Eichener zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <924 Samstag, -en 28. Juni Nummer 2Z Trost. ES haben viel Dichter gefangen 3m schönen deutschen Land, Nun sind ihre Lieder verklungen, Die Sänger ruhen im Sand. Aber solange noch kreisen Die Stern' um die Erde rund, Tun Herzen in neuen Weisen Die alle Schönhell kund. 3m Walde, da liegt verfallen, Der alten Helden Haus, Doch aus den Toren und Hallen Bricht jährlich der Frühling aus. Und wo immer müde Fechter Sinken im mutigen Strauß, Es kommen frische Geschlechter Unb fechten es ehrlich aus. Eichendorfs. Goethe und Professor Hoepsner in Gietzen. Von Alfred Dock. (Schluß.) Hoepsner hatte sich am 18. Oktober 1773 mit Marianne Thom, einer Tochter des Kriegszahlmeisters Thorn in Giehen, vermählt. Zimmermann sagt, sie war eine anmutige Dlvn- dine, ein schönes, stilles, verschlossenes Gemüt, in dem sich liebevolle, innige Weiblichkeit, Frömmigkeit und Willenskraft zu- fammenfanden. Del aller Zurückhaltung im Ausdruck ihrer Gefühle war sie der innigsten Freundschaft fähig und bei großer! Selbstbeherrschung im Urteile über die Fehler ihres Rächsten milde. Auch in ihrer Liebe zur Dichtkunst erkennen wir Hoepfners eben- hürtige Gefährtin. Goethe wußte die seltenen Gaben der liebenswürdigen Frau zu schätzen und nahm an dem häuslichen Glück des Freundes teil. Ein volles halbes Jahrhundert nach seiner ersten Begegnung mitHoepsner in Gießen, im Sommer 1823, weilte Goethe, von schwerer Krankheit eben genesen, in Marienbad. Eines Tages ließ sich eine Verwandte des G o e z s ch e n Hauses in Büdesheim, dem Goethe befreundet war, bei Sr. Exzellenz melden. Goethe nahm den Besuch sofort an. Die Unterhaltung bewegte sich in der gewöhnlichsten Sphäre. Die ländliche Erscheinung „in einen Basenmantel eingemummt“, lieh Goethe stark zweifeln, ob sie je eine Zeile von ihm gelesen, ja ob sie überhaupt lesen und schreiben könne. „ÄH, sage Se mer doch, 3hr Exzellenz“, fragte die biedere Frau nach der ersten Begrüßung, „ob Se sich wieder recht gut befinde, ach wie wird sich mein Herr Vetter freie! und Wiele, Leit werde sich freie! 3s es denn wahr, dah Sie stch selbst kuriert habe? Die Leit habe sagt, die Dotter hätte Sie nicht ksund mach« könne.“ Goethe kam nicht aus dem Lachen über die komische Base, zog sie immer wieder aufs Kanapee und fragte, ob sie denn heute nicht in Marienbad bleiben wolle. „Ach, nein, 3hr Exzellenz, sehe Se. ich reis' mit einem alten Herrn, der hat absolut nicht herkwvllt; aber ich habe soviel kbllt, bis «es kthan hall. — Mer wolle nach Prag, das soll e schöne Stadt fein.“ Beim Weggehen sagte die Fremde, sie habe als Geschenk ihres Vetters Goez einen Krug Äüdelsheimer und einige wertvolle Mineralien im Vorzimmer zurückgelassen. Goethe fand eine Vignette an den Krug mit folgenden Versen geheftet: „O, fand' ich doch ein glücklich Wort und Zeichen Für meines Herzens heißen Dank, Ich möchte dir den Labebecher reichen, Gefüllt mit reichem Wundertrank, Und jeden Balsam in den Decher senken, Den die Ratur erschafft, Und voll und immer voller dir ihn schenken Mit Lebensfüll' und Kraft.“ Die Äüdelsheimer Bäuerin war aber niemand anders als die Geheimrättn Reh berg*), eine Tochter des Gießener Professors Hoepfner, die sich für den Scherz, den Goethe vor fünfzig 3ahren mit ihrem Vater getrieben, revanchieren wvjllte. Ein Brief von ihr *) Gattin des Geh. Kabinettsrats von Rehberg. Dom 30. Rovember 1823, den Obersteuerrat Hallwachs in beglaubigter Abschrift mitteilt, gibt das vorher angeführte Gespräch mit Goethe wieder und erzählt den Vorgang weiter:^. Den Rachmittag hätte ich nun gar zu gern mir meinen Pardon allein geholt unds Goethe womöglich in die alte Zeit zurückgeführt, zu meinem Vater tunb Merck und so Weller, aber Rehberg wollte doch auch sein 2eil von ihm haben und blieb „als verwünschter Dritter“ dabei sitzen — ich war nach meiner üblen Gewohnheit auf Reisen halb taub, und so entging mir vieles, was er mit Rehberg über allerlei literarische Gegenstände unb über Göttingen sprach. Er hat eine Herausgabe seiner Korrespondenz mit Schiller vor, wovon ihn aber doch noch wie er sagte, die Furcht abhielle, manchen unter den Lebendigen zu verletzen und Anstoß zu geben, was ihm Rehberg auszureden und ihn zu bewegen suchte, seine Korrespondenz baldmöglichst der Welt zu schenken. Die Geschichte seines Lebens, sagte er, sei geschlossen. Ich brachte ihn doch noch auf Darmstadt uuds Merck, wobei er ein Wort aussprach was das ganze Leben Rehbergs bezeichnete und mir mit einem Blitzstrahl den Punkt erleuchtete, um den sich sein ganzes Schicksal gedreht hat! Ach! konnte ich nicht umhin, im stillen zu seufzen, wer das Rehberg vor dreißig 3obren zugerufen hätte! Und wenn ers hatte befolgen können! Aber hier erkannte ich meinen Dichter, an dem ich vor allem den gesunden Menschenverstand bewundert habe, womit ec immer den Ragel auf den Kops trifft. Ueberhaupt ist es nicht möglich, sich etwas Einfacheres, Ratürlicheres als sein Gespräch zu denken. Er ist sich seiner inneren Kraft und Vollendung aufs vollkommenste bewußt und läßt stch darum nur so ganz ruhig gehen. Sein Airstand ist vornehm, imposant, ohne eine Spur von Aufgeblasenheit, ohne die Steifheit, deren ihn so manche an geklagt haben. Manchmal geht seine Ratürlichkell in Raivität über, und das steht ihm ganz bezaubernd. 3m Laufe des Gesprächs erinnert ich ihn einmal daran, daß er gesagt habe: „Gott segne die Pedanten, da sie soviel Nützliches beichickM.“ „3a“, sagte er freundlich „das schickt sich wohl für mich die Partei der Pedanten zu übernehmen, da ich selbst einer bin.“ Wenn man ihm etwas Verbindliches sagt, so zieht sich ein freundliches Lächeln über sein Gesicht, was ohne Worte zu sagen scheint: „3ch danke Dir für Deine gute Absicht.“ Die wenigen gütigen Zeilen, die er mir ins Reisestammbuch schrieb, hab' ich 3hnen, glaub' ich schon mitgeteUt Beim Abschied nahm er noch zwei Steine aus seiner Minmaliensamm- lung und gab sie mir mit den Worten: „Ich mutz Ihnen doch auch ein Andenken schenken, da sind ein paar Steine, aber ich nenne sie Ihnen nicht, denn wll haben auch unsere Geheimnisse.. Fragen Sie nur den ersten besten Mineralogen danach“ Auf meine Frage sagte mir Hausmann (Professor der Mineralogie in Göttingen): der eine herbe Pyroxene, der Feuergast, der andere Amphibole, die Zweideutige. Da hatte ich also meine gnädige Strafe. So endete mein liebes, glückliches Abenteuer. . .“ Ein seltsames Zusammentreffen, das Hoepfners Tochter mit ihrem lustigen Einfall den Dichtergreis noch einmal an die Tage des Sturms und Drangs gemahnen sollte, die weit in nebelhafte Ferne seinem Blick entrückt waren. Und wie ihn die Gegenwart der geistreichen Frau erfrischte und all seine Liebenswürdigkeit wachrief, so mutzte vor seinem geistigen Auge das Bild des Jugendfreundes Hoepsner wieder erstehen, der seine ersten Geistestaten mit seiner Teilnahme und seinem Beifall begleitet hatte. Die Eidechse. Von Fritz Müller - (PartenÜrchen) Eannero. Ein Verlag hatte mir geschrieben, er gäbe ein Sammelwerk heraus, als Einleitung brauche er einen Aufsatz: „Der Mensch als Krone der Schöpfung“, und es wäre ihm recht, itoenn bcd Artikel möglichst „zügig“ geschrieben werd« . . . Run ist bestellte Arbeit nie begeisternd für Federn, die eigen* willig sind. Aber immerhin — der Mensch als Krone der Schöpfung? Ei, da mutz sich doch was Gutes schreiben lassen! AuS einem solchen Titel strömt ja von selbst Begeisterung, wenn man nur sreundlich lächelnd mit der Hand darüber streicht! Rur mit der Hand? Vor allem mit dem Stolze, daß man selbst ein Laubblatt an der Schöpfungskrvne sei und drin rascheln dürfe, wenn... ja: wenn die Winde gehn. Hm, Wind toärq nicht genug. Es müßte wohl auch Sturm fern, der bis an Wurzeln rührte. Rur Stürme konnten Lieder fingen von der fungskrone. Also faß W> am Tisch vor meinem Fenster und wartete deS inneren Sturmes. Der aber wollte nicht recht kommen. Melleicht, weil draußen eitel Sonne schien, vielleicht, weil mir auf einmal eine Frage durch den Kops schoß, die Frage: „Sind wir wirklich dieser Schöpfung Krone?" Genug, ich weih es nicht. Ich weih nur so viel, dah ich mit meiner Bleistiftsspitze zwecklos Löcher in die weihen Blätter b-ohrte und übers Fenstersims ins Leere starrte. Da raschelte etwas an der Mauer. Ein dreieckiges Köpflein schob sich herauf und blinzelte. Ich hielt ganz still. Da schob es sich weiter herauf und jetzt, nach einem ,blitzschnellen' Schwung, sah eine schlanke Eidechse auf dem Fensterbrett des Hauses, welches sie im Dorfe das Räuberhäuschen heihen. Sie war ganz sonderbar grün. Wie aus Stein gemeißelt lag lag sie da in praller Sonne. Einen kleinen Schneller noch, so lag sie auf meinem Manuskriptpapier. Aber sie machte keinen mehr. Sie blickte mich nur unverwandt an. Weil ich mich nicht rührte, fürchtete sie sich nicht. Ich konnte sehen, wie sich untenm Kopf die feine Schüppchenhaut hob und senkte und wie die Aeug- lein glitzerten. > Don der Strahe kam ein fernes Singen. Die Eidechse wandte das Köpfchen hierhin, dorthin — sie horchte auf das (Lied da drüben. Das verklang, und mein Echselein sah mir wieder schnurgerade ins Angesicht. Mein Auge war es, das sie fesselte. . . Glanz kam zu Glanz und senkte sich mit Staunen ineinander, älnd eine Frage spielte Fangball zwischen mir und ihr: „Was denkt wohl dieses Ding da?" Was meinen Sinn bewegte, war: .Der Mensch, der Schöpfung Krone." älnd was im Kopfe der kleinen Eidechse vor sich ging? Vielleicht dasselbe: „Die Eidechse, küe Krone der Schöpfung." Och muhte lächeln, dah sich Eidechsen so was einbilden können. Dann fiel mir ein, dah sicher auch die Eidechse über mich lächeln würde, könnte ich ihr mitteilen, dah wir der Schöpfung Krone feien. Hatte sie nicht eben geblinzelt? Und auf einmal floh ein Strom lebendigen Verstehens zwischen mir und ihr. Auf einmal wußte ich, dah alles, was lebendig ist auf dieser Welt, nicht oben Und nicht unten steht. Dah alles Lebendige gleichwertig ist, in feiner Art ein jedes eine Krone alles Lebens. । Konnte es Vollkommeneres geben als eine Eidechse? Konnte eS Vollkommeneres geben als einen Vogel? Konnte es Vollkommeneres geben als den Menschen? Aber der Mensch hat allein Verstand, sagst du! Woher weiht du das? Und ist Verstand das Höchste? Ist er mehr als eine schwanke Oberfläche tieferer Gewalten? Der Mensch allein hat eine Seele, sagst du! Glaubst du das, so bist du noch nie in dem Strom des Liebens mitgeschtvommen, der stündlich um die Erde kreist. Der Mensch allein kann Drücken bauen,. Bücher schreiben und die Entfernung der Sterne in Millionen Meilen berechnen, sagst du. Das ist wahr, das tarnt er. Aber schau einem Tier ins Angesicht und wirf, wenn du's kannst, nur einen Ahnungsblick in feine Seele: üleberkomrnt dich eine Ahnung alles dessen, was die Eidechse alles tarnt, was du nicht kannst? Weiht du, ob die Art Und Weise, wie eine Eidechse diese Welt ansieht, nicht ibesser ist, als deine Art, sie durch Bücher hindurch zu sehen? „Sag' mal selbst, Echslein ..." Husch, war sie das Fensterbrett entlang gelaufen'und ht einem Wauerspalt verschwunden. Ich wollte, ich könnte auch in einem Mauerspalt verschwinden, wenn's mich freute. Der Auftrag des Verlages zum Beispiel freut mich nicht. Ich weih schon, was ich dem Verlage schreibe: „Der Mensch ist nicht die Krone aller Schöpfung, er ist rare ein Blatt mit tausend anderen Blättern an dieser Ärone.“ „Om mani padme hum!“ Don Wilhelm Filchner*). innerhalb der Gabelung zweier unpassierbarer, tiefeingeschnit- tener Nebenarme des Bang-tse-kiang, an einer schmalen Stells des Grates der über 4500 Meter hochragenden wildzerklüfteten Felsenkämme, thront, 1000 Meter über der Talsohle, eine burgartige, menschliche Siedelung, das Lamakloster Sang-pi-ling. Dieses adlernestartig angelegte Kloster mit der 15 Meter hohen, ungeheuer starken Ilmfassungsmauer und den vorspringenden Ecktürmen ahnest weit mehr einem Dergfort, als einer geweihten Stätte. Das Kloster ist der Sitz einer wehrhaften Mönchs-- schar von zweihundert frommen Brüdern unter einem Abte, dessen Heiligkeit und Kühnheit bis an die Dayen-kara-Kette und weiter bis nach Vün-nan hinein Berühmtheit erlangt hat. Sang-pi-ling *) Die packende Schilderung von dem Verzweiflungsvampf des Lamaklosters Sang-pi-ling gegen die chinesische Invasion int Jahre 1906 ist dem neuesten Buch über Tibet entnommen, das Unter dem Titel Sturm über Asien soeben bei Aeufeld u. Henius, Berlin (mit zahlreichen Photographien und Karten des Verfassers, Gzl. 8 Mk.) erschienen ist. Der durch seine Expeditionen als einer der besten Kenner Tibets bekannte Verfasser gibt an der Hand der tatsächlichen Grlebnisie eines diplomatischen Ge- fieimagenten hochinteressante Schilderungen aus dem Staatsleben Tibets und spannende Einblicke in den politischen Hexen- Sessel Asiens. ist eine richtige Raub-rttterburg, von der aus die Mönche ihrs Ausfälle, häufig ht den Teil der vielbegangenen Verkehrsverbindung Chinas mit Lha-sa, zwischen Batang und Litang, zu unternehmen pflegen. Auf diese WÄse hatten sie sich int Laufe der Zeit sehr ansehnliche Vorräte an Nahrungsmitteln, Wasfen und Pulver gesammelt. Als vor vielen Jahren eine chinesische Strafexpedition auf dem Wege nach Sang-pi-ling von den Lamas dieses Klosters vollkommen vernichtet worden war, wagten sich die Chinesen nie mehr in diese berüchtigte Gegend, und die Lamas von Sang-pi-ling wurden unumschränkte Zwingherren der ganzen Hochgebirgsgegend. Das schwere, eichene Tor, das durch den aus gewaltigen Felsblöcken errichteten Hauptturm im Norden des Klosters nach dem Innern führt, und das sonst stets durch starke, eiserne Querriegel! verschlossen ist, steht heute offen, denn aus Batang werden Flüchtlinge erwartet, die hier in Sang-pi-ling Schutz und älnterkunft suchen und finden. Einigen hundert Tibetern war es tote durch ein Wunder gelungen, dem schauerlichen Blutbad zu entgehen, das die Chinesen unter ihren Brüdern bei Batang veranstaltet hatten; alle übrigen ohne älnterschied des Alters und Geschlechts tagen erschossen und erschlagen zwischen ihren brennenden und zerstörten Wohnstätten oder fielen flüchtend den Wölfen und Bären zum Opfer. Auch das große Kloster in Batang war der Zerstörungswut der Chinesen nicht entronnen und in Flammen aufgegangen. Wer von den Mönchen bei der Verteidigung ihres Heiligtums nicht gefallen war, suchte sich jetzt nach Sang-pi-ling zu retten, wo jeder Gläubige fein Leben unter sicherem Schutze weiß. Bewaffnete Lamas aus Batang, Sang-pi-ling und eine Schar Tibeter bilden die Nachhut für das im Felsdesile dem Kloster zu- strömende Flüchtlingsvolk, vielen hundert Weibern, Verwundeten! und Kindern, sowie einigen Normen. Vom Haupttore her drängt sich ein Lama zum Klosterprivr vor, um sich mit den höheren Lamas nach dem nördlichen Turme zu begeben, von dem aus fast das ganze letzte Strittet des Engpasses zu überschauen ist. Hier zeigt sich, daß die Chinesen mit Patrouillen nach dem Höhäikamm von Sang-pi-ling und längs des Felsenpfades gegen das Kloster Fühlung suchen. Ende Dezember haben die Chinesen ihre Stellung auf dem Grate bis auf 300 Meter an das nördliche Klostertor herange- fchoben. Der Prior beschließt, die Angreifer nunmehr aus ihren Felsenlöchern zu vertreiben. Noch im Lause der Nacht haben einige Dutzend beherzte Lamas auf nur ihnen bekannten Schleichwegen längs der Steilhänge das Höhengebiet im Rücken der chinesischen Stellung erreicht. Bei Morgengrauen wird diese in der Front und von hinten angegriffen; bei diesem äleberfall werden die Chinesen bis auf den letzten Mann erschlagen oder in die gähnende» Schlucht im Westen hinabgestvßen. Der Führer der chinesischen Jnvasionsarmee, der energische General Tschao läßt dem bisherigen Kommandeur der chinesischen Belagerung vor Sang-pi-ling zur Strafe für seine geringe Tatkraft und Umsicht enthaupten. An dessen Stelle muß nunmehr General Tung das Kommando vor Sang-pi-ling übernehmen. Bereits Ende Januar macht sich die starke Hand Tungs sühlbar: auf vier Kilometer Entfernung, von außerhalb des Engpasses her, eröffnen eines Tages sechs Geschütze ihr Feuer. Groß ist das Erstaunen der Lamas,, daß dieses nicht gegen die Klosterburg, sondern nach der Plattform beim Klostertor gerichtet ist. (Wer bald erkennen sie den Zweck der Maßnahme. Durch das Streufeuer war ein Vordringen der Lamas auf dem Höhenrücken seindwärts unmöglich geworden. Ohne dah es die Lamas verhindern können, nähert sich der chinesische Angreifer nunmehr planmäßig der Klosterfeste. Schon eine Woche später werden die Klosterinsassen durch Geschützfeuer aus der Gegend ihres Obo auf dem Höhen grade überrascht. Es dauert auch nicht mehr allzulange, und die Chinesen setzen zum Sturm gegen das Klostertor an, werden aber durch einen kühnen Ausfall der Mönche mit Mutigen) Köpfen zurückgeschlagen und zum größten Teil in di^ Tiefen gestürzt, während sich der Rest der chinesischen Streitkräfte mit knapper Not unter Deckung von Artillerie nach der Hauptstellung beim Obo zu retten vermag. Doch Dung ist nicht der Mann, sich durch einen Mißerfolg abschrecken zu lassen, obgleich der harte Winter seinen Truppen schwer zusetzt und große Lücken in seine Scharen reiht. Auch der) Gefahr der Massendesertion seiner Leute weih er zu begegnen: er läßt einige Dutzend Fahnenflüchtige enthaupten. Dann hetzt er neue Sturmtruppen gegen die Zwingburg vor, denen es schließlich bei schwerem Schneesturm gelingt, unbemerkt auf der Plattform vor dem Klostertor am Ende des Felspfades Fuß zu fassen, sich dort im Erdreich brückenkopfartig einzugraben und festzusetzen. Als in den letzten Tagen des Januar der verheerende Schnee- sturm nachläht und die Luft sich aufhellt, stellen die Lamas zu ihrer Bestürzung fest, daß ihre Verbindung mit der Außenwelt über den Höhenpfad durch ein starkes Hindernis abgesperrt ist. Sofortige Gegenstöße der Lamas werden von den mit Mehrladern bewaffneten Chinesen unter schweren Verlusten für die ersteren ab- getoiefen. Die frommen Streiter geben es denn auch auf, gegen &te Sperre anzurennen, um so eher, da diese zunächst keine allzu große Gefahr bedeutet. , _L r Bald aber zeigt sich jedoch, daß die Chinesen von dieser 0tel< lung aus gegen das Klostertor einen Stollen vortreiben. Tag und Nacht vernehmen die Gingeschlossenen in Sang-pi-ling un« - 107 — ausgesetzt ein Klopfen und Schürfen, dßi und zu erzittert der Felsboden von dumpfen Explosionen: die von den Chinesen gelegten Minen springen auf, ohne jedoch wesentlichen Schaden an» xurichten. > Ende Februar stoßen di« chinesischen Mineure bei ihrer Erd» Und Felsarbeit zufällig auf eine unterirdische Wasserader, die Unter der Felsformation auf Las Klostertvr mündet. Zuerst legen die Chinesen dieser Entdeckung keinen besonderen Wert bei, im Gegenteil, sie schimpfen auf diese Wasserader, da sie ihre Minenlöcher, die sie auch gegen Wind und Wetter schützen, mit Wasser füllt und unbrauchbar macht. Dach einigen Tagen aber fällt es ihnen auf, daß die im Kloster E'mgeschlossenen sehr reges Änteresse für ihre Erdarbeiten zeigen. Aus vorsichtigen herübergerufenen Fragen ziehen sie den Schluß, daß es ihnen durch Zufall gelungen ist, dem Kloster die Wasserzufuhr abzuschneiden. Dieses Ereignis verbreitet sich bei den Chinesen wie ein Lauffeuer und hilft Tung, die fast gänzlich gebrochene Kraft und den Kampfgeist seiner Belagerungstruppe etwas zu stärken. Die Auswirkung dieser Zufallsentdeckung zeigt sich für die Chinesen bereits in den nächsten Tagen: die große Zahl der im Kloster zusammengepferchten Menschen und Tiere leidet unter dem Wassermangel. Schon nach kurzer Zeit gehen Dutzende von Schafen und Pferden ein. Die Klosterinsassen suchen sich dadurch zu helfen, daß sie Schnee und Eis in großen Bottichen zum Schmelzen bringen und Regenwasser auffangen und sammeln. Der Klosterprior ist sich darüber klar, daß die Wasierzufuhr, eine der wichtigsten Lebensfragen für das Kloster, mit allen Mitteln sofort wieder» hergestellt werden muß. Dies ist nach Ansicht des Abtes nur zu erreichen, wenn die Chinesen aus ihrer gut.ausgebauten Stellung hinauszuwerfen sind. Die wehrfähigen Männer im Kloster rüsten sich deshalb nach guter Vorbereitung zum Sturm auf das feindliche Bollwerk, der Mitte März int Morgengrauen erfolgt. Während die Zurückgebliebenen im Tempel Bittgottesdienste für Tsong- kapa äbhalten, stürzen sich die priesterlichen Streiter unter Kriegsgeschrei und dem heilkräftigen Gebet „Om mcmi padme hum!" in wildem Ungestüm gegen die Eis- und Felsbastionen der feindlichen Stellung. Dun tobt bis in den späten Abend hinein ein wilder Kampf mit wechselndem Erfolg; einige Augenblicke scheint es sogar, als ob die Chinesen das Schicksal ihrer geopferten Kameraden tellen sollten. Es kommt zum Kampfe Mann gegen Mann. Tibeter und Mönche ringen mit den Chinesen, sie gehen ihnen wie wilde Tiere mit den Zähnen zu Leibe und befördern Hunderte von Feinden in den gähnenden Abgrund. Aber die feindlichen Lücken schließen sich immer wieder; unerschöpflich scheint der chinesische Ersatz. Schon türmen sich die Leichen der Zopfträger zu Hügeln; die vereiste Plattform und der im Morgenrot von Eiskristallen glitzernde Felsgrat sind vom Blute purpurrot gefärbt. „O mani padme hum!" — immer weiter geht das Morden, immer heller klingt vom Kloster her das Gebet der Zurückgebliebenen: „O mani padme hum!", und dieses Bekenntnis zu ihrem buddhistischen Gott gibt den Ermattenden neue Kraft. Immer wieder müssen Hunderte von Chinese^ ihr Leben lassen, aber immer sind die getöteten Feinde sofort durch frische Kräfte ersetzt. Bei Einbruch der Dunkelheit ist der Kampf unentschiedM. Sang°Pi°lings Tor trieft von Blut, die rasche Vereisung läßt diesen eigenartigen rötlichen äleberzug wie rosiges Glas glänzen; die auf dem glatten Hange Ringenden kommen oft paarweise ins Nutschen und stürzen, noch im Gleiten ineinander verbissen, in die Tiefe hinab. Immer verzweifelter wird der Kampf durch die älngunst des Wetters; beide Parteien ziehen sich endlich auf ihre Stellungen zurück. Die Chinefen bringen ihr« Geschütze in nächster Dähe in Position und nehmen das Klostertor unter Feuer, allerdings nur mit geringem' Erfolg. Diel bedenklicher aber ist, daß die Chinesen ihre Laufgräben weiter gegen das Klostertor vorschieben und verbreitern. Die Eingeschlossenen sind bei dem vergletscherten Gelände nicht einmal mehr in der Lage, die Angriffsarbeiten der Chinesen ernstlich zu stören. Der Klosteräbt giht sein Spiel verloren, wenn es nicht im letzten Augenblick gelingt, Sang-pi-ling zu entsetzen. Er denkt dabei an das sechzig Kilometer entfernt liegende Kloster Do im Flußgebiet des Litang, das einer seiner alten Freund« leitet, der di« Chinesen haßt wie die Pest, und dessen sprichwörtlich bewährte Zuverlässigkeit ihm bekannt ist. Es wird also ein ortskundiges Tibeter unter den Mönchen ausgesucht, der im Schutze der Dacht das Kloster verlassen und ein Schreiben des Klosterabtes mit allen nötigen Angaben nach Do bringen soll. Wenn alles gut geht, muß die erbetene Waffenhilfe spätestens am 1. Hunt ein» treffen. Der Plan des Klosterabtes geht dahin, den Haupttrupp der Entsatzmannschaften gegen den nördlichen Teil des Sang-pi- ling-Rückens zu werfen, also im Rücken der chinesischen Stellung. Gleichzeitig soll in der Dacht vom 1. auf den 2. Juni ein Transport von Do aus dem Kloster Sang-pi-ling Lebensmittel und Pulver bringen und dabei eine Furt int Flüsse östlich des Klosters benutzen, di« um diese Jahreszeit gangbar und nur den IEingeborenen bekannt ist. Die Hilfskarawane würde in der verabredeten Dacht bei Morgengrauen am südlichen Klvstertore auf das Stichwort „Tsongkapa" hin Einlaß finden. Di« Wartezeit gestaltet sich für die Eingeschlossenen zu einer furchtbaren Prüfung inti> Leidenszeit; mehr als ein Drittel er» Dögt den Wunden, dem Hunger und der Seuche. Die Ueberlebtew den n^ren sich vom Fleisch der Verstorbenen, und als einmal der schnoderweise mehrere Tage keine Opfer gefordert hat, unter* xie5ni'CTt öte im Kloster eingeschlossenen Männer und Weiber mit dnn Mut der Verzweiflung geführte Ausfälle auf die chinesische Stelurng, um sich in den Besitz von Chinesen zu setzen, die sie dann an Trrumph nach dem Kloster schleppen, dort vor dem Tempel- heiligsten opfern und verzehren. Die Knochen der Geschlachteten werden zu Mehl zerrieben, das mit Wasser angefeuchtet, als Brot- ersatz genossen wird! Während im Kloster namenloses Elend herrscht, hält Tung scharfe Wache Und begnügt sich damit, die Zeit als Bundesgenossen für sich wirken zu lassen, lind daß ihm diese bestimmt di« feindliche Hochburg in die Hand spielen würde, wußte Tung nur zu gut; denn seinen Häschern war es gelungen, den Abgesandten mit der wichtigen Geheimbotschaft nach Do abzufangen und somit Kenntnis von den Planen des Abtes in Sang-pi-ling zu erhalten. Tung hat beschlossen, sich durch List in den Besitz des Derg- klosters zu setzen. Die für die Hilfsaktion ausersehene Lamaserie Do ist in der Zwischenzeit auf fernen Befehl durch chinesische Truppen aufgehoben worden; es war dem chinesischen Führer sogar geglückt, den gefangenen Boten aus Sang-pi-ling durch Folterqualen zur Preisgabe des Platzes der Furt und des Anmarschweges von Do auf Sang-pi-ling zu zwingen. Tung läßt feine zuverlässigsten Soldaten, welche die Landessprache der Batang-Gebiete beherrschen, in tibetische Kleidung stecken und außerdem einen Lebensmittel-Transport zusammenstellen, der sich in der verabredeten Dacht von Do hm: gegen Sang-pi-ling in Marsch setzt. Zur be». stimmten Stunde trifft diese Kolonne am bezeichneten Klostertor ein, das nach Abgabe der richtigen Losung geöffnet wird. Während die freudig überraschten Lamas mit ihrem Abte halfen, den herangeführten reichlichen Proviant nach dem Klosterhofe zu schleppen, gelingt es den unter dem Schutze der Dacht auf dem gleiches Pfade herangeführten chinesischen Truppen mit Unterstützung ihrer verkleideten Kameraden, die Klostertorwache zu überrumpeln und in den Hof einzudringen. Zur selben Zeit bricht Tung aus feinen Stellung am Klostertor im Aorden vor und trägt seinen Angriff, nachdem das Tor hn letzten Augenblick durch eine Miene Ige* sprengt worden war, in das Kloster ein. Dort entsteht nun ein entsetzliches Gemetzel. Die Chinesen werden nach kurzem, grausamem Kampfe Herren der Bergfeste; in ihrer grenzenlosen Wut schonen sie weder Frauen noch Kinder. 3n der allgemeinen Verwirrung und bei dem herrschenden Zwielicht weichen sogar die verkleideten chinesischen Soldaten irrtümlich von ihren eigenen Kameraden totgeschlagen. Was von den Bewohnern von Sang-pi-ling nicht tot auf See Wahlstatt bleibt, darunter alle Tibeter, die beim Ausräuchernt der Klosterhöhlen zum Vorschein kommen, läßt Tung hinrichten. Zu diesem Zweck werden die dreihundert überlebenden Männev und Frauen, während ringsum Feuer an 'die Wohngebäude gelegt werden, nach Abnahme der Waffen 'im Hose des Ätofter* tempels zusammengetrieben. Auf dem Rundgang der Klostermauern postieren sich chinesische Schützen, um die Gefangenen tin Falle eines Aufruhrs wie wehrloses Wild ab-zuschiehen. Männer und Frauen, aus taufend Wustden Blutend, wälzen sich'im Angesicht des Allerheiligsten auf blutgetränkter Erde, während die Henker ein Opfer nach dem anderen aus dem Menschenknäuel! herausreißen, um die Armen gräßlichsten Torturen zu unterziehen; ihnen das rechte Ohr abschneiden und schließlich den Kopf abschlagen. So türmen sich vor Tsong-kapas heiliger Figur Berge von Leichen, und die Henker waten bis an die Knöchel im warmen, rauchend«! Blut. Mitten in diese von Tvdesschreien erfüllte Schlächterei klingt bis spät in die Dachst Unein das in wahnwitziger Angst auSg* stoßen« köstlichste Gebet: „Om mani padme hum!" als letzter Seufzer der für ihren Glauben sterbenden Opfer. Von allen Bewohnern Sang-pi-lings ist mir mehr der Klosteräbt Übriggeblieben. Dieser kühne Streiter liegt blutüberströmt und brünstig betend vor seinem Gott, von dem er nun Abschied nimmt. Die siegestrunkene chinesische Soldateska hat gerade diesen Mann bis zuletzt geschont, um ihn, gleichsam als Schandopfer, mit besonders grausamen, höllischen Folterqualen in den Tod zu hetzen. Schon nähern ssich dem Todgeweihten die Schergen, um ihn zur Schlachtbank zu schleppen. Da . . . ein Ruck . . . das Weihrauchgefäß rollt auf den Holzboden des Tempels, die Glut entzündet die Gebetsschleier, und ehe die Chinesen recht zur Besinnung kommen, steht ;6a8 Allerheiligste in einem Meer von Flammen. Während sich diese zu einem Riesenopferfeuer vereinen, turmhoch zum Himmel lodern und die düstere Klosterstätte in ein grausiges Farbenspiel hüllen, bricht sich in dem entsetzlichen Chaos ein herkulisch gebauter, wild um sich schlagender Mönch mit letzter Kraft Dahn zum Klostertor nach Dorden und rast auf der Plattform, von den wütenjdeni Chinesen verfolgt, laut betend, dem gähnenden Abgrunds zu . . . . . Als der Körper des letzten Abtes von Sang-pi-ling hn felsigen Talgrund in Zuckungen erstirbt, wiederholen die Berg- dämone in tausendfältigem Echo des tapferen Abtes allerletztes Gebet, mit dem sein Leben im Dienste des Heiligtums Tsong-kapas erlischt: „Om mani padme hum!" — 108 — Aus ernster geil. Heimatbilder aus den Kriegsjahren 1618—1648. Don Lehrer QI. Dach- Flensungen . (Fortsetzung.) So kehrte nach einer dreijährigen Schwindelzeit mit dem Ende deS böhmisch-pfälzischen Krieges Handel und Wandel wieder in geordnete Dahnen zurück. Mancher schlechte Mann hatte sich zwar wahrend der Jahre 1621—23 ein grobes Vermögen erworben, im ganzen aber war das Volk durch diese Schwindelperiode viel ärmer geworden. Pfarrer Hrrsch-Wetterfeld klagt: „Diele ehrliche Leute sind schändlich um das Ihre gekommen." Sein Trost dabei ist nur, dab die diebischen Kipper von Goth sichtlich gestraft wurden und alle in Grund verdarben. Haben wir in den Jahren 1921—23 nicht eine ähnliche Schwindelzeit mit ihrer fortwährenden Geldentwertung und ihren üblen Begleiterscheinungen, dem Schieber- und Wuchertum, erleben müssen wie die von 1621—23? Wie schön lassen sich doch da Parallele ziehen. Und wie im Jahre 1624, so scheint auch im Jahre 1924 dais Wirtschaftsleben wieder in geordnete Bahnen zurückzukehren. 3. Der tolle Herzog. Wer auch von Kriegshandlungen blieb unsere Provinz Oberhessen in dem ersten Teil des groben Krieges nicht Der», schont. Der abenteuerliche Herzog Christian von Braunschweig suchte sich 1621 mit Ernst v. Mansfeld in Süddeutschland zu verbinden, um die Pfalz aus den Händen der Kaiserlichen zurüctzuerobern. Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, ein Mitglied der Union, gestattete ihm den Durchzug. Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt, ein Qlnhänger des Kaisers, verweigerte ihm denselben. Der Herzog schickte an letzteren folgendes Schreiben: „So wir im geringsten angegriffen werden sollten, so haltet gewib dafür, daß wir dermaßen in dero Land hausieren werden, dab es dieselben gereuen und Kindeskinder sich noch darüber beklagen sollen. Dies zur (Nachricht." Auch schickte man an die Städte Homberg a. O. und Alsfeld Drohbriefe und forderte Unterwerfung. Alsfeld, welches Verstärkung von Ulrichstein und Schotten erhalten hatte, unterwarf sich nicht. Vach einem heftigen Gefecht, das er mit Truppen Tillys im Dusecker Tal zu bestehen hatte, zog sich Christian nach Westfalen zurück. Durch Plünderung der Bistümer Münster und Paderborn gewann der „tolle Herzog" die Mittel zu einem zweiten Zug nach der Pfalz, welchen er im nächsten Jahre mit 20 000 Mann antrat. Am Himmelfahrtstag rückte er in Qllsfeld ein. An eine ^Verteidigung der Stadt war diesmal nicht zu denken. Alsfeld wurde geplündert, die nicht entflohenen Bürger mibhandelt, und außerdem mußte diese Stadt, um sich gegen Einäscherung zu schützen, 6000 Taler Brandschatz ungsgeld zahlen. Weiter zog Christian über Schotten, wo er auch übel hauste, nach Vidda und Höchst. Ringsum brannten bald alle Dörfer. Da nahte Tilly. Bei Höchst kam es zur Schlacht. Zwei Drittel von Christians Heer wurde vernichtet. Tilly gelang es, nach der Erstürmung Heidelbergs die Eroberung der Pfalz zu vollenden. 4. Eins Wolfs- und Bärenjagd. Das Kriegsjahr 1627 ist durch drei für die Geschichte Hessens wichtige Ereignisse ausgezeichnet: 3m März legte der Landgraf Moritz von Hessen-Kassel zugunsten seines Sohnes Wilhelm die (Regierung nieder. Im April fand die Vermählung Landgraf Georgs II. von Darmstadt statt, und im September kam endlich ein Vergleich in der Marburger Erbschaftsangelegenheit zustande. Durch das Urteil beim Reichshvfrat zu Regensburg war schon 1623 auch der nördliche Teil der früheren Landgrafschaft Hessen- Warburg an Hessen-Darmstadt gefallen. Der Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, der bei der Teilung dieses nördliche Gebiet der Marburger Erbschaft erhalten hatte, war zum Calvinismus übergetreten und nötigte den reformierten Kultus seinem ganzen Lande auf. Da beantragte der streng lutherische Landgraf von Hessen-Darmstadt gemäß der bekannten Testamentsklausel, nach der ein Inhaber der Marburger Erbschaft bei einem Glaubenswechsel seines Erbteils verlustig gehen sollte, auch noch die nördliche Hälfte von dem früheren Hessen-Marburg mit den Städten Marburg und Kirchhain. Es kam zu einem Prozeß, in welchem obiges Urteil gefällt wurde. Alles Protestieren und Appellieren von feiten des Kasseler half nichts. Der Kaiser beauftragte Tilly, den widerstrebenden Landgraf von Hessen-Kassel zum Gehorsam zu zwingen. Tilly besetzte darauf Hessen-Kassel und Teile von Oberhessen. Große Lasten wurden dadurch unserer Gegend auferlegt. Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt forderte aber außerdem als Ersah für die seit 1605 nicht genossenen Einkünfte aus den ihm 1623 zugefallenen Landes teile von Hessen-Kassel die Summe von 1 350 000 Gulden, die Landgraf Moritz bei der fortwährenden Einlagerung feindlicher Truppen nicht aufbringen konnte. Deshalb sollte er einen großen Teil feines Landes mit den Festungeni Ziegenhain und Rheinfels als Unterpfand für diese Summe — ein Gebiet, etwa viermal so groß wie der verhängnisvolle Marburger Anteil — an Hessen-Darmstadt abtreten. 3n dieser Bedrängnis hielt es Landgraf (Moritz von Hessen-Kassel für das beste, Schriftleitung: 3. D.: Heinz Aorrenz. — Druck und Verlag der zugunsten seines Sohnes Wilhelm V. abzudanken. Dieser war fo* fort entschlossen, seinem Land, das unter der Last feindlicher Ein- quartierung und anderer Widerwärtigkeiten zu erliegen drohte, den Frieden, wenn auch mit schweren Opfern, zu erkaufen. Er machte deshalb dem neuen Landgrafen Georg II. von Hessen- Darmstadt den Vorschlag eines gütlichen Vergleichs. Die Gesandten Wilhelms trafen den Landgrafen von Hessen-Darmstadt in Schmalkalden und richteten vorläufig nichts aus, weil derselbe eben nach Sachsen reiste zu seiner Vermählung mit des Kurfürsten ältesten Tochter Sophie Eleonore. Das Fest fand im kurfürstlichen Schloß zu Torgau am 1. April 1627 in Gegenwart vieler Fürsten und Fürstinnen statt und wurde trotz der schlimmen Zeit 12 Tage lang aufs prächtigste gefeiert mit „täglichen Panquetten, auch mit viel Freuden- und Aitterfpielen, Comoedien und anderen Ergötz- lichkeiten". Zu letzteren gehörten eine Ochsen» und Bärenjagd auf dem Felde: „Da haben erstlich etliche Ochsen mit den Daren streiten müssen: wie die Ochsen überwunden sind, sind die Jagdhunde nach einander eingelassen worden, welches so lange gewährt, bis ein Bär nach dem anderen überwunden worden." Sodann fanden auf dem Schlosse eine Wolfs- und Bärenjagd statt......da die Wölfe nach der Jagd alle aufgehentt worden." „ da in währender Jagd ein Bär dem Jäger seinen Hudt vom Kopf gerissen, aber sonst keinen Schaden gethan. 3hre Khurfl. Durch!, samt den anwesenden Potentaten haben oben aus ihren Zimmern mit großer Lust zu gesehen, sonderlich wenn ein Bär in ein Kühlfaß, deren etliche auf die Ecken gesetzt worden, gesprungen, und well der Bär nicht leichtlich herausgekonnt, auch die Hunde demselben nicht behkommen konnten, haben 3hre Khurfl. Durch!. mit Poitzen nach selbigen Bären geschossen, welcher dann darauf sehr gemurret und also im Grimm aus dem Faß gesprungen, worauf die Lust wieder angegangen, bis das die Bären abgemattet gewesen." (Nach Beendigung des Festes begleitete der Kurfürst das junge Paar bis Leipzig, wo man am 17. April anlangte. Auf der Heimreise ins Hessenland besuchte das junge Paar Romrod und Marburg. yn den Tagen jener „Heimführung" fand auch die schon vor der Hochzeit angeregte Zusammenkunft kasselscher und darmstädtt- scher Räte zu Hersfeld statt, um Verhandlungen zur Beilegung des Marburger Erbschaftsstteites zu beginnen. Dieselben führten im September zu dem „Hauptaccvrd", durch welchen der Sttett seinen vorläufigen (Abschluß erhielt: Kassel überläßt ganz Ober- Hessen mit der Universität Marburg an Darmstadt, Landgraf Wilhelm legt sich eine neue Universität in Kassel an, und Landgraf Georg hebt die Gießener Universität auf. Kassel tritt a« Darmstadt die ganze Rieder-Grafschaft Katzenelenbvgen mit Rhein- fels für immer ab und pfandweise die Herrschaft Schmalkalden Dafür verzichtet Hessen-Darmstadt auf alle Geldforderungen und gibt das übrige gepfändete Land heraus. Dieser Qlbschluß brachte den beiden feindlichen Häusern Frieden, der aber nur 16 Jahre währen sollte. 5. Die SchreckenSjahre 1634 und 1635. Die Riederlage der Schweden bei (Nördlingen 1634 war von den außerordentlichsten Folgen gewesen. Franken, Schwaben, ein Teil der Pfalz, die Bergstraße und die Wetterau kamen in die Hand der Kaiserlichen. Gin Teil der schwedischen Bundesgenossen suchte unter Sachsens Führung wieder die Gnade des Kaisers, mit dem Im folgenden Jahr der Prager Friede geschlossen wurde. Die gedemütigten Schweden suchen jetzt selbst Frieden, der aber an den hohen Forderungen des Kaisers scheitert. Da nimmt sich schließlich Frankreich seiner an und beide Mächte führen nun den Krieg mit dem Kaiser und seinen Drmdesgenvsfen fort Von Religion ist keine Rede mehr, der Krieg wird zu einem wilden Eroberungskrieg. Die Schweden nehmen keine Rücksicht imb hausen in protestantischen Ländern so schlimm tote tn katholischen. Jetzt begann auch für unsere Gegend die schreckliche Zeit des Krieges, da sie von vier großen Armeen nacheinander heimgefucht wurde, lieber den ®urd)3ug der Kaiserlichen durch die südliche Wettermr im Herbst 1634 berichtet ein Augenzeuge: „Ue&erall, wo sie hin» kamen, erfüllten sie Himmel, Luft und Erde mit Feuer, Rauch und Dampf. Fast kern Ort blieb ganz stehen, kein Mensch durfte sich sehen oder blicken lassen. Wer nicht des Todes sein wollte, mußte sich entweder in feste Orte oder ins dicke Gesträuch, in Wälder, Höhlen oder Steinklüfte bei die unvernünftigen Tiere verkriechen. Auch hier war er manchmal nicht sicher, sondern wurde herausgezogen und ärger als ein Tier gehauen, erschossen, ge» metzget, zerfetzt, daß keine noch so beredte Zunge oder spitze Feder solche Greueltaten beschreiben kann". Grimmelshausen, der jene schlimme Zeit miterlebte,. erzählt: „Unweit Gelnhausen genoß ich auf dem Feld gleichstni ein hochzeitliches Mahl: denn es lag überall voller Garben, weil sie die Dauern, die nach der Schlacht von Rördlingen verjagt wurden, nicht einführen konnten". And wie in Gelnhausen, so sah es int Spätherbst 1634 auch in unserer Gegend aus. Die Bewohner der ungeschützten offenen Dörfer waren mit allem, was sie von ihrer Habe fortbringen konnten, in die nächsten Städte geflohen. Qllle Städte und Städtchen unserer Provinz waren damals mit hohen Mauern umgeben und mit festen Toren versehen, manche, tote Lich und Gießen, waren sogar Festungen mit Wall und Graben. ______________(Fortsetzung folgt.)___________________ Brühl'schen Aniv.-Buch» und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.