Eichener Kmilienblätter _____Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang K924 Samstag, den 2H. Mai " Nummer 22 ToLenklage. Von Wilhelm Herbert, ßeng, du weckst die toten Bäume Aus dem schweren Winterschlaf! Weckst die Träume, weckst die SchäUNke, Die der Frost der Mächte traf. Weckst die Triebe, die erstarrten. Weckst der Säfte neuen Lauf. Weck uns auch mit deinem zarten Finger all die Schläfer auf! In Sibirien und in Flandern Schlummern sie in enger Hut. Schar um Schar in allen andern Ländern unterm Hügel ruht. Weck sie auf, die frischen Jungen! Weck die Männer stark und treu’ Weck die Alten — unbezwungen, Jeglicher ein deutscher Leu! Latz aus ihren stillen Herzen Wurzeln bis zu uns gedeih'n, Datz in tausend Blütenkerzen. Sie in unserer Mitte sein! Datz die deutsche Totenklage Hin durch alle Gaue klingt, Bis die Sonne künftiger Tag« Ihnen Dank und Sühne bringt! Hochzeit. Aaturphantasie von H. Hilde-Brandi „Seid ihr denn noch nicht fertig? Oh, über die Weiver-- girtschaft! Dor jedem großen Festtag mutz es immer erst eine ündslut geben!" so poltert der Wind und fährt wütend am Himmel entlang. „Weg mit den Besen und grauen Wischen!" Die Scheuerfrauen schultern schleunigst ihre Bürsten und enteilen. Der Himmel wird klar und blau. „Ma, es scheint wenigstens ordentlich zu sein!" Der Alte fliegt herab. „Diese verschlafene Gesellschaft! Weißt du es denn nicht, daß heute Hochzeit ist?" wütend rüttelt er an einem Kirschbaum. „Ja doch, alter Grobian, ich bin längst fertig! Ich habe Zeit!" „Zeit, Zeit, Ihr habt immer Zeit! Sorg' hier wenigstens für Ordnung! Ich mutz weiter. .Uebrigens, dein Kleid sitzt noch nicht richtig, — so!" mit kräftigem Ruck biegt er die Zweige zurecht. „Au!" sagt der Kirschbaum, — „guck du lieber beim Dorbeifliegen mal in den nächsten Weiher. Die junge Frau kriegt Angst, wenn sie dich so sieht. Richt mal rasiert bist du!" — „Wird alles, wird Alles!" ruft der Wind ärgerlich und schabt am stachligen Kinn. „Und datz die Weiber fertig find. Punkt fünf! — Wer nicht bereit ist, bleibt zu Hause oder präsentiert sich im Sinter« rock. Basta!" schon ist er um die Gcke verschwunden. „Lach du nur!" sagt der Kirschbaum zum Gänseblümchen, „der Alte macht Ernst. Bist du auch fertig?" „Sieh mich mir an, bin ich nicht fein?" Das Blümchen dreht sich und zupft am zackigen Röckchen. „Fein, fein!" lacht der Kirschbaum. „Bruder, Bruder!" Er schlägt mit feinen Zweigen zum Apfelbaum hinüber: „Wach doch auf, weiht du es denn nicht, datz Hochzeit ist?" „Waaas?" Der Apfelbaum streckt sich gähnend, — „potz Element ja, — und mein ganzer Staat liegt noch im Koffer." -■— „Das kann ja schön werden: sieh nur, selbst die Birne drüben ist fertig, — die Damen scheinen diesmal pünktlich zu fein." — „Wenn's gilt sich zu putzen und Staat zu zeigen: stad sie immer auf dem Platz," näselt ein alter Pflaumenbaum mit spärlichem Haupthaar. „Eingebildeter Hagestolz!" flötet unten im Beet eine gelbe Tulpe. — „Ra, na, schönste Dame! Sie kennen wir doch schon so manches Jährchen." „Unerhört!" — „Ruhe, Ruhe meine Herrschaften," —beschwichtigt ein Zitronenfalter. „Wo finde ich wohl den Sängerchor? Ich soll Generalprobe halten." Ein Gelächter ertönt unter ihm, Und im Au haben sich die Blümchen im Gartenbeet gruppiert. »Potz Blitz, — zum Küssen!" Er zwirbelt seinen Bart. „Ich denke, Sie sollen Generalprobe halten?" flötet Frau Tulpe mit Schwieger- tnuttermtene. „Gewiß gnädige Frau," — der Zitronenfalter ver- Keugt sich. — „aber ich tonn mich doch auch an Öen schönen Kindern erfreuen! Darf ich mich hier neben Sie setzen? Maiglöckchen, ist dein Glockenspiel rein gestimmt, — au, au, ein Achtel Ton höher — so, so — noch einmal! — Run das Borspiel . so war's rocht! Sehr hübsch. Rachher aber nicht Angst haben, kleiner Künstler. — Sind die Chöre geordnet? Dergißmeinnicht, du unterm Alt? Das geht nicht! Schnell rüber, süßer Träumer!" „Still, still, sie nahen schon!" Das Lüftchen kriegt kaum Atem.' — „Ist alles in Ordnung? Mich sendet der Wind, er macht sich fein. — Spalier gestellt, die Fahnen aufgerollt, — wo ist die Kapelle? Die Maikäfer in die Kasernen! — Rur eine Eskadron Rosenkäfer begleitet! Die Straße mutz frei bleiben! — Drängt doch nicht so, nehmt Vernunft an, Ihr seht sie ja alle!" damit huscht das Lüstchen davon. „Guck — guck den Bräutigam! Oh, ist der schön!" so hallt es aus aller Munde Aber da öffnet sich eben am Himmel die breite Pforte, und im goldenen, strahlenden Königinnenmantel tritt die Sonne hervor. Ein „Ah" der Bewunderung, und ein lautes Atmen fliegt durch die Welt: alles schaut nach oben. Da ist der Frühling zur Braut geeilt, und schließt sie in die Arme, als wären sie ganz allein. Sie lächelt, wehrt seinem Ungestüm, nimmt seinen Arnr Und 6er Festzug beginnt. Das glänzende Gefolge schließt sich an. Wohin^ die Braut auch schaut, überall verneigen sich Blümchen und Blüten, Hochrufe ertönen, weiße Wolkenbanner wehen, Trompeten schmettern und Willkommenlieder erschallen. Freude- und liebekrunken schaut das Brautpaar um sich, sie nicken nach rechts und links und möchten alle erfreuen. Jetzt führt sie der Weg zwischen Mauern von blühendem Flieder hindurch: die kugelsörmigen Rotdorne leuchten wie Kandelaber, ja selbst der stachlige Weißdorn hat sich in weiße Kleider gehüllt. Am Gartenbeet macht der Zug halt; der Blumenchvr klappt herrlich, und die junge Königin nimmt dankbar manch ein zartes Kindlein hoch urtd herzt und küßt es. Doch sie müssen weiter, noch viele Herrlichkeiten warten ihrer: so naht der Mcktag, und auf einer blumigen Wiese bittet der Haushofmeister zum Mahl. Schmuck sieht er aus. geschniegelt und gebügelt, und er poltert auch nicht, sondern säuselt seine Befehle in lieblichen Tonen. Die Rosenkäfer in ihren schillernden Uniformen servieren, und die Bienchen kredenzen Tau und Honigwasser. Immer neue Gäste kommen, immer neue Lieder erschallen zum Ruhm, des Brautpaares. Diele Sänger sind ja eigens zum Feste aus weiter Ferne hergekommen und wissen viel zu erzählen. — Als es kühler geworden ist, beginnt das braune Leibregiment der Maikäfer ein Turnier. Die tapsern Kämpen prallen aneinander, daß die Panzer nur so krachen, und die Kchlachtmusik durchbraust die Luft. Endlich ertönt der Stab des Haushofmeisters, der die Tafel aufhebt. Wieder ordnet, sich der Zug: Liebespaar schließt sich an Liebespaar, wie sie sich fanden, und über jedem schwirrt als Fackel ent Glühwürmchen. Die Sterne oben am Himmel recken sich fast die Hälse aus, und in prächtigem, silbriggoldenem Mantel wandelt der Mond den Berg herauf. Dor dem Braukgemach, das mit rosenroten Portieren verhängt ist, macht der Zug halt. Leise verschwindet das junge Paar da hinein, und der Haushofmeister führt die Gäste zu neuen Freuden. Es wird still um das Hvchzeitshaus. Rachdenklich lehnt der Mond an der blauen Wolkenwand. „Schon ist's doch, jung' zu fein.“ Mit melancholischen Augen blickt er zur Welt herab. Goch, — was ist das? Er fährt aus seinen Träumen auf. Die Nachtigall! Ihr Liebeshymmis beschließ! den Tag: Es ist andächtig still in der Welt, alles lauscht, und wer liebt, der ist glücklich, und in den andern erwacht die Sehnsucht. So bleibst es die Rächt durch. Still, mit geschlossenen Augen lehnt der Mond an der Wolkenmauer, und die Sterne zittern vor Seligkeit. Da huschen eifrige Diener an der Tür hin und her: die Vorhänge bewegen sich, es wird, lichter, und mit einem Wale tritt! das junge Paar im strahlenden Glanze Arm in Arm aus dein Hause. Leise zieht sich der Mond zurück und winkt den Sternen. Ein Jubeln, ein Flöten und ein Singen beginnt in der Welt, Frau Sonne umfaßt den Gatten, und so fliegen sie herab zur Erde und verleben dort unten die glücklichsten Flitterwochen, — die Maienzeit l — 88 Badener Sommertage. Aus den Denkwürdigkeiten Varnhagen von Enses. Eine der wertvollsten Quellen für die Geschichte des beginnenden 19. Jahrhunderts sind die Lebenserinnerungen Varnhagen von Enses, die eben Hermann Haering in einer ausgezeichneten Ausgabe bei C. F. Müller in Karlsruhe Uns neu geschenkt hat. Es ist nicht das rein Politische, bas uns Leser von heute so besonders fesselt an diesen überaus reichhaltigen Denkwürdigkeiten eines führenden preußischen Diplomaten. Ain8 interessiert heute Wohl diel mehr das mit aller Schärfe eines geschulten Verstandes, mit einem tiefgreifenden Blick für das wesentliche gesehene Bild eines deutschen Kleinstaats in den Jahren unglückseligster politischer Entwicklung. Varnhagen war nach der zweiten Vertreibung Napoleons preußischer Gesandter in Karlsruhe. Das badische Musterländle hatte unter schweren politischen Und dynastischen Konflikten zu leiden, in denen Varnhagen eine bedeutende Volle zufiel. Doch daneben blieb ihm Zeit zu Reisen und Badeaufenthaltem, von denen er in seinen Denkwürdigkeiten ein überaus anschauliches Bild' entwirft. 3m folgenden gibt er im Rahmen einer Reiseschilderung einen überaus farbigen Ausschnitt aus dem gesellschaftlichen Leben jener Tage, und darüber hinaus einen interessanten Beitrag zur Geschichte der Restauration, die so bald schon eine merkliche Abkühlung in der Freundschaft für die verbündeten Bourbonen offenbaren sollte; Nachdem der Großherzog und Hacke sich von Karlsruhe für längere Zeit wegbegeben, fand ich mein Verbleiben an dem langweilen Ort unnütz, und eilte mit Rahe! nach Baden, wo wir mit Ungeduld erwartet wurden. Sie sah diese Gebirgslandschaft zum erstenmal und war entzückt: nach, den ersten Almblicken und Ausflügen bekannte sie gern, daß dieses Stück Erdboden eines der schönsten und reichsten sei, die ihr vorgekvmmen. Das Allernächste und das Entferntere wetteiferten an Reiz, ja die Herrlichkeit schien bei jeder Erweiterung des Kreises nur immer zauberischer zu werden. Weniger günstig war im allgemeinen der Eindruck, den die hier zusammengeströmten Menschen machten, chne Mischung fremdartiger, mitunter sogar unheimlicher Bestandteile. Der Krieg Und die ihm gefolgten politischen Veränderungen hatten eine Menge von Leuten aus ihrer Lage gebracht, und auf diesen Markt Des Verkehrs geworfen, man sah aus Frankreich, aus der Schweiz Und aus Deutschland selbst eine große Zahl Abenteurer, Glücksritter, Abgesetzte, Verfolgte, den lehtern zur Seite geheime Auf- a>r, unsichere, mißfällige Gestalten, und der weibliche Teil meist abschreckender als der männliche. Rohes Benehmen und gemeine Stimmen, sowohl deutsche als französische, verleideten nicht nur die öffentlichen Säle, wo die Spielbank die höchsten Klassen und bas niedrigste Gesindel vereinigte, sondern auch die Spaziergänge, die Ruheplätze im Freien: Aug und Ohr wurden auf das widrigste beleidigt, während feinere Manieren nicht selten auch nur Arglist und Betrug verdeckten. Die Ortspolizei war grundschlecht, sie machte stets Mißgriffe, wurden den ordentlichen Leuten beschwerlich, und ließ die Schelme unangefochten. Einige Vorfälle, wo sehr achtbare Personen in ärgerliche Verwicklungen geraten waren, verbreiteten große Scheu mit unbekannten Personen sich einzulassen, sowie den Schutz der Behörde anzurufen: die große Badegesellschaft bewegte sich untereinander in gespannter Fremdheit, in Mißtrauen und Verdacht. | Dieses Treiben ging uns Wohl wenig an, und konnte uns kaum berühren. Wir bekamen nur das gleichsam Durchgesiebte, in dem großen und glänzenden Kreise, der uns bei unsrer Ankunft in Besch,lag nahm. Der General von Tettenborn bewohnte nämlich Das damals schönste und wvhlgelegenste Haus in Baden, und dieses stand jeden Tag von früh bis spät den ihm aus aller Welt zuströmenden alten und' neuen Bekannten gastfreundlich auf. Während er die elegante Welt prächtig bewirtete, sie mit seinen zahlreichen Wagen- und Reitpferden zu den schönsten Luflorten führte, dort ihr glänzende Feste gab, wie diese Gegend' sie vorher nie gesehen, war er zugleich der Anhalt der Bedrängten, die Zuflucht der Bedürftigen, die sich an seine unerschöpfliche Freigebigkeit nie vergebens wandten. Sein Kreis war aus allen Rationen gemischt, besonders aber reich an Russen und Franzosen. Von den letztem waren vorzugsweise die jetzt verfolgten Donapartisten bei ihm gut ausgenommen, deren viele ihn an Napoleons Hof gesehen batten, und nun es dankbar empfanden, daß der ihnen im Kriege so feindliche General sie im Unglück jetzt so freundlich behandelte. Das Verfahren der zum zweitenmal wiedereingesetzten Bourbons, welche sich ganz den Händen der fanatischen Emigrantenpartei Hingaben und jeden Tag durch Maßregeln des Hasses und der Rache bezeichneten, erwÄte bei allen Edelgesinnten nur Widerwillen und Abscheu, und warb der liberalen Partei, mehr als deren Grundsätze es vermocht hätten, Anhänger und Beschützer. Die Verfolger waren oft schuldiger als die Verfolgten, und schlugen nur umso grimmiger auf diese, damit die eigen« Schuld umso eher vergessen oder verziehen würde. Besonders empörte den bessere Sinn der Deutschen, das Heer feiler Kund»« fchafter, welche von den knechtischen Behörden jener frechen Partei in die benachbarten Grenzländer ausgeschickt wurden, und mit denen auch Baden überschwemmt war. Hier galten die Späher eien nicht allein den Donapartisten und Liberalen, sondern auch der Landesregierung, dem Hofe, wo die Anhänger Bonapartes in der Großherzogin Stephanie eine wichtige Stühe haben sollten: dies war völlig grundlos, aber die Frechheit ging so weit, daß man badischen Beamten zumutete, ihre eigne Fürsttn an die französische Polizei zu verkundschaften! Auch bei Tettenbom wollten sich hochbetitelte Sendlinge dieser Art einschleichen, allein sie tour« den mit Schimpf und Schande bald' ausgewiesen. Alle Genossen unsres Kreises, wie ungleich' sonst in politischer Denkart,, stimmten darin überein, daß die Regierung der Bourbons in niedriger Leidenschaft ihr eigenes Verderben bereite; besonders waren die Russen und Engländer heftig im Ausdruck ihrer Verachtung und ihres Hasses gegen die unwürdigen, oft völlig grundlosen Verfolgungen. Ein Ausflug in das nahe Elsaß lieh, mich' alles bestätigt finden, was mir Deutsche und Franzosen von der dortigen Stimmung berichtet hatten. 3n diesem ursprünglich deutschen Lande war der deutsche Charakter in voller Kraft wirksam, aber nicht zugunsten der erst aufgekommenen politischen Deutschheit, welche eigentlich ein norddeutsches oder noch genauer ein preußisches Erzeugnis war, und hier gar nicht verstanden wurde. Was, hätte auch iü unfern heimischen Zuständen eine solche Sympathie wecken dürfen? Etwa der Blick über den Rhein in das jämmerlich regiert« Baden, in das bedrückte, uneinige Württemberg, in die zerrissene Pfalz? Da war es doch besser, dem großen Frankreich anzugehören, das selbst in der Alnterdrückung unter den früheren Königen, unter Bonaparte und jetzt wieder unter den Königen, mit denen die Fremdherrschaft in's Land gekommen war, mehr Freiheit und zugleich mehr Gedeihen und- Wohlfahrt genoß, als Deutschland nach seinen großen Siegen. So wenigstens stellten die Elsässer ihre Lage dar, und das Tatsächliche war nicht zu widerkegen. 3m Volke lebten die Eindrücke der bonapartischen Zeit und weiter zurück die der Republik mächtig fort, die Restauration der Bourbons hatte hier noch' nicht Wurzel gefaßt. Straßburg galt als eine der revolutionärsten Städte Frankreichs, hier ließ man noch oft den Kaiser Napoleon hochleben, und schaffte auch die drei Farben nicht völlig ab, welche den Augen seit einem Vierteljahrhundert vertraut und lieb geworden. Gar kein Wohlgefallen fand man aus gleichem Grunde an den neuen kgl. Truppen, an den statt der alten berühmten Regimenter neuerrichteten Legionen: diese konnten in der Tat keine Vergleichung mit den kaiserlicher! Scharen aushalten, wie diese durch und durch kriegerisch ausgesehen hatten, so sahen jene nicht einmal soldatisch aus, ihre Haltung war schlaff, ihre Waffenübung trage, Geist und Eifer fehlten ganz und gar, die alten bonapartistischen Offiziere, die noch beibehalten waren, hielten sich verschämt zurück, die neuen bour- bonischen Offiziere wagten sich nicht hervor, die Truppen fühlten es daß sie ihrer Zusammensetzung nach untüchtig sein mußten; nur die Artillerie machte noch eine Ausnahme. Der französische Präfeft Graf Douthillier behandelte die Einwohnerschaft mit kluger Vorsicht, und ließ vieles unbemerkt, was im innere Frankreich die schärfste Rüge würde erfahren haben. Wenige Monate später fand er zu bereuen, diese Klugheit um des überwältigenden Ansehens willen, das mit dem Namen des Siegers van Waterloo I verbunden war, außer acht gesetzt zu haben. Wellington war auf einer Truppenbesichtigungsreise auch nach Straßburg gekommen Und der Präfett hatte ungeordnet, daß bei dem Erscheinen des Helden im Theater das Lied „God save the fing“ gespielt wurde. Als der Lord die Alngeschicklichkeit übte, hierzu durch Klatschen fernen Beifall zu geben, brach ein ungeheurer Sturm los: „Weg mit fremden Liedern, hieß es, französische, französische!“ Der Tumult war so furchtbar, daß der Präfekt sogleich nachgab, und mit seinem Gaste sich eiligst entfernte, um persönlicher Gefahr aus- zuweichen. Für den Augenblick muhte es schon eine Beruhigung sein, daß die Alnzufriedenheit, obschon ernst und zäh und darin sehr deutsch, doch nicht die geringste Hinneigung zu den Nach- bardeutsch'en zeigte. — Mit Rahel diese alte merkwürdige Stadt zu durchwandern, den Münsterturm zu besteigen, die früheren Zustände uns zu vergegenwärtigen, besonders auch Goethes hier verlebte Jugend und meine eigne an dem Deutlichen neu zu entzünden, gab' mir einen hohen Genuß, den ich' oft ersehnt hatte. Professor Schweighäuser der Sohn, mit Rahel schon von Paris her bekannt, war uns dabei ein erwünschter, sinniger Begleiter, der die Vorzüge Straßburgs und des Elsasses als gründlicher Kenner leidenschaftlich anpries und vor Augen zu stellen suchte. Merkwürdig hatten sich die Sympathien in jener Zeit umge- wandelt. Die höchsten Hofkreise und die Leiter dm: Kabinette ausgenommen, hatte niemand Gefallen an den Bourbons. Nicht in Frankreich allein gehörte es schon zum hohen Ton, zum guten Geschmack möchte man sagen, sich der Opposition anzuschließen, aucy in England, im Norden, und großenteils in Deutschland', dachte man ungünstig von der Restauration, und viele Stimmen wurden Er Napoleon laut, in dessen Bewunderung hauptsächlich die ®ng* nder bald unmäßig wurden. Den Unterdrücker der Frechen vergaß man, aber den Geißeler der Könige hob jeder Alnzufrie- dene gern hervor, und menschliche Teilnahme war dem Gefangenen von St. Helena überall gewidmet. Wie groß war nicht die Zahl der Mißvergnügten in allen Ländere, der Nichtbefriedigten, be* sonders in den höheren Klassen I Zugunsten der Anhänger, ober wenigstens Folger Napoleons, wirkte noch der Almstand mit, oav — 87 — 5te Restauration, welche nach ihrer ersten Einsetzung noch ziemlich milde verfahren war, seit ihrer zweiten verfolgend auftrat, und dabei einen Maßstab anlegte, den ein unbefangener Sinn schlechterdings nicht zugestehen, ja kaum begreifen konnte. Denn nicht diejenigen sahen wir verfolgt, die wir unter Napoleons Herrschaft als die schlimmsten seiner Diener gekannt hatten, auch nicht gerade die, welche am auffallendsten treulos gegen die Bourbons geworden tvaren, im Gegenteil, diese wie jene standen wohl gar in Gunst und Ansehn und die wirkliche Verfolgten erschienen dabei nur umso unschuldiger; in ihnen war oft nur das, dessen man sich zu ihnen versah, nicht das, was sie begangen hatten, der Grund ihres Mißgeschicks, oft auch wohl nur persönlicher Hast und Neid in den höhern Kreisen, wo immer am ersten die große politisch« Sache dem Nutzen und der Zuständigkeit der Personen untergeordnet wird. Bei den Deutschen bedarf es nur eines auffal- knden Unglücks, um ihre menschliche Teilnahme auch für diejenigen zu erwecken, denen sie noch eben feindlich gegenüberftan- den, und so war es kein Wunder, daß die neuerdings aus Frankreich Verbannten oder Flüchtigen in den Rheinländern, wohin sie sich zunächst gewendet hatten, freundlich geduldet wurden; die meisten waren tapfre, kluge Männer, die sich jetzt äußerst bescheiden und ruhig zeigten, während unerträglicher Uebermut und verletzende Anmaßung der herrschenden Partei täglich hervortraten. Der General von. Tettenborn hatte im russischen Feldzugs den General Dachelu feindlich gegenüber gehabt, ihn als tapfern Kriegsmann, später auch als edlen Menschen kennen gelernt, und als . die Verfolgung der Bonapartisten in Frankreich anhob, ihm zu Mannheim gastlich sein Haus geöffnet. Die Lage von Baden war günstig, und die Großmut anziehend, bald war, wie im vorigen Sommer, ein Häuflein Schutz oder Anhalt suchender Franzosen um ihn versammelt. Frau von Demidoff, selber fast eine Pariserin aus den Zeiten Napoleons, verleugnete ihrerseits die Sympathien nicht, welche sie vorzugsweise für die napoleonischen Franzosen fühlte. Hier wurden der Nain jaune von Paris und der Surveillant von Brüssel herumgezeigt und vorgelesen, hier die Zerrbilder belacht, an denen die sinnreichen Witzlinge der liberalen Partei es nie fehlen ließen, und wozu freilich die Gegenseite den Stoff nur allzu wohlfeil lieferte. Russische Liebhaberstimmen wetteiferten mit französischen, die reizenden Neuigkeiten der beliebten Vaudeville-Gesänge vorzutragen, und dazwischen auch wohl die muntern Spottlieder auf die neueste Gestalt der Dinge und deren Schildhalter. Mich riefen mannigfache und dringende Geschäfte nach Karlsruhe zurück, doch bei der großen. Näh« und der vielen und täglich Fahrgelegenheit konnte ich meine Besuche in Baden leicht wiederholen, und an dem dortigen Leben teilnehmen. Rahe! hatte ihre Wohnung in dem herrlich gelegenen artigen Töpferhause, dicht an der Brücke und Promenade, und war so gleichsam im Mittelpunkte der geselligen Bewegung. Die politischen Tätigkeiten rasteten nicht, sowohl von feiten Bayerns als auch Badens fanden Versuche und Reibungen statt, an denen auch Württemberg nicht ohne Anteil blieb. Die Sache der Mediatisierten, die der württembergischen Stände, der Gang der Dundesverhandlun- gen, vor allem aber die Gebietssache Badens, lieferten unerschöpflichen Stoff der Besprechung und der Einwirkung. Es war gewiß, daß Hacke abtreten und Berstett an seine Stelle kommen sollte. Man sprach davon, daß der Markgraf Ludwig heiraten werde« damit der badische Mannsstamm nicht aussterbe. Vielerlei andre Vorschläge wurden gemacht, wie Baden sich wehren, sich retten könnte. Alle Spannung so mancher innern und äußern Anliegen konnte doch nicht hindern, daß die ganze Folge schönster Sommertags zu einer Lustreise in den Schwarzwald verwendet wurde, welche, durch den Zusammenfluß der seltensten Begünstigungen, zu dem Schönsten gehört, was ich erlebt habe. Tettenborn hatte seins nähere Gesellschaft zu dem Unternehmen eingeladen, und erwies sich als Wirt und Leiter des Ganzen in vollkommener Meisterschaft. Reitende Boten waren überall vorausgeschickt, unser Kommen anzumelden, diesen folgten zu Wagen diejenigen Drquemlich-- keiten und Vorräte, die man nicht hoffen konnte vorzufinden, und darauf traten wir selber die Wanderung an, ein Zug vieler Wagen Und 'Pferde, und mit der nötigsten Dienerschaft über 30 Personen. Frau von Demidoff machte einen Teil des Weges zu Pferde, wobei einige Herren gern ihr Begleiter, waren, wir andern fuhren in offenen Wagen, Unser nächstes Ziel war das Bad die Hub genannt, darauf lenkten wir über Offenburg in das Kinzigtal ein, besahen den herrlichen Wasserfall von Trhberg, besuchten das Bad Rippoltsau, überstiegen den Kniebis, erreichten das Murgtal und kehrten durch selbiges über Forbach und Gernsbach nach Baden zurmck. Die kleine Reise dauerte zehn Tage, und wer jene herrlichen Gegenden kennt, wem die erwähnten Orte nicht leeret Namen sind, der mag, wenn er das schönste Wetter, die heiterste, in ftd). einigste und vollkommen befriedigte Gesellschaft, die belebtesten Gespräche und die mannigfachsten Belustigungen hinzudenkt, sich einigermaßen vorstellen, welcher Hauch des Wohlseins Und Glückes uns umwehte, welche Entzückungen wir empfanden, Und wie alles und jedes für unS als Reiz und Freude sich dart- stellte. Solche zehn Tage, wie herausgeschnitten und rein geson- dmt aus dem gewöhnlichen Leben, entledigt alle Bedingnisse, Rück» sichten und Umstände, die uns den Atem erschweren, und anlflatt gedrückt vielmehr getragen von den Vorteilen der weltlichen Einrichtungen, solch eine lachende Insel begegnet uns im wüsten Meere zu selten, um nicht wenigstens mit allen Kräften der Erinnerung auf ihr zu verweilenI Die großartigen Schauspiele der Natur, die Felsen und Bäche und Wasserfälle, das schimmernde Grün der Wiesen, die herrlichen Bäume, die Farbenpracht der Sonnenaufgänge, das Rauschen der Wässer und Wälder beim Sternenglanz, alles nahm dem Sin gefangen, und gab der Einbildungskraft den Stoff der schönsten Träume. Niemals vorher sah ich Rahels Fähigkeit des höchsten Naturgenusses in solcher Macht und Fülle, dies allein schon war für mich eine Quelle ununterbrochenen Entzückens. Ludwig Robert zeigte hier wahrhaft, auch ohne Verse, daß er ein Dichter sei, als solcher schaute und empfand. Die jüngeren Gefährten mißten nirgends den für Spiel und Mut- will günstigen Boden, Scherzen und Lachen hörten nie völlig auf, durchbrachen öfters die Stille und Ruhebedürftigkeit der lauen Nächte. Fräulein Morgan und Herr von Naryschkin ließen öfters ihre Stimmen mit denen der hübschen Schwarzwälderinnen wetteifern, die Prinzen von Wittgenstein und Schönburg führten diese zum lustigen Tanz auf, während die kecken Schwarzwälder Burschen unsre Damen im Tanz so ho'ch emporschwangen, daß Geschrei und Lachen den Saal erfüllte. Damit kein Reiz fehlte, hatten wir auch den der Gefahr. Bei dem älebergang über den Kniebis wurden wir ernstlich gewarnt, es könnten Räuber uns anfallen, denen unsre zahlreiche, aber waffenlose Gesellschaft wenig Widerstand zu leisten fähig sei. Einige Vorfälle, die man uns als kürzlich stattgehabte erzählte, waren in der Tat wenig beruhigend. Um der Damen willen wurde daher eine bewaffnete Begleitung angeordnet, der Rittmeister von Philippsborn nahm einige Jägerburschen unter seinen Befehl, und bildete unsre Schutzwache. Dor- undNachhut waren so gut bestellt, derDefehlshaber so unerschrocken, und der ganze Zug in so guter Haltung, daß kein Feind sich zu zeigen wagte, der denn doch, wie wir uns nachher noch überzeugen mußten, kein bloß eingebildete: gewesen war. Wir erlebten andre kleine Abenteuer, der Kriegsruhm Tettenborns war in diese Gebirgstäler gedrungen, und begegnete ihm als Staunen und Huldigung, Dachelu fand einen gleich ihm unstäten Landsmann, dessen Bedrängnis er abhelfen konnte, wir trafen einen norddeutschen Künstler, der im einsamsten Gebirge zeichnete, und keine Räuber fürchtete. Ich würde noch vieles einzelne anführen können, wenn unser Beschluß, daß die Reise nachträglich beschrieben werden und jeder Teilnehmer dazu seinen Beitrag liefern sollte, nicht in den ' mit der Rückkehr gleich wieder eintretenden Zerstreuungen von Baden leider unausgeführt geblieben wärel Wenn ich aber dem einen oder andern noch lebenden Gefährten durch meine Andeutungen jene Vergangenheit einigermaßen wieder hervorgerufen habe, so wird mir dieser, ich darf es hoffen, einigen Dank nicht versagen! Die Vergnügungen des Dadeaufenthalts nahmen wieder ihren gewohnten Gang; ein Ball auf dem Jagdhause vereinte gleich nach unsrer Wiederkunft die ganze höhere Gesellschaft; neue Fahrten nach der Hub, nach Gernsbach, wo eine Jugendfreundin Rahels aus Berlin angesiedelt lebte, nach der Favorite bei Rastatt, und nach Straßburg; hatten ihre kleinen Abenteuer und daneben auch wohl ernste Zwecke. Auch nach Karlsruhe riefen wiederholte Anlässe. Der Staatsrat Rehmann aus St. Petersburg, Leibarzt des Kaisers, ein kluger, lebensfroher und angenehmer Mensch, war nach allem Anschein auch außer seinem Fache tätig. Der russische Minister Graf Kapvdistrias war diesen Sommer im Karlsbads, an ihn gingen Anträge und von ihm kamen Weisungen, und die dem badischen Geheimen Rate Friedrich auf meinen dringenden Vorschlag, durch Tettenborns Vermittlung übertragene geheime Sendung nach Böhmen, die wirklich geheim war und lange blieb, ist als der eigentliche Wendepunkt anzusehen, von dem aus die bis dahin nachteilig sinkende badische Gebiets- und Heimfallsfrage sich zu heben und einer günstigen Lösung entgegenzugehen begann. Neben solchen stillen, aber wichtigen und erfolgreichen Betreibungen fehlte es nicht an lauten, öffentlichen Ärgernissen, die nur in nutzloser Torheit bestanden. Dahin zählten alle Besonnenen das ungezügelte Schreien und Toben, in Schriften und Reden, des preußischen Obersten von Massenbach der nach allerlei Anstiftungen in seinem Vaterlande Württemberg jetzt in Heidelberg lebte, und von hier aus auf ganz Deutschland zu toirtert hoffte, zugleich aber sein Verhältnis zu Preußen auf die bedacht- loseste, unbegreiflichste Weise aufrüttelte. Der kenntnisreiche und gewiß wohlmeinende Mann war von steter Unruhe geplagt, Und schon in jüngern Jahren eines etwas schwindelhaften Benehmens, in altern aber ganz und gar haltungslos, so daß die Katastrophe; die ihn seiner Freiheit beraubte, unvermeidlich wurde. Die Politik faßte zu jener Zeit überhaupt die Menschen mit großer Gewalt, und lockte die verschiedenartigsten Tätigkeiten auf ihr Feld, das allen zugänglich war, allen fruchtbar zu werden verhieß, denn es schienen die außerordentlichsten Dinge möglich. Die politischen Kenntnisse waren unglaublich sparsam, die Begriffe dunkel, uu& es gab kaum jemanden, der nicht irgendeinen Beitrag zu der allgemeinen Verwirrung lieferte. Männer aus allen Fächern trieben Politik, der Theologe Paulus und der Philosoph Hegel, der Schauspieldichter Kotzebue und der Naturforscher Oken, ja von dem harmlosen Jean Paul Richter, der einige Zeit in Heidelberg weilte. - 88 — klangen einige Musterungen von dort herüber, dis uns nur als Scherz, andre jedo'ch >als bittrer Ernst trafen. Eine Ausnahme machte vielleicht in unferm Kreise nur der Spanier Gimbernat, der. an seinem Vaterlande verzweifelnd, ganz in chemischen und physikalischen Versuchen lebte. Wie Kant beinahe geheiratet hätte. Novelle von August Schrick er. (Fortsetzung.) Gleich Green war er Junggeselle und wollte es bleiben; eine unglückliche Jugendliebe hatte seinem Herzen eine Wunde geschlagen, deren Schmerz er ein Leben lang der Welt unter Arbeit und Scherzen verbarg. Der bescheidene jüngere Wann, der auf die Winke der Professors achtete und mit dem Oberförster für die Bequemlichkeit der Gäste besorgt war, nannte sich Magister Kraus. Seine Gesellschaft beim Mittagsmahle war für Kant ein Bedürfnis. 3n »arter Rücksicht lieh er ihn jeden Morgen besonders einladen, um ihm dadurch Gelegenheit zu geben, nach Gefallen auch abzusagen. Gerade als man zu Lisch gehen wollte, brachte ein auffallendes Ereignis die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme Kants, in einige Erregung. Ein stolzer Wagen fuhr an das Hoftür; eine vornehme Dame und ein Offizier sahen in demselben. Ohne Zweifel hatten die beiden die Absicht, den Nachmittag auf Mvditten zu verbringen. Als jedoch die Dame die um Kant versammelte Gesellschaft erblickte, war sie sichtlich unangenehm überrascht, sprach mit dem hinzugetretenen Oberförster einige Worte und lieh dann unter irgendeinem Vorwande den Wagen auf den Weg nach Holstein einlenken. Hippel beherrschte ein ironisches Lächeln, Green bewegte sich auf den Füßen hin und her und rieb sich die Hände, Kant allein verharrte im ruhigen Gespräch und entfernte sich etwas, als Green zu erzählen begann, das sei Frau von 5£., die einst mit Herrn Kant durchaus habe gelehrt sprechen wollen, heut aber keine Lust mehr zu hegen scheine. Frau von Gimborn, neugierig geworden, wollte sich näheren Bericht durchaus nicht entgehen lassen. So erfahr sie denn, jene Dame hätte einst, als sie wahrnahm, wie Kant ihren gelehrten Gesprächen geflissentlich auswich, in gereiztem Tone bemerkt, Damen könnten ebenso gelehrt sein als Männer, und es habe wirklich gelehrte Frauen gegeben, worauf Kant trocken geantwortet hätte: „Nun ja, es ist auch danach." Auch stehe wahrscheinlich nicht auher Beziehung zu diesem Degeg- nis und zu dieser Dame der öfter gehörte Ausspruch in betreff der gelehrten Frauen: „Sie brauchen ihre Bücher etwa so, tote ihre Ahr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, daß sie eine haben, ob sie zwar gemeiniglich stillsteht oder nicht nach der Sonne gerichtet ist." Das war ein Anlaß, um mit äleberspringung der ersten Art von Tischgesprächen sogleich mit dem Räsonieren und dem Wortgefecht zu beginnen, wodurch man sodann auch um so rascher beim dritten und letzten Stadium ankam. Eine „Windstille", wie man in der Tischgesellschaft des Philosophen nach seinem Vorgänge jene Augenblicke nannte, in denen das Gespräch minder lebhaft war, hatte es heute gar nicht gegeben. Sophie, die Vielgereiste, konnte sich nicht erinnern, jemals einem so anmutigen, geistvoll-heiteren Tischgespräch beigewohnt zu haben; in einem solchen Kreise weilen zu dürfen, ersetze alles, was die große Welt etwa biete, äußerte sie zur älteren Freundin. äleber einen Teil der Tafelgenüsse mußten sich die beiden freilich wundern. Kant hatte bei Frau Wobser den Wunsch ausgesprochen, es möge in bunter Reihe eine Schüssel der rheinischen und der ostpreußischen Küche geboten werden. Die Zusammen- fteüung von Bauchspeck mit französischem Backobst, welch letzteres durch Motherby auf die Ditte Kants besorgt worden war, schien bei den Damen sogar Heiterkeit zu erregen. Kant hatte sich's nicht nehmen lassen, im Garten eigenhändig Rosen abzuschneiden und an jedes der Gedecke eine zu legen. Nun, da zum Nachtische auch Frau Wobser, glühend wie eine Pfingstrose, erschien, gab Kant seinem Diener, der zum Servieren mitgenommen war, einen Wink, und ein Strauß Rosen wurde mit einigen zierlichen Versen der unermüdlichen Wirtin überreicht. Lampe war in schlechter Laune. Seine schwarze Ahnung bestätigte sich mehr und mehr. So freundlich war sein Herr, außer1 gegen die Gräfin Kehserlingk, noch nie gegen Damen gewesen, und es war offenbar, daß er sich der Jüngeren der beiden, seiner Nachbarin zur Linken, besonders häufig zuwandte. Mit mürrischer Miene tat er seinen Dienst. Er vergaß jedoch auch heute nicht, wie er es gewohnt war, von Zeit zu Zeit, wenn er hinter seinchn Herrn vorüberging, den Haarbeutel, der immer von dem höheren Schulterblatt auf das niedrigere hinabglitt, in die Mitte des Rückens zu legen, um diese kleine Deformität nicht bemerkbar werden zu lassen. Da er am Schlüsse des Tisches zwei Dinge zu gleicher Zeit wollte, die Gläser noch einmal füllen und hören, was Kant zu seiner Nachbarin sprach, warf er ein Glas um, daß es in Scherben ging. Er machte eben Anstalten, das Zusammengelesene abseits an einen Baum zu werfen, als Kant ihn etwas zornig anrief, et möge einen Spaten holen, die Scherben müßten vergraben werden, „denn" — fügte er, gegen seine Gäste gewendet, wie entschuldigend hinzu — „wie leicht könnte sich jemand Leides tun, ur$ wir wären mit unserem Leichtsinn Schuld daran." Die Scherben wurden vergraben, und Hippel hielt eine launige Grabrede über den Decher, der nach wohlverbrachtem Lebenslauf in Erfüllung seiner Pflicht, somit auf dem Felde der Ehre, gefallen sei. Die Frauen konnten nicht umhin, sich gegenseitig über den naiven Ausdruck einer vorsorglichen Humanität ihre Freude auszusprechen. Die Gesellschaft ging längs dem Saume des Waldes hin, und nun kam an Kant die Reihe, von der Art Sophies gerührt und ergriffen zu werden. Am Rande eines Buchweizenfeldes stand ein rohgezimmertes Kinderwägelchen; ein Kind schrie und kreischte in demselben unter einer schweren Decke; der gelbe Spitz, der dabei stand, wußte sich nicht zu raten und zu helfen und stieß hier und da einen knurrenden oder heulenden Laut aus. Die arme Mutter mochte abseits in den Wald oder hinüber auf die Heide gegangen sein, um Beeren zu sammeln und hörte ihr Kind nicht oder wollte es nicht hören. Da unser Philosoph das unbändige, krampfhafte Schreien mit dem radikalen Dösen in Verbindung brachte und auch in diesem Kind, dem eben nichts zu fehlen schiene, einen Beleg für seine Ansicht zu finden erklärte, lächelte Sophie und meinte, dieses Schreien hänge mit ganz anderen Dingen zusammen als mit dem radikalen Dösen, schickte mit einem Wink die Herren voraus und legte das Kind trocken, das, als es die sorgliche Hand spürte, augenblicklich ruhig ward und Sophie und den gelben Spitz fröhlich anlächelte. Gemeiniglich schätzt der Mensch das am höchsten, was er nicht besitzt. Kant hielt es für eine große Kunst, sich zweckmäßig mit Kindern zu beschäftigen und sich zu ihren Begriffen heradzustim- men, aber er erklärte auch, daß es ihm nie möglich gewesen fei, sich diese Kunst zu eigen zu mache».. So erfüllte ihn das Gebühren Sophies, so einfach es war, mit Bewunderung und Verehrung. Man sah, sie hatte es bei allen Männern gewonnen, und die Herzen der beiden Frauen besah sie ja ohnehin. Auf dem Heimwege, zu welchem der Mond über die dunklen Fichten heraufkam, saß Kant mit Frau von Gimborn und Sophie in einem Wagen. Sophie und Kant waren schweigsam. Beide fühlten, daß sie sich heute nähergekommen feien und daß es nur noch eines entscheidenden Wortes bedürfe. Beim Abschied bat er Sophie, seine Rose als Erinnerung an den schönen Tag anzunehmen. Es folgte für den Philosophen eine Reihe von Tagen, in denen selbst eine so fest gefügte Lebensordnung, wie die feine, aus dem Geleise zu kommen schien. Spät und doch zum ersten Male in- feinem Geben war das Gefühl in Kant erwacht, dem kein vollkommener Mensch entgeht. Wie sollte es Kant nicht verspürt haben, er, den der scharfblickende Hippel den „Zentralmenschen" nannte? Dessen war er sich klar, daß er eine wirkliche Zuneigung zu dem fremden Mädchen empfinde, daß diese Zuneigung ganz anderer Art fei als damals, da er daran dachte, die Witwe zu heiraten. Aber sollte er dieser Neigung folgen dürfen? Er überlegte seine Vermögens umstände. Er hatte seit wenigen Jahren ein Einkommen von nahezu vierhundert Talern aus dem fixierten Gehalte und den Emolumenten, dazu kam der ziemlich ansehnliche Ertrag der Vorlesungen, und sobald die Stelle im akademischen Senate frei und ihm, worauf er rechnen durfte, konferiert wurde, konnten noch weitere siebenundzwanzig Taler fünfundsiebzig Groschen zehn Pfennige zu den angesetzten Summen geschrieben werben. Auch auf den Ertrag aus seinen Schriften durfte er zählen, wenn derselbe auch wechselnd und unsicher war. Was et jetzt hatte, reichte nicht nur hin. um ihn in angenehmen Verhältnissen zu belassen, ein Teil konnte sogar bei Freund Green an«, gelegt werden. Bei feiner Bedürfnislosigkeit konnte er seinem Freunde Kraus nicht recht geben, welcher der Meinung war, „Professor an der Universität Königsberg werden, heiße zugleich daS Gelübde der Armut ablegen". Aber war das, was ihm, besvnder- bei der Umsicht seines Vermögensverwalters, ausreichend war, war es auch genug für eine Frau, so häuslich und einfach sie sein mochte, reichte es auch für eine Familie? Er war sich bewußt, die äußeren Glücksgüter nicht höher zu schätzen, als sie es verdienen. Er war aber, wenn auch immer erhobenen Hauptes, durchs schwere Zeiten gegangen und wollte sie nicht noch einmal wiederholen. Seine Lehr- und Wanderjahre hatten meist über steinige Pfade geführt; er erinnerte sich daran, wie er als Student und Magister sich der Keinen Gewinste im Billardspiel gefreut, wie er hatte zu Hause bleiben müssen, wenn Rock oder Schuhe zum Ausbessern getragen wurden, wie unabsehbar lange die fünfzehn Jahre des Privatdozententums gegauert, wie er während dieser Zeit eine ansehnliche und auserlesen«! Bibliothek nach und nach verkauft hatte, nur um die zwanzig Friedrichsdor nicht an greifen zu müssen, die der eiserne Bestand für den Fall einer Krankheit waren; wie er, zweiundvierzig Jahre alt, die Stelle eines Unterbibliothekars mit einem Gehalte von zweiundsechzig Talern annehmen und als Kustos eines Ratu- ralienkabinetts sich die törichten Fragen der Besucher gefallen lassen muhte. Dein ökonomisches Wohlbefinden wieder aufs Dpi« zu setzen, nein, das konnte er nicht, das durfte er nicht um seinem wissenschaftlichen Arbeiten und Ziele willen. (Schluß folgt) Schriftleitung: Dr. Friedr. Wild. Lanas. — Druck und Verlas der Brühl'kcken Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Dießen.