Gietzener jamittenblätter __Mterhaltmgrbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang Samstag, -en 26. April ~™~ Nummer W Die Bedeutung Kants für die Entwicklung der Philosophie. Don Dr. August Messer, o. Professor der Philosophie an der Universität Dietzen. Seit dem Altertum tritt uns in der abendländischen Philosophie der Gegensatz der naturalistischen und der idealistischen Welt- und Lebensanschauung entgegen. Aach dem AaturalismuS ist alle Wirklichkeit .Natur", d. b. ein zwar riesenhaftes, aber in seinem Grundbestand fertiges und von uns völlig erkennbares Ganzes von Massen und Energien. Alles Geschehen darin ist alS ein streng notwendiges zu fassen, Freiheit im eigentlichen Sinne gibt es nicht, ebensowenig wirkliche Aeuschöpfung; alles scheinbar Aeue geht nur aus Amgruppierunng schon existierender oder Entfaltung wenigstens keimhaft vorhandener Wirklichkeitsbestandteile hervor. Die Frage: Welchen Sinn hat denn das gigantische Aaturgeschehen, der Amlaiif dieser gewaltigen Weltmaschine? — wird als eine mit Anrecht gestellte abgewiesen. Der Mensch zwar könne seinem Tun „Sinn" verleihen, sofern er wertvolle Zwecke sich fetze und zu erreichen suche. Aber den Begriff „Zweck" und „Sinn" dürfe er nicht in das Weltganze und in sein nach Kausalgesetzen notwendig abrollendes Geschehen hineintragen, das fei eine vermenschlichende und damit verkleinernde Auffassung. Aeberhaupt müsse der Mensch auf seinen naiv-anmaßlichen Anspruch, über der Aatur oder gar int Mittelpunkt des Weltgeschehens zu stehen, verzichten. Dieses spiele sich vielmehr unbekümmert um ihr ab. Er sei weiter nichts als ein Stückchen Aatur, ein winziges Teilchen im Aniversum. Ja, die ganze Menschen- geschichte mit der gesamten Kulturentwicklung sei nur eine relativ rasch und spurlos vorübergehende Oberflächen-Erschsinung aus einem der kleinsten und unbedeutendsten Himmelskörper. Demgegenüber hält der Idealismus an der Aeberzeugung fest: das, was wir als „Aatur" sinnlich wahrnehmen und denkend erfassen, ist nicht die g a n z e Wirklichkeit, nicht die „wahre Welt", sondern gleichsam mir eine Vordergrunds-Ansicht. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis." Daß der Mensch für eine höhere Wirklichkeit bestimmt sei, das sagt ihm die tiefe Sehnsucht seines Herzens nach dem Vollkommenen, dem Idealen. Gewiß ist er a u ch Aaturwesen und er kann sich ganz naturhaften Strebungen überlassen, die ihn festhalten in der Region des Tierischen oder ihn wenigstens dauernd fesseln an materielle und vergängliche Güter. Aber vermöge seiner Freiheit und des Bewuhtseins sittlicher Verantwortlichkeit vermag er auch dem inneren Zuge nach einer höheren Welt zu folgen. And wenngleich auch er sich in Demut seiner Anvollkommenhstt und seines Abstandes vom Ideal bewußt bleiben wird, so darf er doch hoffen, wenn er „immer strebend sich bemüht", Erlösung zu finden von drnr bloß Aaturhaften, Irdischen und Vergänglichen, und feine „ewige Bestimmung", sein „wahres Heil" zu erreichen. Schon im Al'ertum tritt uns die naturalistische Weltanschauung in Demokrit und den Epikureern, die idealistische in Plato, Aristoteles, den Stoi'ern, dem Aeuplatonismus entgegen. Unterstützt und geläutert durch das ihm wesensverwandte Christentum, hat der Idealismus im Mi tel ilter und weit darüber hinaus — wenigstens äußerlich und „offiziell" — die Oberhand behalten. Aber seit der Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts erstarkt im Zusammenhang mit der rasch sich entwickelnden modernen Naturwissenschaft (eines Galilei. Kepler, Aewion) wieder der Aaturalismus, und er tritt im 18. Jahrhundert in seiner radikalsten Form als Materialismus (vor allen: in der französischen Philosophie) uns entgegen. Jedoch hatte auch der Idealismus bei uns in Deutschland noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts an Leibniz einen genialen Vertreter gesunden. Mit dem Gegensatz von Aaturalismus und Idealismus berührt sich vielfach drr von Empirismus und Rationalismus. Freilich deckt er sich nicht mit ihm. Dort handelt es sich um letzte Aebev- zeugungen von der Wirklichkeit und ihrem Wert, hier um Ansichten über das Organ und die Tragweite unseres Erkennens. Der Empirismus sieht in der Erfahrung (Empeiria) die Quelle der Erkenntnis und er ist geneigt, anzunehmen, daß auch unser Erkennen nicht weiter reicht als unser Erfahren. .Run wird man aber leicht die unserer Erfahrung zugängliche Wirklichkeit mit der „Aatur" gleichsehen. So erklärt es sich, daß meist Empirismus und Aaturalismus Hand in Hand gehen. Dagegen erblickt der Rationalismus in der Erkenntnis in erster Linie eine Leistung des Denkens der Vernunft (Ration). Er ist aber überzeugt, daß As Denken nicht gebunden sei an die Grenzen des unmittelbar Erfahrbaren, d. h. sinnlich Wahrnehmbaren, sondern daß es dies» Grenzen überschreite, und gleichsam in die Hintergründe der Wirklichkeit eindringen könne, daß das Denken jedenfalls in der Lag« sei, uns Gewißheit von jener „wahren Welt" zu erbringen, in der die idealistische Wirklichkeitsdeutung unsere echte Heimat und zugleich auch die Stätte unseres künftigen vollkommeneren Dasein» erblickt. Wenn der Empirismus den Begriff der Erfahrung näher bestimmte zu dem der Wahrnehmung der Sinne (Sensus) so verengte er sich zum Sensualismus, wozu wir die Tendenz bet bem englischen Philosophen Hume bemerken. Andererseits konnte die einseitige Berücksichtigung der Vernunft, oder — was vielfach dasselbe bedeutet — des Verstandes soweit gehen, daß man auch m den sinnlichen Wahrnehmungen und ihren Elementen, den Empfindungen, nur eine unentwickelte Verstandesleistung, ein verworrenes Denken erblickte, wie wir das bei Leibniz finden. Kants einzigartige Bedeutung in der Entwicklung unseres philosophischen Denkens besteht nun darin, daß er es unternahm, die alten Gegensätze: Aaturalismus und Idealismus. Empirismus und Rationalismus in einer groß und weit gedachten Synthese zu versöhnen. Fern von jeder Einseitigkeit und Voreingenommenheit lädt er die streitenden Parteien gleichsam vor den Richterstuhl seiner „kritischen" Philosophie, er prüft unparteiisch Recht und An- recht ihrer Ansprüche und kommt zu dem Ergebnis, daß Berechtigtes aus beiden Seiten vorhanden ist, dah aber dieses Berechtigte nicht in unausgleichbarem Gegensatz steht, sondern dah es in einer höheren Einheit ausgenommen und vereinigt werden kann. Diese Synthese von weltgeschichtlicher Bedeutung gelingt ihm durch eine „Revolution des Denkens", die er selbst mit der Tat des Kopernikus verglichen hat. Dieser rückt die Sonne in den Mittelpunkt und läßt die Erde mit den anderen Planeten sich um die Sonne drehen. Kant rückt den Menschengeist in den Mittelpunkt und läßt das Gegenständliche und damit die ganze Natur sich gleichsam um den (Seift drehen. Anders aus gedrückt: während man bisher unter dem Einfluß des Sinneseindrucks und des Aa- tuvalismus fast allgemein angenommen hatte, daß die Aatur in der Gestalt, wie wir um sie wissen, — „an sich", ganz unabhängig vom erkennenden Geiste, fertig bestehe: entdeckt Kant, daß di« Aatur nicht in diesem Sinne „Ding an sich" ist, sondern daß die Art, wie sie sich uns darstellt, bedingt ist durch die Gesetzmäßigkeit des Erkennens. Das uns unmittelbar in der Wahrnehmung Gegebene, womit unsere Erkenntnis anhebt, nämlich die Sinnesein- drücke, die „Empfindungen", sie sind ja, für sich betrachtet, noch nicht die „Aatur", sie toerben erst für uns zur „Aatur", wenn wir sie als System von gesetzmäßig geordneten Erscheinungen auffasfen, wenn wir sie also gleichsam mit naturwissenschaftlichem, d. h. mit naturschafsendem Blick betrachten. Der Gedanke des „Gesetzes", des „Systems" stammt aus dem Geiste, er ist nicht etwas, das uns durch Sinneseindrücke einfach gegeben sein könnte. Erst dadurch, dah mit solchen schöpferisch erzeugten Gedanken die Empfindungen geordnet und gedeutet werden. ersteht für unfer Bewußtsein eine Aatur und wird erst wissenschaftliche Erfahrung von ihr möglich. So erklärt sich der paradox« Grundgedanke Kants, daß nicht unser Vorstellen sich nach den Gegenständen, sondern die Gegenstättde sich nach unserem Vorst eilen richten. So erkennt man auch, wie er einem berechtigten Kern sowohl des Empirismus wie des Rationalimus in seiner Erkenntnistheorie eine Stelle anweisen konnte. — Der Empirismus ist int Recht, wenn er immer die Anentbehrlichkeit der anschaulichen Sinneseindiücke, der Empfindungen, für die Erfassung der Wirklichkeit betonte; der Rationalismus, sofern er die Notwendigkeit Denkender, d. h. begrifflicher Deutung des anschaulich Gegebenen einschärfte. Begriffe ohne Anschauungen find leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Man versteht nunmehr auch Kants Schiedsspruch zwischen dem Naturalismus und dem Idealismus. Auf naturalistischer Seite ist berechtigt: die Hvchschätzung naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise und der durch sie geforderten Forschungsmethoden. Darum soll auch alles in der E^ahrung Gegebene, auch das menschlich« Seelenleben, nach naturwissenschaftlicher Art untersucht werden. Hiermit gewinnen wir wirkliche „Erkenntnis", nämlich Einsicht in Gesetzmäßigkeiten, die uns auch befähigt, Künftiges vorauszusehen. Aber naturwissenschaftliches Denken überschreitet seine Grenze uni wird damit zum „Naturalismus", wenn es meint, die von ihm untersuchte „Natur" sei „Ding an sich", sei die absolute Wirklichkeit in all ihrer Tiefe, und der Mensch sei darum nicht» wette« -- 70 — Auge behielt, zum Hauptzug seine« Strebens wurde eme Selbstbesinnung und Selbstprüfung des menschlichen geistigen Vermö- aens' hier namentlich verdanken wir ihm eine völlige Umwal- zung.' „Erkenne dich selbst!", das war der Kern der griechischen Lebensweisheit, das bedeutete aber nicht ein Grübeln über den eigenen Seelenftand, sondern ein Erwägen und Abschahen des eigenen vermögens, seiner Grenzen und seiner Leistungen. Kant aber hat eine solche Selbstprüfung über das Individuum hinaus auf das Ganze der Menschheit gerichtet und dadurch ihr Gesamt- bild wesentlich umgestaltet, mit einbohrender Harschui^ hat er ermittelt, wo die Grenze, aber auch wo die Grove des Menschen- wesens liegt; auf Grund dieses Strebens hat er der Menschheit mehr Selbständigkeit errungen und sie mehr auf das eigene vermögen gewiesen; von innen heraus hat er unser Verhältnis zur Wirklichkeit geklärt. Ihm konnte es nicht genügen, mit den meisten ausländischen Denkern nur einen Platz innerhalb des gegebenen Daseins auszufüllen, ihm wurde der Weltgedanke selbst zu einem zwingenden Problem, er konnte es nicht lösen, ohne sowohl die Welt als das menschliche Streben in ein neues Licht zu stellen. Indem dabei sich das Olein und das Ja deutlich voneinander schieden, wurde der Schwerpunkt des ganzen Lebens verlegt. Die Ausklärung suchte die Höhe des Lebens in der Losung der Welträtsel auf dem Wege der Metaphysik, Kant dagegen stand zu der äleberzeugung, dah den Menschen ein Zugang zu den letzten Tiefen, zum Reich der „Dinge an sich , versagt sei. Das menschliche Erkennen, so geigt er, kann nur orönen, nicht schaffen. Dagegen vermag der Mensch von der praktischen Per nunft, von der Moral aus, selbsttätig zu schaffen und eine Wirklichkeit aus eigenem Vermögen aufzubauen. Möglich wurde chm das durch die Idee der Freiheit, m ihr fand er den archimedischen Punkt, woran die Vernunft einen Hebel ansetzen könne . Er mußte aber der Freiheit erst einen sicheren Platz im Ganzen der Welt erftreiten es geschah das durch den Ausweis, das) unferm Raturbilde eine strenge Verkettung der Erscheinungen herrscht, dah aber das Reich der Moral eine Befreiung des Menschen vom Druck einer fremden Welt vollzieht und ihn dadurch über allen Vergleich auszeichnet. So auf die 3dee der Freiheit begründet, ist die Moral nicht ein besonderes Gebiet, sondern sie ist der Ur sprung einer neuen Welt mit neuen Kräften uno Werten, nur hier gewinnt die Wirklichkeit eine Tiefe. Dieses Reich tragtJem Recht und seinen Wert lediglich in sich selbst, es bedarf keiner I Bestätigung durch den Menschen. I Die Gedanken der Freiheit und der Pflicht verbinden sich I dabei untrennbar miteinander, der dabei gewonnene Begriff der Freiheit trägt aber einen ausgesprochenen deutschen Stempel- Uns I 'ist die Freiheit nicht eine Ablehnung aller Bindung, em Aufgeben aller Zusammenhänge, ein Einrichten des Lebens nach eigenem Belieben, sondern sie ist ein Aufnehmen der ?ernunftzwecke in den eigenen Willen, eine freie Bindung an em selbstgewollteS Gesetz' darin liegt eine Selbstverneinung, aber mehr noch eine I Selbstbejahung. Der Gehorsam gegen ein solches im eigenenWefen begründetes Gesetz kann keinen Druck erzeugen und nicht ein- engen, vielmehr wir der uns erweitern und uns auf uns selbst I stellen. Von diesem Begriff der Freiheit ist sowohl unsere Re ormation als unsere klassische Literatur ausgegangen niemand aber hat diesen Begriff tiefer und klarer begründet als Kant. An der Freiheit hängt auch der Pflichtgedanke. Was dieser für das deutsche Leben bedeutet, das bedarf keiner Erörterung. Wir möchten nur an ein Wort von Friedrich dem Drohen er- I Innern, welcher meinte, dah die Wissenschaften nur em Mittel I feien uns fähiger zur Erfüllung unserer Pflichten zu machen. (Les Sciences doivent etre considerees comme des mqyens qm nous donnent plus de capacite pour remphr n«s deyQirs.) 'Kte, mand aber hat dem altpreuhischen Gedanken der Pflicht eme solche Weihe verliehen als Kant. Es kann sich gar nicht genug tun in dem Preise des Pflichtgedankens: „Pflicht! Du erhabener Rame - welches ist der deiner würdige Ursprung, und wo findet man die | Wurzel deiner edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Steigung stolz ausschlägt, und von welcher Wurzel abzustammen I die unnachlähliche Bedingung desjenigen Wertes ist, den sich Wen I scheu allein selbst geben können." , Aus der Herrschaft des Pflichtgedankens erwachst eine herbe | und strenge, aber keineswegs mürrische gedrückte Moral, gegenüber ihren hohen Forderungen fallen Steigung und fubieHiDe« in die Wage. Als Haupttugend erscheinen hier die Wahrhaftig kett und Gerechtigkeit. Wahrhaftig sollen nur wir an-erster Steiw nicht gegen andere, sondern gegen uns selbst fein; überall gilt es völlig aufrichtig gegen uns selbst zu sein, ans eigener ileberm gung und selbständiger Entscheidung zu handeln, nicht aus Vruno | unsicherer Meinung und fremder Verantwortung. Das g 0 fettige Verhältnis der Menschen aber entspreche der Idee der I Gerechtigkeit. Hier heiht es: „Wenn die Gerechtigkeit untergeyt, fv hat es keinen Wert mehr, dah Menschen auf Erden leben. I Kant nennt das Recht den -Augapfel Gottes auf Erden.und I wie aus persönlicher Empfindung quellen die Worte. „Stiem I empört etwas mehr als Ungerechtigkeit alle andren : liebel,, : I wir ausstehen, sind nichts dagegen. 3n der näheren ö H der gesellschaftlichen Ordnung hat Karst einen erheblichen E« i | von dem englischen Freiheits- und Rech^ideal des lv. Zay ■ I Hunderts empfangen, aber dem deutschen Denker wachst da o ■ I sammensein der Menschen über daS SRafe binairf, n® । 1 er ben Menschen an erster Stelle als sittliche Persönlichlen w al« ein winziges, unfreies Teilchen dieser Ratur Hier bestehk viel- I ! mehr die Uebergeugung des Idealismus zu recht dah die Wirk- 1 lichkeii nicht lediglich „Statur“ fei, dah«N „Jeusestsder er- I fahrbaren RaturwirNichkeit gebe, und dah der Mensch nut gutem . Srund auch als „frei“ angesehen werden dürfe, wenn anders s«n sittliches Bewuhtsein, sein „Gewissen“ in Geltung bleiben solle, das ibm sagt: „Wir sollen, also müssen wir auch können . Wenn freilich ältere Vertreter des Idealismus meinten, durch „Meta- vhvsik" theoretisch-wissenschaftliche Erkenntnis des Jenseits der Statur und damit eine logisch beweisbare Antwort auf die ewigen Fragen nach Gott. Freiheit und Unsterblichk.eit selchen zu können so haben sie ihrerseits die Grenzen unserer Erkenntnis über- schritten. Sticht das „Wissen", sondern nur der „Glaube" «rmag uns eine bejahende Antwort auf jene Fragen zu geben — freilich eine „vernünftige“, durch unser Gewissen geforderte Antwortz Indem aber Kant so Wesen und Tragweite des naturwissen schriftlichen Erkennens erforschte und klarstellte, gelangte er nicht nur zur Einsicht in die Bedeutung des sittlich begründeten religiösen Glaubens, sondern es erhellte sich ihm auch der ganze Umfing und die ganze Tiefe unseres schovserischen Geiftes ebens Sl ^ mir Wissenschaft und Religion gehen aus rhm hervor sondern auch Sittlichkeit. Recht und Staat, sowie endlich die Kunst als Gegenstand unseres ästhetischen Schaffens uist> Geniehens Damit^aber uberbhdCT wir alle Hauptgebiete geistiger Kultur. Für sie alle hat Kant die Ge° fetzmähigkeiten des Geistes auf gewiesen, die normgebend f lnd fur ihre Schöpfung. So hat er nicht nur eine Erkenntnistheorie geschaffen, sondern die Fundamente einer umfassenden Kulturphstosophie ge° ! [egt, die sich bis auf den heutigen Tag als tragfahlg erwiesen | haben. __ Das Deutsche in Kant. Don Geheimrat Prof. vr. RudolfEucken. I Der erste Eindruck macht es nicht leicht, das D utsche bei Kant zu entdecken. Zu seiner Zeit schlummerte noch der Gedanke des nationalen Staates, der Staat galt unserm Denker nur als eine .Vereinigung einer Menge von Menschen unter Aech^gesehen , wohl lieferte seine Anthropologie scharf gezeichnete Wider der verschiedenen Volksarten, unter ihnen auch der deutschen aber diese Schilderung überschreitet nicht das Gebiet der Ethnographie, die deutsche Art des Schaffens wird dadurch nicht berührt; haben I wir trotzdem ein gutes Recht, das Deutsche bei Äant hervorzu- I heben? 5SBir haben es, sobald wir über das Ethnographische hinaus zum Reich des geistigen Schaffens Vordringen. Denn hier erscheint Kant durchaus als eine hervorragende Verkörperung un- A« >»»--- »«•« ■**-'» deutschen Gelehrten. Aus kleinbürgerlichen Anfängen hat er sich langsam und mühsam aus eigener Kraft emporgearbeitet, krnne äußere Hilfe und Gunst wurden ihm zuteil nur unermüdlicher Fleiß und zähe Ausdauer führten ihn zur Hohe, er war 46 Jahre I alt als er die Stellung eines ordentlichen Professors erreichte. Und diesem langsamen äußeren Aufstieg entsprach insofern auch der innere, als Kant erst durch beharrliches Suchen und.©rubeln hindurch die volle Ausprägung ferner Art gewann. Sein Leben war ausschließlich Arbeit, andauernde und unablässige Arbeit. Cs hatte guten Grund, dah er beim Eintritt in sein ^2. Lebensjahr in fein Tagebuch das Ps almwort eintrug Zes Menschen Leben währet 70 Jahre, und wenn es hochkommt, 80 Jahre, und , Wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Ärbeit gewesen. Aber seine Arbeit war nicht nur eine persönliche Befriedigung, sie war auch ein Gewinn, ja ein Segen für das Ganze der Mensch beit. Das entspricht unserer deutschen Art, fie ist nicht ein rasches Aufsteigen, ein müheloses Gelingen, sie fordert harte Anstrengung und inneren Kampf, aber wenn fie ihr Ziel fest un Auge behaltz so wachsen ihr die Kräfte ins Unbegrenzte, und so wird sie auch den höchsten Ausgaben gewachsen. Richt in Prun und Glanz, sondern in unverdrossenem Schaffen findet fie ihre Drohe. Das gilt auch für Kant. Mit aller Entschiedenheit »erbittet et sich «ne Bezeichnung seines Systems als eines „höheren Idealismus. Er sagt: „Beileibe nicht der höhere. Hohe Turme und die ihnen ähnlichen metaphysischen groben Männer, um welche beide gemeiNlg- lich viel Wind ist, sind nicht für mich. 3n dem was eiistach, fifeeint, ein gewaltiges Problem aufzudecken und dem Schlichten ekle Gröhe zu geben, das ist eine besondere Starke dieses Denkers. Die Höhe der deutschen Art verbindet miteinander ein eifriges Streben nach einem festen Zusammenhang der Gedanken, nach einem gegliederten System, und eine genaue Würdigung alles Einzelnen, Besonderen, Kleinen. Kants Gedankenwelt dürfen wir die größte architektonische Leistung in der gesamten Geschichte der der Philosophie nennen, mehr als irgendein anderer hat et alle Wirklichkeit in einen geschlossenen Gedankenbau zusammengesatzt. Aber zugleich ist er von peinlicher Sorgfalt für jeden-einzelnen Punkt, er duldet nichts Verschwommenes, Ungefähres, Halbdurchdachtes. feine einzelnen Definitionen und Einteilungen üben durch »re Klarheit und Schärfe eine zwingende Macht übet die Geister. So bildet auch in der peinlichen Gewifsenhastigleit Kant eine Höhe deutscher Art. , ,, . Inhaltlich war fein Denken anfänglich vornehmlich ben fltoBen Weltfragen zugewandt, sein Juaendwetk „Allgemeine Statut- geschützte und Theorie deS HimmeU" (1755) wird noch heute ae- tzhgtzt; aber so sehr er die Welt- und Raturprobleme ständig im Hst- inö» oäl- chen den des tant aus imt« t er )en» heit ßer» zur iften men nem die tten. iider Fung egen nicht Bet» )irk» ihm schen uhte Welt ferm dab vom illen nbet, Ar. nur sein itner sich i der Ans «eben en em Ee in >lltes eine Lesen ein- selbst De. nand liefet cung. i ew littet chen. ! qui Nie. solche m in ne — n die mit nmen Hien. herbe rüber Glück istig. Stelle itt es rjeu« »rund egen« : der igeht Ben. und mals [, die ffuna nsluv Zahl' ; Zu» ndem t be- aeradezu die Tugend als „moralische Tapferkeit", deren Fahne hoch zu halten gelte. Allerdings hat Kant auch die Idee eines ewigen Friedens lebhaft und mit tiefer Begründung verfochten, aber diese Idee ging seit St. Pierre durch das ganze Jahrhundert, sie hat schon Leibniz beschäftigt. Kant sieht in dem ewigen Frieden eine hohe Aufgabe, die nur nach und nach aufgelost werden kann, ja er hat ernstliche Zweifel, ob sie jemals erreichbar fei; jedenfalls hat dies Streben ihn nicht gehindert, auch die kriegerische Tapferkeit vollauf zu würdigen; ein tapferer Mensch, so tneint er, sei selbst dem Wilden ein Gegenstand der größten Bewunderung. Bemerkenswert sind auch die folgenden Worte: „Selbst der Krieg, wenn er mit Ordnung und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird, hat etwas Erhabenes an sich und macht »ugleich die Denkungsart des Volkes, welches ihn auf diese Art flihrt, nur um desto erhabener, je mehreren Gefahren es ausgesetzt war und sich mutig darunter hat behaupten können." trachtet, der Gefellschast aber als leitendes Ziel nicht die Wohlfahrt, sondern den Aufbau eines Reiches der Freiheit und Gerechtigkeit setzt; zugleich aber schätzt Kant aus echt deutscher Denkweise sehr die Tapferkeit. Rach seiner Aeberzeugung fordert alle echte Moral einen fortwährenden Kampf des Menschen mit sich selbst, einen Kampf zwischen Reigung und Pflicht. Er bezeichnet aeradezu die Tugend als „moralische Tapferkeit", deren Fahne Kant und die deutsche Dichtung. Von vr. EugenKühnemann, Professor an der Aniversität Breslau. Wenn Kant neben seinen anderen Taten für die Philosophie ■ auch der Begründer der philosophischen Aesthetik wurde, so erwies er darin die Gröhe seines Genius. Persönlich stand er dem Gebiet 6er Künste ungewöhnlich fern Rur mit der lateinischen Dichtung Verband ihn von seinen Schulzeiten h^r eme wische Aebe. Die .Kritik der Arteilskraft", jenes Grundbuch der Aesthetik, erschien i?g0 Es war das Jahr, in dem Goethe das Faustfraamen her- ausgab. Schiller hatte den großen Weg seiner Jugend mit dem „Son Carlos" vollendet. Kant aber hielt unter den deutschen Sichtern immer noch etwa bei Haller. Sem vorgesch obensterP o- sten war Wieland, den er an einer Stelle »rolliger OBetfe In einem Atem mit Homer nennt. Amso bemerkenswerter ist »er gewaltige Einfluß, den er auf die drei größten Dichter der deutschen Sprache ausgeübt hat. , _ . 3et>er Deutsche weih eS, dab Schiller als Philosoph ein Kan- Haner war Es darf sogar behauptet werden, daß er unter allen KuX kn Mto am imb richtigsten verstanden hat. Aber wenigen ist es ganz zu Be Ein schlaffer und weichlicher Pazifismus liegt nicht tn der Art dieses tapferen Denkers; wenn irgendeiner, so war Kant kein Phrasenmensch. 3m direkten Gegensatz zur damaligen Zeit stand Kant bei der Beurteilung des moralischen Standes des Menschen. Der Verlauf des 18. Jahrhunderts hatte eine optimistische Schätzung des Menschen aufgebracht; Rousseau gewann viele Menschen durch seinen schwärmerischen Glauben an eine unverfälschbare Güte des Individuums. Einem derartigen Optimismus widerspricht Kant aufs Entschiedenste. Er hat nicht nur die Lehre von einem radikalen *Böfen im Menschen verfochten, er hat durchgängig ein trübes Bild Vom menschlichen Durchschnittsstande gegeben. Ihn empört die Anwahrhaftigkeit und die Angerechtigkeit, die Anlauterkeit und der Mangel an Aufrichtigkeit, die sich durchgängig finden: „Aus so krummem Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts Gerades gezimmert werden." Er spricht von einem „traurigen Anblick, nicht sowohl der Hebet, die das menschliche Geschlecht aus Raturursachen drücken, als vielmehr derjenigen, welche die Menschen sich untereinander selbst antun“, ja sogar von einer moralischen „Bösartigkeit der menschlichen Ratur". So kann er nicht mit der Aufklärung im Bösen nur eine Schwäche unserer sinnlichen Ratur sehen, sondern er findet das Böse im Willen selbst nicht darin, daß wir niedere Aeigungen haben, sondern darin, daß wir ihnen nicht widerstehen wollen. Auch solcher Ernst der Beurteilung entspricht der Denkweise deutscher Art. Aber zugleich yertritt Kant mit voller Entschiedenheit eine moralische Würde des Menschen; es soll trotz alles Widerstandes das Sittengesetz in feiner vollen Reinheit und Strenge aufrecht erhalten bleiben. Hier wird alle moralische Laxheit verpönt, das ganze Leben wird zu einer schweren, aber edlen Aufgabe. Daraus erwächst ein herber und kräftiger Idealismus, ein Idealismus der Tat, der die Welt um uns und in uns voller Verwicklung findet, der aber auf ein Überlegenes geistiges Vermögen vertraut, eine neue Welt zu entfalten und allen Widerstanden zu trotzen. Dieser Idealismus, der von altersher fest in der deutschen Art wurzelt, hat durch die Defreiungstat Kants einen sicheren wissenschaftlichen Boden gewonnen, auf diesem Boden haben die Rachsolger weiter gebaut, und auch wir dürfen ihn nicht verlassen. Wir dürfen das um so weniger, je mehr Gefahren und Röte uns heute bedrängen. Aber ein Volk, das solche Männer hervvrgebracht hat, und von dem eine solche geistige ilmtoaljung her Gedankenwelt hervorgegangen ist, hat eine sichere Hoffnung für die Zukunft. So wollen wir auch zu Kant dankbar empor- blicken und uns seines Besitzes stolz erfreuen. wußtsein gekommen, wie Großes die Berührung mit Kant tn Schillers Leben bedeutete. Man erinnert sich gern an jene bewährte Auseinandersetzung mit dem Sittlichkeitsbegriff Kants in Schillers Abhandlung „über Anmut und Würde". Sie ist vermutlich die schönste Seite deutscher philosophischer Prosa. Kant will als sittlich allein die Tat gelten lassen, die im reinen Bewußtsein der Pflicht entspringt. Anwirsch scheucht er die Gefühle von dem Bereich der sittlichen Willensbestimmung zurück. Wenn Schiller demgegenüber das Kennzeichen der sittlich vollkommenen Seele darin erblickt, daß in ihr das lebendige Gefühl frei und freudig übereinstimmt mit dem sittlichen Gebote, so spricht darin sein eigenes hohes Erleben. Er hat die Lust seines Daseins gefunden im Erfüllen der Sendung und Ausgabe, die als sittliche Pflicht auf ihm liegt. Aber nur gegen die Darstellung Kants, nicht gegen seinen Gedanken lehnt er sich auf. Diesen Gedanken vielmehr bejaht wiederum fein ganzes Wesen. Die ganze Würde des Menschen beruht ja darauf, daß ihm allein unter allen Wesen, die wir kennen, gegeben ist, den reinen Gedanken seiner sittlichen Aufgabe zu erkennen und ihn mit Bewußtsein über sein Leben zu stellen als das Gesetz, dem die blinden Triebe zu gehorchen haben. Der Mensch allein geht über die Erde mit dem sehenden Auge für feine Pflicht als den Sinn seiner übersinnlichen Bestimmung. Schiller trat als der Prophet der neuen Lebensbotschaft zu Kant als dem Kritiker der Begriffe. In dieser Lebensbotschaft übertrug er auf die Deutschen und die Welt das eigene große Wesen, über das ihm felber in diesen Gedanken erst die Klarheit kam. Das Höchste wäre die schöne Seele, deren Leben Schönheit ward, als die freie Aebereinstimmung von Lebenstrieb und Pflicht. Aber Schiller weiß es nur gar zu gut: das Leben in seinem Ernst, das Schia- sal in seiner Anerbittlichkeit verlangen immer wieder von uns den erhabenen Charakter, der seiner Sendung die Treue hält in allem Sturm der Leidenschaft und der Leiden. Als ein erhabener Charakter vollendete Schiller selbst, siech und dahinsterbend, das eigene Lebenswerk. Auch für den Berus des Künstlers und selbst für die Sendung feiner Tragödie ist ihm in seiner Kantischen Schulung erst das volle Verständnis gekommen. Indem das Trauerspiel den Menschen Auge in Auge stellt mit der ganzen Wahrheit über die Furchtbarkeit des Lebens, erschüttert es ihn in dem Gefühl von der Erhabenheit des Menschendaseins. Die Tragödien des reifen Schiller bedeuten in diesem Sinn alle ein Stück ästhetischer Erziehung. Das ist die Bedeutung Kants für Schiller, daß er an ihm sich selber erst in der Gröhe und Tiefe seilnesi Wesens begriff. Aus dem Geiste Kants ist Schillex in seiner Vollendung geboren worden. Sie größte aber unter den philosophischen Taten Schillers war es, daß er mit den Kantischen Begriffen als der erste den Genius Goethes in seiner Einzigkeit verstand. Er erkannte ihn als den intuitiven, den schauenden Verstand, bei dem die Begriffe sich nicht von den Gegenständen trennen und in lebloser Abstraktion verlieren, sondern in dem das Schauen unmittelbar Gedanke wird, der Gedanke anschaulich bleibt. Goethe sieht das ganze der Ratur als eine Einheit der sich abwandelnden und steigernden Grundgestalten. Dichter auch in seiner Wissenschaft und gerade dadurch einer der höchsten Erkennenden, offenbart er das Wesen der Dinge in lebendigen Gestalten. Schiller sagt es nicht, aber es ist die Wahrheit, auf die auch Schiller führt: Goethe ist die Erfüllung Kants. Er gibt das Weltbild, für welches Kant die Voraussetzungen entwickelt. Er bekannte selber, wie die Kritik der Arteilskraft ihn. im ganzen Sinn seiner Arbeit bestätigt hat. Er machte zum krönenden und abschließenden Gedanken seines „ Faust jene große Wendung der Weltanschauung, in der Kant die Tat zum Sinn und zur letzten Wahrheit des Lebens machte. Wir erreichen und umfassen den Sinn des Anendlichen nicht nut bem grübelnden Verstände, aber mit dem reinen, sittlichen Willen. Wie immer, abseits von den anderen, erfuhr Heinrich v. Kleist die tiefe und schmerzliche Erschütterung der Kantischen Lehre. Er entnahm ihr, daß dem Menschen jene Wahrheit versagt bleibe, die unbedingt geltend, als ein unverlierbarer Schah ihm über das Grab hinaus folge. Eine solche Wahrheit war das ganze Ziel feines Lebens. „And ich habe nun keines mehr." Er verzweifelte. Er ahnte nicht und konnte nicht ahnen, wie dies iahe Erschrecken ihn von fruchtlosen Bemühungen löste und feine Seele frei machte für den Dichter, der in ihm schlief. Auch die Wohltaten seines Lebens kamen diesem dämonischen Menschen in unerträglichen Leiden. Wie eine Versöhnung wirkt es, daß er in seinem reifsten Werk, dem „Prinzen von Homburg" kurz vor seinem allzufruhen und selbstwilligen Scheiden in das Innerste der Kantischen Ethik eindrang und in ihr seine Vollendung fand. Der „Prinz von Homburg" ist die Erziehung einer edlen Hünglingsseele zum sltt- ttchen Bewußtsein im Sinne Kants. In ihm wird er zum Manne. In ihm findet er da« Vaterland. Kleist las den Kantischen Sittlichkeitsbegriff als Vaterlandsgedanken ab und gab dadurch der deutschen Dichtung ihr schönstes vaterländisch^ Drama. Auch er erfuhr an sich die weltgeschichtliche Kaniische Bekehrung und Um- kehr, daß unbedingte Wahrheit nicht im Erkennen, wohl aber im Handeln zu finden ist. Indern die Gedanken Kants in den größten deutschen Sichten, zu Lebenskräften wurden, erwiesen sie sich dadurch selber als Leden und Wahrheit. — 72 Schriftleitung: Dr. Ariedr Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drübl'lchen Lkniv.-Buch- und St-ündruckerei R Lanas Giefteo Wie Kant Letnahe geheiratet hatte. Einer der hvchräderigen, breiten Gxtrapostwagen der guten alten Zeit bewegte sich, von drei Pferden gezogen, im langsamen Trabe der Stadt entgegen. Wahrend seine zwei Insassen, eine ältere Dame von behäbiger Erscheinung und eine junge lebhaftere, die kleinen Vorbereitungen trafen, welche der Einfahrt von Versenden in eine Stadt vorherzugehen pflegen, kam aus dem Tore Königsbergs die leichte Kalesche der Gräfin Keyserlingk. Eben hatten jene beiden den Staub aus den Kleidern entfenrt, die Haare geordnet, einen Mick in den Spiegel geworfen und begonnen, die Gegend zu mustern samt der Stadt, die sich an dem nördlichen Hügelrande, von häufigen, doch nicht hohen Türmen überragt, aufbaute, als der Wagen der Gräfin rn dre Vähe kam und auf die Rufe von beiden Seiten der Postillon und der herrschaftliche Kutscher die Pferde rasch zum Stehen brachten. Die Gräfin Keyserlingk war schon auf dem Boden und erwartete die ältere der beiden Reisenden, die sich in freudiger Erregung aus dem hohen Wagen bemühte. Küsse und üreuden- ausrufe wurden getauscht. ' , „Welche Güte, welche Aufmerksamkeit, mir entgegenzukommen!" rief die eine. . , , ~ *. „Wie freue ich mich, nach zwanzig Jahren meine Freundin Angelika wiederzusehen," sprach die Gräfin unter einer Umarmung. Eben hatten sie begonnen, sich Bemerkungen über ihr Aussehen auszutauschen, als Frau Angelika von Gimborn sich unterbrach und der Gräfin ihre Begleiterin vorstellte. Meine treue Sophie, von der ich Ihnen geschrieben . . . „Mademoiselle Sophie Düren, Ihre Pflegerin, Ihre Lebens- Tcttcrin! , Die Gräfin hielt dem jungen Mädchen die Wange hin, die diese fußte, um dann auch die Hand der Gräfin mit den Lippen zu berühren. „, ... E , .. .Sie sind eine Verwandte von Frau Wobser? — fuhr die Gräfin fort, — „wie werden sich die Wobserschen Eheleute freuen, wieder etwas aus der alten Heimat der Frau zu erfahren. Kennen Sie die Wobser schon und wissen Sie. wie sehr sie durch unse-rn Kani ausgezeichnet werden? Seit einigen Jahren ist Modulen eine Wallfahrt der Königsberger geworden: alles will die Stube sehen, in welcher Kant seine .Untersuchung über das Schone und Erhabene geschrieben hat." Sophie erwiderte, das) sie davon gehört habe und daß sie sich doppelt freue, die Familie Wobser sehen und an ihre, wenn auch sehr entfernte Verwandtschaft erinnern zu dürfen. Dort an jenem Orte wo das berühmte Buch entstanden sei, hoffe sie es auch zu lesen: sie freue sich darauf um so mehr, als es das erste der! Werke des verehrungswürdigen Mannes sei, das ihr tn die Hand fomme. aIIeg verstehen," erläuterte nun Frau von Gimborn" — „sie kennt alles, was Herr Lessing schreibt, hat auch von Gvethen schon das unglückselige Buch über den jungen Jerusalem gelesen, und Voltaire hat sich gerne mit ihr unterhalten, als wir jüngst an Ferneh vorüberkamen, und von dem Prinzen von Gotha bei ihm eingeführt wurden." Sophie machte eine bescheidene Verbeugung, dann setzten sich die drei Damen in die Postkutsche und fuhren in heiteren Gesprächen an einzelnen Häusern vorüber durch die Festungswalle an das Tor. Dort wurden die Pässe abgegeben und die üblichen Formalitäten der Examination der Reisenden und der Untersuchung ihres Gepäcks, dank der Begleitung der Gräfin, rascher als gewöhnlich zu Ende gebracht. Als sie aus dem Torbogen kamen, fragte Frau von Gimborn, auf Gruppen von Eschen, Ahorn und Buchen deutend, die in dichtem Laubschmuck sich da und dort auf eine Wiesenfläche oder gegen den breiten Fluß hin öffneten, wie man diese schöne Anlage heiße. „Man hat sie seit einigen Jahren .Philosophischer Weg' ge°. tauft," war die Antwort, „weil Kant mit Vorliebe sich hier an dem Ufer des Pregel ergeht." „Dort drüben," fuhr die Gräfin fort, „hat Kant erst neulich eine Probe abgelegt, daß er nicht nur ein Weiser- sondern trotz seines zarten Körpers auch ein tapferer Mann fei,“ und sie berichtete den Vorfall, der ganz Königsberg mehrere Wochen lang in Aufregung gehalten hatte, wie ein dem Wahnsinn verfallener Fleischer in einem Laubgang mit einem Messer auf ihn zugestürzt. der Philosoph aber besonnen genug gewesen sei. nicht zu fliehen, sondern in kalter Ruhe die Frage an ihn gerichtet habe, ob denn heute Schlachttag sei, soviel er wisse, sei der erst morgen. Darauf sei der Angeredte verdutzt von dannen geeilt. — „Ist es Ihnen interessant, liehe Angelika, gleich beim ersten Schritt in unsere Stadt auch das Kostbarste zu sehen, was Königsberg besitzt, so lassen wir die Pferde hier warten und unternehmen es, ihm drüben einen Besuch zu machen." Nachdem ein kurzes Bedenken wegen der Reisekleider von der Gräfin beseitigt war, wandelten sie zur Linken hinunter dem Ufer entlang. Auf der anderen Seite der Anlage, nahe dem Pregel, auf einem freien Vorsprunge, stand ein Wann und schaute den Bemühungen zweier Barken zu. welche den Fluh heraufzukommen trachteten. Die Junisonne lag glänzend auf dem Wasser, und die Wimpel der Niederlande und Englands fatterten auf. wenn der eben ermattende Seewind sich noch zu einem frischen Stoße ermunterte. Dem Spaziergänger war er eine erwünschte Kühlung, so daß er, wenn auch mit vorsichtig geschlossenem Munde, in tiefen Zügen auf atmete. . .. , Der hier stand und auf die Fläche des Flusses schauend vielleicht über die verschiedene Art der Wellen und die Bewegung der Wasserteilchen in diesen nachdachte, oder aus der Bauart der beiden Schiffe und ihrem Schmuck einen charakteristischen Zug der Holländer oder Engländer entnahm, war „der Weise von Königs» berg“. Als am Anfänge der Fünfzig stehend, von kleiner Figur, welche durch die flache Brust und die etwas erhöhte rechte Schulter ein wenig gebückt erschien, zart gebaut, doch von gewaltigem Haupte — so stellte er sich dar. An. diesem Kopfe überraschte wieder die breit aufgebaute Stirne mit den Buckeln über der Nasenwurzel, die schlanke stolze Nase und die leuchtenden blauen Augen. Die Mundwinkel waren wie wohlwollend, und doch zu leichtem Sarkasmus stets bereit, in die Höhe gezogen, die Unterlippe sprang etwas vor über dakleine Kinn. Der obere Teil des Gesichtes erinnerte an Friedrich den Großen, der untere mit seinen feinen, beweglichen Linien an Lavater. f Den kleinen dreieckigen Hut trug er in der linken Hand, so daß die blondhaarige, weihgepuderte Perücke mit dem Haarbeutel ganz sichtbar war. Der schwarze, unten tote ein Frack zugeschnit- tene Tuchrock war vorn mit einem der braunen Seidenknöpfe geschlossen. Die Brust bedeckte jene gefaltete Krause, die man Jabot hieß: die braune Weste ging nach der Mode weit über die Huste herab: an die dem Rocke gleichfarbigen Beinkleider schlossen sich die grauseidenen Strümpfe und die Schuhe mit silbernen Schnallen. Aus seinem Sinnen weckten ihn Gespräch und Schritte, die, tote er merkte, auf ihn zukamen. Etwas unwillig bohrte er sein lange- spanisches Rohr in den weihen Sand und drehte sich mit ernsthafter Miene den Kommenden entgegen. Ein Freudenschein zog indessen über fein Gesicht, als er die Gräfin Keyserlingk erkannte, die rasch mit herzlichem Grube auf ihn zuschritt. „ , , . Freundlich das Haupt neigend, ließ er sich den Fremden verstellen und blickte aufmerksam auf das Mädchen, als er mit ihrem Namen den seiner Gastfreunde von Moditten hörte. Frau von Gimborn hätte im tz ergeh en geäußert, daß eS ihr nun, da sie den großen Gelehrten kennenlernen solle, ängstlicher zumute sei als damals, da sie das erstemal bei Hof auf geführt worden sei, und Sophie hatte über das, was in ihr vorging, nicht- gesprochen, wohl aber merkte man an ihrer tiefen Verbeugung und dem leisen Zittern der Hand, wie bedeutsam ihr der Augenblick erschien. Mit einigen Worten Kants hatten die beiden ihre -Unbefangenheit wiedergefunden, da er an das Nächstliegende anknüpfte und sich wohlunterrichtet erwies über alle Eigentümlich- leiten ihres Heimatlandes, der roten Erde, und über die Merkwürdigkeiten Italiens, Frankreichs und Englands, welche Länder Frau von Gimborn, nachdem sie Witwe geworden war, mit Sophien durchreist hatte. „ Der Besuch hatte sich durch das freundliche Entgegenkommen Kants länger ausgedehnt, als die Damen beabsichtigt hatten: immer in lebhaften Gesprächen, war man endlich aus dem kühlen Schatten in das schwülere Freie getreten und auch wohl etwa- rascher ausgeschritten, kurz, plötzlich blieb Kant stehen, sprach noch weniges, aber man fühlte, daß er nicht mehr so lebendig wie bisher den Faden der Unterhaltung weiterspinne. Die Damen nahmen schnell Abschied, und die Gräfin lud den Herrn Professor auf morgen zum Mittagsmahle ein; vor Tisch sollte die Bildersammlung besichtigt werden, für die einige neue Stücke anaefommen seien. Sie werde, fügte sie mit einer nur für Kant berechneten humoristischen Beziehung hinzu, ihren Wagen schicken. Kant nahm die Einladung höflich an; „was den Wagen betrifft, so . . .“ Er machte diesen abgebrochenen Satz durch eine verneinende Bewegung des Kopfes und einen heiteren Blick In die Augen der Gräfin derselben verständlich. Die Damen schritten dem in der Nähe der grünen Drucke haltenden Wagen zu. .. „Haben wir ihn verletzt, daß er so rasch abbrach? war die erste Frage der Frau von Gimborn, sobald es die Entfernung nur irgend gestattete. „Nichts weniger als das", erwiderte die Gräfin.' „Warum blieb er dann so unbeweglich stehen, warum lehnte er den Wagen ab?“ „Lächeln Sie nicht," erklärte die Gräfin, „oder lächeln Sie immerhin über diese Sonderbarkeiten, denn man lacht ja auch übet die unfern, und wer hätte ihrer nicht. Nur beruht bei ihm fast alles auf einem wohlerwogenen Grund. Entweder erinnerte et sich an seinen Vorsatz, beim Gehen nicht zu sprechen, um nur durch die Aase atmen zu können, oder er fühlte, daß ihm warm wurde, und eine seiner Maximen ist, nie in Transpiration zu geraten. Daß er den Wagen nicht annehmen würde, wußte ich im voraus, denn seit einem Vorfälle, der ihn erzürnte, hat er sich zum Grundsatz gemacht, nie in einem anderen Wagen zu fahren als in einem, den er sich selbst gemietet. Sein ganzes Lesben ist eine Kette von Maximen." (Fortsetzung folgt)