeit sprach er manchmal, von den Schauern der Karfreitags-Liturgie und von dem Mysterium der Rächt von Gründonnerstag auf den Karfreitag, wo das geheimnisvolle Umschlagen aus hoffnungsvollem Frühlingssehnen in die düstere Leidenswelt der Kreuzigung dämmerhaft hervortritt. Wenn Bruckner, in seltenen Augenblicken, auf diese Dinge zu sprechen kam, dann wurde sein Gesicht schmäler und nahm einen eigenen, ganz veränderten Ausdruck von Furcht und- schmerzlicher Entzückung an; er sprach mit gedämpfter Stimme, glänzenden Augen, hochgezogenen^Brauen und die Rechte feierlich erhoben, Daumen und Zeigefinger geschlossen, die anderen Finger weggespreizt, so wie etwa Giotto einst seine erleuchteten Greife gemalt, die von Gott Zeugnis geben." Goethes „Götz von Berlichingen" — das zsitgemähests Drama der Deutschen. Von Dr. Eduard von der Hellen. Gewagt zum mindesten scheint es, ein Werk, das vor anderthalb Jahrhunderten entstand, das zeitgernäheste Drama der Deut- schen von heute zu nennen. Gäb es doch damals so gut wie nichts von alledem was für unsere Tage bezeichnend zu fein scheint, für das „veloziferische" Zeitalter, das Goethe mit ©raufen herauf- kommen sah ! Am 6. Juni 1825 schrieb er an Zelter: „Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert. Eisenbahnen, Schnell- Posten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilöen und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren." Und haben wir uns nicht tatsächlich in diefer nur scheinbar fortschrittlichen Richtung weiterentwickelt? Gerade die Der» kehrsbeschleunigung zu Lande wie zu Wasser und Bann gar tn der Luft ist ja bezeichnend für die Gegenwart, dazu die völlige Ueberwindung von Raum und Zeit durch die Telegraphie und Me im Rundfunk gipfelnde Telephonie. Da hätte ich also wohl treffen- 6er ejn anderes, eigenes Drama das zeitgemaßeste genannt: die dramatische Utopie „Htzazinth", die 25 Jahre vor der Radiomanie entstand, als Buch 1918 bei Cotta erschien, und in der doch schon 6er ganze Radiozauber eine triumphierende Rolle spielt. Aber nein, tn einem tieferen Sinne ÄÄ dieser internationale Rausch ist der KeM von Goethes »Gdtzf zeitgemäß für Uns Deutsche von heute. — 143 - Unter welchem Zeichen steht denn in Wahrheit unsere Zeit? Das Kreuz ist es nicht, das Kaiser Konstantin dem Großen er» schien mit der Inschrift: „Hoc signo Vinces"; in diesem Zeichen wirst du siegen, — ein anderes Kreuz hängt über uns und drückt uns zu, Boden, ein Kreuz mit der Inschrift: „Hoc signo victi estis": in diesem Zeichen wurdet ihr besiegt! And statt des Erlösers sind 14 blendende, gleißende Nägel darauf gehämmert: die vierzehn Punkte Wvvdrow Wilsons. Denn im Vertrauen darauf, daß, diese mit ihren idealen Grundsätzen von Dölkerfreiheit, Selbstbestimmungsrecht und Friedensbund, von allgemeiner Abrüstung usw. die Grundlage des „ Friedens ohne Sieg" bilden sollten, streckten wir die Waffen — und wurden schmählich betrogen. Dies aber ist es eben, warum ich im „Götz von Derlichingen" unser zeitgemäß estes Drama sehe. „Die Geschichte eines der edelsten Deutschen" wollte Goethe hier dramatisieren, und Herder betonte in einem brieflichen Urteil über den ersten Entwurf, es sei „ungemein viel deutsche Stärke, ~iefe und Wahrheit darin." Deutsches Wesen aber, deutsche Eigenart konnte tief und wahr nicht gestaltet werden in einseitiger Verherrlichung deutscher Stärke: mit gleicher Klarheit muhte die deutsche Schwäche zur Anschauung kommen — eine Schwäche, die Uns sittlich über alle anderen Völker stellt, die aber vom Standpunkte der ,Klugheit aus gesehen stets, und nie verhängnisvoller als jetzt, die tiefste Quelle unseres Anglücks wurde. And diese Schwäche ist der wichtigste, der tragisch entscheidende Zug im Charakter des Ritters mit der eisernen Hand. Mcht der Gestalt nur, die der Dichter aus dem überlieferten Stoffe schuf! Götz selber unterstreicht diesen Zug am Schluß seiner Lebensbeschreibung, die uns in ihrer treuherzigen Aufrichtigkeit heute noch ergreift. All sein Anglück, sagt er dort, sei daher gekommen, daß er seinen Feinden und Widersachern „vertraut hab' Und vermeint, Ja sollt' Ja sein und Rein sollt' Rein sein, und was, man einander, zugesagt, daß man solches wie billig halten sollt. Darauf hab' ich mich verlassen, vertraut und gemeint, andere Leut' sollen tun, wie ich mein Tag getan hab', und durch solche Ursachen und zu viel Vertrauen bin ich, wie gemeldt, in all mein Anglück kommen." Mit stärkstem Nachdruck hat daher Goethe diesen Wesenszug feines Helden hervorgehöben und dessen Untergang hieraus abgeleitet. Im ersten Auftritte gleich nennt ein schwäbischer Bauer es Götzens Art, unerhört nachzugeben, wenn er int Vorteil sei, — denn er vertraut darauf, daß die Gegenseite sein Verhalten durch ein gleich vornehmes erwidern werde; und der schwäbische Schneider, dem die Kölner den gewonnenen Preis vorenthalten, ruft bei Goethe — in bewußter Abweichung von Götzens eigenem CBe= rtcW — unmittelbar dessen Hilfe an: man weiß im ganzen Lande, daß den „treuherzigen" Ritter nichts mehr ergrimmt als der Bruch eines Versprechens. Darum auch ist es dem treulosen Weislingen nicht bange, als er ins Götzens Gewalt gefallen ist. Er weiß, daß dieser die Ritterpflicht heilig hält, und Götz gibt dem Gefangenen die bündigsten Beweise seines Vertrauens: er verlobt ihm die Schwester, läßt ihn frei auf bloßen Handschlag, daß er seinen Feinden keinen Vorschub leisten werde, und sorgt dafür, daß er ohne Zeugen mit seinem Knappen sprechen könne, der ohne Zweifel geheime Aufträge an ihn habe. Amso schwerer wird es ihm dann, den neuen Verrat Weislingens zu glauben; den Verdacht Selbitzens, die Beweise Georgs sucht er mit allen erdenklichen Gründen zu widerlegen, bis er sich endlich doch von dem Anfaßbaren überzeugen muß un& in tiefstem Schmerze ausruft: „Es ist genug! Der wäre nun auch verloren! Treu' und Glaube, du hast mich wieder betrogen!" Er bekennt also, die gleiche Erfahrung schon oft gemacht zu haben. Dennoch heilt auch diese neue ihn nicht von seiner Vertrauensseligkeit: er kann nicht anders als glauben, daß die anderen Menschen ebenso anständig sein, ebenso ritterlich handeln müßten, wie es für ihn selbstverständlich ist. And immer bitterer muß er erfahren, daß dieser treuherzige Wahn ihn immer tiefer ins Verderben stürzt, — die ganze weitere Handlung des Dramas besteht in einer Steigerung dieser Erfahrung. Die Kaiserlichen gewähren ihm und seinen Getreuen freien Abzug aus der belagerten Burg — und überfallen die Abziehenöen in mörderischer Absicht, sobald diese die Mauern hinter sich haben. Abermals brechen sie in Heilbronn die Zusage ritterlichen Gefängnisses, wollen ihn in den Turm werfen, — und als er die jämmerlichen Aatsherren und Handwerker ins Mauseloch getrieben hat, erllärt er sich doch wieder bereit, das Schwert aus der Hand zu legen und gegen das Versprechen ritterlicher Haft in die Gefangenschaft zurückzukehren: „Ich will euch lehren, wie man Wort hält!" Die bitterste Enttäuschung aber steht ihm noch bevor. In schwerem Seelenkampfe überwindet er sich, zum ersten Male in seinem Leben, selbst sein Wort zu brechen, indem er die Führerschaft der aufständischen Dauern übernimmt, um ihrer Raserei Einhalt zu tun, und er vertraut dabei sowohl auf ihr Gelöbnis, fortan von allen Aebeltaten abzustehen, wie darauf, daß der Kaiser in Anerkennung dieses Motives und seiner Zwangslage den Dannbruch verzeihen werde. Aber die Dauern drohen ihn zu ermorden, da «r sie ernstllch in Zucht zu halten versucht, und seine alten Widersacher. Weislingen voran, erwirken das kaiserliche Todesurtell Über ihn. So bricht er zusammen: fein unerschütterlicher Glaube an den Edelsinn und die Vertrauenswürdigkeit der Menschen, der immer neue Fehlschluß von sich selbst auf seine Feinde sind fein Verderben getooT&en. And tote Götz selber in den oben angeführten Sätzen seiner Lebensbeschreibung diese Erkenntnis ausspricht, w läßt auch Goethe ihn in seinen letzten Worten aus der Erfahrung seines ganzen Lebens die Lehre ziehn: „Schließt eure Herzen sorgfältiger als eure Tore!" Amsvnst hat der Dichter seinem Volk diese Verkörperung deutschen Wesens, deutscher Stärke und deutscher Schwäche vor Augen gestellt. Immer wieder bis auf die heutigen verhängnisvollen Tage hat der Deutschs im politischen Ringen um sein Dasein den gleichen Fehlschluß gemacht wie Götz von Derlichingen, und darum gibt es kein Drama, kein Dichterwerk überhaupt, dessen tiefe Lehre wir uns mehr zu Herzen nehmen sollten als diese Tragödie des getäuschten Dertrauens. „Ein großer dramatischer Dichter," sprach Goethe am 1. April 1827 zu Eckermann, „kann erreichen, daß die Seele seiner Stücke zur Seele seines Volkes wird." Möge die deutsche Zukunft dieses Wort endlich erfüllen! Von der Weisheit des Todes. Legende von Hilde Leithner-Wien. Auf einsamen Wolkenfluren begegneten einander der Schmerz und der Tod. And es fragte der Schmerz den Tod: „Wohin geht dein Weg, Bruder?" „Ins Angewisse hinein, denn ich grübele darüber nach, wer auf Erden für mich reif geworden ist." Da lud ihn der Schmerz zu Gaste und führte ihn in den Keller feiner Burg. „Du sollst jeden meiner Weine kosten, und dann wirst du wissen, welche Seele deiner harrt," sprach der Schmerz, reichte ihm einen Decher aus Kristall und führte ihn in die Mitte des Kellers. Dort goß er den Decher aus einer eichenen Tonne voll. „Trinke, es fhu> Kindertränen. Es ist mein hellster Wein und verflüchtigt sich rasch. Siehst du, welch große Dunstwolke sich darüber breitet. Nie wird diese große Tonne überlaufen." Der Tod leerte den Decher auf einen Zug, ohne eine Miene zu verziehen. „Eigentlich bin ich an stärkeren Trunk gewöhnt. Der Wein ist wohl noch jung?" „Der Wein bleibt immer jung und hell. Selten wirst du schwere Tropfen darin finden, Druder," war die Antwort des Schmerzes. And an den Wänden des Burgkellers liefen Bretter, und darauf standen steinerne Krüge in allen Formen und Farben. Fast über allen schwebten Wolken, viele dicht und manche fein durchsichtig. Dorthin geleitete der Schmerz nun seinen Gast. Er schob die Wolle über einem großen, weiten Krug zurück, neigte ihn ein weing und- füllte den Decher dreiviertel voll. „Trinke, es finb Tränen der Jugend. Sie schenkte mir diesen Wein als die ersten Illusionen zerbrachen. Ich trinke ihn gern, denn er ist gut! Prüfend setzte der Tod den Decher an den Mund und trank ihn langsam aus. Dann sagte er: „Du hast recht. Er ist stärker als 5er Erste. And doch, ich bin an stärkeren gewöhnt." Da reichte ihm der Schmerz den Decher halb.gefüllt zurück. „Er ist aus dem Kruge der ersten Liebe. Ein süßer, schwerer Wein." Lächelnd betrachtete der Tod den großen, buntbemalten Krug, dem eine leichte Wolke entstieg. Kostete erst einen Tropfen und trank dann bedächtig aus. „Gut ist der Wein, Bruder Schmerz, und schwer, denn manch herber Tropfen läuft darin mit. Willst 6n mich nun aus dem kleinen, schmalen Kruge kosten lassen, der am Ende der Reihe steht?" „Noch nicht," sagte der Kellermeister, „erst sollst du Frauentränen trinken. Diel kann ich! dir ja nicht davon geben. Denn mögen auch ihrer viele sein, sie sind mir teuer. And dann--du wirst sehen, sie sind herb." And so kostete der Tod die Zehren der Verlassenen und den Verstoßenen, Tropfen für Tropfen. Auf seiner Zunge zerrann das Weh der Verschmähten und Betrogenen. Er schlürfte den Jammer der Rechtlosen und Angeliebten, und er lernte die Bitternis den Verratenen und Verzweifelten kennen. Nur wenig gab ihm der Schmerz von diesen Weinen, denn jeder Tropfen galt dem Kellermeister als kostbares, unwiederbringliches Gut. Auch waren die Krüge schwer zu heben. Änd der'Tod, ein genügsamer Gesell, war es wohl zufrieden. 'Denn aufrichtig gestanden, ihm dünkten auch die wenigen Tropfen ein herber Tranks Sie waren tote Galle so bitter. „Auch Mütter haben mir geopfert," sagte der Schmerz und schenkte seinem Gaste drei Tropfen aus einem Kruge, dem nur eine ganz feine Wolke entstieg. Gr sprach: „Den ersten Hellen Tropfen schenkte mir eine Mutter, die ihr Kind frühzeitig verlor. Den zweiten schweren habe ich von einer! Frau, deren Sohn viel Leid im Leben erdulden mußte, und deis dritten, Mutigroten, hat mir ein Weib gebracht, als ihr Kind an fremdem Leben schuldig geworden. Rufen dich nicht ihre Tränen, Bruder Tod?" „Sie rufen nach mir, doch sie sind nicht die einzigen. Auch die Müden und Enttäuschten riefen leise meinen Namen. And da sagtest mir, als wir einander begegneten, wenn ich von deinen Weinen gekostet, so würde ich wissen, welche Seel« sich am tiefsten nach mir sehne. Deine Weine sind bitter und schwer, und die Wahl wird qualvoll. Wah hältst du in dem kleinen Kruge verborgen, aus dem du mir noch immer nicht gabst? Gib mir davon. Vielleicht weih ich dann eher Bescheid." Der Schmerz wollte erst nicht hören, denn der kleinste Krug im Keller war sein kostbarster Schah. Erst nach langem Bitten erfüllte er Len Wunsch seines Gastes und schenkte ihm einen Tropfen Einen einzigen nur. Der aber war so dunkel und herb, daft selbst der Lod s<§nerzhast den Mund verzog. Schmeckt er dir nicht, mein süßester Wein? Sieh, dem Kruge entsteigt nicht der zarteste Schleier einer Wolke. Er vertrocknet nie, denn er ist unverfälscht." „ x < , „Wer brachte dir diesen Tropfen, Bruder, der nach mir schreit?" . „Einer, der über sein Leben weint. Da neigte der Tod sein Haupt und wandte sich zum Gehen. Wortlos lieft ihn der Andere ziehen.--- . Aber als der Tod Mr Erde niederstieg, um ein barmherzig Werk zu tun, da begegnete ihm eine Frau. Ähr Antlitz strahlte in Glück. Licht und Wärme schien von ihr auszugehen. Und staunend blieb der Tod stehen, und die Frau lächelte. „Kennst du mich nicht? Ich bin die Freuds, die Schwester deS Schmerzes." , Jetzt wollte der Tod wissen, woher sie komme und was sie in ihrer Hand verberge. Und sie erzählte ihm: „Ich war auf Erden. Ein Kind rief nach mir. Im Garten spielte es unter Blumen und Tieren. Sein Vater war viele Wochen fort gewesen. Und als er plötzlich wiederkam und sein Kind in die Arme schloft, da weinte das kleine Mädchen zum ersten Male vor Entzücken. Diese Tränen ging ich mir holen." Glückselig zeigte ihm die Freude eine goldene Kapsel, in der sie die kostbare Gabe verborgen. Da muhte der Tod an den übervollen Keller des Schmerzes denken. Plötzlich bat er die Freude, ihm einen Tropfen ihres Schatzes zu gewähren. Verwundert sah sie ihn an, doch weil die Freude dir Freude war und so niemand gut etwas abschlagen konnte, entsprach sie seiner Bitte. Die Lippen des Todes berührten die silberschimmernde Perle und die Freude sprach: „Warum wird dein Antlitz so traurig? Der Tropfen ist doch der süßesten einer. Denn jene Kinderaugen haben noch niemals dem Schmerze geopfert. Ich bin stolz auf meinen Schah, und bald wird doch mein Bruder kommen und auch seinen Tribut fordern!" Finster nickte der Tod, dann zog er weiter. Aber er schlug eine andere Dichtung ein. Was ging ihn der Mensch an, der über das Leben weinte? Er wollte das Kind holen. Aus der Geschichte Des Vagabundenwesens. Von A. Blum-Erhard. Das „Wer vagorum", mit dem Titelbild eines mit Frau und Kindern wandernden Bettlers, enthält eine genaue Aufzeichnung deutschen Dagäbundenwesens im 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Es ist anzunehmen, daß das quartförmige Büchlein mit seinen nur 13 Seiten um 1509 erschienen ist. Darin berichtete Tatsachen bestätigen diese Vermutung, denn weder Druckort noch Jahr sind genannt. In diesem Buch sind all die Arten von Bettlern nach Art und Aamen aufgezählt und charakterisiert, die sich von den Quellen des Rheins bis ins Elsaft und in der Pfalz, von Graubünden durch den Bregenzerwald nach dem Allgäu und dem Schwarzwald gezogen haben — ein ungezähltes Volk von Menschen, die nur vom lleberfluft und dem Erbarmen ihr Dasein fristeten. Sie verstanden es von je, zu tun, was Gustav Frehtag in seinen Bildern deutscher Vergangenheit als Merkmal aufstellt, „zu rühren durch klägliches Aussehen und traurige Gebärde". Man darf vielleicht noch hinzufügen: zu erschrecken, wie es die „Laft- ner" taten, die furchtbar mit ihren Ketten rasselten und dem ängstlichen Landvolk und zagen Bürger vorspiegelten, „das seien die Ketten, an denen sie jahrelang bei den Ungläubigen geschmachtet hätten". Wenn sie dazu schreckhaft ihre Augen rollten, gab man ihnen umso lieber, weil sie behaupteten, ihre Befreiung einem Gelübde zu verdanken, zu dessen Vollzug sie eben diese Wallfahrt unternommen. Furcht erregten auch die „Sündveger", starke Knechte mit langen Messern ausgerüstet, die den Lauschenden erzählten, daft sie in der Äotwehr Totschlag begangen hätten und daß. ihnen eine Geldbuße auferlegt sei, zu der sie durch Bettel die Mittel auf» bringen mühten. Auch die abschreckend gestalteten Bettlerinnen die sich manchmal zu ihnen gesellten, denen das liederliche Leben, das sie zu bereuen Vorgaben, nur zu deutlich ansah, flöhten mehr Schauer als Mitleid ein. Und wen erschreckte nicht der Anblick der Aussätzigen, denen man gern und doppelt gab, nur um sich von ihrem entsetzlichen Anblick zu befreien? Auf das Mitleid rechneten jene, die sich nackend sehen liehen und Vorgaben, überfallen und ihrer Kleider beraubt worden zu sein. Sie hieften „Schwanfelder" und „Blickschlager" und bettelten um Gewand und Schuhe. Andre Betrüger im Ordenskleid waren unter dem Ramen „Depifser und Dopfer" bekannt. St« gaben sich ein gar heilig Ansehen, gingen traumhaft von HauL zu Haus, bestrichen die Wände mit einem Amulett, mit änqch Heiligenbild. Sie wiesen Briefe vor — aber wer konnte damals auf dem Lande Briefe lesen? — in denen Beiträge für einest Kirchenbau oder für ein Kloster gefordert wurden. Die Heiligenbilder dienten auch den „Stabülern" als Mittel zum Zweck. Sie klebten sie auf Hut und Mantel und kamen mit Weib und Kind daher, führten Hausrat mit, wie fahrend Volk, Säcke mit Töpfen unb Tiegeln, um sie von-.per Barmherzigkeit füllen zu lassen. Sie stammten meist aus einem ganzen Geschlecht von Bettlern, es dünkte ihnen keine Schande, sondern Aotwendig- keit, es war ihr Beruf zu vagabundieren und zu fordern, was durch Arbeit zu erwerben sie zu faul waren. Richt weit von ihnen! waren die „Klenker", die, das Bild ihres Heiligen vor sich her- haltend, Kirchen- und Klosterpforten belagerten und denen die Glieder zum seltensten fehlten, die sie eingebüßt zu haben, durch Humpeln .und durch Tragen von Krücken Vorgaben. Das ungeratene Muttersöhnchen, das daheim oder beim Lehr- 6ernt oder in der Schule nicht gut getan, lief auch fleissig auj der großen Heerstraße und durch die Dörfer. Manche Muttes dachte beim Anblick solch eines verlotterten jungen Kerlchens an die eigenen Söhne und gab doppelt, indem sie dabei Gott und die Heiligen beschwor, die ihren zu bewahren. Sie waren bekannt als „Kammesierer". Wer vorgab, die schwarze Kunst zu verstehen, hieft. „Dägierer". Er kam aus dem „Venusberg", schreckte und zog an durch geheimnisvolle Reden und Sprüchlein.. „Hier kommt ein fahrend Schüler der sieben freien Künste. Meister, Beschwörer des Teufels, gen Hagel, Krankheit usw." Manch einer schlug ein Kreuz: „Wo diese Worte gesprochen, wird niemand erstochen — es trifft niemanden Unheil ..." Ei, wie eilig lief dann der Bauer, in der Hoffnung, von all seinen Hebeln befreit zu werden — ward es aber von manchem guten Batzen und Heller. Das krüppelhafte Kind spielte auch eine große Rolle: es wurde mitgeschleppt, um auf einträgliche Weise und ohne Müh' Geld zu getrauten. Sehr oft war es nicht einmal ein gestohlenes, wie man an nahm, sondern das eigne, zum Krüppel mifthandeltq Kind, das als Anhängeschild der Armut dienen mußte. Ein gar stolzer Herr war der „Jauner". Er hätte wohl arbeiten können: aher er schätzte die Freiheit über alles und verachtete den Bürger, der sich in Zünfte und Innung und Gesetz zwängen lieft. Wer im Würfelspiel oder durch Karten sich fälschlich Vorteil errang, hieß „Soner“, und „Spengler" die wenig geachteten Krämer mit allerlei unnützem Tand. Rie vergebens bettelte der Pilgrim, und wer sich als getaufter Jude vorstellte, fand immer offene Hand. Allerdings gab's auch Bettler, die die Rot wirklich zwang, z. B. den „Sönzengänger", jenen Adeligen, der durch die vielen Kriege ins Elend und um Hab und Gut gekommen war, dessen Güter vom Feuer zerstört, ihm kein Obdach mehr boten. Er mußte den traurigen Weg gehen, um fein nacktes Leben zu fristen, genau wie her „Kandierer", jener arm gewordene Kaufmann, der durch Plünderer und Wegelagerer um seine Sachen gekommen war, und der nur durch das, was er am Lech trug, ein anständiges Gewand, noch einen Hauch seines früheren besseren Daseins bewahrte. Ihm war zu Betteln Leid und Schande, wie jenen, die durch Bürgschaft oder durch elementares Unglück, Brand, Wassernot, Erdbeben, auf hie Straße gedrängt worden waren, die „Bürger", die keine Heiligenabzeichen trugen, aber um Gottes und der lieben graue willen unfein Almosen baten. Die meisten dieser Ramen und Gebräuche sind ausgestorben. Aber der „Zechpreller" und der „Schatzgräber" sind noch immer nicht alle. Sie verlangten Gold und Silber, nm damit Gold unds Silber „heben" zu können. Ratürlich gaben auch sie vor, mit dem auf sie fallenden Teil des gefundenen Schatzes Messen lesen zu lassen, um arme Seelen aus dem Fegefeuer zu erlösen. Angebracht war das Mitleid auch sicher der armen Kindbetterin gegenüber, was immer der Grund fein mochte, der sie aus dem warmen Haus auf die Heerstraße und zum Betteln trieb. Eine besondere Reihe bildeten die Afterärzte, die heilsam« Wurzeln und das berühmte Heilmittel „Theriak", eine Latwerge, feilboten, das angeblich vom Leibarzt Kaiser Reros erfunden, aus siebenerlei Stoffen beftanb: Opium, Angelikawnrzeln, Meerzwiebeln, Baldrian, Zimt, Kardomon, fpanischen Wein und Myrrhe usw. Sicher war, was diese Pfuscher darbvten, wertlos und unecht: Henn Theriak wurde in holländischen, französischen und venezianischen .Apotheken im Beisein von Magistratspersonen unter besonderen Feierlichkeiten hergestellt. Da aber die Dummen nie alle werden, so fanden auch sie ihre Abnehmer und Gläubigen. Sv zogen die Bettler in mancherlei Gestalt durch die deutschen Land«. Di« Fülle von Bezeichnungen für die verschiedenen Gruppen mag als Zeichen des Reichtums der mittelalterlichen Sprache geilten, der dem Reichtum an Schlauheit, Spitzbüberei und Niedertracht nichts schuldig blieb, den er kennzeichnen wollte. Schriftleitung: I. D.: Hein, Gorrenz. — Druck und Verlas der Brühl'schen Llniv.-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen,