Gietzener jamilienblätter Unterhaltungsbellage zum Gietzener Anzeiger Jahrgangs Vleiutag, »e» 28. Moder n»..,, Schrei. Von QBalter^Btoetitl Was giltst du noch dem Erdenrund, mein Vaterland? Bist aus der Menschheit Friedensbund verbannt und ausgebrannt! Heißt Hunnenheim, bist Sklavenbezwinaer. schicksalzerbliht, ins Metz verfitzt — Verleumdung hat mit schlammigem Fing«! dich kotbespritzt. älnd ringst noch immer todesmatt und rührst dich nicht? Daß dich die Welt verstoßen hat, das spürst du nicht? Die Waffen hat man dir zerbrochen und dich gezwängt ins Jammerjoch, dich ehrlos obendrein gesprochen — erträgst du's noch? Dich wehren, nein, das kannst du nicht, doch kannst du fchrei'n! -gum -Urteil, daß dich schuldig spricht. ein wütig heulend: „Olein! 1“ Statt daß dem Streich der Feindestatze du scheu dich fügst, dich feig begnügst, knirsch' in der Welt Verleumdersratz«: „Du lügst! Tn lügst!!" Dom Schweigen. Von Franz Lüdtke. Es toar ein altes gutes Wort, mm Schweigen, das Gold sei. stammte aus großväterlicher Zeit, da Gold etwas selten köstliches war: da man Schatz und Sonntagsgeschmeide hütete und hegte, da die güldenen Stücke noch nicht wie Scheidemünze von Hand zu Hand liefen. Das war die Zeit, da man noch schweigen konnte, das Schweigen noch ehrte. „Heiliges Schweigen" — so klingt es auch jenen Tagen zu uns herüber. Die Zeit ging vorbei, verbrauste, versickerte; eine neue Zeit stieg über die Truhen und Gräber der alten: eine Zeit, da man das Heilige verlernte — und das Schweigen auch. Jetzt zittert der Lärm durch die Gassen. Das Leben ist laut geworden, wie der Alltag. Wo bleiben die Feierstunden? Lärm, Rauch der Fabriken, Hast und Hetze, Geschrei um Brot, um Recht, wirkliches oder vermeintliches, Jagen und Gieren, Stotzen und Genietzen — und alles dies tötet das heilige Schweigen, tötet die Seele, tötet in der Seele Gott. Wie sind wir doch arm geworden, seitdem wir das Schweigen verlernten! । , Wir ersticken hn Asphaltdunst, ertauben im Rattern, Gekreisch und den Wißtönen der Straße; die reine Luft der Sttlle fliehen wir, angstvoll, als rede aus ihr, aus dem Schweigen, eine Stimme, die wir vergaßen, verlachten. Rein, nur das Schweigen nicht hören! Lärm, Musik, Tanz, Raserei! Rur das Schweigen nicht — das anklagende, klagende! Im Brausen der Stürme, der Meere und der Schicksale ist Gott; aber er ist auch in dem stillen Sausen und im schweigenden Frieden der Seele. Warum wir das Schweigen fliehen? - Weil wir Gott fliehen. , Weil jede Minute und Sekunde auSgefüllt sein.mutz, auf daß Nicht in unserm Innern das Große, Ewige, 'UntötBare, Unsterbliche ersteht, das fragend uns ins übernächtigte, abgestumpfte Angesicht schaut: Goft. Auf daß nicht in unserm Innern ein Gedanke aufkommt, sich anklammert, ankrallt, der furchtbare Gedanke an — das Schweigen nach dem Lärm ibe8 Lebens, das Schweigen der Ewigkeit. . . 2lichts„ da von Ewigkeit! Richt« da von Gott! Lärm. Lärm, dreimal Lärm! । Schweigen bleibt. And Gott bleibt. And die Ewig- wn der Lärm verhallt, und die Gassen werden einst flttL und die Flut verebbt, der Genuß schalt ab. die Tanzmusik der Sphären klingt und klingt durch das All. Dann, Seele, dann? * , Zum Sonntag der großväterlich«« Zett! Zu der Stille, rn deren ferner ißuft die Seele badet. Heiliges Schweigen! Laßt Gott aus ihm sprechen! i Feierstunden! Feierstunden der Seele! Zur Seele zurück! Ja, wir Baben sie verleugnet, Hand aufs Herz: du, ich da» Beste in uns. Wir haben sie verkauft um blutige Silberlinge, tote wurden ihr untreu, noch ehe der Hahn dreimal schrie , Er wir bangen wir zittern, heben die Hände: Gebt un« das Schweigen wieder! Heimwärts zur Heimat, zu Gott! lauschen wir tief tief in die Brunnen des Schweigens. Rachts kommt solche Stunde, wir liegen wach wir zürnen nicht, tour find nicht allem: das Schweigen ist bei uns, und in d«a Schweigen spricht Gott. Oder Tags kommt die Stunde zu uns die Stunde des Ruhens, der Gnade, der Versenkung, und wir trauern nicht um verlorene Zett. Denn ein Gold schimmert au« Schweigen, das nimmer feil ist um alles Gold der Banken, und Börsen dieser Welt. ' . , Wir lauschen, die Sttlle redet, das Schweigen segnet. Wir sehen einen Wann durch die Felder schreiten Und gütig über di«, so ihm folgen, die Hände breiten: , - ,Jln&, die aus dem Lärm die.Sehnsucht zum Schweigen selig smd die Anruhvollen, die nach der Ruhe verlangen; selig sind, die aus dem Werktag zum Sonntagsfrieden begehren: denn sie werden Gott schauen. Das wehrhafte Fräulein. Von Friedrich greifa*). , ,®er Oktober des Jahres 1648 ging zu Ende, als durch di« herbstlichen deutschen Lande ein großes Staunen rauschte daß nun endgültig und f^t Frieden auf Erden herrschen sollte. Trotzdem das große Werk der Staatsmänner, Gesandten und Räte versiegelt, verbrieft und ^schworen war, mochten und konnten es die 2eute md>t fassen, daß solches geschehen fein könne. Waren es doch nut toenrge, die sich an die goldenen Zeiten erinnerten, die vor den langen, dumpfen Jahrzehnten der Rot. Qual und Kümmernis lagen. Es wollte ein Atemholen durch die deutschen Lande gehen, aber noch wagte es niemand, die Lungen so recht vollzusauaei, mit der neuen Friedensluft, die mit dem Herbststurm durch ba8 ßanö wirbelte, als wolle sie der Herrgott neu mtfd>en und reini« gen vom Blutgeruch und Pulverdampf der Schlachten, vom Rauch verbrannter Heimstätten, vom aufgestiegenen Schweitzdunst und Staub der Heerkörper. Da aber zur Rächt der Sturm unbändiger und böser ward, da er die altersbraunen, mürben Ziegel von den schlechtgehaltenen Häusern jagte und verwitterte Strohdächer grimmig zerzauste, mochte es manchem Menschenkinde dünken, daß die zornigen Gewalten, die in dem langen Kriege Welt und Gemüter der Menschen erfüllt hatten, nun unter wütigem Drohen auä &en Lüften entführen, tote es sich für böse, teuflische Mächte geziemt Em rechter Tanzplatz und Verlustierungsort der erregten Lüfte toar das breite Waldtal von Smmfpringe im Wesergebiet Da wühlten die Winde in den Wipfeln der weiten Waldungen, pfiffen an der Bergnase des Herrenberges empor zu den breiten Händen des festen Hauses Herrenbruch, stürzten sich kopfüber auf die schmal« Wiese, durch die die Wasser der hochgeschwollenen Emme brausten, und schnurrten dann weiter durch das Loch zwischen den stöhnew- den Wäldern zur Rechten und Linken, bis sie heulend über di« altersgrüne Stadtmauer sprangen und in den engen Gassen zwisch«, Ben hvchgiebeligen Häusern von Emmspringe ihr Anwesen in der Vergrauenden Dämmerung trieben. Die Schilder klapperten, die Fenster knatterten in den Angeln, tue Türen taten sich auf, schwangen, schlugen krachend zu, um sich iah aufspringend wieder zu offnen. In den leeren, bebenden Spei- ehern Pfiffen die Ratten erschreckt Und empört. Wer aber auf « Überrascht wurde, eilte, fein Haus zu gewinnen, da ba» An Wetter feinen auf der Gasse litt. Sm erften Stockwerk des hohen Pfarrhauses, gegenüber d« Siivesterktrche, sah der Pfarrherr Josias Rottner im Lichtkreis von zwei dünnen Talgkerzen, die in blechernen Leuchtern staken •) Covhright bh Georg Müller in München. ra^mtßaffen Sie die Suppe nicht falt werden, Herr Josias," mahnte die Frau, Gehorsam löffelte der Psamherr fernen Topf aus, da er wohl wußte, daß die Kuffin nicht Ruhe geben wurde, bis er sein Abenddeputat verzehrt hatte , ,, Nachdem die Eßbarkeit pflichtgemäß zu Ende gebracht war, sagte er: „Ich vermeinte schon, Laß jemand im Haus Einlaß begehre, denn die Tiere zeigten plötzlich Anruhe. „ - , Bei dem Sturm treib-t's kernen durch dre Stadt, sagte dre Kufsin .Wer sollte uns auch von außen zulaufen? ' Aber als sie nach diesen Worten gerade dieirdene Schussel an sich nahm, sprang die Katze hastig vom Schoß ihres Herrn mrf den Tisch und schaute rings um, während Jammer die Aase gegen ©<£u'Sie die Tiere selbst an, Kuffin," rief der Pfarrheiw Jedoch die alte Frau richtete sich bolzengerade auf, schuttel,e Len Kopf und erwiderte: „Din nicht umsonst lang genug LandstorzeriN gewesen, Herr Josias! Weiß Bescheid um das Treiben im Freren. Wer in einen solchen Sturm gerät, birgt sich in einer Erdm ulde oder klemmt den Rücken an den Stamm eines breiten Daumes, denn Wind ist schärfer als Kälte und schneidet Lunge und Herz Die Lichter hüpften auf urt6- nieder, die Schatten schwangen sich, das Haus ächzte, Dalken knarrten und- die Fenster jammerten. Es war ein Wetter, das der Kufsin recht geben mochte. Allem' durch diese gespenstische, dunkle Lust klang wie aus weiter Ferne em greller, schneidender Laut. Der Hund begann leise zu winv> em gaIt> Hilfe zu leisten, war die, Güte mächtig in Herrn Josias Rottner und- lieh ihm Kräfte, so daß, er schnelh ttoy seines gebrechlichen Körpers, dre Stufen hnrunte^ustergen vermochte und- noch zur rechten Zeit dazu kam, um den Kops des ohnmächtigen Weibes, das dre Kuffrn rüstig um die»Mitte b« Leibes gepackt hatte, vor einem derben Anprall gegen die ruck» schwingenden Flügel der Pforte zu schützen. Jammer eilte lebhaft die Treppe hinauf ins Zimmer, als wollte er Quartier ansagen Als die Kufsin und Herr Josias mrt der Ohnmächtigen die Mitte des Ganges erreicht hatten/ trottete groß und schwer das Pserd durch die Pforte in den Hausflur und reckte den mächtigen Kopf unheimlich über die Gruppe der drei Menschen. Schwer schlug die Pforte zurück und fiel ins Schloß. Heller ward es, da der knisternd-e Kienspan nun Leuchtkraft gewann. Das Gesicht der Verunglückten war deutlich zu erkennen. Herr Josias wollte seinen Augen nicht trauen. „Kuffin!" rief er „Ist es moglich, oder will Satan uns äffen? Das ist das Fraulein von Herrenbruch! Was hat sie zu dieser Stunde ins Anwetter hinausgetrieben i Richt umsonst hatte sich die Kuffin in zwanzig ,Wandeigahren auf den Landstraßen Deutschlands, Angarns der Niederlande und Italiens die Fußsohlen hart gelaufen. Vielerlei hatte sw gesehen und erlebt an Angemach und Wettersnvt. Wahrend Herr Josias noch starr war von Mitleid- und Darmherzigkeit, wußte sw schnell ^^^Jn^^kahlen^schmucklosen Kammer wurde das Fräulein auf das Lager gebettet, das für den Psarrherrn schon Saustet stand. Aus der Küche holte die Kuffin ein paar heiße Herdsterne, wickelte sie in Tücher und schob- sie dem Fräulein rn die Achselhöhlen, einen^ schmalen, flachen legte sie ihr auf den Leib Sie wickelte den Körper des Mädchens in wollene Tücher, die Fuße aber, diesie von Strümpsen und- Schuhen befreit hatte, rieb sie Mit den Sym» den, bis das Fräulein wieder erwachte. Dann trug sie einen Topf heißer Milch herbei, die sie der Verunglückten einfloßte. (Fortsetzung folgt.) Erinnerung an Bayreuth 1924. Don E. Roloff. Als in diesem Sommer nach Ivjähriger Pause das Festspielhaus auf dem grünen Hügel sich wieder auftat, sollte eine langgehegte Jugendsehnsucht endlich erfüllt werden: Der „sestspiel- zug" führte mich nach Dahreuth. Wahrend das Auge auf den lieblich romantischen Gegenden der Rurnberger Schweiz haftete und das Ohr halb bewußt die umherschwimenden Dayreuth- Gespräche aufsing, wuchs die Spannung der Seele. Sone Zetten, als man, erfüllt von Degeisterung, gefeit gegen jede Ermüdung, nicht achtend des vielstündigen Stehens dort ^a un vierten Rang der Oper die glänzenden Wunderwerke ^s sroßen Zauberers atemlos miterlebte — wie wert lagen sie doch zuruck! Mit ihrem köstlichen Erlebnisrausch waren sie vom Heute durch die ttefe Kluft des Krieges mit seiner bitteren Erlebnisreautat flS» trennt. Was wird uns Wagner jetzt sein, ist er uns nicht fremd am eichenen Tisch und- sah Arkunden und Rechnungen seiner Pfarr- aemeinde durch. Die rötlichen Flämmchen der ^beiden Kerzen zitterten wie arme Seelen, die am Verlöschen sind. Anter der sort- wirkenden Gewalt des Luftzuges hoben und senkten sich die kmsterni' den alten Pergamente, als Ware tn ihnen eigene-- Lewa erwacht. Die bleigefaßten, kleinen Scheiben der beiden Fenster gegenüber dem Tisch ratterten trotz der Läden, mit denen sie vor dem Winde ' verwahrt waren. In dem großen, düsteren, niedrigen Raume duckten und reckten sich breite Schatten. Wahrens das ganze Haus unter der Gewalt des Sturmes ächzte, knackten die ausgetretenen Herrn ^Josias^Rottner gelang das Rechnen schlecht. Tod und Rot hatten an den Posten zuviel gefälscht. Run sollten die üehlm gefunden werden, alles sollte die strenge und rechte Ordnung er- lanaen wie sie einmal vordem gewesen war. Darüber waren -Un- iraaen'von der landesherrlichen Fiskalkammer an das Pfarramt aelanat die beantwortet werden mußten, peinlich und genau. Seufzend blätterte Herr Josias seine Pergamente durch. Gewiß, hatte er lwber aus den Laten, die hinter ihm die Wand bedeckten emen der großen Quartanten oder Folianten genommen, um fia> ■■ , jene lateinische und griechische Welt zu fluch-en, die ihm. in den dreißig Jahren zuvor Tröstung m den Sorgen der Zeit ge ^"Äbi^L er mit Kreide auf einer Schiefertafel sich einige Zeichen ^lchte, wenn er in seinen Papieren etwas Wichtiges für die Herren Räte gefunden zu haben glaubte hob sich zwischen der Tischkante und- dem schreibenden, schwarzbetuchten Arm em rot- 8» SÄüÄÄ Ste»*» wurde es im untersten Fache des Düchergestelles lebendig, fischen den ??ol'anten kroch ein hagerer zottiger Wolfskdter hervor. Em El umwandelte er unruhig den Tisch, setzte sich dann zur Linken neben den Stuhl und berührte mit der spitzen Schnauze die Hano «ÄS u.» »-"ch-m b-» SÄ ®i« herein trat die Kuffin, ein altes Solkmtenweib von fast 'funssig Jahren, die beim Durchzuge eines Heerhaufens des Dernhard von Weimar krank in der Stadt liegengeblieben war. Am der Darm Herzigkeit willen hatte der Psarrherr die verlauste, alte ^eticn ausgenommen, wie zuvor die Katze Leide, die krank m der Gosie lag und Len Hund Jammer, den er zerrissen von Wolfsbi-ser, neben einem erfrorenen Marodeur im Schnee gefunden , hatte. Er war nicht Abel dabei gefahren, denn mit derselben Treue wie die beiden Tiere hing die alte Person an ihm. Sie erkämpfte, wenn es not tat, mit Faust und- Krallen für ihn das, was er zu des -eibes Rotdurft und Rahrung bedurfte. Herr Josias wendete den mageren Kopf, der von sAvAweißen, über die Ohren herabfallenden Haaren, wie von emer Perücke bedeckt erschien, und fragte in das bräunliche Dunkel zuruck. „Wa^ ^^D^WehlsuPpe!" erklang eine harte Altstimme. Ein Aapsi der auf einem nackten, sehnigen Anterarm ln dm Lich k ms g schoben wurde, verdrängte einen Haufen , Papiere. Auf der an deren Seite umwanderte den Stuhl ein zmnerner Löffel m einer ^^^Die^Kahe reckte sich, schnurrte, buckelte und- beroch den irdenen Topf Der Hund- Jammer rieb sich am Rocke der »rau, die mit ein paar sesten Strichen ihm über den knochigen Rucken fuhs- Dam- bar schaute er in das feste, trotz der Verwüstung der Jahre noch wohlgeformte Gesicht empor, d-as von einem roten Kopftuch um- mern, die Katze sprang furchtsam vom Tisch ins Dunkel. Da erhob sich Herr Josias und befahl: „Kuffin, offne Sie! .So wa^GoU meiner armen Seele helfen möge, drunten heischt em Menschenkind ®inI®a8 alte Haus schien den Atem anzuhalten, als die Kuffin die Tür öffnete und die knackende, dunkleTreppe hinabstreg, wahrend der Aufschlag von Jammers Pfoten in fünf regelmäßigen Spimn- qen zu Herrn Josias herauftrommeste. Leide, die Katze, war zum obersten Regal hinaufgeklettert und- schaute mit glanzenden, gelben Augen von oben auf das Zimmer herab .., , ~.r<. Mühselig erhob sich der Psarrherr, beugte sich über den -vlsch, streckte die zitternde Hand nach der Kerze au-, ergriff fte und schrittt zur Treppe. Drunten im Gang trat c-u ÄuifW Mit einem großen Kienspan in der Faust aus der Küche. Sie war rn ihre Holzschuhe gefahren und- stampfte nun schwer über den roten Estrich des Ganges zur Pforte, an der Jammer in seiner Angeduld sich hoch aufrichtete. Das Schloß knirschte, die Tür flog auf, wie em Ungetüm wälzte sich Sturm iiis Haus, so daß droben auf der Treppe d-ie Kerze in der Hand des Pfarrherrn Erlosch wahrend der Feuerbrand, den die Kuffin mit der Hand schützte, besser standhielt Herr Josias vermochte im Dunkel nichts za erkennen als die knisternden, sprühenden Funken und die dunkelrot beleuchteten Mit Lnn Riesensatz war Jammer zur Lürehinausgesprun- aen Laut schlug er an, als habe er etwas gefunden, nun bettelte er bei der Kuffin einen Augenblick und setzte dann rasend wieder über die Schwelle ins Freie zurück. ha Der Wind, der das ganze Haus durchtvbt hatte, hielt Plötzlich wie erschöpft inne. Der Pfarrherr hörte einen dumpfen Husiritt und ward einen schwarzen Pferdehuf gewahr, 6er an der Schwel scharrte. Ihn schauderte, da er der Macht des Dosen gedachte, doch die Kuffin wich nicht vor der Erscheinung. Ruhig trat sie auf die Schwelle, beugte sich vor und rief dann mit ihrer tiefen, harten Stimme ins Haus zurück: „Gottes, Wunder, Herr Psarrer. Es lieg einer vor unserer Tür, der sich nimmer tm Sattel ha. halten ton- nen. Am Christi Darmherzigkeit willen! Es ist kem Mann! Es ist - 191 erden? Würde nicht unsere Seele eher in der ton allen finn- t Fesseln freien absoluten Musik Erlösung finden? Die Ant- wvrt hierauf muh Dahreuth geben. Aber Bayreuth bedeutet ja nicht nur Richard Wagner. Bor thm war das Bayreuth der Mark- gräfin Wilhelmrne, der schönen und geistvollen Schwester Friedrichs des Großen, aus deren Memoiren wir unter Puder und Lockenbau und Esprit ein bittergewordenes Menschenherz leidenschaftlich schlagen hören. Hier in Bayreuth mußte der Ehrgeiz der Königstochter langsam resignieren: aber er tat es mit der Grazie des Rokokos und schuf im künstlerischen Spiel unvergänglich Schönes und Reizvolles. And auch seiner kann man in Dahreuth nicht vergessen, obwohl er gesagt hat: „Ich bin nicht der Mühe wert gegen das, was ich, gemacht" — Jean Pauls, des „breitesten Germanen", des Dichters, dessen Stern nach dem Worte seines eifrigsten Verehrers Börne erst im zwanzigsten Jahrhundert wahrhaft aufgehen soll. Drei Erscheinungen — jede von ihnen von einzigartiger Bedeutung für das deutsche Geistes-' leben, untereinander scheinbar fremd, in einer kleinen Stadt vereint — wie bestehen sie nebeneinander? Werden sie sich nicht hart schneiden, einander gegenseitig Abbruch tun? In drei sonnigen Sommertagen gab Dahreuth seine Antwort auf alle zweifelnden Fragen. Man wandert durch diese Stadt in dem Gefühl lieblicher Muhe. In diesen klaren, schöngeschwungenen Strahenzügen, auf den architektonisch geschlossenen stillen Plätzen gibt es kein Gewühl: behaglich, genießerisch schlendern auswärtige Besucher und Einheimische einher, nur zu den Stunden des Festspielbeginns entwickelt sich lebhafterer Verkehr von Wagen, Autos und eilenden Fußgängern. In der inneren Stadt finden sich kaum moderne Gebäude: nirgends ist die Einheitlichkeit der- Bauweise gestört, die Häuser tragen überwiegend den Charakter des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts, die Läden schmiegen sich unaufdringlich in die unteren Stockwerke hinein. Alte und neue Brunnen plätschern laut und leise: zu Füßen des barocken Reiterstandbilds eines markgräslichen Türkenbezwingers sprudeln die allegon- sierten 4 Fichtelgebirgsstrome, und auch der Säule, die den zierlichen rassigen Cheveauxleger im Eisenhut trägt, entflieht ein schlanker Silberstrahl. Das Reue Schloß, dessen Vollendung Wilhelmine betrieb, von außen schlicht und vornehm, wirkt innen mit seinen köstlichen Gobelins, seiner wunderbaren Farbenabstimmung, seinen kleinen intimen Schmuckzimmern und den großen, wahrhaft rönig- sichen Repräsentationsräumen überaus festlich und froh. Dahinter der Hofgarten, überwölbt von alten großen Bäumen, inmitten ein dunkler, langgestreckter rechteckiger Teich, mehrfach überbrückt, auf kleinen Inseln verwitterte Tritonen und ein noch immer reizendes Rixchen — sieht man nicht die nächtliche Wasserfahrt, schlanke Gondeln, Aufblitzen schöner Augen und reichen Geschmeides, Fackelwiderschein auf dunklem Wasserspiegel, hört man nicht galantes Flüstern, Rauschen von Seide, hin und her fliegendes Scherzwort und Gelächter? Zum Greifen deutlich lebt jenes Zeitalter der Feste hier auf, und ein wenig wehmütig lächelnd gedenkt man der merkwürdigen Tatsache, daß auf Grund einer so durchgebildeten und nun tyrannisch herrschenden Geschmacksrichtung, wie die Kultur des Rokokos sie darstellt, das ganze Leben zum Spiel zu werden — schien. Das drängt sich noch mehr in die Eremitage auf, dem Lustschloß Wilhelrninens, wo Stein und Stuck und springendes Wasser B einem einzigartigen Kunstwerk geformt wurden, dessen Wesen itre Festlichkeit ist. Aber auch hier wie int Hof garten gibt den nsten Reiz die Verträumtheit, das dornröschenhafte Dersunken- sein und dazu das Blühen der Aatur, die mit ihrem Gegenwartsieben triumphiert. An der großen schönen Landstraße nach der Eremitage aber steht ein kleines, einfaches Haus: die Rollwenzelei, zu der Jean Paul täglich pilgerte, um in ihrem anspruchslosen Frieden seine tausendfarbig leuchtenden und schillernden Gekstesspiele zu treiben, er, den ein heutiger Dichter so schon anredet: „Ihre Stirne und der Glanz Ihrer Augen sehen alles Hiesige als in der Fremde Befindliches an, und der Umgang mit Ihren Werken leitet uns auf schöne deutsche Höhenwege, von denen man die Dorf- oder Kleinstadtseligkeit wie von Vogelfittichen aus betrachten 'kann, oder trägt uns in die Alpenregivnen großer Gefühle, die steil wie der Hasparus über dem kleinen erbärmlichen Getriebe der Durchschnittsmenschheit flimmern, oder zieht uns in die unvergleichlich von Ihnen gemalten Abendröten, in denen uns ein Schluchzen ankommt, wenn uns der Flügelschlag der immergrünen Schönheit anweht". — Es bedarf gar keinen Salto mortale, um aus der Welt des Rokokos in die Jean Pauls hinüberzugelangen in die liebliche Hügelwelt um Bayreuth schmiegen sich beide so natürlich ein — die eine mit dem Silberschleier der UnwiederbrinK- lichkeit zart bedeckt, die andre dem, der den Schlüssel zu ihr besitzt, in unvergänglicher Jugend prangend — und beide ein schönes Spiel durch die alten, in vornehmer Breite angelegten Straßen Bayreuths sieht man im Geist so gut die hochschaukelnden Karossen des markgräflichen Hofes fahren, als die etwas groteske Gestalt des dichtenden Legativnsrates wandeln. Aber der Wanderer, der an einem Frühlingstage des Jahres 1871 unerkannt Dahreuth durchschritt, und sein suchendes Auge auf den freundlichen Höhen ringsum schweifen ließ, ist doch jetzt der eigentlich Lebendige und Gegenwärtige: Richard Wagner. Hier fand er die „in Deutschlands Mitten" gelegene Stadt, die in ihrer 1 Entwicklung über französierendes Fürstentum zum deutschen, an E großen nationalen Literatur gebildeten Bürgertum ihm ein Abbild der gesamten deutschen Kulturgeschich'e zu sein schien. Diese Stadt ertOT er sich und seiner Kunst zur Heimstätte und erhob sie damit hoch über ihre Vergangenheit. Er und Bayreuth wurden ein Begriff. Das parkartige Gartengrundstück, in dessen Mitte sich die strengen Formen der Villa Wahnfried erheben, ist wohl das Mste Ziel aller Dayreuthbesucher. In seiner Tiefe umschließt ein klerner Harn das Grab Richard Wagners. Um die weihevolle Statte spielt fröhliches Kinderglück der Enkel, im Hause oben lebt noch die Gefährtin der Kämpfe und des Sieges des Meisters, die Greisin, deren edle Züge so beredt von großem Erleben sprechen und in der Rachbarschaft Wahnfrieds die Freunde, die in unermüdlicher Lebensarbeit für Wagners Werk gewirkt haben und in ihren Persönlichkeiten zwingendes Zeugnis für den Geist des Wagner Bayreuths ablegen. In Treue pflegt der Sohn des Vaters Erbe, wohl wissend, daß auch heute noch hier seine künstlerische Idee ganz rein dargestellt werden kann. Denn nur hier kann man, dem AlltagsliPen und seiner Hast entrückt, erfreut durch lieblichste Ratur, angeregt durch die künstlerischen Denkmäler der Vergangenheit, sich gid Aerger, Mühe und Enttäuschungen ersparen wird. Wir werden uns bei unserem Tun weniger irren, im Umgänge mit den Menschen diese richtiger beurteilen und den wahren Wert der Dinge leichter erkennen. Und wenn wir müde werden im Getriebe dieser Welt, bei welchem Eigennutz, Geldgier, Leidenschaft und eigene Schwachheit so oft die Räder treiben, so wollen wir uns an den religiösen Koeffiq zienten erinnern, mit dem wir unser irdisches Dasein multiple zieren müssen, um seinen Wert, seine Freuden und Leiden im Lichte einer höheren Welt, nach der sich unsere christliche Deels immer mehr sehnen soll, recht zu verstehen. Dchriftleitung: Dr. Jriedr. Wilb. Sanne. — Druck und Verlag der Brübl'schen ätniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Dietzen.