Gietzener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <924 Samstag, -en 29. November Nummer sr Ndventsgedanken. Don Reinhold Braun. Und wieder webt der Zauder nun, die Herzenstüren aufzutun .... Es ist ein gutes Zeichen für die Seele eines Hauses, den Kreis einer Liebe, wenn heilige Dinge oder eine kommende Stunde ihr Licht recht weit vvrausfchicken. Es ist der Beweis für die Kraft der Seelen, den Grad ihrer Empfänglichkeit für höhere Dinge, die feine, beseligende Offenbarung ihrer Wesentlichkeit! Wenn wir doch von den Kindern lernen wollten! Wie weit strahlt das wundersame Licht der Weihnacht auf ihren Weg! Da wird mancher entgegnen: „Die Kinder haben auch nicht den Kampf des Lebens zu führen wie wir Erwachsenen!" Gewiß, aber soll deine Seele nicht um das Vielfache stärker sein als die des Kindes? Soll ihre Kraft nicht wachsen an den Hemmnissen? Also: Wenn wir doch von den Kindern lernen wollten! Ich betrachte es als eine Gnade, daß im Kreise meiner Liebe immer recht weit die Strahlen auf unseren Weg fallen von dem, was als ein Liebes, Feines, Schönes zu uns kommen will. Es ist ein Stück Fähigkeit zum Glücke, wenn man so ganz tief innen fühlt, es ist etwas auf dem Wege 3.1t uns, sei es »in lieber Mensch oder eine gütige Zeit oder Stunde! Und so webt der Zauber seelenvoller Adventlichkeit wieder in den Häusern derer, die etwas von Seele und Innerlichkeit wissen und dem Glanz der heiligen Dinge und lichten Güter der höheren Welt! Wie arm bist Du doch, du reiche Frau in dem schönen Eigenheim, als du neulich sagtest: „Ach was, Weihnachten!" Deine ganze innere Armut lag in diesen paar Worten voll der Gebärde der Oberflächlichkeit und Dauernden Unergriffeirheit. Und wie du denkst und nichts fühlst, so ist es leider bei sehr vielen im deutschen Lande und ost bei solchen, die irgendwie Führer sein wollen! Die Innigkeit unseres Gefühles für die Zeit des Advents und das ewig zaubervolle Weihnachten ist und bleibt der Gradmesser für uns als deutsche Menschen. Das ist einfach die Feststellung einer Tatsache. Adventlichkeit muß weben, rein und tief und unergründlich. Trvh allem, ja gerade um so tiefer und beseligender muß sie in unseren Tagen weben! Es zeigt die herrliche Unverwüstlichkeit unserer Seele! Es zeigt, daß wir nicht unterzukriegen sind und kraft unseres deutschen Innen tu ms, über das die Feinde lachen mögen, so viel sie wollen, und auch diejenigen der im Materialismus Verdampfenden innerhalb- unseres Volkes. Advent und Weihnachten sind nicht nur für die Kinder da. Das ist die Rede der Faden und Hohlen, derjenigen, die durch und durch verstandet sind! Rein, diese heiligen Zeiten sind auch für uns Erwachsenen" da, gerade für uns, die es so hart und schwer haben, deren Weg so viel von Dornen versperrt ist! Die Innigkeit und Schönheit unseres adventlichen Herzens ist das herrliche, trutzige Dennoch! In allem Irrglauben und aller Drangsal unserer Tage. Adventlichkeit mutz weben . . . Sie segne auch dein Haus, lieber deutscher Mensch! Diese Zeit macht das Herz rein und tief und läßt heimliche Rosen über alle Sorgen blühen. Gib dich ihr einmal nach deines Tages Werk in lieben, trauten Abendstunden ganz hin! Du wirst erfahren, dah es eine Schatzgräberzeit ist! Es ist die Zeit, die dein Herz wieder füllen kann mit stilles Schönheit und leisen Wundern und mit Liebe, ja mit Liebe! Das Letzte bleibt doch das Höchste und wir werden erkennen inmitten unserer Adventlichkeit, daß wir immer noch nicht genug lieben und darum immer noch inwendig zu viel Bettler und Lebensstümper sind! Schenke uns deinen vollen Zauber, seliger Advent! Der Weihnachtsabend. Don AdalbertStifter. Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermütige der Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Rächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonn« am schiefsten gegen unsere Gefilde steht und Schnee alle Fluren deckt: das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des Herrn der Ehristabend heißt, To heißt er bei uns der heilige Abend, der darauf folgende Tag der heilige Tag und die dazwischen liegende Rächt die Weihnacht. Die katholische Kirche begeht den Christtag als den Tag der Geburt des Heilandes mit ihrer allergrößten kirchlichen Feier: in den meisten Gegenden wird schon die Mitternachtstunde als die Geburtsstunde des Herrn mit prangender Rachtfeier geheiligt, zu der Df» Glocken durch die stille, finstere, winterliche Mitternachtluft laden, zu der die Bewohner mit Lichtern oder auf dunkeln, wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen an bereiften Wäldern vorbei und durch knarrende Obstgärten zu der Kirche eilen, aus der die feierlichen Töne kommen, und die aus der Mitte des in beeiste Bäume gehüllten Dorfes mit den langen beleuchteten Fenstern empvrragt. Mit dem Kirchenfeste ist auch ein- häusliches verbunden. Es hat sich fast in allen christlichen Ländern verbreitet, daß man den Kindern die Ankunft des Christkindleins, auch eines Kindes, des wunderbarsten, das je auf der Welt war, als ein heiteres, glänzendes, feierliches Ding zeigt, das durch das ganze Leben fortwirkt und manchmal noch spät im Alter bei trüben, schwermütigen ober rührenden Erinnerungen gleichsam als Rückblick in die einstige Zeit mit den bunten, schimmernden Fittichen durch den öden, traurigen und ausgeleerten Rachthimmel fliegt. Man pflegt den Kindern die Geschenke zu geben, die das heilige Christkindlein gebracht hat, um ihnen Freude zu machen. Das tut man gewöhnlich am Heiligabende, wenn die tiefe Dämmerung eingetreten ist. Wan zündet Lichter und meistens sehr viele an, die oft mit einem kleinen Kerzlein auf den schönen grünen Arsten eines Tannen- oder Fichtenbäumchens schweben, das mitten in der Stube steht. Die Kinder dürfen nicht eher kommen, als bis das Zeichen gegeben wird, daß der heilige Christ zugegen gewesen ist und die Geschenke, die er mitgebracht, hinterlassen hat. Dann geht die Tür auf, die Kleinen dürfen hinein, und bei dem herrlichen schimmernden Lichterglanze sehen sie Dinge auf dem Baume hängen oder aus dem Tisch herumgebreitet, die alle Vorstellungen ihrer Einbildungskraft weit übertreffen, die sie sich nicht anzurühren getrauen, und die sie endlich, wenn sie sie bekommen haben, den ganzen Abend in ihren Aekmchrn herumträgen und mit sich ins Bett nehmen. Wenn sie dann zuweilen in ihre Träume hinein die Glockentöne der Mitternacht hören, durch welche die Großen in die Kirche zur Andacht gerufen werden, dann mag es ihnen fein, als zögen jetzt die Englein durch den Himmel, oder als kehre der heilige Christ nach Haufe, welcher nunmehr bei allen Kindern gewesen ist und jedem von ihnen ein herrliches Geschenk hinter^ bracht hat. Wenn dann der folgende Tag, der Christtag kommt, so ist er ihnen so feierlich, wenn sie frühmorgens mit ihren schönsten Kleidern angetan in der warmen Stube stehen, wenn der Vater und die Mutter sich zum Kirchgänge schmücken, wenn zu Mittag ein feierliches Mahl ist, ein besseres als in jedem Tage des ganzen Jahres, und wenn nachmittags oder gegen den Abend hin Freunde und Bekannte kommen, auf den Stühlen und Bänken herum sitzen, miteinander reden und behaglich durch die Fenster in die Wintergegend hinausschauen können, wo entweder die langsamen Flocken niedersallen, oder ein trübender Rebel um die Berge steht, oder die blutrote kalte Sonne hinabsinkt. An verschiedenen Stellen der Stube, entweder auf einem Stühlchen oder auf der Dank oder- auf dem Fensterbrettchen liegen die zauberischen, nun aber schon bekannteren, vertrauteren Geschenke von gestern abend herum. Hierauf vergeht der lange Winter, es kommt der Frühling und der unendlich dauernde Sommer: und wenn die Mutter wieder vom heiligen Christ« erzählt, daß nun bald sein Festtag sein wird, und daß er auch diesmal herabkommen werd«, ist es den Kindern, als fei feit seinem letzten Erscheinen eine ewige Zeit vergangen, und als liege die damalige Freude in einer weiten, nebelgrauen <^CTTIC. Weil dieses Fest so lange nachhält, weil sein Abglanz so hoch in das Alter hinaufreicht, so stehen wir so gerne dabei, wenn Kinder dasselbe begehen und sich darüber freuen. In den hohen Gebirgen unseres Vaterlandes steht ein Dörfchen mit einem kleinen, aber sehr spitzigen Kirchturme, der mit seiner roten Farbe, mit welcher die Schindeln bemalt sind, aus dem Grün vieler Obstbäume hervorragt, und wegen derselben roten Farbe in dem duftigen und blauen Dämmern der Berge weithin ersichtlich ist. Es enthält außer der Kirch« eine Schule, ein Gemeindehaus und noch mehrere stattliche Häuser, die einen Platz gestalten, auf welchem vier Linden stehen, die ein eiserne- Kreutz in ihrer Mitte haben. iÄese Häuser sind nicht bloße SkmbtDtet* —^226 — fchafts Häuser, sondern sie bergen auch noch dieiemgen Handwerks in ihrem Schöbe, d-ie dem menschlichen Geschlechte unentbehrlich sind und die bestimmt sind, den Gebirgsbewohnern ihren einzigen Bedarf an Kunsterzeugnissen zu decken. Sm Tale und an den Bergen herum sind noch sehr viele zerstreute Hütten, wie das in Gebirgsgegenden sehr oft der Fall ist, welche alle nicht nur zur Kirche und Schule gehören, sondern auch jenen Handwerken, von denen gesprochen wurde, durch Abnahme der Erzeugnisse ihren Zoll entrichten. Es gehören sogar noch weitere Hutten zu dem Dorschen die man von dem Tale aus gar nicht sehen kann, o-ie noch tiefer in den Gebirgen stecken, deren Bewohner selten zu ihren Gemeindemitbrüdern herauskommen, und die im Wmter oft ihre Toten ausbewahren muffen, um sie nach dem Wegschmeben des Schnees zum Begräbnisse bringen zu können. Der grobte Herr den die Dörfler im Laufe des Jahres zu sehen bekommen, ist der Pfarrer. Sie verehren ihn sehr, und es geschieht gewöhnlich Lab derselbe durch längeren Aufenthalt im Dörfchen em der Einsamkeit gewöhnter Mann wird-, daß er nicht ungerne bleibt und einfach fortlebt, wenigstens hat man seit Menschengedenken nicht erlebt Last der Pfarrer des Dörfchens ein auswartsfuchtiger oder seines' Standes unwürdiger Mann gewesen wäre Es gehen keine Strasten durch das Tal; sie haben ihre zweigleisigen Wege, auf denen sie ihre Felderzeugnisse mit einsfmmngeii Wäglein iiach Hause bringen; cs kommen daher wenige Menschen in das Tal unter diesen manchmal ein einsamer ^ustrelfender, der ein Liebhaber der Natur ist, eine Weile in der bemalten Ober- stubc des Wirtes wohnt und die Berge betrachtet, oder gar em Maler der den kleinen spitzen Kirchturm und die schonen Glpfet der Felsen in seine Mappe zeichnet. Daher bilden die Bewohner eine eigene Welt, sie kennen einander alle mit Namen und mit den einzelnen Geschichten von Grostvater und chlrgrostvater her, trauern alle, wenn einer stirbt, wissen, wie er heißt, wenn einer, geboren wird, haben eine Sprache, die von der der Ebene draußen abweicht, haben ihre Streitigkeiten, die sie schlichten, stehen mn- ander bei und laufen zusammen, wenn sich etwas Austerordentliches Sie sind sehr stetig, und es bleibt immer beim alten. Wenn ein Stein aus einer Mauer fällt, wird derselbe wieder hineingeletzt, die neueii Häuser werden wie die alten gebaut, die schadi-asten Dächer werden mit gleichen Schindeln ausgebessert, und wenn in einem Hause scheckige Kühe sind, so werden immer solche Kalber aufgezogen, und die Farbe bleibt bei dem Hause. Gegen Mittag sieht man von dem Dorfe einen Schneeberg, der mit seinen glänzenden Hörnern fast oberhalb der Hausdächer zu sein scheint aber in der Tat noch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Somnier unö' Winter, mit feinen vorstehenüen seifen und mit seinen weißen Flächen in das Tal herab- Als das Auffallendste, was sie in ihrer Umgebung haben, ist der Bergder Gegenstand der Betrachtung der Bewohner, und er ist der Mittelpunkt vieler getoorbcn. lebt fein ‘Ulcinn unb fein ®rci*o in dem Dorfe, der nicht von den Zacken und Spitzen des Berges, von seinen Eisspalten und Höhlen, von seinen Wässern und Geroll- strömen etwas zu erzählen wußte, was er entweder selbst erfahren oder von anderen erzählen gehört hat. Dieser Berg ist auch der Stolz des Dorfes, als hätten sie ihn selber gemacht, und es ist nicht so ganz entschieden, tvenn man auch die Biederkeit und Wahrheitsliebe der Talbewohner hoch anschlagt, ob sie nicht zuweilen zur Ehre und zum Ruhme des Berges lügen. Der Berg gibt den Bewohnern außerdem, dah er ihre Merkwürdigkeit ist, auch wirklichen Nutzen; denn wenn eine Gesellschaft von Gebirgsreisenden hereinkommt. um von dem Tale aus den Berg zu besteigen so dienen die Bewohner des Dm-ses als Führer, und- einmal Suhrer gewesen zu sein, dieses und jenes erlebt zu haben, diese und jene Stelle zu kennen, ist eine Auszeichnung, die jeder gerne von sich darlegt. Sie reden oft davon, wenn sie in der Wirtsstube beeinander sitzen, und erzählen ihre Wagnisse und ihre wunderbaren Erfahrungen und versäumen aber auch nie zu sagen, was Lieser oder jener Redende gesprochen habe, und-was sie von ihm als Lohn für ihre Bemühungen empfangen hätten. Dann sendet der Berg von seinen Schneeflächen die Wasser ab, welche einen See in seinen Wäldern speisen und den Bach erzeugen, der lustig durch das Tal strömt, die DrettersLge, die Mahlmühle und andere Werke treibt, das Dorf reinigt und das Vieh tränkt. Von den Wäldern des Berges kommt das Holz, und sie halten die Lawinen auf. Durch die inneren Gänge und Lockerheiten der Höhen sinken die Wasser durch, die dann in Adern durch das Dal gehen und in Brünnlein und Quellen hervorkommen, daraus die Menschen trinken und ihr herrliches, oft belobtes Wasser dem Fremden reichen. Allein an letzteren Nutzen denken sie nicht und meinen, das sei immer so gewesen. Wenn man auf die Jahresgeschichte des Berges sieht, so sind im Winter die zwei Zacken seines Gipfels, die sie Hörner heißen, schneeweiß und stehen, wenn sie an Hellen Tagen sichtbar sind, blendend in-der finstern Bläue der Luft; alle Bergfelder, die um diese Gipfel herum lagern, sind dann weist ; alle Abhänge find so; selbst die steilrechten Wände, die die Bewohner Mauern heisten, sind mit einem angeflogenen weihen Reise bedeckt und mit zartem Eise wie mit einem Firnisse belegt, so Last die ganze Masse wie ein Zauber Palast aus dem bereiften Grau der Wälderlast emporragt, welche schwer um ihre Fühe herum ausgebreitet ist. Im Sommer, wo Sonne unö warmer Wind den Schnee von den Steilseiten wegnimmt, ragen die Hörner nach dem Ausdrucke der Bewohner schwarz in den Himmel und haben nur schöne weihe Aeder- chen und Sprenkeln auf ihrem Rücken, in der Tat aber sind sie zart fernblau, und was sie Aederchen heißen, das ist nicht weih, sondern hat das schöne Milchblau des fernen Schnees gegen Las dunklere der Felsen. Die Bergfelder und die Hörner aber verlieren, wenn es recht Heist ist, an ihren höheren Teilen wohl den girrt nicht der gerade dann recht weist auf das Grün der Lallräume herabfieht, aber es weicht von ihren unteren Teilen der Winterschnee, der nur einen Flaum machte, und es wird das unbestimmte Schillern von Bläulich unö- Grünlich sichtbar, Last das Geschiebe von Eis ist, das dann dlost liegt und auf die Bewohner unten hinab grüßt. Am Rande dieses Schillerns, wo es von ferne wie ein Saum von ELelsteinsplittern aussieht, ist es in der Nähe ein Gemenge wilder, riesenhafter Blöcke, Platten und Trümmer, die sich drängen und verwirrt ineinander geschoben sind. Wenn ein Sommer gar Heist unö lang ist, werden die Eisfelder weit hinauf entblößt, und dann schaut eine viel größere Fläche von Grün und Blau in das Tal, manchen Kuppen und Räume werden entkleidet, die man sonst nur weih erblickt hatte, der schmutzige Saum des Eises wird sichtbar wo es Felsen, Erde und Schlamm schiebt, und viel reichlichere Wasser als sonst fliehen ins Tal. Dies geht fort, bis es nach und- nach wieder Herbst wird, das Wasser sich verringert, zu einer Zeit einmal ein grauer Landregen die ganze Ebene des Lales bedeckt, worauf, wenn sich die Nebel von den Höhen wieder lösen, der Berge seine weiche Hülle abermals umgetan hat, und alle Felsen, Kegel und Zacken in weihem Kleide Lastehen. So spinnt es sich ein Jahr um das andere mit gerins-. gen Abwechslungen ab unö wird sich fortspinnen, solange die Natur so bleibt und auf den Bergen Schnee und in den Tälern Menschen sind. Die Bewohner des Lales heihen die geringen Veränderungen große, bemerken sie Wohl und berechnen an ihnen den Fortschritt des Jahres. Sie bezeichnen an den Entblößungen die Hitze und die Ausnahmen der Sommer. Was nun noch die Besteigung des Berges betrifft, so geschieht dieselbe von dem Tale aus. Man geht nach der Mittagsrichtung zu auf einem guten, schönen Wege, der über einen, sv- genannten Hals in ein anderes Tal führt. Hals heißen sie einen mäßig hohen Bergrücken, der zwei größere und bedeutendere Gebirge miteinander verbindet, und über den man zwischen den Gebirgen von einem Tale in ein anderes gelangen kann. Aus dem Halse, der den Schneeberg mit einem gegenüberliegenden großen Gebirgszuge verbindet, ist lauter Tannenwald. Etwa auf der größten Erhöhung desselben, wo nach und nach sich der Weg in das jenseitige Tal hinab- zu senken beginnt, steht eine sogenannts älnglückssäule. Es ist einmal ein Bäcker, welcher Brot in seinem Korbe über den Hals trug, an jener Stelle tot gefunden worden. Man hat den toten Bäcker mit dem Korbe und den umringenden! Lannenbäumen auf ein Bild- gemalt, darunter eine Erklärung und eine Ditte um ein Gebet geschrieben, das Bild auf eine rot äugest richene hölzerne Säule getan, und die Säule an der Stelle des Unglücks ausgerichtet. Bei dieser Säule biegt man von dem Wege ab und geht auf der Länge des Halses fort, statt Über seins Breite in das jenseitige Tal hinüber zu wandern. Die Tannen bilden dort einen Durchlaß, als ob eine Straße zwischen ihnen hin ginge. Es führt auch manchmal ein Weg in dieser Rich tung hin^ der dazu dient, das Holz von den höheren Gegenden zu betf Unglückssäule herabzubringen, der aber dann wieder mit Gras verwächst. Wenn man auf diesem Wege fortgeht, der sachte bergan führt, so gelangt man endlich auf eine freie, von Bäumen entblößte Stelle. Dieselbe ist dürrer Heideboden, hat nicht einmal einen Strauch, sondern ist mit schwachem Heide kraute, mit trockenen Moosen und mit Dürrbodenpflanze n bewachsen. Die Stelle wird immer steiler, und man geht lange hinan; man geht aber immer in einer Rinne, gleichsam wie in einem ausgerundeten Graben, hinauf, was den Nutzen hat. daß man auf der großen, baumlosen und überall gleichen Stelle nicht leicht irren kann. (Fortsetzung folgt.) Das Ge pchL bei Nuda. (30. November 1914.) Anfang November 1914 setzte sich Großfürst Nicola Nicvlajewitsch mit 45 russischen Armeekorps, der sog. „russischen Dampfwalze", in Bewegung, um Hindenburg anzugreifen und in Pofen und Schlesien einzumarsch-eren. Dieser von deutscher Seite rechtzeitig erkannten gewaltigen Gefahr will Hindenburg offensiv begegnen. Mackensen erhält mit seiner 9 Armee den Auftrag, den auf Posen marschierenden verhältnismäßig schwachen russischen Nordflügel in der Richtung auf Lodz, umfaßend anzugreifen und so eine Aufrollung der russischen Front in die Wege zu leiten. Der Durchbruch durch den russischen Nordflügel gelingt bei und südlich Wloclawek, die Russen werden über Lowicz nach Süden auf Lodz geworfen. Nicvlajewitsch erkennt die ihm drohende Gefahr, er gibt den Einmarsch nach Schlesien auf und wirft alle verfügbaren Kräfte nach Norden. Der deutsche Plan, die Rußen am Nordflügel zu vernichten, gelingt nicht. Es kommt zu den Stellungskämpfen an der Bzura int6 Mroga. Lodz — 227 o toutito vom Norden umschlossen. Dl« zur Einschliehung der Stadt von Osten und Süden anmarschierenden deutschen Verbände unter Scheffer-Boyadel und Litzmannn werden von russischer Aebermacht eingeschlossen, es gelingt ihnen aber in der Nacht vom 23. zum 24. November bei Drzeziny durchzubrechen und noch 16 000 Gefangene und 64 Geschütze einzubringen. Eine der glänzendsten Taten der Kriegsgeschichte! Zur Verstärkung des rechten Flügels der Armee Mackensen wurde die 48. Reserve-Division des 247 Res.-Korps als letzte Reserve aus den flandrischen Schützengräben herausgeholt und in 84stünöiger Fahrt nach Schlesien geworfen. Bei Kreuzburg fand am 27. November die Ausladung statt. Am 28. November vormittags 11 Ahr wurde unter brausendem Jubel die russische Grenze überschritten. Wie mit einem Ruck war man in Asien. Die gute deutsche Landstraste hatte ihr Ende erreicht. Strahen, Häuser und Bewohner machten einen vollkommen verwahrlosten Eindruck. Dom Links an die Brigade Rott schlost sich die Gruppe Zaenker, und an diese das 2. pvmmersche Korps, das bereits ein auster- ordentlich lebhaftes Artilleriefeuer unterhielt. Das l1/222 bog bei Kocina links ab, erreichte gedeckt Widawa, wo es zunächst Halt machte, da die Straßenbrücke abgebrannt war. Gegen 5 Ahr wurde zum Angriff angetreten. Richtung war das brennende Ruda, das mit seinem flackernden Feuerschein die Ebene beleuchtete. Der Angriffsbefehl der 48. Aes.-Div. war auf eine Mitteilung der Division Menges ausgebaut, wonach die Wi- dawka überall leicht zu durchwaten sei. Diese Mitteilung war leider falsch. Das vereiste Flüstchen war breit und tief und die Eisdecke brach zusammen. Da der Aebergang unmöglich war, kehrte II/222 auf die Meldung, dast sich am Südende von Rogvzno an der dort befindlichen Fabrik ein brauchbarer Steg vorhanden sei, um, überschritt gegen 7 Ahr abends an dieser Stelle die Widawka und ging dann in der Reihenfolge 7., 8., 6., 5. Kompagnie in Marschkolonne den Weg in südlicher Richtung fort, machte nach einigen W 5/eldce Anton iowka Rogo Norden Josefa Widawa Erläuterung: >-,—->—4 Die Angriffsrichtungen nach dem Divisionsbefehl an Vormittag. ■*-^23'22T RjRae ßrigadc . 'o/a KleczczoW Kocina ... » R^ Gefecht bei Ruda 30. XL 1914. 0 1 2 3 4 S ‘— ■- - > » 1 nm. Ino Steg Ruda^ 5> <0, fernen Kanonendonner begleitet, ging der Marsch über Kalub nach Gaszyn, wo die Mannschaften des R.J.R. 222 am Ende ihrer Leistungskraft spät abends anlangten. Aeber die Quartiere spricht man am besten nicht, denn sie spotteten tatsächlich zum Teil jeder Beschreibung. Der nächste Tag brachte wieder einen schweren Waschtag dem Kanonendonner näher, der auf jeden einen faszinierenden Eindruck machte. Am 30. November vormittags versammelte sich das 1. Bataillon bei Rychlohihe an der Warthe. Die Warthebrücke hatten die Russen zerstört, über die aus dem, Flusse ragenden, schwarz- verkohlten Holzpseiler war ein Laufsteg für Infanterie geschlagen, während Kavallerie, Artillerie und Bagage durch den seichten Fluh hindurch nmstten. Koseler Landsturm bewachte den Fluh- übergcmg; um i/2ll Ahr war die ganze Division übergeseht. Dann gab es hinter dem Dorfe Kocina auf der Straste nach Widawa einen längeren Halt. Der Befehl war gekommen: „Die 48. Reserve- Division greift cm.“ Die Aussen hatten sich hinter den vereisten Widawka-Abschnitt gestellt. Die Brigade Rott (221, 222) stand auf der Straste nach Widawa. Bon ihr sollte R.J.R. 221 in der Richtung auf die Waldstücke östlich von Wola Kleszcvwa und das R.-Jäg.-Batl. 20 sowie ! 1/222 über Widawa Vorgehen. Regimentsstab, I und III/222 als Reserve in Kocina verbleiben. Die 3. Komp. 222 wurde zur Deckung des Generalkommandos 24. Res.-Kvrps, das auf einer flachen Höhe nordwärts Kocina seinen Gefechtsstand Hatte, vorgeschoben. Die Brigade Stehr (223, 224) erhielt Ruda als Angriffsziel. Die kurze Ruhepause bei Kocina benutzte Didisionspfarrer Haupt, um vorn Pferde herunter noch eine Ansprache zu halten. Auf den 1. Advent hinweisend, entwarf er ein Bild von der kvmmeirden Weihnachtszeit, die in diesem Jahr so ganz anders gefeiert werde, als im Vorjahr und betonte ncchmals die Pslich- ten, die wir als Soldaten übernommen hatten. Es lästt sich nicht leugnen, Last uns der Hinweis auf die Weihnachtszeit und die Erinnerung an unsere Lieben daheim etwas weich stimmte, zumal wir wustten, dast wir heute noch in den Kampf, der vor uns int Widawa-Grrrnd bereits entbrannt war, eingreifen muhten. Die 3/222, die hinter dem Gefechtsstand des Generalkommandos ansmarschiert war, hatte einen wundervollen Aeberblick über das gonge Gefechtsfeld von Ruda bis Rogvzno. Jenseits der Widawka, an dem bewaldeten Höhenrand hatten sich die Russen wieder festgesetzt. Es war ein klarer, kalter Rovembertag, der noch bis in die späteren Abendstunden einen wundervollen Weitblick gestattete. hundert Schritten Halt und setzte die Gewehre zusammen, auf weitere Befehle wartende s Dem R.J.A. 221 ging es ähnlich. Auch dieses fand keinen Aebergang und drückte deshalb- dem westlichen Fluhafer folgend über den gleichen Steg bei Rogvzno an das i 1/222 heran. Das gleiche Schicksal hatte auch die Brigade Stehr (223, 224). Auch sie muhte, um das jenseitige Afer zu erreichen, dem Flüstchen entlang nach dem genannten Steg marschieren und versäumte auf diese Weise nutzlos wertvolle Zeit. Die Brigade Stehr marschierte in Marschkolonne mit aufgepflanztem Seitengewehr an 11/222 in Richtung auf Ruda vorbei, als plötzlich aus dem 500 Meter entfernten und hochgelegenen Waldrand ein mächtiges Infanterie- und Maschinengewehrfeuer losbrach, glücklicherweise aber zu hoch lag und den Steg bestrich und auf dem Flüstchen lag. 11/222 ergreift schnell die Gewehre, schwenkt links ein und bleibt etwa 20 Minuten liegen. Da kommt endlich von rechts der Angriffsbefehl. Es war inzwischen 10 Ahr geworden, nur der Silberschein des Mondes und die Flammen des brennenden Ruda beleuchteten das Gelände. Mit donnerndem Hurra und in wenigen, langen Sprüngen wird unter schweren Verlusten die feindliche Stellung erstürmt. Die Verbände waren vollkommen durcheinander gekommen. Die Truppe stürmt aber, von einer mächtigen Kam, stim- mung ersaht, den Fliehenden nach. Da ertönt plötzlich der Rus „Ruda!" Der Feuerschein des Dorfes gibt die Richtung an und unter dem Gesang vaterländischer Lieder stürmt die junge Mannschaft vorwärts. Die Begeisterung ist unbeschreiblich. Major Dardeleben, 11/222, ist eifrig bemüht, in die Schützenschwärme des Bataillons Ordnung zu bringen. Ms die kampfbegeisterte Truppe aus dem Wald 300 Meter nördlich von Ruda heraus- tritt, liegt das brennende Dorf vor ihr. Am Nordrand von Ruda, wo ein in die Widawka mündender Bach flieht, gibt es noch einen kurzen Aufenthalt, der durch das Feuer eigener Abteilungen von Westen her hervorgerufen wird. Dann aber gegen 11 Ahr abends erfolgt unter brausendem Hurra der umfassende Angriff auf Ruda. Geren diese Stohkraft der kampfbegeisterten Mannschaft war jeder Widerstand in dem brennenden Dors vergeblich. Wer sich nicht ergab, wurde niedergehauen. Der Sieg war erfochten, aber es dauerte noch lange, bis die vollkommen durcheinander geratenen Truppenteile wieder geordnet waren. Das Artilleriefeuer verstummte, auch das Infante rief euer flackerte nur noch hie und- da auf, um bald ganz einzuschlafen. Im Fluhtal stiegen die Nachtnebel auf, und als es Mitternacht e — 228 tourte, beschien die silberne Mondscheibe in stiller Ruhe ein Bild des Friedens. Die Nebelschwaten leuchteten über Ruda noch einige Zeit blutrot auf. Wieviel Schmerz und Elend, wieviel tote Kameraden deckte dieser Nebelschleier zu! Ein Ehrentag der 48. Res.-Div. und des, 11/222 hatte sein Ente gesunden. Der 30. November 1914 war in dem gewaltigen Ringen in Polen nur ein kleiner Nusschnitt. Ihm folgte dann der schwere 3. Dezember. Am 5. Dezember war Pabianice von Süden umfasst, Pawlikowice wurde gewonnen und Lodz war bedroht. Von diesen Kämpfen berichtet Stegemann in seiner an- schmilichen Weise: „Sie (die 48. R.D.) schritt mit Breslauer Laute sturmverbänden zum Angriff, nachdem sie in einem Gewaltmarsch auf das Schlachtfeld gelangt war, und warf die Russen in prachtvollem Sturm aus Halt und Rahmen." Am 6. Dezember 1914 fiel das schwer umkämpfte Lodz. ®. Die alte Truhe. Von Timm Kröger. (Schluß.) Das wunderlichste aber waren die beiden Männer, die nach Hvhenwichel gingen und' sich nicht liehen. Zum erstenmal war es vor drei Tagen gekommen. Ein Wagen war auf ter Landstraße im Nebel schattenhaft vorübergefahren, Hans Paulsen hatte immer die Wegfchlacken gehört, wie sie vom Rad in die tiefen Geleise zurückficlen. Der Wagen war verschwunden; Hans hörte ihn kaum noch ... da sah er die Männer Arm in Arm. Am Tag vor der zehnten Wiederkehr des Todestages der Mutter ging Hans nach dem Nachmittagskaffee nicht wieder nach ter Koppel.' Er bat Seien um warmes Wasser und nahm sich den Bart av; er wollte in der Frühe nach Hvhenwichel. „Das tu man," erwiderte seine Frau und kriegte das Sonntagszeug ihres Mannes aus der Lade. Er ging früh vor Tag im Nebel weg. Spät sollte die Sonne aufgehen. Er hatte schon eine ganz Streck^ auf dem Jmmerheider Viert zurückgelegt, er sah, als das Tagesgestirn gekommen fein muhte, nur einen blassen Schein. Der Nebel blieb, wie er war, wurde wohl gar noch dichter. Hans Paulsen, der mit dem Stock den breiten Fußsteig maß, war das recht. Je einsamer es war, um so deutlicher sah er die beiten Männer vor sich her, tote sie Arm in Arm auf Hohen- wichel zugingen. Er ging und ging. Vor Jahren, als er, ein neuer Ansiedler, hierher gekommen war, da hatten die Katen in kleinen Gärten und Koppeln gelegen, alles andre war struppige Heide gewesen. Nun war wenigstens am Weg hin eine mehr oder weniger breite Leiste angebauten Landes. Hans schlug einen Richtsteig ein, ter ihn tiefer in das Blachfeld führte; da streifte er wieder das ungekämmte Jungfernhaar einer unbegebenen Erde. Und immer die beiden im Nebel vor ihm her. In den Gemarkungen glücklicher Dörfer mit altem Kulturland endigte der wilde Steig. Alte, glückliche Dörfer sind auch die, zu denen die Buchhvlzkate gehört und nachher auch Hvhenwichel. Vorher ist aber ein unheimliches Moor zu überschreiten, das seine Dünste brütend gen Himmel schickt. Das Moor ist wild und weich und morastig. Wenn Hans bei Sonnenlicht von ter Höhe einen Menschen hinuntergehen gesehen hatte, dann war ihm immer gewesen, wie wenn eine tote Seele zum Tore ter Verdammnis schleiche. Nun stieg er ohne Sorge hinab'. Was kümmerte ihn das Moor? Der Nebel deckte alles zu. Der Nebel machte alles gleich. Und zwei Schatten zeigten ihm den Weg. Er sah auch Hvhenwichel.... In der Tür stand die Mutter und wartete auf die, die Arm in Arm daherkamen. Nun war das Moor hinter ihm, das Flüßchen, vor dessen sumpfigen .Ufern es abgelagert war, hatte er überschritten, nun war er in den glücklichen Knickdörfern. Lind überall um Haus und Hof und auf ter Straße war es still, so still, daß er das Rieseln tes Nebels hörte. Nur einmal fah er ein paar Hühner, die es gewagt hatten, zehn Schritt vom Wieben zu gehen. Hier und da ein Bauernmädchen, das Kiichen- und Milchgeschirr auf die Regale am Hauskamin stellte. Im grauen Nebel, wie schauten sie so frisch und fröhlich aus! Eigentlich war aber alles mehr Eindruck als Wahrnehmung; alle Formen verschwammen, das Harte und Herbe wurde weich. Ja, selbst Geräusche, deren Quelle zum Greifen nahe lag, kamen wie aus weiter Ferne und aus alten Zeiten her . . . Und die beiden Schatten Arm in Arm. Er erreichte das Wäldchen mit dem Häuschen, von dem die Mutter herstammle. Der Bach schwatzte an seinem Weg entlang, aber auch der leiser als sonst. Hans Paulsen ging vorbei — er wollte sich der Schatten ge- trösten, aber er sah sie nicht mehr. Ein andrer Schatten . . . nein , . . kein Schatten ... ein Mann, der fest auftrat — ,er trug einen Stecken, und ter Stecken hinterließ Löcher im Sand — tarn ihm entgegen. Dor ter Buchhvlzkate begegneten sie sich. Und beite standen still . . . und waren starr . . . und liehen die Augen über sich hergehen. . . und — schwiegen. Hans nahm zuerst das Wort. „Gvten Dag, Kläs!" „Goden Dag, Hans!" lind sie reichten sich die Hände. And sie sahen sich in dis Augen . . . Und jeder sah die Bewegung tes andern . . . „Jk wull hen nä di, Kläs!" „Jk wull hen nä di, Hans! Dat sünd vundäg (—heute) tetn Jähr." „ Darum jüst, Kläs." And wieder schwiegen sie. „Wi hebbt uns lang ni sehn," fing Hans wieder an. „Wi sünd ni gvod untenanner kämen. Jk heff di unrech dän, Hans!" „Nä, ik heff di unrech dän, Kläs!" lind wieder Schweigen . . . eine halbe Minute lang. Dann trat Hans dicht an Klaus heran und streichelte ihm die Backen: „Wat büst du för'n gvden Kerl! ... Du büst miin lewe Witte Kläs!" Klaus war der Weichere, in seinen Zügen fing es an zu arbeiten, er machte krause Falten .... fein Gesicht war des Weinens nicht gewohnt. Aber er tat es doch, er weinte mitten auf ter Landstraße, vor der Buchhvlzkate, und schlug den Arm um seines Bruders Nacken. „Komm mit, Broder . . . ik drööm (---träume) ümmer, ik gäh Arm in Arm mit di nä Hvhenwichel hen." Auch in Hans Paulsens Auge glänzte es verdächtig. „3ä,“ erwiderte er und schob seine Hand unter Klaus Paulsens Arm. So gingen sie. Es kam, wie sie beide geträumt und träumend gesehen hatten. Und wenn die Tote auch nicht gerade in Person im Türrahmen stand, sie zu empfangen, so war sie doch bei der stillen Feier, die man in Hvhenwichel hielt, zugegen. Nach langer Zeit sah Haus seines Vaters Haus wieder, und siehe da! — es war alles gut. Wie das Haus so warm im Nebel auf der Höhe lag, die Linden nvch immer vor ter Tür und die Gvldweiden im Knick! Der Nebel sperrte zwar die Aussicht, aber für Hans bedurfte es keiner Sonne, zu schauen. _ Er wußte, vvm alten Steinwall am Stall sah man am weitesten. Vor dem Wall fand er eine Hecke, nun war der Wall eigentlich überflüssig. .Und es juckte ihm ordentlich in den Fingern, die Erde unten nach den Wiesen hinunterzukarren. Von dem Erbstück, von der alten Lade sah er nichts. Von dem Erbstück sprach keiner ein Wort. Am andern Tag nahm Hans seinen Stock . . . „Nun will ich nach Haus und an Ttien und an mein Kind sagen, damit auch sie sich freuen " „Wenn es dir recht ist, Hans," entgegnete ter andre, „dann gehe ich ein bißchen mit längs." Sie gingen zusammen. Unterwegs sagte Klaus zu seinem Bruder: Es muß doch davon gesprochen werten, Hans. Ich meine von der alten Late . . ." Hans nickte. „Sieh, Hans, ich hab sie nicht mehr. Ich hab so gedacht in meinem Sinn: Es ist nicht mehr zu erforschen, was Mutier eigentlich gemeint hat. Und da hab ich gedacht, es sei das beste, weder ich kriegte sie, noch du. Und das beste fei, sie wieder nach dem Haus und nach ter Familie hinzugeben, wo sie hergekommen ist. Da hab ich sie nach unferm Vetter Mars Schütt gebracht." Hand fah schweigend vor sich nieder. Klaus faßte seine Rechte. „Sag mir, mein Bruder, hab ich recht getan? Das wäre schön, wenn du das meintest. Denkst du aber anders — auch das 'ift recht nnd gut. Dann wird dir niemand wehren, an dich zu nehmen, was dein gutes Eigentum ist. Demi das weiß ich, und das ist gewiß: meines Bruders Hand, Hans Paulsens Hand, legt sich nur auf Sachen, die das Recht ihm zu eigen gegeben hat." Da rief Hans Paulsen: „Sprich nicht so töricht, mein Bruder! Jedes Wort, das du fagst, als ob ich nicht einverstanden sein könnte, tut mir weh. Die Late gehört dahin, wv du sie chin- gebracht hast. Und da soll sie bleiben." Das Gespräch fand nicht weit von ter Buchholzkate statt; es war still ringsumher, nur der Bach murmelte Worte tes Friedens hinein. Bei Mars Schütt kehrten die Brüder ein. Die große Dielentür war zu; da lief Klaus nach der Blangdaer (= Seitentür), die nach dem Garten geht, hin. Und Hans wartete. Dann wurde das Tor aufgeschlagen, da standen ter Vetter und seine Frau, und ein paar Kinder standen herum und führten ihn in das gastliche Haus. Und des Herbstes fahler Schein lies mit ihm hinein aus die Diele. Und fiehe da! — in ter Hörn, auf dem alten Platz, da stand ehrwürdig die alte, vom Urältervater Schütt geschnitzte Truhe. Adlerflügel und ßötoenflauen aus Ecken und Kanten springend, Laubwerk und Blattwerk, die Felder umrahmend, und aus ter Vorderfeite Kain und Abel und David und Jonathan. Wit ihrer Kunst, mit ihrer Liebe stand die alte Late da; ter Spruch ter Vergebung lief an der unteren Leiste hin: .Und hat ein Bruder etwas gegen dich — geh hin, versöhne dich! Und dann zu mir, zu deinem Gott/ Schriftleitung: Dr. Friede Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ.-Buch- und Steindruckerei, *R. Lange, Gießen.