Eichener ZaiMenblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger --SmMag^mr5.«°v-md« ~ I ,, 6tTLim nördlichen Holstein geboren, Eltern und 93 w» ?M1 Dvterseite und von Mutterseite sind aus dem selben &fr ftoet putschen Geviertmeilen reichlich bemessen ist I gewesen, sämtlich sächsischen Stammes. Alle Vorfahren s'ud Dauern gewesen und stammen ans freien, niemals böria S^sEn Mruerngeschlechtern. Ein wohl hier und da zu 2 gehender Hatz gegen äußeren Zwang war gemeinsame Familien» härähi^itss,,Tte■ nKübetriebene Freiheits- und Llnab- hangigkertssucht ist auch in meinem Leben einfluhreich geblieben be.tzt der Ort, in dem ich am 29. November 1844 a^ I’°!:eit.lr’c>^en. bin. Es ist ein aus weit verstreuten Gehöften bs- ! ?n •Skater Au, nicht weit von der Ausmündung St-rm ton»’r M12 -^"ich von Hademarschen, wo Theodo« trXn XT- <5te1 7^^.usMhre zugebracht und seine besten No- vollen geschrieben hat.. Die Gegend ist einsam, die Eisenbahnstation ist noch letzt nahezu, eine Meile entfernt, die nächsten Dörfer nicht eine Stunde. Die Gemarkung ist von grotzen ",?en lm£ ^°?reri umgeben, halbinselartig ist nh,hT,lt barkenKiiicken und Verhauen gegen die große Wiesen- meBerang der Eider und ihrer Nebenflüsse vorgeschoben. Auf der SMK pÄ ä .fnXKISi ,v’!1 4>aale waren ansehnliche Bauernhöfe, meinem Vater oe» “J#™ H«us sahen wir weit über Wiesm imtor^- 9\^aum c beschatteten, behüteten und um- Neuen mir n!^, $Clm’ ^te ^u6sn Herbstschauer in den Wipfeln iiegen mir noch immer im Ohr. ')^Tiefe Einblicke in Leben und Schaffen des Dichters geben fi.lto™Ti*Sen5nrl!lnrr.un9en“ Krögers, die in der liebevoll ^breit ^rt t?tn.er Dnrstellungsweise uns das heimatllche ^^ton t>@ser?nrD^rtl3rt' 6er ber Dichter aufwuchs und sein« 6eU Entwicklungsjahre verbrachte. Eine R Biographie des Dichters verdanken wir Jakob ®r°J*e Ufa d t, der mit liebevollem Sinfühlen in Krögers Art 2luffchlüfsen über fein Leben und Schassen die Werke des Dichte feinsinnig analysiert. und -inschlug und IX' Lenken unu guyren oes Landvolks, datz gerade m Kenners Stomnt XnX" au8 elnlc Oberen Welt, sondern sog die Kraft zur uw- . tounbctboK übg^fcf)i dienen hi>Iff'pintfrfx> n ^->-»4 L&’S «Ä L SÄÄÄ 3fe£ SSlffÄ"’ to ~ h», Krögers Kunstform ist ausschließlich die Erzähluna von I errelche^en^No^erce ko Un^n9 cin’e« Romans I SfZhlÄ Zuerst herrscht fast ausschließlich die Land- b^ Stimmung, das Schicksal der Figui-en bleibt UN- «ch und fragmentarisch. Bon den zarten Skizzen seines ersten Buches „Eine stille Welt», der Publikation eines Secksimdtt 15" zigiahrlgen, bis zu den „Leuten eigener Art" Ülm den Wmioll" DickttXto^'^ Nnd°t unuLerbrochener'A^fLg statt D r Dichter baut eine immer reichere Wett auf, eine Welt die allX^s'Ewi^?^chlvssMheit in holsteinischer Landschaft über- uw SÄÄÄ fÄÄ L ober Gewaltsames bekommt,' aber dafür I Echttch i)ie_ Fülle tiefsinniger Einzelzüge, barocker I Einfälle und phantastischer Naturbeseelung. Krögers Dauern I C B?m bald düster, bald humorvoll gefärbten I Schöpfertum, das sich in der mächtigen Bildkraft ihrer Ge- I tief symbolischen und mythischen Gehalt ihrer I Ä' Erzählungen ausdrückt. „Es gibt nichts Totes und Nichts Lebendiges, kein Wachen und kein I Aranm«n, keine guten Menschen und keine bösen Menschen — I toXdlX?ttr X uls Figuren in dem Traum des Allein- I seienden, u nseres großen Herrgotts", — in dieser sonderbar I Unterhaltung eines bäuerlichen Geschichtenerzählers I intt Mnem toten Freunde drückt sich die WettXchauuna dls würdig^ist^' dne dbilosophte, die wahrlich ein«s grotzen Epikers I I „®^e vund fünfzig Novellen, die das Lebenswerk Timm 9s*. jftas-3 i»°Le »°LL w&ttg Wie ich unter die Schriftsteller gekommen bin. Von Timm Kröger. meiner Schriften kommen zu dem Gr- "^pvunglich durch Eindrücke der mich^umgebenden Mi ur" - L SHaffen gekom.nen fei: „Im Anfang w^ U ! ^t richtig. In meinen ersten Schriften stehen ®lP^'u,n9 und Stimmungsmalerei im Vordergrund 9 Ä Menschendarstellung Hauptgegenstand i ®to lenes ülrteils kann ich auch nach eigener Er» nXf,?13 ^stellen Die Landschaft hat mir immer viel^zu sagen ifl es die Landschaft ff X' uuch K und je durch das Leben begleitet 0c6au^ihÖXr SSn Cn .Erzählungen ist mein Geburtsort der Qlutouh omt 61 rfc to,enrt auch hier und da in verändertem 7"/^- Mit anderen Worten: meine stärker als gemeinhin auf- Ä»en ßlf! rur Heimat läßt mir, wenn ich die M 5 ^um noch die Freiheit der Wahl. Fragt matt also nach den Gründen, die mich zum Schriftsteller gemacht & Bekstdng^ tor aIten ®in»en bfefe s^ohl äußere toU fcxM ich setze mich aber darüber Ünw^SL ^^lrchfenH in b-er IRsg-ef zu ü>cnia ©etnicßt r>iif h,rrs üXtwiröe^i 2Urwrdmm überkommen i>abea, und bet mtr, glaube A ,d^bie.Unterlassungssünde besonders schwer ins Gewicht X 'boch, wie ich init jeder Faser ans Ererbte gebu^ SgängeH hT vorgezeichneter Marschlinie durchs Leben Timm Kröger als Heimatdichter. Zum 80. Geburtstage des Dichters. * Von Dr. Martin Avehl. (Nachdruck verboten.) WWSWK ZSWMMß unbedeutenden Talenten fo (»tont Ironmng kleinen, ä? hsä ®8£unÄ ’£HF^lF KMWME WZWKSZ Mein Vater war zweimal «wheiratehmeiaeMutter^nahm S‘'S Ä säää n--^. ""d i« dl- »■»«« IZS-Ä'S ÄÄ« w® M Sä' ff'ÄÄÄäÄW ä“ 'S»-,« fi.A als 16««» *i3SÄÄ«' war, Mutter übernahm den Hof, unb mem Volwi vbatet^h' nach nicht 19 ^)ahre cutt, verwaltet^ v irnrtf chatt? WKWEGZUZZ SVÄÄZL «sw *.’•?»£* ■ §to« äS* Sw«»” »"d ySsS&i6 »& S£5aä”äe SÄÄÄ &Ä«Ä n. w> «>.m°l fcw !<» «h« groschen im vermögen. ®ofui. ft«, f $ Buch", und Leu Damit war meinen Traumen die Hauptstra^ A^eie auch Schillers Werke mu ) Skizze eWÄX-«ÄMÄ Freunden des Hauses angeregt, ob^ ich nicht stuvieren^m^ Schatten^L^ve^chten^ttAlehrten S-°b-hm MrS^-mrde heraufbeschworen. Mein Bruder Hans 'Dar der^Aufklarung u^ ÄÄÄÄ NZi.IDV.-US a&faste »S2& WÄ Ä °L ä is iS ä K,fn-en werde 2ch> träumte weiter, aber ich bttev zu sjouie. MMMSM IMLMZL-L--- S=sSÄÄ«»älTiS 3S -^nem Sohn Begabung übertreffenden Men gesch h - r versagt I Zelleicht ein Ideal aewesen sein ,m* ® @r 6fiJ^im AmtseMmen den dritten SStS.Ä fe’ÄfiS S WLL'Ld" SnUtte» M Z«» S» $n nf,Ä5?ä““,s;» ÄS i»« asd»iw» kton«« SÄg Sä-X äs» WStf>«ämää' ÄS fiä MÄäÄ£S^c ttsi R.Ä »kä’äää । im übrigen ab« er« sE« B-n i-inen beiden | gaS?,-sss®ss NerAe ich in der Skizze „Vorn lieben Gott" ge- SBSWÄ m-WWMLLs A<^-S^STS S?SÄ*ÄfÄ S»W "”L tag ihm von Gott anvertrauten Pfundes abzuqualen, ärger a - kpr aerinaste Arbeiter des Hofes es tat. Meine Mutter eine geborene Bornholt, richtete sich, fotonge Dater lebteAch ihrem Mann. Auch sie hatte von Hache aus diel inneren Mlichtzv^ngGrundlage ihres Wesens k^tt^tte^ E de^^^gaA?FaEe Bornholt gemein) war nLessen ein der Fröhlichkeit und dem Humor mehr zugewandtev Sinn was" denn auch öfters zum Durchbruch kam. ~f... mar mütterliches Erbteil. Meine Grohmutter taSl’i Sl r" bis in Br W «'”« fröhliche gut und gern erzählende Frau. Die hoc,),. .. her §-z'ählimgskunst feierte indessen die Familie, Bornh^,,, ^ ihrem Sohn Hans, meinem Ohm, den man^in den Novellen Wie mein Obm Minister wurde" und der „Pfahl (,n »s®^ :^r Art'H kennen lernt. In feiner Jugend hatte er das Schneidern gelernt, hieh daher bei uns meistens, „Schneider- tdbm" war aber Landmann geworden und wohnte einige Meilen non uns Ernt auf der Dithmarscher Geest. D«r war (es ist nicht ^u vttl gesagt) in seiner Art ein Künstler. Ich weih nicht »k i^ iemals eine Geschichte geschrieben hätte, wenn mir nicht °b'tch Sofain tajfct er seine Erzählungen obzu° tömn wußte ^uTid die Pointen herauszumeiheln verstand, als Muster vorgeschwebt hätte. — 228 - auch von Schopenhauer geschrieben, nichts Besseres gelesen habe. Aehnliche Erinnerungen leben in mir. Wenn Hans und mein Bruder Jörn (auch ein Vollbruder von mir) und ich unsere Pfeisen rauchten, dann ging das Philosophieren über Gott und Änsterblichkeit und über den Zweck der Welt los, daß die Fenster klirrten. Ünfer ältester Bruder Johann (aus erster Ehe unseres Vaters, er hatte einen eigenen Hof im Dorf) gab das attische Salz dazu, denn er war ein Kopf von ganz seltener satirisches DeMibung. Traf sichs nun, dah Schneider-Ohm, wenn wir aus den Fenstern sahen, über die Hauskoppel von Dithmarschen her yeranmarschiert kam, dann war ein Kollegium beisammen, das aus Höhenluft herab über die Welt hinwegredete. Die folgenden Jahrzehnte meines Lebens machen für meine schriftstellerischen Versuche wenig aps.. Ich hatte immer das Gefühl, dah die mütterlichen Ahnen in mir das Wort führten, wenn ich mir einredete, Dichter zu sein, und den Drang spürte, es vor der Welt zu beweisen. Bestritt ich mir dagegen die Dichter- Herrlichkeit, dann hörte ich die Stimme der Kröger-Sievers-Sippe heraus. Merkwürdigerweise befand ich mich Samt am besten im Gleichgewicht, wuhte ich doch, dah die Äatur um keinen der Zwecke betrogen werde, wozu, meine Menschwerdung hatte dienen sollen. Ich habe die Rechte studiert, weil man mir sagte, dah das seinen Mann ernähre, und weil zur kritischen Zeit die nüchterns Vernunft mein Ohr hatte. Ich glaube zuweilen, es wäre besser gewesen, wenn ich es mit der Theologie versucht hätte. Dazu brachte ich gewisse Fähigkeiten mit, die sich auf der Kanzel nicht schlecht ausgenommen hätten. Ich hatte auch eine religiöse Anlage. Ich wäre vielleicht dazu gekommen, wenn ich nicht jedem positiven Bekenntnis entfremdet gewesen wäre, im wesentlichen verschuldet durch die äleberfütterung mit Religion in der Volksschule. Ich komme auf jährlich etwa 600 bis 800 Stunden religiöser Unterweisung. Es war zur dänischen Zeit ein genauer Stundenplan nicht vorgeschrieben, die Lehrer hatten vielfach freie Hand. Die Qual war groh. Reben Luthers kleinem Katechismus wurde oer grohe LanDeskatechismus des Kieler Professors Cramer (138 Fragen und Antworten mit Sprüchen und Anmerkungen) auswendig gelernt. Ich habe freilich keinsn Menschen kennen ger lernt, der das Kunststück, in Cramer zu genügen, fertig gebracht hätte. Dazu das Leiden der Bibelsprüche, der Religionsstunden, der Dibelflunden, das täglich viermalige Gebet, die frommen Gesänge, auch, viermal am Tag, und die Geographiestünden von Palästina. Und die düstere Prophezeiung, dah man für jeden flräftichen Gedanken ewig in der Hölle braten müsse, es sei denn, man werde der Gnade Gottes teilhaftig. Alles das hat mich viele, viele Jahre ungerecht gegen Religion und Christentum gemacht, und wenn ich mich nicht wieder zurecht und den grohen, von allen trüben Dogmen befreiten Gott wieder gefunden hätte, dann wäre ich als Gottesleugner in die Grube gefahren, und die. Haaler Volksschule hätte einen Teil der Schuld gehabt. . . . Und eher als Jurisprudenz hätte ich, ein Fach der philosophischen Fakultät, vielleicht Kunst- und Literaturgeschichte, wählen sollen. Ich habe aber alle Irrtümer meines Lebens selbst auskosten müssen. Es fehlten mir Gönner und Bekannte und Freunde und Ratgeber, es fehlte mir Familienanschluß, alles, was die Ge- lehrtenfchule dem jungen Mann so viel besser für das Leben mitgibt. Es war niemand da, der mir die Hand reichte, weil niemand eine Ahnung von meinen inneren Röten hatte. Im Jahre 1863 fing ich an, mich auf ein gelehrtes Studium vorzubereiten. 1869 bestand ich die erste juristische Prüfung, 1873 das große Staatsexamen, ein paar Jahre war ich anfangs Richter, dann Staatsanwalt, von 1876 bis 1903/04 Rechtsanwalt und Rotar. Die Kröger-Sievers-Sippe führte in mir das Wort, ohne dah der Widerspruch, der Bornholts verstummte. Jene muhte wohl die Herrschaft behalten, da mich nicht allein! der innere Zwang der Pflicht, sondern auch die äuhere Rot des Lebens streng an die Kandare nahm. Es gibt Leute, die vormittags Bankgeschäfte treiben un& nachmittags Gedichte schreiben können. Solche Kunst ist mir mein Leben lang fremd geblieben. So lange der Aktenknecht nicht leer war (und er wurde eigentlich niemals leer), war meine Nugkrast gelähmt. Eine Zeitlang träumte ich noch von einer Poesie freier Ferien, dann aber nur noch von ein wenig Musendienst im Alterstuskulum. Am besten ging das Dichten auf der älnipersität, wo ich Herr meiner Zeit war. Es entstanden damals auch, Gedichte und eine größere Erzählung in Versen. Diese Werke sind nicht mehr. Rachdem ich ihre Leere erkannt hatte und auch die fromme Scheu, die wir gegenüber poetischen Jugendsünden hegen, überwunden worden war, übergab ich sie der reinigenden Flamme. Rach 1864 lernte ich Goethe genauer kennen und auch allmählich verstehen. Darauf kam Heinrich Heine an die Reihe; er hat mich lange festgehalten, dann bin ich ihn aber los geworden und ziemlich gründlich. Das Schwanken und Streiten in mir dauerte fort. Meine Versuche waren jetzt meistens in Prosa gehalten, wobei Storm mir als Muster vor Augen stand, obgleich das, was Gestalt gewann, ganz was anderes wurde als Stormsche Poesie. Von dem Wenigen ist nur Eines übrig geblieben, das eigentlich, nichts als das Anfangskapitel einer längerer Erzählung sein sollte. Man kann die Skizze jetzt noch, in meinem Novellenband „Eine stille Welt" lesen, sie heiht „Die Rohtrappe von Reudvrf". Nächtig kannte ich Liliencron, den Kirchspielvogt von Kellinghusen, seit Anfang der achtziger Jahre, 1888 kamen wir unS persönlich näher. Er schickte mir den Erstdruck seiner wundervollen Rovelle „Die Mergelgrube", ich gab ihm „Die Rohtrappe", die ich dann noch im Herbst desselben Jahres in der Zeitschrift „Die Gesellschaft" las, nachdem mehrere früher darum ersuchte Familienblätter mir den Eintritt in die deutsche Literatur versagt hatten. Lil.encrons Ermutigung habe ich es zu verdanken, dah ich von da an mir und meiner amtlichen Beschäftigung die Zeit zu gelegentlichen literarischen Arbeiten einfach wegnahm und teils skizzenhaft, teils in längeren und kürzeren Erzählungen das aufschrieb, war mir am Herzen lag, immer und immer wieder auf meine Heimat und auf gewisse Erinnerungen zurückgebogen. Die Bekanntschaft von Tolstoi, Maupassant und Daudet, denen ich mehr oder weniger, wenn auch weniger in der Stofs- wahl als in der Form, Anregung verdanke, habe ich erst im Laufe der achtziger Jahre, zu einer Zeit, wo ich für fremde Einflüsse nicht mehr empfänglich war, gemacht. Ich war zu alt un& zu selbständig geworden, die Quellen, die für mich lebendiges Wasser gaben, lagen fest und waren schwerlich zu vermehren, was auch wohl, da ich mich inzwischen zu einer Art Spezialisten ausgebildet hatte, nicht nötig war. Die alte Truhe. Von Timm Kröger. „Anna," sagte Trfen Paulfen zu ihrem Töchterchen, „dat 'S Werra (---Mittag), roop Dadder!" _ Bei Seien ging es immer auf den Glvckenschlag. Fünf Minuten vor hach zwölf wurde Vater gerufen; wenn er in die Küche gekommen war und fich die Hände wusch (die Hache Stunde war inzwischen voll geworden), dann trug sie die Suppe auf. „Roop Vadder!" sagte Trien Paulsen zu Anna. Anna lief, so hurtig wie die flinken Füße nur wollten, über die Diele und aus dem Dielentor über die Hofstelle. Eine gelbe Henne flüchtete und verschwand mit großem Geschrei um die Hausecke zwischen Streudiemen und Schweinekoben. Anna aber sprang auf den Wall, der Hofstelle und Koppel trennte, und rief in den Rebel hinein: „Dadder, dat 's Merra!" „Js good," klang es von einer Stelle her, wo der Rebel am dichtesten war. Man hörte, wie jemand eine Karre niedersetzte, einen Spaten einsteckte; dann trat Vater aus dem Rebel heraus und ging auf I,rt§ang Paulsen war ein kräftiger, bäurischer Mann in den besten Jahren. Er trug die kleidsame Tracht von Dlauleinen, die Hosen in die kurzen Schäfte feiner Stiesel gesteckt. Er verließ seine Arbeit wie einer, dem die Mahlzeit eine unliebsame älnterbrechung ist, der sich freut, bald wieder anfangen zu dürfen. Er war dabei, wie er sich auszudrücken pflegte, mit Gottes Erdboden herumzukarren, und mit Gottes Erdboden karren tat er gern. Wenn in den Ländern an der Wasserkante die Wintersaat bestellt worden ist, wenn es keine dringenden Arbeiten mehr gibt, wenn die Üblichen Herbstnebel (sie ziehen in der Regel bis Weihnachten hin) die Ratur grau anstreichen, dann fing Hans Paulsen an, mit Gottes Erdboden herumzuwirtschaften. Denn das Vieh besorgen und was sonst im Hause zu tun war, machte das Frauenvolt spielend ab. ' . Hans Paulsen gehörte zu den Dauern, die für gerade Linien schwärmen Seine Weide hatte an Lerchs Koppel einen Buckel und in der Mitte eine ,Lunk', das heißt ein Loch, eine Vertiefung, worin sich zeitweilig Wasser ansammelte. Run war es seit Jahren sein Vorsatz gewesen: der Buckel soll verschwinden und auch das Loch der Buckel soll das Loch ausfüllen, lind nun war er schon ein paar Jahre jedesmal ein paar Wochen dabei, den Buckel in &ie Tiefe zu karren. Die gute Ackererde wurde dabei hüben wie drüben zurückgelegt und auf die Ebene wieder aufgelegt, damit nichts mnkomme un& alles fruchtbar und tragend bleibe. Wenn Hans die Arbeit in Tagelohn durch fremde Leute hätte ausführen lassen sollen, so würde es sich kaum gelohnt haben. Run alber, da er es selbst tat, kam es ihm geschenkt.vor. Den dicken, grauen Rebel liebte er und hielt ihn für gesund, darin Mlte er sich frisch und wohl. Im Rebel beschwerte ihn weder die Külte die im strengen Winter allem um ihn her einen tönernen Klang gab, noch die Hitze, die sich immer unter den Kleidern aufstaute. .Und dann liebte er das, was der Rebel mit sich bringt: die Stille, die Einsamkeit. Wenn er nicht weiter als zwanzig Schritt sah, wenn er mittendrin steckte in dem grauen Wvlkengerinnsel, dann ging bei ihm die Gleichung auf, die in jedes Menschen Brust nach Losung sucht. ,JnnnenHeide' hieß der noch wenig angebaute Sandrücken, auf dem'Hans Paulsens Kate lag. Änd an der lang ausgedehnten! Landstraße war durchschnittlich alle fünf Minuten Wegs ein einsamer Katenbesih hingestreut. Ruhig und versonnen war auf solchem Fleck das Leben immer; im Herbstnebel tarn es, wenn er den Buckel toegftirrte, zu Hans tn ganz kleinen Pulsschlägen her. — 224 - Noch Offen fiel das Sand gleich von feiner Weide weg hinab, und dicht an seiner Grenze wuchs ein kleines Wäldchen auf, in dem ein Elsternparar hauste. Das schrackelte öfters auf; der Laut siel hart auf Hans Paulsens Trommelfell. • Er hörte es gern, freute sich und segelte mit der Karre auf dem Laufbrett nach der Gun! donnernd hinab. Nachbar Thießen wohnte ettvas weiter nach Norden hin und war kein so ganz kleiner Bauer, .hielt aber doch an der 'alten Mode fest, wollte keine Maschine und drosch mit der Hand. Die ganzen Tage, wo Hans gekarrt hatte, war er nicht mehr aus der Melodie der Dreschflegel herausgekommen. Vormittags hieben bei Thießens drei ein, das gibt immer was Gehacktes; nachmittags tat die Tochter Grete mit, das gab die rechte Melodie. Hnb das Geklapper hörend, schaufelte und schaufelte Hans Paulsen die Karre voll und schob und schob. „Vadder, dat 's Merra!" hatte Anna gerufen. „Dat 's good, ik kam." Es gab Erbsensuppe. Hans Paulsen ah wie ein gesunder Arbeiter, der den ganzen Vormittag mit Gottes Erdboden geschoben hat, ißt. Und nachmittags ging er wieder in die Karre. Am folgenden Tag fünf Minuten vor halb zwölf lief Anna wieder über die Hof stelle, diesmal war keine Henne da; die schwarze Hauskatze ging wie eine feine Dame mit feinen Pfötchen über den Hof nach dem Backhaus zu. „Vadder, dat 's Merra!" „Good, Kind." Es gab Mehlbeutel und Speck und Nauchfleisch und braune Tunke und Pflaumen darin. „Nun," fragte Trien, „hilft's bald mit dem Berg?" „Ja, wenn das Wetter so bleibt und ich mich dranhalte, kann es diesen Herbst glücken. Aber ich weiß nicht, vielleicht muß ich mal abbrechen." „Nu?" „Ja, Stiem, ich glaub, ich muß nach Hohenwichel." Trien legte den Löffel weg und sah ihren Mann verwundert an. „Nach Hohenwichel, Hans, zu Klaus?" * „So dacht ich." , „Hans, was hat das zu bedeuten? Vergessen kannst du 's doch nicht haben! Klaus hat gesagt, du solltest ihm nicht wieder ,übern Drüssel' (= Türschwelle) kommen." „Das stimmt, Trien. Aber übermorgen sind's zehn Jahr, wo Mutter starb, lind wenn ich auch nicht hineinkomme, daß ich mal vorbeigehe, kann Klaus mir nicht wehren." Trien schwieg. „Lind wer weiß . . . Wer weiß, wozu es gut ist." „Du mußt wissen," erwiderte feine Frau. Sie fing an ab- zuräumen. „Sieh, Trien! Wenn ich auf dem Berg stehe und mein Tragseil um den Nacken lege und die Karre hebe und dann in den Nebel hineinsehe, dann ist mir immer, als sähe ich Hohenwichel und sähe zwei Männer, die Arm in Arm auf das Haus zugehen. Und ich will mir immer einreden: es sind Klaus und ich." Hohenwichel, in andrer Landschaft gelegen (man ging ein paar Stunden dahin), hieß die Landstelle, auf der Hans groß geworden war. Der Vater war früh verschieden, die Mutter hatte die Wirtschaft fortgesetzt: ein Krieg hatte sein struppiges Haupt erhoben, die Verhältnisse hatten sich verschlechtert. Die Mutter starb zu einer Zeit, als Hans und Trien die Kate auf Jmmenheiderfeld bereits mit dem Geld, das sie sich bei Bauern verdient, zu eigen) erworben hatten. Die Mutter hinterlieh ein verschuldetes Erbe, und es war fraglich, was mit Hohenwichel werden solle. Da verheiratete sich der einige Bruder von Hans, Klaus, so günstig, daß er die Stelle mit .Schuld und Unschuld' übernehmen konnte. Hans war damit einverstanden; er bat sich nur die Truhe, die immer in der Hörn (--Wvhnecke) an der Kellerwand gestanden hatte, als Andenken an seine Mutter aus. Die Mutter stammte aus der Buchholzkate (die liegt etwa in Wegesmitte zwischen Jmmenheiderfeld und Hohenwichel, wo jetzt ihr Brudersvhn Mars Schütt wohnt) und hatte die Lade als Aussteuer mitbekommen. Die Truhe war immer hochgehalten worden, nicht so sehr wegen der trefflichen Schnitzereien, die kannte und wertete man nicht, sondern weil ein Urältervater der Mutter sie selbst gemacht und geschnitzt haben sollte. Uebevall waren Figuren und Blattwerk und Laubwerk. Löwenköpfe und Löwenfüße und Adlerflügel sprangen an den Ecken heraus. Die Vorderseite war in zwei Felder geteilt, und die waren durch Grttppenbilder geziert, die man als Kain und Abel und David und Jonathan erkannte. Und an der unteren Leiste längs war quer über beide Felder weg frei nach Matthäi 5, 23/24 ein Spruch hingeschnitzt: ,Und hat ein Bruder etwas gegen dich, gehe hin, versöhne dich! Und dann zu mir, zu deinem Gott!' Die Lade bat sich Hans aus. Aber Klaus wollte nicht. Nicht aus Eigennutz, beide Brüder hatten weder von dem materiellen noch von dem Kunstwert des alten Stückes eine Ahnung — nein; aus Ehrfurcht gegen das Andenken der Mutter, die er ebenso tief und verschlossen geliebt hatte wie fein Bruder Hans. „Laß sie mir, Klaus!" bat Hans. „Mutter hat mir zugesagt, daß ich sie haben solle." Da war das unselige Wort heraus, das die beiden Männer, die so ehrlich waren und so ehrlich liebten, vor der Welt und auch vor sich selbst zu bitteren Feinden machte. Denn auch Klaus gtaubte von der Mutter die gleiche Zusage erhalten zu haben. Die Mutter kann nicht falsch gewesen sein. Das war der Vordersatz, von dem beide ausgingen. Daher, folgerten beide Brüder, kamt sie nur einem das Versprechen gegeben haben; einer von uns muß lügen, muh unglaublich gemein und falsch fein. Und da ich die Wahrheit auf meiner Seite weiß, so ist mein Bruder der Lügner und Lump. Natürlich waltete ein Mißverständnis bei einem von ihnen oder bei beiden vor. Aber wer hätte diesen ehrlichen und heftigen Männern von Mißverständnissen reden wollen? Wenn sie nur nicht so heftige Leute gewesen wären, wie es die Paulsens von Hohenwichel, die immer wegen ihres gerechten Sinnes in hohem Ansehen gestanden hatten, von jeher gewesen waren . . . Wenn sie nur ein bißchen weniger rechtlich und ehrlich und sittlich hätten denken können . . . etwas geringer geradeaus und folgerecht . . . Wenn nur ein bißchen bei ihnen anders gewesen wäre, als es war . . . dann wären sie vielleicht selbst auf den Gedanken gekommen, daß doch wohl ein Irrtum vorlieg«, oder sie hätten es nicht so hochernst genommen, hätten sich erzürnt und wieder vertragen, oder der eine hätte sich von dem andern auskaufen lassen. Aber da sie das alles nicht waren und das alles nicht kannten, so war jeder bereit, den lang bewährten rechtlichen Sinn feine» Bruders für nichts zu achten, zu vergefsen, daß er immer ehrlich gewesen fei. Jeder war bereit, das alles lieber für eine Täuschung zu halten als die Falschheit, die er jetzt mit Händen greifen zu können glaubte. Jeder glaubte an eine Charakterverkehrung seine- Bruders und hielt ihn für einen ganz erbärmlichen Menschen. So flammte ihre sittliche Empörung auf. Hans sagte es zuerst. „Klaus," sagte er, „wat büft du för'nj legen (--schlecht) Kerl!" Klaus wurde bleich und schwieg eine halbe Minute, dann spie er vor seinem Bruder aus. „Pfui Deibel, dat seggt ml.en Lump! Jä, en Lump. Und dat man mit so'n Lump ünner een Dack flirt mutt!" Solch harte Worte fielen auf der Diele, wo die alte Truhe stand und an der unteren Leiste der fromme, sanfte Spruch: ,Unb hat ein Bruder etwas gegen dich, geh hin. versöhne dich . . / Die Zornentbrannten sahen ihn nicht, wollten ihn nicht sehen, oder hatten vergessen, was die alte Lade sagte. „Daß man mit so einem Lump unter einem Dache Hausen muß!" hatte Klaus gerufen. „Dat schall ni lang duern," entgegnete Hans. „Dat ward jo doch Tiid, na’n Asiaten (— Rechtsanwalt) to gähn." Er nahm Stock und Mütze und ging nach der Tür. „Dat du mi ni Weller äwer'n Drüssel kommst!" schrie KlauS ihm nach „Hett niks to feggn!" antwortete Hans, da war er schon draußen. Das ist das letzte Wort gewesen, das sie zusammen gesprochen haben. Als Hans toegging, hatte er die Absicht, gleich nach der Stabt zum Advokaten zu gehen. Der Weg nach seinem Heim zweigte ungefähr in der Mitte des Weges ab. Da stand er an der Scheide. Und gerade an dieser Stelle (ein Bach schwatzte still durch ein Buchenwäldchen) tag die Kate, wo die Mutter groß geworden war. Mars Schütts wohnten drin, es waren gute Leute. Hans ging hinein und sog den Schmerz um feine Mutter und um seinen Bruder noch einmal in allen Winkeln des alten Hause» ein. Er ließ sich den Platz zeigen, wo die alte Lade gestanden hatte. Jetzt war da blankgescheuertes Messinggeschirr auf einer gemauerten Platte, die das alte Stück würdig gehoben und präsentiert hatte . . . ,Und hat ein Bruder etwas gegen dich, geh hin, versöhne dich! Und dann zu mir, zu deinem Gott!' Hans ging weiter, nach Jmmenheiderfeld zu. Er konnte den Weg zum Advokaten nicht finden; die alte Truhe sollte bleiben, wo sie war, aber feinen Zorn wollte er behalten. Zehn Jahre waren dahingegangen, und Hans Paulsen hatte von feinem Bruder nichts gesehen und auch nichts gehört. ■ Gr hatte noch immer geglaubt, den alten Groll in seinem Herzen zu tragen; in Wahrheit trug er aber an der Stelle eine Leere und eine nie verstummende Klage um eine verlorene Liebe. Freilich, in der Regel konnte er feinen Schmerz in dem allgemeinen Gleichgültigkeitsmeer ertränken, aber es kamen Stunden, wo es anders war. Nun hatte er bei feiner Arbeit Hohenwichel im Nebel gesehen, und auch die beiden Männer Arm in Arm . . . Gr brauchte gar nicht hinzusehen; wenn er die Augen schloß, war es beinah m>ch besser und deutlicher. Namentlich auch Hohenwichel. Sieh mal an! Ordentlich das Haus und der Kreuzbau, worin das Metz anfgeftattt wird, daran. Die hohen Linden am Weg und die Goldweiden am Kuhhaus. Goldweiden auf den Knicken. Es war etrt Haus, so recht in Goldweiden eingebettet, hieß darum auch Hohenwichel (Schluß folgt.) Schriftleitung: Dr. Friedr, Wilh. Gange. — Druck und Verlag der Vriihl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Gange, Gießen.