Gießener KmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 192^ Samstag, den 23. August Nummer 35 Stille zwischen den Stürmen. Don Paul Bülow--Lübeck. Es ist still geworden in dir nach heftig dich aufrüttelnden! Stürmen ... Su gingst als Sieger aus dem Kampf hervor, wie die wurzelfeste Eiche nach tosendem Gewittersturme standhaft blieb, wenn st« auch Aeste und Blätter lasten mußte. Bun fühlst du in dir eine so wundersame Beruhigung, ein so sicheres Beherrschen deines ganzen Menschen von innen her. Du blickst frei und klar ins Leben. Denn du hast ein Glück gefunden: das Glück des Siegers über Widerstände und Kümmernisse, über Hemmungen und Feindseligkeit. Dieses Glück verleiht Schwungkraft und Mut. Es macht still und stark zugleich: es beflügelt zu schöpferischer Tat. Bun blüht dir wieder die Bose des Glücks im Garten des Lebens. Du trägst den Zauber ihrer duftenden Schönheit in den Alltag hinein. And dankbar bist du dem Leide. Denn das Leid, als du es tapfer bestandest, schenkte dir diese gehaltvolle Stille, dieses neuartige Glück, die unvergleichliche Wonne abgeklärter Seelenruhe. Bun quillt der Brunnen nach, der vorher erschöpft war. Bun strömt dir Kraft zu neuen, zu höheren Aufgaben aus unerforsch- lichen Tiefen zu. Oh, sie ist köstlich diese Stille zwischen den Stürmen! Wie erhält man sich die Wirtschaft? (Brief einer Mutter an ihre Locher.) Von Käthe G o l d st e i n. Liebe Inge! Du kannst Dir wohl Lenken, mit welcher Spannung ich Deinen lieben Brief erwartete, den ersten aus Deiner jungen Häuslichkeit. Dein Jubel, Dein Entzücken sind mir die schönste Belohnung für all die Mühe und die Opfer, die es mich gekostet, Dir dieses wohnlich Best zu bauen. So manches Mal, wenn ich wieder ein wenig vorwärts gekommen war mit diesem Liebeswerk für Dich oder wenn ich mich selbst mit einem, wenn auch noch so kleinen Gegenstand freute, mit dem ich Deine Einrichtung vervollständigte, dachte ich meines kleinen Mädchens. Wie groß war jedesmal am Weihnachtsabend oder am Geburtstagsmorgen ihre Freude über das, was elterlich und großelterlich Liebe dem Nesthäkchen aufgebaut, und wie rührend ihre kindlichen Versprechungen, dieses Mal auch gong gewiß all die schönen Sachen gut zu halten und zu schonen. Aber ach, was blieb von all diesen Versprechungen, was von all den netten Dingen, über die die Freude anfangs so groß gewesen! Achtlos wurden die Spiele in die Ecke geworfen und nicht wieder sauber in die Schachteln geräumt. So wurde bald dieser und jener Teil vermißt. Den Puppen fehlte bald ein Arm, bald ein Fuß: von ihren niedlichen Kleidern hing bald ein Spitzchen oder ein Band abgerissen herunter. Kurz, die ganze Herrlichkeit war nur von kurzer Dauer. Bun ist ja aus meinem kleinen Mädel eine junge Frau, aus dem Puppenheim eine wirkliche, wahrhaftige eigene Häuslichkeit geworden,- ein Glück, das heute nicht allen jungen Frauen zuteil wird. Du mußt es Deiner Mutter, die Dich so aufrichtig und von ganzem Herzen liebt, nicht verargen, wenn sie in Rückerinnerung an Deine Kinderzeit Dir heute einen Brief schreibt, der Dir vielleicht ein wenig lehrhaft erscheinen mag. Sei überzeugt, auch dieser entspringt mütterlicher Liebe, mütterlicher Sorge. Dein Jubel über die hübsche Kücheneinrichtung klingt in die Frage aus: „Darf ich wirklich all diese hübschen Sachen benutzen?" Du d a r f st dies nicht nur, Du s o l l st es tun, liebste Inge. Diese Dinge sind nicht dazu da, angeschaut zu werden. Ihr Sinn und ihr Wert liegen in ihrem Benutzwerden. Weil sie mir für Dich gut und nützlich schienen und- ich die meisten selbst als praktisch erprobt habe, habe ich sie für Dich gekauft. Freilich! muht Du, wenn Du Deine Wirtschaft stets gut erhalten willst, diese Küchenmaschinen, Wertzeuge u. dgl. nur für den Zweck, für den sie bestimmt sind, benutzen. And nach dem Gebrauch verlangen alle Gegenstände gründlich gesäubert und an Ort und Stelle gebracht zu werden. Dann kannst Du diese Sachen, da ich nur bewährte Marken, solide gearbeitet und von gutem Material, besorgt habe, kebr, sehr lange benutzen, ohne daß sie versagen. Bur mutzt Du achten, dah sich bei den Maschinen kein Bost einstellt un& dah kein Teil verbogen wird. Also gut und sorgfältig aufbewahren! Sollte Dir aber doch einmal irgendein! Teil schadest werden, so besorge Dir sofort Ersatz. And wie bei diesen Dingen, so halte es auch bei all den andern Gegenständen Deiner Häuslichkeit. Lasse auch nicht das geringste Objekt eingehen. Zerbricht ein Teller, ein Glas, so ersetze sie sofort. Tust Du dies, so ist die jedesmalige Ausgabe verhältnismähig gering. Einen Gegenstand nach dem andern eingehen zu lassen und ihn nicht zu ersetzen, ist der Ruin der Wirtschaft. Will eines Tages dann doch die Hausfrau ihre Sachen wieder ergänzen, foi ist sie verzweifelt: die Ausgaben sind ihr über den Kopf gewachsen. Die Weitz nicht ein noch aus. Bei geschickter Wirtschaftsführung hätte sie die einzelnen Neuanschaffungen meist mit ihrem Wochengeld bestreiten können. Löst sich eine Leiste, ein Futz oder ein anderer kleiner Bestandteil an einem Möbel, so leime sie sofort sauber an. Entsteht ein Schaden, den Du nicht selbst beseitigen kannst, schließt ein Schloß nicht mehr, so lasse ohne zu zögern einen zuverlässigen Handwerker kommen. Kleine Reparaturen — kleine Kosten. Große Schäden — oft unverhältnismäßig große Kosten. Einen Besah an einer Decke, an dein einige Stiche sich gelöst haben, nähe sofort fest. Sonst reiht es weiter ab, was recht unordentlich aussieht und später ja auch mehr Arbeit macht. Zudem wird, je länger das abgerissen« Stück ist, um so leichter in den Stoff eingerissen. Das gleich« Prinzip beobachte bei der Wäsche, dem Stotz einer jeden Hausfrau. Auch hier ist ein kleiner Schaden schnell zu reparieren. Läht Du ihn aber entstehen, so leidet oft das ganze Wäschestück, und die Ausbesserung kostet dann oft vlel mehr Zeit und Mühe, Bähe einen abgerissenen Knopf, eine Quaste oder dergleichen sofort an. So behältst Du Deine Sachen in Ordnung, und es kann dann nicht im Bedarfsfall die leidige Frage aufsteigen: „Ach, wo Habe ich den Knopf, die Quaste hingelegt?" Diese Frage sollte überhaupt niemals aufkommen. Denn viel Zeit und Aerger erspart man, wenn alles und jedes immer an Ort und Stelle gelegt wird. Du mußt Dir das auch aus dem Grunde angewöhnen, um Dein Mädchen zu gleichem Tun anzuhalten. Eine unordentlich« Hausfrau kann nicht von ihrem Mädchen verlangen, dah es ordentlich sei. Erhältst Du Dir in dieser Art Deine Wirtschaft, so bleibt Dir auch manche Verlegenheit erspart. Andernfalls aber kann es der Zufall wollen, dah gerade dann unerwartete Gäste sich einstellen, wenn so mancher Gegenstand eingegangen und noch nicht wieder ersetzt worden ist. Wie würde sich aber mein eitles Töchterchen ärgern, mühte es Nichtzusammengehöriges auf den Tisch stellen, weil weder das tägliche noch das bessere Service so reichlich mehr vorhanden, wie sie es brauchte. Der Ordnungssinn der Hausfrau darf aber nicht so oberflächlicher Art sein, daß nur da, wo die Lücken für andere sichtbar würden, rechtzeitig ergänzt und erneuert wird. Wahrhaftigkeit wie in allen Dingen so auch in der Wirtschaftsführung! Darum nicht nur scheinbare Ordnung, nicht nur Ordnung obenhin, sondern allüberall: in allen Schränken, allen Kisten und Kästen. Das Auge der Hausfrau prüfe in regelmätzi- gen, nicht zu langen Zwischenräumen die Bestände des Wäscheschrankes und! den Werkzeugkasten, Keller und Boden. Du hast Dich oft gewundert, mein liebes Kind, wenn ich mir zu Weihnachten oder zum Geburtstage hauswirtschaftliche Dinge wünschte und meintest: „Das würde doch Vater sowieso anschaffen müssen." Liebe Inge, so denkt keine vernünftige Ehefrau, die weih, wie schwer es heute dem Gatten fällt, selbst für die notwendigsten Bedürfnisse eines Haushaltes zu sorgen. Sv denkt auch keine Hausfrau, die ihre Häuslichkeit liebt. Diese wird gleichsam zu einem Teil ihrer selbst. Die Persönlichkeit der Hausfrau spricht fast aus jeder gut geführten Wirtschaft. So machte es mir Freud«, macht es mir noch heute, wenn ich meine Küche um eine Beuerung bereichern kann, zu der mir die bescheidenen Mittel des Wirtschaftsgeldes, zumal in den letzten trüben Jahren, nie hätten verhelfen können. And wieviele Zeit und Mühe sparende Beuerun- gen sind in den letzten Jahren auf den Markt gekommen! Der erste Gebrauch einer solchen Beuerwerbung bedeutet mir geradezu eine Sensation, und ich bin allemal ganz aufgeregt, wenn ich st« zum ersten Male probiere oder benutze. Auch wieder einmal schmucke neue Gardinen statt der alten recht abgenutzten und gestopften zu bekommen, eine neue Decke, einen seinen Gegenstand für den Tisch, oder was der Ding« mehr sind, macht mir Vergnügen. Ich freue mich, daß Dein lieber — 188 Vater Verständnis dafür hat, Teil an meiner Freude nimmt unS oft äußert: „So hübsch tote bei uns ist'S doch nirgends." Mein Heim ist meine Welt. Es mir zu erhalten in Ordnung, Sauberkeit und Schönheit ist mir ein Bedürfnis und Glück zugleich Liebe Deine Häuslichkeit, und Dir toerden viele kleine harmlose Freuden erwachsen, wenn es Dir gelingt, sie immer instand schön und reinlich zu sehen. Dann werden Du und die Deinen sich darin wohl fühlen. Und das ist ja der Kernpunkt , der Sache. Halte diesen Brief nicht zu ungut Deiner stets um Dich besorgten Mutter. Die finstere Stunde?) Das ist das Geschmeiß, das um den Tempel schwirrt und daran schmarotzt, vom Hohen 2Ut ausgehalten, die letzte Garnitur von Kostgängern des Heiligtums. Man hat das nur notdurfirg & einer bewaffneten Truppe zusammengeflickt Es sind das die senkehrer und Türwärter: statt Besen und Schlussel haben tte an diesem Abend Waffen in der Hand. Sie erschienen in großer Zahl — „eine große Schar," sagen die Evangelisten —, obwohl sie wußten, daß es nur gegen Zwölf ging: die mitsammen nur zwei Schwerter hatten. Der Prophet jagt dem kleinen Gesindel auch ohne Waffen Furcht ein Diese zusammengelaufene Horde ist mit Fackeln und Laternen heraufgekommen wie zu einem nächtlichen Feste. Die bleichen Gesichter der Jünger, das gelbe Gesicht des Judas, alles zittert in der flackernden Fackelglut. Das Antlitz Christi, vom geronnenen Blut befleckt, aber Heller leuchtend als alle Lichter, halt dem Judas sich zum Kuß hin. „Freund, wozu bist du gekommen? Mit einem Kuß verrätst du den Wenschensohn?" Du weißt es doch, wozu er gekommen ist, weißt, daß dieser Kuß die erste Marter ist, vielleicht die härteste zum Hinnehmen. Dieser Kuß ist das verabredete Zeichen für die Häscher, die ;a den Missetäter nicht von Angesicht kennen. Den ich küsse der ist's fangt ihn und führt ihn vorsichtig abl so hat der Bluttäuscher unterwegs zu den Tölpeln, die hinter ihm herliefen, gesagt Zugleich ist dieser Kuß aber auch die schrecklichste Beschmutzung des Mundes, der in der Hölle unserer Erde die para- dieshaltesten Worte qesvrochen hat. Die Despeiungen, die Schlage auf den Mund und aus die Wange, die ihm der jüdische Pöbel und der Abschaum der römischen Legion versehen wird: der Schwamm mit Elsig, den iie ihm an die Lippen halten werden — alles das ivird nicht so schwer zu ertragen sein wie dieser Kuß von einem Mund, der ihn einst Freund und Meister genannt hat, der aus dem gleichen Decher mit ihm getrunken, aus der gleichen Schussel mit ihm gegessen hat. , , Auf das Zeichen hin treten die Kecksten in der Schar an den Feind ihrer Brotherren heran. „Wen sucht ihr?" „Jesus von Aazareth," frnt u sind kaum hat er gesagt „der bin ich," da stieben die Hundq «»rück sei es, daß der sichere Don der Stimme sie geschreckt hat oder das Funkeln der Gottesaugen. Aber er denkt auch in diesem Augenblick an die Bettung der Seinen. „ „Ich habe euch schon gesagt, daß ich es bin. Wenn ihr als» mich sucht, dann laßt diese hier gehen." . Im gleichen Augenblick ist Simon aus fernem Schlaf und aus seinem Schrecken ganz zu sich gekommen: er macht sich dre Ber- wirrung der Schergen zunutze, zieht ein Schwert und haut dem Walchns, dem Knecht des Kaiphas, das eine Ohr glatt weg. Petrus ist in dieser Nacht wie zusammengesetzt aus Widersprüchen, er macht lauter Sprünge. Nach dem Abendmahl hat er geschworen, «r, er allein werde Jesus, was auch geschehen möge, nicht verlassen: nachher im Garten überläßt er sich dem Schlaf; keine Möglichkeit, ihn wach zu halten; jetzt ist er auf einmal — schon zu spät — em blutrünstiger Verteidiger; wieder ein bißchen später wird er leugnen, seinen Meister je gekannt zu haben . Die unangebrachte, sinnlose Tat des Simon wird von Christus sofort abgelehnt: „Steck' dein Schwert in die Scheide; wer zum Schwert greift, femmt durch das Schwert um. Wrnösre ich mich denn, den Kelch zu trinken, den mir der Vater reicht?" <. „ - Lind er hält den nächststehenden von den Halunken die Hande zum Fesseln hin; die beeilen sich, ihn mit dein starken Strick, den sie mitgebracht haben, zu binden. Während sie noch an der Arbeit sind, hält ihnen ihr Gefangener ihre Feigheit vor: *) Mit Erlaubnis der Allgemeinen Verlagsanstalt München, 21. G., entnehmen wir dieses Kapitel einem Probebogen des demnächst erscheinenden Werkes von Giovanni Papini „Lebens- Kichte Christi". — Giovanni Papini ist fraglos der führende der jüngeren italienischen Schriftsteller. Sein „uomo Fi- nito", seine beißenden Bücher der Kritik, seine „Dämmerung der Philosophen", seine Gedichte und Erzählungen sind Beweise einer ungewöhnliche Begabung. Es ist interessant zu verfolgen, wie dieser scharfsinnige, ernste und hochbegabte Italiener das „Leben Christi" darstellt in der Hoffnung, daß es, wie er zuversichtlich sagt, seine eigene Seele bessern &ttS seinen Leiern nutzen wird. „Mit Schwertern und Prügeln seid ihr ausgezogen, mich zu fangen, wie wenn ich ein Näuber wäre. Lind doch saß ich alle Tage im Tempel und lehrte, da habt ihr nicht die Hand an mich gelegt. Aber dieses ist eure Stunde, die Stunde, in der die Finsternis Macht hat." Er ist das Licht der Welt; die Finsternis mochte es aus- loschen Sie können es aber nur zudecken für kurze Zeit; wie die Sonne im Juli mitten am Tage plötzlich von der dunllen Gewitterwolke verdeckt wird; eine Stunde später strahlt sie aber schon toie6er stärker und heller als vorher. Die Schergen nehmen sich nicht die Mühe, sich zu verteidigen; sie haben Eile, als Seger in die Stadt zu ziehen und das Trinkgeld zu holen. Sie machM sich die Anhöhe hinunter auf den Weg, ihn am Stricke ziehend, wie der Metzger ein Stück Vieh zum Schlachthaus zerrt. „In diesem Augenblick," bekennt Matthäus, „verließen ihn alle Jünger und flohen." Der Meister verbat sich jede Verteidigung; der Messias ließ keine Blitze vom Himmel fallen, er hielt vielmehr selber die Hände hin. Der Retter konnte sich selber nicht retten; was wollten sie machen? Verfchw-inden, daß es nicht auch sie trifft, vor dis Mächtigen geschleppt zu werden, die sie gestern noch in ihren Träumen abgefetzt haben, die jetzt aber vor ihrer überraschten Phantasie plötzlich ganz furchtbar dastehen, jetzt beim Fackelschein, in dem die Schwerter blinken. Nur zwei gingen dem schmachvollen Zug nach, aber von fern; wir werden sie im Hof des Kaiphas wiÄierfinden. „ . = Der Lärm hatte einen jungen Mann, der tnt Haus an der Oel- presse schlief, aufgeweckt. Neugierig, wie junge Leute nun einmal sind, wollte er keine Zeit mit ankleiden verlieren; er warf, sich das Leintuch um und sprang hinaus, zu sehen, was vorginge. Da griff einer von den Schergen nach ihm — die hielten ihn Wohl für einen Jünger, der sich nicht rechtzeitig aus dem staube gemacht hätte; er aber machte sich aus dem Leintuch los, ließ es in ihrer Hand und lief nackt davon. > Es ist nie bekanntgeworden, wer dieser geheimnisvolle, aus dem Schlaf Gefahrene gewesen ist, der so plötzlich wieder in dev Nacht verschwindet, tote er aufgetaucht ist. Vielleicht ist s Markus selbst gewesen, der einzige Evangelist, der das Vorkommnis erzählt Wenn er es gewesen ist, denkt man wohl gern: in de« Seele des unfreiwilligen Zeugen der beginnenden Passion habe sich auch schon der erste Gedanke geregt, vor allen Menschen ihr Zeuge zu werden, tote er es ja wirklich geworden ist. Die Umfassuirgsschlacht bei Hermannstadt (Siebenbürgen). Don einem Mitkämpfer der 76. Reserve-Division. Am 27. August 1916, dem Tage der rumänischen Kriegserklärung an Oesterreich-Lingam, war es, daß in das Land im Zuge der Südgrenze, von Siebenbürgen Bewegung kam. Auf das Zibingebirge und über die Schlucht des Altflusses weg auf das östlich anschließende Fogaraser-Gebirge drängten Bereitgeftellte rumänische Truppenmassen in großen Säulen ein. Das GrenzlaE der Monarchie, die man soeben noch durch unbedingte Neutrall- tätsversicherungen in Ruhe zu wiegen versucht hatte, wurde in dieser Ruhe von dem heimtückischen, auch heimlich vorbereiteten Stoße getroffen So konnte es geschehen, daß die schwachen österreichisch-ungarischen Grenzschuhtruppen übermannt wurden, daß die Flut der rumänischen 1. Armee sich in Siebenbürgen brat machte Es mag auch fein, daß die Erbärmlichkeit verräterischer mit Geld gewonnener Walachen dem Gegner dabei manchen Dor- fchub leistete. Ruckweife kam er vor, von Hang zu Hang, und grub sich ein (Daß die rumänische Geistlichkeit sehr viel schon vor der Kriegserklärung Vorschub geleistet hat steht fest, wie mir persönlich ein evangelischer Geistlicher in Hermannstadt erklärte, man fand auch bei dem Vormärsche die Häuser der rumänischen Pfarreien verlassen.) Und jeder vv!n den stellen, wild erwachsenen Bergen ist hier wenn er erst Stellungen und Abwehrkräfte hat, wie eine Festung Boden um Boden machte sich der Feind so, beinahe ohne Kampf, zu eigen: die rumänische Gefahr drängte sich gegen das alte Sachsenzentrum Siebenbürgens, um das schon über acht Jahrhunderte alte Hermannstadt. Eine einzige Breite Straße, die auch für Fuhrwerke und Geschütze fahrbar ist, führt von Süden längs des Alttales uBer die Grenze herauf nach Hermannstadt. Sie tritt aus einem mäßig Breiten Tale beim Eintritt des Gebirgsbaches Riu-Dadului auf österreichisch-ungarischen Boden und zieht da, bald von den steil aufsteigenden Seitenwänden der Berge beengt, als tief versenkte Paßstraße ins Land. Ein dicker, viereckiger, roter Turm erhebt sich am Hange, einer der westlichen Höhen, die den Paß freigeben. Er soll, so sagten mir die dortigen deutschen Bauern, der Sage nach einst mit dem Blut besiegter Türken so rot gestrichen sein. Nach Bern Turme heißt der Paß, an dessen Besitz oder Verlust das Wohl und Wehe der Siebenbürger Sachsen hing, der Rote- Turm-Paß Ihn zu besetzen, war das Ziel der eingedrungenen Rn- mänen Aus den Höhen der Berge tarnen sie ihm in die Flanke, und als sie ihn mit ihren Gewehren und Maschinengewehren bestreichen konnten, zogen sie ihre Geschütze und ihre Bagagen auf Tausenden von Wagen über ihn ins Land. Die Taler des köstlich des Altfluß zueilenden Zibin und das Alttal breiteten sich frei — 139 - •bm völlig rutsche Ma- ppn angestauten umgeschmissenen Wagen, von toten Menschen und Pferden, von sinnlos angstvoll einherrasenden Viehherl versperrt und verstopft, und dazwischen schlug das deu schinengewehrfeuer und die Granaten. vvr^eu, das Decken von Hermmmstjavk tag tot Wiens gierigen Der Weg von Hermannstadt bis zur Grenze auf dem Rote- Lurm-Paß mißt nur etwa 30 Kilometer. Die rumänische 1. Armee hat das Gebirge in kaum acht Tagen überschritten, und nur feßr schwache ungarische Abwehrkräfte konnten hier und dort den Versuch machen, sich ihnen entgegenzustellen oder den Vormarsch durch Sprengung der Bänicken und Straßen zu hemmen. Diese Versuche konnten den Feind nicht dauernd aufhalten. Raubend und plündernd kam er vor, setzte sich in den Dörfern fest und gebärdete sich als Herr des überfallenen Landes. Wer von den wohlhabenden deutschen Einwohnern die Mittel zur Flucht finden konnte, floh. Am 4. September kam die erste rumänische Kavallerie-Patrouille in di« Rahe von Hermannstadt. Ungarische Husaren ritten ihnen entgegen. Da machten die Rumänen kehrt und gingen in der Richtung auf das Gebirge zurück. Aber damit schien doch das Schicksal der Stadt besiegelt zu sein, denn es war ausgeschlossen, daß die völlig unzureichende Besatzung von österreichisch-ungarischen Truppen den Kampf mit der ringsumher aufmarschierenden 1. rumänischen Armee aufnehmen konnte. Kaum ein Drittel der Bewohner war schließlich noch vorhanden, die meisten Geschäfte waren geschlossen und schon begann, infolge der mangelnden Zufuhr, die Verpflegung der noch hiergebliebenen Bevölkerung Schwierigkeiten zu bereiten. Aber die Rumänen zogen nicht ein. Sie standen auf den Bergen im Westen, im Süden und Osten der Stadt, sie sandten ihre Patrouillen bis an den Exerzierplatz von Hermannstadt heran, aber dabei blieb es auch. Die schossen gelegentlich einmal ein paar Granaten in die Stadt, wobei zwei junge Leute getötet und einige Häuser beschädigt wurden: aber das war auch alles, was sie an kriegerischen Taten unternahmen. Schon am 20. September begannen örtliche Kampfhandlungen, mit denen deutsche Truppen erfolgreich in die Lage eingriffen und die ersten Züge in dem grohangelegten kriegerischen Schauspiele taten, Lessen siegreichen Schluß der 29. September sah. i Das deutsche Alpenkorps hatte inzwischen zu einem blmfas- fungsstotz nach Westen ausgeholt. Aus dem Raume von Mühlbach vorkommend, stieß es'in einem unvergleichlichen Marsche von Ror- ven nach Süden über das Mühlbachgebirge vor, umging den west- fichen Flügel der Rumänen und wandte sich dann nach Osten. Hn ununterbrochenem Geplänkel gelang es ihm so, sich an den Rote-Turm-Paß heranzuarbeiten und diesen im Rücken des Geg- rs zu besehen. Do hat es den Pah gehalten bis zu der Stunde, der das Strafgericht über die Rumänen hereingebrochen ist. Bei der alten deutschen Stadt Salzburg (Dizakua), die etwa elf Kilometer nordwestlich von Hermannstadt liegt, hatten sich österreichisch-ungarische Truppen versammelt. Denselben war die Aufgabe übertragen worden, Anschluß an den linken Flügel der bei Paplaka siegreichen ersten Kampfgruppe zu nehmen. Sie haben sich in erbitterten Kämpfen mit den nur langsam weichenden Rumänen tapfer geschlagen. Wiederum östlich dieser Gruppe ging unser linker Flügel vor: die 76. Reserve-Division, Res.°2nf.°Rgt. Rr. 253 und 254, kämpfte hier gemeinsam mit österreichisch-ungarischen Truppen um den Besitz des etwa 10 Kilometer östlich von Hermannstadt gelegenen Dorfes Talheim (Dolmanh). und eroberten die östlich von Hermannstadt gelegene 600 Meter hohe Grigorihöhe. Davon links gingen bayerische Reiter mit ungarischen Husaren vor und drängten sperrend den ost-westlichen Teil des Alttales, so daß einem Ausweichen der Rumänen auch in dieser Richtung ein Riegel vorgeschoben wurde. Damit blieb den argbedrängten Rumänen in dem engen Raume nördlich des Rvte-Turm-Passes Nur die Möglichkeit, so rasch wie Ä':d> abzubauen und an Rettung in dieser verzweifelten Lage nken. Am 29. September 1916 brach der hochmütige Rumäneneinfall im Raume von Hermannstadt furchtbar zusammen. Der Druck der aus dem Rvrden, aus Westen und Rordosten eindrängenden deutschen und österreichisch-ungarischen Waffenteile war zu stark geworden und sie muhten heraus aus diesem Hexenkessel. Da war 6er Rote-Turm-Pah, der wie ein Flaschenhals als einziger Ausweg zur Verfügung stand. Tausende von Fahrzeugen setzten sich sn Bewegung. Aller Raub von den deutschen Bauern, Wagen, Pferde und Rinder, wurde fluchtartig der Straße nach dem Turm- pah zugetrieben. Es gab nur diesen einen Strom der Fahrtrichtung. Aber je enger der Paß wurde, um so dichter stauten sich die Dagagewagen, Autos und Rinderherden,'dazwischen auch marschierende Truppenteile. lind dann fielen von oben die ersten Schüsse nieder, dann begann das Treiben, brach das Verhängnis auf die fliehenden Rumänen herein. Denn hier am Passe standen die Scharfschützen des deutschen Alpenkorps und empfingen den geschlagenen Feind. Auf den Höhen und Felsen hatten sie sich eingenistet und ihr rastloses Feuer wütete in dem schwerfälligen Gedränge der Truppenmassen. Der Engpaß wurde eine Hölle, aus der nur einzelne das nackte Leben retten konnten. Bald war die Straße, auf der die Rumänen fast einen ganzen Monat als Herren gewirtschaftet hatten, ®x> Hckben sich aus Ser genial geplanten, kühn unS mit intet* müdlichM Energie durchgeführten Ülmfassungsfchlacht von Hev» Mamistadt, die das Land vom Feinde gesäubert und den wichtigen Paß zurückgewonnen hat, nur versprengte Reste der feindlichen gerettet. Was die Armee an Geschützen und Train be- faß, ist nahezu restlos in unserer Hand geblieben. Auf Vernichtung war der Schlag, den der deutsche Oberbefehlshaber, General der Infanterie von Falkenhahn, führen wollte, angelegt, un& vernichtend hat er getroffen. Fritz Müller-Gießen, ehern. Res.-2nf.-Dgt. 253, 3. Komp. Dattel. Ein Zeitbild von Hans Markwart. Vater Hatte ihn noch niemand genannt, weder die Frau noch die Kinder. Aber Vattel, das paßte zu ihm. Denn ihn zierten ein gutes Herz und ein butterweiches Gemüt. Jetzt saß Dattel auf dem wackligen roten Plüschsofa und schälte Kartoffeln. Das tat er jeden Vor- und Rachmittag. Auch auf den Herd setzte er sie. so fleißig war er. Die Frau wusch indes bei! besseren Leuten Wäsche und kam abends müde heim. Die älteren Kinder bettelten auf den umliegenden Dörfern, die jüngeren „rafften" Kohlen auf dem Güterbahnhofe. Auch die Kartoffeln, die Dattel schälte, waren im letzten Herbst „gerafft". Vattel lächelt«, dachte er daran, wie sie alle für ihn schafften, Frau und Ätnfcer. Was konnte er dafür, daß die Fabrik, in der er bisher tätig war, plötzlich ihren Betrieb einstellte? Er hätte ja in einer anderen Stadt Arbeit suchen können, aber von den lieben Kinderlein wollte er sich nicht trennen. Dazu hatte er eben ein viel zu weiches Herz. So saß er arbeitslos in der dämmerigen Stube und schält« Kartoffeln. Allmählich kehrten die Kinder heim. Erst kamen di« jüngeren: mit ihnen fütterte Dattel die Kaninchen. Reichte er dem alten Dock sein Futter, trat ihm eine Träne ins Auge. Gr wußte selbst nicht, ob aus Trauer oder aus Freude. Der Bock sollte tn vier Wochen geschlachtet werden. Bald folgten die älteren Kinder. Run begann ein Ausbreiten der erbettelten Gaben und ein Abschätzen ihres Wertes. 2ulchen war die pfiffigste, sie hatte am meisten gehamstert. Das gute Kind! Es hatte viel von Dattels Geist geerbt. Kam die Mutter heim, schämte sich Dattel ein bißchen. Sie war müde von der Arbeit und brachte das Geld mit, von dem die ganze Familie lebte. Für Dattel hatte sie stets noch einige Zigarren in der Tasche. Das war der Lohn für fein sorgsames Kartoffelschälern Am schönsten war es abends nach Tisch. Dann faß Dattel wieder auf dem Plüschsofa und die Künder um ibn herum, lind dann erzählte Dattel. Das verstand er glänzend. Gr war weit in der Welt herumgekommen, und das Geschick hatte ihn mit reicher Phantasie begabt. Auch schimpfen konnte Dattel ganz prächtig, besonders auf Sie reichen Richtstuer, die mit feisten Hamsterbacken, ungerührt von der Rot der Arbeitslosen, auf der Promenade prangten. Doch verdroß es Dattel nicht wenig, daß bei solchen Reden die Mutter ihn ost mit fragenden Augen anblickte. Dann ftieg man ins Bett. Früh weckte Dattel die Familie. War die Frau zur Arbeit und die Kinderschar zur Schule gegangen, legte er sich rasch noch einmal in die warmen Kissen 'Jund dehnte und streckte sich behaglich. Run wohnte in seinem Hause ein Maschinenschlosser, der war nach der Schließung der Fabrik nach dem nahen Grenzbahnhvf gefahren, der noch im Dau war, und verdiente dort ein gut Stück Geld. Als er von Dattels Arbeitslosigkeit hörte, schrieb er seiner Frau, der Kartoffelschäler möge ihm doch an die Grenze folgen; hier würden Männer seines Faches gebraucht; Verdienst werde er leicht finden. Die Reise an die Grenze gab reichlichen Gesprächsstoff. Vattel entwarf märchenhafte Bilder von.polnischen Wolfsjagden. Rur störte es ihn, daß seine Frau den Plan stark unterstützte. Eines Tages erklärte sie, das Geld für die Reise habe sie nun gespart; er könne am nächsten Montag abfahren. Dattel wurde weiß wie Kalk, als er den Abschied so nahe vor Augen sah. Wollte er aber sein Ansehen bei den Kindern nicht verlieren, so konnte er nicht mehr zurück. Am Montag früh stand die ganze Familie am Bahnhöfe. Die Kinder weinten, die Mutter steckte Dattel noch etwas Geld und zehn Zigarren zu. Am gerührtesten war Vattel selbst, der einen Kober mit Brot, Fett und Wurst in einer Ecke der 4. Klasse verstaut hatte. Er versprach den Kindern Spielsachen, der Frau ein schönes Kleid. Sein rotes Schnupftüchlein flatterte bei der Abfahrt des Zuges, solange er noch einen Zipfel von den ©einigen erblickte. Rur vier Stationen hatte er zu fahren. Als er ausstieg, blieb ihm vor Verwunderung der Mund offen stehen. Ein riesiges Feld menschlicher Arbeit dehnte sich vor seinen erstaunten Blicken aus. llebera!! mühten sich fleißige Menschen, Hügel abzutragen oder Dämme zu errichten. Riesige Erdbagger überragten die schaffenden Menschlein wie Elefanten das Gewimmel hastender Ameisen. Stolz erhob sich ein mächtiger Wasserturm, eine breite Straße führte von der Haltestelle zum neuen Grenzbahnhofe. Zu beiden Seiten des Weges schufen geschickte Maurer eine Siedlung; schon warteten freunäiche Häuser auf künftige Bewohner. Masten wurden errichtet und Bohre gelegt, um die neue Kolonie mit Elektrizität und Wasser zu versorgen. Dieser Rhythmus eifriger Arbeit, der heilige Ernst in den Gesichtern der schaffenden Männer behagten Dattel wenig. Ja diese strenge Pflichterfüllung mißfiel ihm geradezu. Besah er sich eine arbeitende Gruppe, so flogen ihm Spottworte an den Kopf; Werall war er im Wege. Schließlich landete er in der Kantine. Hier fand er kneipende Gesellen. Da er ihnen Brot und Wurst anbvt, wurden sie redselig. Sie hatten ihre Stellen aufgegeben, schimpften auf die Derivat- tung, schalten auf die Dorarbeiter und warnten Dattel, hier Arbett anzunehmen. Eifrig tranken sie ihm zu. Am nächsten Morgen erwachte Dattel in einer ihm unbekannten Baracke. Er hatte einen Kater, ein schlechtes Gewissen, keine Ahr und kein Geld mehr. Ernstlich überlegte er, ob er sich in den nächsten Fluß stürzen solle. Da die Gegend wasserarm ist, gab er diesen Plan wieder aus. Dafür fing er an, bitterlich zu schluchzen. So fand ihn ein Landjäger. Der merkte bald, daß Dattel kein Landstreicher oder Betrüger sei, und erfuhr des Geprellten Geschichte. _. „Darm wird es wohl das Beste sein," meinte er, „wenn Sre wieder nach Hause fahren. Dort sind Sie besser am Plahe alS hier in der Kolonie." „Das wird wohl sein," entgegnete Dattel und schluchzte noch immer Er folgte dem Landjäger zur Wartestelle und erhielt dort eine Fahrkarte in seine Heimatstadt. Bald trug ihn ein Zug von dannen. 1 Nachmittags war Dattel wieder daheim. Etwas beklommen schlich er nach Hause und fand zum Glück die Wohnstubentür nur angelehnt. Niemand war im Zimmer. Nur eine Schüssel Kartoffeln stand' einsam auf dem Tische. Da setzte sich Dattel wieder auf das wacklige rote Plüschsofa und schälte sie säuberlich, immer eine um die andere. , 3d trafen ihn die abends heimkehrenden Kinder und jubelten, daß er wieder zu Hause war. Die Frau sah ihn eigen an; doch meinte sie schließlich: „Na, 's ist gut, daß du wieder da bist, Dattel." Don dein neuen Kleide und den Spielsachen war keine Rede. Zu den Abenderzählungen hatte sich ein neuer Programmpunkt gesellt, die Aeise in die Grenzkolvnie. Doch davon erzählte Dattel am liebsten, wenn er mit den Kindern allein war. Daß ihn die Frau des Maschinenschlossers ein jämmerliches Faultier schimpfte, ertrug er mit männlicher Gelassenheit und verspeiste am nächsten Sonntage mit diel Freude und ohne jeden Gewissensbiß das größte Stück von dem zur Feier seiner Heimkehr geschlachteten Kaninchenbock. Peperl. Don Albert Kann-Rottach. Meine Frau und ich wohnen auf dem Lande. Da freut man sich bekanntlich auf Besuch, besonders auf liebe Derwandte. Seit Jahren habe ich meinen Bruder, meine Schwägerin und den Stolz und die Hoffnung unserer sonst kinderlosen Familie, den mir bis dahin unbekannten, zweijährigen kleinen Josef, genannt Peperl, nicht gesehen. Jetzt sind sie endlich zu uns herausgekommen, rn die Berge, an den See. \ , „Willkommen", von grünem Tannenkranz umrankt, hrng über der Haustür, Blumen standen auf dem Tisch — Festesstimmung. Das Wiedersehen war freudig, herzlich die Begrüßung. Dann erkundigten wir uns, d. h. wollten uns, wie es so üblich ist, nach Freunden und Bekannten erkundigen. Lin möglich! Nur von Peperl war die Rede. „Wie gefällt euch unser Peperl?" Wenn ich der Wahrheit die Ehre gegeben hätte, so hätte ich sagen müssen: Gar nicht, denn der Familienspröhling war für meinen unmaßgeblichen Begriff nichts weniger als schön. Natürlich habe ich mich schwer gehütet, und sagte im Brustton der lieber- zeugung: „Großartig." . Einladend wirkte der Kaffeetisch mit Len feinen Kuchen. Auf den Moment, mit Bruder und Schwägerin wieder einmal gemütlich zusammensitzen zu können, habe ich mich so sehr gefreut. Prost Mahlzeit! _ , Dem Peperl war auf der Reise ein menschliches Malheur passiert, dessen Spuren unter eingehender Würdigung des traurigen Geschehnisses erst entfernt werden mußten. „Sowas ist unserem Peperl noch nie passiert," rief der Vater mit Stolz, „mein Sohn ist nach dieser Richtung" — die Richtung legte sich schwer auf meine Geruchsnerven — „ein Musterkind." Endlich war Peperl wieder engelsrein, und es ging zum Kaffee. • Keine Anerkennung erhielt meine Fran über den guten Kaffee und die schönen Kuchen, nur von Peperl wurde gesprochen. Peperl wurde auf den Tisch gestellt. „Jetzt paht's auf, svwas habt ihr noch nie gefeh'n. — Peperl, mach einmal dein schönes Gesicht." Peperls Angesicht rührte sich nicht. Run verlegten sich die Eltern aufs Bitten. „Geh zu, Peperl, mach halt dein Gesicht. Wenn du dem schönes Gesicht gemacht hast, kriegst einen Kuchen." _ Alles Bitten war umsonst. Peperl machte kein schönes Gesicht, fing aber dafür fürchterlich zu plärren an. Es dauerte eine halbe Stunde, bis wir ihn besänftigt hattM. „Schade," tröstete uns der traurige Papa, „er« tarn ein so schönes Gesicht machen, vielleicht macht er's morgen." Wie Peperls schönes Gesicht aussieht, weiß ich bis heute nicht. Dann ging das Erzählen los, allerdings nur wieder von Peperl. , Wie er in aller Frühe so brav aufgestanden ist, was für eine Freude ihm das Bahnfahren gemacht hat, wie er beim Hinausschauen zum Abteilfenster als frühzeitig entwickeltes und eminent gescheites Kind schon einen Kirchturm von einem Ochsen unterscheiden konnte. And mit welcher epischen Breite wurde die Geschichte von Augsburg erzählt, wie da beim Aufenthalt eine Lokomotive schrill gepfiffen hat und Peperl sagte: „Lvkomotiv el«w gepfeift," und wie dann alle Mitreisenden den Peperl wegen dieses hervorragenden Ausspruches angestaunt hätten. — Ein Buch könnte ich schreiben, wenn ich zusammentragen wurde, was Über Peperl berichtet wurde. So kam der Abend. „Jetzt müht ihr zuseh'n, wenn der Peperl ins Bett gebracht wird." Einem solchen Schauspiel habe ich noch nie beigewohnt und bin hvchbefriedigt, dasselbe hinter mir zu haben. Peperl wurde ausgezogen, dann wurde er eingehend belehrt, daß es ein großes Bett sei, in dem er schlafen dürfe, darauf kam das Gute-Nacht-sagen mit Gute-Racht-küssen, die kein Ende nehmen wollten. , , , < Ich dankte Gott, wie endlich die Dettschere vorgelegt wurde Das Wiedersehen muhte mich doch fürchterlich mitgenommen f Meine Frau tröstete mich: „Sv sind alle Eltern,« di« reden zuerst nur von ihrem Kind. Morgen ist das anders.' Nachts träumte ich entsetzlich. Der Peperl stand vor mir und machte fortwährend sein schönes Gesicht, d. h. schön war s nicht. Der Morgen war herrlich, und ich dachte mit Bruder und Schwägerin, den armen, geplagten Stadtleuten, die Natur genießen zu können. Ich habe nicht an Peperl gedacht. „Der Peperl hat ausgezeichnet geschlafen, war der Mvrgen- gruß, „er will gar nicht mehr in sein Bett heim." Peperl und nichts als Peperl. Als wir Nachmittags eine Kahnfahrt machten, sprach Peperl die Ruder als Zahnstocher an. Das war ein Jubel 6et den Eltern. And wie lang hielt er an. So oft ich jetzt Zahnstocher sehe, erschrecke rch. Einmal wagte ich meinen Bruder zu einer Partte Sechsundsechzig einznladm. _ „Ausgeschlossen," war die Antwort, „dafür mtereffiert sich P^Während seines Hierseins hat mein Bruder Peperl sechsuud- dreitzigmal phvtograpiert. Das sind 12 Aufnahmen in der Woche, 642 pro Jahr, 13 104 bis zur Grvhjährigkeitserklärung. . Ich werde mir von der Fabrik Aktien kaufen, wobei mein Bruder seine Platten bezieht. — Wehmütig nahm ich von Bruder und Schwagerrn Abschied, sehr vergnügt von Peperl. Dabei war Peperl gar nicht so Übel. Splitter. Die Kultur ist die Mutter der Dekadenz. * Gelegenheit macht Diebe — auch Trustmagnaten. * Ein Vertrag ist eine Vereinbarung, nach welcher sich ein Dümmerer mit einem Klügeren vertragen „muß , der ihn ausnutzt. Die meisten Menschen tragen Masken, die ihnen noch weniger stehen, als ihr sogenanntes Gesicht. Mancher Meister ist nur ein trauriger Geselle. * Der Komiker ist meistens der einzig ernst zu nehmende Mensch unter den Schauspielern. * Nur die, die kein Taktgefühl haben, wollen überall die erste Geige spielen. * • Beute die sich gern reden hören, haben nie etwas zu sagen. A O. Weben Schristleitung: 1.33.: Heinz Gorrenz. - Druck und Verlag der Drühl'fchen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.