Gießener zamilienblatler Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (92^ Lamstag, den 23. Zcbruar ’ Numme^ Wie Hans v. Bülow sein Denkmal erhielt. Zum dreißigjährigen Todestag« Les Meisters. Don Paul Marsop. Änter ungeheurem Zudrang der Hamburger Bevölkerung und von auswärts gekommener Trauergäste fand in der groben Michaeliskirche, einem der herrlichsten Gotteshäuser Deutschlands, die Gedächtnisfeier für Hans v. Dülvto, einig« Wochen nach dem in Kairo im Februar 1894 erfolgten Tode des Meisters statt. Den Sarkophag umstanden Ratsbediente in spanischer Tracht. Der Senat war vollständig zur Stelle. Senior Behrmann hielt, obwohl streng orthodox gerichtet, dem freigeistigen Künstler die Grabrede: mit schlichten, ergreifenden Worten prieS er fein« untadelige seelische Vornehmheit, sein übergütiges, stets zum Helfen, Wohltun, Vergeben bereites Hcrz, sein Sichüberwinden gegenüber denen, die auf solche Milde hin an ihm frevelten. Im Ramen der Familie legte Geheimrat Thode einen bescheidenen Kranz aus die Bahre: von den Töchtern war keine erschienen. Den Musik- tahmen hatten Gustav Mahler, damals Kapellmeister am Hamburger Stadttheater, und ich gespannt. Wundersam klang das »Auserstehn, ja Auserstehn" vom Ehove herab. Mahler wurde dadurch so erschüttert, dah er den ©türm und Kampf seiner zweiten Symphonie mit diesem friedvollen Gesang« beschwichtigte. Einige engere Freunde des Hauses hatten sich verabredet, Frau Marie v. Bülow am Abend Gesellschaft zu leisten. Mit ihnen erschien, unerwartet, ölig und betulich, der Konzertagent Hermann Wolff, merkte aber bald, dah er just nicht mit liebevollen Augen betrachtet wurde und entwich auf leisen Dohlen. Rach feinem Verschwinden entstand eine längere peinliche Pause. Auf dem Tische lag Balzacs „Pere Goriot", den Bülow sehr geschätzt hatte. Th ödes und meine Au^en begegneten sich: wie auf Veraoredung brachen wir, obschon wir im Grunde einer Meinung waren, einen Streit über den letzten startzeistigen Franzosen und seine Epik mit ihrer bis über Daudet und Zola hinaus gebliebenen Mischung von Raturalismus und Lehrhaftigkeit vom Zaun. Damit wurde eine halbe Stunde ausgefüllt. Danach wieder beängstigendes Schweigen. Endlich kam mir ein befreiender Gedanke. „And wer soll das Denkmal für den Meister aussühren?" fragt« ich kecklich ins Blaue hinein. „Wie denn, welches Denkmal?" ertönte es von allen Seiten. Thode schwieg zu meiner Aeberrumpelung, runzelte aber die Stirn. Anläßlich! Man getraute sich eigenmächtig vorzugehen, ohne dah Bayreuth gesprochen hatte. Toni Petersen aber, aus dem altangesehenen, einfluhreichen Geschlecht, das Hamburg mehr als einen regierenden Bürgermeister gab, urgescheit und vorbildlich in der Betätigung praktischer Menschenliebe, hieb gleich kräftig in die Kerbe. „Natürlich," sagt« sie, „gehört das Denkmal nach Hamburg!" (Stolz lieb' ich mir die Hanseatin!) „And wir schmieden das Eisen, solange «s heih ist. Sofort müssen wir uns an die Oeffentlichkmt wenden. Ein Ausruf wird aufgesetzt, mit der Bitte, Beiträge an «ine zu bestimmende Stelle einzusenden. Mir bilden ein Komitee, will sagen, jeder von uns übernimmt es, eine Reihe von Persönlichkeiten, über die wir uns alsbald zu einigen haben, mündliche zum B.itritt aufzufordern. Diese Persönlichkeiten unterzeichnen den Aufruf." Während Toni Petersen sprach, hatte sich Geheimrat Thode erhoben, bemerkte dann- Mit diplomatischer Miene, dah er von Direktor Lichlwarck erwartet werde, und empfahl sich Irgend jemand schob mir eine gefüllte Teeschale, einen weihen Dogen und einen Bleistift hin, stieß jedoch im Eifer der Bemühung di« Tasse so geschickt um. dah das scyöne Weiße Velin rettungslos aufgeweicht wurde. Da anderes Material gerade nicht zur Hand war, schrieb ich aus den Rand des »Hamburger Fremdenblattes": „Hans v. Bülow ist dahingegan- aen. Als gewaltiger Meister im Reiche der nachschafsenden Tonkunst stellte er sich den schöpferischen Heroen der Musik zur Seite. Sem Werk lebt fort; der Samen, den er ausstreute, trägt tausendfältige Frucht. Am fein Andenken zu ehren, um kommenden Generationen davon Kunde zu geben, was er in der Kunstentwicklung des Jahrhunderts bedeutet, soll ihm ein Denkmal ausgerichtet werden in der Stadt, wo er wähnend des letzten, an edlem Wirken überreichen Jahrzehnts seines Lebens seinen Wohnsitz hatte — sei es an der Stätte, an der ruht, was von ihm sterblich war, sei eS in den grünen Auen, über die er so gern Ane Augen schweifen ließ, wenn er von der Arbeit ausraflete. Me er für alles Groß« und Schön« mit Begeisterung eintrat; jedes ernste Streben in ihm einen uneigennützigen Förderer sand, so wird vor feinem teuren Ramen aller Parteihader schweigen, Als tapferer Vorkämpfer deutscher Kunst hat Bülow dem deutschen Ramen neuen Ruhm gewonnen; ihm ein Denkmal zu setzen, ist Ehrenpflicht des deutschen Volkes. Tausende und Abertausende danken ihm weihevolle Stunden innerer Erhebung: sie Werden nicht zögern, den Gefühlen herzlicher Verehrung, von denen sie erfüllt sind, durch di« Tat Ausdruck zu verleihen." Der Abend klang rein aus ht feinsinnigen Worten Friedrich Spiel- bagens. Mir wurde aufgegeben, in Berlin bei Menzel und Josef Joachim, in Karlsruhe bei Mottl, und, nach München zurückgekehrt, bei Heys« und Lenbach vorzusprechen. Joachim nahm mich mit herzlicher Liebenswürdigkeit auf. Gr lenkt« gleich das Gespräch auf albe Weimarer Zeiten, da er mit Bülow, Bernhard Cossmann und Liszt in guter Gemeinsamkeit musiziert«, wobei er rückhaltlos einbekannte, dem letzteren, insbesondere für den Vortrag Bet Hoven scher Werke, nicht wenig zu verdanken. Auch ließ er durchblicken, er wäre, als er sich mit anderen in vielberedeter öffentlicher Erklärung von den „Zu- tunstsmusikern" lvssagt«, nichts weniger als der Antreibende, vielmehr der Geschoben« gewesen. Ich behielt meine Vermutungen für mich sie gingen und gehen dahin, daß Klara Schumann, die von der Ratur eben nicht zum Friedensengel geschaffen war, auch dazumal ihr Samthändchen im Spiel hatte. Joachims Art wak es, unter vier Augen meist frisch und frank mit seinen Gtedankent herauszugehen, während er sich in größerem Kreise eher zurückhaltend, unfrei, ja schüchtern gab. Wie er denn auch als Leiter der Berliner Hochschule für Musik nicht von eigenem Fühlen bestimmt in streng konservativen Dahnen verharrte, sondern weil er nicht die Energie besaß, dem Klüngrlgeist des tüchtigen, doch größtenteils engsichtigen Lehrperfonals entschieden entgegenzutreten. Männliche fest, rhythmusstark in feinem Spiel, war er im Leben zu weich. Bülow hatte sich fein Herz dadurch .zurückerobert, -daß er mit dem ihm eigenen rittewichim Entgegenkommen seine zuvor noch nie in einem Kvnxrrt erklungene Ouvertüre zu Shakespeares Heinrich IV. zu Gehör brachte — ein sauber gearbeitetes Stück, ebenso erfindungsmatt und nicht kurzweiliger als sein« Violinkonzerte und was sonst nur immer die Feder ces u erreichten Klassikers des Quartettvortrages niederschrieb. Eingehend verbreitete sich Joachim dann über die Wiedergabe der Symphonien Brahmsens durch: Bülow, sie als „absolut authentisch" bezeichnend. Bülow bevorzugte da, bei aller Klarheit der Linienführung, verhaltenen Ausdruck, gedeckte Farben, zartes Dämmerlicht; nach seinem Ableben sah es so mancher Kapellmeister, besonders bei der Darstellung der „Ersten" und der „Dritten", auf pathetischen Stil und schneidige Bechbläsereinsätze ab, auf Glanzwirkungen, die mir fast eine Vergewaltigung der Partituren dünkten und, beispielsweise, das Mißverständnis her» vorriefen, alS ob Brahms mit dem Finale seiner „S-Moll" dem: Beethoven des Freudenhymnus an die Seite hätte treten wollen. Wobei noch in Betracht zu ziehen ist, daß, wie mir Bülow und auch Hermann Levi bestätigten, «in nicht unerheblicher Teil des thematischen Materiales jener Symphonien bereits skizziert wurde, als der Donseher noch- vorwiegend in gedämpften Schumamtschen Romanzenstimmungen webte und schwärmt«. Zum Beschluß bewirtete mich Joachim fürstlich mit einem köstlichen langsamen Satze Tartinis. Als ich. mich zum Gehen wandte, kam An-erwar- tetes, nämlich di« Frage: „Würden Sie sich von München trennen können?" Vielleicht war es töricht, daß ich mit „Schwerlich!" antwortete. Aber, um dreißig Jahre jünger, machte ich mir seinerzeit über Höteliopolis an der Isar noch Illusionen. Euter Dinge zog ich. weiter. Als ich indessen die steile Treppe zu Menzels Werkstatt emporllomm, stellte sich, arges Herzklopfen ein. Man hatte mir bange gemacht: die. kleine Exzellenz würde mich., sofern sie mich überhaupt vor ihr Angesicht treten liehe, je nach Laune entweder in rohem Zustande hinunterschlucken ober, nachdem sie mich hinlänglich mit Grobheiten gespickt, auf einem Schnellkocher gebraten verzehren. Mit dem Mut der Verzweiflung riß ich am Klingelgrifs. Wider Erwarten horte ich alsbald schlurfende Schritte. Die Tür wurde knapp handbreit geöffnet. Durch den Spalt funkelt« mich Menzel an und fauchte: „Sind Sie .Maler?" „Roch schlimmer!" „Ich gebe keine Almosen, Wenden Sie sich, an meine Schwester im Vorderhause! Sind Sie Schriftsteller?" „Roch schlimmer! Am Ahnen weitere Fragen zu ersparen, Exzellenz: ich. bin nicht etifettlert und gehör« in keine Apothekenschnblade. Heute aber komme ich im Namen einer Anzahl von Freunden Hans v. Bülows und soll . . “ — 80 — Die Stunde drr Sterne. Don Robert Hohlbaum. (Schluß.) Die scharfe Hakennase des Kleinen fuhr durchs Dunkel, dem Dr. Schvberlechner säst ins Gesicht. „Hat er an Arsach? Wer 13 denn 's Schotzkind von der Press' und dem dalkerten Publikum? 3 vielleicht? Berichten f unter Kunstnachrichten, das) i aus die Sommerfrischen 'ganqen bin? schreiben s' über mi und meine Beziehungen zur Klara Schumann a Feuilleton, was? Drei Zellen über mei' ,Tedeum', wie ihr 's ausgeführt habt'S, dös is alles!" Der Dr, Schvberlechner würgt«: „Das wissen wir ja, Toni, das) du noch immer unter Gebühr «tngeschätzt wirst, und das weist sogar der Brahms!" „So, so, dös wast er, dös wah er, und döS 13 ihm wohl sehr unangenehm! Vielleicht hat er gar Mitleid mit mir! 3 will ka Mitleid, i brauch kan'sl 3 pfeif auf bto blöden Aristokraten und di« ballerten Kunstfadrikant«», i Watz scho'. was m ei Rippenstotz und setzte sich ans unterfle Ende der Tafel neben oen kleinen Tenor aus dem Akademischen, der neulich das cwio Tedenm so schön gesungen hatte. Was nun folgte, war niwt eo«. gemütlich Der Hof rat Weber und Dr. Steindachner fragten Sobald ich das Wort Bülow tzermrSvrochte, verklärte» sich Mentzels Züge „Epazieien Sie herein, nehmen Sie Platz!" Er kippte ungestüm, einen stark belasteten Schemel um. sv dah verschiedene Kartonrvllen aus dem Boden heru in kugelten, nötigte mich auf das Dreibein, und bestürmte mich mit Fragen über die trauer« Feierlichkeit Jede Einzelheit hatte ich ausführlich zu beschreibe^ .Bitte, erzählen Sie genau, ganz genau! Ich mutz alles wissen!" Als ob er inwendig in seiner subtilen Weise Strich für Strich eine Studie anlegte. Er hatte in keinem von Bulow litigierten Berliner Konzerte gefehlt, blickte, solange gespielt wurde, wie in Erz gegossen. And wehe dein, der ihn in den Dausen aufstörte. „Sie wissen, was Bismarck nach dem Tode Bülows sagte: er war nicht, wie die anderen — ihm fehlte Du Tünch: der sozialen Heuchelei. Das tnftt Ml! Etwa nicht? Warten Sie!" Menzel ging in den kleinen Vorraum. Äofterte dort eine Weile herum und tarn mit einer Dleististzetch^ mma zurück. Sie stellte Bülow bar, behaglich in einen Sessel zurückgelehnt die Deine übereinandergeschlagen, den Kopf leicht erhoben, ein seines, sarkastisches Lächeln um den Mund, wie wenn er »’tabe einen glänzenden Aphorismus herausgeschleurert hatte. Vsiis meinen Sie dazu?" „Mit diesem Ausdruck hatte ich ihn an Ihrer 'Tafelrunde von Sanssouci sitzen sehen mögen, den Herrn von Voltaire absertigend." Menzel schmunzelte „Hetzt mutz ich in eine Sitzung. Wollen Sie heute abend bei Fredernch in Der Potsdamer Stratze mit mir essen? Acht Ahr! Doch" — nut einem keifen Zucken der Oberlippe - „wird eS spät, so müssen Sie mich heimbegleiten." Pünktlich war ich zur Stelle Don allem möglichen mutzte ich erzählen: von Tagen mit Balow in d'lorenz, von Landkirchen in Oberbayern, von den Sammlungen Georg Hirths. Derweile speiste Menzel. Eine r ichliche Stundenlang. Anunterbrochen, eifern sachlich, mit sonderlich zleihchem Hand- haben von Messer und Gabel, wie ein soeben aus der Schweizer Pension heimgelehrtes Jungfräuleln. Rie satz ich einem Sterblichen solch gesegneten Appetites gegenüber. Don Miguel. Der trauere Polizist, der mich in Zivil durch di« Spelunken Vrianas. $>er nicht zweifelsfreien Dorstadt Sevillas, geleitete, und Eugen d'Albert der in seiner vegetarischen Periode zwischen feiner Dritten und vierten Ehe, Blumenkohl mit holländischer -e-unra kiloweise vertilgte, waren arme Waisenknaben dagegen. Wie vorausgesehen. wurde es ziemlich spät. Menzel. Der seelenruhig die erledig en Lebensrnittel mit einer angemessenen Menge Bordeauxweines begotz. hakte sich beim Ausbruch in meinen Arm. was m Ansehung der Verschiedenheit drr Statur einige Schwierigkeiten mach e, aber unter gegenseitigem Entgegenkommen schliehlich gelang. Mottl den Bülow liebte wie einen wohlgeratenen Adoptivsohn veranstaltete alsbald ein Konzert zum Besten des Denkmal- fonds was Hermann Wolfs ungeachtet großsprecherischer Der- heitzungen nicht fertig brachte. Kunstler standen ihm genugsam -u Gebote: jedoch pflegt ja eine rechtschaffene Spinne die Deute, die ihr ins Retz geht, ausschlietzlich zu eigenem Besten zu Der» weiten. In München gaben Heys« und Lenb ach mit Freuden ihre Anterschrift. „Doch unentgeltlich tu’ ich's nicht, sagte Der letztere Zuerst phantasieren Sie ein halb Stündchen auf meinem Harmonium. Drinnen sitzt ein Kommerzienrat, den ich porträtieren mutz und der nicht stillhalten will. Vielleicht bringen Sw es fettig ihn halbwegs einzulullen." Der Versuch gluckte. Zum Danke bekam ich ein zweites Abbild Bülows zu sehen: diesmal das des gebieterisch aufgerichteten Orchesterfeldherrn mit hoch erhobenem Taktstock. Den Wesenskern des großen Musikers aber offenbarte weder Menzel mxf> Lenbach. sondern der Meister, der dann das Denkmal schuf- Adolf Hildebrand. Er stellte einen anspruchslosen Ausbau hin und fügte ihm ein schlichtes Rund mit dem Kopfe in mäßig vortretendem Relief ein. Der Ausdruck der des tief- schauenden, allem Erdenleid. aller irdischen Bedürftigkeit entrückten Sehers. Ein Widerklang dessen, was die Züge des blinden Homers im Museum von Reapel unsagbar vergeistigt, „Die Rocht scheint tiefer tief hereinzudringen, allein im Innern leuchtet helles Licht." -- Bl Meister Brahms mit KebenSwürDrger unMäfretton nach feinen | Neuesten Pläne», worauf dieser, der das Ausfragen von den Jour» 8 Nalisten her gewohnt war, zweideutig-liebenswürdige Auskunft gab. Der Dr. Schoberlechner sprach einmal zu Brahms hinauf und einmal zu Bruckner hinunter, sah aus spitzen Aadeln und erhielt Vom Präsidium kurze und vom Kontrarium gar keine Antwort. Der Toni Bruckner sah über den Freund hinweg, als ware er incht vorhanden, und sprach überhaupt nichts/ Die jungen Mu.i.schuler um ihn herum duckten sich tote Schakale, wenn Mel Löwen etn- ander drohend umkreisen, und kamen, um ihre beschas igungslole Scheu zu bannen, dem Meister Anton Ganze und Halbe vor, denen er gewissenhaft nachkam, denn, was das Bier betraf, hatte der Dr. Schoberlechner nicht gelogen. Der Hofrat Weber und der Doktor Steindachner sahen als brave Adjutanten zu Seilen des gewaltigen Brahms, nickten zu jeder seiner Bemerkungen, warfen ehrfurchtsvoll ein paar Worte in eine Pause hinein und erwarteten dann wieder seine Antwort. Die lieh manchmal auf Nch warten, denn Meister Johann.'s sah zuweilen, wenn er den Rauch aus feiner Zigarre blies, geradeaus vor sich hin. scheinbar nach den kunstvollen blauen Ringen, in Wahrheit aber ruhte der Blick auf der hohen S.irne seines Gegenübers, dtS aber dieieS enter- esse nicht zu vergelten schien. Rachdem Bruckner ingrimmig ein paar Krügel getrauten hatte, besserte sich seine Laune, und er war bald in ein lebhaftes Gespräch mit dm jungen Leuten verliess die ihm über alles, was im Akademischen Gesangverein vor sich ging, getreulich unb- geehrt Q^eridyt erftätteten. 21 init bsm einen Ohre lauschte der Toni Brackner angestrengt nach dem anderen Tischende, so dah ihm kein Wort entging. Die ruhige, gemessene Art des Feindes erregte seinen Groll: ..Wie er geschwollen da her- redt!" dachte er zuweilen oder brummte es in unverständlichen Lauten, „und wie die Teppen ihn anräuchern! Ah was, die können mi’ gern Hahn! Was geht's mi an!“ Es war mittlerweile halb zehn geworden, die Speisestunde des berühmten Stammgastes des „Roten Igels“. Langsam schlich der Oberkellner lhecan, stand eine Weile hinter des Schonbartigen Sessel warte'e eine Gespräch-spause ab, und steckte ihm mit einer rhythmisch-gleitenden Bewegung die Speisekarte zu Brahms studierte sie mit norddeutscher Gründlich eit. In die allgemeine Stille hinein klang die tiefe Stimme: „Bringen Sie mir ein Geselchtes mit Kraut und Knödeln!“ 1 Bruckners kahler, mächtiger, schon etwas biergeröteter Kopf I drehte sich mit einem scharf m Ruck, dah die Hake.aaje sich drohend gegen den Meister Brahms wandte: Sehn 6' Herr Professor, dös is der awzige Punkt in dem mir aner Meinung san! Herr Ober, b ingen S' mir m«® r'L6' I Sie Studenten lachten, der Doktor Schoberlechner läch l e unsicher^ der Hofrat Weber fuhr aus seinem Rachsinnen auf, in das er jeioch gleich wieder zurücksank, S eindachner blick e forschend auf das Gesicht des Tafelpräsidiums, auf dem jedoch nichts lag als unvewegte Stille. Leise Abwehr regte sich in Wahms Was toMLe der dort unten? Eine Anbiederung in dieser Form? Die ohiedies stets nur einen schmalen Spalt weit geöffnete Ture die zu seiner Seele führte, näherte sich ein gut Stück dem Schloß. Bruckner ärgerte sich, eigentlich über sich selbst. Hatte er s notwendig gehabt? Run würde der da oben am Ende glauben er wolle den ersten gaben spinnen. Fiel ihm doch nicht ein. Dich bet Brahms aber so ein gekränktes Gesicht mach.e, war über- f ^ $3 hab halt g'mant, mir san in an Wirtshaus und net in an | Salon!“ sag e er mit gedämvf'er S imme zu den jungen Leuten 3 vertrag' all's. nur kane Leut', die kan Humkor ha o n. Hab t reit?“ Die Studenten bejahten eifrig und brachten dem Lehrer ihre frischen Blumen mit liebevoller Grazie, wie elegante Herren der Dame des Herzens ihre Swäuhe. Der Aerger in Dr. Johannes' Herzen hatte sich gelegt und war einer leisen Unsicherheit gewichen. Hatte er nicht doch beut andern unrecht getan? Wäre es nicht besser gewesen, wmn er über?den etwas bui-schikosen. aber sicher harmlosen Witz gelacht hatte? Er überhörte die Frage des Dr. Steindachner. ob die Schlager bet ihrem diesjährigen Konzert seine .Liebestreue singen weroe. und fuhr fast erschreckt aus. als der Hofrat Weber ans Glas schlug und für ein paar Minuten um gütiges Gehör bat. Dann begann dieser salbungsvoll zu sprechen: Bon einer weihevollen Stunde, da diesem Haus Heil wide fahren se:. fernen Geschlechtern vielleicht würde dieser Tag ein Gedenktag dws tebenä und der Versöhnung. Zwei Gigan'en deutscher Kunst laben an ibrem Tische, die bisher einander ferne gestanden, ja. die. man könne saft sagen, Feinde gewesen seien. Heute aber, so hoste er. so hofften mit ihm alle anwesenden Freunde und Verehrer der beiden Groben würden sie einander die Hande reichen und allen Groll vergessen. Auf diese schöne Stunde der Dersöhnung erhebe er daS Glas. _. , Ganz allein stand der Hofrat Weber und hielt fein B'-rglas hoch bstner erhob sich und stieh —il ihm an Dem Dr. Schober- Kier brach der Angstschreis, uns. der Dr. S-eindachE sah von unten herauf wie ein geprügelter Dackel ^cahms ins Gcsicht chis immer eisiger und unlxnveg'er wurde . einer d^.jungen Leute sag e halblaut: .Der alle Herr Weber wird alle Tag blooe.. Da ward dem Hvsrat zumute, als hinge er allein mit seinem Dierglas zwis-chen Himmel und Erde im luftleeren Raum, fester umklammerte er das Krügel, als sei es sein letzter Halt, sagte „Entschuldigen schon!" und lieh sich langsam wie ein niedergehender Ballon in den Sessel gleiten. Zum Glück brachte dec Kellner die Speisen und befreite den Hofrat Weber von der qualvollen Rolle, der Mittelpunkt des Interesses zu sein. Der Toni Bruckner teilte einen Knödel und sagte: „Wann aner a Blech is. bleibt er a Biech, da kann ma nix machen." Als er nun den Knödel zum Munde sührte, blickte et aus und mußte dem Brahms mitten ins Gesicht sehen. Lind auch er mutzte de» Blick erwidern denn er hob eben eine mit Kraut vollgehäufte Gabel. Gott behüte uns vor der Taktlosigkeit unserer Freunde!“ stöhnte innerlich der Meister Johannes. Lind der Toni Bruckner sag e in. Gedanken noch einmal eindringlich vor sich hin: „WanN-anm: a Biech is. bleibt er a Biech. da kann ma nix machen! In ihrer verschiedenen Mundart aber bedeutete es dasseloe. Lind in diesem Augenblick ahnte es einer vom andern. Lieber beider Gesicht glitt ein Lächeln. Dann blick en sie rasch wie ertappte Sünder wieder auf ihre Teller nieder. Johannes Brahms lieb seine Absicht, die er nach der Rede des Hosrates gesatzt hatte, nach dem Essen, heimzugehLN. fallen bestellte ein frischt Bier und zündete sich eine Regatta Media an, die er sonst nur an Sonntagen rauchte, und wurde gelpra- chig Er ließ sogar den in weiche Reue eingewickelten Hofrar nichts entglten und begann mit dem langsam sich wieder Aufrlch- tend.m und den beiden anderen Herren einen Disput über modernste Kunstbestrebungen. Dabei aber rich'ete er manches Wort an feinen Verehrern vorbei nach dem unteren Ende der Tafel, wo fein kleiner Kollege den Studenten einen anschaulichen Vortrag über Kontrapunktik hielt, wobei er, das frische Llichtuch als Rotenblatt benützend, übermäßige und reine Intervalle gegeneinander stellte. Als aber Brahms den Liebermodernen den Borwurf machte, daß sie die alten schönen Gesetze vernachlässigten. und sagte, daß es ohne Regel und Fonn keine rech e Kunst gäbe, ba schwang sich der kahle Kops mit einem Satze nach dem Präsidentenstuhl und nickte lebhaft: „Dös will i manen, dös hat scho' der Wagner g'fagt in die Meistersinger.“ „Sind Sie denn noch immer ein so fanatischer Wagnerianer, Herr Bruckner?“ | „Ra. was soll i denn sonst fein? Dös is do heut jeder aa« 1 ständige Mensch!" Brahms lächelte fein, die Wirkung feiner Worte vvrsuhlend: „Das haben Sie nicht notwendig. f Genügl's Ihnen denn nicht, daß Sie der beste ‘Srudnertaner sind?" Für den ersten Augenblick war der Toni Bruckner sprachlos. Dann aber keim'e das alte Banernmißtrauen in ihm auf „Er fra-.zclt bi!“ zischte es in ihm. Spähend, mit nertniflenen Augen sah er nach seinem Gegmüber, grub seine Blicke "das vornehme Gesich' Aber tote böse et auch forschen mochte, er las mHts daraus als Ehrlick/eiL ein wenig menschliche Lieberlegenheit vie leicht, aber unanfechtbare künstlerische Achtung. In gehobener Stimmung trank cr dm Jingm einen Halben vor und mahn e: Latzt s euch ne« Han kriegen von die Rattenfänger! Bleibfs brav! |®e/®r. Schoberlechner schlich zu dem Heinen Tenor hinunter unb bedeute'e ihm, di: Studen'en möchten sich auch ein wenig zu Brahms hinauf etzra von wegen der Parität Dessen feiner Spürsinn ^aber durchschaute deS Sektionsrats ® er winkte la cfielnb ab: „Bleiben Sie nur unLen beim Meister Bruckner. Die Jugend hat er doch ganz gepach'el!“ „Weil die La".ser von der Musik no nie verstehn und i ihnere Dierspassetteln mitmach' auf meine al en Tag net wahr k .Weil Sie noch, immer jung sind," sag e der Meister Johannes, und in seiner S.imme schien ein Klang seiner wehmütigsten Lieder zu zittern. , „, .. _ „ „ Es war spät geworden: die Kellner schichteten schon die Sessel auf der Markör umkreiste den Tisch mit einer "4, ungsvollen Mahlung. Bruckner hängte sich in zwei seiner Schule, ein, a sie ins Freie traten. Dann machte er sich frei, en.bloßtt das 5>iupt ließ es vom Wind umspielen, suh zum Mozartdenkmal chck P?vtS int Hellen Mondlicht ein freundlich-gespenstiges Leben g^ und blickte in den n^ichtblcmen Himmel, den d.e unend- liche Fülle der ©ferne überglänzte. Dann gingen sie, e - L ber ßtubenten, Brahms voraus- mit den älteren Herren. Der Meister Johannes sah sich zuweilen um, blieb endlich stehen uid erwartete d'e Rachf-lgendm. Die Studenten bogen nach d-t Jost.s siadt ab. Mit srohem Händeschütteln verabschiedewn ste sich von Bruckner ab. und Brahms lachte ein wenig melanch.lisch „Sehen Sie, für mich bleibt nur die Achtung übrig, die Liebe empfang:n Sie!" „ o Ba und was is denn mit der Liehe von die schonen Damen k Für "wen is denn die reserviert?“ wehrte Bruckner ab, und Brahms lachte ein wenig melancholisch. Auch der Hof rat Weber, dessen Würde noch immer durch etwas Schnldbewiitz!sein getrübt war. verabschiedete ^.auf bem , und beim Schwarzenbergdenkmal bogen S eindachner L Lberlechn^nach Änb|lra^ ab. Bruckner und Brahms 32 — waren allein. Es war seltsam, Latz sie beide wie befreit aufatmeten, und bat) sich dann dach wieder etwas De lemmendes auf ihre Brust legte. Bruckner wandle sich nach dec Heugasse, und ohne eigentlich zu wollen, ging Brahms mit ihm. Eine Weile war liefe Stille. Sellen nur huschte ein spät Heimkehcendrr an ihnen vorüber wie ein Scharten, ohne sie zu stören. Richts war zu hören, als Meister Johannes' fest ausgreifender Schrill und, barcin vermengt, da- zwif chenschlagend, dec Bauern tritt von Toni Bruckners Stiefeletten. Dec stolper.e auch zuweilen über einen S.rastenstein, denn er blickte unentwegt aufwärts zum überreich bestirnten Himmel. ilnb da stieg plötzlich i t ihm die Frage auf, warum ec das erst jetzt so genost, Weil ihn die andern gestört hatten. And der jetzt neben ihm ging? Dec stör.e ihn nicht. Johannes Brahms fühlte das Rachtrauschen der Parkbäume, das ihn zur Ruhe fang wie ein Wiegmlied und ihn ganz tief in sich hineinlauschen lieh nach verborge len kostbaren Klängen, wie ihm dies nur In den kegenvvllsten Stunden g'schah. Je länger der Toni Bruckner zum Himmel auf- sah, desto übermäch.iger wuchs seine drängende Seligkeit unb ward endlich so g-wal.ig, dast er sie nicht mehr ganz in sich vecschliesteu konnte. „Dö Sterner, dö Sterner!" Behutsamer hallten Meister Johannes' Schritte, und endlich schwiegen sie ganz. Run solgte er Brmcknecs himmelsuchendem Blick. Langsam, zögernd entrangen sich die Worte: »Sehen Sie, das Gefühl hatte ich bei den ersten Takten Ihrer Siebenten." »Was, was, dö kennen 6’T* »Da erlauben Sie. ich bin doch ein musikalischer Mensch! Damals hab' ich's gewustt. Wenn Sie schaffen, schauen Sie immer aufwärts. Die Posaunen, die steigen geradewegs in den Himmel hinaus." In den Himmel hinaus! Das Wort, das Wort! Es war ihm selbst nicht so zum Drwusttfein gekommen, aber jetzt wühle Bruckner, dieses Solo, es war ein Sehnsuch slied nach einer anderen Welt. All seinen Schmer, all seine Täuschung Hütte ec darein gelegt. In den Himmel hinaus! Das wac's. Keiner hatte es noch verstanden. And der, gerade der muh e es ihm sagen! Brahms hatte einen Augenblick geschwiegen, denn in seiner Brust tobte ein stiller Kamps. Ast seine Verschlossenheit bäumte sich auf g '.gen den Zauber dieser verschwiegenen Aach stunde, die gut und hilfreich war und ihre Arme breitete, allen Schmerz, alles Sehnen aufzunehmen und zu hü en vor den Menschen des Tages. And die Aacht si g e. Brahms fahr fort: »And sehen Sie, Bruckner, deshalb haben Sie die Jugend für sich, die Irgend, die nach den S ernen sch tut. Ich hab's verlernt. Ich blicke nur beständig in mich hinein, ich kann nicht mehr anders!" Brahms senkte den Kopf in leise aufsteigender Bekennerscham und ging rascher wei'er. Bruckner an seiner Seile. Sie traten durch das Tor in den Park. Der Posten pcäsen irrte vor dem Dwohner. Auf des kleinen Gesich' siel der letz e Strahl des ver- gehrndrn Mondliches. Seltsam gervci et waren B uckners Augen, gl ich dmen eines ersten Erkennen anftaune iben Kindes. Wie aus einem inneren Zwange heraus sprach er jedes Wort: »Bei Ihnen is döS eben anderst. Sö haben Jhnere Sterner einwrndich!" Mit einem Ruck blieb Brahms stehrn. Schatten aus Schattgg sank vor seinem Blick. Sein ganzes Wesen lag vor ihm in ge- dämps er, aber lauterer Klarheit. A l seine Z'veifel lösten sich sein Schmerz erstarb, sein Sehnen nach Fernem. Bersag em wurde mild und wehlos. 3m reinsten Schein lag der Rest seines Weges. Der Mond war untergegangen. 3m spärlichm Lichte sah Bruckner, wie eine Hand nach ihm tastete. Er schob den Zylinder in die Linke und leg e dir Rechte in die des andern. Einen Augenblick nur. Dann ging Brahms ohne Gruh. Bruckner sah ihm noch immer nach, als er schon lange durch das Tor ins Ansichtbare verschwunden war. DrahmS ging langsam die S'raste abwärts bei.1 Stadt zu. Ganz langsam. Hielt ost im Schreiten inne und blickte zu den Fenstern des Schlosses auf. And übet Beider Suchen und Danken leuchtete der letzte Segen der erblassenden Sterne. Aus dem Sittenbild) eines Musikers. MariaPhilipPi. Maria Philippi aus Basel fang Li 'der von Brahms und Schumann. 3ch bin um ein musikalisches Erlebnis reicher, das in schwer zugängliche Tiefen der Seele bringt. Alle proste Kunst, vor allem jede große Gesangskunst, ist doch Persönlichkeitskunst, Stil eines wahren Charakters, Ausstrahlung einer fest umriffenen 3ndividualität. Jäher Schmerz, herbe Trauer um eine Frühvollendete, um eine Anerreichte werden wach, wenn eine Altstimme Brahms singt. Maria Philippis schlanke aristokratische Erscheinung mit den feingeschnittenen Zügen und dem reizvollen grauen Haar um» schließt auch eine aristokratische Künstlerin: Fürwahr, eine seltene Harmonie zwischen Körper und Seele! Eine vollendet ausgeglichen» Stimme mit einer klangsceudigen Höhe und einer warmen Tiefe, die weiche, zacie Töne bildet —. wie im Halbdunkel hingehauchte ruhige Farven — offenbart das innerlichste (SetKimnU, das Er- schuaerndfte und zugleich Lebendigste, das eigentiid; Klingende des Liedes: Seine Seele. Seele, dir sich an Seele entzündet! Kunst, in solcher Form gereicht, wird Offenbarung, die alles Zeitliche al^gestieift hat. Das Erbe eines dec allergrüst.en Ge- sangsmcistec, Julius Stockhausens, wahrt Maria Phckippi. Richt nur Erbe, sondern auch Mehrer zu sein, ist das En. scheidende und Bedeutsame. And sie ist Riehrerin. Welch eine Gefühlswelt um» wandelt die Ausdrucksfähig.eit ihrer Dortragslunst: beit lauten Jabel des Dithyrambus unv die leise Klage der Elegie, die weich» Wonne suster Liebeslyrik und die wilde Wut stürmender Balladen. Rur eine Veranlagung, die eine ausgesprochene, tiefe Beziehung zur Ra.uc besitzt, vermag sich in solchen Gegensätzen zu bewege.! und sie, in ihrer Wirrung wenigstens, unvermittelt nebeneinander zu stellen. So allein ermög ichi sich ein Ausfall von einem Extrem ins andere; die wohlgegründete Basis einer freiere Ra.üilichteit all.in bestimmt und verursacht jedwede, auch noch so zarte Regung: wie ein Blitz über lachende Fluren zuckt der Akzent des Aiset.s darüber. Max von Pauer. Mast Pauer gab einen Klavierabend. E. T. A. Hoffman« hätte dies Erlebnis in seinem Tagebuch sicherlich mit einer geheimnisvollen Rote aiigemerkt. Der leibh.tf ige Kapellmeister Kreisler faß zwar nicht am Flügel, wohl aber rede.e einer in seinem Geists zu uns. Die Persönlichkeit Max Pauers besitzt eine Suggestiv- kraft, welche die Geister des musikalischen Vorstellung soermögens in einer Art zu beschwören versteht, daß einem sehr wohl zuweilen ein Schauder vor dem Hexenmeister anwandeln könn e. And doch must der Roman.ikcr, der so sonderbar versonnen in den Ton hinein träumt, wieder mit dec seltsamen Walpurgisnachistimmung aussöhnen. Diese Augen können nicht verzaubern, wohl aber bezaubern. Die Interpretationen Pauers wirten wie Selbstbekenntnisse, wie die Ausstrahlungen einer Seele, dir in ihrer nervöse« E.r.gstarkeit einem f.inen Instrumente gleicht, das dem leiseste« Windhauch willig nachgibl. Die Analyse einer solchen Künstlerpersönlichkeit bedeutet! eigentliche nichts anderes als eine Auseinandersetzung über subjektive oder objektive Darstellung. Eine streng psychologische Fvr- fchung wird die Möglichkeit der objektiven Wiedergabe In des Wortes eigenster Bedeutung ablehnen. Objektiv in diesem Sinn« könn'e nur das Kunstwerk selbst sich geben, ober rich izer gesagt: wirken: allerdings müh e jegliche Mi.arbeit unserer Sinne unterbunden werden können. Völlig auf sich gestellt, b'iebe das Kunstwerk unwihrgmommen und ohne Wiedergabe. Mi! dieser psycho- logisch-philosophischen Deduk ion dü.s e die Anmöglichkeit der rein vbjek.iven Reproduktion zur Genüge erwiesen sein. Es bleibt schliest- lich nur ein S reit um Worte, die Verstiegenheit einer anspruchsvollen Terminologie, die — mag sie auch überall als bare Münze gegeben und genommen werben — doch nur der eigen lich unverantwortlichen Gegenüberstellung von Begriffen, die sich gar nicht auszuschiiehen brauchen, ihr En'stehen verdankt. .Subjektiv" und »objektiv" sind letzten Endes Schlagworte, die genau so wie »klas« fisch" und »roman i'ch" erst durch dir grundfalschen Werturteil«, die man an sie geknüpft hat. eine so verwirrende Wirkung gehabt haben. Eine Erscheinung wie Max Pauer, in dem bas MuBÄlifch« fast visionär erkch'lnt, sollte jedoch auf ganz andere Bahnen bett Betrachtung führen. Weit mehr noch als brr Dich er ist dec Komponist von brr Willkür des Darstell ingsma'erials abhängig. Die Anzulänglichkeit ber Firierungsmiltel, die immer erdgebunden bleiben und nicht mit der Phantasie schwingen können, kann qualvollste Empfindungen auslösen. Einen Rest Crbenschwere werden selbst dir minu'iösesten Bezeichnungen nicht beseitigen können. Die Kunst, zwischen dm Roten lesen zu können, gewinnt eine erhöhte Bedeutung im Vergleich zu ber Fähigkeit des ..Zwischen den Zeilen Lesens". Der Ginfühlnng^.fähigkeit des nach'chaffenden Musikers, jenem fühlenden Einbringen in die Seele des andern, der subjektiven Aussasfung und Darstellung, öffnet sich hier ein weites Reich voll lockender Rätsel. And gerade auf diesem Hin'e gründ läht sich daS schwerwiegende Problem dec zei lichen, inhal'lichen und formellen Bezwhnngm eines Übe ragenden Genies in seiner ganzen, zwingenden ®rotte aufrollen. Es ist und bleib! das Wrsen der uns allein möglichen KunstdeuNtng. wenn sie Verstand und Herz in gleicher Weife befriedigen soll, daß sie alle S'rahlen, die von dem fremde» 6‘ern zu uns herüberdringen, in den Brennspiegel der eigene» Auffassung vereinigt, damit so aus der gedachten und geträumte« Einheit.eine wilckliche Vorstellung, ein lebendiger Faktor künstlerischer Kultur sich gestalte. Gebieterisch und unweigerlich fordernd erheben sich dann aber auch die g rohen Maststäbe, an den« die eigene Individualität zu messen nur ein ganz Großer sich vermessen kam. — Mar Pauer kann und muh es. Dein Klavierspiel bebt sich west über die perV> l che Leistung hinaus in jenes visionär« Reich lebendigster Rachschöpfung. R Schristleikttna: Dr. K-ckedr, Willst Lange — Druck und Verlag der Vrübl'lchen Anim-Buch. und Steindruckerei R. Lange. Diesten