Gietzener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang (92^ Mittwoch, den 24. Dezember Nummer L- Weihnachten. Won Joseph Freiherrn von Eichendorfs. Markt und Straßen stehn verlassen, Still erleuchtet jedes Haus, Sinnend geh ich durch die Gassen, Alles steht so festlich aus. An den Fenstem haben Frauen Buntes Spielzeug fromm geschmückt. Lausend Kindlein stehn und schauen, Sind so wundersttll beglückt. Lind ich wandre aus den Mauern Bis hinaus ins freie Feld, Hehres Glänzen, heilges Schauem! Wie so weit und still die Welt! Sterne hoch die Kreise schlinge», Aus des Schnees Einsamkeit Steigt's wie wunderbares Singen O du gnadenreich« Zeit! Was Kann uns heute Weihnachten bedeuten? Bon Walter von Molo. Was kann uns heute Weihnachten bedeuten? Die Frage beweist, baß nicht alle mit der Art, wie Weihnachten zumeist gefeiert wird, einverstanden sind; ich bin es auch nicht. An das Fest der Kinder will ich nicht rühren, das ist schön, bas soll so sein; -der Weihnachtsbaum und die Geschenke verklären den Kindern für später das Wort: Weihnach en — aber diejenigen, die keine Kinder mehr sind, die sogenannten „Reifen", wie feiern die Weihnachten? Den Weihnachtsbraten, den ausgewählten Alkohol, das Sühzmg in Ehren, weniger die Familiensentimentalität mit Santen, Vettern und ähnlichem, dir sich für einen oder zwei Sage angeblich vertragen, weniger die Weihnachtsgelage und die Verlogenheit des „Friedens auf Erden", weil das zum Feste gehört. Wir sollen nicht Phrasen reden, nie, besonders nicht, wenn wir einmal Zeit haben, uns auf uns selbst zu besinnen; zu Weihnachten hat jeder einmal Zeit, da stockt für zwei bis drei Sage der sinnlose Rummel, in dem sich die „Zivilisation" erwürgt, der sich dann „Kultur unserer Zeit" nennen will; zu Weihnachten mühte, muß und kann die Seele über den trüben Wasserspiegel aufsteigen, der unser Gebetsschiff, unsere Glücköarche: Geld schifft, auch für die, die sonst keine Zeit dazu haben. Der wahrhaft wertvolle Mensch lebt immer im Kontakte mit seiner Seele, wer nicht ganz wertlos sein und bleiben will, der muß wenigstens Weihnachten mit freier Seele feiern. Ich meine, Weihnachten kann und darf uns nichts anderes bedeuten als Sink eh r! Erkennen, daß nicht das Hetzen um Geld und Erfolg Inhalt und Ziel unseres Lebens sind, daß nicht der Bauch, nicht das überhebliche Hirn unser höchster Besitz sind, daß der einzig wertvolle Besitz unsere Seele ist, unser Zusammenhang mit dem All. Das soll und kann jedem, der guten Willens ist, Weihnachten bedeuten, alles andere ist Oberflächlichkeit und Kulturlosigkeit, ist Lüge. Denken wir zu Weihnachten an diejenigen, die uns lieben, erheben wir uns in sttller Aacht zur Erkenntnis, daß das Leben, das für jeden so kurz ist, wunderschön sein könnte, wären die meisten nicht klein, egoistisch, feig und rechthaberisch, wehrten sie sich nicht albem gegen das, was ihnen auferlegt ist, zu tun. Wer zu dieser Einsicht in den paar ruhigen Stunden, die das Fest spendet, kommt, der hat Weihnachten richtig gefeiert, wer dann im neu anhebenden Srubel nach dieser Einsicht handelt, der hat Ewige Weihnachten vor sich. Vorhin führen zu können, ist für mich die Bedeutung von Weihnachten, andere Weihnachten sind für mich verlogene Spteßbüraereten. Notftandsweihnacht. Von Hermann Sudermann*). Das war im Sommer 67, da gab es überhaupt kein« Sonne mehr. Vom Juni an Sag für Sag nichts wie sickern«- der, suppender, trommelnder Regen. Das Erdreich weicht« auf, der Roggen reifte nicht, die Erntefelder sahen aus wie Lehmtennen, denn alle Halme lagen glatt und braun und feuchtglänzend am Boden. And das Schlimmste von allem: die Kartoffeln verfaulten. Was man zu Ende August als genießbar dem Boden entzog, hatte Haselnußgröße und war mit Pfropfen durchsetzt, die gingen querdurch bis ans andere Ende. Erst gegen Mitte September stellte zugleich mit dem Herbstreif blauer Himmel sich ein — aber da war schon alles verloren. Das hieß Hungern, und unter Amständen hieß es Verhungern. Wer hätte in solchen Zeiten, in denen jeder Groschen ein Schatz ist, Bier ttmken mögen’*)! Damm wurde auch im Sudermannschen Hause Schmalhans Küchenmeister. Freilich — wenn ich euch heute erzähle, daß die Butter vom Sische verschwand, daß die Fleischtage rar wurden und daß die Semmeln zur Sonntagskost auf» stiegen, so macht euch das verflucht wenig Eindruck, denn wir haben Schlimmeres kennengelernt, und die meisten stecken noch dick mitten drin. Aber vergeht nicht, daß das, was wir heute erleben, unfern Enkeln, falls sie inzwischen nicht ein» gegangen sind, manche Gänsehaut über den Leib jagen wird. Wer heute Iunginädchen ist, braucht bloß in die Jahre zu kommen, um als Märchentante die Kinder das Gruseln zu lehren, nur daß ihre Märchen einst härteste Wirklichkeit waren. And es gab damals auch viel«, die waren noch weit ärmer als wir. Im Chausseegvaben lagen sie familienweise und konnten vor Schwäche nicht weiter. Die Sür stand tagsüber von Bettlern nicht sttll, und wenn man ihnen das übliche Zweipfennigstück gab, so schimpften sie, denn Kupfer kann man nicht essen. An den Markttagen war es besond«cS schlimm: dann belagerten sie die Haustür und prügelten sich um den Eintritt, und meine Mutter teilte unser Letztes mit ihnen. Die Kartoffeln, so schorfig, so klein wie sie waren, wurden in Kesseln gekocht uno an die Draußenstehenden verteilt, die sie noch siedenheiß und mit den Schalen verschlangen. In den Hausflur ließen wir sie ungern, denn was von ihnen zurückblieb, machte sich tagelang juckend bemerkbar. 3a, hätte man schon damals gewußt, wo der Hungertyphus eigentlich herstammt, Mama wäre noch viel ängstlicher gewesen. Als der harte ostpreuhische Winter hereinbrach, wurde das Elend erst recht groß. Wahrhaftig, die eigene Rot verschwand hinter der, die sich schlotternd und zähnefletschend tagtäglich rund um uns auftat. And die Rot erst, die sich nicht mehr sehen ließ! — Mama war tapfer wie immer. Mit den anderen Vorsteherinnen des Frauenvereins fuhr sie von Dorf zu Dorf, lindernd und helfend überall, wo Hilfe und ßtnberung gerade noch als Wunder vom Himmel herabfallen konnten. Sv nahte das Weihnachtsfest. And uns Kindern wurde bedeutet, daß diesesmal infolge der großen Rot an ein« Bescherung nicht zu denken war; wir möchten uns zufrieder. geben und uns derer erinnern, denen im Leben nie ein Weihnachtsbaum brennt. Das kam uns hart an, und von alten Entbehrungen, die das Rotstandsjahr auferlegte, war dies entschieden die hättest«. Aber in unserem tiefsten Innern ließ e) Dem „Bilderbuch meiner Jugend" entnommen (Cotta, Stuttgart). **) Sudermanns Vater hatte eine Bierbrauerei in Matziken (Ostpreußen). - 254 - ras Gefühl sich nicht zum Schweigen bringen: so schlimm sann es nicht werden, und Mama wird schon Rat schaffen. Auch meldeten sich gewisse Anzeichen, daß allerhand Vorbereitungen im Schwange waren, die auf Gröhes und Heimliches hinwiesen. 3n der Weihnachtswoche konnten wir nicht mehr einschlafen, und wenn Großmama hinter ihrem Bettschirm tiefer atmete, dann schlüpften wir leise zur Aitr hinaus und die Treppe hinunter, um zu erforschen, was unten geschah. 3n unseren Hemden standen wir frostzitternd im eiskalten Hausflur, bald der eine, bald der andere mit dem rechten Auge vorm Schlüsselloch, dessen Lichtschimmer bewies, daß Mama immer noch auf war. Mochte es zwölf sein oder zwei oder drei, Mama jah vor ihrem Arbeitslasten und näht«. Aber niemals zeigte sich ein Baumbehang oder ein vergoldeter Apfel. Darum schwand uns bei Tage jegliche Hoffnung, aber in der nächsten Nacht begannen wir das Spiel der Sehnsucht aufs neue. Der Weihnachtsabend kam heran, und ton durch toberten sämtliche Winkel, aber nicht die Spur eines Tannenbäum- chens lieh sich entdecken, und wenn wir uns Mama an den Hals hängten, blieb sie dabei: „3n diesem Jahre gibt's t $ nur' das weiche und verschämte Lächeln nicht gewesen, mit dem sie sich aus unsrer Umklammerung löste, und da bei uns der Tannenbaum nicht schon am Abend, sondern nach alter Strandsitte erst am Weihnachtsmorgen angezündet wurde, so brauchten wir immer noch nicht zu verzagen. ...... ™ 3n dieser Weihnachtsnacht schloßen toir drei kern Auge. Als die Ahr zwölf schlug, tappten wir zum ersten Mal hinunter _ da saß Mama noch vorm Nähzeug. Am eins zum zweiten Male — da war das Schlüsselloch verhängt. Hatten wir in den vorigen Nächten Grohmama erweckt, und hatte sie uns verraten? Oder waren wir vorher im Hausflur zu laut gewesen? Wie dem auch sein mochte. Schlimmes konnte die neue Heimlichkeit nicht bedeuten. Am zwei war noch Licht. Am drei auch noch. Am vier wurde es dunkel. And um fünf sahen toir fertig angezogen auf unseren Stühlen, um, wenn wirklich die Glocke klang, den großen Augenblick nicht zu versäumen. r t Am sechs erwachte Grohmama und sagte: ,,^rch habe diese Nacht kein Auge zugemacht, so unartig seid ihr gewesen." , ... Am sieben Ahr zündete sie Licht an und begann, sich hinter dem Bettschirm anzuziehen. Das tat sie freilich auch sonst um diese Zeit, aber heute war Feiertag, — warum heute? And dann schalt sie: „Kinder, die so böse sind, daß sie ihre alte Grohmama nicht schlafen lassen, die wollen auch noch eine Bescherung haben?" Da war es mit unserer Zuversicht von neuem zu Ende. Am halb acht brach der erste Morgenstrahl durchs Fenster. Nun war gar nichts mehr zu hoffen, denn Bei Tage können die Weihnachtsbäume nicht brennen. Aber plötzlich — noch heute, da ich dies niederschreibe, macht mein Herz einen Sprung — ging es es tieftönig wie eine Kirchenglocke „Bum, bum, Bum“ durchs ganze Haus. And als toir hinunterstürmend die Tür des Wohnzimmers aufrissen, da brannte der Weihnachtsbaum genau so hell, wie er in glücklichen Jahren gebrannt hatte. And ringsum standen die bunten Teller und lagen die Geschenke in nicht geringerer Fülle, als sie uns sonst beschert worden waren. Zwar, sah man genauer hin, so fand es sich, daß in dem Stall ein Pferdchen fehlte und dah der Säbelgriff mit einer Drahtschlinge an der Klinge befestigt war — Böswillige hätten sagen können, es seien alte Bekannte —, wir aber staunten und jubelten und hatten nie eine reichere Weihnacht erlebt. _ Später, als wir größer waren, hat meine Mutter uns errzählt, wie die Bescherung zustande gekommen war. Sie hat alles in allem nach heutigem Geld drei Mark fünfundsiebzig gekostet.-- „ Auch jener böse Notstandswinter ging vorüber, und als bas Haff und die Müsse aufgetaut waren, lagen eines Tages am Heydekrüger Marktplatz zwei große Frachtkihne von einer seltsam bauchigen Form, wie wir sie noch niemals erblickt hatten. Die waren von Stettin übers Meer gekommen und bis zum Rande gefüllt mit Kartoffeln, eigrohen, glattschaligen, goldgelben Kartoffeln, tote sie uns schon fast aus dem Gedächtnis verschwunden waren. Die Leute standen m Haufen ringsum und bejahen sich das Wunder. Der Berteilungsausschuß ging ans Werk- und von nun an wurde es besser. WeihnachtsmMK. Bon Mathilde Reinhardt. And wieder zieht heimliches Klingen Versonnen und märchenbekannt Auf flüsternden Zaubernachtschwingen Durch winterlich schimmerndes Land. And wieder die urtiesen Lieder Beim strahlenden Lichterglanzbcmm Still grüßend, aufwogend und nieder Aus seligem Kinderlandtraum.-- . . . Auch ich entzünde der Kerzen Mild flammenden, leuchtenden Schein And stehe mit schluchzendem Herzen ... So mutterseelen allein. — — Der WeihnachtsMnger. . Bon Johannes Heinrich Braach. In einem Dorfe des Hunsrücks, das sich an Wälder anschmiegt, wie Kinder an ihre Mutter, ist es seit mehr als zweihundert Jahren Sitte, dah in der Christmette des ersten Feiertages ein Mitglied oder Kind der Gemeinde ein dem Fest angepaßtes Lied vortragen muh Der jeweilig« Organist hat für die Ausführung zu sorgen und erhält, wie es in einer Chronik heiht „umb sehne Muedat dreh shlberne Dhaler in «echter Praege“. Der Dorfoberste muh vier Wochen vor Weihnachten anfragen, ob die Vorbereitung getroffen wurde, er erhält „darumb eynen Dhaler", der Stimmbegabte aber, dem die Ehre zuteil wird, darf ein Jahr lang den Namen „Weihnachtssänger“ führen. Klingender Lohn wird ihm nicht gegeben, denn „eher sollte er Gott Dank sagen, dah jer Betz Wetzsen und Melodeyn des Hoechsten Ehre und Zehnen Ruhm kundmachen darf“. Es war am viertletzten Sonntag vor Christnacht, daß Henner Galbert, Schulze und Schiedsrichter, Begleitet von zwei Burschen, so wollte es die Aeberlieferung, zum jungen Lehrer, der auch Organist war, ging, um sich nach dem diesmaligen Sänger zu erkundigen. Gewöhnlich dauerte die Anterredung fünf Minuten, aber jetzt muhten die Mugüeder fast eine ganze Stunde warten. Die jungen Burschen forschten vergebens nach dem Namen des Erwählten, der Schulze verriet gegen die herkömmliche Art kein Wort, und selbst Heiligabend wußte noch niemand, wer der Weihnachtssänger war. Nie herrschte solche Neugierde im Dorf. Der Tag kam. Frau Holle hatte über die Eifel weißes Tuch gelegt, das zu Stunden der Nacht in Schluchten tiefvioletten Schein, auf Höhen aber bläulichen Glanz, so wie ihn früher Abendhimmel zeigt, erhielt. Als um die viert« Morgenstunde in Höhen und Häusern schon eine ü>eile Licht brannte, klangen Glocken auf und schlugen ehernen cochall über Scharen von Menschen, die Mr Kirche wallten. Als einer der letzten betrat der Groh — so wurde der Gemeinde reichster Bauer genannt — mit seinem Weibe das heilige Haus. Alt und zittrig waren beide, dazu still und einsam, wie nur solche Menschen sein können, die eine einzige grohe Lebensfreude kannten und sie verlieren muhten. Neben dem Altar brannten auf hochgeraden Tannen Kerzen auf Kerzen, wie in goldner Helle von Sonnenstrahlen war das silberbeschlagene Tabernakel getaucht, doppelt glutrot erschien die Ampelschale, darin das ewige Licht, von unspürbarem Hauch umkost, leise hin- und herflackerte. Nachdem das Evangelium verlesen war, sprach der weißhaarige Priester vom friedesamen Weihnachtszauber und es war als ob die Zuhörer Erde seien und er der Landmann, der guten Samen streut. Tiefste Weihe, schritt durch text kargen Kirchenraum, Flügelschlag aller Weltheiligkeit rauschte hernieder und es schien, als ob Seraphinen -sängen» Der Lehrer an der Orgel konnte durchs Fenster auf das verschneite Dorf und die schlafenden Wälderberge schauen und sprach zu sich: „Gott, in dir ist die Abgeklärtheit alles Seins/ Der GrG aber sagte in seiner Seele: „Vater unser, laß Mich mein Kind Wiedersehen, ehe ich sterben muh." Sein Kind? — Seinen Sohn? Der wollte Musiker werden, Over er litt es nicht. Gymnasium — ja, dann aber sollte er eigene Scholle beackern, Land der Väter verwalten, so wie er es getan. Scharfe Worte hatte er gegeben, Faust fast an Faust gelegen. Dann kam die Liebelei mit des Amts-- richters Tochter, dem blonden Mädle, das dort inbrünstig betete. Ihr Vater war gekommen und hatte aufbegehrt, und als er jenen in Anklagen und Vorwürfen unterstützte, da war sein Junge fortgegangen ohne Händedruck und Indie- augensehen. Jahre schwanden, immer erhoffte er den Schutt des Sohnes auf den Fliesen des Vorplatzes, das Haus seines Herrn stand wie das Tor des Hofes Tag und Nacht offen — aber jener kam nicht und sandte weder Nachricht noch Grüße. „Benedeie mich, denn du bist die Versöhnung", betete der Bauer. Vor denr Agnus dei kam nach alter Vorschrift der Gesang. Die Orgel begann mit leisem Praeludtum, wie heimliches Bergwasserglucksen huschten Akkorde einander nach, das Klingen schwoll an, wurde zum Iubelchoral, verebbte wieder, ward beginnende Begleitung und dann — ein sonderliches Erschrecken in der Gemeinde — das war keine Stimme, die einfiel — weich und zart begann einer Geige süße Melodre, Pilgerfahrt durch den Kirchenraum und von Herz zu Herz zu wallen. War das nicht gegen den Brauch? — Der Geist einiger Bauern empörte sich, bis sie auf den Geistlichen sahen. Wie der aber verträumt vor sich hinlächelte, legren sie die Widerstände ihres inneren Menschen in die Herztruhen, klappten den Deckel zu, gaben sich ganz dem ungekannten, über sie niederfallenden Zauber hin und erfaßtem langsam, daß der Spieler nur des Großbauern Sohn sein konnte. Der hatte die Augen geschlossen. Nichts wollte er sehen, ganz bei seiner Kunst sein, denn davon hatte er als Junge: geträumt, wenn er auf Bergwissen lag und gegen den Himmel stierte, einmal geigen zu dürfen in der Christmette. Zwar sollte gesungen werden — aber was tot das. Fest hatte er sein Instrument unter das Kinn gesetzt, bewußt und sicher führte er den Bogen, seine Finger griffen die Saiten, als faßten sie nach Glück. Das sollten sie auch. Gehungert hatte er draußen, gedarbt wie ein Bettler, und dann doch nach mancher Not und Entsagung den Weg zum Ziel, zu wirklichem Künstlertum und fe tter Anerkennung gefunden. Run galt es die Krönung seines Strebens: Wiederzugewinnen, was er einmal in aufbäumenöem Iugendttog verlor, Vaterhaus und Eltern, vielleicht noch mehr, denn immer waren Sehnsucht und Treue zu der Geliebten seiner Jugend gegangen. Nie war die Geige so mit ihrem Meister verwachsen wie hier, was sie jubelte und klagte, um was sie bat und bettelte, das war seine Stimme, die sprach, alles was Wünsche in erträumten Zukunftsschlössern aufgebaut hatten, was in heimlichen Stunden wie Wunderweben durch seine S ele zog, alles floß in die Saiten und strömte wieder aus ihnen hervor als reiner, goldener Ton. And die Bauern ließen sich einlullen von dein Spielen, das sie noch nie in solcher Vollendung gehört hatten, beugten die Köpfe nieder und vernahmen das Klingen wie eine Offenbarung. Den Amtsrichter, der gewohnt war, auch in der Kirche seinem bärtigen Gesicht eine wichttge Miene zu geben, durchtobten geteilte Empfindungen, seine Blicke gingen hin und her zwischen dem Geig r, der jetzt an die Brüstung des Chores getreten war, und seiner Tochter, die ihre roten Wangen und die ftendeglänKwden Äugen nicht vor ihm zu verbergen scheute. And als er sah, daß sie sich zur Groß- bäuerin setzte und ihren Arm um die Greisin, die heftiges Weinen ebenso durchrütt lte wie ihren Mann, legte, da wußte er, daß sie deren Sohn nicht vergess m hatte. Zürnen wollte in ihm aufsteigen und war doch Seligkeit in ihm. Als der Gottesdienst beendet war, erhob sich fast niemand. Man ließ den Großbauern und seine Frau zuerst durch den Mittelgang gehen. Alle Herzen neigten sich vor ihnen, und als an der Stelle, wo der Aufgang zum Chor in das Schiff mündet, sich den Eltern der Sohn in die Arme warf, da wurde manches Auge feucht und manche Lippe sprach ein leises Wort. Am andern Morgelt schrieb der Pfarrer ins Kirchenbuch: Der Weihnachtssänger war des Großbau rn einziges Kind, Johannes Steeger, Professor an einer Hochschule für Musik, i üeigte» aber sein Spielen war wie das Smgen etner Menschenstimme, so daß die Regel nicht gebrochen wurde. @r hat sich mit der Tochter des Amtsrichters verlobt. Möge über dem Segen der Eltern derjenige Gottes das junge Paar durch ein schönes Leben geleiten. HeMge Nacht. Von Marie Sauer. Es ist eine Stille im Weltenbraus — Hörst wohl dein Herz drin stopfen... Da wandert Sehnsucht weltein, weltous; Da will alle wegmüde Liebe nach Hans — Wie zum Meere wandern die Tropfen. So sind sie gewandert durch alle Zeit: Die je ein Strahlen empfangen Bon des Sternes leuchtender Herrlichkeit; So sind sie ihm nachgegangen. And fanden die Stille und fanden das Licht Aeber der Heimat Toren; And hörten das wunderselige Lied: Euch ist der Heiland geboren? Sie sangen es alle, die heimgelangt, Die Mutter hat dies gesungen . . . And heimlich hat es bewehrte Hand In die Bruderhand gezwungen. And wo es erblühte aus Herzensgrund Ward „Neue Zeit" wohl auf Erden. O selige Stille, v heilige Nacht: Laß uns Kinder des Friedens werden? Die Lchneerose. Von Adolf Koelsch*). Sie blüht, als nährte sie sich vom Balsam der Kälte, zwischen Frostgebläse und Eis, den Stürmen zum Trotz, die aus Norden kommen, und den Wolken zum Trotz, die mit Schneegestöber nach den Schulterblättern der Erde werfen und nach ihrem vereinsamte,r Hohenland. Seit Menschen sie in 6!e Gärten ihrer Tieflandsiedlungen herabgehvlt haben, blüht sie aber auch zwischen Regenpfutzen und Vorstadtdreck, und so ist es auch an dem mißratenen Weihnachtstag, wo ich unter den Auspizien eines peitschenden Westföhns und unter dem ermattenden Druck steigender Wärme dies schreibe. Das Rechte ist es nicht, dieses Dasein so irah am Ge- schmuddel. Denn die Schneerose ist in den Bergen der Voralpenzone daheim und verdankt all ihren Ruhm der seltsamen Fügung, daß sie ans Blühen dentt, wenn Winterglast, woran es in ihren heimatlichen Höher» um diese Zeit niemals fehlt, und das reisgrüne Sternenlicht entkräftender Rächte dem Busch und dem Baum und dem Kraut und dem Gras die Lust am Wachsttim verderben. Die Sonne ist müde und schleicht in kurzem Bogen am Himnwl entlang, das Rotkehlchen findet nicht mehr sein Lied in der Brust, nur dem Fuchs stäuben schon ein paar einsame Liebesfunken durchs Blut, und die jungen Mädchen träumen von Bällen. Da bricht, diesen Träumen sich zugesellend, die gesammelte Kraft des Sommers aus der Schneerosenwurzel hervor, sie strahlt mit l nzlichen Augen wie eine Verrückte hinein in die schlafsrgriffene Welt, zeigt ihr weißes Hemd und ihr grünes Herz und sucht zu betören. Wen kann es wundern, daß dieses Ereignis voll Angewöhnlichkeit und voll Duft, wie es ist, die Herzen der Menschen mit dem Ausdruck des Staunens füllte und sie zu dem Glauben hingeführt hat, daß die Erde zum bleibenden Gedenken an Christi Geburt dieses einsame Weihnachts- wunöer vollbringe? Es kann auch nicht überraschen, daß die Phantasie des Volkes sich mit dem Dämon dieses Ausnahme- Wesens verbündet und die Pflanze als einen Born zauver- halttger Kräfte gehätschelt hat, bis der Glaube an ihre himmlische Sendung in der Nähe schonungsloser Gedanken *) Hinführen zur Natur, zu ihren Schönheiten und Wundern mit der einfältig gläubigen Inbrunst des Dichters, dem sehenden Auge des Weisen will Adolf Koelsch in einem schönen Bande kleiner Novellen. Erlebnisse und Gesichte nennt er das, was er in dem Bande „D e r s i n g e n d e Flügel" zusammengesatzt, die hehre Predigt von dem Gottgewolten in der Natur, dem An- abänderlichen und Rechten (erschienen bei Grethlein K Cv in Leipzig). ' 3342 — 266 — dacht haben. Anaufhörlich flutet der Menschenstrom auf und nieder zur Krypta. Zu einem besinnlichen Verweilen ist hier nicht der Ort, und so verlassen wir den engen Raum der Grotte, die weiten Hallen der Kirche und gehen hinaus in die dunkle Nacht. Wir besteigen unsere Esel und reiten schweigens voll des Erlebten durch die schon stiller gewordenen Straßen des Städtchens. Es hat ganz aufgehört zu regnen, die Wolken zerteilen sich, ab und zu lugt ein Sternlein hinter den Wolkenschleiern hervor. Draußen im Olivenhain halten wir an und werfen noch einen Blick auf Bethlehem. Ein seltsam schöner Anblick ward uns da zuteil. Aeber der Geburtskirche, auf dem Dache flammt ein blutrotes Licht auf, wie ein Stern in dunkler Nacht. Das große Kreuz auf dem Turm der Kirche, von dem roten Licht beschienen, hebt sich leuchtend vom schwarzen Grund Des Himmels ab. Was uns die Geburis- kirche mit ihrem Menschengewühl und Stimmgewirr und Weihrauchdust nicht geben konnte, das schenkt uns die schone, hehre Nacht hier draußen im Olivenhain unterm Sternenzelt: heiligste, seligste Weihnachtsstimmung. Aus unseren Herzen quillt es, und auf unsere Lippen drängt sich das Lied, das nun leis in die Nacht hinausklingt: „Stille Nacht, heilige Nacht, Alles schläft, einsam wacht Nur das traute hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, Schlaf in himmlischer Ruh." Ein Weihnachtsabend in Bethlehem Don Adolf Fata. Schriktleituna: Dr.Srlebr. Wilb. Lana-' - Druck und D-rlaa d« B-Übl'icben Univ.-Buch- und St-indruÄ-r-i. R. Lana«. Di.he«. Regenschwere Wolken hängen am Himmel. Es regnet mit kleinen Unterbrechungen schon seit Wochen. Aber unsere kleine Gesellschaft hatte sich trotzdem am Nachmittag des 24. Dezember zusammcngrfunden, um den Weihnachtsabend in Bethlehem zu verbringen. 3n Regenmäntel gehüllt, steigen wir auf die für uns bereitstehenden Reitesel am Jafator zu Jerusalem. Die stattlichen Langohre hängen bekümmert d:e Köpfe. ES ist so gar nicht nach ihrem Sinn, so in Regen und Dunkelheit hinauszulaufen. 3n froher Festtagsfreukw Mten wir zur Stadt hinaus und sind bald rn flottem —rav auf der Landsttaße nach Bethlehem. Halbwegs, dort aus der Höhe, wo heute das Kloster Mar Eljas steht, machen war Halt und schauen mit Entzücken das wie hmgezauberte Bild der auf einer Anhöhe liegenden Wechnachtsstadt mit ihren weißen Häusern. Diesen herrlichen Anblick mögen schon vor fast 2000 Jahren Josef und Maria gehabt haoen, als sie nach Bethlehem zogen, um sich schätzen zu lassen. Rings um das Städtchen ziehen sich an den Abhangen gelber, Weinberge und Olivenwälder, heut alles in graue Regenschleier gehüllt. Und wieder vorwärts gehts, in emer gu.en Halben Stunde sind wir ja dort. Ab und zu überholen wir Fellachen, die ihre schwer bepackten Kamele, Esel und Maultiere vor sich hertreiben, dabei monotone Weisen singend. Am Rahelsgrab, einer mit einer kleinen Kuppel überwölbten Kapelle, holen wir einen Pilgerzug ein, der sich auf der Wallfahrt nach Bethlehem befindet, um dort in der Geburtskirche zu beten. Vollständig durchnäßt, aber mit frohen Liedern auf den Lippen ziehen sie die Straße. Was schert sie Wetter, Wind und Regen, soll sich doch nun ihr seligster Wunsch erfüllen, auf dem Boden, da sich die Weihnachts- aeschichte ereignet, niederknien zu dürfen. Noch ein ttlrzer, scharfer Trab durch den Olivenwald die Anhöhe hinauf, und wir befinden uns am Eingänge der Stadt. Durch lange., schmale, winklige Gassen, an denen rechts und links die gelb- lichweißen Häuser mit ihren meist flachen Dächern stehen, fuhrt der Weg. Der Regen hatte glücklicherweise nachgelassen. Das dichte Menschengewühl nötigte uns abzustelgen, und so führte ein jeder seinen Esel hinter sich. Europäer, Eingeborene, Fellachen und Beduinen, Treiber mit Maultieren, Kamelen und Eseln, Neugierige und solche, die sich Christtagsfreude aus Bethlehem holen wollen, Pilgerscharen, a les drängt und schiebt sich durch die engen, schmutzigen Gas,en, die von Oellämpchen- und Kerzenlicht, das aus den Werkstätten und Läden dringt, dürftig erhellt sind. Hier stehen einige an einem Perlmutterladen. In großer Auswahl liegen Kreuze, Ketten, Broschen, Kugeln, Nadeln aus Perlmutter gefertigt zum Verkauf aus. Sind doch die Bethlehemer Meister in der Perlmutterverarbeitung. Ein Bieten und Handeln, Mische« und Schachern beginnt. Glückstrahlend birgt der einfache Pilger das sicher viel zu teuer bezahlte Perlmut^r- kreuz unter sein schlichtes Gewand. Dort, ein paar Läden weiter, preist ein Dethlehemit Kerzen in verschiedensten Krö- hen, Farben und Formen an. Die Pilger versehen sich eckigst damit, denn auch sie wollen den Weihnachtskerzenglanz in der Geburtskirche vergrößern helfen. Bethlehemer Frauen in ihren ansprechenden, farbenreichen Trachten, haben sich unter die Pilger gemengt und geben so dem bunten Straßenbild ein noch farbenreicheres Gepräge. Wir folgen einer vor uns gehenden, in Andacht betenden und singenden Pilgerschar. Sie alle haben ja für den heutigen Abend nur ein Ziel, die Geburtskirche. Es sind Russen mit dicken, schweren Filzstiefeln an den Füßen und Pelzen angetan, als wären sie mitten im sibirischen Winter. So kommen wir langsam nach vielem Drängen, Stoßen, Schieben auf einen ganz im Osten der Stadt gelegenen großen, freien Platz, der schon seit über anderthalb Jahrtausend der vornehmste Platz Bethlehems ist, und auf dem sich das Treibe,! der Menge und das gesamte öffentliche Leben abspielt. Dahinter hebt sich groß und mächtig, wie ein massives Festungswerk, die Geburtskirche, wohl eine der ältesten, christlichen Kirche der Welt, von Konstantins Mutter, Helena, im Jahre 330 erbaut. Hoch und düster heben sich diese vom Alter gescywarzten altehrwürdigen Mauern. Im Laufe der Jahrhund^te ist dann hier ein ganzer Stadtteil von katholischen, griechischen und armenischen Klöstern entstanden. Wir überlassen unserm Mukari (Treiber) die Esel und folgen weiter den Pilgern. Nachdem wir in gebückter Stellung durch eine ganz niedrige Tür gekrochen sind -- sie ist so angelegt aus Furcht vor Angriffen der Mohammedaner — gelangen wir in das Innere der Geburtskirche. Weihrauchdüfte, dicke, schwere Luft benehmen uns fast den Atem, Lichterglanz von Hunderten von Lampen und Kerzen blendet unsere Augen. Wie dumpfes Brausen klingt das Singen und Beten der unzähligen hier versammelten Menschen. Von allen Setten drängen die Pilger zum Hochaltar, immer dichter wird der Weihrauch, immer unerträglicher die Luft. Aber in den Herzen aller ist fröhliche Weihnachtsstimmung und in den Augen ein seliges Glänzen. Dann gehts die Stufen hinunter in die Höhle unterm Altarraum, der Geburtögrotte (Krypta) mit der Krippe. Die Wände sind mit Marmor belegt und mit kostbaren seidenen Wandbehängen bekleidet. Anzählige goldene und silberne Lampen und Ampeln beleuchten den dunklen Raum mit dem Steinplatz auf dem Boden, auf dem ein silberner Stern befestigt ist. Um dielen herum ist die lateinische Inschrift zu lesen: hic de Virgin« Maria Jesus Ehristus natus est (hier ist von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren worden). Wenn auch keinerlei geschichtliche Tatsachen vorliegrn, daß gerade an dieser Stelle der Heiland geboren sein soll, so ehren wir doch diese Stelle, wo seit über anderthalb Jahrtausenden Christen der Weihnachtsgeschichte in innerst erlebter Weihnachtsfreude ge- verdarv und damit auch jene Kräfte ihre Wirksamkeit wieder verloren. Auf diesem Weg, der die Poesie aus dem Leben der Dinge streicht und die Gnadrnketten, die ihnen von der Fehlerlosigkeit der Einfalt verliehen wurden, ersetzt durch die Embleme der Wissenschaft, ist es dahin gekommen daß die Schneerofe für die meisten der Heutigen nur noch das ist, was die Botaniker aus ihr gemacht haben und die Handeisgärtner dazu, nämlich ein überspanntes Hahnenfußgewachs das in einer unmöglichen Jahreszeit blüht und das GUd einbringt, wenn man es in Warmhäusern züchtet und um die Weihnachtszeit auf den Märkten verkauft. Gehören doch seine anemonearttgen Blüten mit zum allerschonsten, was man sich in dieser Jahreszeit wünschen kann; denn sw gleichen weißen flehenden Heckenrosen, aber sie tragen nicht ihre Dornen. Von Insekten wird die Schneerose nicht umschwärmt, we,m sie ihr schneeblassses Blumengesicht hinter den Hagen der Stadt- und Dorfgärten zeigt; denn es gibt um diese Jahreszeit nichts Fliegendes, das die Schneerose anlvcken könnte. Dafür lassen sich die Augen von Kindern und andern leicht ergriffenen Menschen auf ihren Bliimen nieder, füllen sich an dem lichtbeseelten Leben mit Glanz, und wenn die Wintemacht in nachdenklicher Kälte über den Hausern steht, fühlen sie, daß sie einen Stern mehr als die andern haben, der atmend durch ihre Herzen zieht und durch ihren Schlaf.