Giehener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger Jahrgang <924 Samstag, den 26. Juli Nummer Ni Die Rivalen. Von Wilh. Müller-Hermsdorf. Die Dacht sprach zum Tage: „O du Glücklicher, die Sonne schauen, Menschen erfreuen zu dürfen, ja, die ganze Schöpfung froh zu sehen!" Der junge Tag verneigte sich und erwiderte: „Liede Mutter Dacht, wem verdanke ich's als dir? Denn du nahmst die Menschen still in deinen Scho st und liehest sie ausruhen von all den Mühseligkeiten, die der Tag über sie gebracht hatte, ja, du heiltest so manche Wunde, die der Tag ihnen geschlagen. Dein, ich kann nicht dulden, daß du dich zu meinen Gunsten heradsetzest." Da umarmte die Dacht den Tag und sprach: „So wollen wir beide bemüht sein, den Menschen klarzumachen, daß sie immer wieder Dunkel und Hell, Tag und Dacht verwerten müssen, um zur Vollkommenheit zu gelangen." Die Menschen aber wähnten, Tag und Dacht seien bitterste Feinde. Aus dem Alltag des Genres. Ein einzigartiges Zeugnis über den Dornenweg des Genies auf Erden ist uns in den Konversationsheften Beethovens erhalten, die in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt werden. Aus diesen hingekritzelten Bemerkungen des Meisters, aus den in Schlagworten hingeschriebenen Antworten der anderen, die dem tauben Genie ihre Anschauungen verdeutlichen wollten, baut sich ein erschütterndes Bild des Beethovenschen Lebens auf. Das innere Leben, die geheimnisvolle Welt seines Schaffens, wird nur hin und wieder gestreift. Den Hauptinhalt bilden die äußeren Dinge des Daseins, mit denen der große Komponist so schwer zu ringen hatte. Wir hören von Haushaltungssorgen und Dienstbotenärger, von Wvhnungs- und Geldsachen, von Büchern, Kleidung und Äah- rungsmitteln. Des öfteren schreibt Beethoven Aufträge für Besorgungen hin. um die er -die anderen bittet. Da heißt es z. D. in einem Gespräch mit Schindler: „Papier, Dalbiermesser — erz- herzogliche Quittung — Ahr — Hosenträger, Löschpapier, Stiefelknecht für Karl, Dachtstuhl." Gleich dahinter bittet er, ihm Stoff zum Frack und Beinkleider zu besorgen. Wenn man immer wieder liest, wie er sich mit der Beschaffung dieser Erfordernisse für das tägliche Leben abplagt, so versteht man den Ausruf eines seiner Besucher, der ihm aufschreibt: „Es ist eine Schande für uns, daß wir nicht alles Störende für Sie aus dem Wege räumen!" Endlose Verhandlungen gibt es über die Haushälterinnen, die ihm besorgt werden sollen. Auch Geldsorgen tauchen immer wie- der auf. Beethoven fragt nach dem Stande der Aktien, die er besitzt, interessiert sich für die Dividenden, die zu erwarten find, will fällige Honorare eintreiben usw. Den größten Daum in diesen Gesprächen nimmt die leidige Streitsache mit der Schwägerin ein, die er als „Königin der Dacht" bezeichnet. Beethoven kämpfte bekanntlich leidenschaftlich um die Erziehung seines Dessen Karl, für öcn er mit der Mutter zugleich die Vormundschaft übernommen hatte, und führte einen Prozeß gegen die Wittve, um ihren! schlechten Einfluß auf den Jüngling auszuschalten. Dabei kam es darauf an, ob die Streitsache vor dem Magistrat der Stadt Wien verhandelt werden sollte, und dies hing davon ab, ob man Beethovens Adel anerkannte. Beethoven zeichnet darüber auf: „Van" bezeichnet den Adel und das Patriziat nur, wenn es zwischen zwei Eigennamen in der Mitte steht, z. Ä. Bentink txrn Diep en heim ufw. Bei Diederlänüern würde man die beste Auskunft' über diese unbedeutende Bedeutenheit erhalten." Es wurde schließlich festgestellt, daß Beethoven nicht adlig sei. Viel Interessantes erfahren wir über Bücher und Daten, die sich Beethoven bestellt. Er schreibt Schulbücher auf, die für den Dessen Karl besorgt werden sollen; er interessiert sich für ein Buch „Die Krankheit des Gehörs", das soeben erschienen ist. Auch von den Gehörmaschinen, von denen er viel erhoffte, um besser hören zu können, ist oft die Rede: Oesters ist von neuen Werken Goethes oder Grillparzers die Rede. Auch für die Philosophen Fichte, Schelling und Schleiermacher interessiert er sich. An einer Stelle findet sich von Beethovens Hand geschrieben: „Das moralische Gesetz in uns und der gestirnte Himmel über uns, Kant!!!" Als ihm erzählt wird, daß in den Phantasiestücken von E. T. A. Hoffmann von ihm viel die Rede fei, schreibt er ans die innere Seite des Heftdeckels: „Hofmann, Du bist kein Hof-Mann." Gegen alle möglichen lächerlichen Redereien und Klatschereien hat er sich zur Wehr zu setzen, so z. V gegen die.Behauptung im Konversationslexikon, „daß Sie ein Seitenkind des großen Friedrich wären. Herr v. Janitschek meint, daß Sie deswegen Friedrich d. Gr. so lieben, weil er Ihr Vater sei." Dieser Irrtum müsse berichtigt werden. Ein ergreifendes Bekenntnis über seine Kunst findet sich in einem Konversationsheft voin 11. März 1820: „Die Welt ist ein König, und sie will geschmeichelt sein, soll sie sich günstig zeigen. Goch wahre Kunst ist eigensinnig, läßt sich glicht in schmeichelnde Formen zwängen. — Berühmte Künstler sind- befangen stets, drum ihre Werke auch die Besten, obschon aus dunklem Schoße sie entsprossen. Man sagt, die Kunst sei lang, kurz das Leben — lang ist das Leben, nur kurz -die Kunst; soll uns ihr Hauch zu den Göttern heben, so ist er eines Augenblickes Gunst." Aus hessischen Dörfern und Städtchen. Erwandertes und Erlebtes von K. D. (Schluß.) Ich muß noch einmal zu der Frage der bäuerlichen Etiketts zurückkommen. In meiner- Erinnerung lebt da ein reizendes Ge- schichtchen. In unsrem Dorf war ein junges Brautpaar, das uns näher stand wie andere. Der Bräutigam wax ein guter Freund Unseres Hauses, das Bräutchen schon als Schullind- gern mit ihrem Strickzeug zu meiner Frau gekommen, Sie kamen und wollten uns zur Hochzeit einladen, find nun trat die bäuerliche Etikette in ihr Recht. Es gilt nicht als fein, sozusagen mit der Türe ins HauS zu fallen, und wer gleich zu Anfang sagt: Ich komme aus dchn und dem Grund, kann sich nicht benehmen. Aus anderen Dörfern ist mir erzählt worden, dort sage der Besucher überhaupt nicht klar heraus, wo der letzte Grund seines Besuches eigentlich steckt. Die Hauptsache werde da so unter anderem versteckt ausgesprochen, daß man ein geübtes Ohr haben müsse, um sie in ihrer Bedeutung herauszufinden. Ich halte auch das nicht so sehr, wie es vielfach geschieht für Schlauheit als für Etikette. Man ist gewissermaßen zu taktvoll, um den Besuchten so grob heraus vor die Entscheidung zu stellen. Man überläßt es ihm, ob er hören und antworten will. Solche Etikette hat manchen ungeübten Pfarrer und Lehrer wohl schon in eine böse Lage gebracht. Wan hat ihn für unaufmerksam und unhöflich, ja unfreundlich angesehen, weil doch nur einfach sein städtisch geschultes Ohr noch nicht richtig „hören" konnte, find er sah vielleicht in Verzweiflung daheim und zermarterte sich den Kopf: Was wollte der Mann, der so lange bei mir faß und dann wieder fortging, und nicht mit..der Sprache herausging. Dun, in unsrem Fall lag das nicht so, >da verlangte die Etikette, daß man sich niederlieh und unterhielt, find dann — eine ganz eigenartige Erscheinung in den Dörfern unsrer Gegend, daß man fein Fortgehen dreimal ankündigte. So, ich muh nun gehen, fagt der Gast, nachdem er einige Zeit gesessen hat. find der junge Pfarrherr, der eben aus der Stadt gekommen ist, hält sich für verpflichtet, zum Däbleiben aufzufordern, oder auch, wenn er grade viel Arbeit hat, steht bereitwillig auf, um dem Gast zum Fortkommen zu helfen. Aber der hat das gar nicht so gemeint, er hat nur die Etikette wahren wollen. Es war eine einfache äußere Form. Er weih ganz genau im Voraus, wie lang er bleiben will, und in entsprechend kürzeren oder längeren Zeitabschnitten folgt das dreimalige: „So, nun muh ich gehen".Dach dem dritten Mal fteht er auf und geht wirklich, find wie er die beiden ersten Male, trotz der Ankündigung, nicht daran gedacht Hat, tvegzugehen, so denkt er fetzt nicht daran, 'sich durch eine noch so höfliche Aufforderung halten zu lassen, find nun, vielleicht schon mit dem Hut in der Hand, kommt der Zweck seines Besuches: „Eich wollt de Herr Lehrer bitte, er sollt mei'm Bub morje firlaub getoe, me wollte nach Schotte." — Bitte, lieber Leser, halte derartige Etikette- dinge nicht für lächerlich, weil sie dir ungewohnt sind. Es gibt in der Stadt Etiketteformen, die für den nüchternen Betrachter noch unendlich viel lächerlicher sind. Denke nur z. B. an die nie angenommenen Verdauungsvisiten nach großen Abfütterungen. Also unser Pärchen kam und nahm Platz, und nun legten wir es nun mal drauf an, sie in so für sie ^anregende vertrauliche Unterhaltung hineinzuziehen, dah sie ganz zutraulich wurden, und in ihrer Zutraulichkeit die strenge bäuerliche Etikette rundweg vergaßen. Auf einmal fiel Junglieschens Mick auf die Wanduhr, und voll Entsetzen fuhr sie in die Höhe. Die für den Besuch festgesetzte Zeit war vergangen, und noch nicht einmal die Ankündigung erfolgt: „Wir müsien gehen." Ganz verdattert nahmen sie Abschied. Hätten wir nun unsrerseits das nach der Etikette zu erwartende formale Halten vorgenommen, so wären sie wohl wieder in die rechte Dahn gekommen. Aber wir taten weiter ganz vev» — 122 - I । wvllm, aö das Strohsett. Gvads an dieser ©tette tritt vielleicht I j**!’ 9eIec"t 5at, am deutlichsten der Unterschied I zrorlchen Dcuiernkullur und unsrer heutigen großstädtischen Kultur zutage. Dem Städter erscheint als Aberglaube, was seinem Der- I lrcmd wider-spricht. Der Dauer empfindet als Aberglaube den Der- I rS gegen (Stott aufzulehnen. Es gibt auch bei Dauern einen I Abwglauben, Zauber- und Hexenkünste ganz furchtbarer I VOTl Häusern, in denen das geschieht, spricht man im Dorf I r“1! ’S? Heimlichem Grauen, und wundert sich gar nicht, wenn dort schweres Unglück, Geisteskrankheit und Familienzerfall ein- | treten. Aber man empfindet dieses -Unglück nicht als Strafe der | vergewaltigten Matur (das wäre städtisch), sondern als Strafe I erzürnten Gottes. Vieles aber, was wir beim Dauer für Aberglauben halten, ist nur eine andere Auffassung von Welt und 1 ?iatur und ihren Gesetzen. Das eigentliche Bezeichnende ist, Latz | ~'au®L’ ßtim Beurteilen solcher Dinge seinem Verstand' nicht die Herrscherstesiung einräumt, die wir ihm gewähren. Und das I nr“? 31336 ^hren zu grundsätzlicher Erkenntnis. Wir sprachen zu Anfang davon, Latz Las Bauerntum auch sein« Kultur hat. Eine I Jahrhunderte alte und oft überraschend gediegene Kultur, lieber diese Kultur liehe sich noch viel mehr erzählen, als uns Daum I )ur Verfügung steht. Aber was sie grundsätzlich! von unserer Kul- I tur scheidet, das ist, dah die Bauernkultur eine Kultur der Seele I ist, und unsre eine Kultur des Verstandes. Bei unsrer Kultur, I marschiert an der Spitze der Gelehrte. Die Kdealgestalten, die die Bauern in Liedern und Sagen für ihre Kultur zeichnen, tra- I gen alle Siegfriedszüge. Fromm, treu, stark, und---von un» I verständiger Kindlichkeit. Dsir bilden uns auf unsre Ver- I standeskultur viel ein, welche Kultur die gediegeneren, gesünderen und lebensfähigeren Menschen gebildet hat — ich glaube, trenn I darüber ein Urteil gefällt würde, würde es für unsre Kultur | siecht sehr günstig ausfallen. Wir Wunen nicht mehr zurück, wer I eip^al Stadtluft geatmet hat, patzt nur noch in den seltensten j Sa den zum Bauer. Aber um eines möchten Liese Zeilen werben, I Verstaiwnis für eine Gruppe von Volksgenossen, die in schlichter j Einfachheit wertvolle Quellen völkischen Lebens für uns hüten I und bewahren. Conrad von Marburg und die Inquisition in Hessen. Don Lehrer A. Dach- Flensungen. I Seit Len Zeiten des Papstes Gregor VII. wurde von den I BaPsten denjenigen Christen eine volle Sündenvergebung versprochen, welche der Kirche wichtige Dienste erzeigten. So bewil- I ligte z. B. das Kvllsgiatstift Wetzlar 1404 allen denjenigen, welche zum Dau des Stiftsturms etwas beitragen würden, einen Haupt- äblatz von 2000 Tagen. Als endlich di« Schlüsielgewalt der Päpste nicht nur über Lebende, sondern auch über Verstorbene und im I Segfeuer Schmachtende ausgedehnt wurde, und man den im Kampf gegm die Ketzer stehenden Christen vollkommene Vergebung der Sunden versprach, wie Lies der Erzbischof Conrad von Mainz im Bahre 1427 getan hatte, da wurde der Unfug mit dem Ablatz ärger I und die Sittenlosigkeit unter Geistlichen und Laien größer denn 'je. ©leg geht so recht deutlich aus der Vereinigungsurkunde des Klosters Schiffenberg mit dem Dtschn. Orden in Marburg 1323 und aus einem Ermahnungsschreiben Karls IV. an den Erzbischof Ger- lach in Mainz vom Zähre 1359 hervor. 3n letzterem Schreiben fragt der Kaiser, welches Gesetz den Dienern der Kirche erlaube, Spiele und Turniere abzuhalten, kriegerische Kleidung mit goldenen und silbernen Borden und Soldatenstiefel zu tragen, Haar und Bart wachsen zu lassen. Bei einer solchen Sittenlosigkeit des Klerus war es durchaus nicht zu verwundern, wenn hier und da von besserem Geist beseelte Leute sich gegen die herrschende Kirche auflehnten und sich gänzlich von ihr lossagten. So kam es, datz die feit dem 11. Jahrhundert öen Vt allen aus m dem Abendland sich immer weiter ausbreitenden Manichäer eine große Abneigung gegen die Kirche an den ^ag legten und solche weiter zu verbreiten suchten. Beinahe gleichgesinnt mit den Manichäern waren um jene Zeit die Waldenser südlichen Frankreich, deren Absicht dahin ging, das so sehr entstellte Christentum in feiner Einfachheit und Reinheit wieder Heizustellen. Sie hatten ihren Damen von ihrem Stifter Petrus- in Lyon erhalten. Zn Hessen waren die Waldeiiser um &ie 0171116 6cS 12-Jahrhunderts sehr zahlreich vorhanden und ums vW 1233 war Marburg der Hauptvrt ihrer Diederlassung. UeBer» all suchte man den lächerlichsten Unsinn von ihnen auszustreuen, und nachdein man aus dem im Jahre 1179 gehaltenen LateranischeN Conztl erklärt hatte, datz die Furcht vor Todesstrafen ein heil- fgme3 Mittel zur Rettung der Seele fei, und der Erzbischof von LMM den Scheiterhaufen zur Unterdrückung der Ketzerei empfoh- lM hatte, da ging man auch in Deutschland auf diese Weise gegen die Wakdenser oder Ketzer vor. Ihr heftigster Verfolger in nn- ferer Gegend war Conrad von Marburg, der Beichtvater und ^silchtmeisier der hl. Elisabeth, desien grausames Wirken auch unser nördliches Hessen so sehr betroffen hat. Crmrcld von Marburg stammte wahrscheinlich ans edier ade- liigen Familie und wurde in oder bei Marburg geboren, und zwM im letzten Mertel des 12. Jahrhunderts. Frühzeittg wurde er Mr dm Mtstüchen Stand bestaunt Bei feinem Meitz und der traulich, sahen ein, dah sie nicht viel Zett hätten, geleiteten siq auf den Hausflur, und reichten ihnen Hut und Umschlagtuch. Schon hatten sie die Haustüre geöffnet, da frug meine Frau ganz trotten: »Sag anal, Lieschen, gelt ihr wolll uns zur Hochzeit einladen?" am ^Tag nach der Hochzett beim Kochen des Viittagessens der Blitz in den Kochtopf gefahren wäre, hätte sie Irehl nicht mehr erschrecken können: und heute noch, trenn wir mal bei den sieben jungen Leutchen zu Besuch sind und meine Frau Tragt. »Ls^chen, weiht du noch, wie ihr uns zur Hochzeit einludet," dann huscht sie kichernd zur Sure hinaus, und „er“ rückt verschämt schmunzelnd' in die Ofenecke Diese strenge Etikette des bäuerlichen Besuchs führt uns im Vergleich mit dem Dreiminutenbesuch der Stadt zu enter anderen W wertvollen bäuerlichen Eigenschaft: das ist die bäuerliche Ruhe. Der Dauer macht das Hasten der Stadt nicht mit. Der trauer ist, ganz gewiß kein Faulenzer. Im Gegenteil, er kann schaffen wie em Gaul. Wir haben ihn in Erntezeiten von 2 Uhr morge1^ bis 11 Uhr nachts an der Arbeit gesehen. Und' einen e^mreö kannte ich, der diese kargen drei Dachtstunden, die die S11 mit Sensendengeln für seine Kunö- schcht aussullte. Wan sagt, dafür katm er im Winter ausruhen Aber ich kenne manchen Städter, von dem ich allen Grund habe an- ^L'uen, dah er sich bitter Über Arbeit beschweren würde, wenn er etnntat solches winterliche Ausruhen auf einem großen Bauern» W Alfo der Dauer ist kein Faulenzer, aber „er 'n nur einmal städtische ösinder neben Daueinknidern beim Hüten von Gänsen oder anderem Vieh gesehen ft)UU Tn- 66 sradezu körperhaft, welche Ruhe in f^^^:339®^tm S^zen Wesen dieser Dauernkinder Dm rechte Dauer mag sein Vieh nicht gern von Stadt- hüten lassen Er weiß aus Erfahrung, Latz selbst Las Di«H unter der Hand dieser Stadtkinder aufgeregt wird Diese I ^USjetec ^lunden Nerven, die der Städter j Ä M Diese Ruhe, über die man ^st^uch voll schreiben fonnte, tritt besonders stark an einer ©teile hervor. An der Stellung des Bauern gegenüber den Natur- i Auch hier spielt tausendjährige Erfahrung. Uralte Ge- ^'Öten kann er daruber erzählen, datz man ihnen gegenüber macht- ^schichten scheu nicht nur in seinem Verstand Widern sie haben sich ausgewirtt tm tiefsten Innern seiner Seele ist eigenartig, solange der Dauer sich im Kampfe mit Menschen I eü 'XXX einer Zähigkeit, die ihm den Namen „Prozetzhansi“ Mg^agm hat. - Sowie er aber vor Naturgewalten steht, wird Saft tm schroffen Gegensatz zum Städter, der so leicht I fcmjnenf<ßn$en Gegner Aug in Äug' gegen« a^TI° Überkluge Aussetzungen zu machen Weitz an^der I LvttlichM Weltorönung. Em einziges Beispiel: Ich war als I prnger Mann feit etwa vier Wochen in einem Dogelsbergdors I ®a kam em alter- Machbar und' bot mftr an, er wolle mtr^metn I 05 mit wolle. Natürlich wollte ich mit Der Weg ftihrte über eine steile kahle Anhöhe in den am 33011 &er Höhe aus sahen wir in Un& bt>rt mu kräftiges Gewitter- herMifkvrmnen. ^donnerte und blitzte schon ganz tüchtig Mein ^bekümmert Wetter: da wurde mir die Sache doch Ä^Ä^33^ ,3^ iagte schließlich: „Es> kommt ein Gewitter!“ Er ^er rarttoortete ganjun&efangen: „Daß macht naut, die Kaih hun mtt mcht grade sehr klugem Gesicht stellte ich inner- I der- Mann überhaupt nicht verstanden hatte welch« I ""r lebendig waren. Daß man sich vor dem Gewitter I Eonne, kam für ihn überhaupt nicht in Betracht. Und er I stillmi mein Verständnis, daß ich als I ptaotmenf^ baran dachte, daß der 2teqen den Küden rdSnhfirh I Tnt rfx Vyrx-v« rr f p - rvY> •Ö'ßTl 'moralischen Mutz >^®m alten Mann als einen solchen Ungläubigen hin- Mstellen, ^r Len Aufenthalt in einem menschengebauten Haus I für einen Blitzschutz hielte. Er hätte mir dann auch gewiß sofort! I Es wm jenen Hunderten der Beispiele der Banerneifahruna erzählt, die alle auf Len gleichen Ton gestimmt sind' Wen 's frei- I A sE, den triffts!“ Gegen Naturgewalten gwL '^kttn Lib ^usweiche'n wollen, hat keinen Sinn, sie fürchtm ist I ein Zeichen von Unglauben und' schlechtem Gewissm ans lind nun „Naturgewalten“? Die Frage führt uns auf em GebiÄ, über das man ebenfalls Bücher schreiben fönnte- .9Wir wollen versuchen, uns über Las I mm,T'5 ar lC^er euYlma klar zu werden. Und da heißt der erste Satz- I Baueraaf ergtaitbe und Städteraberglaube sind zwei grundverschie^ | tü*ti™?TR Städter, der sich von irgendeiner geschüsts- I ahrsagerm aus dem Kaffeesatz oder der Handfläche Ae I A?unft sagen laßt oder der sich mit andren Gleichgesinnten zu- I Tammenfeßt und Tischrücken spielt, weiß dabei mehr oder minder öatz « etwas tut, was seiner eigenen Lebensauffassung I (Sv „Mn» X , ' ,__ tvas ich tue, ist Aber^ I ben.ft ®kwa, meine andren Lebenskünste versagen hier I kmiüttew fahr’ &S1! Aberglauben versuchen. Dies De- I Ir X1 b«im Bauer. Die Bauernfrau, die am Silvesterabend I “Sa/*™ O^333^33 windet, daß er bester tragen soll I ’ ^Es«m Strohseil und dem künstlichen Dünger, 'derr I IrT3 grundsätzlichen Unterschied, ja, fast er- I ^Ä^^138“ eher als ein Stück Werglaub«, I ; d. h. aW em Versuch, Gott mitunerlaubten Dingen zwingen M I . — 123 — Mssenschast brachte er «Shold dahin, Latz er Magister wer Doktor der Theologie wurde. In der Folge kam er nach ParÄ, woher chn die hl. Elisabeth auf Empfehlung des damaligen Papstes als Beichtvater erhielt. Zugleich bestellte ihn der Papst r A^ftitor in Deutschland. Mehr als 19 Jahre stand er die- fE Geschäft vor und übte gegen die sogenannten Ketzer, namentlich die in Hessen und der Arngegend ausgebreiteten Waldenser die größten Grausamkeiten aus. In Marburg allein wurden 80 »Ketzer" verbrannt, und der dortige Ketzerbach, in welchen man die Asche der Verbrannten streute, trägt noch von diesen Anglücklichen seinen Barnen. 2m Jahre 1231 wagte Conrad von Marburg eine Ketzerverfol- güng durch ganz Deutschland, in welcher drei Jahre hindurch eine Wenge von Ketzern verbrannt wurden. Seine Gehilfen bei diesem scheußlichen Geschäft waren Conrad von Tors und' Johannes mit einem Auge und einer Hand, die früher selbst Ketzer gewesen waren. Das Gebiet seines grausamen Wirkens waren hauptsächlich die Gegenden an der Lahn, dem Rhein und der Sieg, vorzüglich Oberhessen. Reiche und Arme, Adelige und Bürgerliche, sofern sie nicht ihre Ketzerei bekannten, wurden verbrannt. Erklärten ste sich für schuldig und wünschten eine Versöhnung mit der Kirche, so wurden ihnen bloß die Haare abgeschnitten. Conrad von Marburg ging sogar so weit, sich an Grafen und Fürsten zu vergreifen und sie der Ketzerei zu beschuldigen. So zog derselbe den Grafen von Arberg, den Grafen Heinrich den Aelteren von Solms, den Grafen von Henneberg, eine Gräfin von Looz und den Grafen Heinrich von Sahn vor seinen inquisitorischen Richter- stuhl. Graf Heinrich von Solms gestand, daß er ein Ketzer sei, und so wurden ihm bloß die Haare abgefchnitten. Graf Heinrich von Sahn verteidigt stch dagegen standhaft auf der im Jahre 1233 abgehaltenen Reichs Versammlung in Mainz. Erst im nächsten Jahre wurde er auf dem Reichstag zu Frankfurt, nachdem 8 Bischöfe, 12 Aebte, 12 Franziskaner und 3 Dominikaner für ihn geschworen hatten, daß er kein Ketzer fei, freigesprochen. Aber schon vorher hatte er sich an Conrad von Marburg gerächt.. Auf sein Betreiben wurde dieser gefährliche Mensch auf der Rückreise von Mainz am 30. Juli 1233 von den Heinen von Dernbach und noch sechs angeklagten Ketzern bei Kappel, in der Rühe von Marburg, tot- geschlagen und feine Leiche in der Hospitalkirche zu Marburg neben der hl. Elisabeth beigesetzt. Nachdem im nächsten Jahr auf dem oben erwähnten Reichstag zu Frankfurt 50 Mann, die Conrad von Marburg hatte scheren lassen, ihre Anschuld' beteuerten, und Graf Heinrich v. Sahn freigesprochen worden war, wurde an diesem Tag der Stab über die Inquisition in Deutschland gebrochen, und j niemals hat dieses Angeheuer wieder fein Haupt emporheben können. Weiter ist Conrad von Marburg noch bekannt als Zuchtmeister und Beichtvater der hl. Elisabeth, jener edlen Königstochter aus Angarn, deren Gebeine in dem prächtigen Sarkophag in der bekannten Elisabethkirchs zu Marburg ruhen. Die mittelalterliche Strenge, mit der Conrad von Marburg gegen die Ketzer vorging,. I erzeigte er auch fernem hohen Beichtkind. Sie mußte ihren Leib I durch Hunger und' Durst bändigen, barfuß auf kalten Steinen gehen, sich den Rücken mit Ruten blutig geißeln und' sich noch andere herbe Qualen bereiten. Mit gefühlloser Strenge riß er ihr anderthalbjähriges Töchterchen Gertrud von ihrem liebenden Mutterherzen und brachte es in LasPrämonftratenser-Jungfrauen- klvster Altenberg bei Wetzlar. Aeber das Leben und Wirken dieser I edlen Prinzessin im Kloster Altenberg gibt eine alte Handschrift: »Antiquitatis Monasterii Aldenburgensis“, welche sich in den Archiven des Klosters Altenberg zu Braunfels befindet, näheren Aufschluß. Rach dieser Handschrift soll Gertrudis, kaum vier Jahre alt, beim Verscheiden der hl. Elisabeth am 19. November 1231 geäußert haben: „Ich höre das Totenglöcklein zu Marburg I tönen, und in diesem Augenblick wird meine liebe Frau Mutter I verschieden fein.“ Daß auch die Umgebung der hl. Elisabeth diesen I grausamen Schritt Conrads nicht billigt, geht aus derfelben Hand- ! fchrift hervor: „Sie gebar eine Tochter Gertrudis, welche Tochter, I da sie anderthalb Jahre alt war, hak sie solche nach Altenbergs I in das neue Kloster geschickt, in solchem heiligen Convent weytzen ! heiligen Prämonstratenser geistlichen Habit, dem Allerhöchsten all- j weg zu dienen, wurde aber von ihren Beambten und Edelleuten I mehrmals gescholten, daß sie dieses junge landgräfliche und konig- I ließe Töchterlein in dies armes und weit von ihr gelegenes Orth gethan hätte.“ Dann möchte ich noch einige Stellen aus den Codices diplo- maticus von Gudenus anführen. Hiernach bewährte sich Gertrudis, di« in ihrem 21. Lebensjahr Meisterin des Klosters wurde, als eine in heiligem Glanz strahlende Lehrerin der Tugend, deren Leitung sich bald mehrere Jungfrauen aus dem Nassauischen und Solm- sischen unterwarfen, andere wieder ihr Vermögen dem Kloster zu- brachten, womit sie unter dem Beistand des Himmels die herr- kche Kirche, wie sie iwch heute daselbst vorhanden ist, baute und Tte der hl. Jungfrau und dem Erzengel Michael weihte. Außerdem | errichtete sie nach dem Beispiel ihrer Mutter ein Hospital, dessen Leitung sie selbst übernahm. Eine besondere Freude Bereitete ihr das Versöhnen entzweiter Ordensschwestern. Hierüber enthält obige Handschrift eine prächtige Legende: „Sv ereignet es sich einstmals, daß 2 Nonnen ihre gegenseitige Liebe Beifeitefeßten und in Aneinigkeit lebten. Als dies Gerttud gewahrte, ermahnt« fia dieselben kräftig zum Frieden. Da ste aber ihre hartnäckigen I Gernütrn wahrnahm, und den Löwen, welchen sie an Ketten vor thrmnSchlafzumner hatte, durch irgend einen Zufall vyn feinen Fanden losgeristen, frei Herumlaufen sah, rief ste denselben im harnen Jesu zu stch und der Löwe kam in schnellem Lauf zu der Die Folge war eine Versöhnung der Ordens- Begebenheit soll nach der genannten Legende auxl) dre Arsache gewesen fein, weshalb der Löwe auf ihrem Grab- Jtetn zu Altenberg und auf den die Gertrudis darstellenden Bildern Mbandlgt zu ihren Füßen sich schmiegend dargestellt wird Aeber das End« der hl. Gertrudis lesen wir in genanntem Werk noch folgendes: „Endlich, damit ihr der Lohn für so schwere Arbeit zuteil wurde, wurde sie von einer tödlichen Krankheit befallen und ging nach empfangenen hl. Sterbesakramenten fröhlich hinüber zu ihrem Bräutigam am 13. August 1297, im 70. Jahr ihres Alters und un 49. ihres Regiments. Der Papst Clemens VI. verordnete, daß, cm sich Gertrudis nach ihrem Tod durch Wunder verherrlichte, ihr Jahresfest im Kloster zu Altenberg gefeiert werden solle. Auch wurden ihre Gebeine am 16. Februar 1348 in Gegenwart von 2 Difchöfen, 3 Aebten und 30 Priestern unter einem großen Zukauf des Volkes und unter Feierlichkeiten ausgegraben und in ein über der Erde erhabenes Grabmal niedergelegt, welches, künstlich in Marmor gehauen, eine Höhe von 3Hz Fuß, eine Breite Dort 4 Fuß und eine Länge von 7 Fuß hatte und die Inschrift trug: ANNO DNI MCCXCVII IN DIE BTIYPOLITI OBIIT BTA GERDRVDIS FELIX MATER HVIVS CONVENTIS FILIA SCE ELYZABET LANQDRAVIE THVRINGIE. Auf der oberen Steinplatte ist ihr Bildnis ausgehauen, welches ihre Länge, Dicke, ihr Gesicht und ihre Haltung darstellt. Zwei Engel setzen ihrem Haupt eine Krone auf. Zu ihren Füßen liegt jener ihr ehemals so wunderbarer Weise folgsame Löwe. Bei der | vorhin erwähnten Hebung der Gebeine, welche in dem Grabmal I verschlossen sind', wurde der Schädel der seligen Gertrudis mit I einigen kleinen Reliquien davon getrennt, in kostbares Seidenzeug I gefaßt und bei großen Festlichkeiten den Gläubigen zur Verehrung I ausgestellt." Dies ist die einfache und schlichte Erzählung von Der hl. Gertrudis, wie sie die oben bezeichneten Handschriften enthalten. Soviel bleibt aus denselben gewiß, daß Gertrud aus Detteiben Conrads von Marburg als lleines Kind nach Altenberg kgm, hier als Meisterin des Klosters lange Jahre liebte und wirtte, die Kirche und das Hospital erbaute und nach ihrem Tod selig gesprochen wurde. 3n vorstehenden Ausführungen versuchte ich, dem geneigten Leser ein Kapitel aus der finstersten Zeit des Mittelalters besonders auf dem Gebiete der Religion vor Augen zu führen, di« | gerade in Conrad von Marburg einen der grausamsten Verfechter ! ihrer AirsHauungen in unserer Gegend fand. Ich sage gewiß nicht ! zu viel, wenn ich jenen Menschen einen Sadisten nenne. Mit sadistischer Freude lieferte er eine Menge Opfer auch aus den hohen und höchsten Ständen ans Messer und ließ sie ihr oft so reiches und einwandfreies Leben unter Rauch und Flammen aüshauchen. Am dieses Nachtgemälde rwch düsterer erscheinen zu lassen, habe ich diesem Mann jene Lichtgestalt von Altenberg gegenü&ergeftellt, aus deren edlem Herzen sich ein langes und reiches Leben hindurch eine Fülle von göttlichen Lichtes auf die Umgebung ergoß; fand sie doch ihre höchste Freude und Befriedigung im Helfen, Dienen und Versöhnen Entzweiter. Ihr lichtvolles Leben mag daher schon jenen nach Wahrheit Dürstenden und unter der Knechtschaft des sinsteren Aberglaubens Schmachtenden die beseligende Hoffnung gegeben haben, daß das helle Licht des reinen Evangeliums einmal unter dem Scheffel herausgeholt und auf den Leuchter gestellt werden muffe, um allen denen zu leuchten, die im Haus« nach Wahrheit suchen. Die Ujavanda. Humoreske von Rudolf Presber. Vor vier Jahren war ich in einem kleinen Seebad. 'Brave Leute, denen es jahrelang nicht zum besten gegangen war, erholten sich davon in ramponierten Strandkörben. 'Ausländer,'die zu Hause keine Rolle spielten, versuchten die Valutabarone zu markieren. Verbitterte Großstädter, deren Titel verblaßt, deren Stellung erschüttert, deren Geld nichts mehr wert war, besprachen ihre Misere. Neugekleidete Schieber zeigten ihre laute Art, die Konversation und die Gabel zu führen. Eines Tages tauchte eine schöne, fremdartige Frau auf. Sie ging stets in indischen Seidenschals mit langen Fransen. Am Tag in einem kanariengelben, abends auf der Strandpromenade in einem karminroten. Zu dem gelben 'Tuch legte sie einen seltsamen Aquamarin- schmuck an, zu dem roten eine dreireihige Perlenschnur. Die Schals lagen eng an einem geschmeidigen Körper, der nichts vermissen ließ, was die Natur für eine Frau Ende der Zwanzig vorschreibt. Ihre Haut war gelblich ihr Haar bläulichschwarz und ihre mandelförmigen Augen dunkel un& von jener rätselhaften Melancholie, die oft die Feuerreste einer großen Leidenschaft verbirgt. Sie wohnte in einem kleinen, aber teuren Hotel, dessen strebsamer Wirt, ein Herr Grundschöttel, gerade in diesen Tagen schweren Aerger gehabt hatte. Ein Gast hatte seine Hummermahonnaise gewünscht. Der Küchenchef streikte, weil er zwei freie Nachmittage in öer Woche ver- — 124 — Schriftleitung: 3. B.: Heinz Gorrenz. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv^Buch- und Steindruckerei, 2L Lange, Dieben. Herr Grundschöttel besann fich auf eine «lteBü-Ne mit Mayonnaise, öffnete sie und erhielt das Daraus begossene Gericht prompt zurück: Es schmecke verdorben! Der Hausknecht, ern ver- triebeirer, adeliger Balte, der ehemals viel und leidenschaftlich Mayonnaise verzehrt hatte und plötzlich von einem Heißhunger befallen tvurde, alte Erinnerungen aufzufrischen, ah davon. Gr starb noch in derselben Nacht, obschon der Badearzt an diesem Tage gerade abwesend war. , ,s Für dieses Missgeschick, das den bewahrten Ruf des „Hotels Riviera" erschüttert hatte, entschädigte nun die l,Ede Frau, von der die ganze Strandpromenade sprach, Herrn Grundschöttel ein wenig. Ihr Name klinge sehr ausländisch, sagte Herr Grund- schöttel, er könne ihn selber nicht lesen. Sie sprach schlecht Deutsch, sana leise Lieder in einer fremden Sprache, wenn ste sich aus- kleidete, ah alle Speisen schrecklich gepfeffert und las alte eng- ^^Die°ewigen Gespräche, Diskussionen, Rätselspiele, die alle die schöne, fremde Frau zum Mittelpunkt hatten, langweilten nach ein wenig am Strande, älnd eines Zages, als eine Justiz rattn aus Breslau mich direkt apostrophierte: „Sie sind doch früher so viel gereist, Doktor, Sie sollten doch wissen, wo so was her- kvmmt ..." entgegnete ich mit jener ruhigen Sicherheit die mich zuweilen auszeichnet, wenn ich Ausserordentliches frech erfinde. „Aber ich sagte es schon gestern abend. Waren Sie nicht dabei? Rein? Run also, es ist eine äljavanda vom oberen &CmS® as ist sie?" — „Bon w o ist sie?" — „Wie heisst sie?" 7* Die Fragen schwirrten aus den fünf zunächstliegenden Strand- körben^ ich selbst dieses im Finderglück des Augenblicks gebildete Wort „Ujavanda" sehr schön und sehr indisch fand, erklärte nun, daß die Liedlingsfrau eines indischen Raias am oberen Ganges — und nur hier — nach dessen Tod eine Mjavanda genannt würde. , Solcher äljavanda liege dann die Verpflichtung ob, ohne je- mals wieder selbst die Liebe oder gar die Herrschaft mnes Mannes zu dulden, auf Reisen zu gehen, soweit es der Nachlass des toten Raja, der meist sehr erfreuliche Edelsteine und gemünztes Gold aufweise, irgend erlaubte — und nach Möglichkeit ^andersgläubige Wanner, also Heiden im indischen Sinne, durch ihre Reize zu fesseln, zu verderben, ja, nach Möglichkeit in den Tod zu aSe$>iefe Erzählung, über deren Keckheit ich mich selbst wunderte, schlug fabelhaft ein. Die meisten zeigten sich ehrlich erstaunt über solch schreckliche Mission einer pljavanda, von der ste ehrlich be- bekannten, bisher noch nie gehört zu haben. Andere wiederum stimmten meiner Erzählung zu mit der Versicherung, dass ste sehnliches bereits früher gehört und bloss wieder vergessen hatten. Und der Friseur, der vor vielen Jahren auf dem Dampfer einer Hamburger Linie als Bord-Coiffeur einige Reisen nach Ostasien mitgemacht und von Borneo ein paar Proben Malay isch, aus Po- kvhama em paar obszöne Postkarten und aus Hongkong Blatwr-* narben milgebracht hatte, erzählte am anderen Morgen beim Rasieren, dass er persönlich in Kalkutta solch satanisch schone Uia» vanda gekannt habe, die — in unschätzbaren Witwenschleiern — gerade ausgezvgen sei, um europäische Prinzen zu angeln und 8U ^Jch wurde damals durch ein Telegramm plötzlich nach Hause gerufen. Erfuhr nur noch dah die Ujavanda be^ts mit dem Zuge vor mir mit vielen Koffern abgereist sei Angeblich nach Paris Sie habe zwar nicht alle ihre Schulden bezahlt, aber verschiedentlich Angestellte des Hotels mit Geschenken belmcht deren reeller Wert gering, die aber durch ihre Herkunft die Beschenkten erfreut hätten. # In diesem Sommer habe ich nun wieder das kleine Seebad aufgesucht. Da mein altes Hotel mittlerweile ein „Kinderheim ‘ geworden ist, in das ich doch nicht recht passte, zog ich ins »Hotel Riviera". Sch bekam ein hübsches Balkonzimmer im zweiten Stock und, als ich meinen Namen auf den gelben Zettel geschrieben hatte alsbald den Besuch des Hotelwirtes Josef Grundschottel. Er sagte, ob ich verwandt oder gar identtsch sei ,mit dmn Schriftsteller, der ... älnd nun folgten einige gezuckerte Freundlichkeiten, die für den Herrn Geheimrat von Goethe, Exzellenz, seinerzeit in Karlsbad ausgereicht hätten. Einen gewissen her- ben Beigeschmack erhielten diese ungehemmt sprudelnden Lob- sprüche dadurch, dah Herr Grundschöttel als einzige Lesefrucht seines Winterschlafes mir ein Buch von Richard Voh zuschrieb, in dessen Titel „Drei Menschen" der eine Mensch auch nicht von Voh war. t . .. . Herr Grundschöttel äußerte ferner, rch werde mich tn diesem Hause gewiss ausserordentlich wohl fühlen: ja, vielleicht sogar einmal dieses Aufenthaltes in einem späteren Buche erfreuliche Erwähnung tun. Denn immerhin — er wolle ja nicht sagen: es sei ein künstlerisches oder gar literarisches Haus — jedoch, es habe hier, was mich sicher interessieren tverde, im Vorjahr ein Journalist aus Gelsenkirchen gewohnt, der beabsichtige, evtl. auch Theaterstücke zu schreiben — und, immerhin — es sei doch hier vor ws- nigen Jahren der tragische Roman passiert — .oder solle er sagen: es habe sich hier jene romantisch« Tragik begeben, die einen Schriftsteller von meinem Rang ... älnd nun wäre wieder der alte Herr aus Weimar schamrot geworden, wenn er gehört hätte ... Es gelang mir, Herrn Grundschöttel noch rechtzeitig in die Fülle der Sriperlative zu fallen; und ich gestattete mir die Frage, was sich denn hier eigentlich begeben habe. „Oh, mein Herr, Sie wissen das nicht? Sch dachte, Mrad« das hätte den Herrn hierher und in mein Haus ... Man suM doch schließlich Stoff in Ihrem Beruf ... Aber das trifft sich gut. Der Herr kann gerade morgen einer mrhebenden Feier beiwohnen. Auf unserem kleinen Friedhof ...“ „Auf dem Friedhof? — Ist jemand gestorben? „Nein, der Herr braucht nichts zu befürchten. Es tont' schon vor vier Jahren — ja. Da ist allerdings ... ein Freund von mir — ich nahm ihn damals gastlich auf, eine alte Jugendfreund-- chast, ein baltischer Flüchtling — wir schätzten uns sehr, itatr beiden — und gerade morgen jährt sich's zum vierten Male, datz Aus dem Dunkel der Erinnerungen tauchte plötzlich der baltische Hausknecht und die verhängnisvolle Mayonnaise auf. Aber Herr Grundschöttel lieh mich nicht zu Worte kommen. Es Ware auch schade gewesen. Ich hätte sonst nicht erfahren, dah ... „Hier wohnte nämlich damals eine der schönsten Frauen der Welt Oh, hätte ich gewuht, wer sie war, was sie bezweckte! Aber so Ich wuhte natürlich damals nicht, was eine rsta<- vanda ist '.. Aber dah sie, diese stattliche Frau mit den Märchen- äugen — sie ging nur in reich mit Edelsteinen benähten indischen Schals von unermesslichem Wert — hätte ich gewuht, dah sie eine pljavanda sei, vH — keinen Augenblick hätte sie unter meinem Dach bleiben dürfen! ... Sie wissen, die äijavandas hEN das schreckliche Gelübde getan — man sagt, einen Schwur im ^empel, die Finger auf den Nabel des Buddha gelegt — als Opfer für den verstorbenen Fürsten, den hochseligen Gatten, sieben Europäer edelsten Blutes durch Liebe zur Raserei und zum Selbstmord zu tretoen ... „ „Do? And warum gerade sieben? „Das scheint die heilige Zahl im Orient. Die ssebenErb- fänden, nicht wahr, der siebenarmige Leuchter, die sieben Weife« — und so ..." ‘ , _. e. „u Aha. älnd hat nun die Dame — wie nannten Sie sie? "Die äljavanda — ja. Hier hat sie den ersten — meutern hochadligen, armen Freund, den Baron von Illings, umgarnt ... Unten im Zimmer Nummer dreizehn — die Nummer scheint ein Zufall — es ist jetzt die Kvfferkammer, aber Sie können sie besichtigen Da hat sich der Unglückliche drei Kugeln in die Schlafe^.. Am selben Tage war sie verschwunden — spurlos, wie durch eine Wand, ja. Niemand hat sie gesehen, wie sie ... Auch ihr Gepäck nicht Sie hatte äuherst merkwürdiges Gepäck. Nur einige Edelsteine lieh sie zurück. Nicht sehr wertvoll, aber immerhin... Gerade morgen jährt fjch der schreckliche Tag zum vierten Wata. Ich veranstalte seit zwei Jahren immer eine kleine „Eriimerungs- feier“ — vom Hotel aus. Mit Lampions ziehen wir abends, zum Grab meines Freundes. Sch spreche dort einige Worte. Wir loschen die Lampions und gehen dann still ins Hotel zurück. Dort wird dann meistens int Weinzimmer der Abend bei einer kalte« Ente oder bei besseren Rheinweinen beschlossen — ganz den Erinnerungen gewidmet..." „Hm — also, so eine Art „Weither" war Shr Freund? „Werther? Das ist das richtige Wort! Ein Oberlehrer Chemnitz machte mich schon einmal darauf aufmerksam Sch habe das Buch dann selbst gelesen. Eine merkwürdige Aehnlichkett. Schriftlich hat mein Freund freilich nichts hinterlassen; während der Werther immerhin ... Aber ich dachte schon oft, wenn so einmal der richtige Mann käme — ich selbst Hache leider kern auS- gesprochen schriftstellerisches Talent, auch zu wenig Zeit, nicht wahr--Aber ein solcher Stoff — gewissermaßen ein indischer Werther .. Vielleicht auch für den Film. Sch würde gern dis Räume zur Verfügung stellen; sowohl Nummer 9, wo die äha- vanda wohnte und ihre Pläne geschmiedet hat, als auch Nummer 13 ...“ „Die Kvfferkammer?" _ Ja Ich sagte schon, die war früher — damals — das Zimmer meines unseligen Freundes, des Barons, der ... Ein solcher Roman oder ein solcher Film — vielleicht beides! — tonnte, ganz abgesehen von der Ehre, meinem Hotel--schliesslich, man ist ja auch Geschäftsmann, nicht wahr? Es würde dem Haus von einem gewissen Nutzen sein, der Frequenz, meine ich. Das Publikum will nun einmal das Romantische. Sie verstehen-- Ich verstand. Auch als ich am nächsten Abend —ohne Lampion, das hatte ich dankend abgelehnt — auf dem «einen Friedhof tm Mondschein unter einer ällme stand und der merkwürdigen Feier beiwohnte, bei der Herr Grundschöttel einige Worte murmelte, verstand ich nicht Herrn Grundschöttel, aber die Situation.-__ Meine kecke Erfindung in einer gelangweilten Morgenstunsq am Strand und eine schlechte Hummermahonnaise und ein amerikanisch geschulter Wirt hatten sich zusammengefunden. Oder am Ende — ich werde noch selber irre, wenn ich tn meiner Erinnerung die Lampions schwanken sehe — sollte doch etwas Wahres oä der pljavanda sein? Vielleicht gibt's wirklich in Indien ...?