Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang „24 ~~ Samstag, de« 29. MSrz ifummer ,r Christian Morgenstern. Aur zehnten Wiederkehr seines Todestages am 31. Mir-'). Ich und Du. Genug oft, Latz zwei Menschen sich berühren — nicht leiblich, geistig nur —, Latz sie sich „schn", daß sie sich einmal gegenüberstehn — um sich danach vielleicht auf immer zu verlieren Genug oft, Latz ein Lächeln zweier Seelen vermahlt — vH, nicht vermählt! nur dies: sie führt, so vor einander schweigend und erschüttert, daß ihnen alle Wort und Wünsche fehlen, und jede unaussprechlich angerührt, rmr tief vom Zittern der verwandten zittert. Sieh nicht, was andre tun, der andern sind so viel, du kommst nur in ein Spiel, das nimmermehr wird ruhn. Geh einfach Gottes Pfad, las; nichts sonst Führer sein, so gehst du recht und grad. und gingst du ganz allein. verlange nichts von irgendwem, latz jedermaim sein Wesen, du bist von irgendwelcher Fehrn zum Richter nicht erlesen. Tu still dein Werk und gib der Welt allein von deinem Frieden, rm-.- hab dein Sach auf nichts gestellt und niemanden hienieden. VoradendglAck. Siehe, wie wunderlieblich der Abend lacht! O nun finge noch, Seele, dein Lied vor Nacht! O nun singe noch« dein k>u -tderliebliches Lied, ehe der Tag auf rosiger Wolke von hinnen zieht! Aus dem Tagebuch eines Philosophen. Einer der umfassendsten modernen deutscher, Philosophen, der kürzlich verstorbene Stratzbnrger Georg Simmel, hat uns einen Band köstlichste'' Gedanken und Aufsätze hinterlass«,, den Dr. Gertrud Kantorowicz mit einer klugen, das Wesentliche aus Simmels Lebenswerk hevausschälenden Ginleitung herausgegeben hat"). Eine Aufzählung der hier vereinigten nachgelassenen Aufsätze gibt ein Spiegelbild der Universalität des Verstorbenen. Eine Philosophie der Liebe ist Fragment geblieben. In gleiche Richtung weist ein vollendeter Aufsatz über den platonischen und modernen EroS. Der Geschichtsphilvsvph untersucht „die historische Formung", der Aesthet „die Gesetzmähigkeit des Kunstwerks" und „das Problem des Naturalismus", der Psychologe schliehlich „die Philosophie des Schauspielers". Ein köstliches Wort ihres Lehrers Hut die Herausgeberin dem Buch als Motto vorangestellt. „Ich weih, das; ich ohne geistigen Erben sterben werde (und es ist gut so)" schreibt Simmel. „Meine Hinterlassenschaft ist wie eine in barem Gelde, das an viele Erden verteilt wird, und jeder setzt sein Peil in irgend einen Erwerb um, der seiner Natur entspricht: tem die Provenienz aus jener Hinterlassenschaft nicht anzusehen P/. Durchblättern wir. unter diesem Gesichtspunkt den Nachlatz Simmels, so will uns scheinen, dah von dem Berge lauteren Goldes, den hier die Lebensarbeit eines Nimmermüden angehäuft hat, Mne nachgelassenen Dagebuchblätter am eheste,» in gangbare Münze zu schlagen sind. Wenn wir im folgenden einige dieser m feingeschliffenster Form dargebotenen Gedanken wiedergeben, w glauben wir damit unseren Lesern am besten einen Einblick tn> das Werk des Verstorbenen zu verschaffen. Lassen wir also den Philosophen selber sprechen! „ *) Aus den bei R. Piper & Lv. in München erschienenen ^eoichtsamnilungen. - **) ®8. Simmel, Fragmente und Aufsätze aus dem Nachlab im Drei Masken Verla», München •Ui,» waS datz , -- 'S?8 En beweisen kam,, kam, mnn auch bestreiten, bestreitbar ist nur das Unbeweisbare. Der Philosoph soll derjenige sein, der sagt, was all« wissen - manch,nalaber ist er der, der weih, was alle nur sagen. . • ®“&«* fiwas gibt was dem Glauben entzogen ist und wrr wirmch wissen — das können wir nur glauben. Aber ef hx^ öem Wissen entzogen ist und was wir nur glauben Wnnen — das wissen wir wirttich. 1 rn> JS&W .f8 bvch nicht nur das uns bekannte Stadium der I sie zu den höchsten Problemen, aber nicht zu den I rE" Lösungen gelangt. Vielleicht ist bad ihre innere Aottven- I deil, dow Wesen des Typus Mensch. Der Apfel vom Daum der i GriMntnrs war unreif. I Dab der Mensch das Wesen ist, daS zu den Problemen schlecht- 1 hin. aber nicht zu den Losungen schlechthin kommt — hängt damit I aufarnmen öaft «r darauf angewiesen ist, zu handeln, als ob er die I Zukunft srcher keimte — und sie doch nicht einen Schritt weit sicher I kennt, I * I Die Möglichkeiten des Menschen sind mrbegrenzt, aber auch was dem zu widersprechen scheint, seine Unmöglichkeiten. Zwisch«, diesen beiden, dem Unendlichen, was er bum, und dem Unendlichen was er nicht kann, liegt seine Heimat. • Wenn der Mensch von sich sagt, er wäre ein Bruchstück, so meint er damit nicht nur, datz er kein ganzes Leben hat. sondern das Tiefere, daß er kein ganzes Leben hat. Nur das Ganz« von Welt und Leben, wie es uns erkennbar Sel«cht, gegE«» ist, ist ein Fragment. Aber der einzelne Arrs- schnitt von Schicksal und Leistung ist oft in sich gerundet, ein Har- "Esch«8 und Ungebrochenes. Nur das Ganze ist ein Stück das Stück farm em Ganzes sein. Datz nmn sein Micksal nicht so. wie es ideell vorgezeichnet ist, und eS fernen Möglichkeiten nach sein könnt« und sollte, erfüllt — auch das ist eine Art, sein Schicksal zu erfilllen. . . Wie tief ist i^rs Derhäilgnis der Menschheit darin eingebettet, dav ihre beiben höchsten Ideen: die Unendlichkeit und die Frei- heit — unmittelbar nur Negatimieii, nur das Llufheben von Schran- iÄN smo! Der Mensch kam, nur in einem mittleren Bezirk zwischen geistiger Beschränktheit und geistiger Weite existieren, weder bei zu geringem, noch bei zu vielem Wissen. Darum kann dec alte Mensch so schwer — eigentlich überhaupt nicht mehr — leben: er weist zu viel Die Illusion ist ein Mittleres zwischen Nicht-Wissen und Wissmi, für das Praktische ist sie ein Als°Ob. Ja, sogar der Irrtum ist ein solches Mitllere, ganz verschieden von dem Ueberhaupt- Nrcht-Wissen. Aber zu wissen, datz man mehr wissen k ö n n t e als man weih — das ist das eigentlich Menschliche. Diese Verzweiflung des Menschen ist das, was ihn zum Menschen macht. * Der Hohe ist nur detzenigr, der ein Höheres über sich hat. Absolut, in dem Sinne nichts Höheres über sich zu haben, ist nur der Niedrige. Was den höchsten geistigen Menschen immer von den niederen scheiden wird, ist, datz er nicht nötig hat. an die Realität oder absehbare Realisierung der Ideale zu glauben. Auch ohne dieses behält er den Glauben an sie und die Kraft der 'Bestrebung zu ihn«; hin. während der Tieferstehende, Schwächere eben dies verliert, sobald er bas Ideale wirklich als das unendlich Entfernte anerkennen muh. So kann man sagen, die Menschen rangierten sich nach d^verschiÄienen Bedeutung, die der Unendlichkeitsbegriff Die meisten Menschen erfahren erst durch Leiden, datz das Leben etwas Ernstes ist: ohne dies« persönlich-nachdrückliche Einprägung kann das Leben ihnen seinen Ernst nicht beibringen ES - 50 — Etern mich toett eS «Hebend ist, denn SaS Leben gehört za Wunderbarsten, was die Erde birgt. Betrachten wir doch einmal kurz, um was es sich handelt. Hnfer Körper ist ein Zellstaat, der aus einer Unsumme von Einzel» Individuen, eben von Zellen, besteht, die zu gröberen Verbänden, den Organen, zusammengefaßt sind und nichts anderes kennen, als im Dienste des Ganzen tätig zu sein. Zu dem Zwecke kann zedes einzelne Organ mit jedem andern in Verbindung treten, und daS geschieht in stvfslicher Deziehung auf dem Blutwege und in regulierender Beziehung auf dem Nervenwege. Von einer höher«, Warte, dem Gehirn und Rückenmark aus, wird für das geordnet« Zusammenwirken Sorge getragen. __ Dieser komplizierte Zellstaat ist nun zu seinen Leistungen nur befähigt, wenn ihm beständig Energie zugefuhrt wird, und dies geschieht durch die Nahrungsaufnahme. Die Nahrungsstoffe müssen verdaut werten, wobei sehr merkwürdige Stoffe, die in den chemisch«, Fabriken des Körpers, den Drüsen, gebildeten «ermente, auffallende Wirkungen hervorbringen, deren sich auch schon die chemische Industrie für ihre Zwecke bedient. Die Nahrungsstoffe muffen endlich durch die Darmwand hindurch aufgesaugt und im Körper verteilt werden. Wie wichtig das ganze Srnährungsproblem ist, hat der grohe Krieg gezeigt. Die in den Nahrungsstoffen aufgespeicherte Energie — es ist im lebten Grunde. Sonnenenergie — muß für die Zwecke des Gebens freigemacht werden, was mit Hilfe des bei der Atmung aufgenvmmenen Sauerstoffs geschieht; der ^ebensprozeß ist ein Verbrennungsprozeß. Diese Verbrennung ist deShaw so aufsab- lend, weil sie nicht mit leuchtender Flamme sich abspielt, trotzdem ^Auter "ter ^Nahru^ng^und dem Sauerstoff müssen im Körpn lebenswichtige Stoffe zur Verteilung gelangen, die dort selbst, und zwar in den Blutgefäßdrüsen, gebildet werden und äußerst wichtige chemische Wechselbeziehungen zu vermitteln haben. Mangel solcher Stoffe kann B. den Organismus zum Zwerg, lieberftuß zum wahren Riese- machen, ja es kann mit ihrer Hilfe eine ganze Ilmstimmung des Geschlechtes, in gewisser Beziehung auch eine Verjüngung des alternden Organismus herbeigefuhri toerten. Es ist noch gar nicht abzusehen, was alles aus der Kenntnis dieser Stosse "für das Menschenleben entspringt. Die im Magendarmkanal passend hergemchtete Nahrung der durch die Lungen aufgenommene Sauerstoff und die in den -ölut- gefäßdrüsen gebildeten Stoffe werden nun dem Blute Sugeschickt, das sie mit Hilfe des Herzens, eines einzigartigen Pumpwerks, im ganzen Körper verteilt und den einzelnen vZsllen zufühn-t, die so mit dem nötigen Bau- und Betriebsmaterial für die LebensÄtig- keit versehen werden. Die Verteilung dieser Stosse auf dem Wege der 'Blutgefäße ist das Muster einer zentralisierten Versorgung unzähliger Ginzel-Individuen un'er Kontrolle ^s Staates Bei der Verwertung der ausgenommenen Stoffe findet teil» weise eine Umprägung des ursprünglich toten, körperfremden Materials in lebendes, körpereigenes statt, was einen äußerst komplizierten Chemismus voraussetzt. den kennen zu lernen von großer Bedeutung ist; es handelt sich hier um nichts weniger als um den Aufbau lebender Substanz, ein Problem, das die physiologische Ehemie zu lösen versuchen muß. ,, .. „- 'Beleber Lebenstätigkeit entstehen nun Abfallstvsfe, Schlacken, die beseitigt werden müssen, sonst kommt es zu Störungen im Gange der Lebensmaschine. Die festen und unlöslichen Mfall- stoffe werden dem unteren Darm zugeführt, die wslichen de« Nieren, die gasförmigen der Lunge und Ändt,:Me alle als Aus- scheidungsorgane funktionieren. Hebe Verhinderung dieser Ausscheidungen führt zu schweren Störungen im Lebensprozeß; dtzr Nieve hat hier besonders große Leistungen zu vollbringen, indem sie die Stosse entgegen einem Druckgefälle von etwa 11 Atmosphä ven aus dem Körper hinausbefördern muß . Durch die Untersuchung der Einnahmen und Ausgaben m guantttativer Bezichung ergeben sich nun äußerst wichtige^Gesichtspunkte für eine rationelle Ernährung, mit einem Mindest- maß von passend ausgesuchten Nahrungsmitteln müssen möglichst große Leistungen erzielt werden. Der Staat hatte und hat - letzt ganz besonders — das größte Interesse an physiologischen Unter» Mutigen, die zur Ausstellung eines für den Körper und den Staatssäckel möglichst günftigen Kostmaßes führen. Mit diesem Stoffwechsel ist nun eng der Tnergtewechsel verknüpft, denn beim Wechsel der Stoffe wird zugleich die SnergW frei, die in den Stoffen als ursprüngliche Sonnenwarme stak und Die nunmehr in der Hauptsache als Körperwärme in Erscheinung tritt. Daß mit dieser Energie haushälterisch umgegangen toirD, tst heutzutage eine Forderung im Interesse der Allgemeinheit. Der mm durch alle diese Vorgänge in seinem normalen ^ stände erhaltene Körper kann nicht allein auf sich bef^Snkt bl« feen unfe ein Sonderdasein führen, er muß mit feer Außenwelt unfeinen Nebenmenschen in Verbindung treten er muß Emdrück von außen her empfangen, aber zugleich aucherfahren, was MS im eigenen Rrper abspielt. Dazu dienen äußerst fein gebaute M ■ parate, feie Sinnesorgane, welche Eindrücke wie das Licht und : feen Schall aufnehmen und entsprechende Reaktionen daraufhin em : zuleiten haben. Die schöne Welt der färben, das Reich de ; jegliches Gefühl wird uns durch diese Apparate die zum- i von einer ungeheuren Empfindlichkeit ft"d uich auch , für den Organismus dienen, vermittelt. Die Gesetze, nach we cym w eigentlich entsetzlich, daß man von einem Menschen, den zum 1 «stenmal ein schweres Schicksal getroffen hat, zu sagen Pflegt: i Nun kenne er den Ernst des Lebens!" — als ob niemand die Schönheit, das Gluck, dis Heiterkeit, die Form fees Lebens überhaupt in ihrer Ernsthaftigkeit begriffe. * Vielleicht das fürchterlichste Symptom des Lebens sind Me Dinge — Derhaltungsweisen, Freuden, Glauben — mit eenen Me Menschen sich das Leben erträglich machen. Richt« zeigt so s?yr feie Tiefe des menschlichen Niveaus, als wozu der Mensch greift, Um das Leben aus halten zu können. e Das Entscheidende und Bezeichnende des Menschen ist, wo feine Verzweiflungen liegen. , Die Sinnlosigkeit und Eingeschränktheit des Lebens Packt einen oft ati etwas so Radikales und Auswegloses, daß man völlig verzweifeln muß; das einzige was einen darüber erhebt, ist. daß man dies erkennt und daß man darüber verzweifelt. Die tiefste Erschütterung ist das gefühlsmäßige 6er Schätze, die in uns tote in einem verstossenen ®cfaB zu denen wir nicht den Schlüssel oder die Kraft des Grschließens haben, und die wir so mit ins Grab nehmen Wir sollen das Leben behandeln, als ob l^rr Ausblick ^n Snfestoed wäre — und zugleich, als ob keiner ein ^»jweck u>äre, sondern jeder einzige nur ein Mittel zu Höherem, Höchstem. Wesentliche Lebensaufgabe: bas Leben jeden Tag vonneumn ,u beginnen als wäre dieser Tag der erste — und doch aue ^enSenfteit mit all ihren Resultaten und untergebenen @e- ktesenheiten darin zu sammeln und zur Vovcmssetzung zu haben. Daß tote Menschen Gespenster werden, glaub«! wir freilich nicht mehr Aber Me tote Liebe, das tote Ideal, der tote Glaube, --feie tobten zu Gespenstern, ja» fühlt Qdfen^r ati früher wo ihr Inhalt uns wichtiger war, unser Bewußtsein mehr erfüllte als die Tatsache ihres Lebens. » Unzählige Liebes- und Gheverhältnisse gehen fearai, zugrunde »dar führen wenigstens dadurch zu den fHwersten^ittäus^ugen, teß wir zu vergessen Pflegen, daß sich ein»u^^lsda^ selbe wiederholen kann — schon die $atfad>e, teß es schon einmal da war, für die Wiederholung andere seelische Bedingungen schafft, als das Original sie hatte. Wir glaube!,, wenn t^i- heute eine, beglückte Stunde hatten, sie könnte sich morgen und übermorgen unfe immer wiederholen, da doch die äußeren DedinEMN - und tn weitem Maße auch die inneren - Aber bas Glück ist sv wenig einfach zu wiederholen tote twntetro anderer seelischer Zustand. Nur wer morgen ein neue« MM schaffen tonn, kann morgen dasselbe Glück haben wie heute. Wan muß erschrecken, wenn man bedenkt, tote viel man ter« Heren kann, dessen Verlust einen Schmerz bereitet; man muß ater poch mehr bei feer üetertegung erschrecken, wie tomig^ fet, dessen Verlust ein wahrhaft großer, unauslöschlicher, reinster Schmerz sein toftrfee. Bloh ein paar große Gedanken muß man sich recht zu et^en machen; sie werfen Licht auf viele Strecken, an feeren Hell werten man nie geglaubt hätte. Der Neubau des Physiologischen Instituts der LandeJUniverfiläl Metzen. Dm, Prof. Dr. K. Bürker, Direktor teS Instituts. I. Der Physiologie, als ter Lehre vom Leben, fällt die Ausgabe au feie L^enSerscheinungen mit feen. Hilfsmitteln feer Naturwissenschaften zu erforschen und sie so weit als möglich zu «klären. Die LebenserscheimMgen aber spielen sich ab an einer äußerst komplizierten Substanz, ter lebenden SubstE, einem organiftertei Shften, hochmolekularer Stoffe, die beim SetensprsKeß in feOTft- tolifch! und chemische Wechselwirkung miteinander treten. Die Menschheit hat das größte Interesse daran, das Walten dieser physiologischen Kräfte kennen zu lernen; ist doch alles, waS wir tun und trewen, im Grünte ein physiologischer Akt, ter um so besser feurchgeführt werten tonn, je mehr wir mit den Grundlagen dieses AkteS vertraut sind. „ , ,, Wie steht es aber mit diesem Dertrautsein? Wir lernen viel Nützliches in den Schulen, aber dem Nächstliegenden, dem eigenen Körper und feinen FunMonen, wird erst in der neueren Zeit mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Die Physiologie ist in ter Hauptsache stoch eine medizinische Wissenschaft, die dem jungen Mediziner die Kenntnis feer normalen Lebenserscheinungen vermitteln soll, damit ttm die krankhaften um so verständlicher werten; sie verdient eS afe«r, in weitere Kreise $u dringen, nicht nur weil dies nützlich, — 51 pflegen: Eine Geüanttnertn, voll und ttSge, ritte Araderin, ge» fchmeiMg, schmuckgierig und lüstern, eine Drustn, stolz und zäh. Freilich hat der reiche Türke sie nicht selber als die Blüten ihrer Stämme entdeckt, erwählt und in sein Haus geführt, sondern, ba er seine Schätze teilen wollte, durch den findigsten Agenten, einen Kenner und Vertrauten, in Smyrna, Behrut und im Hau ran aufgripürt. Nur die Jüngste, seinem Herzen nächste, fand er selbst, die Anatolierin, ein Kind, uro entführte sie den „Süßen Wassern Asiens". Trennte sie von ihren Eheschwestern ab, überhäufte sie mit Schmuck und glatten Dingen, sparte nicht an Leckereien, süßen Schnitten, teuren Stoffen, gab ihr seines alten Gärtners Weib zur Wärterin, schenkte ihr den Namen: Gouhar, was bedeutet in der Deduinenspvache: „Auserlesen". Wissend nämlich, daß Alltägliches gar leicht alltäglich wird, ' jioffte er, sich den Genuß an ihrer schlanken Süße feiertäglich zu erhalten, wenn er ihn zur Seltenheit erhöbe. Also sah er sie allein am siebten Tage, tejemt er sie in jenem Teil des Gartet», suchte, wo der Drumren frisch und quellklar springt, zwischen Aprikosenbluten, Pflaumen- und Zitronenbäumen, strahlend vor dem ewigblauM Himmel, Hermon gleißt, der Stolz des Antilibanon! Trotzdem fand er eines Abends Gouhar nicht so ganz nach seinem Sinn. e Das verdroß ihn und er fragte sich, ärgerlich mit feiner Berw- etitelte spielend, ob denn auch die Frist der Woche noch zu kurz essen sri, immer neu den Schah zu schätzen. Rief den Gartner und des GärtnerS Weib, und bemaß die Frist auf einen Monat. Trotzdem fand er eines Monats Gouhar nicht fo ganz nach feinem Sinn, fand auch Radir baktschs nicht fo ganz nach seinem Das verdroß ihn; denn die Zeit des Wartens täuschte die Erwartung. Also rief er Gärtner und des Gärtners Weib, und bemaß die Frist von neuem, sagend: „Wählt mir einen Tag des Jahres, da der Garten in der Fülle feiner Blute, da das Weib im Scheitelpunkt ihrer Süße steht! Trotzdem fand er an dem Tage Weib und Garten nicht nach Sinn und Herzen. _ „ Da bekümmerte er sich und fragte seinen Gärtner: „Ist vas Nadir baktschs, meines Reichtums Schatz?" __ Fragte seines Weibes Wärterin: „Ist da« Gouhar, meiner „Herr," antwortete der Gärtner, „darf ich sprechen?" 'Komm doch jeden Morgen, jeden Abend," sprach der greise Wann, „hilf mir, jede kleine Knospe hüten, jedes Blatt betreun und jeden Schößling schneiden! Das Alltägliche wird zum Sriertag! „Herr," antwortete die Wärterin, „darf ich sprechen? "Komm^ doch jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend!« sprach die greise Wärterin, „hilf mir, jede Regung leiten, jede kleine Sehnsucht stillen, jede kleine Laune rasch vertreiben! Das Alltägliche wird so zum Feiertag!" „Geht," sprach der Türke, zählte viele Stunden seiner Bernsteinkette zweiunddreißig Perlen, und verstand, daß rin Genuß nicht lohnen kann, der keine Pflege lohnt. So entließ er drei von seinen Frauen, pflegte seines Wribs und seines Gartens sorglich, im Genüsse feiner Güter Ielte, der Zickzack. Don Anfelma Heine. (Fortsetzung.) ütt feiner großen Bewegung ließ er dabei Gullas Haare fo«, Ne unverzüglich zurückschnellten und sich geschwind wieder mit Wasser zu füllen und mit Schlamm zu umrändern begannen, ohne daß Ielte es doch gewahr wurde. Gullas Gesicht aber war em wenig blässer geworden und sie zögerte, ehe sie sagte: Wenn du in die Welt gehen willst, das Feuer zu suchen, darf ich dich nicht halten, aber habe gut acht, daß du mir das rechte bringst. Dreierlei Feuer gibt es in der Welt, haS erste stammt aus der Dunkelheit, das schadet, das zweite sprmgt aus Mannesnagel, das nützt, den Ursprung des dritten Feuers aber weiß man nicht, das ist das Feuer, daS wärmt rind erlöst. Ielte stülpte seinen Hut von Butter fester auf den Kopf. „Sch wäre gern bei dir geblieben, Gulla," sagte er dann, -abernun muß ich in die Welt geben und das Fetter suchen, von dem im sprichst Vielleicht wird es lange dauern, bis tch esftnd^ und vielleicht werde ich auch mein Leben dabei verlieren, aber ich wtl. tun tot» in meinen Kräften steht; denn seit ich dich «riehen habe, ist in meinem Herzen kein anderer Wunsch, als dich von Dem Dumpfe zu erlösen, damit du wieder froh bist und lachen kannst, wie du es zu Haus bei deiner Mutter tatest," Es tut mir leid, daß da nicht hierbleibst, Zickzack/ sagte Gulla weil dir aber gehen willst, will ich dir ein Andenken mit- Xn auf Me Reise." Hierauf biß sie nut ih«r-kleinen spitzen Zähnen eine Strähne ihres Haares ab und reichte fte hinüber zu Ielte. Ielte nahm die Haarsträhne, die ihm wie ein goldener Quell tröit der Hand herunterströmte und seufzte vor Kummer, daß er nun Abschied nehmen sollte. Auch Gulla seufzte, und so trieben es Ne beiden eine gute Zeit, bis der Wittag blasser wurde und Gullas schimmerndes Gewand sich grau zu färben begann. Nefe empfindlichen Apparate wirten, kennen zu lernen, ist in I ästhetischer und erkenntnistheoretischer Beziehung ton allergrößter I Bedeutung. I Mit dem passiven Aufnehmen der uns umgebenden Außenwelt | ist es aber für den Körper allein nicht getan, er muß aktiv Na I Außenwelt an jeder Stelle aufsuchen, sich zu ihr hinbegeben können. Dazu dienen lebende Maschinen, Ne Muskeln, welche, obwohl sie zu drei Vierteln aus Wasser bestehen, ganz außerordentliche Leistungen zu vollbringen vermögen und dabei mit einem erstaunlichen Nutzeffekt arbeiten. Das Problem der Muskelmaschine ist ein em tuet wichtiges Problem der Technik, denn es liegt hier eine ganz neue Art von Maschinen vor, bei welchen Oberflächenkräfte eine große Rolle spielen. Gin geordnetes Zusammenarbeiten all Neser Organe wäre aber nicht möglich, wenn nicht die schon angedeuteten nervösen Wechselbeziehungen beständen. Dom Gehirn und Rückenmark aus sind Kabel nach allen Organen hinverlegt, eben Ne Nerven, welche Ne in den Sinnesorganen entstandenen Eindrücke zentralwürts letten und von dort aus fördernde und hemmende Impulse wiederum allen Organen mitteilen können. Was sich in der Peri- Bte abspielt, wird an irgend einer Stelle im Zentrum mit Vase beobachtet, alle Organe find geradezu auf das ®cNm pro- rt. Von hier aus geht Ne staatliche Fürsorge, hier ist dann guch weiterhin in übergeordneten Zentren, den Jntelligenzzentren, Ne Möglichkeit gegeben zu „erkennen, was Ne Welt im Innersten zusammenhält", hier entstehen Ne schöpferischen Gedanken, Me Ne Menschheit in ihrer Entwicklung wieder um rin Stück weiter bringen Wunen. Die Gehirntätigkeit verstehen heißt Ne Seelentätig- teir in ihren feinsten Regungen begreifen. So erweist stch Me Kenntnis all Neser normalen LebenSerfchri- nungen für das Leben des Einzelnen und das der Gesamtheit von nicht geringer Bedeutung, hier gilt auch das Goethesche Wort: „Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, Als daß sich Gott — Natur ihm offenbare" ganz besonders. Diese Bedeutung nimmt aber noch dadurch zu, daß Ne Kenntnis der normalen Lebenserscheinungen die DvrauS- fetzung für Me möglichst frühzeitige Feststellung von Krankheiten ist die Im Entstehen oft noch bekämpft werden können; wie viel Jammer und Elend kann fo der Menfchheit erspart bleiben. So hat also Ne Allgemeinheit und im gegebenen Saite der hessische Staat ein erhebliches Interesse daran, baß in dem Neubau in Gießen ein leistungsfähiges Institut für Ne Erforschung und Lehre der Lebensvorgänge entstehe. Nadir baktsche. Don Richard Guringer*). 3« der nächsten Nähe von Damaskus, zwischen-dem Barada vnd dem Dschebel Kasjun, hinter den Ruinen der Dschami el-Efrem trifft der Wanderer auf eine jener im Orient häufigen ubermanns- hohen Lehmmauern, hinter der er das Kleinod nicht ahnt, das sie fo ihrer unscheinbaren Dürftigkeit birgt und verbirgt; kwrt nämlich liegt einer der schönsten, reichsten und gepflegtesten Gärten von ganz Syrien, Besitztum eines zurückgezogen lebenden Gürten, den Me Transportarmut des Landes zum reicher Mann gemacht bat Freilich hat er weder das mit seltenem Geschmack gebaute Landhaus, das mit seinen Porphyrsäulchen, Kielbvgen und echten alten Fayencen zwischen mächtigen Platanen, Zypressen und Pap» drin buchtet, als sei es aus reihenweise aufgelegten Warzipan- ünb Schokoladestäbchen aufgeschichtet, selbst errichte^ noch den Garten nach eigenen Wünschen angelegt, sondern MbeS fertig an= gekauft auch den Gärtner übernommen, einen alten, weißbärtigen Muslim, dessen Lebenswerk der Garten ist. Trotzdem aber hat der reiche Türke einen eigenen Gedanken der Anlage des Ganzen ringefügt: den bezauberndsten Teil des Gartens, sch^ii Aprikosen-, Zitronen- und Pflaumenbaumen hindurch Den Dllck auf den schneeglitzernden Hermon freikgt jeiien too die leb tensten und erlesensten Ziersträucher, Blumen und StauNn sprießen tmb unter ewig-blausriigem Himmel köstlichen Duft verstreun, ließ er mit Marmorfliesen belogen, das Becken emeS Brunnens dort etfxxun, trennte ihn ab und gab ihm den Namen. ^adirba tische. Wissend nämlich, daß das Alltägliche wicht alltäglich wird, hoffte er, sich den Genuß daran als feiertäglich ju erhalten, wenn ihn zur Seltenheit erhöbe. Und verbrachte er dte sechs TcE feiner ^oc^wenndie Sonne sich dem Abend neigt, raffeetrinkMd jmd zigarvmvauchmd mit seinen drei Frauen unter irgendeinem totirataen Blätterdach des weiten Gartens, wo bauchige. «mken, tafelt * »gfc tecktsche betrat er nur am siebten Tage mit der vierten seiner Vier^FrMren^nämllch nannte er sein ^a-n. und wer a^ Sws des Mannes etwa durch Ne vorgehängten Kelin^ den Jnnenhof bev Villa betreten und zu den ^stsrndWobmenStockwerks ttufarieben bat ober, im Garten unter Oleander, Mriferstrau-y MdGiMer lustwandelnd zu den allbelannten A "^gitterst ab chen der Mnscharabies, der sittsamen kleinen Erker, emporgeblickt, konnte nicht ahnM, welch erlesene Frauen dort zwischen p^rftst^n Pol in Nrnten. fließenden Maschlaks lagerten und ihres Leibes *) qfita „Gleichnis 6er Zeit" (Haessri-Leipzig) — 61 — »Dun wird mich bald der Nebel so sehr eingehüllt haben, daß du mich nicht mehr sehen kannst," sagte die Jungfrau. »Gehe darum schnell von dannen, ehe die Dünste auch dich erreichen, denn ihr Hauch ist den Menschen tödlich^ Dabei flössen Helle Tränen über ihr goldfarbenes Gesicht, einen Augenblick darauf war sie verschwunden, nur ein zarter, blahgelber Schatten schien am Boden dahinzufliegen. Mit schwerem Herzen machte sich Helte auf den Weg. Am liebsten wäre er hier stehen geblieben und hätte auf Gullas Wiederkehr gewartet, aber er wollte ja das Feuer holen, das wärmt und erlöst, darum durfte er nicht länger zögern. Eilig glitten nun seine schnellen Schuhe über die Woorwiese. Als er aber wieder festen Boden betrat, klirrten sie plötzlich auf und zerbrachen, gerade so, als hätten ste nun ihre Schuldigkeit vollendet, nachdem sie Helte zu Gulla geführt hatten. Helte aber grämte sich nicht darüber, dah er nun barfutz laufen ,nutzte, denn Las war er gewöhnt von jeher. Als er nun eine Weile gewandert war, kam er zu einem Hügel, der voll junger Dirken stand. Helte stieg hinan, und weil die Gegend flach war. konnte er von hier aus weit über 'Wälder und Dörfer blicken. Gin breiter Fluh zog sich in Windungen und Zacken tief ins Land hinein. Da aber, wp er zu enden schien, gewahrte Helte etwas, das ihn vor 'Freude hell auflachen lieh. Er enideckte in der Ferne, da, wo Himmel und Erde zusammen- flössen, eine grvhe Stadt mit viel Tünnen und Häusern, deren Dächer in den Himmel ragten. Auf einer dieser Häuser befand sich eine Schrift von Riesenbuchstaben, die gerade jetzt, da es dämmerig wurde, in einem hellen Lichte aufflammte. Jeder Buchstabe hatte eine anders Farbe. Das Z war rot, das H gelb, des R schillerte in einem starken Grün, das K leuchtete blau, das II orange und das S zeigte ein tiefes Violett. Die hatte Helte etwas Aehnliches gesehen Dies, was er da in der groben Stadt sah, muhte sicher das rechte Feuer sein, das Feuer, das erlöst. Ganz glücklich darüber, sein vermeintes Ziel, wenn auch noch fern, doch deutlich vor sich zu sehen, betrachtete er den fröhlich aufglänzenden Fluh, der ikmi nichts anderes schien, als ein Wunderband, das er nur zu ergreifen brauchte, um alles Glück der Welt an sich heranzuziehen. Er begann nun darüber nachzudenken, wie. er wohl am schnellsten die ferne, grohe Stadt erreichen könnte. „Es ist am besten, dah ich mir ein Boot baue," dachte er, „und den Fluh damit hinabfahre." Dachdem er diesen Gntschluh gefaßt hatte, ging er, um feinen Vorsatz auszuführen, zu einer Buche, die einsam auf einem Auslug des Hügels stand. Helte trat an sie heran und bat sie um Holz für sein Boot, mit dem er den gewundenen Fluh hirmter- fahren könne zur großen Stadt, in der das Feuer leuchtete, das 'Kallas Haar trocknen und sie aus dem Sumpfe erlösen könnte. Die Buche schüttelte das Haupt und sagte: „Maden sind in meinem Herzen, machst du aus mir ein Boot, wird es sinken." Da ging Helte den Hügel wieder hinunter und traf am Abhänge eine Föhre, die hoch und mürrisch unter den Laubbäumen stand, und bat um Holz für sein Doot, mit dun ec den gewundenen Fluh hinunterfahren könne zur großen Stadt, in der. das Feuer leuchtete, das Gullas Haar trocknen und sie aus dem Sumpfe erlösen könnte. Die Föhre schüttelte das Haupt und sagte: „Siehst du nicht an meinem grauen Barte, wie alt ich bin? Machst du aus mir ein Boot, so fehlt ihm die Kraft, dich zu tragen." Da ging Helte bei zunehmender Dunkelheit im Tale weiter unklar zu einer finsteren Eiche. Dieser Baum war von so gewalrigem Umfange, dah in seinem Schatten sich ein ganzes Städtchen angesiedelt hatte. Weil aber die Eiche mit ihrem mächtigen Ästwert, das niemals kahl stand, sondern sein Laub unmerklich wechselte, den ganzen Himmel verdeckte, so lebten die Bewohner des Eichen- städtchenS in kläglicher Dunkelheit: denn es drang weder Sonnenschein noch MondeSglanz, noch Sternengeflimmer bis zu ihnen herab. Dadurch waren sie unmutig und mitztrauisch geworden, auch hatten sich Krankheiten und böse Gedanken bei ihnen eingeschlichen. Als sie nun Helte daherkvmmen sahen mit seinem Hute von Butter und feinem Kleid von Destfedern, ergriff sie eine grohe Angst, es möchte ein fremder Zauberer sein, der ihnen Uebles wolle, und sie beschlossen, ihn zu töten. Helte aber wurde sich der Feindschaft nicht gewahr, sondern wie er zur Eiche kam und den herrlichen Baum sah, kletterte er in seines Herzens Lust mit der behenden Kraft, die er sich in der Kameradschaft mit den Tieren des Waldes erworben hatte, an dem borkigen Stamme herauf und fchtvang sich auf einen der mächtige Aeste. Dort sah er mm und sang all die Lieder, die ihn die Vögel gelehrt hatten, und sein Herz, das an Gulla dachte, war so warm von Glück und Sehnsucht, dah die Zweigs des Astes, auf dem er sah, gleichfalls von Wärme ergriffen wurden und ihre Blätter zusannnenzurollen begannen, wie vor einer heihen Sonne. Die oberen Zweige aber, die sich neugierig herabgeneigt hatten zu dem Sänger, machten es den unteren nach und goßen ihre Lust an die noch höheren weiter, so dah bald der ganze Baum mit zusammengerollten Blättern dastand. Da breitete sich auf einmal eine schwache Helligkeit aus im Städtchen und die Leute, die erstaunt emporblickten, gewahrten ein grhes Stück des schönsten blauen Himmels. Da wurden alle voll Fröhlichkeit und warfen ihre dunklen Pelze ab. dah sie nun farbig wie in Feuer* lleidern dastanden. Mit freundlichen Minen umringten sie Helte, der unter dem Lichte des blauen Himmelsstückchens wie ein lustiger Vogel im Baume sah und fang. Helte aber kümmerte sich um keinen. Als er sich satt gesungen hatte, glitt er fröhlich von seinem Aste herunter, stellte sich neben die finstere Eiche, machte ihr eine respektvolle Reverenz und sing getrost sein Spriichlein an. Er bat die Eiche um Holz für fern Doot, mit dem er den gewundenen Fluh hinunterfahren könne zur groben Stadt, in der das Feuer leuchtete, das Gullas Haar trocknen und sie aus dem Sumpfe erlösen könnte. Die Bewohner des Städtchens, als sie das hörten, erschraken sehr über Heltes Kühnheit, denn es war ihnen bekannt, dah di« besten Holzfäller des Landes vergeblich versucht hatten, die Eich« zu fällen, und dah die VeNvegenen bei diesen Versuchen unbarmherzig von der widerspenstigen Gewalt der Eiche empor geschleudert und kläglich zerschmettert wurden. Denn ihre Wurzeln reichten hinab in das Reich des Todes und wurden drunten mit Blut getränkt und mit den Kräften der verwesten Kreaturen reichlich gedüngt. Als nun also Helte seine Bitte torgetragen hatte, schauten alle gespannt in die Höhe, um zu erfahren, was die Eiche wohl in ihrem Zorne beginnen würde. Die aber schüttelte nur erstaunt und wie lachend ihre Zweige. „Weil du erst anfragst, mein guter Zickzack, anstatt mir gleich mit grober Kraft zu Leibe zu gehen, so wie deine Vorgänger, so will ich dir sagen: Alle deine Mühe ist umsonst, denn nur ein Bell • kann mich fällen, das mit der Kunst des Schmiedes geschmiedet ist." „Wenn es weiter nichts ist," sagte Helte, „ein solches Beil will ich wohl beschaffen." Die Eiche aber, nachdem sie dieses gesagt hatte, faltete ihre Blätter wieher auseinander und stand nun da, finsterer als zuvor, den ganzen Himmel verdeckend. Als die Umstehenden das sahen, legten sie ihre dunklen Pelze wieder an und wurden zornig auf Helte, der ihnen nicht helfen konnte. Schon hatte ihn der kräftigste der Männer ergriffen, um ihn zu schlagen, da rief ein altes Bettelweib, das unvermutet in der Menge aufgetaucht war: „Warum wollt ihr ihn denn jetzt schon töten, Iaht ihn lieber den Schmied suchen." Als die andern das hörten, lachten sie höhnisch und liehen Helte fahren. Helte ging, da sie ihn losgerissen hatten und die Menge sich verlief, zu der Bettlerin, deren Gesicht von Runzeln und häßlichen gelben Flecken entstellt war. „Was ist das für ein Schmied," sagte er, „von dem du sprichst und wo wohnt er? Wenn er mir bas Beil verschaffen kann, das die Eiche fällt, so will ich zu ihm gehen." Da sah das alte Weib den jungen Helte mit sonderbarem Wohlgefallen an. „Ich will dir sagen, was es für eine Bewandtnis hat mit dem Schmied," sagte sie. „Gr wohnt im Süden, in einem gehöhlten Berge, der mitten im Meere steht, der Strudel dort ist so gefährlich, daß feinet Menschen Schiff sich der Klippe nahen kann. Und könnte es eines, so würde es verbrannt werden von den glühenden Steinen imd Funken, dis sich beständig aus dem Schlote des Berges ergießen. Und würde es nicht verbrannt, so könnte doch keiner die Klippe ersteigen, denn ste ist so fteit, dah nicht einmal der Fuß eines Mooses darauf haften kann." Als Helte diese Worte gehört hatte, fahte ihn eine große Mutlosigkeit. „Ach, ich armer Zickzack," klagte er, „träte ich doch so vernünftig, wie die Kuh ober so klug wie der Fuchs, daß ich Weg fände, auf dem ich schnell hinkvmmen könnte, .nach fernen Süden." Als er noch so klagte, erhob sich von ungefähr ein starker Nordwind und hob Heltes Federkleid, daß es sich spreizte und breitete wie Nägel. Da machte sich Helte so leicht, wie er nut konnte und der Wind ergriff ihn, denn er glaubte, es fei ein seltsamer, fremder Riesenvogel, der sich ihm auf die Schulter gesetzt hatte, um ein wenig auszuruhen. So flog denn Helte nach Süden in Zickzackstößen, um alle Ecken der Erde. Die Wildgänse begleiteten ihn mit ihrem Geschrei und die heimkehrenden Star« grüßten ihn. Dann kamen buntere Vögel, deren Sprache er nicht verstand. Wohl einen ganzen Tag war er so geflogen, als er unter sich ein gewaltiges Rauchen und Glühen in die Luft steigen sah. Gr bog sich hinab und erblickte einen steilen Berg, der mitten im Meere stand und ton seiner Höhe, die wie ein großer Schlot gebildet war, feurige Steine, Funkenbündel und Asche in das Wasser hineinwarf, wo sie zischend und dampfend versanken. Da merkte Helte, dah er an der Wohnung des Schmiedes angelangt war, sagte dem Nordwinde großen Dank und schwang sich von dem Rücken des Windes herunter. Sogleich sank er mit großer Geschwindigkeit und tarn so glücklich herab, daß er gerade mtt den Füßen auf die Kante des Dergschiotes zu stehen tarn. (Schluß folgt.) Schriftleitüng: Dr. Friede. Wilb. Lange. Druck und Derlaa der Brübl'schen Aniv.-Bu-b- unft Steindruckerei R. Lanae, Gießen.